25 – Schlangen, Loris und Fledermäuse zum Abschied

Und ewig lockt der Dschungel… Uns bleibt nicht mehr viel Zeit, wie könnten wir sie besser nutzen als immer wieder abzutauchen ins tiefe Grün! Obwohl Großstadtkinder müssen wir nicht darüber diskutieren, ob und wieviel Dschungel noch sein muss…:-)

Nacht-Trekking in den Urwald! Wir bekommen diesmal vorher ein extra Briefing, damit wir gut vorbereitet sind: unbedingt eine Kappe, falls sich Tierchen von oben aus den Bäumen auf uns fallen lassen oder Frösche auf uns zuspringen. Unbedingt lange Socken über die Hosen, vorallem wegen der Blutegel. Und natürlich hat jeder seine Lampe, denn der Urwald ist wirklich schwarz bei Nacht.

Dieki hat diesmal die Führung einem Freund überlassen und macht den Schlussläufer. Der Führer ist ein echter Dschungelspezialist für die Nachttrecks. Ipol ist ein bisschen…Freak und das findet er wohl auch ganz gut. Aber : Niemand scheint hier den Wald bei Nacht so gut zu kennen wie er – spezialisiert vor allem auf Schlangen und Reptilien.

Ipol ist ein eher schmächtiger kleiner Mann, der Aufmerksamkeit erregt. Mit Gummistiefeln und Muskelshirt bekleidet, trägt er ein selbstgefertigtes Messer am Gürtel: eine scharfe, ziemlich gefährlich aussehende Eisenklinge an einem Knochengriff in einem Fellschaft. Um den Hals trägt er eine Kette mit verschiedenen Knochen, Kiefern und getrockneten Köpfen von Reptilien – er sieht aus wie ein Medizinmann mit seinen langen Haaren. Aber das klingt sehr nach Show – ist es aber nur zum kleinen Teil: Der Dschungel ist sein Leben, das spürt man sofort. Er hat sein ganzes Leben nichts anderes gemacht. Ipol, the Snake, arbeitet als Tierretter. Und er wird öfter als Spezialist angeheuert für Filmdokumentationen und Projekte – zuletzt für die Animal Rescuer auf Netflix.

Wir marschieren am Hotel los und sofort fängt Ipol an, die Tiere der Nacht zu suchen. Er leuchtet fast jeden Baum am Weg ab, und tatsächlich entdeckt er schon nach 15 Minuten die erste Schlange auf einem Baum. Nachdem wir eine der ziemlich wackeligen Hängebrücken über den rund 50m breiten Fluss überquert haben, um auf die Dschungelseite zu kommen, findet er ständig Schlangen, Frösche, Chamäleons und anderes Getier in den Bäumen und Büschen.

Als besonderen Vorführgag steckt er sich eine zusammengerollte Viper in den Mund und lässt sie wieder herausschlängeln – ich kann´s nicht fassen, mir graust es. Er lacht und auf meine Frage, ob die Viper nicht giftig sei, antwortet er: Yes, but not so much! Und grinst. Aber bei allem Unfug ist er wirklich ein Spezialist.

Die gefährlichste, tödliche Schlange hier ist die Königskobra. Man hat bei einem Biss nur wenig Zeit und hier in der Gegend gibt es kein Gegengift – erst im 4 Stunden entfernten Medan. Vorher nur eine 1.Hilfe-Station, die den betroffenen Körperteil abbindet. Er weiß wovon er spricht. Er wäre vor einigen Jahren fast gestorben, als er gebissen wurde. Er konnte nichts mehr sehen, nicht mehr atmen, war bewusstlos – aber es gab nirgends das teure Gegengift. Ein beherzter Arzt hat ihm ein Stück aus dem betroffenen Arm herausgeschnitten und wunderbarer Weise hat Ipol überlebt.

Also – auch wenn es zuerst nicht den Anschein hat bei seinen Mätzchen, wird sehr schnell klar, dass er die Gefahren schon ernst nimmt und sehr genau schaut, wenn er vor uns durch den schwarzen Dschungel streift. Und er sieht alles, wir profitieren davon. Wir treffen uterwegs eine andere Gruppe, als wir uns während eines Regengusses unterstellen müssen, die hat kaum etwas gesehen. Wir haben zu diesem Zeitpunkt bereits 22 Schlangen gesehen, ein paar Frösche, Eidechsen und ein Chamäleon. Die Orang Utan schlafen allerdings nachts oben in ihren Nestern in den Baumkronen. Die naderen Affen haben sich auch unsichtbar gemacht. Es ist ein verrücktes Gefühl – man ist in der absoluten Dunkelheit, sieht nur, was man anleuchtet, aber da ist der Sound des Dschungels, der Geruch und die absolute Gewissheit, dass man niemals allein ist.

Mein größter Wunsch war es, Loris zu sehen, diese katzenartigen Halbaffen mit den riesigen, im Dunklen leuchtenden Augen. Ipol sagt, dass das nur noch selten klappt, weil sie sich tief in den Dschungel zurückgezogen haben. Grund dafür ist, dass es einen Markt für die possierlichen Lori-Jungen gibt, die manche Leute als Haustier haben wollen. Ein business … Die Jäger knallen die Mütter ab, um an die Jungtiere zu kommen, der Schwarzmarkt blüht….

Es ist schon spät, als Ipol plötzlich doch ein Lori hoch oben in einer Baumkrone entdeckt. Ohne die Augen könnte man es kaum sehen. Wenn es in unsere Richtung schaut, ist es, als würden zwei kleine Scheinwerfer eingeschaltet! Unglaublich. Die Loris bewegen sich extrem langsam. Da wir es einmal entdeckt haben, können wir auch seine eigenartige Art sich fortzubewegen erkennen. Ich bin total glücklich! Mein Traum: Ich habe ein Lori gesehen! Alle sind happy, Ipol ist stolz!

Nach rund vier Stunden machen wir uns auf den Rückweg. Aber Ipol nimmt uns noch mit zu seinem Haus im oberen Dorf, um uns eine Kobra zu zeigen. Alle im Dorf kennen ihn und seit er hier ist, erschlagen sie die Tiere, die sich aus dem Urwald hierher verirren, nicht mehr, sondern holen Ipol. Er fängt die Tiere und setzt sie dann wieder im Dschungel aus. Das neuste Fundstück hat er in zwei dicken Plastiksäcken eingesperrt. Er lässt die wütende Kobra auf der nächtlichen Dorfstraße frei, damit wir sie sehen können. Stinksauer zischt sie und richtet sich auf! Unheimlich! Aber geschickt fängt er sie wieder und sie verschwindet im Sack. Puh!

Es ist nach Mitternacht, als wir wieder in unsrem Zimmer sind. Jetzt muss es einfach noch eins der verbotenen Biere auf dem nächtlichen Balkon sein! So ein spannender Abend!

Unser letzter Ausflug führt uns zur Fledermaushöhle, Bat Cave, die auch im Dschungel liegt, aber nicht sehr tief. Eine knappe, schweisstreibende Stunde zu Fuss, zunächst durch das Dorf, das sich endlos am Fluss entlang schlängelt. Am anderen Ufer geht es dann weiter – durch Palmöl-Plantagen. Kurz bevor der Dschungel begiint, indem der Höhleneingang liegt, gabelt uns ein Führer auf – der Kampf um Kundschaft ist hart , vorallem jetzt in der Regenzeit, wo es nicht so viele Touristen gibt. Da man nicht allein in die Höhlen darf, die zum Nationalpark gehören, engagieren wir ihn. Eine gute Entscheidung, er ist ein guter und sehr sympathischer Führer.

Um in die Höhlen zu kommen, müssen wir einen kurzen, aber steilen Anstieg über Felsen, Wurzeln und grobe Stufen bewältigen. Prima Chance, sich am letzten Tag noch ein Bein zu brechen. Aber alles geht gut und wir erleben noch eine spannende, nicht ganz einfache Klettertour durch die drei Fledermaushöhlen. Klaustrophobie darf man nicht haben. Es ist zum Teil stockfinster, ohne Lampe ginge nichts, aber zwischendurch fällt immer wieder man von oben Licht aus Felsöffnungen herein. Es sind wunderschöne Ausblicke in den Dschungel über uns.

Hunderte von Fledermäusen verschlafen hier den Tag, wie es sich für Drakulas Familie gehört. Sie flattern ein bisschen genervt, wenn man sie anleuchtet. Die Klettertour führt zum Teil durch sehr enge Spalten und über spitze Felsen, aber unser Führer zeigt genau, wo welcher Fuss hin muss – das macht er super. Nur nicht einfach an den Wänden abstützen ohne vorher genau zu leuchten, es gibt Spinnen und Skorpione. Klingt aber gruseliger als es sich angefühlt hat. Es hat wirklich Spaß gemacht!

Eine Woche Bukit Lawang. Es ist unser letzter Abend und wir wollen mit Dieki & Friends zusammen essen. Wir haben uns gewünscht, zusammen mit ihnen in dem Restaurant zu essen, wo unser Obstkünstler Dedek kocht. Es liegt einige Kilometer entfernt am anderen Dorfende. Wieder werden wir mit den unverzichtbaren Feuerstühlen abgeholt, in diesem Falle ist es beruhigend, dass die Jungs nicht trinken. Es ist schon so ein wilder Ritt durch die Nacht.

Wir essen Curry mit Huhn und Kokossoße, Chicken Satè mit Erdnusssoße und Gado Gado (scharfes Gemüse). Und ehrlich – es ist das beste Essen, was wir in Bukit Lawang bekommen haben! Wir bekommen sogar Bier dazu. Und wir haben jede Menge Spaß zusammen! Was für ein schöner Abschied nach einer spannenden Woche im Urwald von Bukit Lawang, Sumatra, Indonesia!

Selamat tinggal – Auf Wiedersehen!?