












Unterwegs mit Beate


























Es gibt eben Klischees, die einen verfolgen, bis man sie selbst überprüft hat … Und so sollte es wohl so kommen, dass auch am Morgen unseres letzten Tages in Castellamare di Stabia keine Fähren nach Süden an die Amalfi-Küste fuhren. Auch hier hieß es wieder wegen der hohen See. Hmm … nichts davon zu sehen vom Kai des Fährhafens aus. Aber immerhin hat man uns eine Überfahrt nach Capri angeboten – fünf Minuten vor Abfahrt. Capri stand aber auch immer auf meiner Wunschliste – also auf zur roten Sonne, die dort im Meer versinkt …
Das Schiff war fast ausverkauft und zunächst war auch so gar nichts von Seegang zu spüren. Das sollte sich allerdings noch vor dem Zwischenstopp in Sorrento ändern: Die Wellen wurden größer und die Fähre fing an, ganz schön zu schwanken. Und nachdem das Schiff zum letzten Abschnitt – der Überfahrt nach Capri – in See gestochen war, wurde es zunehmend heftiger … Die letzte halbe Stunde vor der Insel war Neptun richtig schlecht gelaunt.
Die Crew hatte inzwischen strategisch in den Gängen Position bezogen, bewaffnet mit größeren Vorräten an K….tüten, die immer mehr Abnehmer fanden. Ich habe die Prüfung des Meeresgottes erstaunlich gut mit einem flauen Gefühl im Magen überstanden.
Gischt umtost präsentierte sich die berühmte Insel, allerdings war davon in der Hafenbucht nichts zu spüren, wo munter noch kleinere Schiffe voller ahnungsloser Touristen Richtung Blaue Lagune lostuckerten. Viel Spaß!
Im Hafen herrschte viel Betrieb: Ausflügler, ankommende Touristen, Shuttle zu den Hotels, Taxis. Als erstes haben wir die Möglichkeiten der Rückfahrt gecheckt und mussten feststellen, dass ein großer Teil des Fahrplans auf rot gesetzt war, d.h. gecancelt … Aber wir konnten immerhin noch Tickets für eine andere Gesellschaft kaufen.
Die Capri-Erkundung haben wir mit Cappuccino & Cornetto ein paar Schritte weiter begonnen. Lektion 1: der billigste Cappuccino auf der Insel kostet 8 Euro (Sizilien & Napoli: 1,50), Orangensaft bis zu 17 Euro …
Egal, wir lassen uns die Laune nicht verderben. Zu Fuß kraxeln wir über eine endlose Steintreppe hoch zur berühmten Piazzetta, dem malerischen kleinen Platz , der allerdings von den Stühlen der fünf Restaurants fast vollständig besetzt ist. Der Blick über die Mauer auf das Meer ist wirklich wunderschön, auch das, was man von hier aus an Landschaft und Orten sieht. Wenn nur die Menschenmassen nicht ganz so massig wären …
Wir haben uns eine kleine Rund-Wanderung – beginnend an der Piazza Umberto I, durch den Ort und dann oberhalb der Küste entlang – vorgenommen. Das gepflegte Städtchen mit den weißen Häusern ist mir zu chic, die Geschäfte von Armani bis Gucci & Co interessieren mich nicht die Bohne.
Aber schließlich lassen wir den Ortskern hinter uns und wandern einen wunderbaren Weg über die Via Pizzolungo oberhalb der Küste entlang. Wir kommen an den Faraglioni-Felsen vorbei. Was für Ausblicke, was für Farben! Wunderschön … Nach ellenlangen Treppen durch den lichten Wald, vorbei an Ruinen (über die ich nichts weiß) kommen wir endlich am Arco Naturale an. Was für ein Ausblick! Vom Weg, der in halber Höhe am Berg entlang führt, schaut man durch ein riesiges Naturstein-Tor auf das hellblaue Meer. Hin und wieder fährt ein kleines weißes Schiff durch´s Bild … Kitsch pur – oder noch besser: ein Juwel von Mutter Natur.
Ich bin dankbar, dass es nicht allzu heiß ist, denn es geht gern mal länger bergauf, teilweise auch über lange Treppen. Ganz schön anstrengend! Die Küste, die fast die ganze Zeit durch die Bäume zu sehen ist, sieht von hier oben besonders malerisch aus, weil sie stark zerklüftet ist. Immer wieder brechen sich die Wellen an kleinen Felseninseln. Das Wasser changiert von hellblau über türkis zu tiefblau. Trotz Herbst ist alles üppig grün, Hibiskus, Bougainvillea, Wandelröschen, Heckenrosen … Die Wellen brechen sich weiss schäumend an den vielen Felsen und vorgelagerten kleineren Inseln. Fast kitschig, aber Natur pur … schöööön!
Es ist schnell vollkommen klar, woher Capri sein Trauminsel-Image hat, aber der Tourismus verschlingt – zumindest auf den ersten, oberflächlichen Blick – viel von dieser Schönheit. Immerhin begegnen wir auf dieser Wanderung außerhalb der Ansiedlungen nur vergleichsweise wenigen Spaziergängern.
Der Rundweg führt nun wieder zurück in die Zivilisation, d.h. den Ort Capri, aber hier, in dem Ortsteil, der von der Küste abgewandt liegt, geht es ruhiger zu. Uns begegnen nur wenige Leute und die meisten Häuser rechts und links der Gasse sehen nach echten Wohnhäusern aus. Aber schließlich landen wir wieder auf der trubeligen Piazza Umberto I.
Wir haben noch ein paar Stunden bis zur Rückfahrt. Und ich möchte nach Anacapri, den Ort auf der ruhigeren Seite der Insel, da wo auch die Strände sind. Ich habe schon ein paar Mal gelesen, dass es dort besonders schön sein soll. Und vom teuren Trubel von Capri haben wir inzwischen genug gesehen. Ein paar Schritte vom Platz entfernt ist eine Bushaltestelle, wo Menschen in ziemlich langen Schlangen auf die etwas seltsamen breiten, aber kurzen Inselbusse nach Anacapri oder zum Hafen hinunter warten. Daneben ist ein Taxistand, an dem aber nur offene Cabrio-Limousinen auf geltungsbedürftige Fahrgäste warten.
Der Bus ist hoffnungslos überfüllt, ein Wunder, dass sich der Fahrer noch bewegen kann. Auf geht´s, über die Serpentinen den Berg hinauf. Immer wieder überholen Motorroller und Motorräder den Bus, obwohl bei der schmalen, gewundenen Straße Gegenverkehr erst im letzten Moment gesehen werden kann. Ganz schön Kamikaze …
Schließlich sind wir da und können unsere Gliedmaßen wieder ausschütteln. Ja, schon der erste Rundum-Blick fällt positiv aus. Auch hier gibt es ein paar kleinere Läden und Restaurants, aber alles ist gemütlich, ohne Menschenmassen. Der Ort liegt auf einem Berg, die gepflasterten Straßen winden sich an weißen Häusern und Mauern vorbei, blühende Bäume, Sträucher und Kletterpflanzen sorgen für die Farbtupfer. Nach einem Spaziergang durch den gemütlichen Ort suchen wir uns eine Trattoria aus, wo wir freundlichst bedient werden und Pizza und Wein sogar noch bezahlbar sind …
Für Natur und Strände bleibt leider keine Zeit mehr, wir müssen zum Hafen. Ein Blick auf die Schlange an der Bushaltestelle löst einen Moment Schnapp-Atmung aus, aber schließlich zeigt sich, dass nicht alle zum Hafen wollen. So sind wir rechtzeitig zurück. Am Kai herrscht bereits heftiges Gedränge. Einige kleinere Fähren – wie die vom Morgen – bleiben im Hafen, nur noch ein paar große werden auslaufen, nach Ischia, Sorrent, Castellamare di Stabia. Sehr vertrauenserweckend sieht unsere alte Kiste allerdings für mich nicht wirklich aus …
Schließlich legen wir ab. Einige Male legt sich der Riesenkahn ziemlich beunruhigend auf die Seite. Aber mein gutes Verhältnis zu Yemanja, der Schutzgöttin der Seeleute hilft … 😉 Wohlbehalten kommen wir rund zwei Stunden später in Castellamare di Stabia an.
Diesmal wählen wir für den Rückweg zu unserem Quartier statt der großen Uferpromenade den Weg durch kleine Gassen der Altstadt. Hier sieht alles so ganz anders aus, als im Touristen-Capri. Alles ziemlich abgerockt, alt, renovierungsbedürftig. Aber irgendwie auch ganz sympathisch. Vorbei an ein paar kleinen Plätzen – einer mit einer sehr schönen alten Kirche, deren Namen ich leider vergessen habe, kommen wir schließlich wieder in bekanntere Straßenzüge.
Wir wollen noch eine Flasche vom berühmten Sorrento-Limoncello für unsere Nachbarn in Sizilien kaufen, können aber kein Geschäft finden. Schließlich fragen wir in einer Bar ein paar ältere Männer danach. Nach einem kurzen, lautstarken Palaver lässt es sich einer von ihnen nicht nehmen, uns – trotz Nieselregen – höchstpersönlich zu einem passenden Geschäft zu führen. Und er will nicht mal einen Kaffee oder Wein dafür annehmen. Wirklich supernett!
Nach einem kleinen Abendessen in einem einfachen ristorante, in dem es sich der Chef nicht nehmen lassen hat, immer wieder persönlich nach dem Wohl der ausländischen Gäste zu schauen, wackeln wir zufrieden und müde in unser Domizil. Morgen früh werden wir mit dem Zug zurück nach Sizilien fahren, unser 2. Zuhause. Es waren zwei spannende Wochen voller Eindrücke, die noch lange nachglühen werden. Und die – vor allem im Fall von Napoli – Lust auf mehr gemacht haben. Arrivederci e grazie mille!
Ein neuer Tag, ein neues Ziel: Sorrento, der berühmte Badeort. Aber zuerst das junge Ritual pflegen: Caffè in der kleinen Bar. Als wir draußen am Tisch sitzen, werden wir ziemlich aufdringlich und unangenehm angebettelt von einem Mann mit einem ca. zweijährigen Kind im Kinderwagen, das hat was von Masche. Zwanzig Minuten später kommt ein junger Schwarzer, den ich schon ein paar Mal in der Straße gesehen habe, strahlt uns an, räumt unseren Tisch ab und zieht sich wieder zurück. Als er die letzte Tasse abholt, geben wir im ein wenig Kleingeld und er freut sich wie ein kleiner Junge. Little difference …
Wieder fahren wir vom Bahnhof Via Nocera mit der Circumvesuviana ab, diesmal allerdings in die andere Richtung. Der Zug ist voll, laut und zugig, aber pünktlich und billig. Die nächste Station heißt Terme di Castellamare di Stabia, sieht aber heruntergekommen aus, da wird wohl eher nicht mehr gebadet – dieser mögliche Wellness-Programmpunkt hat sich also erledigt. Auch an der Station zur Seilbahn von Castellammare di Stabia auf den 1200m hohen Monte Faito wird nicht gehalten. Später erst lese ich, dass es im April ein schlimmes Unglück mit vier Toten und einem Schwerverletzten gegeben hat, weil das Seil gerissen ist. Also wohl auch eher kein Ausflugsziel …
Die Strecke schlängelt sich am am Berg entlang durch Wälder, kleine Orte und lange Tunnel. Von Zeit zu Zeit kann man kurz eine Aussicht auf das strahlend blaue Meer erhaschen. Schliesslich haben wir den Bahnhof von Sorrento erreicht.
Obwohl Sonntag ist, stellen wir bei unserem Weg in die Innenstadt fest, dass alle Geschäfte geöffnet sind! Und diesmal kann ich mich doch nicht beherrschen und habe nun zwei Strickjacken mehr … Die Stadt ist voller Menschen, auch hier wieder fragt man sich, wie schrecklich das in der Saison sein muss. Nach etwa zwanzig Minuten kommen wir auf die berühmte Piazza Tasso, umgeben von schönen alten Pallazzi, einer Kirche, Denkmälern und Cafés. Zeit für eine spätes Frühstück mit cremegefüllten Cornetti und leckerem Cappuccino.
Gegenüber steht ein Denkmal an den Dichter Torquato Tasso, eine der Celebrities der Stadt. Übrigens hat auch Gorki einige Jahre hier gelebt. Und lange gehörte Sorrento zu den beliebtesten Reisezielen großer Geister von Goethe bis Nietzsche. Die Stadtgeschichte geht bis auf 700 Jahre vor Christus zurück. Griechen, Römer, Normannen …
Wir schlendern auf der Flaniermeile Corso Italiano bis ans Ende, neutralisieren das süße Frühstück noch mit etwas leckerem frischen Backfisch und bewundern die schönen Aussichten auf das Meer tief unten und die hohen grünen Berge, die sich gleich hinter der Stadt erheben. Nach einem kleinen Zickzackkurs durch die Altstadt klettern wir über viele Stufen Richtung Meer hinunter – durch eine schmale Gasse zwischen hohen Grundstücksmauern, die aber freundlich von blühenden Bäumen und herabhängenden Ästen voller Zitronen flankiert wird. Es geht bestimmt 50 Meter bergab.
Unten angekommen, gönnen wir uns bei strahlendem Sonnenschein einen Aperitif mit Meerblick … Schließlich kraxeln wir wieder eine Weile bergauf, denn anders kommt man nicht weiter. Auf beiden Seiten der alten gepflasterten Straße, die sich Autos und Fußgänger teilen, liegen hübsche alte Villen mit großen Gärten und herrlich blühenden Bäumen – trotz Herbst. Und jede Menge Wanderstock bewehrte Touristengruppen älteren Baujahrs.
Danach klettern wir wieder steil auf einem Steinweg an den Felsen zum Strand hinunter, die Grande Marina anschauen. Hier liegen die wenigen felsigen Strände in Sorrent. Fast das ganze Gebiet ist in privaten Händen und die Badewilligen müssen bezahlen, oft für wenig einladende Terrassen mit Strandbars. Und wer glaubt, hier stürze man sich ins endlose blaue Meer, der irrt. Die ganze Bucht ist von Holzplattformen eingefasst, so dass es aussieht, als würden die Touristen an der Flucht gehindert. Der Ausblick auf das Meer und die Inseln Capri und Ischia ist wunderbar, aber Strand habe ich schon besser gesehen.
Am Ende der Grande Marina liegt die Marina Piccola, hier fahren viele der Fähren ab, auch nach Capri und Ischia. Am kommenden Tag haben wir vor, mit dem Schiff nach Süden an die Amalfi-Küste zu fahren. Aber unser Versuch, die Gelegenheit zu nutzen und schon Tickets für die Fähre zu kaufen, scheitert an der Aussage, dass morgen niemand in See stechen wird wegen des hohen Wellenganges. Hä? Wo? Unsere Wetter-App weiß nichts davon. Doch ich bin geneigt zu glauben, Miki dagegen glaubt, man wolle nur nicht mit wenigen Gästen fahren. Egal …
Auf dem Weg zurück in die Altstadt können wir vom Strand aus noch die große Basilica di Sant’Antonino Abate bewundern, die Sankt Antonius, dem Schutzpatron der Stadt, gewidmet ist. Sie ist die älteste Kirche in Sorrent. Allerdings haben wir nun keine Lust mehr auf den steilen Aufstieg und nehmen den kostenpflichtigen Fahrstuhl nach oben zum größten Park der Stadt: Villa Communale. Mit eine tollen Blick aus 50 m Höhe auf das Tuffsteinplateau der Sorrentiner Hochebene, auf den Golf von Sorrent und den Stadtstrand .
Auf der anderen Seite des Parks beginnt die Altstadt. Hier liegt auch das Chiostro di San Fransceso. Der Innenhof gibt den Blick frei auf einen wunderschönen Kreuzgang. Genutzt wird das Gelände heute vor allem für Kunstausstellungen und Veranstaltungen. Gemütlich schlendern wir durch die Kopfsteinpflaster-Gassen der Altstadt und halten nebenbei Ausschau auf ein nettes Restaurant zum Abendessen. Letztendlich landen wir an einem kleinen Platz, wo wir uns die Bäuche vollschlagen, zufrieden und etwas geschafft nach einem langen Tag.
Die Circumvesuviana bringt uns schließlich scheppernd mit Zugluft – wegen der offenen Fenster – aber sicher und pünktlich „nach Hause“ in unsere Wohnbaustelle. Buona Notte!





























Bisher haben wir nur selten Probleme mit der italienischen Bahn Trenitalia gehabt, eher sehen wir sie als positives Beispiel zur Deutschen Bahn. Aber diesmal hat´s nicht so funktioniert. Wir haben ein Ticket für den Zug nach Castellamare di Stabia gebucht, nachdem wir nochmal von der Metrostation Piazza Garibaldi durch die wunderbar von Künstlern illuminierten Gänge und Rolltreppen zum angrenzenden Hauptbahnhof Napoli gelaufen sind. Die interessante bunte Beleuchtung macht die Sache gleich viel netter!
Nun allerdings wird es schwierig. Ohnehin ist es nicht so einfach, sich auf diesem Hauptbahnhof zu orientieren. Aber ganz komisch wurde es, als wir den von uns gebuchten Zug nirgends auf den Plänen entdecken konnten … Um es kurz zu machen: Die Bahnlinie war wegen Bauarbeiten unterbrochen und es sollte ein Bus vom Bus-Terminal neben dem Hauptbahnhof abfahren. Das haben wir nach etwas Herumfragen schließlich auch gefunden. Aber von welchem der vielen aneinandergereihten Halteplätze dieses Busbahnhofs sollte nun der unsere abfahren? Nirgends ein Hinweis, viele Busse auf dem ziemlich wenig einladenden Terminal. Im Ticket-Office hat man keine Ahnung, von wo der Trenitalia– Ersatzverkehr abfährt. Hmm …
Schließlich sind es freundliche Menschen, die selbst diese Strecke fahren, die uns verraten können, wo denn die Ersatzbusse halten. Es dauert noch ungemütliche 45 Minuten, aber dann finden wir den richtigen Bus, der nur mit vier Passagieren besetzt ist. Der Busfahrer rast über die Autobahn mit offenem Fenster und raucht dabei heimlich … Aber schließlich landen wir im abendlichen Castellamare di Stabia.
Mit Rucksack und Trollies rattern wir los: Dass ich bei den rumpeligen, manchmal ganz fehlenden Bürgersteigen anderthalb Kilometer laufen muss, nervt mich ein bisschen. Teilweise müssen wir auf der Straße laufen, weil es keinen oder nur einen winzigen Bürgersteig gibt und ein Teil des Weges geht bergan. Ich bin quengelig und will endlich ankommen. Dann endlich: die richtige Adresse!
Wirklich? Das Haus an einer lauten Hauptverkehrsstraße voller röhrender Motorräder und Autos ist komplett eingerüstet und verschwindet hinter blauen Planen. Was für eine nette Überraschung! Das Zimmer ist groß, zweckmäßig, aber billig eingerichtet, die Fenster sind mit blauen Plastikplanen verhangen. Ich bin erstmal bedient und sauer, weil die Vermieterin nicht darauf hingewiesen hat. So, genug gemeckert …
Noch einmal machen wir uns durch die abendlich belebte Altstadt auf Richtung Stadt-Strand, wo wir auch ein nettes Restaurant finden und unsere Laune mit leckerem gegrillten Pulpo, Pizza Diavola und leckerem Wein wieder deutlich besser wird.
Am nächsten Morgen verlassen wir unsere Wohnbaustelle so bald wie möglich und trinken schräg gegenüber in einer kleinen einfachen Bar unseren Cafè. Der Mann hinter der Bar hat sich in ein sehr enges T-Shirt gequetscht und seinen Look mit einem gegelten Zopf auf jugendlich getrimmt. Seine Frau trägt ihre Leibesfülle selbstbewusst und wartet trotz der relativ frühen Stunde mit perfektem Make Up auf. Ansonsten lebt der Laden von denen, die immer ihren Kaffee hier trinken oder später ihren Aperitif. Es gibt drinnen einen, vor der Tür zwei kleine Tische, die meisten bleiben aber nur ein paar Minuten stehen, palavern wild durcheinander, als gäbe es was dafür zu gewinnen. Der Prototyp der uritalienischen Bar – in Deutschland wäre es ein Café. Uns gefällt´s.
Wir haben Glück, dass der Bahnhof Via Nocera der Schmalspurbahnlinie Circumvesuviana Bahnlinie nur 150 m von unsrem Haus entfernt ist. Die Bahn quert hier die Straße. Jedesmal wenn ein Zug erwartet wird, rennt einer der beiden Angestellten des Bahnhofs auf die Straße, schließt die Schranke und passt auf, dass sich niemand durchmogelt. So ein bisschen aus der Zeit gefallen, aber witzig. Wir nehmen den Zug nach Napoli, der über Pompei fährt – unsrem heutigen Ziel. Die Fahrt kostet keine 3 Euro. Der Zug ist nicht besonders gemütlich, laut, aber pünktlich.
In Pompei drängeln sich die Touristen vor dem Bahnhof, der Eingang zur Ruinenstadt Pompei ist keine hundert Meter entfernt. Ein Schild weißt darauf hin, dass pro Tag nicht mehr als 20.000 Besucher (!) eingelassen werden zum Schutz der Anlage. Es werden verschiedene Touren angeboten, man kann aber auch individuell seine eigene Tour gestalten. Wir rüsten uns mit einem Plan des riesigen Areals und zwei Audioguides aus und marschieren los.
Das Wetter ist bestens, die Sonne scheint, es ist nicht allzu heiß. Am Anfang ist das Gedränge noch ziemlich groß, mit der Zeit verteilen sich die Menschen aber etwas. Diese über 2200 Jahre alte antike Stadt wurde von ca. 10 000 Römern, Griechen, Etruskern und anderen bewohnt, bevor sie 79 vor Christus bei einem Ausbruch des Vesuv unter einer 25 m hohen Stein- und Ascheschicht begraben wurden, wenn sie nicht schnell genug flüchten konnten. An einigen Stellen sind die mumifizierten Toten (oder Nachbildungen davon) noch zu sehen, z.T. in der verkrampften Haltung, in der sie unter den Aschemassen erstickt sind. Gruselig! Pompei ist übrigens die größte Stadtruine der Welt. Einfach gigantisch!
Es ist unglaublich, was hier seit dem 19. Jahrhundert wieder alles ausgegraben wurde – und immer noch wird! „Überwältigend“ trifft es! Wir wandern durch die ehemaligen Straßen der Stadt, vorbei an den öffentlichen Wasserbrunnen, Wohnhäusern, Tempeln, Tavernen, Thermen, Manufakturen, Mosaiken und Skulpturen. Da sind noch Haushaltgegenstände, so als kämen die Besitzer gleich zurück. In den Gärten wachsen wieder Bäume. Am östlichen Ende der Stadt, das große Amphitheater, in dem die Gladiatorenkämpfe stattfanden. Gleich daneben die noch älteren Reste eine griechischen Palestra – eines Trainingsplatzes für Sportler. Am anderen Ende der Stadt: Die Totenstadt Necropolis vor der alten Stadtmauer.
Die Sonne brennt, es ist heiß, wir versuchen, auf den Schattenseiten der Straßen entlangzulaufen. Wir haben Wasser vergessen, böser Fehler. Am Tor von Nekropolis, telefoniert ein Sicherheitsmann einen geschäftstüchtigen Barbesitzer von außerhalb an den Zaun, der und Wasser verkauft! Wasser! Endlich!
Die einzige Pause, die wir uns an diesem Tag gegönnt haben, war eine Essenspause im einzigen Restaurant auf dem Gelände. Menschenmassen, eine große Terrasse, gesalzene Preise, aber immerhin leckeres Essen.
Der Audio Guide ist sehr hilfreich, die Geschichten zu Häusern, Tempeln und Bewohnern sind spannend und man fragt sich, wie soviel über sie bekannt sein kann nach so langer Zeit. Allerdings kann man unmöglich alles ansehen und anhören, man wäre tagelang beschäftigt! Es wird einem immer klarer, wie hochentwickelt – „modern“ in vielen Dingen – das antike Leben damals schon war.
Die Audio Guides rattern zum Glück nicht nur Fakten herunter, sondern erzählen auch oft die Geschichten der Bewohner, schildern Alltagsszenen, lassen vor dem inneren Auge Form annehmen, was hier vor Jahrtausenden geschehen ist. Aber die Guides sind offensichtlich schon etwas älter, denn viele der Häuser und Paläste, deren Innenräume beschrieben werden, sind inzwischen für die Besucher gesperrt – um sie zu schützen vor zu vielen Händen und Füßen. Man kann jetzt bei vielen Häusern nur noch durch Türöffnungen und Fenster schauen. Interessant sind die Erzählungen zu bekannten Familien oder einzelnen Personen, die hier gelebt haben, sie scheinen als Geist noch immer hier zu sein.
Es ist mir schlicht nicht möglich, hier noch mehr ins Detail zu gehen. Ich kann nur eins tun: Allen, die die Möglichkeit haben, empfehlen: „Fahrt hin, seht selbst!“. Es ist wirklich phantastisch! Und … es macht einen ein bisschen demütiger und nachdenklicher.
Noch ein letzter Kurstag, ein letztes Mal sich ein bisschen „alltagszugehörig“ fühlen … Ein bisschen wehmütig spaziere ich durch die Via San Giovanni Maggiore Pignatelli durch die engen Straßen zum Vico Santa Maria dell´Aiuto zum Centro Italiano. Inzwischen grüßt der eine Gemüsehändler schon und ich kenne die Frau von der Straßenreinigung.
Auch den anderen drei Mitschülern geht es ähnlich, wir bedauern alle, dass schon Schluss ist. Es gibt Espressi, Nusswaffeln und Schokolade zum Kursende. Aber auch nochmal echten Unterricht. Allerdings gehen wir für die letzten zwei Stunden `raus zur Piazza Bellini in ein Café … Abschied.
Unser Mittagessen nehmen wir dann en famille noch mal an einem besonderen Ort ein, den wohl eher wenige Touristen finden, wieder ein Tipp von der Lehrerin: Cuccuma Caffè , Vicco II Gravina 1. Eher klein und unscheinbar, ist es aber auch für Einheimische eine bekannte Adresse, für Fremde eher ein Geheimtipp: Hier kann man auf die traditionelle napolitanische Art essen und anschließend Kaffee trinken.
Der Laden ist klein, fast zu eng für die sieben kleinen Tische. Außerdem wird hinter dem gemauerten Tresen direkt gekocht, auf zwei großen Gasflammen. Mehr braucht es auch nicht, denn hier kocht der Chef selbst und das auf alte Art. Auf der Speisekarte stehen verschiedene Pasta-Soßen, mit und ohne Fleisch, mit Gemüse, verschiedenem Käse. Die jeweilige Pasta-Sorte des Tages sucht der Chef aus. ABER: Pro Tisch (2-4 Personen) kann man nur eine Sorte Soße bestellen, denn serviert wird nach alter Sitte: Es gibt nur einen großen Teller für alle in der Tischmitte, davon wird gemeinsam gegessen. Serviert vom Koch persönlich mit lautstarkem Kurz-Gesang.
Unsere Pasta mit traditioneller Salsiccia, frischen Tomaten und anderem Gemüse ist super lecker! Der Chef meinte, wir bräuchten 250 g Pasta … weil´s so lecker war, haben wir tatsächlich alles in uns reingestopft. Danach gab es den legendären Caffè nach traditioneller Napolitanischer Art gekocht: In einem zweiteiligen Alu-Kaffee-Kännchen: Oben grob gemahlener Kaffee, unten Wasser. Wenn aus der Tülle unten Qualm und ein Tropfen Wasser kommt, wird das ganze auf den Kopf gestellt und läuft durch. Das Ergebnis: Lecker! Ein toller Tipp: Cuccuma Caffe!
Aber der volle Bauch ist kein Grund zum Müßiggang, denn wir werden Napoli morgen Nachmittag schon verlassen. Letzter Programmpunkt waren eigentlich die Phlegräischen Felder, ca. 20km westlich des Vesuvs. Dieses als unterirdischer Supervulkan eingestufte Gebiet vor den Toren Neapels, dessen Krater einen Durchmesser von ca. 770 m hat, ist allerdings wegen der unerklärlichen permanenten Anhebung der Erdkruste in den letzten Jahren und der hohen vulkanischen Aktivität auf unbestimmte Zeit gesperrt. Aber man kann mit dem Linienbus daran vorbeifahren bis in das Städtchen Pozzuoli.
Das allerdings klang ganz einfach: mit dem Linienbus. Nach einem strammen Marsch nach Lungomare wollten wir dort einen Bus erwischen … aber was wir nicht wussten, war, dass die Busfahrer der Gesellschaft gestreikt haben. Nach einiger Verwirrung, Herumsuchen und Warterei hat es dann doch noch geklappt, weil der Streik nur ein paar Stunden gedauert hat. Ein ziemlich unbequemer, alter Linienbus hat uns dann stadtauswärts geholpert – vorbei am Heiligtum des SC Napoli, dem Stadio Diego Armando Maradona . Kurz vor dem Ziel konnte man dann zwischen Häusern doch tatsächlich Rauchschwaden aufsteigen sehen. Mehr aber auch nicht …
Im 75-tausend-Seelen-Städtchen Pozzuoli war Endstation. Die Saison war hier – im Gegensatz zu Neapel, offensichtlich tatsächlich vorbei. Bei einem Spaziergang durch das alte Städtchen Richtung Meer haben wir zwar viele kleine Restaurants und Bars gesehen, aber kaum einen Touristen. Alles eher verschlafen.
Ein kleines Städtchen mit langer Geschichte: Gegründet immerhin schon 531 Jahre vor Christus. Erst griechisch und dann römisch war der große Hafen der Hauptgrund für den Wohlstand der Stadt. Die Römer haben ihn viel genutzt, z.B. für Getreidelieferungen aus Ägypten für die Stadt Rom. Die Phlegräischen Felder wurden als Heilthermen genutzt. Von der Hauptstraße aus können wir einen Blick auf und in das römische Amphitheater von Pozzuoli werden. Das Anfiteatro Flavio war mit 40.000 Plätzen immerhin das drittgrößte seiner Art in Italien. Unrühmliche Bedeutung hatte es zu Beginn der Christenverfolgung, als hier die ersten Märtyrer hingerichtet wurden. Wir können zwar nicht hinein, da die Anlage geschlossen war, aber wir konnten von der Straße aus einen guten Blick ins Innere werfen. Auf dem Weg zum Meer hinunter kommen wir an den Ruinen des Macellum vorbei, eines Marktes im Bereich des antiken Hafens.
Aber – diese Zeiten sind vorbei und heute lebt die Stadt vor allem vom Tourismus – den Fährverbindungen nach Ischia – und dem nahen Neapel. So trinken wir einen herbstlich-melancholischen Aperitif als einzige Gäste in einer Bar am Hafen und machen uns dann auf den Rückweg. Die Bahn Ferrovia Cumana fährt für etwas mehr als zwei Euro von hier ins Zentrum Neapels zurück, allerdings führt der Weg zum Bahnhof rund zwei Kilometer immer bergauf …
Ein letztes leckeres Abendessen und einen Wein (oder zwei?) gegen die Abschiedsmelancholie in der quirligen Altstadt … Aber immerhin bleibt uns morgen noch ein halber Tag, bevor wir die Stadt Richtung Castellamare di Stabia verlassen …
Der Tag beginnt mit Nieselregen, aber immerhin – tröste ich mich – ist es nicht so kalt wie in Deutschland. Und irgendwie geht mir jeden Morgen von Neuem das Herz auf, wenn ich durch die alten Gassen laufe. Vielleicht denkt der eine oder andere Inhaber der kleinen Läden schon, dass bei mir was nicht stimmt, da ich immer alle mit breitem Grinsen grüße … Aber ich freue mich einfach immer wieder hier sein zu dürfen.
Nach dem Kurs bleibt heute keine Zeit für pranzo (Mittagessen), denn wir haben ja einen festen time slot für unsere Katakomben-Tour mit Napoli Sotteranea von der Piazza San Gaetano. Es herrscht wieder ein riesiger Andrang. Die Gruppe ist wesentlich größer als bei unserer ersten Untergrund-Tour und es tummeln sich noch weitere Gruppen hier im Untergrund. Trotzdem: Auch diese Tour ist spannend und versetzt einen immer wieder in Erstaunen, was Menschen alles mit einfachsten Mitteln geschafft haben. Dieses über 450 km lange Netz aus Tunneln durch den Tuffstein dürfte jeden zum Staunen bringen.
Diese Tour geht zum Teil bis zu 40 m Tiefe. Und es gibt auch etwas neues, anderes zu sehen als am Vortag: Blau schillernde klare Wasserbecken in den etwas größeren Grotten – zwei römische Zisternen – deren klares Wasser in der spärlichen Beleuchtung hellblau leuchtet, und ein Pflanzenprojekt. In einer Höhle beobachten Wissenschaftler, wie sich Pflanzen, die man allerdings mit ein paar Lampen recht spärlich beleuchtet, unter diesen Bedingungen entwickeln.
Von den weiteren Erklärungen des Guides kann ich allerdings nur wenig verstehen, die Akustik ist schlecht, die Gruppe relativ groß, und ständig sind schon andere Gruppen vor oder hinter unserer … trotzdem spannend. Nach den Tunneln steigen wir noch einmal zum Eingang zurück und gehen auf der Straße um zwei Ecken, wo wir über einen kleinen, alten Hauseingang in das etwas düstere, spartanische Innere des Hauses gelangen.
Eine Art kombinierter Wohn-Schlafküche mit einem alten Metallbett, das sich beiseite schieben lässt und darunter den Einstieg in ein weiteres, nicht sehr tiefes Tunnelsystem versteckt: das alte griechische-römische Theater. Inzwischen ist das ursprüngliche Amphitheater aber von einem ganzen Wohnviertel überbaut worden. Teile des römischen Theaters sind aber unter den Häusern wieder freigelegt und zugänglich gemacht worden. Aber es ist ein bisschen Phantasie gefragt, wenn man sich das Ganze richtig vorstellen will. Trotzdem war es ganz spannend, hier durch den geschichtsträchtigen Untergrund unter den Wohnhäusern herumzuklettern und sich vorzustellen, wie es hier wohl einmal war – vor rund 2000 Jahren. Schade nur, dass man dem Guide anmerkte, dass er die Führung Tag für Tag x-mal macht …
Wieder am Tageslicht schlendern wir ein weiteres Mal durch die quirligen Gassen der Altstadt – wieder bin ich fasziniert, wie es Autos und Roller schaffen, sich durch das Gewühl zu schieben, ohne jemanden zu verletzen. Bürgersteige gibt es nur ganz selten, und wenn, sind sie oft zu schmal, um auch nur einen Teil der Fussgänger aufzunehmen. Und abgesehen davon, sind die Roller teilweise in einem Zustand, der jeden Deutschen in Panik versetzen würde – Schrott on the road …
An der Station „Duomo“ nehmen wir die Metro um nach Lungomare zu fahren, die Küste von Napoli, wo auch der Hafen für die großen Fähren liegt. Nach einem kleinen Fußmarsch von der U-Bahn-Station Mergellina gelangen wir schließlich durch einen kleinen Park an die Küstenlinie. Links liegt der wenig malerische Hafen mit den riesigen Fähren, die Straße am Meer entlang ist wegen Bauarbeiten gesperrt …
Aber der Ausblick von der Kaimauer dazwischen ist wunderbar. Die Sonne nähert sich dem Horizont und färbt die Wolken orange. Links blickt man auf die Küste der Halbinsel von Sorrent und Amalfi in der Ferne, daneben thront der Vesuv mit einem Wolkenmützchen. Weiter rechts dann geht die Sonne über Ischia unter und beleuchtet noch den Himmel über Capri. Bei einem Campari lasse ich soviel Schönheit einfach mal wirken …
In der Dämmerung spazieren wir wieder landeinwärts. Vor uns tut sich die riesige Piazza Plebescito auf, an der der Palazzo Reale liegt, seit den 1990er Jahren ein staatliches Museum. Heute Abend aber wird gerade die halbe Piazza mit dem Aufbau hässlicher Buden verschandelt, RAI-Techniker ziehen Kabelbündel durch die Gegend – hier findet am nächsten Tag – wie wohl des öfteren – ein Konzert statt. Gegenüber liegt die Chiesa di Santa Croce di Palazzo. Der riesige, eher flache, aber ausladende Bau ist sehr eindrucksvoll. Aber wir haben heute schon genug besichtigt und versuchen gar nicht erst herauszufinden, ob sie geöffnet ist …
Wenn es nicht so spannend wäre, durch den abendlichen Trubel zu laufen, wäre ich wahrscheinlich angesichts des Rückwegs nach dem anstrengenden Nachmittag verzweifelt. Aber es gibt soviel zu sehen und zu beobachten, dass man die schweren Beine fast vergisst. Inzwischen sind – am Ende des Tages – auch Napolitaner im Ausgehmodus. Wieder bin ich begeistert, wie stilvoll und elegant sich die Frauen der Stadt am Abend eines ganz normalen Wochentags zurechtmachen. Da passt alles zueinander: Bluse, Schal, Jacke, Schmuck, Make Up. Aschenputtel aus Berlin in Jeans und T-Shirt versucht nicht aufzufallen …
Heute gönne ich mir ein Frühstück, obwohl ich eigentlich nie frühstücke. Aber das Café am Platz, das gerade öffnet, ist zu verlockend: ein Cappuccino, ein duftendes, gefülltes Cornetto (Croissant) und eine Viertelstunde „Napoli vor dem täglichen Ansturm“ genießen. So muss der Tag anfangen. Meine Lehrerin kommt vorbei und ich hefte mich an ihre Fersen, denn verpassen möchte ich auch nichts von dem guten Kurs.
Vier Stunden später und den Kopf voller Grammatiksalat steht ein neuer Entdecker-Zug durch die Stadt an. Leider nieselt es und ich muss feststellen, dass meine alten Sneakers undicht sind … Wenigstens ist es nicht kalt. Wir haben heute die andere – bekanntere – Katakomben-Tour auf dem Plan, in Spaccanapoli, an der Piazza San Gaetano. Aber als wir dort ankommen, müssen wir feststellen, dass es eine lange Schlange Wartender gibt, die alle schon eine Eintrittskarte haben. Ein Ordner schüttelt nur den Kopf: Der ganze Tag ist ausverkauft.
Also suchen wir uns ein Restaurant in einem regengeschützten Kolonnaden-Gang und stopfen uns mit Parmiggiana und Pizza voll. Die Wartezeit nutzen wir, um online ein Ticket für den nächsten Tag zu buchen – auch schon fast alles ausverkauft. Einen Schrecken jagt mir eine weiß gekleidete menschliche Gestalt auf dem Fenstersims im ersten Stock des Hauses gegenüber ein. Mein erster Impuls: Oh Gott, der fällt gleich runter! Aber der zweite Blick macht klar: Es ist wieder einmal eine lebensechte Pulcinella-Figur, Spassmacher und Symbolfigur des neapolitanischen Volkstheaters. Ihr begegnet man hier in jeder Form: als Bild, Figur, Grafitti, Schlüsselanhänger etc.
Ein weiterer Spaziergang bringt uns zur Piazza Bellini, an dem alte Bäume im Sommer einigen der netten Cafés Schatten spenden. Wieder ein Tipp einer Lehrerin: das Caffè Arabo: Etwas alternativ, eher von Einheimischen frequentiert. Im Angebot arabischer Mokka mit Kardamom und leckere, aber ziemlich süße Dolci aus Honig, Feigen und Nüssen. Und grün-weiß-rote Coca-Cola-Dosen mit dem Aufdruck „Free Palastine“. Eher kein Touristenlokal.
An den Platz anschließend kommt man in die Via Port´ Alba, eine wunderbare kleine, gewundene Straße, in der sich ein alter Buchladen an den anderen reiht. Neue, alte und besondere Bücher in kleinen Läden. Wäre mein Italienisch besser, hätte ich hier mit Sicherheit zugeschlagen. Ein bisschen fühlt es sich wie „zu Hause“ an, denn ich bin in einem Haus voller Bücher aufgewachsen. Unbedingt zu empfehlen!
Mit Blick auf den Stadtplan beschließen wir zur Station der Zahnradbahn , der Funicolare, am Ende der Via Toledo zu spazieren und damit hoch auf den Vomero–Hügel zu fahren. Es gibt vier Zahnradbahnen in der Stadt, aber diese ist die wohl bekannteste. Die Standseilbahn verbindet das Zentrum mit den Stadtteilen Mergellina und Posillipo – doch das ist eher für die Einheimischen wichtig. Touristen nutzen die Bahn um zur Festung Sant´Elmo zu kommen.
Wir kommen gerade noch rechtzeitig, um in Ruhe auf die alte Festung klettern zu können, und dann von oben den großartigen Ausblick auf den Vesuv, die Stadt, das Meer und die Inseln Ischia und Capri zu genießen.
Die wechselhafte Geschichte der riesigen Burg geht bis ins 14. Jahrhundert zurück. Aber besonders verdient gemacht hat sich mit dem Wiederaufbau und der Erweiterung der Burg der spanische Vizekönig von Neapel, Pedro Alvarez de Toledo, der die Festung zwischen 1537 und 1547 wiederaufbauen und erweitern ließ. Die Burg ist sternförmig in sechs Wällen angelegt. Sie wurde auf die unterschiedlichste Weise genutzt, von den jeweiligen Herrschern in der verrückten, wechselhaften Geschichte dieser Stadt. Sant’Elmo war auch ein Symbol der nur kurz währenden Neapolitanischen Republik von 1799.
Man sollte auf jeden Fall Zeit (und außerhalb des Sommers eine dicke Jacke) mitbringen, denn es dauert einige Zeit, bis man die alten Aufgänge bis oben hinaufgeklettert ist und oben die Ausblicke auf dem weitläufigen Umgang genossen hat.
Nachdem der Vesuv zur Belohnung für die Kletterei nun aus dem ganztägigen Wolkenversteck aufgetaucht ist und majestätisch im Abendlicht vor sich hin raucht, dürfen wir auch noch einen orange-rosanen Sonnenuntergang, den tramonto, über Ischia genießen. Dann aber zieht es mich ganz schnell nach unten, denn ohne wärmende Sonnenstrahlen ist es in luftiger Höhe plötzlich verdammt kalt.
Noch einen Campari zum Ausklang in einer der vielen Bars um die Station der Funicolare und dann geht es wieder ins Tal und zurück durch das Gewimmel der Altstadt. Diesmal waren wir schlauer als gestern und haben auf dem Rückweg das Lokal Casa di Santa Chiara angerufen und einen anderthalbstündigen Essensaufenthalt gewährt bekommen. Es ist ein kleines, enges, zweistöckiges Restaurant, in dem der Chef kocht. Gekocht wird mit Biogemüse und regionalem Fleisch und Fisch. Und es ist proppevoll mit Einheimischen.
Aber auf dem weiteren Heimweg müssen wir in Ruhe noch einen Amaro in einer Bar zur Verdauung trinken. Inzwischen hat es ziemlich heftig zu regnen begonnen, was mich wieder unliebsam an meine undichten Schuhe erinnert … Zufrieden und hundemüde fahren wir mit dem museumsreifen Fahrstuhl zu unserem kleinen Apartment hoch. Aber es hilft nichts, ich muss noch einen Text für den nächsten Kurstag schreiben … egal. Es war ein weiterer toller Tag in Napoli!
Der erste Kurstag ist zu Ende, ich bin geschlaucht und höchst zufrieden. Zwei tolle junge Lehrerinnen, eine geborene Napolitanerin, die andere auf der Insel Ischia gleich nebenan geboren.
Wir schlendern in die Quartieri Spagnoli und schlagen uns erst mal ordentlich den Bauch voll – ganz italienisch mit mehreren Gängen … Besonders lecker : eine Suppe aus Linsen und Spinat! Mit halblangen Jeans und T-Shirts sind wir allerdings für Essen im ristorante wiedermal hoffnungslos underdressed. Alle anderen Tische werden von schicken Anzugträgern und eleganten Damen mit High Heels und Markengarderobe belagert. So geht man hier zur Arbeit! Aber zumindest haben wir uns beim anfangs muffeligen Kellner durch genug Essen (3 Gänge) rehabilitiert.
Entsprechend vollgestopft trödeln wir weiter durch die Straßen. Es wird einfach nie langweilig, immer wieder schöne alte Häuser, winzige Gassen und dann , gegenüber des Opernhauses Teatro San Carlo, eine neuwirkende, gigantische, mehrstöckige Einkaufspassage: die Galleria Umberto I. Ich bin verwirrt: Ist sie alt? Ist sie historisierend neu gebaut? Die kreuzförmigen weitläufigen Gänge sind von gewölbten Glasdächern überzogen, die in einer großen Kuppel in der Mitte zusammenlaufen. Alles strahlt in gelb und weiß. Eine mondäne Atmosphäre, viele Geschäfte für shopping ohne Grenzen und auf dem kleinen Platz an der Mittelkreuzung Straßenmusiker und ein paar Cafés. Egal, ob alt oder neu – eine sehr schöne Athmosphäre!
Erst später haben wir nachgelesen: Die Galleria Umberto I ist tatsächlich alt, der Bau begann 1887 als Teil der Stadterneuerung nach dem Ende einer Cholera-Epidemie 1884 nach Plänen von Emmanuele Rocco und Ernesto di Mauro.
Ein paar Straßen weiter, an der Piazza Plebiscito, haben wir unser Ziel erreicht : Napoli Sotterranea – das Unterirdische Neapel. Hier bietet sich eine von mehreren Möglichkeiten in der Stadt, das phantastische Netz aus Tunneln und Hohlräumen unter Neapel zu sehen. Um diese Jahreszeit können wir sogar ohne Anmeldung, nach einer kurzen Wartezeit, eine Führung in englischer Sprache mitmachen. Um diesen speziellen Zugang zu den Katakomben kümmert sich ein eher junges Team. Dieser Ort ist nicht so überlaufen, wie die wesentlich bekannteren Katakomben, von denen später noch die Rede sein wird.
Menschen mit Klaustrophobie oder Herzproblemen wird von der Führung abgeraten. Über eine düstere, sich in die Tiefe schraubende Treppe mit hohen Sandstein-Stufen gelangen wir im Halbdunkel auf den Grund der unterirdischen Stadt. In einem höhlenartigen Raum, von dem die Tunnel abgehen, gibt es zunächst eine kleine Einführung in die über 2000jährige Geschichte dieser ungewöhnlichen Stadt unter der Stadt, von der Antike bis nach dem 2. Weltkrieg. Unfassbar, was Menschen über die Jahrtausende hier an Arbeit geleistet haben!
Anfangs wurden die Tunnel in den Untergrund getrieben, um Sandstein als Baumaterial für die expandierende Stadt zu gewinnen, dann wurden die Tunnel als Zisternen für die Napolitaner genutzt. Alle Häuser bezogen ihr Wasser aus diesem Zisternen-Netz! Während des 2. Weltkrieges lebten in diesen kleinen Höhlen, die durch teilweise gerade mal 40 Zentimeter breite Gänge verbunden sind, tausende Menschen, um sich vor Bombenhagel und Panzern zu schützen. Was die Faschisten selbst – italienische, wie deutsche – nicht daran hinderte, sich hier ebenfalls zu verstecken. Genauso wie Schmuggler und die Mafia, deren Mitglieder sich hier gern der Verhaftung entzogen und ihre Waffen und anderes hier versteckten.
Die Führung ist nicht für sehr große, korpulente oder ängstliche Menschen zu empfehlen. Die endlosen Gänge sind nur spärlich erleuchtet, manche, über kleinere Strecken, gar nicht. An den Kreuzungen öffnen sich kleine bis mittelgroße Räume, hier wurde gewohnt. In machen dieser Räume haben Künstler zusammengelebt, was man an eingekratzten Bildern erkennt. In anderen Familien mit Kindern, Soldaten usw. Auch ein Toiletten-System (die türkische Variante) ist hier noch zu sehen. Eben alles, was Leben auf eine längeren Zeitraum möglich macht. Und natürlich gibt es auch einige kuriose Legenden, die der Führer erzählt. Eine z.B. über die Liebesdienste, die Frauen dem jeweiligen Zisternenwart , der sich hier überall fast ungesehen bewegen konnte, heimlich erwiesen, um damit das Leben der Familie ein wenig reicher zu machen.
Unzählige Geschichten und Legenden ranken sich um diese unterirdische Welt. Nach dem Krieg wurden große Teile mit Schutt und Müll zugeschüttet, erst viel später haben engagierte Menschen mühsam damit begonnen, dieses Tunnelsystem wieder freizulegen. Hier und da sind noch ein paar Fundstücke -von einem Bettgestell bis zu Gefäßen, Büsten oder Stahlhelmen- zu sehen. Aber man hat darauf verzichtet, hier künstlich gestaltete museale Ausstellungsräume anzulegen, was ich richtig finde. Kahl und leer regen diese endlosen, düsteren Gänge und Räume die Phantasie umso mehr an! In der Via Chiaia steigen wir schließlich nach ca. 75 Minuten wieder in die oberirdische Welt zurück, beeindruckt und … ein bisschen nachdenklich.
Wieder ein lustvoller Bummel zurück durch die flirrende Altstadt Richtung Spaccanapoli. Ein erfolgloser Versuch, in einem, von der einheimischen Lehrerin besonders empfohlenen, Restaurant zu essen. Alles ausgebucht, und wie es aussieht, kaum Touristen, eher ein Napolitaner-Treff. Schließlich landen wir nochmal in dem am Vorabend bewährten kleinen Restaurant in unserer Straße. Essen und gleichzeitig träge das abendliche street live beobachten. Es gibt wirklich schlechtere Arten, einen schönen Tag zu beenden …