15 Abschied

Die letzten Tage haben wir in Boicucanga und Camburi verbracht: faulenzen, Freunde besuchen, baden – wenn es gerade mal nicht geregnet hat. Denn die schweren Regenfälle sind zwar vorbei, aber es hat täglich immer wieder geregnet. Was allerdings nicht so schlimm ist, weil es immer so warm ist, dass einen der Regen bis zu einem gewissen Maße nicht unbedingt stört.

Am Strand lagen bis kurz vor Ostern nunmehr fein zusammengetragene Haufen von Schwemmgut, aber es gab längst wieder sowas wie normales Strandleben. Zu Ostern war dann alles wieder chic- denn Ostern ist hier ein wichtiges Fest und vorallem eine sehr wichtige Einnahmequelle vor dem Saisonende für alle aus Gastgewerbe und Handel, denn da kommen Heerscharen von Paulistas (die Bewohner von Sao Paulo) und geben hier ihr Geld aus. Und selbst San Pedro schien das zu wissen, denn schlagartig zu Karfreitag war das Wetter besser und am Osterwochenende selbst war strahlend blauer Himmel, Hitze und perfektes Strandwetter.

Da fast all unsere Freunde hier in obengenannten Branchen arbeiten und noch dazu selbstständig sind, konnten sie mit uns nicht am Abschiedsabend feiern – also haben wir unser traditionelles gemeinsamen Abendessen vorgezogen und waren schon am Mittwoch aus.

Seit einigen Jahren treffen wir uns dazu in Boicucanga in -oder besser gesagt: vor einem winzigen bahianischen Restaurant. Das besteht nur aus einer besseren Hütte, die den Tresen und den Herd beherrbergt, die Tische und Stühle werden bei Bedarf auf dem kleinen Platz davor unter einem alten Baum aufgebaut. Es ist ein sehr hübscher kleiner Platz vor der alten Dorfkirche in Blau weiß – das Zentrum des alten Fischerdorfes.

Es gibt immer zwei bahianische Spezialitäten: Acaragé und Tapioca. Ersteres ist mein Favorit: Frische Sojabohnenkuchen, aufgeschitten und reichlich gefüllt mit zwei Sorten von Gemüsecremes (eine mit Okra, die andere weiss ich nicht, da haben auch alle Frauen ihre eigenen geheimen Rezepte), gebratenen Krabben und klein geschnittenen Tomaten und Zwiebeln mit Petersilie und Koriander. Dazu gibt´s dann bei Bedarf noch ein Schälchen mit höllenscharfer Sosse, die aus verschiedenen kleingekackten Chillischoten in Öl besteht. Superlecker!!! Das andere Gericht sind Tapiokafladen (besonders behandeltes Maniokmehl), die mit allem Möglichen von Huhn, über Fleisch, Fisch, Käse oder Gemüse gefüllt werden – oder als Nachtisch mit süssen Sachen wie Kokosflocken und gezuckerter Kondenzmilch etc. Auch sehr appetitlich!

Wenn man vorher Bescheid sagt, kocht einem Leda, die Chefin, auch andere, aufwändigere Gerichte, vorzugsweise mit Fisch und Krabben. Und das ist wirklich toll, denn erstens kocht die Dame sehr gut und zweitens kann man das hier noch bezahlen. Im Gegensatz zu vielen Restaurants hier, denn die haben inzwischen großteils Preise, die den armen europäischen Touristen die Augen ungläubig aufreissen lassen. Die Unterschiede im Brasilien des Wirtschaftsbooms sind wirklich extrem – wie ich bereits zu Anfang meiner Reise vermerkt hatte. Es gibt eine wachsende Mittelschicht, die erstaunlich gut verdient, eine reiche Oberschicht, bei der Geld überhaupt keine Rolle mehr spielt und dann eben die vielen ganz Armen, die niemals in ihrem Leben auch nur in einem ganz billigen Restaurant essen werden. Der Mindestlohn, der für viele Jobs hier gezahlt wird, beträgt mittlerweile 720 Real, das sind 230 Euro. Und das bei den gestiegenen Preisen!

Aber zurück zu unserem Abschiedsessen. Wir waren elf Personen und es hat leicht geregnet. Aber mit etwas gutem Willen haben wir einen langen Tisch unter das kleine Vordach gequetscht und so war das machbar. Die Caipirinhas hier sind – legendär stark. Ich habe über den Abend verteilt eine getrunken und immer wieder Eis nachgefüllt, nachdem ich im Vorjahr zwei getrunken hatte und danach in einem wild schwankenden Bett schlafen musste…

Es war ein netter Abend, es war spät und wir hatten die Rechnung bestellt. Nach einer Weile dachten wir, das sie vergessen wurde und haben erinnert. Nein, nein, hieß es, die sei in Arbeit. Und tatsächlich sahen wir Ledas Mann immer schwer arbeitend über Rechnung gebeugt, wenn wir hingeschaut haben. Fast eine Stunde später kam er und hat unseren Freund Edson gerufen, der hier sowas wie ein bunter Hund ist, den alle kennen. Als der wieder kam, war auch die Rechnung fertig. Das Problem war, dass der Mann zwar alle Bestellungen perfekt im Kopf hatte und auch den Preis korrekt ausgerechnet hat, aber nicht schreiben kann. Und das war ihm nicht nur peinlich, sondern er wollte auch bei Stammkunden wie uns nicht den Eindruck hinterlassen, das irgendwas nicht nachzuvollziehen ist. Da aber seine Enkel an dem Abend mal nicht da waren und Leda auch nicht schreiben kann, hat er sich nicht getraut, uns einfach nur den Preis zu sagen! Er wollte keinen schlechten Einbdruck machen und wusste nicht wie! Tja, auch das ist Brasilien.

Nach einem perfekten letzten Strandtag mit allen Genüssen von Acai bis gebratenem Käse, frischem Maracuja-Saft usw. Haben wir uns noch ein leckeres Essen im Cantinetta mit Corinn und einem Freund gegönnt und genug Caipi getrunken, um trotz Abschiedsschmerz schlafen zu können.

Am Sonntag wurden wir vom kreischen der Zwergpapageien vor dem Fenster im Kampf gegen die frechen Tukane geweckt und waren um sieben Uhr morgens noch mal im jungfräulichen Ozean schwimmen – kurz nach Sonnenaufgang. Der Anblick des einsamen Strandes in der ersten Morgensonne, die draussen im Ozean aufleuchtenden grünen Inseln, das sanfte Rauschen – das alles war so schön, dass ich fast Tränen in den Augen hatte bei dem Gedanken an den Abschied und Wintergrau in Berlin.

Nach einem meiner berühmten deutschen Frühstücke dann das große Abschiednehmen und schon gings mit Romarios Klapperkiste landeinwärts zurück nach Sao Paulo, wo vor einem Monat alles so schön angefangen hat. Über das Chaos am Flughafen will ich nun wirklich nicht noch schreiben – das ist öde und es war doch so eine tolle Zeit! Bis zum nächsten Abenteuer Brasilien – Até a próxima, Brasil!

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Die brasilianischen Frauen

Brasilianische Frauen sind eine ganz eigene Spezies – und das nicht nur, weil viele von ihnen sehr schön sind! Ohne sie würde hier noch viel weniger funktionieren. Sie sind das wirklich starke Geschlecht, sind die, die meist das Leben der Familie schmeissen – die Leistungsträger, die das mit dem Organisieren, Arbeiten und Zusammenhalten von Allem hinkriegen. Brasilianische Männer dagegen sind ewige Kinder, die eigentlich immer eine Mutti brauchen, die verwöhnt und hilflos ohne die Frauen sind. Das gilt selbst für die Mehrheit derjenigen, die im Beruf erfolgreich und durchsetzungsfähig sind.

Und während wir emanzipierten Europäerinnen uns mit den Männern streiten, auseinandersetzen und diskutieren, lächelt die Brasilianerin zuckersüss oder nachsichtig, sagt zu allem „Ja“ und macht, was sie für richtig hält. Allerdings ist sie auch höllisch eifersüchtig (oft aus gutem Grund und schlechter Erfahrung, aber imZweifelsfalle auch ohne). Außerdem legt sie exrem viel Wert auf ihr Äusseres und dabei vorallem auf die Betonung ihrer weiblichen Reize. Ein Kleid oder T-Shirt sollte immer einen supertiefen Ausschnitt haben, wenn es als schick gelten will. Und ein großer Teil der Damen kauft grundsätzlich mindestens eine Nummer zu klein, damit auch jede Rundung zur Geltung kommt. Oft auch die, die man lieber nicht sehen möchte.

Der Körperkult treibt allerdings tatsächlich beängstigende Blüten: Schönheitschirurgie gehört zu den wichtigsten und normalsten Dingen im Leben der überwiegenden Mehrheit der Frauen. Es gibt kaum etwas, das man nicht verschönern könnte. Vorallem aber die Brustgröße muss stimmen: Ich stelle die kühne Behauptung auf, dass der überwiegende Teil der weiblichen Bevölkerung, gefühlte 90 Prozent, tatsächlich wahrscheinlich 89 Prozent, Silikon-Busen trägt. Selbst gesundheitsfanatische Vegetarierinnen/Veganerinnen, die möglichst nicht mal Alkohol trinken wegen der Gifte, sehen aber keinerlei Problem im Silikonimplantat oder Botox an den entscheidenden Stellen im Körper – irgendwie seltsam, oder?

Aber es sei nochmal gesagt: Die Frauen sind hier das starke Geschlecht!

Sweet Brazil

Noch ein süßer Tipp zum Schluss: „Ich backe einen Kuchen für meine Freunde oder bringe zur Einladung einen deutschen/italienischen Nachtisch mit.“ Super Idee! Finden hier auch alle – vorausgesetzt man verdoppelt die Zuckermenge und stellt möglichst noch ein Schälchen mit Extra-Zucker daneben. Ich durfte das gerade wieder studieren. Im Restaurant meiner Freunde in Sao Sebastiao habe ich mich erboten, zum Tagesmenü den Überraschungsnachtisch zu machen, weil sie gern mal was Neues anbieten wollten. Ich habe mich für gute altmodische deutsche Eierkuchen (Pfannkuchen) entschieden, mal mit Apfelstücken wie daheim, mal mit Bananenstücken, weil sich das anbietet. Nach meiner Testprobe zum Kosten wurde beschlossen, dass ich die Zuckermenge verdopple, zusätzlich sollte noch Zucker und Zimt daraufgestreut werden. Ich war sicher, dass das keinem mehr schmecken würde, weil man davon schon fast Zahnschmerzen bekommen hat. Die Gäste waren begeistert!!!

So sollte man auch beim Bestellen der wunderbaren frischen Fruchtsäfte immer dazusagen „bitte wenig oder kein Zucker“, denn hier wird oft sogar der Orangensaft gesüßt. Das kann man dann zur Not selbst tun, ansonsten ist das edle Getränk leider oft sirupähnlich. Bei Einladungen sollte man – natürlich höflich – den Nachtisch erstmal in mikrobengroßer Menge probieren. Nicht alles ist für unsereins da genießbar. Merke: Der durchschnittliche Brasilianer ist extrem zuckersüchtig!

Fettnäpfe

An dieser Stelle ein beliebter Fettnapf für Deutsche: Wer einmal in Brasilien am Strand war und die Bikinis gesehen hat, die teilweise nur noch symbolischen Charakter haben und irgendwie anzüglicher aussehen als ein einfach nur nackter Mensch, mag glauben, dass die Brasilianier ein natürliches und unverkrampftes Verhältnis zum menschlichen Körper haben. Nein!!! Schon ein Mensch in Unterwäsche ist super peinlich! Und sich einfach so umziehen am Strand wie in Deutschland geht gar nicht! Ein Brasilianer würde sich nie am Strand umziehen, eher zieht man Shorts oder Kleid über die nassen Sachen und sieht dann im Restaurant aus, als ob man sich in die Hose gemacht hat. Bei Frauen klebt dann teilweise noch ein klitschnasses T-Shirt so am Körper, dass man mehr von der Brust sieht, als im Bikini selbst. Das ist aber völlig ok. Selbst das Umziehen unter Tschador-ähnlich, garantiert blicksicher umgebundenen Strandtüchern o.ä. kann man sich auch nur unter dem Motto „Ich bin ein doofer Ausländer“ erlauben. Verstehen werde ich das nie.

Noch eine Chance für einen Faux Pax: Geburtstag. Auch das ein Quell der Verwirrung, ich habe es im Eigenversuch erfahren. Im vergangenen Jahr habe ich meinen Geburtstag hier gefeiert. Als große Überraschung hatte mir eine Freundin zwei riesige, buntverzierte Torten gebacken. Ich war wirklich gerührt – habe mich wortreich bedankt, um dann schnurstracks die Kunstwerke anzuschneiden und anzubieten, auf dass die Feier beginnen kann. Doch die Gäste haben irgendwie irritiert, wenn auch freundlich-nachsichtig reagiert, was ich mir nicht recht erklären konnte. Erst viel später habe ich erfahren, dass man in Brasilien mit dem Anschneiden des Geburstagskuchens das Aufbruchssignal zum Gehen gibt – am Ende des Festes.

Offenheit vs Höflichkeit

Bekanntlich kann man als Ausländer immer wunderbar ins Fettnäpfchen treten. Da ist Brasilien keine Ausnahme. Hier also ein paar meiner erlernten, manchmal auch peinlich erfahrenen Erkenntnisse zur Sache.

Die Brasilianer sind extrem höflich und verbindlich. So sollte man im Zweifelsfalle immer explizit jeden grüßen, auch wenn man nur einen Laden betritt oder das Zimmermädchen in der Pousada vorbeigeht. Und ein freundliches Lächeln dazu ist selbstverständlich. Ernste Minen verunsichern die Leute hier ziemlich – vor allem im Norden des Landes. Wer hier nicht lachen lernt, steht auf verlorenem Posten. Sollte es für uns auf Krankenshein geben, so eine Runde Brasilien gegen Griesgrämigkeit! Ausserdem kommt man selten gleich zur Sache. Selbst wenn man nur eine Kleinigkeit fragen möchte, gehört es dazu, mindestens zu fragen, wie es heute geht. Bei größeren Anliegen lieber noch etwas mehr Konversation und erst nach einer angemessenen Plauderei über Gott und die Welt zur Sache kommen– wie gesagt, alles hier braucht seine Zeit.

Diese relaxte Höflichkeit finde ich sehr angenehm, aber das freundliche Weglächeln von Problemen hat auch seine problematischen Seiten. Denn manches verhält sich anders als es klingt: so wird manche Bitte nicht abgelehnt, sondern freundlich lächelnd Ja gesagt – nur, dass das Zugesagte dann niemals passiert. Aber es fällt den Leuten leichter einfach freundlich zuzustimmen und das Ganze dann zu vergessen.

Ebenso ist es sehr schwierig, eine ehrliche Meinung zu bekommen, selbst unter Freunden oder teilweise sogar innerhalb der Familie: kritische Äusserungen behält man lieber für sich – das gilt auch umgekehrt, denn die Leute sind hier ganz schnell sauer über kritische Äußerungen, manchmal auch nur die ehrliche Meinung dazu, ob´s schmeckt… Aber auch das bekommt man nicht mit, denn erstmal wird wieder freundlich gelächelt, bevor der Gekränkte in der Folgezeit anhaltend sauer ist…Unsere deutsche Direktheit und Offenheit kommt hier wirklich nicht so gut an- es sei denn, man hat wirklich ein vertrautes Verhältnis, dann klappt´s vielleicht mit dem Exotenbonus…

Zeit und Verabredungen

Bis jetzt habe ich die wichtigsten Geschichten und Orte dieser Reise immer in einzelne Kapitel unterteilt. Aber irgendwie ist dabei eine Menge übriggeblieben, was ich nicht erzählt habe. Bevor ich nun zum letzten Kapitel komme, werde ich einfach mal eine Runde „Schnipsel“ einlegen, die irgendwie auch zu meinen brasilianischen Reminiszenzen gehören.

Zuerst eins der großen Rätsel: Die Zeit. Warum schafft man hier eigentlich nie annähernd das, was man machen wollte? Und das nicht nur, weil man Urlaub hat und keine Eile…Eines der Geheimnisse, was mir dieses Land aufgibt. Dass mitteleuropäische Planung und Effizienz hier auf verlorenen Posten ist, das ist klar und irgendwie auch gut so, wie ein bekannter Berliner so sagt…Aber das ist noch keine Erklärung dafür, warum man selbst bei anderer Sozialisation und gelegentlicher (schon auch mal deutlicher) Genervtheit ob der landesüblichen Planungsunmöglichkeit nicht in der Lage ist, seine eigenen Aktivitäten irgendwie zu strukturieren und auch nur halbwegs das zu machen, was man sich vorgenommen hat. Und ich spreche hier nicht etwa von der sporadischen, chaotischen Art, meinen Blog zu schreiben. Nein, diese Lebensart saugt einen irgendwie mit ein.

Selbst meine Freundin Corrin, Amerikanerin, die seit 30 Jahren hier lebt, aber trotzdem immer noch etwas „anders“ tickt und die bei aller Symphatie für Brasilien regelmässig im Kreis springt, ob der sich endlos hinziehenden Dinge des Alltags, der Langsamkeit, der chaotischen Gangart – selbst die ist überhaupt nur noch selten in der Lage, irgendwas schnell und wie geplant zu machen. So hat sie bei unserer gemeinsame Abreise nach Paraty, beim Frühstück noch darauf gedrungen, möglichst schnell loszufahren. Gegen Mittag waren WIR zumindest abfahrbereit ( undbitte fragt nicht, was wir so lange gemacht haben!). Aber nichts da, auf einmal fielen Corrin noch tausend Sachen ein, die in ihrem Restaurant usw zu erledigen waren – obwohl sie den ganzen Vormittag nichts groß zu tun hatte! Letztendlich sind wir dann schon ein Stück vorgefahren und haben uns an einem schönen Strand 20km weiter die Zeit vertrieben, bis sie endlich nachkam. Abgefahren sind wir alle dann halb fünf…Und das ist nur eins der Beispiele.

Es wird ständig geredet, geplant, verworfen, vergessen, vertrödelt…das klingt sicher völlig schrecklich für den deutschen Durchschnittsleser, aber hier ist das einfach so, und man hört ziemlich schnell auf, sich darüber aufzuregen.

Corrins Kühlschrank klingt seit unserer Ankunft phasenweise wie ein Flugzeugtriebwerk – irgendwas ist da so gar nicht in Ordnung. Der Monteur wohnt 10 Minuten entfernt und sagt ständig, dass er kommt –unser Monat ist um, und der Kühlschrank fliegt immer noch durch´s Haus.

Anderes Beispiel: Ich habe mich mit einem der engagierten Mitstreiter eines superinteressanten sozialen Projektes für Kinder aus den armen Familien, einem bekannten brasilianischen Chefkoch, für ein Interview verabredet. Ich bin ihm den halben Tag lang geduldig gefolgt, weil immer etwas dazwischen kam. In der 2stündigen Mittagspause sollte es nun so weit sein. Er wolle nur noch duschen, ich soll doch eben das Interview mit dem Initiator den Projektes vorziehen…tja, dann war der Typ plötzlich weg! Nach Sao Sebastiao gefahren, was erledigen. Ohne auch nur was zu sagen. Aber das ist kein Grund zum sauer sein, er fühlte sich auch gar nicht schuldig, als er mir drei Stunden später fröhlich lachend sagte, dass er doch noch schnell weg musste. Alles ganz normal. Das Interview fand schließlich weitere zweieinhalb Stunden später statt. Hat doch geklappt – irgendwie. So what?…

Eine Bekannte hat ihr Auto im Dezember zur Reparatur gebracht es sollte zwei bis drei Wochen dauern. Jetzt ist Anfang April– die Kiste steht immer noch in der Werkstatt.   Usw usf.

Manchmal frage ich mich ehrlich, wie das alles trotzallem noch funktionieren kann und irgendwie ja nicht mal schlecht, denn Brasilien ist ein echtes Wirtschaftsboomland auf der Schwelle zur Ersten Welt. Aber im Alltag herrscht einfach ein riesiges, alles aufsaugenden Chaos. Uff, das klingt wahrscheinlich jetzt furchtbar deutsch und arrogant, aber es ist wirklich so! Und die Brasilianer selbst sehen das so und sagen es auch,machen Witze über sich selbst, klagen, aber es ändert sich nichts daran. Und ein Stück weit ist das wirklich eine heilsame Kur für den effizienzgeschädigten Deutschen. Motto: es geht auch anders und man muss sich wirklich nicht immer über jeden Kleinkram aufregen. Aber andererseits ist diese Unangestrengtheit wirklich manchmal sehr anstrengend!

Verabredungen sind eine Wissenschaft für sich. Da gibt es etliche Geheimcodes, die es zu deuten gilt und selbst dann ist nichts sicher. Ein „Vielleicht“ ist ein ganz klares „Nein“. Ein „tá bom!“ (ok) oder „Claro“ könnte als vielleicht gedeutet werden. „Wir müssen uns mal treffen“ ist eine blanke Floskel, wenn es nicht mit einer konkreten Verabredung verbunden ist. Und so kann man auch bei Leuten, die man nicht wirklich treffen möchte, ruhig freundlich zustimmen – eben solange es nicht konkret terminiert wird, meint das eh keiner. Ein „certo“ (sicher) oder „combinado“ (abgemacht) hat echte Chancen auf Umsetzung. Allerdings nur, wenn dazu ein fester Tag und eine feste Zeit verabredet sind. Diese allerdings werden unter keinen Umständen genau eingehalten – Verspätungen bis zu mehreren Stunden sind normal, da zuckt hier keiner. Allzu pünktlich, genauer gesagt auf die Minute oder gar zu früh, kommt man besser nicht, damit rechnet niemand. Wenn man allerdings jemanden zum Essen nach Hause einlädt, sollte man immer ein paar Portionen mehr kochen, denn es ist absolut verbreitet, dass noch Leute mitgebracht werden.

14 Das Projecto Buscapé

Bildung ist in Brasilien immer noch das große Problem. Zumindest, wenn man keine reiche Eltern hat, die Privatschulen und Universitäten bezahlen können. Die öffentlichen Schulen haben nicht mal Platz für alle, obwohl sie hier im Staat Sao Paulo z.b., der einer der wohlhabendsten ist, im Zweischichtsystem unterrichten: Vormittags und Nachmittags. Und das jeweils nur vier Stunden, egal, ob erste oder sechste Klasse., mehr Unterricht gibt es nicht.

Viele der Kinder aus den Favelas, wie die Armenviertel hier heissen, haben wirklich kaum eine Chance. Zumal die Familien selbst meist das grösste Problem sind: Alkohol, Drogen, über Generationen Lethargie und womöglich noch Gewalt. Sie lernen die einfachsten Dinge nicht wie normales Sozialverhalten, geschweige denn, dass sie irgendwie motiviert werden, zu lernen oder etwas vom Leben zu erwarten. Es ist wirklich ein sehr, sehr großes Problem.

Umso beeindruckter war ich, als mich Corrin zu einem Projekt mitgenommen hat, an dem sie einmal wöchentlich mitarbeitet, natürlich ehrenamtlich und sogar mehr – sie bringt jedesmal das Material mit. Es heißt Projecto Buscapé und wurde von einem Militärpolizisten auf die Beine gestellt, der selbst aus solchen Verhältnissen kommt. Er will so die Kinder von der Strasse holen und vor der üblichen kleinkriminellen Karriere abbringen, im besten Falle auf eine Ausbildung vorbereiten. Er konnte die Militärpolizei als Schirmherrn und Ausrichter gewinnen, so dass er einen überdachten Raum hinter dem Reviergebäude und einen weiteren kleinen Raum sowie die Sporthalle der Militärpolizei nutzen darf – und einen Teil seiner Arbeitszeit. Das Projekt findet an fünf Tagen die Woche statt – ebenfalls in zwei Schichten – eben wenn die Kids zwischen 7 und 14 Jahren nicht Schule haben.

Insgesamt können immer 140 Kinder aufgenommen werden, viel weniger als Bewerber. Sie müssen sich verpflichten, immer zu erscheinen und auch in der Schule ordentliche Noten zu schaffen (oder zumindest es versuchen) – beim 3. unentschuldigten Fehlen fliegen sie raus. Das klingt hart, aber anders geht das nicht. Jeden Tag findet etwas anderes statt: einmal die Woche wird gekocht. Diesen Kurs betreut ein inzwischen landesweit berühmter Koch, der selbst hier mit 13 Geschwistern, ohne Strom und in purer Armut aufgewachsen ist. Er kommt extra aus Sao Paulo und opfert seinen freien Tag. Ich habe mir das zweimal angeschaut: beeindruckend. Es geht weniger um die Kochrezepte als um das Öfnen der Tür in eine andere Welt, die sie gar nicht kennen: Man kann auch anderes als Reis und Bohnen essen, wie spricht man mit anderen, wie benimmt man sich, wie behandelt man Gäste, wie stellt man sich vor usw.

An den anderen Tagen ginbt es Musikunterricht, Theater, Kunst, viel Sport und Aufklärung über Drogen.

Anfang und Ende der täglichen Kurse und eine Art Fahnenappell in militärischer Form. Mit Singen der Hymne usw. Das wirkt erst etwas befremdlich, macht aber Sinn, weil die Kids so eine Ahnung von Disziplin und Zugehörigkeitsgefühl bekommen. Sie werden respektiert und sind Mitglieder der brasilianischen Gesellschaft. Aber ausser so wichtigen Dingen wie Disziplin, Respekt voreinander, Verantwortungsgefühl, Zusammenarbeit und Anerkennung erfahren sie auch ganz viel Zuwendung: alle Kinder werden immer mit einer Umarmung verabschiedet und dürfen auch die Gäste (bzw eine Art Gastprofessoren), die immer mal einen Kurs übernehmen, umarmen. Ihr glaubt nicht, was da los geht! Ich war an drei Tagen zu Besuch – am dritten Tag sind etliche schon auf mich zugestürzt, bevor ich richtig da war, sind an mir hochgesprungen, haben mich gedrückt, geküsst und angestrahlt!

Es ist ein sehr beeindruckendes Projekt, das inzwischen drei Nachahmerprojekte in den Nachbarorten hat. Es läuft seit 5 Jahren und es haben bereits 1000 Kinder durchlaufen. Vom Staat bekommen sie ganz kleine finanzielle Unterstützungen zwischen 25 und 50 Euro im Monat für das ganze Projekt (!), der Rest sind Spenden und ehrenamtliche Arbeit. Nicht zu vergessen die Preisgelder, die sie manchmal in sportliche Wettkämpfen von Judo bis Fussball heimbringen. Vor Ostern haben alle Kinder ein Schokoladenosterei und einen großen Bonbon bekommen – die waren völlig aus dem Häuschen! So eine Freude!

Außerdem geht die Arbeit noch über das Projekt selbst hinaus: da Cabo William, der Initiator, der täglich mitarbeitet, alle Kinder einzeln kennt und auch die Familien, bei Problemen hingeht usw, ist ein Vertrauensverhältnis entstanden und die Familien wenden sich auch mit anderen Problemen an ihn. Er hilft ihnen weiter – mit anderen Behörden usw. Leute, die sonst niemals „Offizielle“ um Hilfe bitten würden, haben so plötzlich einen Ansprechpartner.

Ich war jedenfalls so beeindruckt, dass mein inzwischen etwas ermüdetetes Journalistenblut förmlich gekocht hat – deshalb bin ich auch wieder hingegangen, habe zugeschaut, Interviews und Fotos gemacht. Mal sehen, ob ich das in Deutschland unterbringen kann. Ich hoffe, ich kann etwas tun – und wenn´s nur anerkennende Aufmerksamkeit ist. Am liebsten würde ich eine Dokumentation drehen, wenn ich Geldgeber finde.

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