10 – Abschied von den Bergen, auf nach Zentral-Sulawesi

Der Wecker klingelt gefühlt mitten in der Nacht – um fünf. Aber wir haben einen weiten Weg vor uns, bis nach Tentena. Die Sonne geht gerade in grell orange mit dunklen Wolkenstreifen über den Reisfeldern auf: Bye bye Tana Toraja.

Unsere Reise führt noch ein paar Stunden durchs Toraja-Land nach Westen bis nach Palopo am Meer. Endlose Serpentinen, unzählige Schlaglöcher, eine von Unwettern teilweise weggeschwemmte Straßendecke, aber wunderbare Blicke von oben auf tieferliegende Berggipfel, die keck aus einem Bett aus Wolken in die Höhe gereckt scheinen. Irgendwann gibt es in einem der kleinen Warungs (Restaurants) an der Straße noch einen echten Toraja-Kaffee. Der wird in die Tasse geschippt, heißes Wasser drauf, vielleicht Zucker, umrühren – fertig. Und: Er schmeckt sehr lecker.

Weiter geht es talwärts, jetzt schallt uns wieder in jedem Dorf der Ruf der Muezzin entgegen, die Kirchen werden seltener. Endlich erreichen wir Palopo am Meer. Von nun an ist zumindest erstmal die extreme Serpentinenfahrt überstanden. Es geht nach Nordwesten, ein Stück an der Küste entlang, bevor es wieder nach Norden in die Berge geht. Gegen zwei Uhr Nachmittags sind wir endlich am See Poso.

Um vorallem mir weitere Autostunden zu ersparen, hat Anton vorgeschlagen, allein mit dem Gepäck weiter zu fahren, während wir mit einem Boot über den großen See fahren. Super Idee! Leider gibt es das Boot nicht mehr, das Anton kennt. Er hat ein neues gefunden, das ist etwas teurer, aber wohl schneller und wir können noch einen Halt an einem anderen Ufer-Abschnitt machen, wo es einen wilden Orchideen-Garten geben soll.

Wir sind etwas zu spät und der Umstieg geht sehr schnell, dann sind wir auch schon auf dem See. Etwas irritiert stellen wir fest, dass es ein sehr einfaches Motorboot ist, das nicht einmal eine feste Bank hat, sondern nur zwei Plastikstühle für uns. Das ist alles, von Rettungswesten oder -ringen keine Spur. Hmmm …

Kurze Zeit später wird der See ziemlich unruhig und der Bursche, der die Crew vervollständigt ist beschäftigt, um unsere rutschenden Stühle von hinten etwas in der Spur zu halten. Immer wieder klatschen Wellen an Bord. Aber der Käptn fährt ungerührt zum ersten Halt im Dschungel … hmm. Aber wir denken, er wird ja wissen, was er tut. Vielleicht beruhigt sich ja der Seegang wieder.

Orchideen gab es zwar, aber die haben nicht geblüht – sonst nur Dschungel, ein paar andere schöne Blüten und Früchte. Als wir weiter wollen, erzählt der Kerl was von 10 – 15 Minuten warten – wir dachten, der weiß sicher mehr als wir und das Wetter beruhigt sich.

Schließlich treibt er uns in das Boot, inzwischen regnet es. Ich bestehe auf den einzig festen Platz neben ihm, Miki hält sich dahinter an meinem Sitz fest. Die Wellen werden immer höher, das Wasser klatscht nur so ins Boot, das bei den hohen Wellenkämmen wie auf Beton knallt. Wir schaffen es gerade noch, die Handys in eine Plastiktüte zu verknoten, die Miki oben an der Dachstrebe festhält. Die sind deshalb so wichtig, weil wir ohne die Teile auf unserer Reise abgeschnitten sind von Allem: Infos, Bankverbindungen, Buchungen … Der junge Assistent des Käptn schafft es mit Müh und Not, das ins Boot geschwappte Wasser wieder zurück in den See zu schippen. Ohne das ganze jetzt in die Länge zu ziehen: Es war eine Höllenfahrt, bei der nicht klar war, ob wir kentern, ohne uns bemerkbar machen zu können – Signalpistole oder Funk gab es auch nicht.

Nach anderthalb Stunden sind wir irgendwie in unserer am Wasser gelegenen Lodge Dodoha Mosintuwu in Tentena angekommen, klatschnass, mit blauen Flecken von den harten Aufschlägen und ich mit entzündeten Augen. Wir waren so was von sauer … Anton kam kurz nach uns an, er war auch entsetzt. Wir wollten die Bezahlung verweigern, aber er hatte Angst(?) oder wollte nicht das Gesicht verlieren. Er zählt die Fahrt von seinem vereinbarten Lohn. Letztendlich haben wir ihm später das Geld gegeben. Er wird diese Typen nie wieder engagieren.

Genug bad news, das Ende ist gut, wie es sich gehört: Die Lodge am See ist sehr schön! Alles ein bisschen alternativer, es gibt nur zwei mit Liebe eingerichtete spitze Schilfhütten am See. Natürlich ist auch hier das eine oder andere ein bisschen kaputt oder funktionierte nicht, aber bei dem Klima ist das eben so. Die beiden mit Liebe eingerichteten Hütten auf Stelzen liegen in einem Öko-Garten, wo Kräuter und Gemüse und Blumen angebaut werden. Eine sehr entspannte, schöne Atmosphäre.

Das Hauptgebäude, das Restaurant, Küche und Rezeption beherbergt, ist ein sechseckiger großer Holzpavillion am Ende des Stegs zum See, mit rustikalen dunklen Holzstühlen und Tischen eingerichtet, ein paar abgedeckte Instrumente verraten, dass gelegentlich Musik gemacht wird. Manchmal sitzen ein paar Frauen beratend zusammen – wie wir aus einem Text in unsrem Zimmer erfahren, wird von hier aus ein Hilfsprojekt für missbrauchte Frauen und Kinder organisiert.

Die Besitzerin ist super nett, genau wie die gesamte Mannschaft. Das Essen ist lecker. Die zwei Tage unseres Aufenthaltes hier haben die Batterien wieder aufgeladen. Am zweiten Tag sind wir zu einem Wasserfall im Dschungel gewandert. Auf der Fahrt dorthin fiel auf, dass die Häuser größtenteils nicht so schäbig aussehen, wie in den meisten Orten, durch die wir bisher gekommen sind. Unser Fahrer erklärt das damit, dass hier viele wohnen, die für die Provinzregierung arbeiten..

Am schönsten aber ist das Dorf, das dem Air Terjun -Wasserfall am nächsten liegt: Es gibt eine „Bali-Kolonie“. Hier leben Hindus aus Bali, die ihre Häuser und Gärten im Stil ihrer Heimat gebaut haben. Schon die schönen, blassroten und gelb verzierten Sandstein-Mauern und Portale lassen das Herz höher schlagen, die Tempel in einigen Gärten sind wunderbar!

Vom Eingang zum Naturschutzgebiet, zu dem der Wasserfall gehört, zahlt man einen kleinen Eintritt. Der Weg in den Urwald führt an einigen kleinen Restaurants vorbei, auf die man sich schon freuen kann – auf dem Rückweg. Der Dschungel vermittelt gleich von Anfang an das Gefühl der menschlichen Winzigkeit: Die meisten Bäume sind einfach gigantisch groß!

Am Fuß des Wasserfall tummeln sich etliche einheimische Touristen, die aufgeregt mit ihren Smartphones herumfuchteln: Fotos von sich, den Freunden, Selfies, Videos für Tiktok … sie sind echt im Stress. Und dann kommen da noch ein paar Europäer, die müssen ja ganz dringend auch mit auf ´s Bild, am liebsten Arm in Arm. Wir hätten Honorar verlangen sollen …

Der Air Terjun stürzt in vielen Kaskaden durch den Dschungel ins Tal, die jeweils in kleine Becken münden, wie phantasievolle Wasserterrassen mit in der Sonne funkelnder Gischt. Bis zum 3. Absatz schaffen es die aufgeregten Besucher gerade noch, danach wandern wir alleine weiter bergauf in das tiefgrüne Dschungelparadies mit den rauschenden Wasserkaskaden. Irgendwann kommt man nicht mehr weiter. Aber vorher hat das Wasser zwei perfekte kleine Schwimmbecken gebildet.

Wir nehmen ein Bad, um uns von schweißtreibenden Aufstieg zu erholen und lassen uns auf einem Felsen in den Becken nieder und genießen. Dutzende kleine blaue Schmetterlinge fliegen uns um die Köpfe, bevor sie sich auf Armen und Beinen niederlassen. Sie scheinen irgend etwas von unserer Haut zu mögen.

Nach einer wunderbaren Pause im unendlichen Grün und wieder auf Normaltemperatur abgekühlt machen wir und zufrieden auf den Heimweg. Nicht ohne einen frischen Maracuja-Saft in einem der kleinen Restaurant am Parkeingang …

Wieder zurück statten wir dem eigentlichen Ort Tentena noch einen Kurzbesuch ab – kurz, da sich herausstellt, dass der Ort nur aus einer völlig glanzlosen, uninteressanten Dorfstraße besteht. Einzige Sehenswürdigkeiten: eine Br ücke aus der Zeit der Holländer und die örtliche Moschee, deren Muezzin bei mir jedesmal den Eindruck hinterlässt, er wäre gern Tenor an der Oper … er klingt sanfter und melodischer als seine Kollegen sonst. Schnell zurück in unsrere Idylle … mit einem Bad im See, einem leckeren Abendessen und sogar einem Bier zur Nacht …

9 – Tana Toraja – die Toten und die Lebenden

Und noch ein Tag im traditionsträchtigen Hochland. 

Frühstück mit Früchten, Keksen und der Haus-Katze – die uns adoptiert hat – auf dem Balkon … und schon steht unser Auto wieder vor der Tür. Heute geht es ins Umland nördlich von Rantepao.

Aber bevor wir richtig losgefahren sind, halten wir auch schon wieder, denn auch hier gibt es wieder etwas Neues zum Thema Begräbnistradition zu entdecken.

Zuerst fallen uns einige besonders große, schöne Tongkongan auf, hier außerhalb der Stadt.  

In direkter Nachbarschaft liegt ein Monolith-Park: Unterschiedlich große, schlanke Granitkegel stehen in einer für uns nicht ersichtlichen Anordnung auf einer Wiese unter Palmen. An einer Seite ist ein Steintor mit einer Granit-Platte davor. Es sieht alles etwas geheimnisvoll aus. Es erinnert ein bisschen an antike Ruinen in Europa.

Unser Guide Jo erklärt uns, dass auch dies ein Beerdigungsplatz ist, allerdings ein ständiger, der im Gegensatz zu den anderen, nicht wieder abgebaut wird, sondern nur neu geschmückt und ergänzt wird, wenn eine Zeremonie ansteht. Dieser Ort gehört einigen wohlhabenden Familien, die in den angrenzenden Häusern leben. Der Platz unterscheidet sich total von dem, was wir bisher gesehen haben, hier mitten in der Natur, am Fuße eines bewaldeten Berges. Ein wirklich schöner Ort, der sogar so verlassen eine eigene Magie hat. 

Ein schmaler Pfad führt in den Wald hoch. Nach gut 100 Metern stehen wir vor einem großen Gesteinsblock, in den von zwei Seiten Grabkammern getrieben wurden. Eigentlich sehr schön und würdevoll –  wären da nicht die daneben liegenden, vergilbten Styropor-Platten, auf denen bei den Ritualen ein Foto, Daten über Leben und Beruf und andere Informationen Auskunft über den Verstorbenen geben. Da sie nach Ansicht der Toraja dem Toten gehören, darf sie niemand wegräumen, auch wenn es noch so scheußlich aussieht. Und auch hier wieder Plastikflaschen mit Getränken, Süssigkeiten und Zigarettenkippen.

Der Pfad führt noch weiter den Hang hoch durch den Wald. Immer wieder tauchen Felsblöcke unter den teilweise riesigen alten Bäumen auf, in denen die Toten ihren Platz für die Ewigkeit gefunden haben. Wohlgemerkt: Die Felsen sind Teil des Berges und wurden nicht hierhergebracht.

Und noch eine ganz besondere Art Begräbnis lernen wir an diesem Tag kennen, allerdings diesmal eine, die seit 20 Jahren nicht mehr praktiziert wird. Sie ist mit der alten Religion der Toraja, Aluk  Todolo, verbunden. Heute findet sich niemand mehr, der diese Begräbnisart durchführen kann. Die Rede ist davon, wie die Toraja Babies und kleine Kinder beerdigt haben: in Baumgräbern.

Wir parken neben ein paar abgelegenen Häusern, die am Wald stehen. Ein schmaler Pfad führt ein paar hundert Meter in den Dschungel, der hier besonders hoch ist. Riesige alte Bäume, blühende Sträucher, die Ranken von Passionsblumen, ein paar hohe Palmen. Schließlich stehen wir vor einem besonders großen, hohen Jackfruchtbaum.

An seinem Stamm sind kleine Holztürchen zu erkennen, die wieder mit dem Stamm verwachsen sind: die Kindergräber. Der Baum hat als einziger weißes Baumharz – in Anlehnung an die Muttermilch. Auch hat diese Baumart so tiefe Wurzeln und ist aus besonders hartem Holz, dass es kaum vorgekommt, dass einer dieser Bäume bei Unwettern entwurzelt oder abgeknickt wird.

Ich finde diese Art, die Kleinsten zu begraben, wunderbar! Beschützt von Mutter Natur, in der Nähe und auf Augenhöhe ihrer Liebsten, zusammen mit anderen Kindern. Sehr traurig, dass es niemanden mehr gibt, der das noch macht. Jo hält es nicht für ausgeschlossen, dass sich irgendwann doch noch wieder Anhänger der alten Tradition finden.

Die Reise in die Welt der Toten – und damit auch die ihrer Hinterbliebenen – geht weiter. Diesmal zu weiteren hängenden Gräbern und einer besonderen Höhle im Süden von Rantepao.

Um zur Londa-Höhle zu gelangen, müssen wir ein Stückchen laufen. Auch hier liegen wieder Felsengräber am Wegesrand, diesmal königliche. Dafür sind sie eher unspektakulär.

Unterwegs brausen auffällig viele junge Männer auf Motorrädern und Mopeds auf der kleinen sandigen Straße an uns vorbei. Durch Zuruf erfährt Jo den Grund: Hahnenkämpfe. Diese gruselige Angelegenheit ist hier in Indonesien so beliebt, dass dafür alles stehen und liegengelassen wird, auch die Arbeit. Schon bald laufen wir an einer endlosen Reihe geparkter Krads vorbei. Etwas zurückgesetzt an einem steilen Berghang ist die Arena. Davor herrscht aufgeregtes Gedränge. Ich wäre gern schnell vorbeigegangen … 

Es werden immer mehr Menschen, nur wenige Frauen sitzen am Rande. Einige Männer, vorallem jüngere, haben ihre Hähne auf dem Arm, in Käfigen oder an einem Pflock vor der Arena. Noch sind keine geeigneten Kampfpartner gefunden worden, es wird heiß diskutiert. Wenn die Partner feststehen, werden Wetten angenommen: Der Besitzer des Siegers bekommt alles, inklusive des besiegten Hahns, oder was von ihm übrig ist.

Das Schlimme an diesen Hahnenkäpfen ist für mich nicht, dass die geflügelten Alpha-Tiere aufeinander losgehen und gnadenlos kämpfen: Das wirklich Üble ist die hier verbreitete Sitte, dass beide Hähne ein spitzes, gebogenes Messer an einen Fuß gebunden bekommen. Wenn die Tiere dann aufeinander losgehen, dauert es meist keine Minute, manchmal weniger, bis das Blut nur so spritzt und einer stirbt oder getötet werden muss. Unfair und einfach nur furchtbar!

Nach dem ersten Kampf kann es endlich weitergehen, die lehmige Straße bergan. Am Himmel brauen sich schwarze Wolken zusammen. Schließlich erreichen wir den Waldrand. Nur wenige Schritte bergauf liegt der Eingang zu einer Höhle. Auch hier wurden Tote begraben, deren Knochen sauber gestapelt auf Felsvorsprüngen liegen, Särge gibt es nur noch wenige.

Am anderen Ende der ca 40 Meter tiefen Höhle gelangen wir auf einen Pfad, der außen am Berg entlang führt. Einen kurzen steilen Aufstieg weiter, auf den mit großen alten Bäumen bestandenen Berggipfel, liegt der Eingang zu Höhlen, die tief in den Berg führen. Heute werden auch die für Bergräbnisse genutzt. Nach dem Einmarsch der Holländer 1906 wurden sie allerdings als Versteck vor den Besatzern genutzt – ganze Familien haben hier gelebt.

Über einen weiteren Brauch, der für Europäer recht befremdlich ist, habe ich bisher nichts geschrieben, weil wir ihn nicht erlebt haben, da diese Zeremonie nur im August stattfindet: das Ma’Nene-Ritual. Die Toten werden dann von ihren Angehörigen aus den Gräbern geholt, gewaschen, neugekleidet und bleiben zur Feier des Lebens einen Tag außerhalb der Gräber.

Wir müssen eine Pause einlegen: Der Himmel hat seine Tore weit geöffnet und es schüttet wie aus Eimern. Als es etwas nachlässt, machen wir uns auf den Rückweg zum Auto. Aber unser Fahrer hat mitgedacht und nicht einfach gewartet, sondern ist uns von der anderen Seite entgegengekommen … Aufatmen.

Wieder geht ein Tag voller neuer Eindrücke im Land der Toraja zu Ende. Aber nicht, ohne dass wir einen großen Fehler machen: Unterwegs nach Hause beschĺießen wir, dass wir den Abend auf dem Balkon in unserem Guesthouse beschließen wollen. Wir kommen auf die (blöde) Idee, unterwegs in Rantepao zwei Pizzen zum Mitnehmen zu bestellen. Es dauert und kostet vergleichsweise viel … und schmeckt grauenhaft! Wir haben die Lektion gelernt. Iss, was alle hier essen …

Wir gönnen uns zum Trost noch einen kleinen Luxus: Eine junge Frau, die in unserem Guesthouse putzt, bietet uns Massagen an, sie hat es in Bali gelernt. Der Versuchung können wir nach dem langen Tag nicht widerstehen und rufen sie an. Kurz darauf knattert ihr Motorrad den halsbrecherischen Feldweg zum Bait Lino entlang. Für uns Entspannung, für Bertin, so ihr Name, ein willkommener Extra-Verdienst. Sie hat drei Kinder, aber keinen Vater mehr dazu. Also: Win-win!

8 – Rantepao, Tag 2


P.S. zum Tag der Zeremonie: Zum Abschluss des erlebnisreichen Tages auf der Begräbnis-Zeremonie machen wir noch einen Abstecher auf den Viehmarkt von Rantepao, wo die Büffel und Schweine gekauft wurden.

Es ist ein riesiger Platz mit Lehmboden und koppelartigen Verkaufsfächen, auf denen auch jetzt noch viele Tiere jeden Alters und jeder Größe stehen. Es hat zu regnen begonnen und das lässt den verlassenen, lehmigen Platz ziemlich traurig aussehen. Jo erklärt uns noch, woran man Geschlecht und Wert der Tiere erkennt.

Die Schweine werden in sauberen Bambusställen gehalten, die zwar auch nicht gerade artgerecht sind, aber immer noch um einiges besser als die meisten in Deutschland. Und sie bekommen frisches Grünfutter. Trotzdem ist alles irgendwie etwas deprimierend.

Eine Straße weiter ist das Marktviertel mit vielen kleinen Läden, in denen es billige Bekleidung, massenhaft Gold( :-)-Schmuck, Gewürze und wunderbares Obst und Gemüse gibt. Wir essen auf dem Rückweg in dem gleichen Restaurant wie nach unserer Ankunft – da war es angenehm und das Essen lecker. Aber dann sind wir reif für unseren abendlichen Balkon mit Blick auf Reisfelder und Berge mit einem Bier, für das man extra in einen speziellen Getränkeladen muss. Die Supermärkte verkaufen auch hier kein Bier, trotz der überwiegend christlichen Bevölkerung.

Am nächsten Tag geht unsere Reise in die Geschichte der Beerdigungen weiter – wenn nun auch auf andere Weise. Wir fahren mit unserem Führer zu zwei weiteren Orten. Zuerst in den Ort Lemo Lemo (= der Ort, wo die Zitronenbäume gut wachsen). Außer ein paar Häusern und Läden, in denen nette Frauen darauf
hoffen, dass ein paar Touristen vorbeikommen, die einen schönen Sarong, Tücher, geschnitzte Löffel aus Büffelhorn oder anderes kaufen, sehen wir
nur zwei Bauern, die in der prallen Sonne bis zum Knie im Wasser
stehend arbeiten, auf ihren hellgrün leuchtenden Reisfeldern in der
Senke zwischen hohen, dunkelgrünen Bergen.

Ein paar steile, teilweise sehr schmale und hohe Granitstufen bringen uns zu
einem Pfad, der zu einigen Gräbern führt, die in den Felsen getrieben
wurden und nun mit Holz- oder Steintüren verschlossen sind. Auf einem Felsvorsprung steht noch ein leicht verfallenes Toten-Tongkonan mit dem vergilbten Foto einer Frau.

Auf dem Weg vor den Grabkammern oben im Fels liegen ein paar Plastikwasserflaschen und Reste von Süssigkeiten – Gaben von Angehörigen, die zu Weihnachten oder dem Beginn des neuen Jahres herkommen.  Sonst besucht man die Gräber nicht. Ganz anders als in Europa.

Hier darf man die Toten auf keinen Fall in der Zeit zwischen Reisaussaat
und -ernte besuchen, das würde eine Missernte bedeuten. Und Reis ist
hier ein unverzichtbares Grundnahrungsmittel. Geld haben nur wenige, die Löhne, so man überhaupt einen Job hat, sind lächerlich niedrig. Johannes´ zweitältester Sohn  hat das Glück, einen Job in einem Restaurant zu haben: Er verdient 1.300 000 Rupien, das sind rund 70 Euro. Und sowas wie eine Grundsicherung oder gar Arbeitslosengeld gibt es nicht.

Wir folgen dem Weg am Hang des Berges – endlich ein paar hohe Bäume und
Schatten. Zum Hang hin wachsen Kaffeebäume, Robusta und Arabica, ein
paar Kokospalmen, wilde Avocados, blühende Sträucher und
Passionsfrüchte, die leider hier noch nicht reif sind. Trotz der Hitze
ist es ein schöner Spaziergang. Ein kleiner steiler Pfad führt hinunter
zu einem Holzhaus, wo auf der überdachten Veranda Schnitzereien,
hölzerne Gebrauchsgegenstände und anderes darauf hoffen, dass vielleicht
jemand wie wir vorbeikommt und etwas kauft. Tun wir nicht, trotzdem
begleitet uns ein nettes Lächeln und die übliche leichte Verbeugung beim
Weitergehen.

Am Ende unseres Spaziergangs kommen wir am anderen Ende des Reisfeldes
wieder zu den sechs Häusern, die Lemo Lemo ausmachen und kaufen den
glücklichen Frauen nun doch ein paar Kleinigkeiten wie duftende
Zimtstangen und einen sehr schönen Büffelhornlöffel ab.

Inzwischen ist es Mittag und unser Fahrer bringt uns in ein erstaunlich großes
Restaurant etwas abseits der Straße, das offensichtlich nur von Gästen
wie uns lebt. Wir wollen gern mit Fahrer und Guide zusammen essen, aber
das lassen die Betreiber nicht zu, die Einheimischen haben einen eigenen
Bereich. Vermutlich etwas billiger, weil sie Kunden gebracht haben, aber
eben separiert. Ich finde das ziemlich unangenehm.

Auf der riesigen Wiese hinter dem Restaurant fließt ein kleiner Fluss,
eine Lehmkuhle daneben dient den Tieren als Spa. Hier weiden ein Büffel
und ein Kalb, das nicht mal angebunden ist. So gut haben es die meisten
Kühe in Europa nicht. Nur das Ende ist eben … wie beschrieben.

Teil 2 unserer heutigen Reise durch die Geschichte und Kultur der Toraja
führt uns noch einmal zu einer Begräbnisstätte. Diesmal sind es hängende
Gräber, ebenfalls an einer steilen Bergwand. Über und unter den Gräbern
sind kleine Balkone mit bunten, teilweise bemalten Holzpuppen, die die
Verstorbenen darstellen. So scheinen ganze Familien dort oben zu stehen
und bis in die Ewigkeit zu den Hinterbliebenen hinabzuschauen. Männer,
Frauen, Kinder. Ohne despektierlich sein zu wollen: Ich fühle mich ein
bisschen an die beiden alten Herren auf dem Balkon der Muppetshow
erinnert. (Sorry)

Ein Stück weiter lehnen hohe Bambusleitern an der Wand – hier wird
gerade eine neue Grabkammer in den Felsen getrieben. Eine langwierige,
schwierige Arbeit, die viel Geld kostet und die sich nur wohlhabende
Familien leisten können. In so einer Grabkammer finden dann allerdings
auch mehrere Tote Platz. Manchmal in einfachen kleinen Holzsärgen,
manchmal in Tücher gehüllt. Die anderen Toten wohnen eben weiter in
ihren Totenhäusern, meist neben dem Wohnhaus der Familie.


Die Entfernungen sind selbst bei unseren kleinen Ausflügen relativ groß,
bzw. sind die Straßen wie überall auf Sulawesi eine einzige Katastrophe.
Dazu kommen hier die unendlich vielen Kurven in den Bergen, der immer dichte Verkehr, deshalb dauert alles sehr lange. Aber die Fahrten durch die schöne Berglandschaft mit den Reisfeldern und den tropischen Bäumen sind auch spannend: Immer wieder mit einem Blick auf die wunderbaren Tongkonan und Anan mit ihren himmelwärts strebenden Giebeln und schönen Farben, die der Landschaft einen ganz besonderes Reiz verleihen. Irgendwie fühlt es sich an wie der Ausflug in eine ganz andere, exotische Zeit. Trotzdem sind die
Probleme des täglichen Lebens hier dieselben wie überall in der modernen
Welt.

7 – Lebendige Traditionen

Eine kurze Fahrt von Kete Kesu entfernt in die Berge liegt der Ort, an dem die Begräbniszeremonie, Rambu Solo, stattfindet. Der Ort gehört der Familie, wer nicht soviel Land hat, ist auf Familie oder Freunde angewiesen, denn es muss erst alles hergerichtet werden. Der Ort der Zeremonie sieht ein bisschen aus wie Arena.

Der flache Mittelteil ist umringt von verschiedenen Holzplattformen, auf denen die Gäste in Gruppen oder Familien aufgeteilt sitzen ( wer das Sitzen ohne Möbel nicht gewohnt ist, dem steht hier ein hartes Training bevor), dem Sitz des rotgewandeten Zeremonienmeistern an einer Längsseite. Über ihm wartet auf einer hohen, überdachten Plattform auf Bambus- und Holzstelzen ein kleines Tongkonan-Haus auf den Sarg, der am Ende des ersten Tages hinaufgetragen wird: der Turm der Toten. Gegenüber – auf der anderen Seite des Festplatztes, wurde für einen bestimmten Teil der Zeremonie eine aufwenig gestaltete rot-weiß-goldene Tribühne für Familie und Celebrities aufgebaut.

Im Atrium wurden vier Arten von Bäumen gepflanzt, die für den Toten Wohlsstand und eine gutes Leben im Jenseits symbolisieren. Im Zentrum steht der Sarg – in unserem Falle sogar zwei, da Tante und Nichte nur mit einer Woche Abstand von nur 7 Tagen gestorben sind. Die Särge sind in einer Art reich verzierten Mini – Tangkonan mit dem typischen Bootsdach untergebracht, davor stehen die Fotos der Verschiedenen. Im Laufe des Tages können Angehörige und Freunde dort tränenreich Abschied nehmen.

Die meiste Zeit tanzen und singen auf dem Platz daneben Menschen, die sich an den Schultern des Nachbarn festhalten, in einem großen Kreis. Der monotone Singsang klingt ein bisschen ähnlich wie der, den man von den Ureinwohnern Amerikas kennt. Er soll den Verstorbenen auf dem Weg ins Jenseits begleiten. Um mitzutanzen, muss man eine Spende an die Familie entrichten. Und – ganz wichtig – nur wenn eine Zeremonie stattgefunden hat, können die Toten in einem hängenden Sarg an Felswänden oder in einem Felsengrab beerdigt werden, was ihnen einen guten Platz im Jenseits sichert.

Zu guter Letzt das für uns Gruselige. Rund um den Festplatz herum liegen gefesselte Schweine, die von Gästen gespendet wurden, die nacheinander während der Tage geschlachtet werden, um die Gäste zu verköstigen. Ein Teil des Fleisches wird sukzessive in einem Metallbehälter in der Mitte der Arena, neben den Särgen mit Kräutern und Gewürzen auf offenem Feuer gekocht, ein anderer Teil hinter den Kulissen.

Das wichtigste aber – an dem sich auch der Wohlstand ablesen lässt – sind die Wasserbüffel, die ebenso im Laufe der Zeremonie geopfert (und verspeist) werden. An ihrer Zahl lässt sich Stand und Reichtum der Familie und der Gäste (die auch einen Büffel spenden können) ablesen. Die wertvollsten Büffel sind möglichst große, fayt weiße Albinobüffel mit großen Hörnern.

Um eine Zeremonie abhalten zu können, muss die Familie sich wenigstens einen Büffel leisten können. Zur Not werden Kredite aufgenommen, Geld geliehen oder die Familie hilft. Sich keine Zeremonie leisten zu können, ist ziemlich schlimm für die Familie, garantiert sie doch ein angemessenes Begäbnis und damit ein gutes Leben des Verstorbenen im Jenseits. Oft dauert es eine ganze Weile, dies alles zu arangieren. Solange gilt der Verstorbene als krank und bleibt noch im Haus der Familie. Der Tod wird von den Toraja als Zeit des Übergangs vom Leben in den Tod gesehen.

Jo, unser Guide, erzählt uns, dass er einen seiner fünf Söhne durch einen Motorradunfall mit 19 Jahren verloren hat. Mit Hilfe der Familie konnten sie sich wenigstens einen Büffel leisten und somit eine Zeremonie auf dem Land der Familie veranstalten.

Eine Besonderheit dieser Zeremonien ist symbolisch für das Land der Toraja: Obwohl sie mittlerweile alle Christen sind, halten sie diese alten Toraja-Zeremonien aufrecht – mit Einverständnis der Kirche. So hält auch bei dieser Zeremonie ein Priester eine Predigt.

Während all der Gesänge und Tänze verteilen schön gekleidete Frauen das erste Essen an alle Gäste: Schalen mit geschmorten Rind oder Schweinefleisch, Reis und ein Ölpapier, das als Teller genutzt wird. Und eine kleine Schale mit Wasser zum Fingerwaschen. Gegessen wird tradionell mit den Händen, wie überall in Indonesien – zumindest in ländlichen Regionen. Inzwischen bekommt man in allen Restaurant auch Löffel und Gabel. Aber die alte Art ist eben ohne Hilfsmittel. Gar nicht so einfach für Beginner…Zu trinken wird außer Wasser übrigens auch Palmwein gereicht.

Ich gebe zu, ich musste mich zuerst überwinden, nachdem ich die gefesselten Schweine und per Nasenring angebundenen Büffel gesehen hatte und leider ausversehen auch das Schlachten eines Schweins außerhalb der Arena…. Aber ich wollte nicht als doofer Tourist dastehen und habe gegessen. Und: Es war sehr lecker. Und so grausam einem das Schlachten bzw. Opfern hier erschien: Ehrlich gesagt denke ich, dass diese Tiere hier vorher ein wesentlich besseres Leben hatten, als die Spender des Supermarktfleisches in Europa. Nur kann man da das Tier ausblenden. Und hier haben wir immer wieder die Tiere auf den Wiesen, an den Wasserlöchern und Lehmkuhlen weiden sehen.

Wir bekommen zwischendurch auch Besuch von zwei Familienmitgliedern: einem katholischen Priester – natürlich in traditioneller Toraja-Kleidung – und einem Neffen der Verstorbenen, der perfekt Deutsch spricht, da er an einer deutschen pädagogischen Fakultät in Makassar studiert hat.

Später wird der erste Wasserbüffel zeremoniell geschlachtet. Ich habe mich gedrückt, aber mein tapferer, neugieriger Mitreisender hat sich getraut. Und zumindest sagt er, es sei eine sehr fachmännische, schnelle Tötung durch einen Kehlenschnitt gewesen. Danach wurde das Tier sofort fachmännisch vorden Augen des Publikums zerlegt undzur Zubereitung in den Kesseln auf dem Feuer gebracht.

Zwischendurch werden immer neue Gäste empfangen, wie die Abordnung von Schülern der Schule, an der dir Verstorbenen gelernt bzw gelehrt haben. Die Stimmung ist übrigens – anders als in Europa – bei Beerdigungen nicht bedrückt oder gedämpft: Kinder rennen spielend herum, in den Pavillons wird geschwatzt, man trifft Bekannte. Natürlich sind alle schön angezogen, schwarz, rot, gern mit Gold und Silber durchsetzt. Aber es sollte unbedingt ein Sarong getragen werden, für Frauen ein Muss. Jo hat uns schöne schwarz-goldene mitgebracht, wir sind also passend gekleidet.

Der Tag vergeht, bis es soweit ist: gegen Ende dieses Festtages werden die Verstorbenen – die bis jetzt noch als krank gelten – auf die Reise ins Jenseits verabschiedet. Kräftige junge Männer nehmen mit langen Bambusstangen die in kleinen Kongkonan-Häusern gebetteten Särge aus die Schultern und machen sich auf einer gefährlich aussehenden langen, schrägen Bambusleiter auf den Weg nach oben auf den Totenturm. Immer begleitet von lauten laustarken Singsang des Zeremonienmeisters. Erst wenn die Särge dort oben stehen, können sich die Verstorbenen nun endlich auf die Reise ins Reich der Toten machen, bevor sie, nach Abschluss der 4- oder 5-tägigen Zeremonie begraben werden können.

Ich muss zugeben, ich hatte manchmal Sorge, dass die Männer auf der schrägen Leiter mit den großen Abständen der Bambussprossen abrutschen und der Sarg abstürzt. Aber es sind sehr viele Sargträger, wahrscheinlich auch deshalb…

Das Fest geht nun noch über 2 oder 3 Tage weiter, bis die Toten begraben werden können. Es war super spannend und wirklich ein tolles Erlebnis, zumal Johannes immer wieder unsere vielen Fragen geduldigst beantwortet. Alle Menschen, die wir getroffen haben waren freundlich und sogar erfreut, dass wir an der Feier teilnehmen. Ich habe sicher so einiges vergessen zu erzählen, aber es waren einfach zu viele neue, fremde Eindrücke. Trotzdem ein großartiges Erlebnis, eine Reise in die Vergangenheit und lebendige Tradition der Toraja. Schön, es erlebt zu haben!

6 Tana Toraja – gelebte Tradition

Wir haben viel vor in den kommenden Tagen. Ganz im Mittelpunkt natürlich: eine Begräbnis-Zeremonie. Und die gibt es hier so regelmäßig, dass man fast immer das Glück hat, eine mitzuerleben – beziehungsweise einen Tag davon.

Denn tatsächlich dauert jedes Begräbnisfest 4 oder 5 Tage. Wie groß, lang und prachtvoll es ausfällt, hängt davon ab, wie reich die Familie ist. Aber auch die kleinen Leute versuchen, ihren Toten auf diese Weise die letzte Ehre zu geben, nur wer es sich gar nicht leisten kann und auch niemanden hat, der Geld leiht, begräbt seine Toten einfach. Rambu Solo heißen diese Feste, mit denen der Verstorbene ins Jenseits, das Puya, geleitet wird.

Doch auf dem Weg zur Zeremonie machen wir zuerst noch einen Abstecher nach Kete Kesu. Hier erklärt uns unser Führer mit dem christlichen Namen Johannes erstmal ein bisschen Wesentliches aus Tana Toraja: Leben und Sterben. Der Ort hier steht unter Denkmalschutz, trotzdem dürfen die Familien, denen die Gebäude hier gehören, sie weiter benutzen.

Ich habe bisher eine Besonderheit dieser Region unterschlagen – unverzeihlich, macht sie doch das Gesicht von Tana Toraja aus: die ganz spezielle Bauweise der Häuser mit beidseitig spitz weit nach oben hochgezogeneen Giebeln, bunt, mit Schnitzereien und meist Büffelhörnern geschmückt und auf Stelzen gebaut. Was es damit auf sich hat, haben wir in Kete Kesu gelernt.

Es gibt zwei verschiedene Hausarten, die aber beide bis heute bei allen Familien, die es sich irgendwie leisten können, zusammengehören. Zunächst die etwas kleineren, als Reisspeicher genutzen Häuser. Reis ist kostbar, ernährt hier jede Familie und muss gut gelagert werden. Fast alle Familien haben hier noch Reisfelder, die einen Großteil der Ernährung über das Jahr ausmachen. Diese besonderen Speicher werden gebraucht, nachdem der Reis geerntet und getrocknet wurde. In dem Raum auf Stelzen wird er hier gelagert. Es ist recht mühsam, ihn auf der schmalen Leiter in die kleine Tür zu schieben, aber oben ist er sicher vor Mäusen und anderen Schädlingen. Diese wunderschön aussehenden, aufwändig verzierten Speicher heißen Alan.

Das eigentliche traditionelle Wohnhaus , das Tongkonan, ist größer, da es ja der Lebensraum für die ganze Familie samt Eltern der Frau war bzw. ist. Die ungewöhliche Form kommt daher, dass das indigene Volk in Toraja ursprünglich mit Schiffen angelandet war und am Meer gelebt hat, bevor es hier in die Berge kam, um zu siedeln. Ihre Sehnsucht nach dem Meer haben sie in der Form der Häuser ausgedrückt; daher die wie bei einem Schiff hochgezogenen Giebel. Die hölzernen Fassaden sind geschnitzt und in vier Farben bemalt: orange, gelb, weiß und schwarz.

Wir konnten hier ein solches – nicht mehr als Wohnhaus genutztes – Tongkonan besichtigen. Es ist mühsam, über eine schmale, steile Leiter und eine ebenso kleine Öffnung in das Haus zu gelangen, was wohl auch der Grund dafür ist, das viele Familien heute entweder in einem einfachen Haus dahinter wohnen oder – neuerdings – eine Außentreppe angebaut wird. Es gibt drei Räume: Wohn- und Schlafraum der Famile, gegenüber das Zimmer für die Eltern der Frau. Und in der Mitte, etwas tiefer, liegt die Kochstelle im Esszimmer. Alle nichts für große Menschen… Übrigens: Wenn ein Familienmitglied stirbt, gilt es bis nach der Begräbniszeremonie als schlafend und bleibt im Schlafzimmer. Ein bisschen befremdlich …

Außen am Haus werden an einem senkrechten hohen Balken die Büffelhörner aller Begräbniszeremonien der Familie angebracht – Zeichen des Wohlstands. Aber dazu komme ich später.

In Kete Kesu erfahren wir auch, wo die Toten nach der Beerdigung hinkommen: Sie bekommen ein eignes Totenhaus. Früher aus Holz, aufwändig geschnitzt und verziert, mit einem Bild oder einer Skulptur der/des Toten. Heute können sich das viele nicht mehr leisten. Da die Toten aber in der Nähe der Familie bleiben sollen, werden neben den Wohnhäusern einfach Häuser aus Beton für die Verstorbenen gebaut und mit einem Bild von ihnen versehen. In einem Totenhaus können auch mehrere Verstorbene „wohnen“, Hauptsache, sie sind in der Nähe der Familie.

Kete Kesu hat noch mehr zu bieten. Es geht noch exotischer. Hinter dem Dorf mit den Totenhäusern führen in den Fels gehaune Stufen einen steilen Berghang hoch. An den senkrechten Felswänden hängen kleine Särge, schön verziert. Auch sie haben Deckel mit der Form eines Schiffs, sie sind inzwischen leicht verrottet, manchmal sogar zerfallen. Auf Holzbalken darunter oder Felsvorsprüngen sind die alten Knochen und Schädel gestapelt. Ein bisschen gruselig, ja, aber irgendwie nicht so, wie sich das hier anhört. Irgendwie passt das alles zusammen.

Es ist heiß, der Kopf ist voll von all den neuen Informationen und Eindrücken. Dennoch bleibt nur Zeit für ein Eis und schon geht es weiter mit dem Auto zum großen Ereignis: der Begräbniszeremonie, die in einem Dorf in den Bergen stattfindet. Doch das ist Stoff für das nächste Kapitel.

5 – Auf nach Tana Toraja

Bye bye Makassar, auf zu neuen Ufern! Pünktlich steht unser Fahrer vor der Tür. Beim Schwatz vor der Fahrt bietet er an, die ganze Zeit, bis wir auf die Togian Inseln fahren, unseren Transport mit allen Pausen, Ausflügen und Sonderwünschen zu übernehmen. Für einen Pauschalpreis will er auch alle Eintrittsgebühren, Mautgebühren und ähnliches übernehmen. Außerdem würde er uns in Tana Toraja einen Guide organisieren, den er auch bezahlt.

Wir überlegen ein bisschen, kommen aber schnell zu der Überzeugung, dass sein Angebot gut ist und uns viel Nervereien erspart. Dazu sollte vielleicht noch einiges zum Thema Reisen innerhalb von Indonesien – und besonders auch auf Sulawesi – gesagt werden. Die Insel ist riesig und wir haben eigentlich vor, bis in den äußersten Norden auf die Bunaken-Inseln zu fahren. Ob und wie wir das schaffen, ist noch unklar, auch wieviele sehenswerte Orte wir sehen können.

An dieser Stelle sollte ich noch ein paar Worte über die Art in Indonesien zu reisen sagen. Es lohnt sich fast immer, einen Fahrer zu nehmen, da die öffentlichen Busse wirklich nicht zu empfehlen sind uns normalerweise ewig brauchen. Und unser nächstes Ziel ist rund 350km entfernt. Dazu kommt, dass es hier keinerlei Eisenbahlinien gibt, bis auf ein winziges Pilotprojekt an der Ostküste und öffentliche Busse in Indonesien ein zweifelhaftes Vergnügen sind – sehr langsam und alt. Meine Freundin und Indonesien-Kennerin sagt immer: Egal wohin du fährtst, egal wie weit es ist: Es dauert einen Tag.

Also küren wir Anton zum Fahrer für die nächste Woche. Nachdem wir uns endlich aus der nicht enden wollenden Stadt gequält haben, hat es zu regnen begonnen. Im Laufe der kommenden Stunden sollte sich das noch steigern. Aber zunächst mal scheint es schnell wieder aufzuhören. Rund anderthalb Stunden nördlich von Makassar wollen wir einen Abstecher nach Rammang Rammang machen, ein Dorf in einem spektakulären Karstgebiet – so unsere Info. Dort wollen wir Boot fahren.

Zu Rammang Rammang gehört ein kleines Dorf, ein Fluss und eben die Karstfelsen mit einigen Höhlen. Als wir ankommen, scheint die Sonne so heiß, dass ich mir erstmal einen Strohhut mit breiter Krempe kaufe – eine weise Entscheidung! Anton mietet ein Longboot mit Fahrer, derweil strahlen uns einige Menschen freundlich an und wir müssen unbedingt mit auf´s Familienfoto.

Die Fahrt ist ein echter Traum! Der relativ schmale Fluss schlängelt sich durch hohen einen dichten Wald aus Mangroven, Bambus und Bananenstauden. Gelegentlich ragen – schön, aber gefährlich – spitze Felsen aus dem Wasser, doch unser junger Bootsführer steuert haarscharf und sehr flott, aber sicher daran vorbei. Wir gleiten durch eine spektakuläre Karstlandschaft: Rundherum ragen hohe, steile Berge auf, die so ganz anders aussehen als die Gebirge in unseren Breiten. Tiefgrün bewachsen von riesigen Laubbäumen, bei denen man sich gar nicht vorstellen kann, wie sie an den steilen Felsbergen überhaupt wachsen können. Die Gipfel schmücken sich mit sich ständig verändernden Wolkenmützen, sonst ist der Himmel strahlend blau.

Rammang Rammang ist das drittgrößte Karstgebiet der Welt mit 45.000 ha Ausdehnung. Das Gebiet ist ungefähr 30.000 Jahre alt. In den Höhlen wurden 53.500 Jahre alte Felsmalereien und Handabdrücke entdeckt, die als die ältesten der Welt gelten. Was für eine verrückte Vorstellung! Leider ist diese Höhle sehr schwer zu erreichen und wir müssen uns mit der Information und der Vorstellung begnügen, durch ein solch historisches Gebiet zu fahren.

Die Fahrt endet in einem kleinen, friedlich in die Landschaft am Fuße der Berge gestreuten Dorf: Kampung Parua. In einer grünen Ebene inmitten der Karstberge gelegen, von Reisfeldern umgeben. Wir laufen über schmale, erhöhte Stege durch die Felder. Allerdings fehlt manchmal ein Stück der ziemlich maroden Holzbohlen und man muss vorsichtig sein, wenn man nicht in die unter Wasser stehenden Reisfelder fallen oder an einer fiesen, rostigen Eisenhalterung hängen bleiben will. Es ist heiß, aber die Blicke über diese tolle Landschaft entschädigen vollends.

Unterwegs klettern wir zu kleineren Höhlen ein Stück die Berge hoch. Die sind sehr schön anzusehen mit ihren Felsen, in die man alles Mögliche hinein interpretieren kann, aber sie sind nicht spektakulär. Vor der letzten Höhle gibt es ein kleines Restaurant, bestehend aus zwei Betonsockeln und einem Blechdach und ein paar Plastikmöbeln. Wir machen Rast und kühlen uns vor dem Ventilator mit einer frischen Kokosnuss ab. Weitere Gäste gibt es nicht, wir haben bisher auch noch keine getroffen. Es ist keine Saison.

Warum, das wird uns auch schon im nächsten Augenblick erinnerlich: Es ist Regenzeit und es geht ein Schauer nieder. Aber damit ist es auch schon ausgestanden. Dachten wir. Wir machen uns auf den Rückweg auf der anderen Seite des Tals. Schon nach ein paar Minuten regnet es wieder und diesmal crescendo, will sagen: Es steigert sich heftig.

Zum Glück kennt Anton sich hier aus und treibt uns ein kleines Stück weiter, wo wir Unterschlupf finden. Die einfachen Häuser des Dorfes stehen alle auf hohen Stelzen, unter der Wohnetage ist jeweils ein Holzplateau eingezogen, das als Sitzfläche, Abstellfläche, manchmal auch Küche dient. Für die Bewohner ist es selbstverständlich, dass man anderen bei Regen Unterschlupf gewährt. So sitzen wir dort über eine halbe Stunde schweigend bei einer Familie, starren in den Regen und hoffen auf ein Nachlassen des Wolkenbruchs, die der Wind vor sich hertreibt.

Schließlich versuchen wir, uns auf den Rückweg zu machen, aber die nächste Sintflut treibt uns in den nächsten Unterschlupf, der schon ziemlich überfüllt ist. Die Hausherrin verkauft uns ein paar einfache Regencapes und beim nächsten Nachlassen des Regens laufen wir so schnell hier möglich Richtung Hafen.

Da klar ist, dass der Regen so schnell nicht mehr aufhören wird – ein Blick nach oben zeigt dramatisch um die Berggipfel ziehende Gewitter-und Regenwolken – klettern wir schirm-und capebewährt ins Boot und lassen uns zurückfahren. Klatschnass klettern wir an Land, rennen zum Auto und versuchen, uns unter der Kofferraumklappe etwas halbwegs Trockenes anzuziehen, denn wir haben noch eine ziemliche Strecke vor uns.

Ausgehend davon, dass es noch gute 300 km nach Rantepao, unserem Ziel in den Bergen, sind und wir schon anderthalb Stunden gefahren sind, habe ich damit gerechnet, dass uns vielleicht noch drei Stunden bis zum Ziel fehlen. Das sollte sich allerdings als großer Irrtum erweisen – aus zwei Gründen.

Der Regen draußen wechselt beständig zwischen Starkregen und Wolkenbruch, der Verkehr ist trotzdem genauso dicht und chaotisch wie immer, nur etwas weniger Motorräder sind unterwegs. Einige Bäume waren dem Sturm zum Opfer gefallen, zum Glück neben der Fahrbahn.

An dieser Stelle fiel mir wieder die Faustregel ein: Wohin du auch willst – es dauert einen Tag. Und das sollte sich wieder einmal bestätigen. Mit einer Essenspause in einem Sturm- und Regen-umtosten Restaurant am Meer, bevor es in die Berge geht, kamen wir nach acht Uhr abends an … nach einem Tag!

Rantepao ist die bekannteste Stadt der Provinz Tana Toraja. Die Stadt liegt strategisch perfekt für viele Ausflüge und Aktivitäten, auf einer Hochebene, an einem Fluß , umgeben von hohen Bergen. Aber das, was sie so besonders macht, ist, dass man hier fast immer an ganz besonderen Beerdigungszeremonien teilnehmen kann. Dazu später. Nur soviel: Die uralte Tradition des indigenen Volkes der Toraja ist bis heute ein fester Bestandteil des Lebens der Menschen hier. Besonders an Rantepao und Tana Toraja ist auch, dass hier vor allem Christen leben, im Gegensatz zum fast ausschließlich muslimischen Süden.

Aber dazu später, hier wollte ich nur erklären, was uns hergeführt hat. Anton fährt uns noch in unser Quartier, ein Bungalow beim Homestay Bait Lino, das rund zweieinhalb Kilometer außerhalb der quirligen Stadt, eingebettet in Reisfelder, an einem Fluß liegt. Ein einfacher Bungalow mit Blick auf endlose grüne Reisfelder und dahinter hohe grüne Berge. Noch ein Bier auf dem Balkon und dann totmüde ins Bett.

4 – Noch mehr Makassar

TAg 2. Das Aufwachen ist vorfristig und gar nicht gut – irgendetwas war in der Luft – vielleicht vom Nebenraum, der renoviert wird. Jedenfalls bin ich von Kofschmerzen undd brennenden Schleimhäuten aufgewacht. Und schon steht der Entschluss – nur noch eine Nacht, dann reisen wir weiter Richtung Norden.

Der Guesthouse-Besitzer hat, wie das hier immer ist, sofort einen Kontakt von einem Fahrer, der uns mit seinem Auto bis Rantepao in Tana Toraja bringen wird, unserem nächsten Ziel. Das Reisen hier ist ein bisschen speziell: Es gibt keine Eisenbahnverbindungen und die öffentlichen Busse sind so gar keine Alternative. Zwar soll es einen neuen Luxus-Nachtbus geben, aber ob der besser ist, wissen wir nicht.

Der Plan steht, aber noch haben wir einen Tag, um mehr von Makassar zu sehen. Zuerst steht der Hafen Pelabuhan Paotere auf dem Programm, der in vielen Reiseführern als must see gilt.

Wir rufen uns über die hier fast unverzichtbare Grab-App ein Taxi und erleben wieder das Abenteuer „Die Straßen von Makassar“. Stoßstange an Stoßstange, eingequetscht zwischen viel zu vielen anderen Fahrzeugen, für die nicht annähernd genug Spuren da sind, auch gern mal auf der Gegenfahrbahn, bewegen wir uns Richtung Hafen. Als wir uns dem Ziel nähern, werden die Straßen des alten Hafenviertels immer schmaler, der Verkehr aber nicht weniger. Zwischen den Autos rumpeln Fahrrad- und Motorrad-Rikschas kreuz und quer, von den Fußgängern ganz zu schweigen. Chaos pur, Luft und Hitze tun ein übriges … Aber irgendwann ist es vollbracht und wir sind am Ziel.

Wir zahlen ein paar Rupien Eintritt und erleben das nächste gelebte Chaos: Am Kai liegen in mehreren Reihen Fischkutter, kleine und mittelere Fährschiffe, Transportschiffe aller Art. Das Ufer ist vor allem um die zentrale Landungsbrücke voller Menschen, die irgendwohin wollen, irgend etwas verkaufen wollen, auf was auch immer warten. Die Sonne brennt, es ist brutheiß, der Schatten der wenigen Bäume am Pier ist überbesetzt von Frauen mit Kindern, Körben, Säcken und Taschen, die darauf warten, irgendwohin fahren zu können.

Alles sieht ziemlich schäbig aus, inklusive einiger Schiffe. Der Asphalt der Uferstraße ist kaputt und wird zur Stolperfalle, wenn man nicht aufpasst. Dahinter liegen alle möglichen Lagerhallen, Werkstätten und – erst beim zweiten Hinsehen zu erkennen – tatsächlich einige kleine Restaurants. Davor rennen Hühner und Hunde herum, lagert Müll und wer weiß was sonst noch. Ich bin ja Abenteurer, aber hier würde ich nichts essen …

Wir wandern noch ein bisschen durch die Hitze und schauen Boote an. Zwischen den Lagerhallen und Werkstätten ist tatsächlich auch noch eine Moschee auf dem Hafengelände. Es war ein interessater Ausflug, aber angesichts der Hitze und der Tatsache, dass wir genug Atmosphäre geschnuppert haben, beenden wir an diser Stelle unser Hafenerlebnis. Ohne die im Reiseführer angepriesenen großen Segelschiffe gesehen zu haben – zu heiß!

Draußen vor der Hafeneinfahrt tobt der Wahnsinn, die Zufahrtsstraße ist völlig verstopft von Fußgängern, Autos, Motorrädern, Rikschas und Fahrrädern. Die Luft steht. Die Rikscha-Fahrer stürzen sich auf uns, aber die Preise sind absurd. Erst ein Stück weg vom Hafenzugang finden wir eine bezahlbare Motorrad-Rikscha. Fast gemütlich mit bester Sicht aus dem engen, nach vorn offenen Sitz geht es zurück ins Stadtzentrum.

Unser nächstes Ziel ist das Fort Rotterdam – Ausflug in die Kolonialgeschichte. Ursprünglich war hier das Fort Benteng Ujung Padang aus dem 16. Jahrhundert, aber nach der Eroberung durch die Niederländer wurde es 1667 in Fort Rotterdam umbenannt und im Kolonialstil umgebaut.

Etwas Besonderes ist es nicht nur durch die weißen, relativ schlichten Gebäude mit schattigen Kolonaden, sondern auch durch die großen Freiflächen mit grünem Rasen zwischen den Gebäuden – im Gegensatz zu dem super eng bebauten, grauen, durch den schwarzen Schimmel überall eher etwas düster wirkenden Umfeld der umgebenden Stadt. Aber sonst bin ich eher ein bisschen enttäuscht, ich finde es etwas langweilig.

Wir sehen uns noch das zum Fort gehörende Museum zur Geschichte Indonesiens an, die eigentlich extrem interessant und bewegt ist, aber die Sammlung ist nicht besonders liebevoll präsentiert und man müsste fast immer per Barcode alle Erklärungen auf dem Handy lesen. War trotzdem ganz spannend, aber zugleich auch etwas unbefriedigend. Genug gebildet, raus ins Gewühl.

Wir finden schließlich eine Fahrrad-Rikscha, die uns zurück in unser Viertel bringt. Nächstes Ziel: die 99 Kuppeln-Moschee. Wir lassen uns an der Strandpromenade von Losari absetzen, überqueren todesmutig die Kreuzung und laufen über eine große Brücke auf die neu aufgeschüttete Insel und stehen auch schon kurz darauf vor, bzw. neben der beeindruckenden riesigen Moschee mit den 99 Kuppeln in Rosa, Orange und Weiß – und natürlich dem passenden Minarett daneben.

Wow! Man kann nicht anders als beeindruckt zu sein. Das Gebet ist gerade vorbei als wir uns zum Haupteingang vorgearbeitet haben, die Moschee-Besucher verlassen gemächlich das Gotteshaus, viele setzen sich auf die Stufen der geräumigen Freitreppe mit Blick auf die Stadt am anderen Ufer und plaudern.

Bei den Frauen fallen mir die krassen Unterschiede auf. Natürlich tragen alle Kopftücher, aber während die einen richtig schick mit hellen, perlenbesetzten, eng anliegenden, rüschenbesetzten Oberteilen und modischen Sonnenbrillen herausgeputzt sind, sitzt die Freundin im bodenlangen, schwarzen Kleid mit ebensolchem Tschador daneben …

Wir schauen uns die riesige Mochee nun auch von innen an, ich habe extra ein großes weißes Tuch bei mir, das ich mit locker umbinde. Dafür ernte ich auch gleich einen hochgestreckten Daumen bei einem der Wächter. Er erbietet sich sofort, ein Foto von uns zu machen.

Eine Moschee außerhalb des Gebetes ist ja gefühlt sehr leer, da es keine Bänke, Beichtstühle oder ähnliches gibt. Aber die Größe ist beeindruckend. Vorn gibt es eine riesige digitale Anzeigetafel, die die Gebetszeiten im Maghreb rund um die Welt anzeigt. Maghreb ist nicht nur eine Region in Nordafrika , damit wird auch die Gebetsstunde zum Sonnenuntergang bezeichnet – habe ich nun gelernt. Mit hohen Sichtschutzwänden abgezäunt ist im hinteren Bereich der Gebetsraum für die Frauen.

Es ist Sammstagabend und im Umkreis der Moschee warten viele Restaurants, hier Warung genannt, auf Gäste. Es ist fast so etwas wie ein bisschen Volksfeststimmung. Für die Kinder sind alle möglichen Vergnügungen aufgebaut: von den beliebten Phantasieautos, die elektrisch fahren, bis zu liebevoll vorbereeiteten Malstationen mit kleinen Staffeleien.

Wir machen uns aber auf den Rückweg zur anderen Uferseite. Kaum drüben, werden wir vom Regen überrascht. Wir retten uns unter die Plane eines der Restaurant am Anfang von Losari, der Regen ist eher ein Wolkenbruch. Die eher abenteuerlich installierte Beleuchtung fällt teilweise aus, was nach einem Blick auf die frei an einen Baum gebundenen Steckdosen auch nicht verwunderlich ist. Aber nicht genug damit – wir dürfen auch noch mit einem gewissen Nervenkitzel mitverfolgen, wie Vater und Sohn bei strömendem Wasser von oben mit ungeschützem Schraubenzieher an Kabel und Steckdose werkeln. Allah oder welcher Gott auch immer hat schützend seine Hand über die beiden Verrückten gehalten, es ist nichts passiert.

Für das Abendessen haben wir ein japanisches Reestaurant angepeilt, klassisch indonesisch werden wir wohl in der kommenden Zeit noch reichlich essen. Um dahin zu kommen müssen wir nochmal einen dieser waghalsigen Spaziergänge durch unser Viertel -fast immer ohne Bürgersteig – überleben. Aber: Es hat sich wahrlich gelohnt! Das Restaurant ist nicht nur hell, groß, sauber und chic, sondern vor allem ist das Essen lecker!

Und morgen früh um acht steht unser Auto mit Fahrer ins rund 320 km entfernte Rantepao in Tana Toraja vor der Tür.

3 – Selamat Datang, Sulawesi! Guten Tag!

Auf nach Sulawesi! Da die Flüge aus Europa nicht auf dieser Insel landen, muss man per Inlandsflug oder Schiff anreisen. Wir haben uns für den Flug entschieden – nach Makassar, der großen Stadt an der Südost-Küste der riesigen Insel zwischen Borneo und Papua-Neuguinea. Die größte Stadt der Insel mit rund 3,3 Miliionen Einwohnern im Ballungsraum. So genau weiß wohl eher niemand, wieviele es in der Stadt selbst sind.

Wir haben lange überlegt, ob wir unsere sulawesische Entdeckungsreise im Norden oder Süden beginnen sollen, uns aber letztendlich für den Süden entschieden, weil der äußerte Norden mit den Bunaken-Inseln wohl eher die nötige Entspannung nach unserer Expedition zu bieten verspricht. Und dass diese Reise nicht nur spannend, sondern auch anstrengend wird, ist uns klar. Allein die Entfernungen und der eher mühsame Transport sprechen dafür.

Wir haben ein Zimmer in einem Guesthouse gebucht, ein Grab-Taxi bringt uns durch den Verkehrswahnsinn dahin. Auch wenn wir indonesische Straßenverhältnisse inzwischen kennen, ist das hier kaum zu fassen. Eigentlich müsste es ununterbrochen Unfälle geben bei all dem Irrsinn und den Löchern in den Straßen – aber erstaunlicherweise sollen wir in den kommenden zwei Tagen nicht einen einzigen Unfall sehen.

Keine Ahnung, wie der Fahrer sich ohne Navi durch das Gewirr von Straßen und Gassen findet, aber wir landen schnell und wohlbehalten in Lauwrens-Guesthouse im Viertel Losari. Alles pieksauber und modern, was man in dieser Gasse, in der es auch recht baufällige Gebäude und viele Löcher auf dem schmalen Asphaltband gibt, nicht unbedingt erwartet hätte. Dennoch bad news : kein Fenster! Im Inserat stand Balkonblick – aber damit ist der Dachbalkon des Hauses gemeint … Nicht gerade mein Traum, aber egal. Das Haus gehört einem Chinesen, denn wie überall ist auch hier die Bevölkerung wild durchmischt.

Ein Schritt aus der Tür und schon schallt einem der Gesang des Muezzin der nächsten Moschee ins Ohr – laut, sehr laut. Der Süden Sulawesis ist muslimisch, im Gegensatz zum christlichen Norden. Ursprünglich war Sulawesi buddhistisch und hinduistisch, bevor im 17. Jahrhundert die Islamisierung begann. Im Norden der Insel leben überwiegend Christen.

Unser Viertel besteht aus einem quadratischen Netz von schnurgeraden kleinen Längs- und Querstraßen, die so schmal sind, dass parkende Autos schon fast an den Hauswänden kleben und es für das Vorbeifahren eines zweiten Autos schon einiger unerschrockener Routine bedarf, um durchzukommen – Bürgersteige Fehlanzeige. Die Häuser sind zwei- bis dreistöckig und eher schmal, von verfallen bis relativ neu und gepflegt wie das unsere. Und da ist sogar noch hier und da ein schöner blühender Baum neben die Straße gequetscht.

Unser Block liegt an der Meeresseite der Stadt, umgeben von großen Hauptstraßen, auf denen Tag und Nacht ein irrsinniger Verkehr brummt und knattert – das schon bekannte Gemisch aus PKW, LKW und hunderten Motorrädern. Hier kommen noch ein paar klapprige Fahrrad-Rikschas dazu, die sich unerschrocken durch das Chaos schlängeln.

Am Straßenrand haben inzwischen ein paar abenteuerlich klapprige Stände aufgebaut, die irgendwas vom Grill und vorbereitete Essensportionen anbieten. Immer wieder grüßen fremde Menschen mit einem freundlichen Lächeln, nicht nur Händler, auch Passanten. Bürgersteige sind hier übrigens – wenn überhaupt vorhanden – entweder voller Müll, Schrott, Betongeröll oder dienen als Lagerplatz. Und wenn sie mal frei sind, muss man höllisch aufpassen, dass man nicht plötzlih ganz oder Teilen in einem zwei Meter tiefen Loch steckt. Soviel, so … schlecht.

Aber die gute Nachricht ist: bei all dem Verkehrschaos und den völlig überfüllten Straßen sind Fußgänger offensichtlich eine schützenswerte Spezies! Selbst wenn man eine sechspurige Straße im rauschenden Chaos überqueren will, bremsen alle und lassen den armen Fußgänger passieren – verrückt, aber wahr.

Nur knappe fünf Minuten von unserem Guesthouse entfernt liegt der Strand Losari, nach dem auch unser Viertel benannt ist, wobei das kein Badestrand, sondern die städtische Strandpromenade ist, zu der die Einheimischen jeden Abend strömen. Und das gleich aus mehreren Gründen. 

Einer der Gründe ist, dass hier – ins Meer gebaut – gleich zwei der berühmtesten Moscheen der Stadt liegen: die ältere ist die beliebte  Amirul Mukminin, die schwimmende Moschee, die ins Meer gebaut wurde mit ihren zwei blauen Kuppeln. Fünf mal am Tag erschallt hier, weithin unüberhörbar der Sprechgesang des sehr stimmgewaltigen Muezzin. 

Die Strandpromenade ist bei Einheimischen und den nicht sonderlich zahlreichen Touristen sehr beliebt für einen Abendspaziergang. Auf Kinder warten elektrische, in allen Farben blinkende Autos und sonstige Gefährte, es gibt viele Stände mit T-Shirts, Tüchern, Modeschmuck und Naschereien, die auf Käufer hoffen. Da wird einem auch schon mal ein lebender Waran oder eine Schlange als Foto-Utensil entgegengestreckt. 

Zum Meer hin verkünden riesige Buchstaben, dass dies die City of Makassar ist. Am Kai schaukeln fotogen ein paar schöne alte Schiffe.  Und das Wichtigste: Fast auf der gesamten Länge entsteht schon während des Abendgebetes eine endlose Fressmeile mit kleinen Restaurants, die grell beleuchtet auf Kundschaft warten – und die gibt es reichlich. Es scheint angesagt zu sein, sich hier zum Essen zu treffen. Übrigens auch viele Musliminnen mit dem traditionellen Hidjab, die hier in munterer Frauenrunde schnatternd und essend den Abend genießen.

Die wohl berühmteste Sehenswürdigkeit habe ich bisher ausgelassen: Auf einer künstlich in der Bucht aufgeschütteten Insel, großspurig „Landgewinnungsgebiet Centerpoint of Indonesia“ genannt, wurde ein neues Wahrzeichen der Stadt gebaut: die 99-Kuppeln-Moschee, die Masjid 99 Kubah. So benannt wegen der 99 Namen für den Propheten. Ein beeindruckendes Bauwerk in Weiß und Orange, das übrigens erst seit 2021 fertig ist. Besonders schön sehen die vielen Kuppeln bei Sonnenuntergang aus.

Nachdem wir die Strandpromenade zu Ende spaziert sind, wollen wir nach China Town, so zumindest steht es im Stadtplan, um zu Abend zu essen. Doch anders als man es kennt, sieht schon das sonst bunte, immer in gold, gelb und rot strahlende Tor zu diesem Stadtteil hier eher traurig aus – gänzlich unbeleuchtet mit abgeblätterter Farbe. Hatten wir dahinter, wie gewohnt, das quirlige Leben des chinesischen Viertels erwartet, umfing uns hier eher gespenstische Ruhe. Nur wenige kleine Läden, kaum Menschen auf der Straße und schon gar kein Restaurant. Aber schließlich finden wir ein kleines, völlig schmuckloses, aber volles Lokal mit einem sehr netten Besitzer, der uns die ungewohnte Speisekarte erklärt. Es sind Gerichte, die ein bisschen chinesisch sind, aber auch wieder nicht wirklich – Makassar-China-Style, wie der Wirt es grinsend nennt.

Es schmeckt ganz gut, wenn auch wenig chinesisch (mit italienischen Spaghettis), aber es ist viel und sättigend. Wir wollten gern ein Bier zum Essen, einer der Gründe, warum wir uns für chinesisch entschieden hatten, statt halal zu essen, aber es gibt auch hier nichts Alkoholisches. Die Lizenzen sind zu teuer, sagt der Wirt, verrät uns aber einen kleinen Laden schräg gegenüber, wo wir uns vielleicht später ein Fläschchen holen können … Übrigens dürfen auch die Supermärkte keinen Alkohol verkaufen.

Totmüde landen wir schließlich in unserem fensterfreien Zimmer und sinken wenig später ins Bett …