22 – Hallo Sumatra!

Indonesien ist so verdammt groß! Unsere Reise nach Sumatra dauert den ganzen Tag. Die zwei Stunden nach Denpasar zu Flughafen nicht mitgerechnet. Der erste Teilflug geht nach Jakarta, Java, also nur eine (große) Insel weiter, er allein dauert zweieinhalb Stunden. Dann Transit nach Medan, Nordsumatra. Und vom Flughafen Kuala Namu in Medan noch eine gefühlt endlose Fahrt von fast vier Stunden in den Dschungel, nach Bukit Lawang. Es sind gerade anderthalb Stunden übrig vom Tag.

Anfangs überrascht mich eine gute mehrspurige Autobahn um Medan, aber nach einer Stunde kommt das dicke Ende: eine knapp zweispurige, z.T. heftig kaputte, regennasse Straße, die sich erst durch die Palmöl-Plantagen, dann durch den nächtlichen Dschungel in die Berge quält. Die Orte am Straßenrand sind kaum zu erkennen, es ist zu dunkel, und die Lichter dann blendend hell. Die Straße zwingt manchmal zum Schrittempo, obendrein kommen noch LKW mit dicken Baumstämmen beladen entgegen. Überall Pfützen – es hat geregnet. Die letzten 4 km legen wir dann samt Reisetaschen und Rucksäcken auf dem Rücksitz zweier Motorräder zurück. Eine schmale brüchige Betonspur von nicht mal 2 Meter Breite wiindet sich über kurze steile Hügel mitten in den Urwald, ganz ans Ende von Bukit Lawang, in einem Flusstal im Urwald.

Das Garden Inn ist unsere erste Herrberge, später wechseln wir 100 Meter weiter ins Jungle Inn, das allerletzte Haus vor dem Dschungel. Erwähnenswert ist das Garden Inn an dieser Stelle, nicht nur, weil das Zimmer mit Naturstein und Holz recht originell eingerichtet ist und der Blick aus dem Fenster auf einen rauschenden Fluss mit einer grünen, hohen Wand aus Dschungel dahinter schon sehr speziell und beeindruckend ist, sondern, weil gleich auf dem Tisch ein Hinweis steht, dass alle Lebensmittel in eine verschließbare Blechtonne gepackt werden müssen.

Wie ernstzunehmen das ist, stellt sich am nächsten Morgen um fünf heraus, als ich nach wenigen Stunden Schlaf hochfahre, weil ich denke, dass ein betrunkener Nachbar randaliert. Nix Nachbar: Auf dem Dach, dem Balkon, am Fenster, unter dem Vordach – überall tollt eine Horde Affen herum und feiert Party! So ein Lärm! Nach einer knappen Stunde haben sie sich ausgetobt und ziehen weiter. Welcome to the Jungle!

Noch nach unserer Ankunft ist in der Nacht noch der junge Guide, den uns Johanna empfohlen hat, aufgetaucht, um über eventuelle Trekking-Touren zu reden. Eigentlich war ich total fertig und wollte nur noch schlafen und einen faulen Tag dranhängen. Aber Dieki, ein symphatischer, fröhlicher junger Kerl, meinte, wir sollten uns das überlegen, es seien gerade Orang Utans in der Nähe, und man wisse nicht, wie lange.

Also, nix mit Jammern und Schlaf nachholen, um acht Uhr geht´s los zur Tagestour in den Dschungel. Lange Hosen, in die Socken gestopft (damit keine Insekten und Blutegel in die Hosen krabbeln), Trekkingschuhe aus Gummi, pro Kopf ein Liter Wasser, Insektenspray und Sonnencreme. Wir sind allein mit zwei guides – Diekie und Dedek. Diekie gehört zu einer Gruppe von 10 Guides, die eine offizielle Lizenz als Tourguide im Gunung Leuser Nationalpark haben einem der besterhaltensten natürlichen Dschungelbiotope der Welt.

Es ist brutheiß, aber immerhin sind es unter dem dichten grünen Blätterdach zwei, drei Grad weniger und der Schatten ist wohltuend. Es ist eine Orgie von Grün in allen Formen und Schattierungen, fast vergisst man, auf den Weg zu achten, weil man immer nur schauen möchte. Jeder Schritt will überlegt sein, auf dem steinigen, von Wurzeln und Lianen bedeckten Pfad. Dieki scannt mit geübtem Blick die Baumkronen.

Plötzlich treffen wir auf ein paar andere Gruppen, aber ein größerer Gecko und ein paar freche Makaken sind zunächst das einzige, was wir zu sehen bekommen. Kurz darauf turnen noch ein paar andere Affenarten um uns herum, am hübschesten sind die Thomas Leave Affen, die sehr auffällig sind mit ihrer ungewöhnlichen schwarz-weißen Frisur. Sehr schön anzusehen.

Die Guides sind untereinander in Kontakt, um austauschen zu können, falls jemand die Orang Utans sieht – das worauf alle hoffen. Nur noch hier und in Borneo gibt es wilde Orang Utans in Indonesien. Orang Utan bedeutet „Wald-Mensch“, lernen wir in einer Warte-Pause, weil wir die Orang Utans an einer Stelle verpasst haben und nun Geduld haben müssen, so Diekis Methode. Affen haben Schwänze, Orang Utans, Schimpansen und Gorillas nicht.

Die Orang Utans von Sumatra sind kleiner als die von Borneo, weil es hier Tiger gibt und die Orangs sich auf den Bäumen aufhalten müssen, um vor ihnen sicher zu sein. In Borneo sind sie Orang Utans viel größer, aber die können eben auch nicht mal eben durch die Baumwipfel turnen, ohne Feinde müssen sie das auch nicht. Allrdings leben die meisten Orang Utan auf Borneo in Rehabiltations-Centern, wo sie gesund gepflegt und aufgepäppelt werden, um möglichst wieder ausgewildert zu werden. Der Lebensraum unserer rotbraunen Verwandten ist auf ein Minimum zusammengeschrumpft, Wilderei und andere Sauereien haben die Bestände drastisch reduziert.

Während wir mitten im Wald -wieder allein- auf Orang-Glück warten, erzählt Dieki die erschreckende Geschichte der Tiere während der Pandemie. Vorher gab es auf Sumatra ein Population von rund 6000 Tieren, jetzt sind es noch etwa 5000, hier in Bukit Lavang nur noch 400-600. Viele Tiere sind an Covid gestorben. Aber viele sind auch durch Wilderer verschwunden, die, zu der Zeit ungestört, die Tiere gejagt und gefangen haben, um sie für lächerliche Summen zu verkaufen. Viele angeblich an reiche Chinesen. Es wurden auch Tiger geschossen, nur um ihr Fell für 150 Euro zu verkaufen. Es ist eine traurige Geschichte.

Dann endlich – ein Orang Utan-Weibchen gibt sich die Ehre! Sie turnt zunächst hoch über uns durch die Baumkronen. Doch mit der Zeit kommt sie immer näher und gibt eine echte Vorstellung. Großartig ! Was für tolle Tiere! Sie bleibt fast eine halbe Stunde, bevor sie sich wieder in die Tiefen des Waldes verzieht. Wir streifen weiter auf unserer Suche. Oben in den hohen Baumwipfeln hängen die Nester der Orangs. Sie bauen jeden Tag ein neues Schlafnest an einem anderen Ort, damit Feinde ihnen nicht auflauern können. Sie sind Einzelgänger, nur die Mütter behalten ihre Jungtiere ein paar Jahre in der Nähe.

Obstpause. Dedek entpuppt sich als wahrer Künstler, Er hat verschiedene Obstsorten im Rucksack. Auf riesigen Blättern richtet er die geschnittenen Früchte zu einem wahren Kunstwerk an, verziert mit Blüten aus dem Urwald. Es erinnert mich – als eine große Variante- an die offerings auf Bali. Aber das kann eigentlich nicht sein, denn unsere Guides sind, wie fast alle hier, Muslime. Aber Dedek meint, die Geister des Waldes mögen das. Und wir dürfen es essen!

Langweilig wird das Wandern hier nie, zu faszinierend ist diese Wildnis. Wir beobachten verschiedene Affen, Insekten, Riesenameisen, Eidechsen. Unsere Guides sind ständig auf der Lauer, Dikie ahmt den Ruf der Orangs nach, aber wir scheinen kein Glück mehr zu haben. Aber wir hatten schließlich schon welches, wir dürfen uns wahrlich nicht beschweren.

Wir klettern einen steilen Pfad in ein Tal hinab- und auf der anderen Seite wieder hoch – dankbar für jede Liane, an der man sich festhalten kann – nicht, ohne vorher hinzusehen, ob eine der Riesenameisen oder womöglich eine Schlange daraufsitzt. Endlich oben angekommen, brauchen wir eine Pause – und bekommen sie! Wir sehen inzwischen aus wie nach einem Wolkenbruch – es ist nur Schweiß.

Hokus Pokus kommt aus Dedeks Rucksack ein komplettes Mittagessen für uns vier. Einzelne Portionen, jeweils in ein Bananenblatt gerollt: Nasi Goreng, Hühnchen, Krupuk und Ei – und natürlich scharfe Soße.

Kaum haben wir eingepackt und rüsten zum Weiterwandern, raschelt es über uns: eine Orang Utan-Dame und in ihrer Nähe ein Baby! Es dauert nicht lange und sie kommt immer näher bis sie direkt vor uns auf dem Weg sitzt, einen Meter Abstand höchstens. Das Baby turnt über uns durch die Bäume. Madame Orang scheint uns besonders zu mögen, denn sie beschließt, uns zu begleiten – fast 20 Minuten lang. Was für ein Glück!

Am faszinierendsten sind die Gesichter dieser Tiere! Sie sind so ausdrucksstark, das man immer erwartet, dass sie gleich anfangen zu erzählen. So schöne Tiere! Und so friedlich. War mir die Nähe anfangs noch etwas unheimlich, habe ich schon kurz darauf überhaupt keine Angst mehr. Friedlich, neugierig, zum Spielen aufgelegt. Ich kann´s nicht glauben, dass wir soviel Glück haben! Sogar Diekie stellt fest, das würde nicht oft passieren.

Den Rest des Weges schwelgen wir noch im Glück. Wir erreichen den Fluss, der auch an unserem Hotel vorbeifließt. Kleine Ananaspause und dann taucht von der anderen Flusseite ein anderer junger Kerl auf, mit drei riesigen Reifen auf dem Kopf: Rafting! Der Fluss ist breit, voller Felsen und Steine unter Wasser und hat eine kräftige Strömung. Es ist ein echter Spaß: 5 erwachsene Menschen in drei aneinanderhängenden alten Reifen! Rasant gehts flussabwärts, wir bleiben oft an Felssteinen hängen, sind pudelnass – und haben Spass. Was für ein großartiger Tag!