Der Wecker klingelt gefühlt mitten in der Nacht – um fünf. Aber wir haben einen weiten Weg vor uns, bis nach Tentena. Die Sonne geht gerade in grell orange mit dunklen Wolkenstreifen über den Reisfeldern auf: Bye bye Tana Toraja.
Unsere Reise führt noch ein paar Stunden durchs Toraja-Land nach Westen bis nach Palopo am Meer. Endlose Serpentinen, unzählige Schlaglöcher, eine von Unwettern teilweise weggeschwemmte Straßendecke, aber wunderbare Blicke von oben auf tieferliegende Berggipfel, die keck aus einem Bett aus Wolken in die Höhe gereckt scheinen. Irgendwann gibt es in einem der kleinen Warungs (Restaurants) an der Straße noch einen echten Toraja-Kaffee. Der wird in die Tasse geschippt, heißes Wasser drauf, vielleicht Zucker, umrühren – fertig. Und: Er schmeckt sehr lecker.
Weiter geht es talwärts, jetzt schallt uns wieder in jedem Dorf der Ruf der Muezzin entgegen, die Kirchen werden seltener. Endlich erreichen wir Palopo am Meer. Von nun an ist zumindest erstmal die extreme Serpentinenfahrt überstanden. Es geht nach Nordwesten, ein Stück an der Küste entlang, bevor es wieder nach Norden in die Berge geht. Gegen zwei Uhr Nachmittags sind wir endlich am See Poso.
Um vorallem mir weitere Autostunden zu ersparen, hat Anton vorgeschlagen, allein mit dem Gepäck weiter zu fahren, während wir mit einem Boot über den großen See fahren. Super Idee! Leider gibt es das Boot nicht mehr, das Anton kennt. Er hat ein neues gefunden, das ist etwas teurer, aber wohl schneller und wir können noch einen Halt an einem anderen Ufer-Abschnitt machen, wo es einen wilden Orchideen-Garten geben soll.
Wir sind etwas zu spät und der Umstieg geht sehr schnell, dann sind wir auch schon auf dem See. Etwas irritiert stellen wir fest, dass es ein sehr einfaches Motorboot ist, das nicht einmal eine feste Bank hat, sondern nur zwei Plastikstühle für uns. Das ist alles, von Rettungswesten oder -ringen keine Spur. Hmmm …
Kurze Zeit später wird der See ziemlich unruhig und der Bursche, der die Crew vervollständigt ist beschäftigt, um unsere rutschenden Stühle von hinten etwas in der Spur zu halten. Immer wieder klatschen Wellen an Bord. Aber der Käptn fährt ungerührt zum ersten Halt im Dschungel … hmm. Aber wir denken, er wird ja wissen, was er tut. Vielleicht beruhigt sich ja der Seegang wieder.
Orchideen gab es zwar, aber die haben nicht geblüht – sonst nur Dschungel, ein paar andere schöne Blüten und Früchte. Als wir weiter wollen, erzählt der Kerl was von 10 – 15 Minuten warten – wir dachten, der weiß sicher mehr als wir und das Wetter beruhigt sich.
Schließlich treibt er uns in das Boot, inzwischen regnet es. Ich bestehe auf den einzig festen Platz neben ihm, Miki hält sich dahinter an meinem Sitz fest. Die Wellen werden immer höher, das Wasser klatscht nur so ins Boot, das bei den hohen Wellenkämmen wie auf Beton knallt. Wir schaffen es gerade noch, die Handys in eine Plastiktüte zu verknoten, die Miki oben an der Dachstrebe festhält. Die sind deshalb so wichtig, weil wir ohne die Teile auf unserer Reise abgeschnitten sind von Allem: Infos, Bankverbindungen, Buchungen … Der junge Assistent des Käptn schafft es mit Müh und Not, das ins Boot geschwappte Wasser wieder zurück in den See zu schippen. Ohne das ganze jetzt in die Länge zu ziehen: Es war eine Höllenfahrt, bei der nicht klar war, ob wir kentern, ohne uns bemerkbar machen zu können – Signalpistole oder Funk gab es auch nicht.
Nach anderthalb Stunden sind wir irgendwie in unserer am Wasser gelegenen Lodge Dodoha Mosintuwu in Tentena angekommen, klatschnass, mit blauen Flecken von den harten Aufschlägen und ich mit entzündeten Augen. Wir waren so was von sauer … Anton kam kurz nach uns an, er war auch entsetzt. Wir wollten die Bezahlung verweigern, aber er hatte Angst(?) oder wollte nicht das Gesicht verlieren. Er zählt die Fahrt von seinem vereinbarten Lohn. Letztendlich haben wir ihm später das Geld gegeben. Er wird diese Typen nie wieder engagieren.
Genug bad news, das Ende ist gut, wie es sich gehört: Die Lodge am See ist sehr schön! Alles ein bisschen alternativer, es gibt nur zwei mit Liebe eingerichtete spitze Schilfhütten am See. Natürlich ist auch hier das eine oder andere ein bisschen kaputt oder funktionierte nicht, aber bei dem Klima ist das eben so. Die beiden mit Liebe eingerichteten Hütten auf Stelzen liegen in einem Öko-Garten, wo Kräuter und Gemüse und Blumen angebaut werden. Eine sehr entspannte, schöne Atmosphäre.
Das Hauptgebäude, das Restaurant, Küche und Rezeption beherbergt, ist ein sechseckiger großer Holzpavillion am Ende des Stegs zum See, mit rustikalen dunklen Holzstühlen und Tischen eingerichtet, ein paar abgedeckte Instrumente verraten, dass gelegentlich Musik gemacht wird. Manchmal sitzen ein paar Frauen beratend zusammen – wie wir aus einem Text in unsrem Zimmer erfahren, wird von hier aus ein Hilfsprojekt für missbrauchte Frauen und Kinder organisiert.
Die Besitzerin ist super nett, genau wie die gesamte Mannschaft. Das Essen ist lecker. Die zwei Tage unseres Aufenthaltes hier haben die Batterien wieder aufgeladen. Am zweiten Tag sind wir zu einem Wasserfall im Dschungel gewandert. Auf der Fahrt dorthin fiel auf, dass die Häuser größtenteils nicht so schäbig aussehen, wie in den meisten Orten, durch die wir bisher gekommen sind. Unser Fahrer erklärt das damit, dass hier viele wohnen, die für die Provinzregierung arbeiten..
Am schönsten aber ist das Dorf, das dem Air Terjun -Wasserfall am nächsten liegt: Es gibt eine „Bali-Kolonie“. Hier leben Hindus aus Bali, die ihre Häuser und Gärten im Stil ihrer Heimat gebaut haben. Schon die schönen, blassroten und gelb verzierten Sandstein-Mauern und Portale lassen das Herz höher schlagen, die Tempel in einigen Gärten sind wunderbar!
Vom Eingang zum Naturschutzgebiet, zu dem der Wasserfall gehört, zahlt man einen kleinen Eintritt. Der Weg in den Urwald führt an einigen kleinen Restaurants vorbei, auf die man sich schon freuen kann – auf dem Rückweg. Der Dschungel vermittelt gleich von Anfang an das Gefühl der menschlichen Winzigkeit: Die meisten Bäume sind einfach gigantisch groß!
Am Fuß des Wasserfall tummeln sich etliche einheimische Touristen, die aufgeregt mit ihren Smartphones herumfuchteln: Fotos von sich, den Freunden, Selfies, Videos für Tiktok … sie sind echt im Stress. Und dann kommen da noch ein paar Europäer, die müssen ja ganz dringend auch mit auf ´s Bild, am liebsten Arm in Arm. Wir hätten Honorar verlangen sollen …
Der Air Terjun stürzt in vielen Kaskaden durch den Dschungel ins Tal, die jeweils in kleine Becken münden, wie phantasievolle Wasserterrassen mit in der Sonne funkelnder Gischt. Bis zum 3. Absatz schaffen es die aufgeregten Besucher gerade noch, danach wandern wir alleine weiter bergauf in das tiefgrüne Dschungelparadies mit den rauschenden Wasserkaskaden. Irgendwann kommt man nicht mehr weiter. Aber vorher hat das Wasser zwei perfekte kleine Schwimmbecken gebildet.
Wir nehmen ein Bad, um uns von schweißtreibenden Aufstieg zu erholen und lassen uns auf einem Felsen in den Becken nieder und genießen. Dutzende kleine blaue Schmetterlinge fliegen uns um die Köpfe, bevor sie sich auf Armen und Beinen niederlassen. Sie scheinen irgend etwas von unserer Haut zu mögen.
Nach einer wunderbaren Pause im unendlichen Grün und wieder auf Normaltemperatur abgekühlt machen wir und zufrieden auf den Heimweg. Nicht ohne einen frischen Maracuja-Saft in einem der kleinen Restaurant am Parkeingang …
Wieder zurück statten wir dem eigentlichen Ort Tentena noch einen Kurzbesuch ab – kurz, da sich herausstellt, dass der Ort nur aus einer völlig glanzlosen, uninteressanten Dorfstraße besteht. Einzige Sehenswürdigkeiten: eine Br ücke aus der Zeit der Holländer und die örtliche Moschee, deren Muezzin bei mir jedesmal den Eindruck hinterlässt, er wäre gern Tenor an der Oper … er klingt sanfter und melodischer als seine Kollegen sonst. Schnell zurück in unsrere Idylle … mit einem Bad im See, einem leckeren Abendessen und sogar einem Bier zur Nacht …




















