21 – Easy Rider in Denpasar

Es sind uns noch gut drei faule Tage geblieben, nicht alles ist spannend oder neu genug (siehe Blog Bali 2024), um noch mal in Länge und Breite hier beschrieben zu werden. Wohl aber ein paar Erlebnisse, die ganz spannend sind. Da muss als Erstes unbedingt die wilde Fahrt durch den regengepeitschten Innenstadtverkehr beschrieben werden, so das überhaupt möglich ist in dieser Form. Der pure Irrsinn …

Am ersten Morgen in der Stadt liegt mir natürlich nichts näher, als zu versuchen, mein armes Handy auf Lebenszeichen überprüfen zu lassen oder gleich in die Trauerphase überzugehen.

In Denpasar gibt es nur zwei Original-Samsung-Werkstätten, andere haben die Teile gar nicht. Das bedeutet schon per sé einen wilden Ritt durch den Verkehrswahnsinn der Inselhauptstadt, denn Sanur ist nur der Strand und damit Randbezirk von Denpasar. Die Hauptverkehrsstraßen sind zum Teil sehr breit. Und das müssen sie auch, bei dem Verkehrsaufkommen. Vor den den Ampeln habe ich allein pro Richtung locker um die 30 Motorräder dicht an dicht nebeneinander gesehen, dazwischen noch Autos, die sich auch an keine Spur halten. Die Markierungen sind … wofür?

In den kleineren Nebenstraßen reduziert sich die Anzahl der nebeneinander auf Tuchfühlung fahrenden Fahrzeuge auf das Maß des eben irgendwie Möglichen. Die zerbröselten Straßenränder und Löcher auf der Fahrbahn machen die Sache nicht einfacher. Hier wird zwar absolut verrückt gefahren, allerdings mit höchster Aufmerksamkeit und Beachtung des anderen. Ich kann nur versuchen zu beschreiben – man muss es eigentlich gesehen haben. Ich fahre hier nicht! Und das will was heißen, denn sonst streiten wir uns eher, wer fährt … Also: Augen Auf und durch.

Aber der Blick in den Himmel und auf den Wetterradar machen klar: Es wird Regen geben. Schwarze Wolken. Um es kurz zu machen, in den letzten Minuten unserer Fahrt zur Werkstatt öffnet der Himmel seine Schleusen, aber wir schaffen es gerade noch so zum Servicecenter – in der Hoffnung, dass es später wieder aufhört.

Alles ist sehr professionell organisiert, der Schaden wird von jungen Technikern gleich eingeschätzt. Die gute Nachricht: Mein Smartphone lebt noch ein bisschen und scheint zu retten zu sein! Das Problem: Die Ersatzteile müssen von der Firmendependence in Jakarta (Java) eingeflogen werden. Wir haben nur knapp vier Tage … Mal sehen.

Inzwischen schüttet es draußen ohne Pause. Mehr Regenzeit geht nicht … Irgendwann beschließen wir, es den anderen gleich zu tun und mit einem wenig kleidsamen, hellblauen Plastik-Regencape verpackt, gegen die Güsse und den Fahrtwind tief nach vorn gebeugt, auf dem Motorroller nach Hause „zu schwimmen“. Es hat geklappt, gut 40 Minuten später sind wir in Sanur. Aber nein danke, ich möchte nicht mehr davon! Es war eine harte Nummer. Und gefahren wird hier auch bei diesem Wetter genauso wild wie sonst.

Am nächsten Tag haben wir uns einen Ausflug ins Landesinnere Richtung Ubud vorgenommen, der wunderbaren Stadt in den Bergen (siehe Blog Indonesien 2024) . Aber nicht die Stadt ist das Ziel, sondern ein Wasserfall in der Nähe und der dazugehörige Tempel.

Auf dem Weg aus Denpasar heraus werden wir plötzlich von einem Motorradpolizisten herausgewunken bzw. eskortiert. ?? Er sagt, wir wären bei Rot über eine Ampel gefahren, zusammen mit anderen seien wir auf der Kamera erfasst worden … Welche Kamera? Die Sache ist mehr als obskur, aber sollen wir uns hier Ärger mit der Polizei einhandeln? Als wir die für Indonesien nicht unerhebliche Strafe in bar bezahlt haben, wünscht uns ein bestens gelaunter Police Officer fröhlich „Einen schönen Tag“! Keine Quittung, kein Strafzettel … Schon klar, der hat heute gut verdient an den Touristen … Wir lassen uns die Laune nicht verderben. Die vergleichsweise hohe Summe ist für uns immer noch sehr gut verkraftbar.

Also weiter mit eiem wilden Ritt aus der Stadt hinaus. Die angrenzende Ortschaft gefällt mir auf Anhieb viel besser als Sanur oder Denpasar: Eigentlich nur ein unspektakulärer größerer Ort, aber das Straßenbild ist einfach schön. Zwar gibt es auch hier die üblichen hässlichen, meist schwartzschimmeligen Betonblock-Häuschen, Wellblech-Hütten und viele andere billige Bauten und Geschäfte, aber daneben ziehen hier viele schöne, in Hindu-Tradition gebaute Häuser, Mauern und private Tempel die Blicke auf sich. Kunstvoll verzierte Dächer mit viel Rot, Gelb, Schwarz, Gold und Orange. Kleine Altäre mit bunten Gabenkörbchen. Fabelwesen, Götzen und Götter scheinen über das Geschehen auf der Straße zu wachen. Ein bißchen Märchenland.

Mitten im Ort lesen wir einen Hinweis auf einen Tempel. Also fragen wir am Straßenrand nach dem Weg zum Pura Desa Lan Puseh Sukawati Tempel und schon fährt ein älterer Mann auf seinem Motorrad vor uns her und geleitet uns auf den richtigen Weg, stoppt den wilden Verkehr der Gegenfahrbahn, damit wir abbiegen können. Einfach nur aus Freundlichkeit, ohne Erwartungen einer Bezahlung.

Wie ich diese freundlichen Menschen und dieses viele Lachen in Europa vermissen werde! Es ist so ansteckend und wohltuend, ständig diese Freundlichkeit und Heiterkeit zu erfahren!

Die Straße endet in einen kleinen baumbestandenen Platz, an dem der Pura Desa Lan Puseh Sukawati Tempel liegt, bzw der gesamte Tempelgarten. Wieder werden wir ausgestattet mit einem seidenen Sarong samt Schärpe in leuchtendem Lila und Gold, Miki auch noch mit einer traditionellen männlichen Udeng (einer Art gewundenes kleines Kopftuch). Die Udeng werden auf Bali auch im Alltag von vielen Männern getragen und ich finde sie ausgesprochen schön, fast chic.

Die kunstvollen orangen Mauern umschließen einige offene Gebäude (ohne Wände), vor allem kleine Tempel für Zeremonien und Gebete. Die Statuen, Götterbilder und Gabenaltäre sind fast immer mit schwarz-weißen oder auch blau-weiß karierten Tüchern umwickelt, was auf den ersten Blick recht seltsam aussieht. Inzwischen habe ich die Bedeutung nachgelesen. Diese Tücher symbolisieren den Dualismus, der im Hinduismus eine große Rolle spielt: Das Gleichgewicht zwischen Gut und Böse, Licht und Schatten, Ordnung und Chaos.

Überall am Boden und auf den Sockeln der Stauen stehen die leuchtend bunten Opferkörbchen, frische und ältere, mit Reis, Kräuter, Früchten, Blumenblättern und Süßigkeiten. Es spielt keine Rolle, wenn sie vom Regen, freilaufenden Tieren oder sogar Menschenfüßen beschädigt werden. Jeden Tag kommen frische dazu. Im Moment des Aufstellens werden sie geweiht: Sie werden mit Tirta, heiligem Wasser, besprengt, mit Räucherstäbchen und einem kleinen Gebet gesegnet. Ein Dank an die Götter und die Natur für ihre Gaben, die die Menschen ernähren. Davon wird ihnen mit der Zeremonie etwas zurückgegeben.

Wir wandern trotz Hitze eine Weile an diesem schönen und beruhigenden Ort herum, bevor wir uns von unserem Begleiter verabschieden, einem älteren Mann, der sehr nett erklärt, was wir fragen, uns aber ansonsten völlig uns selbst und dem Tempel überläßt. Hindus missionieren nie. Sie werden, nach meiner Erfahrung, immer gern alle Fragen nach Glauben und Traditionen beantworten, aber niemals andere Menschen von ihrem Glauben zu überzeugen versuchen. Sehr angenehm.

Inzwischen sind wir fast gar, die Hitze ist an diesem Tag fast unerträglich. Hoffentlich mündet das nicht wieder in Gewitter, wir haben noch eine Strecke Wegs vor uns. Unterwegs zum Wasserfall machen wir Brunch an einem besonders schönen Ort: Ein großes offenes Restaurant auf dem Berggipfel, mitten im Grünen, mit einem spitzen, hohen Holzdach. Ein Ort zum Abkühlen an diesem heißen Tag. Hinter dem Restaurant liegt eine tiefe grüne Schlucht, der Ausblick ist toll. Und für Spaß sorgt ein großer blau-gelber Ara, der hierhergehört. Mit einem Sender am Bein fliegt er frei herum. Er ist scharf auf ein paar Leckerlies von den Tischen. Wenn nicht … na gut: zerfleddert er eben die Servietten. Macht auch Spaß.

Nur ein paar Kilometer durch Wald und Reisfelder weiter: der Tegenungan Wasserfall, mit dem dazugehörigen Tempel. Auch hier muss man einen geringen Eintritt zahlen. Nach dem üblichen Spalier kleiner Läden und Restaurants am Eingang führen gefühlt endlose Naturstein-Treppen ins Tal, in das der Wasserfall stürzt.

Kurz vor der Talsohle zweigt ein Weg zum Tempelgelände ab. Auch hier wieder die offenen Säulentempel, Götter und Fabelwesen mit rollenden Augen, natürliche Wasserquellen, die in kleine Becken münden und ein großes Becken mit vielen Goldfischen. Viele rituelle Gegenstände sind abgedeckt – hier finden regelmäßig Zeremonien statt. Es ist still, heiß und sehr farbig mitten im tiefen Grün der Umgebung.

Wesentlich mehr Trubel herrscht 100 Meter weiter, wo mit lautem Rauschen der Petanu River 15 Meter in die Tiefe stürzt. Wasserfälle sind wohl immer faszinierend. Und hier kommt noch die angenehm frische Gischt dazu, die die Hitze beim Ab- und Aufstieg über die hohen Stufen zumindest mildert. Baden ist erlaubt, aber nicht sonderlich verlockend, das Becken ist vergleichsweise flach und sehr steinig, das Wasser aufgewühlt und trübe. Aber die Füße im Wasser und die winzigen Wassertröpchen auf der Haut – das tut gut.

Eher weniger stilvoll sind zwei Buden, die eine Umkleidekabine, eine Toilette und jede Menge geschmackloser „Spaß“- Schilder verkaufen … Aber es gibt genug Touristen, denen das gefällt. Die Hauptbeschäftigung der meisten Besucher besteht im Fotografieren, weniger den Wasserfall oder gar den Tempel, sondern vorallem sich selbst und die Familie bzw Freunde. Ich beobachte eine Weile eine schwer gestresste Influencerin mit ihrem Smartphone auf einem Stativ, einem winzigen Bikini, einem Hut, einem Flatterschal und tausend Posen … Urlaub ist halt kein Zuckerschlecken.

Nach einem frischen Mango-Saft auf halber Höhe verabschieden wir uns von diesem schönen Ort. Der zweite an diesem Tag. Die Fahrt hierher hat sich gelohnt: das ist das wunderbare Bali aus meiner Erinnerung: Üppige tropische Wälder Blüten ohne Ende, Reisfelder, Tempel und schöne Häuser.

Dagegen ist der Badeort Sanur dann doch etwas nüchtern. Ein Ferien-Strand-Ort wie es ihn inzwischen überall auf der Welt gibt. Hier natürlich mit einigen Bali-Zutaten, die den Gästen das besondere Exotik-Bali-Gefühl geben. Aber immerhin sind diese Detail nicht nur „Verzierung“ für Touris, sondern gehören zum täglichen Leben derer, die hier leben. Der Strand-Teil von Sanur zieht sich einige Kilometer lang hin, eine lange Hauptstraße ist abendliche Flanier- und Restaurantmeile.

Dahinter, Richtung Meer, unzählige Hotels und ein paar teure Ressorts. Der lange, relativ schmale Sandstrand ist gesäumt von Restaurants, Liegen, Sonnenschirmen, Surfboardverleihen und natürlich vielen Openair- Massageangeboten, denn die sind ja legendär. Und sehr angenehm! Wem das nicht behagt, der geht halt in ein Massagestudio an der Straße. Sehr angenehm und für uns Europäer zumindest auch ungewöhnlich preiswert: 6-7 Euro für eine Stunde.

Unseren letzten Tag verbringen wir mit Müßiggang, Strand und Pool. Es war eine tolle Zeit! Auch dank der angenehmen Menschen hier! Selamat Jalan, Indonesia! Terima kasi!