5 – Alt und schön

Taormina. Das ist mein Plan für heute. Ich habe gehört, daß diese alte Stadt an der Ostküste besonders schön sein soll. Es bedeutet zwar rund zwei Stunden Fahrt, aber das nehme ich gern in Kauf. Das Wetter wird immer noch von dem an der Küste vorbeigezogenen Hurrican beeinflusst – viele Wolken, mal sehen, was der Tag bringt. Auf jeden Fall ist es schön warm.
Einmal unten auf der Autobahn Richtung Messina angekommen, geht die Rallye wieder los. Wozu hier überhaupt Geschwindigkeitsschilder stehen, weiß ich nicht. Ich habe mich schon ziemlich angepasst, trotzdem gehöre ich immer noch mit Abstand zu den Langsamsten…


Die Strecke bis Milazzo kenne ich ja schon, danach kommen nur noch ein paar Tunnel, zum Glück. Aber je näher Messina rückt, desto niedriger und weitläufiger werden die Berge, sie sind nicht mit so vielen Bäumen bewachsen, wie weiter westlich. Ein anderes Landschaftbild, sanfter. Mir gefallen allerdings die wilden Berge besser. Aber das Meer bleibt fast immer in Sichtweite.


Kurz vor Messina endet diese Autobahntrasse, man muss durch die Mautstelle. Hier gibt es immer Automaten, die man vom Auto aus ziemlich schlecht erreicht. Allerdings sitzt ganz still und möglichst unauffällig ein Kassierer hinter der Scheibe daneben. Theoretisch kann man dann auch bei ihm bezahlen. Aber man tut es besser nicht. Seltsamerweise sehen die dicken älteren Herrn alle gleich aus und sind auch alle gleich bärbeißig und genervt, wenn so ein Störenfried sie mit Arbeit nervt. Muss wohl so in der Arbeitsplatzbeschreibung stehen.
Von der Großstadt Messina auf dem Nordostzipfel von Sizilien gelegen, bekomme ich nicht viel zu sehen, äußert den südlichen Ausläufern. Aber der Autobahnwechsel zur Nord-Süd-Richtung ist ein Erlebnis. Das Kreuz mit mehreren Ab-und Auffahrten liegt in einer großen, breiten Schlucht. Besser gesagt, eher darüber. Es ist eine gigantische Viaduktspirale, die aussieht wie die XXL-Version einer Kugelbahn für Kinder. Wer hier nicht aufpasst beim ewigen im Kreisfahren, stürzt tief!


Nun also nach Süden, am Horizont werden hohe Bergzüge sichtbar und dann endlich auch, dunstumhüllt, der Ätna. Die Küste wird wieder deutlich schöner, es sind wieder Strände zu sehen. Eine Dreiviertelstunde später schraube ich mich endlose Schlangenlinien nach Taormina hoch. Das kleine Auto keucht schwer im ersten und zweiten Gang nach oben und nervt damit die PS-starken Kollegen hinter mir.


Irgendwann nach dem dritten Tunnelausgang bin ich am Rand der Altstadt ganz oben auf dem Berg angekommen. Mir bleibt nur ein sündhaft teures Parkhaus, es gibt keine anderen Parkmöglichkeiten, es sei denn, ich fahre wieder die ganze Strecke runter. Aber das ist schnell vergessen. Durch das alte Messina-Tor kommt man in die eigentliche Altstadt, auf den Corso Umberto. Eine wunderschöne alte Straße, die sich für die zahlreichen Touristen in eine hübsche Shoppingmeile mit vielen Möglichkeiten zum Essen und Kaffeetrinken verwandelt hat. Kein billiger Ramsch, eher hochwertiger und schicker. Aber auch für die, die das nicht interessiert, ist es schön, hier herumzuspazieren. Immer wieder zweigen winzige, enge Gassen und Treppen ab. Blickt man durch eine solche Gasse nach oben, erhebt sich dahinter eine beeindruckend hohe, felsige Bergkuppe mit einem Gipfelkreuz.


Durch eine weiteres Tor in einer alten Mauer gelangt man auf die Piazza IX. Aprile mit gleich zwei Barockkirchen und einem Uhrenturm in der Mitte. Das schönste an dem nur zu drei Seiten bebauten Platz ist die vierte Seite: Sie bietet ein Panorama über Berge und die Küstenlinie nach Süden. Da dies ein besonderer Anziehungspunkt für Touristen ist, ist es natürlich auch der beste Platz für Künstler und Straßenmusiker. Der Corso Umberto schlängelt sich noch eine Weile dahin, bis zum nächsten alten Stadttor und einem sehr schönen alten Palazzo, dem Palazzo Corvaja.


Nur fünf Minuten entfernt ist die wohl berühmteste Sehenswürdigkeit Taorminas: Das Teatro Greco, ganz oben auf dem Berg, zur einen Seite direkt über dem tief unten liegenden Meer. Der Eintritt ist nicht billig, aber das ist egal.
Das antike Amphitheater hat seinen Namen eigentlich von seinem zerstörten Vorgänger: Die alten Griechen hatten hier im 3. Jh v. Chr ein Theater gebaut. Ein Jahrhundert später haben dann die Römer an gleicher Stelle den jetzigen Bau errichtet. Für sein stolzes Alter ist noch ziemlich viel von dem alten Gemäuer erhalten: Die beeindruckend große Arena mit den Sitzreihen, das Orchester, die oberen Wandelgänge, eine Aussichtsplattform. Und das schönste sind die Mauerdurchbrüche auf der Rückseite der Bühne, durch die man auf die Stadt, die Küste und – den Ätna am Horizont schaut. Irgendwie seltsam sich vorzustellen, daß hier dereinst einige von den großen Feldherrn wie Octavian und Hadrian gesessen und sich divertiert haben…


Ich durchstreife noch ein bisschen die alten Gassen, aber dann bin ich geschafft und brauche eine Pause mit Limonengranito und Bruschetta. Ich konnte von hier oben schon einen ausgiebigen Blick auf die berühmte Isola Bella unten vor der Küste werfen – eigentlich wollte ich da noch hinfahren und auch an den Strand gehen. Aber nun scheint mir das doch zu stressig zu werden, immerhin muss ich noch zurück, und das würde ich gern vor der Dunkelheit schaffen.

Ich schlängele mich auf einem neuen Weg durch Taormina zurück zum Meer und zur Autobahn. Auch die nicht direkt zur Altstadt gehörenden Viertel sind heimelig und angenehm, aber es gibt unglaublich viele Hotels hier. Die Strände nach Süden sind zwar lang, aber nicht unbedingt zu Fuß zu erreichenAuf den Serpentinen nach unten jagen mich Motorroller- und Motorradfahrer mit röhrenden Motoren, sie kleben genervt an meiner Stoßstange, dabei kann ich angesichts der extremen Kurven nun wirklich nicht schneller als 50 kmh fahren.


Ich fahre auf einen Blick an der Isola Bella vorbei, bevor ich zurück auf die Autobahntrasse abbiege. Schnell bin ich wieder in Messina. Hier ist in Richtung Palermo aber die erste echte, kilometerlange Baustelle. Es gibt eine Umfahrung, auch Mr. Google weiß das. Die Route führt ein Stück durch Messina, so dass ich nun doch einen Eindruck bekomme. Dann geht es über die Dörfer in teilweise extrem engen Straßen – immer weiter nach oben. Irgendwann werde ich misstrauische, auch wenn das Navi stur bleibt. Inzwischen bin ich ganz oben in den Bergen über Messina. Und auch wenn das Folgende langsam inflationär wird: Wieder einmal bin ich begeistert von dem Blick, der diesmal gleich über mehrere hohe Bergzüge reicht. Manchmal stehen Kirchen, alte Festungsruinen ganz oben drauf. Der Himmel darüber schmückt sich mit Wolkengebirgen, die Sonne wirft ein paar Strahlen auf die Erde. Fast schon zu viel Postkarte.


Aber die Strecke hört nicht auf, sie wird immer länger und es ist nicht übertrieben, wenn ich sage, dass ich meine Hände am Lenkrad keine zehn Sekunden gerade halten kann, eine Kurve jagt die nächste. Da könnte eine Geschäftsidee drauss werden: Extremfahrtraining in echter Natur. Aber die absolute Krönung habe ich noch vor mir: Die alternativlose Strecke führt mich durch ein hochgelegenes Städtchen mit Straßen, in denen immer nur abwechselnd Autos aus einer Richtung passieren können. Und der Clou am Schluss: eine steile Gasse, die so schmal ist, dass ich mit dem Panda kaum durchkomme ohne die Mauer links und rechts zu touchieren.


Das Navi hat zwar wieder mal versagt bei diesem langen und anstrengenden Umweg, aber – es war ein aufregender und schöner Umweg. Nur gut, dass ich allein im Auto war (was ich übrigens hier schön öfter gedacht habe) – denn dem jeweiligen Beifahrer wäre garantiert schlecht. Endlich wieder unten auf der Küstenstraße, erreiche ich auch bald die Autobahn, die ich mir für den Rest des Weges verdient habe.


Die Sonne steht schon tiefer, aber hoch genug, dass ich mir noch meinen täglichen Ausflug ans Meer erlauben kann, bevor ich nach Santa Margherita hochfahre. Diesmal lande ich per Zufall an einem besonders schönen Strand in Mangiova, dem Grotte Strand. Ein ausgiebiges Bad unter einem kitschigen echten Regenbogen krönt meinen spannenden Tag. Als Ich auch noch ein kleines Restaurant entdecke, beschließe ich, hier im Sonnenuntergang zu essen.

Es war eine sehr schöne Zeit auf Sizilien mit vielen Entdeckungen, die Lust auf mehr gemacht haben. Und der morgige Tag wird für mich noch mal schön, für Leser aber uninteressant: Da ich mein Auto abgeben muss, haben mich ein paar sehr nette und lustige Leute aus dem Hotel eingeladen, mich mit an genau diesen Strand zu nehmen für einen letzten genussvoll faulen Tag. Sonne, Meer und süße Träume….

1 – Tief und Hoch

Sechs Uhr und ich schaue vor meinem Bungalow der im Nebel versteckten aufgehenden Sonne zu. Ich bin ein bisschen aufgeregt, denn ganz kurzfristig hat sich ein Abenteuer ergeben. Tauchen! Ich habe vor zwei Tagen eine Werbung an einer Hauswand gesehen und nur aus Neugier über die hiesigen Konditionen eine e-mail geschrieben. Irgendwie dachte ich, dass die Saison wahrscheinlich vorbei ist, denn es sind nicht mehr viele Touristen unterwegs. Während der Tour gestern habe ich aber eine prompte Antwort erhalten und das Angebot, heute früh zu tauchen. Da konnte ich nicht widerstehen…


Ich bin überpünktlich beim Dive Center „Aqua Element“ am Strand von San Giorgio. Die gute Nachricht: Die Tauchgruppe besteht aus dem Instructor Marco und Mario, einem älteren Taucher, der wohl ein Freund ist. Ich muss nun nur noch die passende Ausrüstung finden, also anprobieren. Zu meinem Missfallen besteht Marco auf einem langen Suit mit Jacke und Kapuze. Angeblich ist es sonst zu kalt, was mir bei einer Temperatur von 22 Grad auf dem Grund wenig einleuchtet.


Ich hasse dieses dicke Zeug, was man nur mit viel Aufwand und Kraft anziehen kann und in dem man sich dann kaum bewegen kann! Es verunsichert mich total, zumal die Hose zu lang ist. Aber da muss ich wohl durch. Wir fahren vom Strand mit einem Schlauchboot los, Ziel sind zwei verschiedene Felsen, die etwas östlich Richtung Patti aus dem Meer ragen. Ich fühle mich immer noch etwas unwohl mit dem dicken Zeug. Aber im Wasser wird es hoffentlich besser. Mit dem schweren Rest der Ausrüstung behangen, geht dann alles sehr schnell.


Die Sicht ist exzellent – das Wasser ruhig und klar, leider scheint oben keine Sonne, sonst wäre es sicher noch schöner. Lobster winken mit ihren fluoreszierenden Fühlern, verschiedene Fische schwimmen vorbei, auch am Grund ist einiges Meeresgetier unterwegs. Immer wieder großartig, wenn auch nicht zu vergleichen mit den tropischen Gewässern. Doch ich komme irgendwie nicht recht zur nötigen Ruhe, denn mein Tank sitzt nicht mittig und ich versuche ständig daran herumzuzerren, weil er mich beim Schwimmen stört. Und irgendwann passiert es, ich werde nervös, achte nicht auf die richtige Schwebebalance, versuche zu schnell zu tarieren – und steige unbemerkt nach oben. Das sollte so nicht sein, ist aber nun mal passiert, der Instruktor hat es nicht verhindert.


Einmal oben, ruhe ich mich erst mal eine Weile aus und schwimme zum Boot zurück. Die beiden lassen mich in der Obhut des kugelrunden Bootsmanns und gehen noch mal unter Wasser, denn der Tauchgang hat erst eine halbe Stunde gedauert. Alles kein Problem, aber ich habe leichte Kopfschmerzen und verzichte vernünftiger Weise auf einen weiteren Tauchgang. Ein bisschen traurig bin ich schon, aber es wäre keine gute Entscheidung. Ja, ich bekenne es: Ich bin zwar kein Warmduscher, aber eindeutig ein Warmwasser-Taucher! Das ist meine Welt.


Zurück in meinem kleinen Auto überlege ich, was ich mit dem Rest des Tages machen will, das Wetter sieht eher nach Regen aus. Der Bootsmanns hat mir „Santuario de Tindari“ gezeigt, eine Kathedrale, die östlich von Patti majestätisch auf einem besonders hohen Berg thront. Das ist die beste Idee. Nach rund 40 Minuten durch die üblichen engen Serpentinen bin ich endlich da, d.h. im Dorf Tindari. Unterwegs habe ich wunderbare Sicht auf das beeindruckende Bauwerk gehabt, aber leider kann man auf diesen Straßen nicht anhalten.


Vom Dorf aus muss man den Rest zu Fuß oder per Shuttle-Bus zurücklegen. Aber es ist Mittagzeit, und da ist sogar die Madonna beim Essen: Es ist erst um 15 Uhr wieder geöffnet. Ich kehre in einem kleinen Restaurant zum Mittagessen ein. Ich bin der einzige Gast, außer einer italienischen Drei-Generationen-Familie, die hier irgend etwas feiert. Oder doch eine Beerdigung? Fast alle tragen Schwarz, die Männer weiße Hemden, am Kopfende sitzt der Patrone. Es ist wirklich immer dasselbe: Schon wieder das perfekte Klischee. Zwar nicht der Pate, aber eine Bilderbuch-Familie mit allem, was dazugehört, inklusive Zigarre, die er abseits von seinen Söhne flankiert, raucht.


Ich werde von Kellner gebeten, mich umzudrehen und die Familie zu begrüßen, die hier die Goldene Hochzeit der Familienoberhäupter feiert. Ich gratuliere angemessen, mit vielen bewundernden und freundlichen Gesten, mangels der richtigen Worte. Der Patrone ist zufrieden und wünscht mir huldvoll „Gute Appetitte!“


Als ich schließlich auf dem Berg mit der Kathedrale ankomme, nieselt es, aber das tut dem Eindruck des Riesenbauwerkes keinen Abbruch. Es ist eine Wallfahrtskirche mit einer Schwarzen Madonna. Das interessante Bild mit der schwarzen Madonna über dem Altar soll der Überlieferung gemäß nach einem Bildersturm in Konstantinopel im 9. Jh unbeschadet in einer Kiste an der sizilianischen Küste angeschwemmt worden sein. Es trägt die Aufschrift „Ich bin schwarz, aber schön“. Reicht wohl doch schon länger zurück, die Black Lives Matter – Bewegung…

Die Kirche, die groß, aber nicht sonderlich hübsch ist, wurde aber erst in den 50er Jahren gebaut.
Aber das Schönste ist der Ausblick von der Piazza vor der Kirche: Ein beeindruckendes Panorama der 220 Meter tiefer gelegenen Küste mit einer ungewöhnlichen Sand-Landzunge in der Lagune von Oliveri. Auf der anderen Seite blickt man auf das Gebirge. Aber die Küste sieht besonders spannend aus.


Und genau da will ich als nächstes hin. Obwohl Laghetto di Marinello, wie der Strand heißt, direkt unterhalb der Kirche liegt, ist es eine gute halbe Stunde Fahrt durch die Berge, bevor man endlich unten ist. Aus meinem Plan, auf die Landzunge zu wandern und das angrenzende Naturschutzgebiet anzuschauen, wird aber nichts: Es regnet. Aber – ohne Bad im Meer geht nicht. Also hopse ich schnell rein. Ich kann nicht so schnell wieder weg, wie beabsichtigt, da ein alter Fischer in mir einen willkommene Gesprächspartner sieht. Irgendwie merkt er nicht, dass ich nur einen Bruchteil verstehe. Ich höre, was über zu wenig Fisch klagt, was an den Winden aus Afrika liegt. Ich muss wohl an den richtigen Stellen den Kopf geschüttelt oder erstaunt geschaut haben – er freut sich. Und nass bin ich sowieso. Aber schließlich trolle ich mich und mache mich auf den Rückweg.


Heute ist sizilianischer Abend. Der Chef versichert sich persönlich, ob ich auch komme. Angesichts von gutem Essen und Wein werde ich mir das nicht entgehen lassen. Das Restaurant ist voll – jedes Zimmer hat seinen Tisch. Was ich nicht wusste: es gibt natürlich auch sizilianische Musik. Drei Musiker aus dem Dorf ziehen mit Gitarre, Akkordeon, viel Stimmgewalt und massenhaft Herzschmerz durch das Restaurant. Sie sind zum Glück wirklich musikalisch und etwas abgedreht, und so kann ich das folkloristische Element des Abends mit einigem Humor ganz gut aushalten. Bald ist der Gitarrist so blau, dass er den Wein aus den Gläsern der überraschten Gäste trinkt. Die Italiener sind schlauer – die halten den Jungs gleich eigene Gläser hin.


Nach dem vierten Gang mit allein vier Sorten Fleisch und Wurst ist mir langsam schlecht – soviel kann ich einfach nicht essen. Ich darf gar nicht an den Nachtisch denken! Also lege ich ein Trinkgeld auf den Tisch und entschwinde durch die Hintertür. Ich sitze noch ein Weilchen am nächtlichen Pool und verdaue, dann kann ich mich ins Bett wagen.

4 – Inseln im Wind

Der Tag der Inseln…Gleich nach dem Frühstück geht es los, wir teilen uns zu dritt ein Auto, die Parkplatzsituation hier ist nervend und teuer. Der Hafen ist im rund 40 Kilometer entfernten Milazzo, was sich als wesentlich größere Stadt herausstellt, als gedacht. Mich erinnert sie an Vigo in Spanien. Nur, dass Milazzo flach ist. Das Auto bleibt Im Parkhaus, aber diese Leute wollen den Schlüssel nicht abgeben, was aber nötig ist, weil ein Angestellter die Autos an einem anderen Ort parkt und zur verabredeten Zeit wieder zurückfährt. Mir ist der Misstrauenszirkus etwas peinlich, aber schließlich haben wir es hinter uns.


Das Schiff der Gesellschaft Tarnav ist ziemlich groß, aber nicht besonders schön, es hat auch zu wenig Plätze an Deck. Ich bleibe drin, da ist es ganz angenehm -die Fenster sind geöffnet- und leerer. Alle tragen Masken (außer draußen), das ist hier keine Diskussion, bei Einsteigen wird Fieber gemessen. Die Fahrt zur ersten Insel dauert fast anderthalb Stunden. Die unverständlichen und recht lustlos vorgetragenen Erklärungen der Reiseleitung über Bordfunk nutzen nichts. Also nutz ich die Zeit und mache mich schlau.


Die sieben bewohnten ( und etlichen kleinen) Äolischen Inseln liegen im Thyrennischen Meer im Norden von Sizilien. Rund 13.800 Menschen leben dort. Das Inselarchipel sind vulkanischen Ursprungs, die Vulkane auf Vulcano und Stromboli sind noch aktiv. Ihren Namen hat die Inselgruppe übrigens von den alten Griechen, die hier den Sitz des Windgottes Äolus sahen. Auch Odysseus hat es bei seinen Irrfahrten hierher verschlagen. Das klingt sehr… sagenhaft. Kann man sich aber gut vorstellen, wenn man die Inseln da draußen so windumtost sieht. Heute gehören sie zum Weltnaturerbe, weil hier besonders zu den regen Vulkanischen Vorgängen geforscht wird.


Panarea, unser erstes Ziel, ist die größte der Inseln. Die felsige Küste ist teilweise vom Meer aus sehr spannend anzusehen, da hier schroffe und schöne Felsklippe direkt vor der Küste liegen. Die Insel ist ein großer Berg – so wirkt sie zumindest von Weitem. Der einzige Ort auf Panarea ist steil an den Berg gebaut. Er ist sehr hübsch: Enge gewundene, steile Gassen, alles in Weiß mit schönen Pflanzen und Bäumen. Die Häuser sind liebevoll gepflegt. Eine gelbe Kirche thront hoch am Hang. In Hafennähe gibt es etliche Restaurants, denn hier gibt es auch relativ viel Tourismus. Ansonsten wohnen hier wohl außer den Ureinwohnern vor allem Aussteiger.
Die Strände sind dunkel, aber liegen etwas weiter ab. Natürlich kann man auch neben dem Hafen baden , aber das ist wenig idyllisch. So werden auch die reichlich vorhandenen Felsen als Badeklippen genutzt. Mir klebt alles nur so am Leibe von dem bergigen Ortsrundgang bei der Hitze. Am liebsten wäre ich noch in die berühmteste Badebucht am Punta Milanezze gewandert, die schon zur Bronzezeit besiedelt war, aber dafür ist die Zeit doch etwas knapp. Also – wenigstens einmal in dieses kristallklare Meer…
Weil ich nicht am Hafen Schaubaden für die in den Restaurants herumsitzenden Touris machen will, wandere ich ein wenig auf einem halbhohen Rundweg entlang, bis ich unten eine Felsecke entdecke, wo sich schon ein paar Leute zum Baden versammelt haben. Genau, was ich suche. Eifrig kletterte ich über die gut begehbaren trockenen Felsen, finde auch noch ein Eckchen für meine Sachen und kann es gar nicht erwarten, in dieses wunderbare, leuchtend blaue Meer zu kommen.


Nur leider habe ich dabei nicht gesehen, dass der letzte Felsen des Plateaus gelegentlich überspült wird…Ich habe nur noch gemerkt, wie beide Beine wegrutschen und den Kopf hochgerissen – wenigstens das. Die Landung war heftig, aber glimpflich. Nur nicht für meinen linken Fuß. Der blutet überall. Ein kollektiver Aufschrei der kleinen Schwimmergemeinde. Heldenhaft winke ich ab und springe erst mal ins Wasser. Auch, weil das den Schmerz bessert. Langer Rede, kurzer Sinn – mein Talent für kleine Zwischenfälle hat wieder gegriffen. Ich humple barfuss, eine rote Fährte hinterlassend, zurück, um mir Verbandszeug zu besorgen. Tja , wir sind in Sizilien: Bis halb fünf ist Mittagspause…und das Schiff dann schon wieder unterwegs. Das einzige, was ein Souvenirladen zu bieten hat, sind winzige Pflaster. Aber mit Hilfe einiger Tempotaschentücher geht es schon.

Next Stop: Stromboli. Die jüngste Vulkaninsel, vielleicht auch deshalb ist der Feuerspucker hier noch besonders aktiv. Mit Glück werden wir das am Abend sehen. Aber erster Stopp : Der Haupthafen in dem Ort Stromboli, der um die 500 Einwohner hat. Es gibt noch eine kleine Siedlung auf der Rückseite der Insel. Der Hafen ist ebenso unspektakulär wie hässlich. Der angrenzende Strand – wie erwartet: schwarz. Das ist schon gewöhnungsbedürftig – wurde uns doch seit Generationen anerzogen: Weiß ist sauber, schwarz schmutzig. Aber eigentlich liegt der ungute Eindruck auch daran, dass dieser Strand hier in keiner Weise schön ist. Es liegt irgendwelches kaputtes, altes Zeug herum, Steine, Unkraut. Der Kies tut nackten Füßen zudem unangenehm weh. Jedenfalls löst nichts den Wunsch aus, sich da einen schönen Strandnachmittag zu machen


Die Reiseleitung hat keine Tipps gegeben, wo es schön ist, Hinweisschilder gibt es keine. Oben am Berg ist das Dorf mit der unvermeidlichen Kirche zu sehen. Alle folgen der Straße an der Küste entlang. Nach einer langweiligen knappen halben Stunde erfahren wir von einem Einheimischen, dass da nichts mehr kommt. Toll. Auf dem Rückweg begegnen wir noch ganz vielen Leuten, die ebenfalls wie die Lemminge in die falsche Richtung laufen, darunter viele Ältere mit Gehhilfen. Langsam regt es mich auf, dass weder die Inselgemeinde, noch die Reiseleitung dafür sorgt, dass man sich orientieren kann.


Meine Begleiter sind sauer und wollen gar nichts mehr, außer sitzen. Ich schütte einen halben Liter kalte Flüssigkeit in mich hinein und mache mich doch noch mal auf – schließlich brauche ich immer noch dringend eine Apotheke. Die winzige Gasse, die steil nach oben führt, haben die meisten Inselunkundigen einfach übersehen.


Leider schon etwas in Zeitdruck, stürze ich die sich schlängelnde Gasse hoch, die überall von weißen Mauern eng begrenzt ist, überragt nur hier und da von blühenden Bäumen und Oliven. Es gibt hier kleine, liebevoll gestaltete Geschäfte, ein paar nette Restaurants. Ganz oben – eine kleine Piazza mit Kirche und einer Pizzeria. Und ein besserer Souvenirladen – mit integrierter Apotheke, die aus zwei Regalen besteht. Was ich wirklich brauche, gibt es nicht, aber ich nehme, was ich kriegen kann. Der Ort hat eine sehr eigene Atmosphäre, mancher mag sie durch die Enge vielleicht etwas klaustrophobisch empfinden. Oder gemütlich…


Zwischen den Häusern durch sieht man linksseitig den Vulkan aufragen, der von hier einfach nur wie ein riesiger, kegelförmiger Berg aussieht. Aber – die Luft riecht nach Schwefel. Eindeutig. Ich hoffe nur, dass wir am Abend wirklich Glück haben und etwas sehen können. Ansonsten hätte sich die Tür nicht besonders geloht. Ein Ausflug auf eine ganz nette Insel und eine eher…überbewertete, wären nicht viel für den Aufwand an Zeit und Geld. Ich besorge mir in einer Pizzeria noch ein paar Arancchini, das sind gefüllte und frittierte Klößchen , ähnlich den brasilianischen Coxinhas. Und zum Abschied sagt de Pizzaiolo doch tatsächlich: „Chiao, bella“! Das wollte ich schon immer mal hören! So ganz in echt…


Aber endlich ist die viel zu lange Pause von dreieinhalb Stunden, in denen man nicht viel machen kann, um. Es geht wieder auf das Schiff, dass jetzt vorbei an einigen wirklich schönen Felsnadeln, auf die Rückseite von Stromboli fährt – wo ich mit Glück den ersten aktiven Vulkan in meinem Leben sehen werde. Einige haben inzwischen im Internet gegoogelt und vernichtende Kritiken zu dieser Tour gefunden: „Alles Verarsche“, war der Tenor derer, die am Ende nicht mehr als ein winziges Rauchfähnchen gesehen haben…


Die Sonne geht malerisch und fotogen neben einer Felsinsel unter. Endlich ist es dunkel genug und das Schiff hat seine Position erreicht. Alle starren in dieselbe Richtung, Ober- und Vorderdeck sind so gar nicht Coronagemäß voll. Aber mit Masken…


Ein kollektives OOohhhhh! Es qualmt und raucht immer mehr aus der Spitze des Berges und dann züngelt tatsächlich Feuer auf! Nun starren alle gebannt weiter in die Richtung, auch als das kurze Schauspiel vorbei ist. Und tatsächlich haben wir nach gut zehn Minuten Starrens noch drei weitere Male das Glück, die Feuerteufel von Stromboli bei der Arbeit zu sehen! Ich muss sagen, ich bin schon beeindruckt. Denn auch, wenn die Flammen klein und von kurzer Dauer sind, springt meine Phantasie sofort an und ich stelle mit die ungeheuren Kräfte dahinter vor. Diese Hitze aus dem Mittelpunkt unserer Erde. Man wird schon etwas demütig angesichts der Naturgewalt….

3 – Cefalú und mehr

Nach dem Frühstück buche ich zusammen mit dem deutschen Paar eine Schiffsexkursion zu den Äolischen Inseln für den nächsten Tag. Wir werden zuerst nach Panarea fahren und später auf die bekannteste Insel: Stromboli. Hier sollten wir am Abend mit etwas Glück den Vulkan bei der Arbeit sehen können. Da ich nicht zum Ätna kommen werde, finde ich das besonders spannend, habe ich doch noch nie einen aktiven Vulkan gesehen.
Gegen Mittag tauchen dann wie versprochen Auto und Vermieter auf. Nach einigem Hin- und Her unterschreibe ich den Vertrag für einen winzigen Fiat Panda, aber auch eine Vollkaskoversicherung, da mir das Risiko zu groß ist, hier doch einen zumindest kleinen, aber teuren Schaden einzufangen, schon angesichts der Straßen.


Mutig ans Werk. Aufgeregt wie eine Fahranfängerin, mache ich mich sogleich auf, um die Hemmschwelle, heil mit einem fremden Auto heil von diesem Berg zu kommen, nicht zu groß werden zu lassen. Ziel ist Cefalú, ein Badeort mit Burgeinerberg und einer schönen Altstadt, um die 120 km Richtung Westen. Ich sage Mr. Google, wo ich hin will. Aber die vielen verschlungenen kleinen Straßen und Wege machen sogar dem Navi zu schaffen und ich lande nicht wirklich planmäßg auf einer halsbrecherisch steilen kleinen Straße, die sich in statt nach unten nach oben bewegt. Keine Chance zu wenden. Der kleine Motor keucht und kämpft, zweimal muss ich zurückrollen lassen und mit Anlauf und Karacho im ersten Gang einen zweiten Versuch machen.


Nach gefühlten 700 Kurven geht’s endlich von der obersten Bergkuppe, wo ich inzwischen gelandet bin, bergab – auch nicht ohne angespannte Nackenmuskulatur… Schließlich erreiche ich Patti, die kleine Stadt neben Gioiosa Marea. Ich muss einmal quer durch die Innenstadt, aber das finde ich ganz interessant, so sehe ich wenigstens was von der recht quirligen, nicht besonders schönen Stadt.


Die Autostrada ist kostenpflichtig, und wie ich lernen soll, gar nicht billig. Ich düse in Richtung Palermo, zuerst halte ich mich an die Geschwindigkeitsschilder, aber irgendwann gebe ich es auf, als sogar die LKW an mir vorbeipfeifen wie bei der Ralley. Mit leicht überhöhter Geschwindigkei bilde ich hier ein Verkehrshindernis wie anderswo ein Traktor….Außerdem bin ich die mitleidigen und genervten Blicke der Vorbeiziehenden leid.


Der erste Tunnel ist über dreieinhalb Kilometer lang. Und kaum beleuchtet, aus irgendeinem unerfindlichen Grund darf zudem nur eine Spur befahren werden – also Kolonne fahren in dem dunklen, engen Tunnel. Stress. Kaum haben wir den ersten Tunnel für ein paar hundert Meter verlassen, kommt der nächste und so geht es den größten Teil der Strecke weiter. Die Tunnel sind eng – nichts für Klaustrophobiker . Einige sehen wenig vertrauenerweckend aus mit all dem schwarzen Schimmelund der Feuchtigkeit. Mal sind die italienisch Galleria genannten Tunnel halbwegs beleuchtet, meist sehr wenig, einer gar nicht. Das ist wie Geisterbahn fahren, aber selber lenken. Der deutsche TÜV würde in Katatonie verfallen. Bei den riesigen Sattelschleppern bleibt oft nur wenig Abstand zur Tunnelwand. Aber – alle fahren aufmerksam, ohne Lichthupe und andere Nervereien.


Am lustigsten finde ich die regelmäßig wiederkehrenden Baustellenschilder. Manche sogar mit Spurschließungen….Ich habe nicht eine einzige Baustelle, keinen Sandhaufen, keine Schippe, keinen Arbeiter auf der ganzen Strecke gesehen. Und die Einschränkungen und Anweisungen interessieren folgerichtig auch niemanden…Sehr kurios. Aber dennoch beeindruckt mich die Strecke! Wieviel Jahre haben die an dieser irren Tunnelstrecke gebaut?? Und wenn man nicht im Tunnel ist, fährt man fast immer über gigantische Viadukte! Unglaublich. Trotzdem nervt mich die Strecke, ich komme mir vor wie ein Maki: Die Augen immer weit aufgerissen, um im Dunkeln zu sehen. Und von der wunderbaren Landschaft sehe ich auch nicht eben viel.


Aber die wenigen Aussichten sind dafür sehr schön. Das glitzernde Meer, die grünen Berge und die Ortschaften, die sich vor allem am Meer zusammenducken. Endlich kommt mein Abzweig nach Cefalú. Eine einzige lange Straße führt in die Stadt, ich drehe ein Runde um mich zu orientieren, dann parke ich das Auto in der Hautstraße, da ich weiß, dass die Altstadt für den Autoverkehr weitgehend gesperrt ist. Brav suche ich einen Parkautomaten, denn da verstehen sie hier keinen Spaß. Ich finde nur einen einzigen und der will mein Geld nicht. Ich muss einen leicht verzweifelten Eindruck gemacht haben. Ein älterer Herr will mir helfen, haut aber schließlich auch nur noch entnervt auf das Teil und winkt mich hinter sich her bis zu seinem Auto. Er nimmt seinen Parkschein raus -da sind noch fast vier Stunden offen- und schenkt ihn mir. Das ist doch mal ein Gentleman!


Leider ist es inzwischen halb zwei – alle Geschäfte machen zu. Vor halb fünf passiert hier nichts. Die Stadt isst und schläft. Also wandere ich in Richtung Altstadt, suche mir ein nettes kleines Restaurant und bestelle was ganz Ungewöhnliches: Pizza! Es gibt auch noch ein italienisches Schauspiel gratis: Ein Auto blockiert alle anderen auf einem winzigen Platz, weil der Fahrer mal eben was erledigt. Geschrei und geschüttelte Fäuste, ein anderer verliert die Nerven, drängelt sich vorbei und fährt laut scheppernd über ein Verkehrsschild. Steigt aus, stellt es an eine Hauswand. Inzwischen ist auch der verschwundene Fahrer wieder aufgetaucht und alle fahren friedlich davon als wäre nichts gewesen. Wer wird denn wegen sowas die Carabinieri stören – die haben auch Mittag!


In der Altstadt haben zumindest einige Geschäfte der Touristen wegen geöffnet. Es ist nett, hier herumzuschlendern in den engen Gassen, die mich stark an Pontevedra in Galizien erinnern. Eine schöne alte Kirche steht am Anfang eines Weges, der auf einen riesigen Felsen mitten in der Stadt führt, Oben thront eine Festung. Aber mein heldenhafter Vorsatz, trotz der Schwüle hinaufzusteigen, erledigt sich – der Weg ist wegen Instandsetzungsarbeiten geschlossen.


Ich kaufe ein paar Mitbringsel, schlendere noch ein wenig und beschließe dann, einen Abstecher an den bekannten Sandstrand zu machen, der direkt an Stadt und Altstadt anschließt. Aber meine Verweildauer verkürzt sich stark angesichts des überfüllten Strandes, viele Abschnitte sind von den engstehenden Liegen der Hotels blockiert, der kleine Rest ist voll und nicht sehr sauber – einfach schrecklich. Ich flüchte ins Meer und verschwinde auf der Stelle wieder.


Auf dem Rückweg zum Auto entdecke ich einen wunderbar altmodischen Delikatessenladen, der nur Einheimisches verkauft. Der dicke Chef, offenbar Vorkoster persönlich, erkennt gleich das Leckermäulchen in mir und ich werde mit reichlich Kostproben von Käse und anderem verwöhnt – ich muss nur immer die Augen schwärmerisch verdrehen und „molto bene“ sagen. Aber – seine Rechnung geht auf und am Ende lasse ich ein ordentliches Sümmchen da und gehe mit einem schweren Beutel raus…
Der Rückweg wird wieder unerwartet etwas abenteuerlich, da das Navy , wie schon gesagt, hier angesichts der vielen gewundenen Straßen und des oft fehlenden Signals alles andere als verlässlich ist. Es führt mich zuerst auf die alte Küstenstraße nach Messina, die sich mit tausend Kurven, aber einem herrlichen Blick oberhalb des Meeres entlangwindet. Gerade habe ich beschlossen, die längere Strecke in Kauf zu nehmen, weil sie so schön ist, führt mich das Navy an einem Kreisverkehr völlig falsch auf eine immer schlechter werdende Straße, die in einem weiten Bogen unter der Autobahn durch rund um eine riesige Schlucht führt.


Meine Fahrkünste werden ein weiteres Mal getestet, als sich die Straße fast auflöst und in einen steilen Holperweg mit 170 Grad- Kurven direkt am Berg verwandelt. Eigentlich eine tolle Gegend und ich fahre durch Wildnis, aber auch an sehr schönen Gehöften vorbei, leider kann ich aber nichts wirklich anschauen, dazu ist die Strecke zu…anspruchsvoll. Endlich aber komme ich wieder auf die schöne Küstenstraße. Die ist zwar einspurig und eine Kurve geht in die nächste über, a ber sie ist gut asphaltiert und erscheint mit nun paradiesisch. Ich habe den Strand von Gioiosa Marea angepeilt und hoffe, noch zum Sonnenuntergang ein Bad nehmen zu können.


Irgendwie lande ich aber doch wieder eine Weile auf der der Autobahn….Aber letztendlich fahre ich früher ab und so erfahre ich, dass Gioiosa Marea nicht nur aus den auf den Bergen verteilten Anwesen besteht, sondern eine alten Ortskern am Meer hat. Richtig mit Kirche, Geschäften und Hauptstraße und ein paar Restaurants. Allerdings findet das Navy danach wieder nicht die richtige Straße zum benachbarten Strand. Und ringelt sich am Berg hoch und runter. Ich habe wohl die Überraschúngsroute gebucht….


Rund 12km später wird s mir zu dumm und ich biege einfach an einer kleinen Straße Richtung Meer ab – und lande in Capo Calava, einem wunderschönen Kiesstrand, der an einer beeindruckenden steilen Felsklippe endet. Ein Diskothek thront an der Straße, aber die schläft noch. Die letzten paar Strandbesucher sind gerade im Abmarsch, was ich gar nicht verstehen kann. Denn die Sonne verwandelt sich eben in einen orangen Ball kurz über dem Meer. Sunset. Ich stürze mich nach der langen Fahrt doppelt glücklich in die Fluten und schwimme der untergehenden Sonne entgegen. Was für ein Moment!


Ich beschließe, dermaßen erfrischt, noch einmal nach Gioiosa Marea zurückzufahren und mich in eine Bar zu setzen, einen Happen zu essen und einen kleinen Spaziergang zu machen. Das örtschen entpuppt sich als hübsch und gemütlich: mit einer kleinen Piazza, auf der die Alten zum Plausch sitzen, einer scheppernden kleinen Kirchturmglocke und einer angesagten Bar, vor der die Verliebten sitzen und Aperol Spritz trinken.
Ich kann aber erst mal nichts bestellen, denn es gibt keine Speisekarte, nur einen Barcode auf dem Tisch. Verstohlen lade ich eine App herunter, denn der Kellner scheint nicht mal auf die Idee zu kommen, dass jemand keine hat, so entschlossen, wie er auf den Code zeigt. Schöne neue C-Zeit.


Zufrieden setze ich mich später wieder ins Auto und denke, die paar Kilometer den Berg hoch schaffe ich nun auch noch. Aber da habe ich ein weiteres Mal die Rechnung ohne sizilianische Straßenführung gemacht. Es ist stockfinster, die Gegend fremd und voller kleiner Straßen – ich muss nach Navigation fahren. Und – fast schon zu erwarten: Das verdammte Ding führt mich auf die schrecklichsten „Straßen“ , die es hier gibt. In weitem Umweg über Bergkuppen und Strecken, die mich schweißgebadet ans Steuer ketten. Und wenn ich hier abrutsche, dann findet mich keiner….
Aber Ende gut, alles gut, ich hab’s geschafft. Glücklich verleibe ich mir noch einen leckeren Hauswein ein, der übrigens direkt hier auf dem Gut wächst, und falle in mein Bett.

2 – Der Ruf des Meeres

Geweckt werde ich um sieben vom Tuten des Nebelhorns. Als ich die Tür meiner Holzhütte öffne, muss ich erstmal die Augen zusammenkneifen: Soviel Licht! Trotz des Morgennebels, der sich eben zu lichten beginnt und eine Aquarellvariante der geschwungenen Küstenlinie und ein schüchternes Glitzern des Meeres präsentiert. Eine kleine Eidechse huscht über meinen Fluss und reißt mich aus der Träumerei. Offiziell ist der Pool noch nicht geöffnet… ich muss aber einfach ins türkise Wasser und ein paar Runden drehen.


In einem Liegestuhl, den ich an das Geländer der Terrasse geschoben habe, setze ich meine philosophischen Tagträume fort, bis ich die ersten menschlichen Stimmen irgendwo in der Nähe höre. Vor meiner Hütte rekelt sich eine schwarze Katze – passt. Nicht so paradiesisch ist die Dusche, die plötzlich heiß aus einer Düse schießt, die ich nie eingeschaltet hatte und mein Rückwärtssatz an die Kabinenwand, die böse aufkreischt. Auch mein Handy ist nicht aufgeladen, die Steckdose hatte keinen Kontakt. So ist das mit dem Gleichgewicht der guten und weniger guten Dinge, damit die Balance stimmt…


Das Frühstück wird Coronagerecht gereicht, man darf mit Maske das Buffet abschreiten und wird dann bedient auf der Terrasse. Das Angebot besteht aus Kochschinken, Käse und einer Million verschiedener Kuchen und süßer Gebäckteile. Aber der extrem leckere Caffe Espresso entschädigt.
Der Chef des Hotels steht plötzlich an meinem Tisch, stellt sich als Giuseppe vor, und plaudert ein wenig. Aber wie schon die Rezeptionistin am Abend, kommt er zu einem klaren Schluss: Signora, Sie brauchen eine Auto! Ich habe es gestern schon bereut, dass ich mir keinen Mietwagen in Palermo genommen habe, jetzt kriege ich richtig schlechte Laune, denn der nächste Autoverleih ist laut Internet im anderthalb Stunden entfernten Messina.
Aber dies wäre wohl nicht Italien, wenn es nicht doch irgendwie ginge. Claudia von der Rezeption hat da so einen Freund, der hat einen kleinen Autoverleih… Über die Bedingungen muss ich noch reden, das ist alles etwas unklar, aber am nächsten Vormittag werden Auto und Verleiher zu Verhandlungen erscheinen..


Ich hänge noch eine paar Stunden im Schatten am Pool herum. Inzwischen versammelt sich eine Gruppe älterer Italiener hier, die mir das Gefühl gibt, eine Statistenrolle in einer italienischen Filmkomödie aus den 50ern zu haben. Es wird laut, aufgeregt, durcheinander geschnattert, gelacht, geschimpft, bekreuzigt. Ständig springt einer auf, vor Aufregung , die Gesten sind wie in einer Satire – nur eben echt. Die brauchen kein Senioren-Fitness, jeden Tag so eine Unterhaltung reicht!
Guiseppe hat mich gefragt, ob ich mich zum Mittagessen anmelden will, aber angesichts dessen, dass ich schon aus logistischen Gründen hier wieder zu Abend essen werde, muss ich nein sagen. Soviel essen geht einfach nicht.


Ich lasse mir den Weg zum Meer erklären, denn ein Tag am Meer ohne ein Bad erscheint mir undenkbar. Trotz Mittagshitze mache ich mich auf den viereínhalb Kilometer-Fussweg. Immer steil nach unten in großen Schwüngen zu Tal. Manchmal stehen ein paar Gehöfte am Weg, Hühner gackern, Zicklein meckern – Bilderbuch-Landleben. Und die Ausblicke sind auf dieser Route immer anders schön, da die Berglandschaft erst langsam, dann steil vom Meer aus ansteigt und weite Ausblicke über Weinberge, Olivenhaine, Dörfer und Städte bietet . Einziger Fremdkörper: die riesige Autobahntrasse, die auf hohen Viadukten die Küste von den Bergen trennt. Alles tief grün und gesprenkelt von violetten und weißen Bougainvillea und anderen Blüten. Riesige Kakteenpflanzen werfen ihre reifen Früchte auf den Weg, ich möchte so ein stacheliges Geschoss nicht abkriegen…
Nur als ich unter der Autobahntrasse durchlaufe, kommt ein bisschen Slumgefühl auf, Lärm, schlechte Luft und Berge von Müll. Aber das geht vorüber und auf den letzten anderthalb Kilometern versorgt mich mamma Sicilia mit gesunder Wegzehrung: Riesige Brombeerhecken lassen mir ihre süßen Früchte fast in den Mund wachsen.


Jenseits der Bahntrasse dann kann ich das Meer schon riechen. Zwei Kurven noch… Dann ist es da, das wunderbare hellblaue Mittelmeer! Es gibt einen langen gelben Strand, aber der ist wirklich eine Prüfung für die Füße: Er besteht aus groben und feinem Kies und Steinen. Und das tut richtig weh! Auch im Wasser setzt sich das fort und ich habe leider keine wasserfesten Schuhe mit. Hundert Meter weiter sind Liegen aufgestellt, ich versuche, eine zu mieten, aber sie gehören zu einer Appartmentanlage und werden von zwei Bagnoli – Rettungsschwimmern – scharf bewacht, die nur den Kopf schütteln.


Ich beschließe erstmal etwas zu trinken, ich bin durstig, nach dem Marsch. Es gibt eine Pizzeria an der Straße. Der Caffe ist großartig und ein Eis dazu lässt den Schmerz an den Füssen fast verschwinden. An den Tischen zelebrieren italienische Großfamilie ihr ausgedehntes Sonntagsessen. Ich sitze mit Blick zum Strand. Was für ein Anblick, dieses glasklare hellblaue Meer! Jetzt hält mich nichts mehr: Baden!


Ich humple über den Strand und will mich gerade direkt neben den Liegen auf einen großen Steinbrocken setzen, da kommt der Ragazzo mit dem Rettungsschwimmer-Body , Sonnenbrille und Hipsterdutt angeschlenkert, zwinkert verwegen und schwingt eine Liege unter einen Sonnenschirm! Grazie, ich liebe Machos, die sich von ihrer großzügigen Gönnerseite zeigen… Die nächsten zwei Stunden schwimme ich abwechselnd im warmen Meer oder döse im Schatten und sehe es vom Strand aus einfach nur an…


Derart gestärkt mache ich mich auf den Rückweg, ich möchte nicht in die Dunkelheit kommen, angesichts der steilen, dunklen Straße, auf der auch Autos um die schmalen Kurven schießen. Nochmal Brombeeren, ein paar kleine Zicklein am Wegesrand streicheln und aufpassen, dass die nicht meinen Rucksack anknabbern. Aber irgendwann keuche ich irgendwann doch etwas und halte beim nächsten Auto den Daumen hoch. Ein freundlicher Signore bestätigt mir, daß ich auf dem richtigen Weg bin… Ichl mache ihm klar, dass ich das weiß, aber nicht mehr laufen möchte… Und so trampe ich – wie vor…..vielen Jahren. Urlaub verjüngt! …sagt man doch immer!


Und wieder lasse ich mir ein viergängiges Abendmenü mit Wein und Blick auf die Bucht schmecken. Der junge Kellner ist immer ganz besonders nett zu der Signora, die so alleine ist. Am Nebentisch sitzt ein deutsches Paar und so komme ich noch zu einem netten Gespräch. Guiseppe erkundigt sich, ob das mit dem Auto morgen klappt, sonst hätte er da auch noch eine Agentur…Tutto bene, signore!

1 – Zitronen? Mafia? Sizilien!

Sizilien! Palermo! – Für mich immer verschlagen blickende Männer mit Schlapphüten, dicken Zigarren, im Korbstuhl unter Zitronenbäumen, eine Uzzi … Mafia – ja und auch Robert de Niro, der Pate. So etwa sah meine Vorstellung von Sizilien aus, wenn ich nicht genug Zeit hatte, nachzudenken und eine politisch korrekte Vorstellung zu formulieren.
Aber was ich sehe, nachdem ich über das kleine Rollfeld in das eher bescheidene Empfangsgebäude des Flughafens Palermo – Aeroporto Internazionale di Palermo Punta Raisi “Falcone e Borsellino”, das ist eher enttäuschend. Eine Halle, bei der die Kabel ohne Verkleidung aus der Decke hängen, abgewetzte Gepäckbänder, ein einziger Kaffee- und Imbisstand und eine nicht nennenswerte Empfangshalle. Und es macht die Sache nicht besser, dass ich über zwei Stunden hier herumsitzen muss, bis der Shuttle zu meinem Hotel an der Nordostküste fährt… Ich bin einfach ungeeignet für Pauschalreisen. Aber Corona bringt mich dazu, sicherheitshalber diesmal auf diese Weise zu reisen.
Endlich kommen die Mitreisenden mit der Maschine aus München an – sie alle wollen nach Cefalú, das liegt auf der halben Strecke, nur ich tanze aus der Reihe. Aber als Zugeständnis an meinen Anti- All-Inclusive- Geschmack habe ich mir ein Agriturismo Hotel in den Bergen beim Städtchen Gioiosa Marea ausgesucht. Gemütlich, idyllisch mit Blick auf das Meer, keine Massenabsteige, aber eben nicht am Strand.
Als wir losfahren, ist das Wetter umgeschlagen, es regnet in Strömen. Trotzdem gefällt mir, was ich sehe: hohe, schroffe Berge mit felsigen Kuppen, an deren grünen Fluss sich Dörfer mit eher kleinen Häusern kuscheln. Olivenbäume, Pinien, Zypressen und Palmen. So, wie man sich – bei näherer Überlegung – Sizilien vorstellt. Ein paar Kilometer weiter streifen wir Palermo. Leider nicht die historische Innenstadt , sondern eher etwas uninteressantere Randbezirke. Aber ich habe schon hässlichere Suburbs gesehen.
Palermo liegt hinter uns, wir fahren immer an der Küste entlang, das Mittelmeer präsentiert sich allerdings regengrau, statt blau. Viele langgestreckte Buchten und Halbinseln, es ist wirklich eine sehr schöne Küste. Die hohen Berge sind nun etwas kleiner geworden, gefälliger, bis oben grün und bewaldet. Die Ortschaften sehen nicht spektakulär, aber ganz gemütlich aus. Meistens viereckige Häuser, kaum höher als zwei bis drei Stockwerke, fast immer gibt es einen Garte, blühende Bäume und Blüten überall. Alles sehr grün. Der Flughafen ist vergessen – ich mag, was ich sehe.
Immer öfter taucht der Kleinbus in Tunnel ein, die uns durch die Berge führen, die fast bis ans Meer reichen. Noch näher an der Küste als wir fahren, führt eine Zugstrecke nach Messina, das ist eine bekanntermaßen gängige und schnelle Art hier zu reisen. Die Dämmerung bricht herein, es regnet immer noch. Die Tunnel werden immer länger. Nach gut einer Stunde verlassen wir die Autobahn und biegen nach Cefalú ab, einer bei Touristen wohl sehr beliebten Stadt wegen der schönen Strände und der für den Autoverkehr gesperrten historischen Innenstadt. Allerdings bekomme ich davon nichts mehr zu sehen. An einer Tankstelle hält der Bus und ich werde umgeladen in einen schwarzen Dacia. Für nur eine Person fährt der Kollege den Rest der Strecke mit mir.
Ein dicker gemütlicher Sizilianer ist jetzt mein Fahrer, allzuviel reden können wir nicht, er spricht nur ein paar Worte Englisch und mein Spanisch versteht er auch nur in etwa. Einen schönen Sonnenuntergang, auf den ich gehofft hatte, gönnen mir die dichten Wolken nicht. Aber ich hätte wohl auch nicht viel davon gesehen, wir fahren jetzt durch immer neue, oft Kilometerlange Tunnel. Zwischendurch genieße ich den Blick auf die glitzernden Lichter der Orte in den Bergen. Und erfahre dann, dass die großen Inseln, die ich im Abenddunst weit draußen entdeckt habe, die äolischen Inseln sind, Vulkaninseln. Die bekannteste ist Stromboli. Mein Fahrer sagt, ich solle hinfahren, schnell, denn in einigen Tagen endet die Saison. Guter Tipp.
Endlich biegen wir, nun schon im Dunklen, im Städtchen Patti ab, das eher unspektakulär wirkt, bei dem Wetter sind auch kaum Menschen zu sehen. Ab jetzt geht es in die Berge zum „Agriturismo Santa Margherita“. Eine enge, sich sieben Kilometer in die Berge schlängelnde , stockdunkle Serpentinenstraße bringt uns schließlich zur Einfahrt des Hotels. Der Beschreibung nach ein altes Landgut, das für Gäste ausgebaut wurde.
Ich Kämpfe mich mit meinem Trolli ein paar Treppen und holprige Wege hoch und ´runter, bis ich endlich am Haupthaus mit der Rezeption bin . Sieht ziemlich nett aus, eben so ein altes Landhaus, in dem außer der Rezeption noch das Restaurant und einige Gästezimmer untergebracht sind. Ich habe aber auch schon zwei im Olivenhain versteckte Bungalows in der Dunkelheit ausgemacht. Und das allerschönste: Ich stehe plötzlich auf der dunklen Terrasse vor dem alten Herrenhaus neben einem Zitronenbäumen und blühender Bougainville und sehe vor mir eine glitzernde Bucht… und ich höre das Meer rauschen, bis hier! Die Welt ist schön!
Eine nette, gut englischsprechende Rezeptionistin empfängt mich – mit Mundschutz natürlich, Italien hat Corona das Fürchten gelehrt– und teilt mir mit, dass ich den Bungalow direkt am Pool habe. Besser geht es nicht. Sie erzählt mir noch, dass das Gelände sehr groß ist, was in der chwarzen Dunkelheit nicht zu erkennen ist, und fährt mich in einem kleinen Bogen mit dem Auto, da ich mit dem Gepäck die rund 300 Meter über Treppchen und Sandwege gehen müsste. Die ganze Anlage ist relativ steil in den Berg gebaut, mit Terrassen, Treppchen und Pfaden.
Der Holzbungalow ist wohl schon einige Jahre alt und ist eigentlich ein 4-Bettzimmer. Sieht alles eher nach Berghütte aus. Mit egal. Es ist sauber. Liegt neben dem Pool… ich suche mir das Doppelbett in der Mitte aus. Die Einrichtung ist ein bisschen abgeschrappt und zusammengewürfelt und … „etwas italienisch“…(sorry): Von insgesamt sechs Lichtschaltern funktioniert einer, ebenfalls nur eine Steckdose, bei der Hightech-Duschkabine im Bad (mit vielen Finessen) funktioniert gerade mal die Handdusche Das Badezimmerfenster lässt sich nicht öffnen, weil es von der Duschkabine einen Zentimeter überragt wird. Und den Kühlschrank verkeile ich schräg an der Wand, damit er aufhört, laut zu brummen.
Aber es bleibt dabei: Die Welt ist schön. Vor meiner Tür steht eine Bananenstaude mit Früchten, Olivenbäume, dahinter glitzert der (leider schon geschlossene) Pool auf einer herrlichen weiteren Terrasse mit Blick auf die Küste.
Was nun noch bleibt an diesem ersten Tag, ist das Abendessen, für das man sich nach Bedarf, anmelden muss, was ich beim Einchecken getan habe. Mit einer Lampe ausgerüstet mache ich mich auf den Weg, der sonst Knöchel-gefährdend wäre. Ich springe wie ein aufgeschreckt Huhn in einen Olivenbaum, als plötzlich in der Dunkelheit neben mit ein Esel laut schreit. Uff…Aber der hat sich bestimmt genauso erschrocken.
Heute findet das Abendessen wegen des vorausgegangenen schlechten Wetters im Restaurant statt, bei gutem Wetter wohl auf der Terrasse. Da ich allein bin, bekomme ich einen Einzel-Tisch in einer Ecke. Macht nichts, ich habe eine guten Blick auf das Restaurant. Das Publikum ist überwiegend italienisch, aber ein paar Ausländer sind auch dabei. Die Lautstärke ist beachtlich, das Klischee stimmt, nur eine laute Unterhaltung ist eine gute Unterhaltung….
Hier wird nicht gefragt, was der Gast möchte, sondern der Kellner kommt und stellt hin. Es gibt, was es gibt. Man kann sich lediglich bezüglich des Umfangs entscheiden zwischen Vorspeisen + Wein und Wasser oder einem 2, 3 oder 4-Gänge Menü, der Unterschied sind ganze 6 Euro. Das Leben ist kurz – ich nehm alles. Eigentlich reichen die verschiedenen sehr leckeren Vorspeisen schon, aber ich mache tapfer weiter mit Gemüse-Kräuter-Risotto, Hähnchen-Teig-Rouladen, Salat und einem gigantischen Nachtisch á la Protfiterole mit Schokocreme und Sahne. Dass die gratis Flasche vom extrem leckeren und gefährlich süffigen hauseigenen Syrah fast alle ist – habe ich gar nicht bemerkt . Erst auf dem Weg zu meiner Hütte…
Nach dem etwas holprigen Start und einem langen Anreisetag, verspricht es ein schöner kurzer Urlaub zu werden. Auch ohne Al Capone & Co.

12. Die letzte Etappe

Bangkok, Flughafen Don Muaeng. Mein Gepäck ist wieder nicht da, ich erspare euch meinen Anfall beim Thai Lion Air Schalter…. Aber mit Erfolg: man hat noch mal gesucht und es ganz wo anders gefunden.


Mit dem Linienbus fahre ich downtown bis zur Party Meile Khaosan Road. Laut Google fehlen noch anderthalb Kilometer zu meinem Hotel. Die ersten TukTukfahrer wollen mich dreist abzocken sie verlangen das Vierfache des angemessenen Preises. Dann fährt mich doch ein netter älterer Mensch für einen fairen Preis. Ich habe das Boonsiri Place Hotel gebucht, in der irrigen Annahme, dass dort morgen früh auch die Busse des gleichnamigen Transport-Unternehmens abfahren. Falsch gedacht, aber es ist zumindest nicht weit.


Bangkok, mitten in der Nacht, irgendwie immer wieder ein kleiner Schock, diese heiße, stickige, schmutzige, aber faszinierende Stadt. Moloch trifft es ganz gut. Allerdings sind in dem Viertel vom Stadtteil Pranakorn, in dem das große, total sterile Hotel steht, schon alle Schotten dicht – zumindest alle die, die für einen Durchschnittsfremden interessant wären. Es ist so ziemlich stockdunkel und der Concierge erklärt mir, dass alle Restaurants hier bereits geschlossen haben. Er empfiehlt mir ernsthaft den 7/11-Markt an der Ecke.
Ich habe Hunger, also was sollś. Vor dem 7/11-Markt lungern allerdings seltsame Gestalten herum, Obdachlose, Junkies, Babyprostituierte. Also weiter – an der nächsten Ecke hat noch eine kleine Suppenküche offen. Wieder umlagert von der untersten Schicht der Gesellschaft. Etwas erstaunte, aber nicht unfreundliche Blicke auf mich Fremdling. Skeptisch.

Und genauso sehe ich das Speisen-Angebot an: Nein, das möchte ich nicht essen. Aber einmal unterwegs marschiere ich weiter. Ich habe eigentlich nie Angst hier, aber diesmal stecke ich meinen Geldvorrat von der Umhängetasche doch in die Unterwäsche. Aber die Obdachlosen schauen nur bierverhangen und mäßig interessiert diese komische Farang an, die hier langspaziert.


Fünf Minuten später habe ich eine geöffnete Eckkneipe entdeckt, Marke Szenekneipe mit Billiard. Ein paar junge Franzosen grölen hier herum, der langhaarige Wirt winkt mir aufmunternd zu. Am Bordstein steht eine mobile Suppenküche, die gut aussieht. Ich bestelle mir eine Suppe und aus der Kneipe ein Bier. Alles gut, ich bin satt und um halb eins endlich im Hotel. Ich muss halb sechs aufstehen, dann beginnt mein Trip auf meine Lieblingsinsel Koh Kood – mit Bus und Fähre.


Am Morgen sitzt der Obdachlose in dem alten Sessel, der gestern links von der Tür saß, rechts, sonst hat sich nichts verändert. Es ist noch dunkel. Ein Tuktuk wartet, der Concierge hat den Preis schon ausgehandelt.

Bangkok wacht gerade erst auf, die meisten Straßenstände, die tagsüber in diesen Innenstadtvierteln fast alle Bürgersteige belegen, sind noch verhangen, erste Händler tauchen mit Warennachschub auf. So halb leer im Morgengrauen sieht die Stadt schon ziemlich schmutzig und etwas trostlos aus, mit all dem Schimmel, den kaputten Fassaden und dem Müll. Später werden sich die Straßen aber mit so viel Leben füllen, dass es nicht mehr auffällt.


In der Lobby des Boonsiri Hostels ist der Check in, das heißt, ein mürrischer Kerl macht einen Bleistifthaken auf der entsprechenden Busliste. Die Busse stehen schon da, es ist aber noch kein Einstieg, bis zur Abfahrt fehlt eine Dreiviertelstunde. Ich überlasse mein Gepäck der Obhut eines wartenden englischen Alt-Hippiepaares, das macht hier jeder. Ich durchstreife zwei Querstraßen auf der Suche nach Kaffee und etwas Essbarem vor der fünfstündigen Busfahrt. Gar nicht so leicht, obwohl hier garantiert eine knappe Stunde später ein Stand am anderen alles Essbare anbietet, was man sich denken kann. Ich ergattere einen miesen Kaffee und muss tatsächlich einen abgepackten Fertigtoast aus dem 7/11 essen, der aber zumindest noch mal aufgewämt wird.


Endlich geht es los, der große Reisebus ist ausgebucht, die Leute wollen alle auf eine der Inseln im nördlichen Golf von Thailand. Der Bus schiebt sich durch den nervtötenden Berufsverkehr, vorbei an einigen der imposanten goldenen Tempeln und kitschigen überlebensgroßen Bildern des Rama. Nach über anderthalb Stunden haben wir es endlich aus der Stadt herausgeschafft und preschen durch die grüne, aber etwas eintönige Landschaft und etliche gesichtslose Ortschaften Richtung Trat – der Provinzhauptstadt an der Küste.


Der Umstieg klappt wie am Schnürchen, an der Station können wir endlich etwas Richtiges essen, dann sind alle Reisenden sortiert, etikettiert und abgefertigt. Ab auf den Highspeed Catamaran. Es gibt auch ein langsameres Schiff, aber wer will das schon, die Anreise auf die Inseln dauert so schon lange genug, wir werden frühestens gegen vier auf der Insel sein.


Mir geht das Herz auf, als ich die grüne Insel mit ihren Urwaldbergen und dem großen goldenen Buddha sehe, der auf dem Hügel über dem Pier über Insel und Meer wacht. Es ist ein bisschen wie nach Hause kommen nach meiner Kreuz-und Quer-Reise. Die Pickups verteilen die Ankommenden gratis auf ihr Unterkünfte – das ist Inselservice, denn sonst gibt es hier keine Autos oder Taxen.


Die Begrüßung ist herzlich und fröhlich, ich habe Stammgaststatus. Irgendwie ist das einfache, aber begehrte Eve Guesthouse auf der südlichen Inselhälfte ein Ort, an dem die meisten Gäste Wiederkehrende sind. Das liegt an der netten Atmosphäre. Jeder hat sein winziges, einfaches Hüttchen, einige schlafen auch im Dorm, dem Schlafsaal, und alle begegnen sich im Restaurant, das keine Wände hat, aber von vielen Pflanzen umwachsen ist. Die besondere, sehr entspannte Athmosphäre zieht überwiegend eine bestimmte international gut gemischte Klientel an, die gut zusammenpasst. So kann man hier für sich bleiben oder auch andere kennenlernen, je nach Stimmung.


Koh Kood ist noch immer DIE Insel, auf der man abhängen, chillen oder tauchen kann. Parties sind hier eher selten. Aber genau deshalb lieben alle diese Insel. Kaum Autos, verrückte gewundene und steile Straßen, die bei mir auf dem Motorroller immer noch ein Prickeln auf der Kopfhaut auslösen, alles in dichtem Grün, mit schönen, weißen Stränden. Hunde, Affen, Katzen, Geckos in allen Größen.


Die nächsten Tage vergehen wie im Flug. Ich gehe tauchen mit meiner „Tauchfamilie“, den Paradiese Divers. Ein Nachtauchgang ist besonders toll. Aber zu Thailands größtem Wrack der HTMS Chang, der allerbeste Tauchspot hier, schaffen wir es leider nicht – zu wenig Teilnehmer, es ist gerade etwas ruhig nach dem Boom zu Weihnachten/Neujahr. Und das Wrack mit seinen Millionen Fischen ist zu weit, als dass man mit einer Handvoll Leuten dahin fahren kann, das wäre weder ökonomisch , noch ökologisch vertretbar. Egal – es ist auch so schön.


Die Inseltage vergehen wie im Flug. Die Schreiberin sitzt gerade beim Sonnenuntergang am etwas abgelegenen Neverland Beach und wird ein wenig wehmütig, aber auch dankbar für diese spannende und entspannende Zeit in Thailand. Immer wieder schön. Gerne wieder! Ich kannś schon jetzt kaum erwarten.

11. Frühstück im Bach

Die erste Handlung nach dem Frühstück: Umziehen. Ich war zu faul zum Klinkenputzen und habe für die verbleibende Nacht einfach online eine Pension gebucht, anderthalb Kilometer entfernt. Laufen? Nach 400 Metern mit Gepäck über steinigen, kaputten Asphalts neben den Autos bei brennender Sonne nehme ich dann doch ein Taxi.

Das Khao Lak Seafan B&B ist am Ende des Ortes und recht einfach. Aber immerhin gibt mir die Managerin gleich ein Zimmer mit Fenster. Ich hatte ganz vergessen, dass das hier nicht selbstverständlich ist. Sachen abwerfen und los. Roller leihen. Oh Gott: schweinchenrosa… es ist der Letzte.

Auf nach Norden: der erste Strand, an den ich nach etwa zwanzig Minuten Schussfahrt durch den Endlos-Ort abbiege, heißt Pakarang Beach. Hier ist es viel, viel ruhiger als in Nang Tong oder Bang Niang Beach, den beiden Hauptstränden. Der feine Sandstreifen ist nicht sehr breit, aber von schattigen Bäumen gesäumt. Ein paar kleine Restaurants bündeln sich am Ende der Straße, sonst gibt es nicht viel.

Außer dem Tsunami Center. Es gibt sogar ein Museum, aber das ist gerade geschlossen. Der Schock sitzt hier immer noch tief offensichtlich nach all den Jahren. Überall ist eine Evakuierungsroute ausgezeichnet und es gibt es Hinweisschilder, wie man sich im Falle eines Tsunami verhalten soll. Wie man allerdings höhere Regionen aufsuchen soll, wo es hier überall weiträumig flach ist, weiß ich nicht so recht.

Aber ich will weiter – irgendwie glaube ich der Coconut Beach ist das, wonach ich suche. Eine Ahnung, nicht mehr. Diesmal stimmt die Wegbeschreibung sogar – war auch nicht so schwer bei drei Kilometern. Ich rumple die letzten Kilometer über eine schmale, steinige Lehmpiste durch einen wunderbaren Palmenwald. Ich muss mich auf dem Weg konzentrieren, obwohl meine Augen immer in den Palmwedel verzauberten Himmel schauen wollen.

Was für ein wunderschöner Strand! Strahlend weiß, Palmen gesäumt und das Wasser strahlt ganz hellblau kristallklar. An dem mindestens zweieinhalb Kilometer langen sanft geschwungenen Strand, der am nördlichen Ende White Beach heißt, sind in Abständen etwa sechs Restaurants verteilt, die auch Sonnenliegen anbieten. Dazwischen gibt es immer wieder völlig freien Platz. das ist eher Urlaunsfeeling als die vollen Hauptstrände. Es ist schon fast zu viel Postkarte. Glaubt sicher jeder, die Fotos sind bearbeitet.

Das dritte Strandrestaurant gefällt mir, ich nehme mir eine Liege fast am Ende unter grünen Zweigen. Ein frischer Kokosmilchshake und die Welt kann schöner nicht sein….

Irgendwann höre ich hinter mir im Wald etwas rumoren. Als ich nachschauen gehe, sehe ich zunächst nur einen Thaibauern, der immer in den Himmel zu schauen scheint. Tatsächlich aber schaut er nach einem Affen, der an einer Leine gehalten in die bestimmt zwischen fünfzehn und zwanzig Meter hohe Palme geklettert ist. da oben erntet er die Kokosnüsse und wirft sie herunter.

Wie praktisch! Der Affe tut, was er mag, und das umfasst auch einige Turnübungen und lustige Affereien, und die Kokosnüssse bedrohen nicht länger zerbrechliche Touristenköpfe! Die Nüsse, die schon alt sind, kommen auf einem Haufen, die grünen auf einen anderen. Sie werden, wie ich höre, einmal die Woche nach Phuket und Krabi gefahren für die Restaurants.

Der Nachmittag neigt sich und ich mache mich auf den Rückweg. Duschen, umziehen und nochmal los. Schließlich habe ich noch nicht meine Pflichtinspektion des örtlichen Nachtmarktes unternommen. Der liegt im Nachbarort Bang Niang.

Ich habe Mühe einen winzigen Parkplatz zwischen den hunderten Rollern am Straßenrand zu find. Aber es duftet wunderbar. Ich streife einmal über das komplette Terrain, schließlich muss man die Speisekarte hier zu Fuß ablaufen, bevor man sich entscheidet. In der Mitte gibt es eine Traglufthalle mit Bars, an denen Cocktails ausgeschenkt werden und billige Kleider und Hüte auf Touristen warten. Hier ist auch die obligatorische Minibühne, auf der wie immer Laien für das Entertainment sorgen. Diesmal ist es eine junge Thai mit einer erstaunlich guten Bluesstimme, die amerikanische Songs darbietet.

Ich ende mit einer wilden Zusammenstellung von Salatdumplings, koreanischem Grillspießen, scharfer chinesischer Wurst, frittiertem Gemüse, einem Sommerrollenwrap mit Salat und rohem Lachs und Bratlingstalern aus grüner Kokosnuss in drei Farben als Nachtisch am Rand des Maktes. Hier finde ich sogar einen Tisch, an dem ich meine, leider jeweils in Plastik verpackten, Köstlichkeiten essen kann. Mit einem großen Chang Bier dazu. Lecker.

Das ist übrigens die Schattenseite der vielen Suppenküchen, Straßenimbisse und Nachtmärkte: der Müll. Aber leider haben sie wirklich nichts anderes im Programm wie z.b. Teller… Nicht ein einziger Stand hat hier Mehrweg-Geschirr. Das ist zum Glück nicht überall so auschließlich, aber meistens.

Am Morgen danach stehe ich früh auf, denn ich will meine verbleibende Zeit bis drei Uhr noch nutzen. Dann bringt mich ein Taxi für knapp dreißig Euro in anderthalb Stunden zum Flughafen Phuket. Die einzige Alternative wäre der zweimal täglich fahrende Bus nach Phuket Busbahnhof. Aber der braucht lange, fährt zu ungünstigen Zeiten und ich müsse am Ende doch noch ein Taxi zum Airport nehmen. Dann lieber mal Luxus.

Rauf auf mein rosa Gefährt und los, wieder Richtung Norden. Es gibt drei Wasserfälle in der Umgebung. Meine super nette Hotelfrau hat mir verraten, dass einer davon ohne Nationalparkgebühren zugänglich ist. Und ich werde auch gleich noch mit einem Restaurant-Tipp versorgt, wo „echtes“ Thai-Essen („not the Thaifood for tourists“) serviert wird.

Gute zwanzig Kilometer nördlich rumple ich in den Wald bis zum letzten Parkplatz vor dem Sai Rung Wasserfall – dem Regenbogenwasserfall. Ein paar freundliche Hunde beschnuppern mich, dann darf ich ihre Babies streicheln.

Auf dem Weg zum Wasserfall höre ich plötzlich wasser plätschern. Als ich den munteren Gebirgsbach zwischen all dem üppigen Grün endlich sehen kann, traue ich meinen Augen nicht: Lose verteilt stehen Tische und Stühle mitten in dem plätschernden Wasser. Sie gehören zu einem fast komplett mit Pflanzen überwachsenen Restaurant, das ein Stück zurückgesetzt im Wald steht: Suam Nam Riem. Genau das, was mir meine Wirtin wegen des guten Essens empfohlen hat!

Ich bin völlig aus dem Häuschen. Sowas habe ich hier nun wirklich nicht erwartet. Eine erfrischendere Einkehr kann man sich bei dieser Hitze wirklich nicht vorstellen. Das hat was von einer Fatamorgana!

Da fällt mir ein: Ich habe noch gar nicht gefrühstückt… Also wenn nicht hier, wo dann: Scharfes Grünes Curry und frischen Orangensaft und Espresso – mit Fußbad, Blätterdach und Sonnenflecken als Tischdeko. Es ist definitiv das tollste Frühstück meines Urlaubs. Und ja, die Küche ist extrem gut!

Derart gestärkt und bestens gelaunt wandere ich das kleine Stück bergauf zum Wasserfall. Gleich auf der anderen Uferseite im Wald stehen ein paar heruntergekommene Ruinen von Picknickpavillions. Wirklich Schandflecken in dieser Umgebung. Passt irgendwie so gar nicht zu dem liebevoll in die Natur eingefügten Restaurant.

Der Regenbogenwasserfall hat seinen Namen sicher vom Farbenspiel der einfallenden Sonnenstrahlen auf der Gischt des herabfallenden Wassers. Inmitten des Grüns ein schöner Anblick, auch wenn der Wasserfall nicht besonders hoch ist. Ungefähr zehn Meter. Die Vögel zwitschern tapfer gegen das laute Rauschen an und ein paar blaugelbe Schmetterlinge vervollständigen die Idylle.

Auf dem Rückweg entdecke ich noch einen besonders großen, goldenen Altar, mit Blumen und Räucherkerzen überhäuft, auf einer Lichtung neben dem Haus. Plötzlich steht ein Mann neben mir, verbeugt sich respektvoll und wünscht mir ein glückliches neues Jahr. Es ist der Besitzer. Ich lobe sein Restaurant und vor allem das Essen. Stolz erklärt er mir, dass der Koch auch früher Chefkoch in einem berühmten Hotel war, bevor er hierher gekommen ist.

Ich mache dem Mann auch Komplimente über den wunderbaren Ort und die kleinen Bach-Tische. Er erklärt mir, dass sie nur von sechs Uhr morgens bis sechs Uhr abends da stehen dürfen wegen der Natur. Ich wage eine vorsichtige Frage, warum denn dann diese Ruinen da im Wald stehen… Er winkt empört ab und erzählt, dass das jemand ohne Erlaubnis gebaut hatte. Das Restaurant wurde aber geschlossen, da so nah am Wasser nichts gebaut werden darf. Aber das Land gehört ihm nicht und er muss warten, bis der Besitzer des anderen Ufergrundstücks die Ruinen abbaut. Wie verbeugen uns noch eine Runde voneinander und trennen uns in gegenseitiger Wertschätzung…

Mir bleibt noch Zeit, deshalb beschließe ich, noch ein wenig am Coconutbeach zu chillen, bevor ich mich wieder auf die Reise mache. Zurück in der Pension erlaubt mir Meo, die Chefin, in ihrem Zimmer zu duschen und mich umzuziehen. Danach haben wir vor meinem Abschied noch einen sehr interessanten Frauenplausch.

Die extrem attraktive und selbstbewußte Frau mit wallender Mähne bis zur Taille und einem sehr freizügigen Dekolleté erzählt mir, dass sie Muslimin sei. Aber trotzdem sei es hier in Thailand möglich, selbst zu entscheiden, wie sie ihre Religion lebe. Sie ist verheiratet und hat zwei Kinder – in Krabi. Es würde zu weit führen, diese sehr persönliche Unterhaltung hier wiedergeben zu wollen. Aber fest steht, was ich über ihr Leben, gesellschaftliche Regeln, Moral und die Arrangements darin erfahren habe, hat mich ziemlich verwirrt und mein Bild vom Leben hier ganz schön durcheinandergewürfelt.

Aber einen Aspekt des Gespräches möchte ich doch wiedergeben: Meo arbeitet hier als Geschäftsführerin, obwohl ihre Familie und ihr Haus in Krabi sind, weil sie von dem Unternehmen darum gebeten wurde. Sie will nicht kündigen, weil sie dem Unternehmen dankbar ist, das ihr Studium bezahlt hat und jetzt Geld für ihren Sohn auf dem College dazugibt.

Das bedeutet konkret, dass sie ihre Familie acht Monate im Jahr nicht sieht, da sie während der Saison, von Oktober bis Mai, keinen freien Tag hat. In dieser Zeit beträgt ihr Gehalt 10.000 Baht (295 Euro). Danach braucht sie vier Monate nicht zu arbeiten und bekommt trotzdem 6000 Baht (180 Euro). Als Geschäftsführerin wohlgemerkt….Und so billig ist Thailand eigentlich auch nicht mehr, dass ich mir vorstellen könnte, wie das funktioniert…..

10. Nordwärts – nach Khao Lak

Die Zeit vergeht viel zu schnell. Also heißt es wieder packen und weiterziehen. Krabi war gestern. Mein Ziel ist Khao Lak. Bei den meisten wird jetzt sicher sofort die Erinnerung an den Tsunami Weihnachten 2004 geweckt, der diese Region besonders getroffen und verwüstet hat.

Khao Lak liegt gut zwei Stunden nördlich von Krabi und ist eigentlich ein Berg. Aber auch die noch relativ junge Urlaubsregion westlich davon an der Küste des Indischen Ozeans heißt so. Von Phuket ziehen sich endlos immer neue Sandstrände nach Norden bis hier her.

Aber bevor ich das alles in Augenschein nehmen kann, muss ich erstmal hinkommen. Der gebuchte Minibus kommt eine dreiviertel Stunde zu spät und befreit mich endlich vom endlosen Gelaber der schon wieder beim Bier sitzenden Männertruppe im Baan To Guesthouse. Ich freue mich, dass der Van mal nicht überfüllt ist. Zu früh gefreut. Es ist nur ein Shuttle, der uns zu einem außerhalb von Krabi gelegenen Dorf bringt.

Hier ist die Abfahrtstation von Minibussen und ein paar großen Überland-Bussen. In einer überfüllten Traglufthalle an einer staubigen Dorfstraße drängeln sich schwitzende Touristen mit ihrem Gepäck. Ein riesiges Chaos auf den ersten Blick. Aber wie fast immer hier – eines mit System. Jeder bekommt bei Ankunft einen handbeschrifteten Papieraufkleber mit seinem Ziel angeklebt. Alles funktioniert über handgeschriebene Listen und laut gebrüllte, aber oft kaum verständliche Aufrufe, wenn wieder einer der Vans vollgestopft wird. Statt 10 Uhr dreißig, werden wir um 12 Uhr endlich aufgerufen.

Eigentlich überflüssig zu sagen, dass auch der allerletzte Platz besetzt ist und das Gepäck nicht reinpasst. Die letzten Gepäckstücke werden in den Sitzraum gequetscht, ehe die Tür davor geschlossen wird. Wir haben ein besonders altes, lädiertes, ziemlich schmutziges Gefährt erwischt. Auch der Fahrer entspricht dieser Beschreibung. Ich bin trotzdem froh, dass ich auf dem Sitz ganz vorne einsteigen darf, auch wenn ich mir vornehme, meine Sachen sofort nach Ankunft zu waschen…

Langsam schiebt sich unsere Transportrostlaube durch die Landschaft, wir passieren eben jene Berge, die ich gestern entdeckt habe. Plötzlich habe ich das sichere Gefühl, dass meine Füsse nass sind. Die alte, kaputte Klimaanlage flutet meinen Fußbereich mit schmierigen Wasser! Und mein kleiner Rucksack mittendrin. Toll!

Nach anderthalb Stunden wird Essenspause verordnet. Wir wollen eigentlich alle schnell weiter, aber der Fahrer hat Hunger und will Mittagessen. Eine kleine, schäbige Raststätte, bei der alles ziemlich rott aussieht – außer der Tisch, an dem das Essen nach Thai-Art aus den vorbereiteten Zutaten frisch zubereitet wird. Der ist tadellos sauber.

Ich nutze die Gelegenheit, den Müll neben dem Haus zu sichten und finde zwei leere Pappkartons, die ich zum Isolieren meiner Füße von der Überschwemmung benutzen kann. Der Fahrer klopft mir anerkennend auf die Schulter. Weiter gehtś.

Die Landschaft ist grün und wird zunehmend wieder bergig: Der berg Khao Lak. Aber bis wir in der gleichnamigen Urlauberregion sind, dauert es noch eine Weile. Schließlich kann man das Meer linksseitig durch die Bäume ahnen. Die mehr oder weniger ineinander übergehenden Strände und dazugehörigen kleinen Orte liegen an einer 25 km langen Straße, es ist kaum auszumachen, in welchem Ort man gerade ist. Hauptort ist La Ohn.

Endlich darf ich aussteigen, mein Hotel Sri Chada liegt direkt an der Straße und sieht eher wenig einladend aus. Der Eindruck täuscht: Das Zimmer ist super! Aber diesmal habe ich nur eine Nacht gebucht, weil ich nicht sicher war, ob es mir gefällt. Und prompt kann ich nicht verlängern, alles ausgebucht. Egal, das ist erst morgen.

Ich mache mich zu einem ersten Erkundungsgang auf. Vorbei an Dutzenden, sich aneinanderreihenden Restaurants, Bars und kleinen Geschäften. Trotzdem wirkt das alles nicht so unangenehm, wie in Phuket oder Ao Nang. Ich halte nach einer Möglichkeit Ausschau, an den Strand zu kommen. Endlich finde ich eine Gasse und den Hinweis auf den Nang Thong Beach. Allerdings ist das Meer viel weiter entfernt als angenommen. Nach einer Viertelstunde Fußweg sehe ich endlich den Ozean schimmern.

Aber – eigentlich darf ich hier nicht weitergehen, ein Zaun trennt das Grundstück eines Ressorts ab, das vor dem eigentlich öffentlichen Strand liegt, und der nimmt kein Ende. Schließlich ist mir das zu dumm und ich klettere durch ein Loch. Der Strand ist dunkelgelb, nicht besonders breit und es ein paar Felsen thronen halb im Wasser, halb auf dem Strand. Nang Thong Beach landet auf einem Mittelplatz meiner Wertescala.

Nach einem kleinen Spaziergang ist Anbaden in Khao Lak. Ich mache mir einen Spaß daraus, danach die Security-Leute am Zugang zu einem Edelressort auszutricksen und die Dusche hinter der Mauer zu benutzen. Und da ich bemerkt habe, dass es für die allgemeine Öffentlichkeit nur wenige, weit voneinander entfernte, anderthalb Meter breite Tsunami Evacuation Routes als Zugang zum Strand gibt, beschließe ich, einfach durch das Ressort zurück zur Straße zu gehen.

Großer Fehler. Ich irre fast zwanzig Minuten über ein schier endloses Gelände – eine eigene kleine Stadt, hermetisch abgeriegelt. Endlich finde ich einen gut bewachten Lieferantenzugang. Mit Charme und wide smile schaffe ich es, aus dem Leben der Schönen und Reichen zu verschwinden.

In dem quirligen Straßenort findet sich so ziemlich alles – kulinarisch gesehen. Skandinavisches Frühstück, italienische und französische Küche, japanische Sushi – und eine deutsche Bäckerei. Die ist zwar groß genug, um ein nettes kleines Frühstückscafé zu beherrbergen, ist aber nüchtern nur mit einem Ladentisch, einer Glasvitrine mit Gebäckteilen und zwei trostlosen Tischen und einem muffeligen Schwaben eingerichtet. Kaffee gibt es, aber dazu nur die Gebäckstücke, so wie sie sind. Wenig einladend.

Ich bin müde, esse einfach gleich hier, statt – wie schon traditionell nach Ankunft – auf dem Nachtmarkt, der drei Kilometer entfernt ist. Morgen werde ich andere Strände erkunden, Coconut Beach ist der, der mir am interessantesten klingt.