Und noch ein Tag im traditionsträchtigen Hochland.
Frühstück mit Früchten, Keksen und der Haus-Katze – die uns adoptiert hat – auf dem Balkon … und schon steht unser Auto wieder vor der Tür. Heute geht es ins Umland nördlich von Rantepao.
Aber bevor wir richtig losgefahren sind, halten wir auch schon wieder, denn auch hier gibt es wieder etwas Neues zum Thema Begräbnistradition zu entdecken.
Zuerst fallen uns einige besonders große, schöne Tongkongan auf, hier außerhalb der Stadt.
In direkter Nachbarschaft liegt ein Monolith-Park: Unterschiedlich große, schlanke Granitkegel stehen in einer für uns nicht ersichtlichen Anordnung auf einer Wiese unter Palmen. An einer Seite ist ein Steintor mit einer Granit-Platte davor. Es sieht alles etwas geheimnisvoll aus. Es erinnert ein bisschen an antike Ruinen in Europa.
Unser Guide Jo erklärt uns, dass auch dies ein Beerdigungsplatz ist, allerdings ein ständiger, der im Gegensatz zu den anderen, nicht wieder abgebaut wird, sondern nur neu geschmückt und ergänzt wird, wenn eine Zeremonie ansteht. Dieser Ort gehört einigen wohlhabenden Familien, die in den angrenzenden Häusern leben. Der Platz unterscheidet sich total von dem, was wir bisher gesehen haben, hier mitten in der Natur, am Fuße eines bewaldeten Berges. Ein wirklich schöner Ort, der sogar so verlassen eine eigene Magie hat.
Ein schmaler Pfad führt in den Wald hoch. Nach gut 100 Metern stehen wir vor einem großen Gesteinsblock, in den von zwei Seiten Grabkammern getrieben wurden. Eigentlich sehr schön und würdevoll – wären da nicht die daneben liegenden, vergilbten Styropor-Platten, auf denen bei den Ritualen ein Foto, Daten über Leben und Beruf und andere Informationen Auskunft über den Verstorbenen geben. Da sie nach Ansicht der Toraja dem Toten gehören, darf sie niemand wegräumen, auch wenn es noch so scheußlich aussieht. Und auch hier wieder Plastikflaschen mit Getränken, Süssigkeiten und Zigarettenkippen.
Der Pfad führt noch weiter den Hang hoch durch den Wald. Immer wieder tauchen Felsblöcke unter den teilweise riesigen alten Bäumen auf, in denen die Toten ihren Platz für die Ewigkeit gefunden haben. Wohlgemerkt: Die Felsen sind Teil des Berges und wurden nicht hierhergebracht.
Und noch eine ganz besondere Art Begräbnis lernen wir an diesem Tag kennen, allerdings diesmal eine, die seit 20 Jahren nicht mehr praktiziert wird. Sie ist mit der alten Religion der Toraja, Aluk Todolo, verbunden. Heute findet sich niemand mehr, der diese Begräbnisart durchführen kann. Die Rede ist davon, wie die Toraja Babies und kleine Kinder beerdigt haben: in Baumgräbern.
Wir parken neben ein paar abgelegenen Häusern, die am Wald stehen. Ein schmaler Pfad führt ein paar hundert Meter in den Dschungel, der hier besonders hoch ist. Riesige alte Bäume, blühende Sträucher, die Ranken von Passionsblumen, ein paar hohe Palmen. Schließlich stehen wir vor einem besonders großen, hohen Jackfruchtbaum.
An seinem Stamm sind kleine Holztürchen zu erkennen, die wieder mit dem Stamm verwachsen sind: die Kindergräber. Der Baum hat als einziger weißes Baumharz – in Anlehnung an die Muttermilch. Auch hat diese Baumart so tiefe Wurzeln und ist aus besonders hartem Holz, dass es kaum vorgekommt, dass einer dieser Bäume bei Unwettern entwurzelt oder abgeknickt wird.
Ich finde diese Art, die Kleinsten zu begraben, wunderbar! Beschützt von Mutter Natur, in der Nähe und auf Augenhöhe ihrer Liebsten, zusammen mit anderen Kindern. Sehr traurig, dass es niemanden mehr gibt, der das noch macht. Jo hält es nicht für ausgeschlossen, dass sich irgendwann doch noch wieder Anhänger der alten Tradition finden.
Die Reise in die Welt der Toten – und damit auch die ihrer Hinterbliebenen – geht weiter. Diesmal zu weiteren hängenden Gräbern und einer besonderen Höhle im Süden von Rantepao.
Um zur Londa-Höhle zu gelangen, müssen wir ein Stückchen laufen. Auch hier liegen wieder Felsengräber am Wegesrand, diesmal königliche. Dafür sind sie eher unspektakulär.
Unterwegs brausen auffällig viele junge Männer auf Motorrädern und Mopeds auf der kleinen sandigen Straße an uns vorbei. Durch Zuruf erfährt Jo den Grund: Hahnenkämpfe. Diese gruselige Angelegenheit ist hier in Indonesien so beliebt, dass dafür alles stehen und liegengelassen wird, auch die Arbeit. Schon bald laufen wir an einer endlosen Reihe geparkter Krads vorbei. Etwas zurückgesetzt an einem steilen Berghang ist die Arena. Davor herrscht aufgeregtes Gedränge. Ich wäre gern schnell vorbeigegangen …
Es werden immer mehr Menschen, nur wenige Frauen sitzen am Rande. Einige Männer, vorallem jüngere, haben ihre Hähne auf dem Arm, in Käfigen oder an einem Pflock vor der Arena. Noch sind keine geeigneten Kampfpartner gefunden worden, es wird heiß diskutiert. Wenn die Partner feststehen, werden Wetten angenommen: Der Besitzer des Siegers bekommt alles, inklusive des besiegten Hahns, oder was von ihm übrig ist.
Das Schlimme an diesen Hahnenkäpfen ist für mich nicht, dass die geflügelten Alpha-Tiere aufeinander losgehen und gnadenlos kämpfen: Das wirklich Üble ist die hier verbreitete Sitte, dass beide Hähne ein spitzes, gebogenes Messer an einen Fuß gebunden bekommen. Wenn die Tiere dann aufeinander losgehen, dauert es meist keine Minute, manchmal weniger, bis das Blut nur so spritzt und einer stirbt oder getötet werden muss. Unfair und einfach nur furchtbar!
Nach dem ersten Kampf kann es endlich weitergehen, die lehmige Straße bergan. Am Himmel brauen sich schwarze Wolken zusammen. Schließlich erreichen wir den Waldrand. Nur wenige Schritte bergauf liegt der Eingang zu einer Höhle. Auch hier wurden Tote begraben, deren Knochen sauber gestapelt auf Felsvorsprüngen liegen, Särge gibt es nur noch wenige.
Am anderen Ende der ca 40 Meter tiefen Höhle gelangen wir auf einen Pfad, der außen am Berg entlang führt. Einen kurzen steilen Aufstieg weiter, auf den mit großen alten Bäumen bestandenen Berggipfel, liegt der Eingang zu Höhlen, die tief in den Berg führen. Heute werden auch die für Bergräbnisse genutzt. Nach dem Einmarsch der Holländer 1906 wurden sie allerdings als Versteck vor den Besatzern genutzt – ganze Familien haben hier gelebt.
Über einen weiteren Brauch, der für Europäer recht befremdlich ist, habe ich bisher nichts geschrieben, weil wir ihn nicht erlebt haben, da diese Zeremonie nur im August stattfindet: das Ma’Nene-Ritual. Die Toten werden dann von ihren Angehörigen aus den Gräbern geholt, gewaschen, neugekleidet und bleiben zur Feier des Lebens einen Tag außerhalb der Gräber.
Wir müssen eine Pause einlegen: Der Himmel hat seine Tore weit geöffnet und es schüttet wie aus Eimern. Als es etwas nachlässt, machen wir uns auf den Rückweg zum Auto. Aber unser Fahrer hat mitgedacht und nicht einfach gewartet, sondern ist uns von der anderen Seite entgegengekommen … Aufatmen.
Wieder geht ein Tag voller neuer Eindrücke im Land der Toraja zu Ende. Aber nicht, ohne dass wir einen großen Fehler machen: Unterwegs nach Hause beschĺießen wir, dass wir den Abend auf dem Balkon in unserem Guesthouse beschließen wollen. Wir kommen auf die (blöde) Idee, unterwegs in Rantepao zwei Pizzen zum Mitnehmen zu bestellen. Es dauert und kostet vergleichsweise viel … und schmeckt grauenhaft! Wir haben die Lektion gelernt. Iss, was alle hier essen …
Wir gönnen uns zum Trost noch einen kleinen Luxus: Eine junge Frau, die in unserem Guesthouse putzt, bietet uns Massagen an, sie hat es in Bali gelernt. Der Versuchung können wir nach dem langen Tag nicht widerstehen und rufen sie an. Kurz darauf knattert ihr Motorrad den halsbrecherischen Feldweg zum Bait Lino entlang. Für uns Entspannung, für Bertin, so ihr Name, ein willkommener Extra-Verdienst. Sie hat drei Kinder, aber keinen Vater mehr dazu. Also: Win-win!