Ouro Preto/Brasilien 2018: die Natur

Tag 2. Noch Muskelkater vom Stadtklettern gestern und schon wieder ein weiterer Sprint bergauf und –ab: wegen des Frühstücks. Selbe Klettertour zurück, dann holt uns unser persönlicher Taxifahrer für den Tag, Passarinho, wie verabredet ab. Er hat sich überlegt, dass er uns nicht einfach auf dem kürzesten Weg nach Andorinhas fährt, wie verbredet, sondern auf einer Extra-Route mit schönen Ausblicken und Geschichte.

An einem Aussichtspunkt über der Stadt machen wir Halt und bekommen wir eine volle Dröhnung Stadt- und Goldrauschgeschichte. Er rattert Jahreszahlen herunter, erzählt von Goldsuchern, Ganoven, gierigen Gouverneuren, Rebellen und abgeschlagenen Köpfen. Es macht ihm sichtlich Spass, Fremden seine Stadt zu erklären. Er regt sich darüber auf, dass die Stadt, die vom Tourismus lebt, nicht Schulungen für alle Taxifahrer darüber anbietet. So sei er der einzige von den 103 Taxifahrern, die sich in Geschichte und Natur der Umgebung auskennen würden. Glück gehabt! Oder Karma..?

Wir lernen das Viertel São Sebastião kennen, das ruhig und gemütlich auf einem Berg thront. Hier geht das Leben noch einen gemütlichen Gang, die Nachbarn leben noch in tatsächlicher Nachbarschaft miteinander, man kann es spüren. Und hier gibt es auch die zweitälteste Kapelle der Stadt, klein bescheiden, ohne Prunk.

Nach einigen langsamen Kilometern auf immer schlechter werdenden Straßen und ausgewaschenen Schotter- und Lehmpisten sind wir dann endlich da. Ein großartig gebautes und ebenso schnell wieder zusammengefallenes Zufahrtstor zum Naturschutzpark Parque Andourinhas erzählt auch wieder typisch brasilianischen Alltag: vor einer Wahl ein großartiges Projekt geplant, nach der Wahl vergessen. Wohl auch aus dieser Zeit stammt das überdimensionale, grauenhaft hässliche und fast ungenutztes Welcome-Center, das die Parkbesucher begrüßt. Die Informationsdame langweilt sich sichtlich, denn sie hat nicht einmal Faltblätter oder Karten zu verteilen, alles ausgegangen. Sieben Wasserfälle kann man hier erwandern, vier davon sind für uns zu schaffen, für mehr reicht unsere Zeit nicht. Der Weg ist als mittelmäßig schwierig eingestuft.

Wie sind oben auf einem steinernen Hochplateau, das in eine Terrassenlandschaft mit Wasserbecken und kleinen Wasserfällen und Stromschnellen übergeht, Blick auf ein endloses Bergpanorama. Passarinho wandert mit zum ersten Wasserfall, er hat sich offenbar entschlossen, unser persönlicher Führer zu sein. Unterwegs gibt’s noch Unterweisungen in Mineralogie und Pflanzenkunde, da er bemerkt hat, dass ich mich für alles, was wächst interessiere. Schließlich stürzt sich in stacheliges Unterholz, um für uns ein paar grüne Beeren zu ernten, die zwar klein, aber nahrhaft und erstaunlich wohlschmeckend sind.

Von dem felsigen Plateau geht es auf einem gewunden Pfand zum Eingang einer unterirdischen Höhle, in der der erste größere Wasserfall ist. Der Zugang ist verdammt eng und ziemlich glitschig, und die Gefahr, beim Klettern über die Felsbrocken auszurutschen, ist groß. Ein Mann versucht, seine korpulente Gattin zu überreden, doch nochmal zu versuchen, durch die Felsspalte zu kriechen. Man soll ja nicht lachen, aber es sieht schon kurios aus, wenn das oppulente Hinterteil da immer wieder hängenbleibt….

Schließlich gelangt man über eine Metall-Leiter auf den Grund der Höhle. Unten steht man sofort im Wasser, alles rutschig, kantig und dunkel. Aber der Anblick, der sich dann bietet, ist wunderschön! Am Ende eines schmalen Höhlengangs, durch den das Wasser fließt, öffnet sich eine schmale Höhle. Durch einen Felsspalt oben fällt ein Strahl Sonnenlicht bis auf den Grund, genau da, wo ein tosender kleiner Wasserfall auftrifft. Es sieht so unwirklich schön aus, als wäre dies eine Film-Kulisse.

Nass und glücklich klettern wir wieder ans Tageslicht und genießen die Aussicht ins Tal und auf die fernen Bergketten. Vor uns ein paar Felsnasen, die wie ein riesiges Krokodil aus der Bergwand ragen. Passarinho ist selbst begeistert, nach Jahren mal wieder hier zu sein und beschließt hier auf dem Berg auf uns zu warten, statt zurückzufahren.

Der Abstieg zu den nächsten beiden Wasserfällen ist ziemlich anstrengend und gar nicht so einfach wie angegeben. Sicherungsgeländer oder Seile gibt´s hier sowieso nicht, hier scheint die Seuche der Haftungsprozesse von gestürzten Touristen noch nicht angekommen zu sein. … Ein steiler, glitschiger Pfad über Wurzeln und Felsbrocken führt durch den Urwald. Hohe Bäume, Blühende Sträucher, Lianen, Eidechsen Kolibris und andere Gefiederte machen den Weg zu einem Erlebnis. Und immer wieder Ausblicke auf die Bergwand hinter uns und das Tal vor uns. Teilweise muss ich auf meinem Hinterteil sitzend weiterrutschen und mich an Wutzen und Ästen festkrallen, um nicht abzurutschen. Manchmal fällt das Gelände neben dem Pfad steil ab. Höhenangst-Training.

Wir klettern zuerst zum untersten Punkt, einem Plateau mit kleinen Fels-Bassins und Stromschnellen, in denen man wie in Whirlpools baden kann. Die Felsen sind zwar fast eben, aber gefährlich glitschig. Das Plateau endet an einer Felskante, von der das Wasser dann wirklich tief ins Tal stürzt. Den Blick über die Felsen der Kante wage ich nicht, zu glatt die Felsen, meine Höhenangst nagelt mich die Meter entfernt fest. Aber auch so ist der Ausblick berauschend schön.

Auf dem Rückweg nach oben, nehmen wir den Abzweig zur Cachoeira das Noivas, der Wasserfall der Bräute. Keine Ahnung, was es mit dem Namen auf sich hat, aber es ist ein magischer Ort. Der Fluss schießt durch eine schmale Urwaldschneise etwa 15 Meter in eine offene Grotte, in einem Felsenbecken bildet sich ein sprudelndes Bassin, in das man sich sofort stürzen möchte. Die Sonne fällt durch die Blätter der hohen Bäume und taucht alles in flimmerndes Licht. Problem: die Felsen um und im Becken sind so glatt, als hätte man sie mit Schmierseife eingerieben. Ich bin nur mit Mühe hinein und trotz Hilfe fast nicht heil wieder herausgekommen.

Und noch etwas ist besonders an diesem Ort: Im prüden Brasilien darf man hier ausdrücklich Nacktbaden! Welche Überraschung. Wir genießen noch ein kurzes Weilchen den Zaber des Ortes und machen uns auf den Rückweg, denn leider läuft unsere Uhr – wir müssen noch heute nach Belo Horizonte und von dort mit dem Nachtbus zurück nach São Paulo.

Passarinho hat brav gewartet, wir nehmen noch ein Paar mit, dass gern wenigstens bis zur Bushaltestelle in die Stadt mitfahren will, der Weg dahin ist ziemlich weit und heiß. Fast wären wir nicht zurückgekommen, denn auf der Straße, die vor ein paar Stunden noch in Ordnung war, liegt nun der halbe Hang. Abgerutscht samt Baum. Aber zum Glück kann man das Auto noch gerade so hindurchmanövrieren.

Unsere aufregenden zwei Tage in Ouro Preto enden mit einem späten oppulenten Mittagessen „self service“, d.h. all-you-can-eat in einem Restaurant mit typischer regionaler Küche. an der Praça. Anschließend sammeln wir unsere Sachen ein und trinken mit Passarinho einen Abschiedskaffee in dem winzigen Café „Cafetelier“ unserer Gastgeber, die dort übrigens Bohnen aus der familieneigenen Plantage verkaufen. Das schwarze Gold der Neuzeit…. Passarinho bringt uns zum Busbahnhof und lädt uns schon mal vorsorglich für ein nächstes Mittagessen bei seiner Frau ein. Wer weiß, vielleicht…?! Ouro Preto und die Berge von Minas Gerais wären einen Nachschlag wert.

Ouro Preto/Brasilien 2018: die Stadt

Schon wieder ein kleines Extra, damit eine Reise-Perle nicht verloren geht… Fast per Zufall sind wir nach Ouro Preto im Staat Minas Gerais gekommen. Und obwohl es nur ein Zwei-Tages-Trip war, war´s einer, der nicht unerzählt bleiben sollte.

Ouro Preto („Schwarzes Gold“) hat eine glänzende Geschichte: im 18 Jahrhundert wurden hier 80 Prozent der Gold-Weltproduktion gefördert! Und auch wenn die Zeitn längst vorbei sind, ist die vergleichsweise kleine Stadt in Minas Gerais, beziehungsweise die Altstadt, noch immer ein Schmuckstück und Unesco-Weltkulturerbe.

In 1200 Meter Höhe windet sie sich in einer Talsenke steil an den Hängern der Berge auf und ab, so steil, dass es unsportlichen oder älteren Reisenden wohl kaum gelingt, zu Fuss mehr als den großen Praça de Tirantes, dem zentralen Platz,  und ein paar Nebenstraßen zu erkunden…

Aber der Reihe nach. Nach einer sehr langen und größtenteils kurvigen Fahrt von der Küste São Paulos hierher, waren wir froh, ein nettes kleines Zimmer an einer steilen Straße der Altstadt, der Rúa Carlos Tomás, zu beziehen. Das Zimmer war klein, aber: mit einem phantastischen Blick auf die Stadt und einige ihrer vielen Kirchen und Kapellen, die in der Nacht hübsch angestrahlt sind und am Tage strahlend weiß und gelb in der Sonne leuchten.

Am Morgen haben wir uns auf den Weg gemacht auf der Suche nach Frühstück und Kaffee, zuerst steil bergauf, dann steil bergab, vorbei an der Ingreja de São Francisco de Assis, durch ein Tal, in Richtung der auf einem Berg thronenden Ingreja Santa Efigenia dos Pretos. Seltsamer Weise haben wir kein einziges vernünftiges Café, und auch keinen Imbiß gefunden, obwohl dies eine echte Touristenstadt ist. Falsche Richtung, Pech.

Aber bereits nach einer guten halben Stunde haben die Knöchel, Schienbeine und Knie laut protestiert. Nicht nur wegen des ewigen, steilen bergauf und -ab, sondern, weil die Straßen nicht nur aus klobigem, ausgewaschenem Kopfsteinpflaster bestehen, sondern hier die abenteuerlichsten Steine und Steinplatten als Straßenbelag verbaut wurden. Mal schmal und scharf, mal große, unebene und extrem rutschige Felsplatten, auf denen man sich selbst bei trockenem Wetter kaum halten kann, mal runde, dicke Kopfsteine, zwischen denen tiefe Spalten auf den nächsten Knöchel lauern. Es ist wirklich…ein Herausforderung hier längere Zeit die Stadt zu durchstreifen. Wie können ältere Menschen hier zurechtkommen??? Und noch beängstigender als die Sorge um die eigenen Knöchel fand ich den motorisierten Verkehr in diesen steilen Straßen. Schon die Autos haben mich oft erschreckt , wenn sie die Gassen herunterschießen. Richtig in innere Panik versetzt haben mich aber vor allem die Motorräder und –roller! Oh mein Gott, das grenzt an Kamikaze!

Erschwert wird die Tour de Force der gestressten Füße noch dadurch, dass man nicht immer nur auf den Weg schauen möchte, denn dazu ist Ouro Preto viel zu schön! Irgendwie scheint die ganz Altstadt aus Postkartenmotiven zu bestehen. Weiße Häuser im Kolonialstil mit farbigem Stuck in den mäandernden Straßenschluchten, blühende Bäume und über allem die grünen Bergzüge am Horizont rund um die Stadt.. Über allem am Horizont der Fels Itacolomi, der immer so aussieht als müsste er jeden Moment umstürzen.

Das alles atmet im wahrsten Sinne des Wortes die Geschichte des Goldrausches. Zuerst hieß die Stadt Vila Rica – die Reiche Stadt, Hauptstadt von Minas Gerais bis 1897. Aber wie überall, wo es Reichtum gibt – und hier war es sogar Gold – ist die Historie geprägt von Verteilungskämpfen, Revolten, Banden, Hinrichtungen und Korruption. Die portugiesische Krone hat das Gold aus den Bergen von Minas Gerais reich gemacht. Der Name Ouro Preto, schwarzes Gold kommt daher, dass das Gold hier durch Eisenerzverunreinigungen schwarz gefärbt ist.

Vorallem auch die Kirchen erzählen in ihrer Pracht von dem vergangenen Reichtum. Sta. Efigenia ist geradezu überladen von Figuren, Ornamenten – ein Fest der Kirchenkunst. Verspielter, weniger Leid darstellend als in Europa. Auch hat man von ihrem Platz auf einer Bergkuppe einen besonders schönen Blick über die Stadt.

Die zweite Kirche, die wir uns von innen angesehen haben, ist die Ingreja Matriz Nossa Senhora do Pilar, eine wunderschöne oppulente Barockkirche, die auch ein Museum beherrbergt. Acht Kirchen und etliche kleine Kapellen könnte man besichtigen, wir belassen es bei zweien, schon, weil unser Aufenthalt sehr kurz ist.

Vom zentralen Praça de Tirantes gehen nach allen Seiten steil abfallende Straßen ab, die oft auf kleineren Plätzen enden. Viele Restaurants, Mode- und Souvenirläden warten auf Touristen, denn vorallem davon lebt die Stadt. Außerdem ist eine der bekanntesten Universitäten des Staates hier ansässig mit einem riesigen Campus auf einem Berg über der Altstadt.

Übrigens, der mehr oder weniger lateinfeste Europäer wird vermutlich irritiert sein, über die völlig unverständliche Kleinstaaterei innerhalb dieser Stadt: an vielen Häusern kündet ein Schild vom Sitze einer Republik mit anderem Namen. Nun sind das mitnichten obskure Freistaaten, sondern „república“ bedeutet auf brasilianisch: Wohngemeinschaft. Und in der Stadt der Studenten ist dies die übliche Wohnform. Und da die komplette Innenstadt unter Denkmalschutz steht, sind die Häuserfassaden von außen irreführend, denn oft sind die Gebäude dahinter entkernt und zusammengelegt, so dass große Gemeinschaftsunterkünfte für acht bis 20 Studenten entstanden sind.

Am Nachmittag müssen wir eine Pause einlegen, nicht nur wegen der für die Jahreszeit eher ungewöhnlichen Hitze, sondern, weil unsere Beine und Füße nicht mehr mitspielen. Es ist so unglaublich anstrengend, hier herumzulaufen! Nach einem Nickerchen kraxeln wir wieder brav Richtung Praça, weil wir und überlegt haben, dass wir für den zweiten Tag gern die offenbar auch sehr spannende Umgebung der Stadt zumindest etwas erkunden wollen. Überall hier in Minas gibt es Canyons, Seen und Wasserfälle. Nur knapp 10 Kilometer von der Stadt entfernt liegt der Naturpark Andorinhas, die am nächsten gelegene Möglichkeit, ein paar von den unzähligen schönen Wasserfällen von Minas Gerais zu sehen.

Erste Idee: eine Agentur, die die Fahrt dorthin organisiert. Aber der übergewichtige Chef des Ladens scheint und mit „doofe Ausländer“ zu verwechseln und nennt uns einen geradezu absurden Preis. Abgehakt, das kriegen wir anders hin. Auf der Praza de Tirantes steht eine Riesenschlange Taxis. Wir pirschen die Reihe ab und entscheiden uns für den letzten Taxifahrer, etwas älter und irgendwie knuffig. Schnell werden wir uns über einen Pauschalpreis für Hinbringen und nach drei Stunden wieder abholen einig – 90 Real. „Nennt mich einfach Passarinho („Vögelchen“)“… Der andere Kerl wollte 300. Wir verabreden uns für den nächsten Morgen.

Zum Abendessen müssen wir wieder steil nach unten – auf der anderen Seite des Platzes, auf der wir gerade mühsam hochgeklettert sind. Unser Weg führt uns über eine steinerne Brücke, von der aus man den (leider nicht zugänglichen) wunderschönen Stadtpark samt Flüsschen sehen kann, vorbei am Grand Hotel, das der weltberühmte Oskar Niemeyer gebaut hat. Es ist ein so hässlicher Betonklotz, dass man seinen Augen nicht traut…

Die Küche von Minas, das Comida Mineira, ist legendär lecker. Zweimal haben wir das schon erfolgreich probiert! Diesmal fällt die Wahl auf ein Restaurant, das am Abend „Festival de pizza, tapioca e caldo“ anbietet. Das heißt, es gibt endlos Suppen, Pizzen und Tapioca (Rollen aus Maniokmehlfladen) – beides mit 34 verschiedenen Füllungen. Auf dem Buffet stehen fünf verschiedene Eintöpfe und Suppen und an Pizza und Tapioca wird immer frisch gemacht, was man sich aussucht, so lange bis man kurz vor dem Kollaps abwinkt. Das Ganze kostet pro Person zehn Euro.

Mit hängenden Bäuchen schleppen wir uns wieder über den Berg in unsere Unterkunft in der Rua Carlos Tomás. Unsere Vermieter Anna und Francisco, ein junges Paar, sitzen noch mit Besuch in der Küche und laden auf ein Bier ein. Wir schwatzen noch ein Stündchen über Brasilien, staatliche Universitäten contra private, die brasilianische Sucht nach Schönheitschirurgie und Kaiserschnitten und andere Dinge, die in keinem Reiseführer stehen. Immer wieder spannend, gut, dass mein Portugiesisch inzwischen gut genug dafür ist, sonst würde ich viel Spannendes verpassen.

Extra-Shorty: São Paulo

Dass dies kein moderner, schneller, kurzer Reiseblog ist, dürften meine Leser längst gemerkt haben. Nun also einen Schritt weiter auf der Liste der Blog-No-Gos: ein Ein-Kapitel-Exkurs über eine Stadt, die mich immer wieder besonders fasziniert. Über meine Brasilienreise, in deren Verlauf ich auch in diesem Jahr wieder hierhergekommen bin,  werde ich mich ansonsten nicht ausführlich verbreiten, denn sie ist die x-te Wiederholung. Dennoch nun also einen Blog-Ehrenplatz für São Paulo.

São Paulo  ist wie eine Lawine, ein Tsunami, eine riesige Walze, die einen überrollt. Sie ist ein Monstrum. ein Moloch aus Stein. Sie macht Angst in vieler Hinsicht. Sie ist schmutzig, hässlich, brutal, aber voller Überraschungen und Widersprüche, unerwarteter Perlen, aufregender Geschichten, toller Menschen. Nie habe ich irgendwo so viele Hochhäuser gesehen, so aberwitzige Architektur, solche Verkehrsstaus. U-Bahn-Umsteigenahhöfe in der Größe von Stadtvierteln. Zweistöckige Autobahnen, jeweils achtspurig. Diese Stadt, so fühlt es sich an, ist in mehr als nur einer Hinsicht, außer Kontrolle. Man hat Angst, sie verschluckt einen. Aber sie lässt mich nicht los, sie fasziniert mich.

Die Stadt gehört zu den Super-Metropolen der Welt, mit offiziell gezählten zwölf Millionen Einwohnern, tatsächlich sollen es mehr als zwanzig Millionen sein.
Wie eine Krake hat sie sich knapp 800 Meter über dem Meer in die Berglandschaft gefressen, das natürliche Ufer des Flusses Tietê ist längst einem betonierten, begradigten Monsterkanal gewichen, der sich stinkend um die Innenstadt windet. Die natürlichen Täler und Wasserläufe sind zubetoniert, was zur Folge hat, dass die Stadt alle paar Tage im Chaos versinkt.

Die Paulistas, die Einwohner, sagen, in der Stadt gibt es jeden Tag vier Jahreszeiten: morgens den Frühling, mittags brütend heiß, am Nachmittag der Herbst mit Regen und auch manchmal Wind und abends dann wieder angenehme brasilianisch-winterliche Temperaturen. Da aber Regen hier nicht einfach Regen, sondern oft unglaubliche Wolkenbrüche bedeutet, ist die ganze Stadt alle paar Tage überschwemmt. Chaos total, der Verkehr bricht zusammen, der Tietê wird zum reißenden Strom in seinem tiefen Betonbett, die Kanaliation versagt, ich selbst habe schon Gully-Deckel auf Wasserfontänen in die Luft schießen sehen.

Diese Stadt ist so multikulturell, dass Berlin blass aussieht: europäisch, arabisch, japanisch, chinesisch, afrikanisch, jüdisch und lateinamerikanisch. Und das teilweise in eigenen Vierteln. Mal Parallelwelten, dann doch wieder wilder Mix. Große Teile des Stadtgebietes sind No-Go-Gebiete: riesige Favelas, wo die Gewalt nicht mehr unter Kontrolle zu bringen ist.´

In vielem kann erscheint dies hier als Blick in die Zukunft unserer wachsenden Urbaninsierung … In vielem eine beängstigende Vision. Trotzdem ist diese Stadt immer wieder faszinierend und hat auch charmante Seiten. Irgendwie erinnert sie mich auch an Berlin – nur alles zur Potenz genommen, und von allem der Superlativ, alles tausendmal größer, in Berlin ist alles klein und niedlich dagegen. Aber dennoch, für mich haben diese Städte auch Gemeinsames, so paradox das klingen mag. Auch das Offene, Tolerante, Verrückte, Schmuddelige. Vielleicht kommt daher mein unerklärliches Sich-nach-2Tagen-irgendwie-zu Hause-Fühlen…

„Mein“ jeweils bei den wiederkehrenden Kurzbesuchen selbstgewähltes Lebensumfeld befindet sich im Herzen der Stadt: Die benachbarten Viertel Conçolação und Vila Buarque. Ganz in der Nähe des zentralen Platzes Republica gelegen, sind sie weder stilvoll noch sauber, aber dennoch erinnern sie mich irgendwie ein wenig an Schöneberg und Kreuzberg in Berlin. Lebendig, bunt, weder schön, noch hässlich, weder arm noch reich.

Viele hässliche und andere weniger hässliche Hochhäuser, alte stuckverzierte Gebäude und neue klotzartige Bauten, hinter hohen Zäunen versteckte, vornehmere Wohnhäuser und direkt daneben kleine, einstöckige Bauten, die aus Zeiten der Kolonialgeschichte stammen. Ärmliche, unverputzte Hütten mit Wellblechdächern und schimmeligen Backsteinmauern, die sich in Freiflächen zwischen den Steinriesen verstecken.  Auch einige alte und schön anzuschauende Kirchen wie Sta. Cecilia oder die Paróquia Nossa Senhora da Conçolação lockern das Stadtbild auf, einige Museen, eine Universität, eine Filmakademie, Krankenhäuser, einen Friedhof, Parks und mindestens ein großes Kulturzentrum.
Aber was diese Nachbarschaft für mich so besonders macht, ist die Atmosphäre, andere nennen es: Energie, die hier über allem liegt. Hier wohnt ein bunt gemischtes Publikum, darunter Künstler, Studenten, Intellektuelle und viele Schwule. Irgendwie alle ganz normal und viele doch anders. Dazwischen vollkommen schräge Gestalten. Aber auch alte Leute, viele nicht weniger schräg, wie die Oma im Stretchrock und Tanktop, die gerade neben mir an der Ampel stand, mit schleifenverziertem Hündchen an der Leine. Und auch hier, wie überrall in dieser Stadt Heerscharen von Obdachlosen, die die Stunden am Tage für ein Schläfchen an der Kirchemauer oder unter dem Autonahnviadukt nutzen. Manchmal muss man aufpassen, um nicht auf eine dieser erschütternden Gestalten zu treten.

Wie fast überall in der Stadt, leben auch hier viele, die ein verdammt schäbiges Leben nur eben von Tag zu Tag führen. Vielleicht jeden Morgen mit einem schäbigen Köfferchen und klapprigen Wagen losziehen, um irgend etwas zu verkaufen. Auf selbstgebastelten Gefährten, die oft total morsch sind und mit Drähten und Schnüren zusammengehalten werden, entstehen an Straßenrändern und Plätzen oft unerwartet leckere Snacks von Grillspießen bis Küchlein, Tapiocacrepes, gegrilltem Käse usw. Angeboten wird alles, was vielleicht einen Käufer findet. Oft haben die Verkäufer nicht viel Auswahl – sie können keine großen Wareneinkäufe machen.

Wie fast überall in dieser Stadt gibt es unzählige, überwiegend billige Restaurants, wo sich die Nachbarschaft beim Essen oder einem Feierabendbier an den Plastiktischen auf dem Bürgersteig trifft. Nichts leichter als hier mit Menschen ins Gespräch zu kommen. Fast alle sind freundlich, aufgeschlosssen und neugierig.

Außerdem bieten diese Viertel ein paar echte kulinarische Perlen, wie mein Lieblingsrestaurant, das Rota do Acarajé, ein baianisches Restaurant. Obwohl nicht ganz billig, ist es immer voll, vor allem Einheimische lieben dieses Restaurant, um sich abends mit Freunden zum Essen und Reden zu treffen. Gemütlich, eher klein, aber mit einer phantastischen Speisekarte, die alle Köstlichkeiten Bahias vereint, zum Teil traditionell, zum Teil phantasievoll veredelt. Nachteil: Ich verlasse diesen Ort jedesmal völlig überfressen….

Genug von meinen Lieblingsvierteln. Nach São Paulo kommen täglich tausende Menschen aus dem ganzen Bundesstaat zum Einkaufen. Egal was, in diser Satdt gibt es alles. Sie hat so unendlich viele Einkaufsstraßen und Shoppingcenter von Super-Nobel bis Billigschrott, dass hier nur eins genannt wird.

Zu den bekanntesten Örtlichkeiten der Stadt gehört die Rua 25. do Março. Eine der größten Einkaufsstraßen, die ich je gesehen habe, auch angesichts der Tatsache, dass sich die Handelskrake auch noch in sämtliche Neben- und Parallelstraßen gefressen hat. Also eher ein Geschäftsviertel mit dem Namen einer Straße. Hier gibt es alles, vom Straßenhändler mit Bauchladen bis zum Großhändler.
Wer zu ersten Mal hierher kommt, wird überlegen, ob er gleich wieder umkehrt oder sich in den gelebten Wahnsinn stürzt. Tausende Menschen drängen sich in den Straßen, der Lärm ist kaum auszuhalten. Drängen und schieben. Taschen festhalten, Augen auf….

In São Paulo ist es die meiste Zeit des Jahres tagsüber heiß. Die 25. do Março ist heisser! Die Luft brennt, schweißüberströmt schieben sich die Massen aneinander vorbei. Zwischen den Füßen der Passanten haben fliegende Händler auf dem Boden ihre Waren ausgebreitet,  und obwohl gar kein Platz bleibt, führen sie in der Masse kuriose Spielzeuge oder Sportgeräte vor. Aus den Türen der großen Läden, schallt Musik, brüllen Animateure die potentiellen Käufer mit Lautsprechern an. Die fliegenden Händler draußen machen genauso ihre Geschäfte auf dem blanken Asphalt  – so lange bis die Polizei in Mannschaftsstärke und schwer bewaffnet, auftaucht, dann geht eine Art La-Ola besonderer Art durch die Straße: Alle haben in Windeseile ihre Sachen zusammengeräumt und verschwinden für eine Viertelstunde. Unsichtbar. Dann geht das Ganze von vorn los.

Angeboten wird hier alles von Schmuck – echt oder unecht – Bekleidung, Schuhe, Haushaltswaren, Stoffe, Elektroartikel, Eisenwaren, Gewürze, Möbel, Eisenwaren  usw usw. Wenn es zu regnen beginnt – wie so oft, kann man kaum an die Stände und Läden mit Schirmen herankommen, sie werden von schiebenden, schupdenden, aufgeregten jungen Männern belagert, die so viele Regencapes kaufen, wie sie irgendwie bezahlen können, nur um sie Sekunden später laut schreiend an die Passanten auf der Straße weiterzuverkaufen: das für viele einzige Geschäft des Tages. Hier erfindet so mancher ständig ein Geschäft, um zu überleben.

Oft verbergen sich hinter einfachen Ladeneingängen schier endlose labyrinthartige Einkaufspassagen, die über mehrere Stockwerke verteilt hunderte von Ständen und kleinen Läden beherrbergen. Mal chinesisch dominiert, mal brasilianisch. Vorallem die erstgenannten Passagen bieten in jeder erdenklichen Qualität gefakte Markenartikel an.

Eher diskret verborgen hocken in den oberen Geschossen der 25, fern vom öffentlichen Einkaufsvolk, die echten Geschäftemacher, die Köpfe, die Großhändler und Importeure, Kredithaie.

Zwischen all dem finden sich unzählige Imbissbuden und Schnellrestaurants, die Brasilianer lieben ihre „Lanchonetes“, die leckere Snacks, frisch gemacht, frische Säfte, Kaffee und anderes mehr anbieten. Essen ist wichtig in diesem Land….was man auch an vielen stattlichen Körperumfängen sieht…

Eine ganz besondere Sehenswürdigkeit der 25. de Março, zu der sich auch gelegentlich vorallem einheimische Touristen durchkämpfen, ist die städtische Markthalle, der „Mercado Municipal“. Eine wunderbare alte Halle, gebaut 1928, in der es fast ausschließlich ums Essen und Trinken geht: Fleisch, Wurst, Weine, Nüssen, Gewürze – und vorallem: Früchte aus ganz Brasilien. Die verschiedenen Händler machen wahre Kunstwerke aus ihren Ständen, in denen all diese bunten, tropischen Köstlichkeiten mit zum Teil bizarren Formen aufgetürmt sind. Einfach wunderschön anzusehen. Auch Obstmuffeln wird hier das Wasser im Mund zusammenlaufen. Und auf der Jagd nach Kunden werden den Flanierenden immer wieder mundgerechte Fruchtstückchen oder ganze kleine Obsttellerchen dargeboten, eine kulinarische Reise durch die Welt der Früchte.

Im hinteren Teil der Halle ist der mittleerweile erschöpfte und Obstangefütterte Passant dann reif für: eine Esspause. Etliche Stände mit kleinen Tischen bieten leckere frische Snacks oder komplette Gerichte von Pizza bis Pastel- eine besonders leckere brasilianische Spezialität: frittierte Teigtaschen mit verschiedensten Füllungen von Scampi, sonnengetrocknetem Rindfleisch, Käse, Huhn und mehr. Alles sehr lecker und ebenso sättigend….

Auch ein kleiner „Spaziergang“ durch dieses völlig wahnsinnige Viertel 25 de Março. ist  kaum unter zwei Stunden zu schaffen. Aber egal wie lange man schaut, sucht oder wühlt – hinterher ist man immer völlig erschlagen. Kleiner Tipp: ein paar Ecken höher in São Bento kann man sich in eins der feineren Cafés setzen und einen – für hiesige Verhältnisse teuren, aber leckeren – Eiscafé schlürfen und versuchen, das gerade Erlebte zu verarbeiten. Zum Thema Einkaufen, Handel und Wandel gäbe es noch unendlich viel zu erzählen, aber wie schon eingehend angekündigt, ist dies nur ein kurzes Best Of.

São Paulo hat auch viele sehr schöne oder nteressante Plätze zu bieten. Einer davon, mit der bekannteste, ist gleich ein paar Blocks weiter: die Praça da Sé. Ein besonders schöner, von hohen Palmen beschatteter Platz, an dessen oberem Ende die riesige Catedral Metropolitana thront. Der Platz liegt genau auf dem geografischen Mittelpunkt der Stadt. Vor allem am Nachmittag und Abend ist er auch Auftrittsort für allerlei Auftrittswillige: wütend das Wort des Herrn brüllende Bekehrer, Poeten, Musikgruppen aus dem Certao, dem Landesinneren, oder junge Musiker. Umgeben ist der Platz von Geschäften und billigen Restaurants. Ein sehr lebendiger und schattiger Platz in dieser heißen Stadt.

Andere Plätze, wie Praça da Luz oder República, bieten noch eine ganz besonders beeindruckende Spezialität dieser Stadt: wunderbare Parks, die oft ein Stück echten Urwald bewahrt haben. In dieser Beton-und Steinwüste erscheinen die immer wieder wie eine Fatamorgana. Grün, voller Blüten, oft Wasser, Vogelgezwitscher, Papageien, riesige alte Bäume und auch schon mal ein Faultier zwischen den Ästen. Einfach unglaublich schön! In keiner Stadt der Welt habe ich Vergleichbares gesehen.

Über São Paulo gäbe es noch unendlich viel zu erzählen, über die verschiedenen Viertel, die Märkte, das Nachtleben, die Kultur, die Architektur, den Carneval, die Kriminalität usw usw.  Die riesigen Buchläden, die so ganz anders sind als in Europa und ehrlich gesagt auch irgendwie völlig unerwartet, die alten Hinterhöfe mit einem lauschigen kleinen Café, die verrückten Typen, denen man begegnet, den toten Ratten auf den Straßen.

Aber adäquat dem kurzen Ausflug,den ich meist bei meinen Reisen nach Brasilien in diese Stadt mache, sind dies eben nur ein paar Notizen über São Paulo. Da ich schon früher oft in dieser Stadt war und eigentlich nie zweimal über eine Ecke der Welt schreibe, würde São Paulo sonst wohl keine Würdigung mehr in meinem Blog finden. Deshalb habe ich mich für dieses „besser so als gar nicht“ entschieden… Als Appetithäppchen.
Ansonsten: Wer kann, einfach mal hinfahren, sich drauf einlassen…..

 

 

Schwitzen im Pantanal

4:00 Uhr morgens. Der Wecker klingelt. Und das im Urlaub …

Um fünf werden wir abgeholt, diesmal mit einem Sammel-Van. Wir haben einen Trip ins Pantanal vor. Dahin ist die Anfahrt etwas länger. Es ist noch dunkel und wir fahren der Sonne entgegen.

Nach endloser, schnurgerader Straße rumpeln wir schließlich durch das Gatter der Fazenda San Francisco (kein Fehler, der Name scheint hier beliebt zu sein). Auch hier ist im Empfangsbereich alles perfekt organisiert. Es gibt noch eine andere Gruppe, die kurz nach uns eintrifft. Es ist heiß, über 30 Grad! Die Luft ist schwer und feucht, die Luftfeuchtigkeit beträgt fast 90 Prozent. Man kann sich kaum entscheiden, womit man sich zuerst einschmieren soll: fetter Sonnenschutz oder Moskito-Spray.

Auf einem riesigen Wasserbüffelhorn bläst einer der Fazenda-Guides dann zum Aufbruch. Zwei offene Safari-Mobile, jeweils mit rund fünfundzwanzig ansteigenden Plätzen unter einer Plane, die aber nur unvollständig gegen die sengende Sonne schützt. Wir rumpeln eine kurze Distanz zu einem Bootsanleger an einer Flusskreuzung. Auf einem zweistöckigen, offenen Pontonboot geht’s dann durch die nasse, grüne Wunderwelt.

Die Ufer sind von dichter Wildnis bewachsen, überall Teppiche von Wasserlilien und Wasserrosen, die allerdings um diese Jahreszeit leider nicht mehr blühen. Immer wieder gabeln sich neue Wasserarme. Viele Raubvögel sind unterwegs, Reiher und ein paar kleinere Papageien. Es ist brütend heiß und die vielen anderen Tiere, die hier leben, angeführt von den Jaguaren bis zu Tapiren, Wölfe, Ameisenbären und anderen Wildkatzen, haben sich irgendwo im Schatten versteckt. Dabei ist es erst halb neun!

Irgendwann gehen wir dann vor Anker und jeder, der möchte, bekommt eine einfache Bambus-Angel in die Hand. Fleischstückchen als Köder: Piranha-Angeln. Es gibt hier so viele davon, dass das keinerlei Frevel darstellt. Es gibt auch viele andere Fische, deren Namen ich nicht übersetzen kann. Schweigend stehen wir mit tapfer ausgeworfener Angel am erlahmenden Arm schweißtriefend an Bord. Und tatsächlich: die Biester beißen! Einigen gelingt es, einen der Flossenträger mit dem unfreundlichen Gebiss an Bord zu holen. Mir fast. Das Vieh sagt mir Guten Tag, klappert mit dem Gebiss und dann macht es einen eleganten Satz und ist wieder in seinen Jagdgründen. Auch gut.

Schließlich geht die Fahrt weiter, eine eher kontemplantive Reise durch die Wasserwelt des Pantanal. Wir legen an einem fast überwucherten Steg an, der zu einem Holzpfad führt, hinein ins Dickicht zu einer 200 Jahre alten Feige. Für mich sieht das gewaltige Teil mit den verzweigten, aus dem Wasser hochaufragenden Wurzeln wie aus einem russischen Märchenfilm aus. Ich hätte es zwar eher für eine Mangrove gehalten, aber es heißt Feige.

Beim Wiedereinstieg ins Boot taucht neben uns plötzlich der Kopf eines Jacaré aus dem Wasser: ein Kayman. Der Führer scheucht alle hinter eine Absperrleine auf dem Boot und wird richtig sauer, als einige vorher noch Fotos machen, denn das Biest springt wohl bis zu zwei Meter hoch. Er bindet einen der Piranhas fest an eine Angel und lockt das putzige Tierchen, dem man lieber nicht allein begegnen möchte, auf den Steg vor dem Boot. Das rund zwei Meter große Tier schiebt sich nach Echsenart theatralisch aus dem Wasser, die Stufen zum Steg hoch und versucht, den Piranha zu erwischen. Dabei knallen laut die Zähne aufeinander. Und es scheut auch keine Sprünge bei dem Versuch einen leckeren Lunch zu ergattern. Laut schmatzend verdrückt die Echse schließlich sein Mahl und wir fahren zurück.

Um halb zwölf sind wir wieder zurück und wundern uns kurz über die Ankündigung einer dreistündigen Mittagspause. Schnell wird aber klar, dass hier in der Mittagshitze gar nichts geht. Hitze, Mosquitos, Hitze. Es gibt einen Pool, viele schattige Plätzchen, Hängematten – und das übliche Mittagsbuffet, das den Bauch voll und die Menschen noch schläfriger macht.

Um halb drei holt uns das Horn wieder aus dem Mittagskoma. Abfahrt zur Safari. Es ist so heiß auf dem Wagen, dass ich mich zusätzlich unter meinem Regenschirm verstecke, in der Hoffnung noch ein paar Sonnenstrahlen weniger abzubekommen. Zweieinhalb Stunden lang fahren wir durch die nichtendenwollende Fazenda. 45 Prozent der 185.000 Hektar großen Fläche sind Schutzgebiet, der Rest wird landwirtschaftlich genutzt. Auch hier ist man stolz auf die Natur-und Artenschutzerfolge.

Einerseits – muss man dazu sagen. Andererseits nämlich erstrecken sich neben riesigen Weidegebieten und Reisfeldern auch hier – Soja und Eukalyptus auf gigantischen Flächen. Nicht zu fassen. Gerade ist die Regenzeit zuende und alle Flüsse haben Hochwasser, aber auf diesen Flächen ist der Boden bereits jetzt staubtrocken. Was für ein Wahnsinn. Jeder Eukalyptusbaum holt sich seinen riesigen täglichen Wasserbedarf aus bis zu dreißig Meter tief aus dem Boden. Da wächst nichts mehr. Wüste. Und der hochtechnologisiert angebaute Soja geht vor allem nach Europa und Japan für Öl und Tofu.

Aber immerhin lassen sich viele Vögel nicht vertreiben, ausgenommen die, die Früchte fressen, denen fehlen die wilden Obstbäume. Wir sehen sogar einen Tiururu, den größten Vogel Brasiliens. Er sieht eigenartig aus: ein bisschen wie ein Riesenstorch, hinten weißes Gefieder, aber mit einem dicken roten Hals und einem schwarzen Kopf mit einem relativ breiten Schnabel.
Das lustigste Geflügel aber sind einige kleine, am Boden lebende Eulen, Coruxas. Sie halten sich im Schatten eines Mauerüberrestes auf und gucken uns misstrauisch an. Sie sind wirklich lustig anzusehen.

Meine Favoriten aber sind Vierbeiner, die hier zu tausenden leben: die Capivari. Wasserschweine. Das knuffige Borstenvieh badet überall an den Kanälen und Flüssen entlang unserer Route und sonnt sich genüsslich auf dem Sandweg, wo es nur widerwillig das Feld für das Auto räumt. Einmal lagert eine komplette Familie mit winzigen Jungschweinchen auf der Straße. Zu süß!

Aber felltragende Räuber mit scharfen Zähnen wie Wölfe oder Jaguare halten sich bis zum Abend versteckt, nur ein Gürteltier huscht geschwind ins Dickicht.

Einmal noch halten wir an einem Naturpfad an, der allerdings an einer Seite von einem großen umgestürzten Baum versperrt wird. Wir schleichen noch ein bisschen durchs üppige Grün, aber ehrlich gesagt, bin ich wirklich kurz vor dem Hitzeschock und bekomme nur noch die Hälfte mit.

Auf dem Rückweg kommen wir noch an ein paar kleinen Häusern vorbei: Hier wohnen die Farmarbeiterfamilien und die der Guides, viele schon in der drittem Generation. Die nächste Stadt ist weit weg. Eine geschlossene Welt für sich.

Zurück auf der Fazenda warten als Abschiedssnack noch hausgebackener Kuchen, selbstangebauter Matetee und frischer, eisgekühlter Cajú-Saft (Cashew) – und Piranha-Suppe. Ich habe erst so gar keine Lust auf heiße Suppe. Aber die Guides sind so stolz auf die Kochkünste ihrer Frauen und Mütter, dass wir doch kosten: lecker! Richtig gut und gar nicht fischig.

Es war ein interessanter Ausflug, und eine erste Ahnung vom Pantanal, das weiter drinnen sicher noch viel spannender ist. Aber irgendwie fühle ich mich nach der vielen körperlichen Betätigung in der Zeit davor heute völlig unterfordert vom vielen Sitzen auf Booten und Autos. Mein Körper macht dringenden Bewegungsdrang geltend. Und wir stellen einmal mehr fest, dass Gruppen eben doch nichts für uns sind.

Auf der langen Fahrt in den Sonnenuntergang fallen alle in Tiefschlaf, Tribut an einen heißen Tag. Noch eine Nacht in Bonito und ein Vormittag am Pool bleibt uns. Zeit, alles noch einmal Revue passieren zu lassen, und dann geht es zurück in unser bekanntes, verrücktes, chaotisches Brasilien, so, wie wir es bisher kannten, an der Küste von Sao Paulo. Da wo es noch den letzten faszinierenden Atlantischen Regenwald gibt. Und das Meer!

Chao Mato Grosso, chao Mato Grosso do Sul, es war eine aufregende Reise!

Wilder Westen mal anders

Der Tag ist nach dem Abenteuer doch noch nicht vorbei. Zurück im Hotel schallt ein gebrüllartiger, unidentifizierbarer Lärm auf unseren Hügel am Ende des Ortes. Der smarte Boy an der Rezeption bekommt glänzende Augen als wir danach fragen. Das sei doch der große jährliche Lassowerfer-Wettbewerb! Drei Tage dauert das Fest immer und es ist hier mindestens so wichtig wie Fußball! Das will was heißen. Lassowerfer? Vaqueiros? (Cowboys) Also doch Texas!

Wir schleppen uns durch die glühende Nachmittagssonne zum Festgelände an der Ausfallstraße. Hinter einer wenig einladenden Mauer verbirgt sich eine riesige, staubige Arena, ein mit Planen überdachter Zuschauerbereich und ein großer überdachter Tanzboden mit Bühne. Außerdem ein abgesperrter Bereich voller Pferde und Cowboys, die auf ihren großen Moment warten. Unglaublich!

Wie sind umgeben von Menschen im Festmodus. Die Atmosphäre macht klar: Hier muss man sein, das ist ganz eigene Welt der Menschen hier. Die Männer tragen Jeans und Hemden mit dem Logo ihrer Fazenda, für die sie ins Rennen gehen, dazu oft riesige silberne Gürtelschnallen und natürlich den unverzichtbaren Stetson auf dem Kopf (keine Ahnung wie der hier heißt). Einige tragen Wildleder-Überhosen und Sporen. Echte Kerle halt! Die oft ziemlich üppigen Frauen und Mädchen haben sich schwer herausgeputzt, mit knallengen Jeans, Fransenhemden, Rüschenblusen oder wurstpellenähnlichen Kleidern und Cowboystiefeln. Dazwischen wimmeln unendliche viele Kinder herum.

In der Arena tobt der sehr ernst genommmene mehrtägige Kampf der Männer auf den Pferden, die vor den Argusaugen der gestrengen Jury eine Kuh durch die Arena treiben, bevor sie sie mit einem möglichst eleganten Lasso-Wurf im rechten Moment einzufangen versuchen. Dazu brüllt ein völlig irrer Kommentator einen rasend schnell abgespulten Ereignisbericht samt Ansporn und erster Einschätzung über die Lautsprecheranlage – es ist nicht zu fassen, dass der Mann das über Stunden ohne Unterlass tut und dabei noch Atem und Stimme hat. Man muss es einfach gehört haben, um es zu glauben.

Derweil spielt nebenan auf der Bühne eine Live-Band (im passenden Outfit natürlich). Die Musik erinnert mich sofort an die USA, Twostep, Texas Walse. Hier heißt das allerdings Chamamé und Vanerao. Super! Der Rhythmus geht in die Beine und es sieht auch lustig aus, wie dazu getanzt wird. Würde ich glatt versuchen. Wenn mich einer fragen würde…

Wir sind die einzigen Gringos weit und breit. Hierher verirrt sich kein Tourist, auch kein brasilianischer. Das ist Fazendeiro – Kultur, und mit der working class hier macht sich kein wohlhabender Reisender hier gemein. Wir werden erstaunt beäugt, da wir aber sichtlich Spaß haben, werden wir freundlich akzeptiert. Einfach großartig, dass wir das miterleben dürfen. Drei besonders schicke Vaqueiros posieren sogar für ein Foto, nachdem ich ihnen gesagt habe, dass ich ihre Gürtel und Hüte so toll finde.

Irgendwann trollen wir uns dann verschwitzt und staubig vom Gelände in Richtung Stadt und kühlen uns im Schatten bei Bier und Abendessen. Hier treffen wir auch Matias, unseren jungen Freund von der Agentur Bonito Way, und Jackson, einen unserer netten Kletterguides wieder und lassen es uns zusammen gut gehen, bis wir totmüde in unser Hotel wanken.

Am Abgrund

Acht Meter. Nur acht Meter. Endlose acht Meter. Das liegt ganz im Auge des Betrachters. Und in meinem Falle sind acht senkrechte Meter unendlich hoch, denn ich habe Höhenangst! Trotzdem will ich mich an einer riesigen Herausforderung versuchen: Zu den größten und spannendsten Attraktionen für Adrenalin-Junkies in Bonito gehört Abismo Anhumas ( Abgrund Anhumas).

Ungefähr anderthalb Autostunden entfernt in den Bergen ist 1972 durch einen Zufall auf der Kuppe eines Berges ein tiefes Loch entdeckt worden. Ein sehr tiefes, denn tatsächlich ist der Berg hohl und in seinem Inneren verbirgt sich eine Höhle, die an ihrer tiefsten Stelle über hundert Meter misst. Der untere Teil ist mit Wasser gefüllt. Diesen besonderen Abgrund können sportliche und mutige Menschen erobern.

Dafür muss man sich allerdings 72 Meter freischwebend abseilen – und natürlich später wieder am Seil hochziehen. Als Krönung darf unten im See geschnorchelt oder sogar getaucht werden, so man eine Tauchlizenz vorweisen kann. Mit dieser Aussicht kann man sogar mich dazu bringen, über eine Kampfansage an die Höhenangst ernsthaft nachzudenken. Denn ich bin ein echter Tauchjunkie.

Die andere Hälfte unseres kleinen Globetrotterteams ist vorallem scharf auf das Kletterabenteuer. Tauchen eher nicht – zu wenig Erfahrung, dann lieber Schnorcheln. So hat denn jeder seine eigene Motivation. Allerdings in meinem Falle stehen noch dicke Fragezeichen vor dem Abenteuer.

Alle Teilnehmer des Kletterabentuers müssen vorab ein Klettertraining absolvieren, wo sie nicht nur die Technik des Hochziehens und Abseilens lernen, sondern sich auch erweisen soll, ob sie das freie Schweben in der Höhe überhaupt ertragen und körperlich fit genug sind. Dafür gibt es eine Trainingsstätte, die besagte acht Meter hoch ist. Als ich die Halle sehe – unten Steinboden, oben Metallhaken, denke ich schlicht: Nö.

Aber wenn ich den Traum von diesem großen Abenteuer und dem Tauchen in der Höhle drangeben muss, dann wenigstens nicht kampflos. Also, schlotternd zum Test. Jeder bekommt einen Klettergurt mit allen möglichen Haken und Seilzügen umgeschnallt – und ich muss sagen: bequem ist anders. Angesichts der gequälten Minen der meisten Männer, wenn der Schritt dermaßen verschnürt ist, kann ich mir ein Grinsen allerdings nicht verkneifen. Sie haben also nicht nur mehr Muskeln, sondern auch verletzliche Weichteile…

Miki absolviert das Klettern nach ein paar anfänglichen Korrekturen locker. Ich klettere schweissgebadet wild entschlossen los: den Blick immer nach oben oder maximal geradeaus, niemals nach unten. Auf halber Strecke kann ich vor Stress kaum atmen, aber ich gebe nicht auf. Portugiesisch kann ich plötzlich auch nicht mehr, englisch stottern geht noch… Ich bekomme ein paar mal Anweisungen, wie ich effektiver klettern soll, aber was ist schon perfekte Körperhaltung, wenn man ums Überleben kämpft (zumindest fühlte es sich für mich so an) Egal – ich schaffe es, zweimal. Bis oben. Stolz!!!

Dann holt mich die schnöde Objektivität ein: Mein Trainer nimmt mich beiseite und sagt: Tja, das Abseilen war ok. Aber ehrlich: „You were not very good climbing up“. Pfff, der hat einfach keine Ahnung, was gut in meinem Falle heißt! Naja, aber vielleicht hat er ja recht damit, dass 72 Meter verdammt hoch sind, wenn man keine effektive Technik und noch dazu nicht gerade einen ausgeprägten Muskeltonus im Oberarm hat …. Ich habe jetzt schon Muskelkater.

Aber immerhin war ich gut genug, dass er befindet, man wolle mir aber trotzdem die Möglichkeit geben, mitzukommen. Das Angebot: alleine abseilen, hoch werde ich gezogen. Super! Das klingt gut in meinen Ohren! Denn ich habe keine Ahnung wie viel Panikattacken mich auf halber Höhe lähmen würden. Und das klingt nach einer echten Chance. Also unterschreiben wir den Vertrag – jetzt ist das Geld weg, wenn ich einen Rückzieher mache…

Danach werden wir zum Tauchcenter Bonito Scuba gebracht, um unsere Tauchanzüge anzuprobieren, die auch für die Schnorchler Pflicht sind, abgesehen von den Flossen. Wir wundern uns über die auffallend dicken Neoprenanzüge, aber nur bis wir erfahren, dass das Wasser da unten nur 18 Grad hat. Das ist kalt! Nach einem Abendessen ohne Caipi und Bier, da Alkohol ausdrücklich verboten ist am Abend vor der Tour, legen wir uns pünktlich auf´s Ohr.

Dumm nur, dass meine neue Entschlossenheit bei Nacht ganz anders aussieht. Stunde um Stunde wälze ich mich und wandere umher. Wie sieht das aus, wenn man in einen 72 Meter-Abgrung schaut und auch noch am Seil darüber hängt? Warum tue ich mir das an? Vielleicht sollte ich doch lieber absagen?! Irgendwann schlafe ich dann doch noch ein bisschen.

Aber als die Sonne aufgeht, bin ich wild entschlossen, nicht kampflos aufzugeben. Unsere taffe Fahrerin erzählt mir, sie habe sich das nicht getraut…Um kurz nach sieben kommen wir auf der bewaldeten Bergspitze an. Von einem Steg aus kann man aus ein paar Metern Entfernung schräg in das Lochs schauen. Ein enger Einstieg, danach knappe zehn Meter durch eine ziemlich enge Felsspalte mit unfreundlichen Kanten und Überhängen, dann ist nur noch weite Dunkelheit zu erkennen.

Wir werden wieder in alle Seile, Schnallen, Karabiner und Gurte verpackt, Handschuh, Helme und los geht’s. Abgeseilt wird immer zu zweit. Nach der engen Stelle sollen wir uns zueinander drehen und die Knie ineinander verschränken und uns möglichst parallel abseilen, damit wir uns gegenseitig stabilisieren und nicht ins Trudeln kommen.

Miki ist bester Laune und voller Unternehmungsgeist. Meine Panik, kurz vor dem Herzinfarkt zu stehen, wenn ich über das Loch geschoben werde, trifft erstaunlicher Weise nicht ein! Ich schaffe es sogar, für das Foto zu grinsen, das einer der Jungs mit unserem Handy macht. Nach den ersten schwierigen Metern mit Kopfeinziehen und vom Fels abstützen, schaffen wir es problemlos, in die richtige Position zu kommen und nun wage ich gar einen Blick in die Tiefe. Dunkelheit und irgendwo ganz unten türkises Glitzern! Es ist so surreal, dass ich es gar nicht wirklich realisiere. Ich finde es sogar toll! Ich sehe auch große Erleichterung im Gesicht meines freundlichen Abseilpartners aufblitzen, der wohl zurecht Angst vor einer hysterischen, heulenden Kletterpartnerin hatte. Und schon geht’s ab in die Tiefe! Zip!

Unten werden wir von starken Armen auf das kleine Deck gezogen, denn Baden sollen wir erst später… Erst als alle zehn Teilnehmer unten sind, geht’s weiter über einen Holzsteg auf´s zweite Deck. Es ist in bisschen wie die Kulisse in einem Abenteuerfilm: Trotz der Dunkelheit fast unnatürlich blau leuchtendes Wasser (dafür sorgt ein bestimmter Kalkstein), die hohe weite , fast runde Höhle, an deren Rand sich Felsen, Stalagmiten und Stalaktiten wie eine Heerschar von Fabelwesen drängeln. Und ganz weit oben ein kleines Loch, durch das gleißendes Tageslicht fällt.

Gar nicht so einfach, sich in dieser Enge und Dunkelheit die Kleider aus- und die Neoprenanzüge richtig anzuziehen! Dann geht’s für die Schnorchler los. Sieht von oben lustig aus, wie dieser Pulk zweibeiniger schwarzer Riesenfische mit Schnorcheln da im dunklen Wasser rumpaddelt!

Die Taucher – zunächst ganze zwei an der Zahl, bekommen ein kurzes und für meinen Geschmack zu knappes Briefing. Immerhin erfahre ich, dass die Tauchtiefe achtzehn Meter betragen wird, und die Attraktion die subaquatischen Sandsteinkegel sind, die es nur in drei Höhlen der Welt gibt. Der größte Kegel ist 29 Meter hoch. Wenn wir sicher genug schwimmen, dürfen wir sie umkreisen, aber auf keinen Fall berühren, da sie ganz weich sind und zerstört würden.

Ich habe schon etwas Erfahrung, auch im Nachttauchen, aber die andere junge Frau wirkt eher unsicher. Der Dive Guide nimmt´s locker. Er hat sie ausgebildet und will dicht bei ihr bleiben. Ausrüstung anlegen. Gut, dass ich darin ein gutes Training im letzten Jahr hatte, denn der vorgeschriebene Bodycheck ist auch wieder etwas schlampig.

Dann ist es endlich soweit: Abtauchen. Großartig, ich bin sofort in meinem Element als wäre ich gestern das letzte Mal unten gewesen. Aber was ist das – ich muss den Abstieg in die geheimnisvolle dunkle Welt stoppen, denn irgendwas stimmt bei der anderen Taucherin nicht. Der Guide ist bei ihr, sie tauchen wieder auf, wieder ein Tauchversuch, wieder hoch…nach drei Minuten bricht sie ab.

Wie ich später erfahre, hat sie den Druckausgleich nicht geschafft. Was??? Eine Open Water Diver-Lizenz und schafft keinen Druckausgleich?! Um Gottes Willen, was ist das für eine Tauchschule! Dafür ist dieser Sport wirklich zu gefährlich.

Aber immerhin habe ich jetzt den Guide für mich ganz allein und darf eine gute halbe Stunde in der Unterwasser-Wunderwelt der Höhle verbringen. Im Lichtkegel unserer Lampen wirken die Kegel wie ein Szenenbild aus einem Science Fiction Film. Großartig! Auch die Wände der Höhle sind schön anzusehen. Ich tauche das erste Mal mit einem so dicken Anzug mit Haube und finde das anfangs unangenehm, aber das ist alles sofort vergessen. Ich glaube „Fisch“ ist zurecht mein Sternbild. Glücklich klettere ich nach einer guten halben Stunde wieder aus dem Wasser.
Diesmal ist das Umziehen noch schwieriger, die nassen Anzüge kleben förmlich am Körper. Und in Brasilien darf man sich auch unter diesen Umständen auf keinen Fall einfach nackig machen- auch hier im Dunklen nicht. Also müssen wir auch noch nacheinander in eine mit Leder abgehängte winzige Ecke des Decks kriechen. Und das alle im Dustern!

Aber schließlich sind alle in trockenen Sachen zum Klettern. Zum ersten Mal wird mir jetzt klar, dass ich ja noch mal über meine große Angstschwelle muss, denn selbst wenn sie mich hochziehen – die Höhe und das freie Schweben am Seil bleibt. Doch bis dahin vergeht noch einige Zeit, denn wir sind fast als letzte an der Reihe. Und die meisten Paare brauchen eine ganze Weile für den Aufstieg. Ich soll allein ans Seil, Miki mit den letzten Guide zusammen.

Die anfänglich etwas muffeligen Jungs, die unsere Kletterguides sind, sind inzwischen aufgetaut und fragen uns nach Deutschland aus. Wir machen sogar noch eine Schlauchboot-Rundfahrt durch die Höhle mit fachkundigen Erklärungen, die ich allerdings nicht bis ins Letzte verstehe, so perfekt ist mein Portugiesisch denn doch noch nicht. Jedenfalls ist das alles bestens dazu angetan, dass meine Abseil-Tauch-Euphorie nicht nachlässt durch allzu viele Gedanken an den Freiflug nach oben.

Als wir an der Reihe sind, ist mir nur noch ein kleines bisschen mulmig. Schwupp, geht’s aufwärts, ich muss bloß das Seil richtig durch meine Füße laufen lassen und die Hände an den richtigen Stellen halten. Oben muss ich mich dann noch ohne größere Aufschläge durch die Felsende manövrieren – und Yeah! Ich habe es geschafft! Ich bin ein Sieger – zwar nur über mich selbst, aber manchmal ist das ja am schwierigsten.

Miki und sein Kletterpartner schaffen den Aufstieg als ältester Exkursionsteilnehmer in sensationellen neunzehn Minuten und nun ist auch er sein eigener Held. Es geht doch nichts über eine gelegentliche Überdosis an Selbstbewusstsein! Noch ein großartiger Tag in Mato Grosso do Sul geht zu Ende – mit viel Grund zum Feiern. Diesmal mit Caipirinha!

Der silberne Fluss und die Teletubbies

Mein Tag beginnt mit einem einsamen morgendlichen Bad im Pool um halb sieben. Beobachtet werde ich dabei von drei Hühnern und zwei Tukanen oben in einer Palme. Nach dem Frühstück steht wieder ein Auto samt Chauffeurin für uns vor der Tür: Schnorcheln im Rio Prata, beziehungsweise einem Nebenarm, da der Fluss zur Zeit starkes Hochwasser führt.

Diesmal dauert die Anfahrt etwas länger: gute 50 Kilometer über Lehmpisten. Die Fazenda San Francisco schmückt sich mit reichlich Auszeichnungen in Sachen Naturschutz und Aufforstung von abgeholzten Uferwäldern. Ein Teil des Landes ist Schutzgebiet, Recanto Ecologico de Rio Prata. Das Toilettenwasser wir recycelt, der Müll getrennt, es gibt kein Plastikgeschirr. Und man darf auch gesponserte Bäume pflanzen…

Auf der Nutzfläche wird ökologische Tierhaltung betrieben, wir sind gerade durch die ausgedehnten Weiden gefahren. Aber für die Landwirtschaft braucht man nur sechs Angestellte, für die verschiedenen Touristen-Touren per Pferd oder zum Fluß und See arbeiten 40 Menschen. Die Gewinne dienen in die Ökowirtschaft und Naturschutzmaßnahmen. Nicht, dass ich der Illusion erläge, dass die Besitzer der Fazenda nichts von all dem hätten – aber immerhin ist hier einiges ernstgemeint.

Leider hat sich heute unsere Kamera verabschiedet und wir haben nur noch die Handys, die mit dem Klima hier auch nur schlecht zurechtkommen und nicht eben zuverlässig sind. Und zur Tour können wir ohnehin nichts außer trockene Sachen mitnehmen.

So kann ich bedauerlicherweise nicht bildlich belegen, wie sich eine Touristengruppe mit einigen sehr beleibten Teilnehmern flugs in Teletubbies verwandelt – dank der kleidsamen Tauchanzüge, für die drei Kilometer Schnorcheltour . Bei zweieinhalb Stunden Aufenthalt im Wasser könnte es sonst doch etwas kühl werden. Außerdem sollen die langärmligen und kurzbeinigen Neoprenkondome gegen die Sonne schützen, die so gar nicht kooperativ mit dem Sonnenschutzmittel-Verbot umgeht und einfach gnadenlos auf die driftenden Körper herunterknallt. Unsere kuriose kleine Truppe könnte wirklich viel Freude auf Youtube oder in einem der alten Louis de Funes-Filme auslösen, so wie wir daherwatscheln. Und das lustigste ist, wir müssen, so angetan, erstmal drei Kilometer durch den Wald zum Fluss wandern.

Immerhin haben wenigstens die gefräßigen Moskitos nicht sehr viel Angriffsfläche auf die ungeschützte Haut. Aber der Herr mit dem wirklich gigantischen Bauch hinter mir erträgt das Prsswurstgefühl nicht und macht seinen Reißverschluss auf, so dass nun aus dem offenen Spalt das volle Leben heraushängt. Die Mosquitos haben ein All-You-Can-Eat Buffet. So ist also die Freude der Teilnehmer an der prallen tropischen Natur um uns herum sehr ungleich verteilt.

Am Fluss angekommen gibt’s erstmal in einem kleinen See, der sich hier gebildet hat, Schnorcheltraining für Anfänger. Einige sind recht verzweifelt angesichts der Aufgabe, unter der Taucherbrille nicht mit der Nase zu atmen, da sonst das Wasser eindringt. Andere paddeln hektisch und aufgeregt, als ob sie ertrinken müssten, obwohl es schon im Taucheranzug ohne Schwimmweste (die einige zusätzlich tragen) nicht möglich ist, auch nur einen halben Meter unterzutauchen. Aber irgendwann packen es dann alle halbwegs und es kann losgehen.

Auch hier wieder herrlich klares Wasser, neugierige Fische, wehende Wasserpflanzen und eine sanfte Strömung, bei der man eigentlich fast nichts tun muss, außer die Richtung etwas zu kontrollieren – sofern man/frau es eben schafft, dem Wasser zu vertrauen.

Aber es gibt sogar drei junge Menschen, denen es nicht in den Sinn kommt, dass man sich nicht in Trööt-Brrr-UUUUmpf-Dröhn-Sprache durch die Schnorchel unterhalten muss, sondern einfach den Kopf heben und das Ding aus dem Mund nehmen kann, wenn man etwas zu sagen hat. Tja, wir Menschlein sind schon manchmal komische Tierchen….

Aber all dieser Getratsche möge der Unterhaltung dienen. Fakt ist: diese Tour ist ein wunderbares Erlebnis und es bleibt viel Zeit, um sich einfach verträumt der vorbei schwebenden Unterwasserwelt hinzugeben.

Der Mann von der Reiseagentur hatte uns fröhlich viel Spaß mit der Anaconda gewünscht. Haha, du kleiner Scherzkeks…dachte ich. Allerdings wird mir im Nachhinein ganz anders als er uns am Abend nach dem Ausflug bei einem zufälligen Treffen seine Fotos von seiner tatsächlichen Begegnung mit einem 8 Meter-Exemplar (!) auf dieser Tour zeigt. Die Riesenschlangen belieben wohl mit ihren Beutetieren in den Fluss abzutauchen, damit sie schneller sterben. Und die Versicherung, dass die überhaupt nicht angreifen hätte mich im Ernstfalle kein bisschen beruhigt, ich hätte wahrscheinlich eine Panikattacke erlitten. Aber wie gesagt, das alles wusste ich während der Tour noch nicht und fand alles super entspannt.

Nach einem weiteren Spaziergang durch den Wald stoßen wir dann wieder auf den Jeep mit unsren Sachen. Umziehen – und ganz, ganz schnell das nun endlich erlaubte Mosquitospray auftragen! Aber die hungrigen Vampire sind schneller und jeder nimmt juckende Erinnerungen mit nach Hause. Zum Glück scheint keiner unter Zika-Panik zu leiden. Diese Region hat nämlich einige Fälle zu verzeichnen, aber wohl nur in den Städten.

Auf der Station erwartet uns ein weiteres ebenso reichliches wie gutes Mittagessen. An dieser Stelle ist es mir ein Bedürfnis, dies noch einmal zu sagen: brasilianisches Essen ist wirklich lecker. Und ich glaube fast, ich habe mich inzwischen so an die täglichen Feijao (Bohnen) als unverzichtbarer Beilage gewöhnt, dass ich sie in Deutschland vermissen werde. Danach ein Nickerchen in der Hängematte – herrlich.

Theoretisch könnte man jetzt noch hoch zu Pferd eine Tour machen – nicht aber wir: wir sind im Stress, denn auf uns wartet noch ein wichtiger Termin in Bonito: Klettertraining.

Doch was es damit auf sich hat – das verrate ich im nächsten Blog. Cliffhanger nennt man das…..

Bonito-selbsternannte Hauptstadt des Ökotourismus

Ein mit fünfzehn Personen recht voll besetzter Van der Gesellschaft Vanzella bringt uns die 300 Kilometer nach Bonito. Nach brasilianischen Maßstäben also fast um die Ecke. Etwas teurer als der selten verkehrende öffentliche Bus, aber immerhin mit Klimaanlage und in vier statt sechs Stunden.

Endlose Weite, kaum Orte. Nur einmal auf einigen Kilometern, direkt zwischen Fahrbahn und Viehweide, die winzigen, windschiefen Hütten der Landlosen, noch schlimmer als die armseligen Häuser in den Favelas. Diese Menschen lebe auf ungenutztem Land in Verschlägen aus Pappe, Brettern und Plastikfolien, denn ihr Bleiben ist illegal und meistens werden sie irgendwann wieder vertrieben. Oft sind sie Wanderarbeiter, weil sie nirgends eine feste Bleibe haben. Das Problem ist so groß, dass daraus eine ganze politische Bewegung entstanden ist.

Allerdings beginnt nach einer halben Stunde ein Warnsignal bösartig zu piepen. Wir sitzen direkt neben dem Fahrer, der genervt versucht, die Sache in den Griff zu bekommen. Klappt nicht. Aber was soll´s: steifes Bein, nicht zu den Fahrgästen schauen und drei Stunden durchheizen bis zum Zwischenstopp in Maracajú. Viele andere Möglichkeiten gibt es auch nicht, die Alternative wäre auf der einspurigen Straße ein Notstopp. Aber was dann? Das Piepen ist extrem durchdringend, bald gesellt sich ein zweiter Warnton dazu. Ohren zuhalten und hoffen, dass der Alarm sich nicht auf den Kühler bezieht und die Kiste durchhält…. Tut sie.

Während unseres Stopps für den Lunch arbeiten der Fahrer und ein Kollege an der Sache: Mit einem Besenstiel fuhrwerken sie unter Einsatz aller Körperkräfte brachial im Motor herum – ein etwas beunruhigender Anblick. Aber der Erfolg entscheidet – wir setzten die Reise ohne Piepton oder Zwischenfälle fort.

In Bonito landen wir schließlich halb unfreiwillig am Busstopp in der Reise-Agentur Bonito Way, weil der Busfahrer nicht weiß, wo er uns absetzen soll, haben wir doch keine Adresse, wo er uns hinbringen kann. Eigentlich wollten wir uns zu Fuß umsehen und persönlich eine Unterkunft aussuchen, nach einer groben Vorauswahl im Internet. Schließlich aber scheint es doch eine bessere Lösung zu sein, mit dem freundlichen Burschen von der Agentur zu reden. Denn der weiß auf Anhieb, dass einige der auf den Fotos so nett aussehenden Pousadas und Hotels in der Realität keine sehr schönen Orte auf dieser Welt sind… Diese Erfahrung haben wir übrigens in Brasilien öfter als anderswo gemacht, dass Offerte und Realität weit auseinanderliegen.

In der kommenden halben Stunde wandelt sich unser Verhältnis von dem zwischen anstrengenden Kunden (da wählerisch in Preis und Leistung) und leicht gestresstem Angestellten in ein fast freundschaftliches. Außer einem gewissen gegenseitigen Symphatiefaktor liegt das aber an einer speziellen Gepflogenheit des Landes. Die Brasilianer lieben keine schnellen direkten Gespräche, auch nicht in geschäftlichen Angelegenheiten. Erst ein bisschen höfliches Geplauder, möglichst zwischendurch auch – und schon geht alles viel netter. Kurz und sachlich ist eher unhöflich und ….deutsch. So erfahren wir schnell die Familiengeschichten von unserem Berater.

Matias ist in Argentinien geboren , er hat einen deutschen Vater und eine kroatische Mutter. Er möchte gern mal nach Deutschland kommen und die Sprache lernen. Ein paar nützliche Tipps dazu und die Information, dass ich Deutsch unterrichte, sind der Beginn einer wunderbaren Freundschaft. Und schon hat er auch nebenbei ein Hotel herausgesucht, dass wirklich schön sein soll und einen ordentlichen Discount ausgehandelt. Dann erzählt er uns gleich noch, welche Touren wir hier unbedingt machen sollten und welche eher nicht. Zu guter Letzt bekommen wir noch eine kleine handgeschriebene Liste seiner persönlichen Lieblingsrestaurants. Der Mann wäre eine prima Quelle für die Lonely Planet Autoren!

Das Hotel Tapera liegt supernett auf einer Anhöhe mit Ausblick, Garten und Pool, selbstverständlich werden wir gratis hergefahren. Service ist in Bonito oberstes Gesetz. Und , genau wie der Lonely Planet verspricht, dies ist ein perfekter Ausgangsort für die verschiedenen Touren, wo es Besuchern leicht gemacht wird, alles Gewünschte zu organisieren.

In den folgenden Tagen verfestigt sich unser Eindruck, dass das hier eher der Großraum Wilder Westen/Texas/USA ist. Alles amerikanisch perfekt organisiert, zuverlässig, professionell und effektiv. Gelegentlich sieht man auch Cowboyhüte im Straßenbild.

Aus Gesprächen erfahre ich, dass unser Eindruck tatsächlich in mehr als äußerlicher Hinsicht stimmt: auch die Mentalität der Menschen hier entspricht eher der Cowboys, Pioniere und Goldsucher aus dem Wilden Westen: Die riesigen Fanzendas hat niemand erworben, hier wurden einfach die gewünschten Gebiete abgesteckt, zum Eigentum erklärt und mit Waffengewalt verteidigt. Und bis heute gibt es hier große Probleme mitKriminaltität besonderer Art. Dabei sind hier Touristen wesentlich sicherer als in anderen Bundestaaten. Gemeint sind Morde, Auftragsmorde, Famlienfehden, die tödlich enden. Eneso, wie man das aus den guten alten Western kennt.

Wie schon in Campo Grande ist darüber hinaus auch hier der unverkennbare Fingerabdruck einer florierenden Wirtschaft zu erkennen. Die Straßen sind überwiegend asphaltiert, schlaglochfrei, die Orte sind in ausgesprochen gutem Zustand. Sogar die übliche Favela fehlt.. Ein deutlicher Unterschied zu Mato Grosso, wo es deutlich ärmer aussieht und auch asphaltierte, schlaglochfreie Straßen kaum zu finden waren.

Überraschenderweise gibt es in diesem Bundesstaat, der sich 1962 von Mato Grosso abgespalten hat, und dessen Hauptwirtschaftszweig die Landwirtschaft, sogar genug Geld für kostenlose staatliche Bildungsangebote in ausreichender Menge: Berufsausbildung, Sprachschulen, Musikschulen und anderes. Obwohl hier angeblich das absurde Problem besteht, dass nur zu wenige Menschen diese Angebote nutzen. Lernen ist anstrengend. Verrückte Welt!

Am ersten Abend essen wir in einem Restaurant, dass für seine Fischgerichte bekannt ist. Groß, chick mit integriertem historischen Holzhaus und Souvenirshop. Die Kellner flitzen mit Headsets durch die Gegend, alles läuft wie am Schnürchen. Schon wieder ein Deja-Vu … Florida, Californien, Texas….Ist ja ganz nett – aber irgendwie so, als wachte man im falschen Traum auf. Es verwirrt mich in meinem Brasilienbild.

Noch am selben Abend buchen wir einige Touren, denn auch hier, wie schon in Mato Grosso, heißt die Überschrift Ökotourismus und das bedeutet fast immer: nichts geht ohne Guide, auf dass nur wenige kontrollierte Teile der Schutzgebiete von Besuchern heimgesucht und auf keinen Fall vermüllt werden. Die Besucherzahlen und -zeiten an den interessanten Naturattraktionen werden streng begrenzt. Ich bin beeindruckt, dass diese beiden Bundesstaaten die Idee des Ökotourismus so konsequent durchsetzen, in einem Land, dass sonst so chaotisch und anarchistisch ist.

Verhindern ließe sich Tourismus mit dieser hochspannenden Natur hier ohnehin nicht und es wäre auch sehr traurig. Aber auf diese Weise werden die Auswirkungen in Grenzen gehalten. Und es werden jede Menge Arbeitsplätze geschaffen, die sich durch die Eintrittsgelder und Umsätze selbst tragen.

Tag eins ist ganz entspannt. Wir besuchen die Grotte Gruta Lagoa Azul, die circa 40 Autominuten entfernt liegt. Wir werden zu unserem Erstaunen nicht nur im Hotel abgeholt, sondern das auch noch mit einem PKW, nicht etwa einem Bus. Es ist keine Hochsaison, da werden kaum Busse oder Vans gebraucht. Der Fahrer steht uns allein zur Verfügung. Nobel, nobel. Eben Bonito.

Die Landschaft erscheint so endlos, dass sie einen fast verschluckt, überwiegend flaches Land, die Wolken sind hier und da an den blauen Himmel getackert. Viele Wiesen, ein paar Bäume und kleinere Wälder, ansonsten Äcker und Weiden für Kühe und Pferdekoppeln. Aber auch hier wieder: Soja und Monokultur. Und natürlich viele Flüsse, denn dies ist schließlich das Vorland zum Patanal, dem größten Feuchtgebiet Brasiliens.

Ein paar lustige große Laufvögel mit auffallendem Irokesenhaarschnitt, die aussehen wie der Roadrunner, stehen immer wieder im Weg herum oder flitzen aufgeregt vor dem Auto her. Auch Rehe und Hirsche sind öfter zu sehen. Und natürlich Schwärme von kreischenden kleinen Papageien. Bremsen müssen wir aber auch für Kühe und Schafe, die sich nur zögerlich genötigt fühlen, beiseite zu gehen.

Die Grotte liegt auf einer privaten Fazenda. Hier haben wir allerdings nicht mehr den Luxus einer Privatführung, denn in Bonito gibt es viel mehr Tourismus als in den Orten zuvor. Und auch wenn gerade keine Saison ist, sind vergleichsweise viele Touristen hier, allerdings fast alle aus Brasilien. Die Führungen finden ausschließlich in Portugiesisch statt.

Wir gehören zu einer Gruppe mit fünfzehn weiteren Menschen. Mit den vorgeschriebenen Hygienehaarnetzen und Bauarbeiterhelmen sehen wir alle etwas dämlich aus. Aber Sicherheit wird hier überall groß geschrieben, schlechte Presse über verletzte Touristen will hier keiner. Irgendwie kommen wir uns heute aber ein bisschen vor wie in einer Rehagruppe, denn nicht nur die beleibten Rentner sind in mieser körperlicher Verfassung, auch jüngere Exemplare sind schwer gefordert von den 500 Metern Waldpfad und dem anschließenden Absteig. Nur klagend und stöhnend ertragen sie die körperliche Herausforderung und klettern dierund 280 Stufen 150 Meter in die Tiefe. Und Angst haben auch noch einige. Wovor eigentlich? Ich bewundere die stoische Freundlichkeit des Führers angesichts des Gejammers.

Am Ende des Abstiegs tut sich eine schöne, mit Stalaktiten und Stalakniten verzierte Grotte mit einem leuchtenden blauen See auf. Sie führt noch 150 Meter tief in den Berg, aber man kann sie leider nur von draußen bewundern, denn sie steht zu tief unter Wasser.

Den Rest des Nachmittags vertrödeln wir am Pool und mit einem Bummel durch den beschaulichen Ort Bonito auf der Suche nach einer Portion Acai, diesem unwiderstehlichen Palmfrucht-Pürees, und einem netten Lokal für den Tagesabschluss. Eins von den Tipps auf der Liste. Diesmal japanisch. Sushi und Miso-Suop – mal eine kleine Abwechslung nach der leckeren, aber immer sehr gehaltvollen regionalen Pantaneiro-Küche, die sich langsam aber sicher um meine Hüften schmiegt.