Ouro Preto/Brasilien 2018: die Natur

Tag 2. Noch Muskelkater vom Stadtklettern gestern und schon wieder ein weiterer Sprint bergauf und –ab: wegen des Frühstücks. Selbe Klettertour zurück, dann holt uns unser persönlicher Taxifahrer für den Tag, Passarinho, wie verabredet ab. Er hat sich überlegt, dass er uns nicht einfach auf dem kürzesten Weg nach Andorinhas fährt, wie verbredet, sondern auf einer Extra-Route mit schönen Ausblicken und Geschichte.

An einem Aussichtspunkt über der Stadt machen wir Halt und bekommen wir eine volle Dröhnung Stadt- und Goldrauschgeschichte. Er rattert Jahreszahlen herunter, erzählt von Goldsuchern, Ganoven, gierigen Gouverneuren, Rebellen und abgeschlagenen Köpfen. Es macht ihm sichtlich Spass, Fremden seine Stadt zu erklären. Er regt sich darüber auf, dass die Stadt, die vom Tourismus lebt, nicht Schulungen für alle Taxifahrer darüber anbietet. So sei er der einzige von den 103 Taxifahrern, die sich in Geschichte und Natur der Umgebung auskennen würden. Glück gehabt! Oder Karma..?

Wir lernen das Viertel São Sebastião kennen, das ruhig und gemütlich auf einem Berg thront. Hier geht das Leben noch einen gemütlichen Gang, die Nachbarn leben noch in tatsächlicher Nachbarschaft miteinander, man kann es spüren. Und hier gibt es auch die zweitälteste Kapelle der Stadt, klein bescheiden, ohne Prunk.

Nach einigen langsamen Kilometern auf immer schlechter werdenden Straßen und ausgewaschenen Schotter- und Lehmpisten sind wir dann endlich da. Ein großartig gebautes und ebenso schnell wieder zusammengefallenes Zufahrtstor zum Naturschutzpark Parque Andourinhas erzählt auch wieder typisch brasilianischen Alltag: vor einer Wahl ein großartiges Projekt geplant, nach der Wahl vergessen. Wohl auch aus dieser Zeit stammt das überdimensionale, grauenhaft hässliche und fast ungenutztes Welcome-Center, das die Parkbesucher begrüßt. Die Informationsdame langweilt sich sichtlich, denn sie hat nicht einmal Faltblätter oder Karten zu verteilen, alles ausgegangen. Sieben Wasserfälle kann man hier erwandern, vier davon sind für uns zu schaffen, für mehr reicht unsere Zeit nicht. Der Weg ist als mittelmäßig schwierig eingestuft.

Wie sind oben auf einem steinernen Hochplateau, das in eine Terrassenlandschaft mit Wasserbecken und kleinen Wasserfällen und Stromschnellen übergeht, Blick auf ein endloses Bergpanorama. Passarinho wandert mit zum ersten Wasserfall, er hat sich offenbar entschlossen, unser persönlicher Führer zu sein. Unterwegs gibt’s noch Unterweisungen in Mineralogie und Pflanzenkunde, da er bemerkt hat, dass ich mich für alles, was wächst interessiere. Schließlich stürzt sich in stacheliges Unterholz, um für uns ein paar grüne Beeren zu ernten, die zwar klein, aber nahrhaft und erstaunlich wohlschmeckend sind.

Von dem felsigen Plateau geht es auf einem gewunden Pfand zum Eingang einer unterirdischen Höhle, in der der erste größere Wasserfall ist. Der Zugang ist verdammt eng und ziemlich glitschig, und die Gefahr, beim Klettern über die Felsbrocken auszurutschen, ist groß. Ein Mann versucht, seine korpulente Gattin zu überreden, doch nochmal zu versuchen, durch die Felsspalte zu kriechen. Man soll ja nicht lachen, aber es sieht schon kurios aus, wenn das oppulente Hinterteil da immer wieder hängenbleibt….

Schließlich gelangt man über eine Metall-Leiter auf den Grund der Höhle. Unten steht man sofort im Wasser, alles rutschig, kantig und dunkel. Aber der Anblick, der sich dann bietet, ist wunderschön! Am Ende eines schmalen Höhlengangs, durch den das Wasser fließt, öffnet sich eine schmale Höhle. Durch einen Felsspalt oben fällt ein Strahl Sonnenlicht bis auf den Grund, genau da, wo ein tosender kleiner Wasserfall auftrifft. Es sieht so unwirklich schön aus, als wäre dies eine Film-Kulisse.

Nass und glücklich klettern wir wieder ans Tageslicht und genießen die Aussicht ins Tal und auf die fernen Bergketten. Vor uns ein paar Felsnasen, die wie ein riesiges Krokodil aus der Bergwand ragen. Passarinho ist selbst begeistert, nach Jahren mal wieder hier zu sein und beschließt hier auf dem Berg auf uns zu warten, statt zurückzufahren.

Der Abstieg zu den nächsten beiden Wasserfällen ist ziemlich anstrengend und gar nicht so einfach wie angegeben. Sicherungsgeländer oder Seile gibt´s hier sowieso nicht, hier scheint die Seuche der Haftungsprozesse von gestürzten Touristen noch nicht angekommen zu sein. … Ein steiler, glitschiger Pfad über Wurzeln und Felsbrocken führt durch den Urwald. Hohe Bäume, Blühende Sträucher, Lianen, Eidechsen Kolibris und andere Gefiederte machen den Weg zu einem Erlebnis. Und immer wieder Ausblicke auf die Bergwand hinter uns und das Tal vor uns. Teilweise muss ich auf meinem Hinterteil sitzend weiterrutschen und mich an Wutzen und Ästen festkrallen, um nicht abzurutschen. Manchmal fällt das Gelände neben dem Pfad steil ab. Höhenangst-Training.

Wir klettern zuerst zum untersten Punkt, einem Plateau mit kleinen Fels-Bassins und Stromschnellen, in denen man wie in Whirlpools baden kann. Die Felsen sind zwar fast eben, aber gefährlich glitschig. Das Plateau endet an einer Felskante, von der das Wasser dann wirklich tief ins Tal stürzt. Den Blick über die Felsen der Kante wage ich nicht, zu glatt die Felsen, meine Höhenangst nagelt mich die Meter entfernt fest. Aber auch so ist der Ausblick berauschend schön.

Auf dem Rückweg nach oben, nehmen wir den Abzweig zur Cachoeira das Noivas, der Wasserfall der Bräute. Keine Ahnung, was es mit dem Namen auf sich hat, aber es ist ein magischer Ort. Der Fluss schießt durch eine schmale Urwaldschneise etwa 15 Meter in eine offene Grotte, in einem Felsenbecken bildet sich ein sprudelndes Bassin, in das man sich sofort stürzen möchte. Die Sonne fällt durch die Blätter der hohen Bäume und taucht alles in flimmerndes Licht. Problem: die Felsen um und im Becken sind so glatt, als hätte man sie mit Schmierseife eingerieben. Ich bin nur mit Mühe hinein und trotz Hilfe fast nicht heil wieder herausgekommen.

Und noch etwas ist besonders an diesem Ort: Im prüden Brasilien darf man hier ausdrücklich Nacktbaden! Welche Überraschung. Wir genießen noch ein kurzes Weilchen den Zaber des Ortes und machen uns auf den Rückweg, denn leider läuft unsere Uhr – wir müssen noch heute nach Belo Horizonte und von dort mit dem Nachtbus zurück nach São Paulo.

Passarinho hat brav gewartet, wir nehmen noch ein Paar mit, dass gern wenigstens bis zur Bushaltestelle in die Stadt mitfahren will, der Weg dahin ist ziemlich weit und heiß. Fast wären wir nicht zurückgekommen, denn auf der Straße, die vor ein paar Stunden noch in Ordnung war, liegt nun der halbe Hang. Abgerutscht samt Baum. Aber zum Glück kann man das Auto noch gerade so hindurchmanövrieren.

Unsere aufregenden zwei Tage in Ouro Preto enden mit einem späten oppulenten Mittagessen „self service“, d.h. all-you-can-eat in einem Restaurant mit typischer regionaler Küche. an der Praça. Anschließend sammeln wir unsere Sachen ein und trinken mit Passarinho einen Abschiedskaffee in dem winzigen Café „Cafetelier“ unserer Gastgeber, die dort übrigens Bohnen aus der familieneigenen Plantage verkaufen. Das schwarze Gold der Neuzeit…. Passarinho bringt uns zum Busbahnhof und lädt uns schon mal vorsorglich für ein nächstes Mittagessen bei seiner Frau ein. Wer weiß, vielleicht…?! Ouro Preto und die Berge von Minas Gerais wären einen Nachschlag wert.

Ouro Preto/Brasilien 2018: die Stadt

Schon wieder ein kleines Extra, damit eine Reise-Perle nicht verloren geht… Fast per Zufall sind wir nach Ouro Preto im Staat Minas Gerais gekommen. Und obwohl es nur ein Zwei-Tages-Trip war, war´s einer, der nicht unerzählt bleiben sollte.

Ouro Preto („Schwarzes Gold“) hat eine glänzende Geschichte: im 18 Jahrhundert wurden hier 80 Prozent der Gold-Weltproduktion gefördert! Und auch wenn die Zeitn längst vorbei sind, ist die vergleichsweise kleine Stadt in Minas Gerais, beziehungsweise die Altstadt, noch immer ein Schmuckstück und Unesco-Weltkulturerbe.

In 1200 Meter Höhe windet sie sich in einer Talsenke steil an den Hängern der Berge auf und ab, so steil, dass es unsportlichen oder älteren Reisenden wohl kaum gelingt, zu Fuss mehr als den großen Praça de Tirantes, dem zentralen Platz,  und ein paar Nebenstraßen zu erkunden…

Aber der Reihe nach. Nach einer sehr langen und größtenteils kurvigen Fahrt von der Küste São Paulos hierher, waren wir froh, ein nettes kleines Zimmer an einer steilen Straße der Altstadt, der Rúa Carlos Tomás, zu beziehen. Das Zimmer war klein, aber: mit einem phantastischen Blick auf die Stadt und einige ihrer vielen Kirchen und Kapellen, die in der Nacht hübsch angestrahlt sind und am Tage strahlend weiß und gelb in der Sonne leuchten.

Am Morgen haben wir uns auf den Weg gemacht auf der Suche nach Frühstück und Kaffee, zuerst steil bergauf, dann steil bergab, vorbei an der Ingreja de São Francisco de Assis, durch ein Tal, in Richtung der auf einem Berg thronenden Ingreja Santa Efigenia dos Pretos. Seltsamer Weise haben wir kein einziges vernünftiges Café, und auch keinen Imbiß gefunden, obwohl dies eine echte Touristenstadt ist. Falsche Richtung, Pech.

Aber bereits nach einer guten halben Stunde haben die Knöchel, Schienbeine und Knie laut protestiert. Nicht nur wegen des ewigen, steilen bergauf und -ab, sondern, weil die Straßen nicht nur aus klobigem, ausgewaschenem Kopfsteinpflaster bestehen, sondern hier die abenteuerlichsten Steine und Steinplatten als Straßenbelag verbaut wurden. Mal schmal und scharf, mal große, unebene und extrem rutschige Felsplatten, auf denen man sich selbst bei trockenem Wetter kaum halten kann, mal runde, dicke Kopfsteine, zwischen denen tiefe Spalten auf den nächsten Knöchel lauern. Es ist wirklich…ein Herausforderung hier längere Zeit die Stadt zu durchstreifen. Wie können ältere Menschen hier zurechtkommen??? Und noch beängstigender als die Sorge um die eigenen Knöchel fand ich den motorisierten Verkehr in diesen steilen Straßen. Schon die Autos haben mich oft erschreckt , wenn sie die Gassen herunterschießen. Richtig in innere Panik versetzt haben mich aber vor allem die Motorräder und –roller! Oh mein Gott, das grenzt an Kamikaze!

Erschwert wird die Tour de Force der gestressten Füße noch dadurch, dass man nicht immer nur auf den Weg schauen möchte, denn dazu ist Ouro Preto viel zu schön! Irgendwie scheint die ganz Altstadt aus Postkartenmotiven zu bestehen. Weiße Häuser im Kolonialstil mit farbigem Stuck in den mäandernden Straßenschluchten, blühende Bäume und über allem die grünen Bergzüge am Horizont rund um die Stadt.. Über allem am Horizont der Fels Itacolomi, der immer so aussieht als müsste er jeden Moment umstürzen.

Das alles atmet im wahrsten Sinne des Wortes die Geschichte des Goldrausches. Zuerst hieß die Stadt Vila Rica – die Reiche Stadt, Hauptstadt von Minas Gerais bis 1897. Aber wie überall, wo es Reichtum gibt – und hier war es sogar Gold – ist die Historie geprägt von Verteilungskämpfen, Revolten, Banden, Hinrichtungen und Korruption. Die portugiesische Krone hat das Gold aus den Bergen von Minas Gerais reich gemacht. Der Name Ouro Preto, schwarzes Gold kommt daher, dass das Gold hier durch Eisenerzverunreinigungen schwarz gefärbt ist.

Vorallem auch die Kirchen erzählen in ihrer Pracht von dem vergangenen Reichtum. Sta. Efigenia ist geradezu überladen von Figuren, Ornamenten – ein Fest der Kirchenkunst. Verspielter, weniger Leid darstellend als in Europa. Auch hat man von ihrem Platz auf einer Bergkuppe einen besonders schönen Blick über die Stadt.

Die zweite Kirche, die wir uns von innen angesehen haben, ist die Ingreja Matriz Nossa Senhora do Pilar, eine wunderschöne oppulente Barockkirche, die auch ein Museum beherrbergt. Acht Kirchen und etliche kleine Kapellen könnte man besichtigen, wir belassen es bei zweien, schon, weil unser Aufenthalt sehr kurz ist.

Vom zentralen Praça de Tirantes gehen nach allen Seiten steil abfallende Straßen ab, die oft auf kleineren Plätzen enden. Viele Restaurants, Mode- und Souvenirläden warten auf Touristen, denn vorallem davon lebt die Stadt. Außerdem ist eine der bekanntesten Universitäten des Staates hier ansässig mit einem riesigen Campus auf einem Berg über der Altstadt.

Übrigens, der mehr oder weniger lateinfeste Europäer wird vermutlich irritiert sein, über die völlig unverständliche Kleinstaaterei innerhalb dieser Stadt: an vielen Häusern kündet ein Schild vom Sitze einer Republik mit anderem Namen. Nun sind das mitnichten obskure Freistaaten, sondern „república“ bedeutet auf brasilianisch: Wohngemeinschaft. Und in der Stadt der Studenten ist dies die übliche Wohnform. Und da die komplette Innenstadt unter Denkmalschutz steht, sind die Häuserfassaden von außen irreführend, denn oft sind die Gebäude dahinter entkernt und zusammengelegt, so dass große Gemeinschaftsunterkünfte für acht bis 20 Studenten entstanden sind.

Am Nachmittag müssen wir eine Pause einlegen, nicht nur wegen der für die Jahreszeit eher ungewöhnlichen Hitze, sondern, weil unsere Beine und Füße nicht mehr mitspielen. Es ist so unglaublich anstrengend, hier herumzulaufen! Nach einem Nickerchen kraxeln wir wieder brav Richtung Praça, weil wir und überlegt haben, dass wir für den zweiten Tag gern die offenbar auch sehr spannende Umgebung der Stadt zumindest etwas erkunden wollen. Überall hier in Minas gibt es Canyons, Seen und Wasserfälle. Nur knapp 10 Kilometer von der Stadt entfernt liegt der Naturpark Andorinhas, die am nächsten gelegene Möglichkeit, ein paar von den unzähligen schönen Wasserfällen von Minas Gerais zu sehen.

Erste Idee: eine Agentur, die die Fahrt dorthin organisiert. Aber der übergewichtige Chef des Ladens scheint und mit „doofe Ausländer“ zu verwechseln und nennt uns einen geradezu absurden Preis. Abgehakt, das kriegen wir anders hin. Auf der Praza de Tirantes steht eine Riesenschlange Taxis. Wir pirschen die Reihe ab und entscheiden uns für den letzten Taxifahrer, etwas älter und irgendwie knuffig. Schnell werden wir uns über einen Pauschalpreis für Hinbringen und nach drei Stunden wieder abholen einig – 90 Real. „Nennt mich einfach Passarinho („Vögelchen“)“… Der andere Kerl wollte 300. Wir verabreden uns für den nächsten Morgen.

Zum Abendessen müssen wir wieder steil nach unten – auf der anderen Seite des Platzes, auf der wir gerade mühsam hochgeklettert sind. Unser Weg führt uns über eine steinerne Brücke, von der aus man den (leider nicht zugänglichen) wunderschönen Stadtpark samt Flüsschen sehen kann, vorbei am Grand Hotel, das der weltberühmte Oskar Niemeyer gebaut hat. Es ist ein so hässlicher Betonklotz, dass man seinen Augen nicht traut…

Die Küche von Minas, das Comida Mineira, ist legendär lecker. Zweimal haben wir das schon erfolgreich probiert! Diesmal fällt die Wahl auf ein Restaurant, das am Abend „Festival de pizza, tapioca e caldo“ anbietet. Das heißt, es gibt endlos Suppen, Pizzen und Tapioca (Rollen aus Maniokmehlfladen) – beides mit 34 verschiedenen Füllungen. Auf dem Buffet stehen fünf verschiedene Eintöpfe und Suppen und an Pizza und Tapioca wird immer frisch gemacht, was man sich aussucht, so lange bis man kurz vor dem Kollaps abwinkt. Das Ganze kostet pro Person zehn Euro.

Mit hängenden Bäuchen schleppen wir uns wieder über den Berg in unsere Unterkunft in der Rua Carlos Tomás. Unsere Vermieter Anna und Francisco, ein junges Paar, sitzen noch mit Besuch in der Küche und laden auf ein Bier ein. Wir schwatzen noch ein Stündchen über Brasilien, staatliche Universitäten contra private, die brasilianische Sucht nach Schönheitschirurgie und Kaiserschnitten und andere Dinge, die in keinem Reiseführer stehen. Immer wieder spannend, gut, dass mein Portugiesisch inzwischen gut genug dafür ist, sonst würde ich viel Spannendes verpassen.

Extra-Shorty: São Paulo

Dass dies kein moderner, schneller, kurzer Reiseblog ist, dürften meine Leser längst gemerkt haben. Nun also einen Schritt weiter auf der Liste der Blog-No-Gos: ein Ein-Kapitel-Exkurs über eine Stadt, die mich immer wieder besonders fasziniert. Über meine Brasilienreise, in deren Verlauf ich auch in diesem Jahr wieder hierhergekommen bin,  werde ich mich ansonsten nicht ausführlich verbreiten, denn sie ist die x-te Wiederholung. Dennoch nun also einen Blog-Ehrenplatz für São Paulo.

São Paulo  ist wie eine Lawine, ein Tsunami, eine riesige Walze, die einen überrollt. Sie ist ein Monstrum. ein Moloch aus Stein. Sie macht Angst in vieler Hinsicht. Sie ist schmutzig, hässlich, brutal, aber voller Überraschungen und Widersprüche, unerwarteter Perlen, aufregender Geschichten, toller Menschen. Nie habe ich irgendwo so viele Hochhäuser gesehen, so aberwitzige Architektur, solche Verkehrsstaus. U-Bahn-Umsteigenahhöfe in der Größe von Stadtvierteln. Zweistöckige Autobahnen, jeweils achtspurig. Diese Stadt, so fühlt es sich an, ist in mehr als nur einer Hinsicht, außer Kontrolle. Man hat Angst, sie verschluckt einen. Aber sie lässt mich nicht los, sie fasziniert mich.

Die Stadt gehört zu den Super-Metropolen der Welt, mit offiziell gezählten zwölf Millionen Einwohnern, tatsächlich sollen es mehr als zwanzig Millionen sein.
Wie eine Krake hat sie sich knapp 800 Meter über dem Meer in die Berglandschaft gefressen, das natürliche Ufer des Flusses Tietê ist längst einem betonierten, begradigten Monsterkanal gewichen, der sich stinkend um die Innenstadt windet. Die natürlichen Täler und Wasserläufe sind zubetoniert, was zur Folge hat, dass die Stadt alle paar Tage im Chaos versinkt.

Die Paulistas, die Einwohner, sagen, in der Stadt gibt es jeden Tag vier Jahreszeiten: morgens den Frühling, mittags brütend heiß, am Nachmittag der Herbst mit Regen und auch manchmal Wind und abends dann wieder angenehme brasilianisch-winterliche Temperaturen. Da aber Regen hier nicht einfach Regen, sondern oft unglaubliche Wolkenbrüche bedeutet, ist die ganze Stadt alle paar Tage überschwemmt. Chaos total, der Verkehr bricht zusammen, der Tietê wird zum reißenden Strom in seinem tiefen Betonbett, die Kanaliation versagt, ich selbst habe schon Gully-Deckel auf Wasserfontänen in die Luft schießen sehen.

Diese Stadt ist so multikulturell, dass Berlin blass aussieht: europäisch, arabisch, japanisch, chinesisch, afrikanisch, jüdisch und lateinamerikanisch. Und das teilweise in eigenen Vierteln. Mal Parallelwelten, dann doch wieder wilder Mix. Große Teile des Stadtgebietes sind No-Go-Gebiete: riesige Favelas, wo die Gewalt nicht mehr unter Kontrolle zu bringen ist.´

In vielem kann erscheint dies hier als Blick in die Zukunft unserer wachsenden Urbaninsierung … In vielem eine beängstigende Vision. Trotzdem ist diese Stadt immer wieder faszinierend und hat auch charmante Seiten. Irgendwie erinnert sie mich auch an Berlin – nur alles zur Potenz genommen, und von allem der Superlativ, alles tausendmal größer, in Berlin ist alles klein und niedlich dagegen. Aber dennoch, für mich haben diese Städte auch Gemeinsames, so paradox das klingen mag. Auch das Offene, Tolerante, Verrückte, Schmuddelige. Vielleicht kommt daher mein unerklärliches Sich-nach-2Tagen-irgendwie-zu Hause-Fühlen…

„Mein“ jeweils bei den wiederkehrenden Kurzbesuchen selbstgewähltes Lebensumfeld befindet sich im Herzen der Stadt: Die benachbarten Viertel Conçolação und Vila Buarque. Ganz in der Nähe des zentralen Platzes Republica gelegen, sind sie weder stilvoll noch sauber, aber dennoch erinnern sie mich irgendwie ein wenig an Schöneberg und Kreuzberg in Berlin. Lebendig, bunt, weder schön, noch hässlich, weder arm noch reich.

Viele hässliche und andere weniger hässliche Hochhäuser, alte stuckverzierte Gebäude und neue klotzartige Bauten, hinter hohen Zäunen versteckte, vornehmere Wohnhäuser und direkt daneben kleine, einstöckige Bauten, die aus Zeiten der Kolonialgeschichte stammen. Ärmliche, unverputzte Hütten mit Wellblechdächern und schimmeligen Backsteinmauern, die sich in Freiflächen zwischen den Steinriesen verstecken.  Auch einige alte und schön anzuschauende Kirchen wie Sta. Cecilia oder die Paróquia Nossa Senhora da Conçolação lockern das Stadtbild auf, einige Museen, eine Universität, eine Filmakademie, Krankenhäuser, einen Friedhof, Parks und mindestens ein großes Kulturzentrum.
Aber was diese Nachbarschaft für mich so besonders macht, ist die Atmosphäre, andere nennen es: Energie, die hier über allem liegt. Hier wohnt ein bunt gemischtes Publikum, darunter Künstler, Studenten, Intellektuelle und viele Schwule. Irgendwie alle ganz normal und viele doch anders. Dazwischen vollkommen schräge Gestalten. Aber auch alte Leute, viele nicht weniger schräg, wie die Oma im Stretchrock und Tanktop, die gerade neben mir an der Ampel stand, mit schleifenverziertem Hündchen an der Leine. Und auch hier, wie überrall in dieser Stadt Heerscharen von Obdachlosen, die die Stunden am Tage für ein Schläfchen an der Kirchemauer oder unter dem Autonahnviadukt nutzen. Manchmal muss man aufpassen, um nicht auf eine dieser erschütternden Gestalten zu treten.

Wie fast überall in der Stadt, leben auch hier viele, die ein verdammt schäbiges Leben nur eben von Tag zu Tag führen. Vielleicht jeden Morgen mit einem schäbigen Köfferchen und klapprigen Wagen losziehen, um irgend etwas zu verkaufen. Auf selbstgebastelten Gefährten, die oft total morsch sind und mit Drähten und Schnüren zusammengehalten werden, entstehen an Straßenrändern und Plätzen oft unerwartet leckere Snacks von Grillspießen bis Küchlein, Tapiocacrepes, gegrilltem Käse usw. Angeboten wird alles, was vielleicht einen Käufer findet. Oft haben die Verkäufer nicht viel Auswahl – sie können keine großen Wareneinkäufe machen.

Wie fast überall in dieser Stadt gibt es unzählige, überwiegend billige Restaurants, wo sich die Nachbarschaft beim Essen oder einem Feierabendbier an den Plastiktischen auf dem Bürgersteig trifft. Nichts leichter als hier mit Menschen ins Gespräch zu kommen. Fast alle sind freundlich, aufgeschlosssen und neugierig.

Außerdem bieten diese Viertel ein paar echte kulinarische Perlen, wie mein Lieblingsrestaurant, das Rota do Acarajé, ein baianisches Restaurant. Obwohl nicht ganz billig, ist es immer voll, vor allem Einheimische lieben dieses Restaurant, um sich abends mit Freunden zum Essen und Reden zu treffen. Gemütlich, eher klein, aber mit einer phantastischen Speisekarte, die alle Köstlichkeiten Bahias vereint, zum Teil traditionell, zum Teil phantasievoll veredelt. Nachteil: Ich verlasse diesen Ort jedesmal völlig überfressen….

Genug von meinen Lieblingsvierteln. Nach São Paulo kommen täglich tausende Menschen aus dem ganzen Bundesstaat zum Einkaufen. Egal was, in diser Satdt gibt es alles. Sie hat so unendlich viele Einkaufsstraßen und Shoppingcenter von Super-Nobel bis Billigschrott, dass hier nur eins genannt wird.

Zu den bekanntesten Örtlichkeiten der Stadt gehört die Rua 25. do Março. Eine der größten Einkaufsstraßen, die ich je gesehen habe, auch angesichts der Tatsache, dass sich die Handelskrake auch noch in sämtliche Neben- und Parallelstraßen gefressen hat. Also eher ein Geschäftsviertel mit dem Namen einer Straße. Hier gibt es alles, vom Straßenhändler mit Bauchladen bis zum Großhändler.
Wer zu ersten Mal hierher kommt, wird überlegen, ob er gleich wieder umkehrt oder sich in den gelebten Wahnsinn stürzt. Tausende Menschen drängen sich in den Straßen, der Lärm ist kaum auszuhalten. Drängen und schieben. Taschen festhalten, Augen auf….

In São Paulo ist es die meiste Zeit des Jahres tagsüber heiß. Die 25. do Março ist heisser! Die Luft brennt, schweißüberströmt schieben sich die Massen aneinander vorbei. Zwischen den Füßen der Passanten haben fliegende Händler auf dem Boden ihre Waren ausgebreitet,  und obwohl gar kein Platz bleibt, führen sie in der Masse kuriose Spielzeuge oder Sportgeräte vor. Aus den Türen der großen Läden, schallt Musik, brüllen Animateure die potentiellen Käufer mit Lautsprechern an. Die fliegenden Händler draußen machen genauso ihre Geschäfte auf dem blanken Asphalt  – so lange bis die Polizei in Mannschaftsstärke und schwer bewaffnet, auftaucht, dann geht eine Art La-Ola besonderer Art durch die Straße: Alle haben in Windeseile ihre Sachen zusammengeräumt und verschwinden für eine Viertelstunde. Unsichtbar. Dann geht das Ganze von vorn los.

Angeboten wird hier alles von Schmuck – echt oder unecht – Bekleidung, Schuhe, Haushaltswaren, Stoffe, Elektroartikel, Eisenwaren, Gewürze, Möbel, Eisenwaren  usw usw. Wenn es zu regnen beginnt – wie so oft, kann man kaum an die Stände und Läden mit Schirmen herankommen, sie werden von schiebenden, schupdenden, aufgeregten jungen Männern belagert, die so viele Regencapes kaufen, wie sie irgendwie bezahlen können, nur um sie Sekunden später laut schreiend an die Passanten auf der Straße weiterzuverkaufen: das für viele einzige Geschäft des Tages. Hier erfindet so mancher ständig ein Geschäft, um zu überleben.

Oft verbergen sich hinter einfachen Ladeneingängen schier endlose labyrinthartige Einkaufspassagen, die über mehrere Stockwerke verteilt hunderte von Ständen und kleinen Läden beherrbergen. Mal chinesisch dominiert, mal brasilianisch. Vorallem die erstgenannten Passagen bieten in jeder erdenklichen Qualität gefakte Markenartikel an.

Eher diskret verborgen hocken in den oberen Geschossen der 25, fern vom öffentlichen Einkaufsvolk, die echten Geschäftemacher, die Köpfe, die Großhändler und Importeure, Kredithaie.

Zwischen all dem finden sich unzählige Imbissbuden und Schnellrestaurants, die Brasilianer lieben ihre „Lanchonetes“, die leckere Snacks, frisch gemacht, frische Säfte, Kaffee und anderes mehr anbieten. Essen ist wichtig in diesem Land….was man auch an vielen stattlichen Körperumfängen sieht…

Eine ganz besondere Sehenswürdigkeit der 25. de Março, zu der sich auch gelegentlich vorallem einheimische Touristen durchkämpfen, ist die städtische Markthalle, der „Mercado Municipal“. Eine wunderbare alte Halle, gebaut 1928, in der es fast ausschließlich ums Essen und Trinken geht: Fleisch, Wurst, Weine, Nüssen, Gewürze – und vorallem: Früchte aus ganz Brasilien. Die verschiedenen Händler machen wahre Kunstwerke aus ihren Ständen, in denen all diese bunten, tropischen Köstlichkeiten mit zum Teil bizarren Formen aufgetürmt sind. Einfach wunderschön anzusehen. Auch Obstmuffeln wird hier das Wasser im Mund zusammenlaufen. Und auf der Jagd nach Kunden werden den Flanierenden immer wieder mundgerechte Fruchtstückchen oder ganze kleine Obsttellerchen dargeboten, eine kulinarische Reise durch die Welt der Früchte.

Im hinteren Teil der Halle ist der mittleerweile erschöpfte und Obstangefütterte Passant dann reif für: eine Esspause. Etliche Stände mit kleinen Tischen bieten leckere frische Snacks oder komplette Gerichte von Pizza bis Pastel- eine besonders leckere brasilianische Spezialität: frittierte Teigtaschen mit verschiedensten Füllungen von Scampi, sonnengetrocknetem Rindfleisch, Käse, Huhn und mehr. Alles sehr lecker und ebenso sättigend….

Auch ein kleiner „Spaziergang“ durch dieses völlig wahnsinnige Viertel 25 de Março. ist  kaum unter zwei Stunden zu schaffen. Aber egal wie lange man schaut, sucht oder wühlt – hinterher ist man immer völlig erschlagen. Kleiner Tipp: ein paar Ecken höher in São Bento kann man sich in eins der feineren Cafés setzen und einen – für hiesige Verhältnisse teuren, aber leckeren – Eiscafé schlürfen und versuchen, das gerade Erlebte zu verarbeiten. Zum Thema Einkaufen, Handel und Wandel gäbe es noch unendlich viel zu erzählen, aber wie schon eingehend angekündigt, ist dies nur ein kurzes Best Of.

São Paulo hat auch viele sehr schöne oder nteressante Plätze zu bieten. Einer davon, mit der bekannteste, ist gleich ein paar Blocks weiter: die Praça da Sé. Ein besonders schöner, von hohen Palmen beschatteter Platz, an dessen oberem Ende die riesige Catedral Metropolitana thront. Der Platz liegt genau auf dem geografischen Mittelpunkt der Stadt. Vor allem am Nachmittag und Abend ist er auch Auftrittsort für allerlei Auftrittswillige: wütend das Wort des Herrn brüllende Bekehrer, Poeten, Musikgruppen aus dem Certao, dem Landesinneren, oder junge Musiker. Umgeben ist der Platz von Geschäften und billigen Restaurants. Ein sehr lebendiger und schattiger Platz in dieser heißen Stadt.

Andere Plätze, wie Praça da Luz oder República, bieten noch eine ganz besonders beeindruckende Spezialität dieser Stadt: wunderbare Parks, die oft ein Stück echten Urwald bewahrt haben. In dieser Beton-und Steinwüste erscheinen die immer wieder wie eine Fatamorgana. Grün, voller Blüten, oft Wasser, Vogelgezwitscher, Papageien, riesige alte Bäume und auch schon mal ein Faultier zwischen den Ästen. Einfach unglaublich schön! In keiner Stadt der Welt habe ich Vergleichbares gesehen.

Über São Paulo gäbe es noch unendlich viel zu erzählen, über die verschiedenen Viertel, die Märkte, das Nachtleben, die Kultur, die Architektur, den Carneval, die Kriminalität usw usw.  Die riesigen Buchläden, die so ganz anders sind als in Europa und ehrlich gesagt auch irgendwie völlig unerwartet, die alten Hinterhöfe mit einem lauschigen kleinen Café, die verrückten Typen, denen man begegnet, den toten Ratten auf den Straßen.

Aber adäquat dem kurzen Ausflug,den ich meist bei meinen Reisen nach Brasilien in diese Stadt mache, sind dies eben nur ein paar Notizen über São Paulo. Da ich schon früher oft in dieser Stadt war und eigentlich nie zweimal über eine Ecke der Welt schreibe, würde São Paulo sonst wohl keine Würdigung mehr in meinem Blog finden. Deshalb habe ich mich für dieses „besser so als gar nicht“ entschieden… Als Appetithäppchen.
Ansonsten: Wer kann, einfach mal hinfahren, sich drauf einlassen…..

 

 

15 Abschied

Die letzten Tage haben wir in Boicucanga und Camburi verbracht: faulenzen, Freunde besuchen, baden – wenn es gerade mal nicht geregnet hat. Denn die schweren Regenfälle sind zwar vorbei, aber es hat täglich immer wieder geregnet. Was allerdings nicht so schlimm ist, weil es immer so warm ist, dass einen der Regen bis zu einem gewissen Maße nicht unbedingt stört.

Am Strand lagen bis kurz vor Ostern nunmehr fein zusammengetragene Haufen von Schwemmgut, aber es gab längst wieder sowas wie normales Strandleben. Zu Ostern war dann alles wieder chic- denn Ostern ist hier ein wichtiges Fest und vorallem eine sehr wichtige Einnahmequelle vor dem Saisonende für alle aus Gastgewerbe und Handel, denn da kommen Heerscharen von Paulistas (die Bewohner von Sao Paulo) und geben hier ihr Geld aus. Und selbst San Pedro schien das zu wissen, denn schlagartig zu Karfreitag war das Wetter besser und am Osterwochenende selbst war strahlend blauer Himmel, Hitze und perfektes Strandwetter.

Da fast all unsere Freunde hier in obengenannten Branchen arbeiten und noch dazu selbstständig sind, konnten sie mit uns nicht am Abschiedsabend feiern – also haben wir unser traditionelles gemeinsamen Abendessen vorgezogen und waren schon am Mittwoch aus.

Seit einigen Jahren treffen wir uns dazu in Boicucanga in -oder besser gesagt: vor einem winzigen bahianischen Restaurant. Das besteht nur aus einer besseren Hütte, die den Tresen und den Herd beherrbergt, die Tische und Stühle werden bei Bedarf auf dem kleinen Platz davor unter einem alten Baum aufgebaut. Es ist ein sehr hübscher kleiner Platz vor der alten Dorfkirche in Blau weiß – das Zentrum des alten Fischerdorfes.

Es gibt immer zwei bahianische Spezialitäten: Acaragé und Tapioca. Ersteres ist mein Favorit: Frische Sojabohnenkuchen, aufgeschitten und reichlich gefüllt mit zwei Sorten von Gemüsecremes (eine mit Okra, die andere weiss ich nicht, da haben auch alle Frauen ihre eigenen geheimen Rezepte), gebratenen Krabben und klein geschnittenen Tomaten und Zwiebeln mit Petersilie und Koriander. Dazu gibt´s dann bei Bedarf noch ein Schälchen mit höllenscharfer Sosse, die aus verschiedenen kleingekackten Chillischoten in Öl besteht. Superlecker!!! Das andere Gericht sind Tapiokafladen (besonders behandeltes Maniokmehl), die mit allem Möglichen von Huhn, über Fleisch, Fisch, Käse oder Gemüse gefüllt werden – oder als Nachtisch mit süssen Sachen wie Kokosflocken und gezuckerter Kondenzmilch etc. Auch sehr appetitlich!

Wenn man vorher Bescheid sagt, kocht einem Leda, die Chefin, auch andere, aufwändigere Gerichte, vorzugsweise mit Fisch und Krabben. Und das ist wirklich toll, denn erstens kocht die Dame sehr gut und zweitens kann man das hier noch bezahlen. Im Gegensatz zu vielen Restaurants hier, denn die haben inzwischen großteils Preise, die den armen europäischen Touristen die Augen ungläubig aufreissen lassen. Die Unterschiede im Brasilien des Wirtschaftsbooms sind wirklich extrem – wie ich bereits zu Anfang meiner Reise vermerkt hatte. Es gibt eine wachsende Mittelschicht, die erstaunlich gut verdient, eine reiche Oberschicht, bei der Geld überhaupt keine Rolle mehr spielt und dann eben die vielen ganz Armen, die niemals in ihrem Leben auch nur in einem ganz billigen Restaurant essen werden. Der Mindestlohn, der für viele Jobs hier gezahlt wird, beträgt mittlerweile 720 Real, das sind 230 Euro. Und das bei den gestiegenen Preisen!

Aber zurück zu unserem Abschiedsessen. Wir waren elf Personen und es hat leicht geregnet. Aber mit etwas gutem Willen haben wir einen langen Tisch unter das kleine Vordach gequetscht und so war das machbar. Die Caipirinhas hier sind – legendär stark. Ich habe über den Abend verteilt eine getrunken und immer wieder Eis nachgefüllt, nachdem ich im Vorjahr zwei getrunken hatte und danach in einem wild schwankenden Bett schlafen musste…

Es war ein netter Abend, es war spät und wir hatten die Rechnung bestellt. Nach einer Weile dachten wir, das sie vergessen wurde und haben erinnert. Nein, nein, hieß es, die sei in Arbeit. Und tatsächlich sahen wir Ledas Mann immer schwer arbeitend über Rechnung gebeugt, wenn wir hingeschaut haben. Fast eine Stunde später kam er und hat unseren Freund Edson gerufen, der hier sowas wie ein bunter Hund ist, den alle kennen. Als der wieder kam, war auch die Rechnung fertig. Das Problem war, dass der Mann zwar alle Bestellungen perfekt im Kopf hatte und auch den Preis korrekt ausgerechnet hat, aber nicht schreiben kann. Und das war ihm nicht nur peinlich, sondern er wollte auch bei Stammkunden wie uns nicht den Eindruck hinterlassen, das irgendwas nicht nachzuvollziehen ist. Da aber seine Enkel an dem Abend mal nicht da waren und Leda auch nicht schreiben kann, hat er sich nicht getraut, uns einfach nur den Preis zu sagen! Er wollte keinen schlechten Einbdruck machen und wusste nicht wie! Tja, auch das ist Brasilien.

Nach einem perfekten letzten Strandtag mit allen Genüssen von Acai bis gebratenem Käse, frischem Maracuja-Saft usw. Haben wir uns noch ein leckeres Essen im Cantinetta mit Corinn und einem Freund gegönnt und genug Caipi getrunken, um trotz Abschiedsschmerz schlafen zu können.

Am Sonntag wurden wir vom kreischen der Zwergpapageien vor dem Fenster im Kampf gegen die frechen Tukane geweckt und waren um sieben Uhr morgens noch mal im jungfräulichen Ozean schwimmen – kurz nach Sonnenaufgang. Der Anblick des einsamen Strandes in der ersten Morgensonne, die draussen im Ozean aufleuchtenden grünen Inseln, das sanfte Rauschen – das alles war so schön, dass ich fast Tränen in den Augen hatte bei dem Gedanken an den Abschied und Wintergrau in Berlin.

Nach einem meiner berühmten deutschen Frühstücke dann das große Abschiednehmen und schon gings mit Romarios Klapperkiste landeinwärts zurück nach Sao Paulo, wo vor einem Monat alles so schön angefangen hat. Über das Chaos am Flughafen will ich nun wirklich nicht noch schreiben – das ist öde und es war doch so eine tolle Zeit! Bis zum nächsten Abenteuer Brasilien – Até a próxima, Brasil!

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Die brasilianischen Frauen

Brasilianische Frauen sind eine ganz eigene Spezies – und das nicht nur, weil viele von ihnen sehr schön sind! Ohne sie würde hier noch viel weniger funktionieren. Sie sind das wirklich starke Geschlecht, sind die, die meist das Leben der Familie schmeissen – die Leistungsträger, die das mit dem Organisieren, Arbeiten und Zusammenhalten von Allem hinkriegen. Brasilianische Männer dagegen sind ewige Kinder, die eigentlich immer eine Mutti brauchen, die verwöhnt und hilflos ohne die Frauen sind. Das gilt selbst für die Mehrheit derjenigen, die im Beruf erfolgreich und durchsetzungsfähig sind.

Und während wir emanzipierten Europäerinnen uns mit den Männern streiten, auseinandersetzen und diskutieren, lächelt die Brasilianerin zuckersüss oder nachsichtig, sagt zu allem „Ja“ und macht, was sie für richtig hält. Allerdings ist sie auch höllisch eifersüchtig (oft aus gutem Grund und schlechter Erfahrung, aber imZweifelsfalle auch ohne). Außerdem legt sie exrem viel Wert auf ihr Äusseres und dabei vorallem auf die Betonung ihrer weiblichen Reize. Ein Kleid oder T-Shirt sollte immer einen supertiefen Ausschnitt haben, wenn es als schick gelten will. Und ein großer Teil der Damen kauft grundsätzlich mindestens eine Nummer zu klein, damit auch jede Rundung zur Geltung kommt. Oft auch die, die man lieber nicht sehen möchte.

Der Körperkult treibt allerdings tatsächlich beängstigende Blüten: Schönheitschirurgie gehört zu den wichtigsten und normalsten Dingen im Leben der überwiegenden Mehrheit der Frauen. Es gibt kaum etwas, das man nicht verschönern könnte. Vorallem aber die Brustgröße muss stimmen: Ich stelle die kühne Behauptung auf, dass der überwiegende Teil der weiblichen Bevölkerung, gefühlte 90 Prozent, tatsächlich wahrscheinlich 89 Prozent, Silikon-Busen trägt. Selbst gesundheitsfanatische Vegetarierinnen/Veganerinnen, die möglichst nicht mal Alkohol trinken wegen der Gifte, sehen aber keinerlei Problem im Silikonimplantat oder Botox an den entscheidenden Stellen im Körper – irgendwie seltsam, oder?

Aber es sei nochmal gesagt: Die Frauen sind hier das starke Geschlecht!

Sweet Brazil

Noch ein süßer Tipp zum Schluss: „Ich backe einen Kuchen für meine Freunde oder bringe zur Einladung einen deutschen/italienischen Nachtisch mit.“ Super Idee! Finden hier auch alle – vorausgesetzt man verdoppelt die Zuckermenge und stellt möglichst noch ein Schälchen mit Extra-Zucker daneben. Ich durfte das gerade wieder studieren. Im Restaurant meiner Freunde in Sao Sebastiao habe ich mich erboten, zum Tagesmenü den Überraschungsnachtisch zu machen, weil sie gern mal was Neues anbieten wollten. Ich habe mich für gute altmodische deutsche Eierkuchen (Pfannkuchen) entschieden, mal mit Apfelstücken wie daheim, mal mit Bananenstücken, weil sich das anbietet. Nach meiner Testprobe zum Kosten wurde beschlossen, dass ich die Zuckermenge verdopple, zusätzlich sollte noch Zucker und Zimt daraufgestreut werden. Ich war sicher, dass das keinem mehr schmecken würde, weil man davon schon fast Zahnschmerzen bekommen hat. Die Gäste waren begeistert!!!

So sollte man auch beim Bestellen der wunderbaren frischen Fruchtsäfte immer dazusagen „bitte wenig oder kein Zucker“, denn hier wird oft sogar der Orangensaft gesüßt. Das kann man dann zur Not selbst tun, ansonsten ist das edle Getränk leider oft sirupähnlich. Bei Einladungen sollte man – natürlich höflich – den Nachtisch erstmal in mikrobengroßer Menge probieren. Nicht alles ist für unsereins da genießbar. Merke: Der durchschnittliche Brasilianer ist extrem zuckersüchtig!