Nächstes Ziel: Nord-Sulawesi. Wir haben vor, mit der Nachtfähre von Wakai nach Gorontalo zu fahren. Zweimal wöchentlich gibt es diese Verbindung. Ein nettes italienisches Paar, das wir auf Una Una kennengelernt haben, hat denselben Plan. Von ihnen können wir auch eine sogenannte VIP-Kabine für das Schiff übernehmen, da sie Geld sparen wollen und sicher sind, ein Ticket für das allgemeine große Schlafdeck tut es auch. Uns ist es nur Recht, denn von diesen VIP-Kabinen gibt es nur drei oder vier. Denn eigentlich sind das keine Passagierkabinen, sondern die der Crew-Chefs, die sich damit Extra-Geld verdienen. Alles… Marke Indonesia…
Der Gedanke an mindestens 12 Stunden auf dem Meer ohne den Luxus einer Kabine erscheint uns wenig verlockend…nein danke, nach all unseren Erfahrungen hier. Und dieses „VIP-Ticket“ ist nicht wirklich teuer. Alles zusammen kostet mit dem offiziellen Fahrpreis rund 50 Euro. Kurios nur, wie das alles funktioniert: Die Schwarz-Ticket-Vermittlerin ist eine Frau in Gorontalo, die jeder zu kennen scheint und mit der man nur über WhatsApp kommunizieren kann. Mimin will Selfies von uns, weil wir auf Gesichtskontrolle aus der Masse gefiltert werden und in die VIP-Kabinen gebracht. Das soll klappen?
Aber bevor es soweit ist, müssen wir zurück nach Wakai, Abschied von Una Una. Ein bisschen Wehmut ist immer dabei… Umur ist wieder Käptn. Außer uns fahren noch zwei Einheimische mit – das alte Boot ist also voll. Das Meer ist ruhig, zum Glück, denn auf den spartanischen Holzbänken kann es bei Seegang schon sehr hart werden. Aber diesmal ist es nur unbequem und trotz Sonnensegel heiß. Kurz vor der Ankunft beglückt uns noch eine große Meeresschildkröten mit ihrem Abschiedsgruß.
Diesmal werden wir in Wakai an einer anderen Stelle abgeladen, nicht ganz so schlimm wie bei der Ankunft, aber auch sehr chaotisch. 100 Meter weiter beginnt der offizielle Hafen, den wir noch gar nicht gesehen haben. Eine trockene, lehmige Fläche, eine Art überdachter Wartesteig, der entfernt an einen Busbahnhof erinnert. Der einzige Schatten hier, Menschen und Gepäckstücke nehmen jeden freien Zentimeter ein. Eine großer Lehm-Platz und ein völlig verfallenes Hafengebäude. Außerdem ein paar Stände, die Getränke, Süßigkeiten und Knabberkram verkaufen. An zweien qualmen wackelige Grills.
Unsere italienischen Freunde kennen sich aus: Wir kaufen als Reiseproviant von einem fliegenden Händler für jeden eine Plastiktüte mit dem legendären Gado Gado, das eigentlich aus Java kommt: Reis, fest eingerollt in ein Bananenblatt, eine Schale mit kurz gedämpftem Gemüse, Krabben Chips und eine Tüte mit Erdnuss-Soße. Wie sich später zeigt: Super lecker! Gegessen wird nach Landessitte mit den Fingern.
Plötzlich kommt Bewegung in die Massen: Die riesige Fähre fährt in den Hafen ein. Mir fällt ein Stein vom Herzen, das sieht wirklich seetüchtig aus! Eingestiegen wird über die offene Heck-Klappe. Es herrscht eine regelrechte Völkerwanderung. Fußgänger, Karren, kleine Lieferwagen, Fahrräder, Motorräder und natürlich Menschen jeden Alters und Geschlechts.
Hinter dem wackeligen Berg mit Frachtgut ploppt eine sicherlich halb legale kleine Motorradwerkstatt auf: Reifenwechsel, Luft auffüllen, Tanken und dabei ein Schwätzchen halten. Die, die sich kein Ticket für die Passagieretage leisten konnten, rollen nach und nach Teppiche und Tücher zum Schlafen aus, vorher muss von vielen noch gen Mekka gebetet werden. Ein babylonischen Gewirr, aber trotzdem entspannt.
Dazwischen werden von unzähligen Arbeitern Waren an Bord geschleppt und gefahren, das meiste Handelsware. Von Nudeln bis Motorradreifen und Baumaterialien ist offenbar alles dabei, in Kisten, Müllbeuteln, Pappkartons. An der Heckklappe sitzen Frauen auf dem Boden und versuchen mit recht gutem Erfolg, den Einsteigern noch Essen, Getränke und selbsthergestelltes Knabberzeug wie getrocknete Bananenscheiben mit Chili oder Kokosreis in Palmblättern zu verkaufen.
Es ist für uns keinerlei System in diesem Chaos erkennbar, und doch werden wir wunderbarer Weise sofort von Crewmitgliedern herausgefiltert und als Mimins Kundschaft erkannt: Dafür also die Selfies! Im Sturmschritt werden wir die steilen, hohen Treppen hinauf auf das obere Deck geleitet und schon stehen wir vor der Tür mit der Aufschrift „1. Officer“ ! Mein Herz macht Luftsprünge, als sich die Tür zu einer sauberen kleinen Kabine mit einem kleinen Doppelbett und sogar einer kleinen europäischen Toilette öffnet. (Man muss indonesische Hock-Toiletten und deren durchschnittlichen Zustand kennen, dann kann man sich mit uns freuen). Die kleine Investition hat sich gelohnt!
Ein kurzer Gang verbindet uns mit dem öffentlichen Oberdeck. Ein paar bequeme Schlafsessel in der Mitte konnte man offiziell buchen, aber ansonsten tummelt sich hier jeder, der will. Ein paar feste Tische eignen sich zum Abendessen ebenso wie zum Schachspielen. Über der Insel geht inzwischen die Sonne unter, während das Schiff ablegt und langsam aus der Bucht auf ´s Meer gleitet.
Die Mischung der Passagiere reicht von europäischen Globetrottern jeden Alters, alten und jungen Männern bis zu indonesischen Familien mit Kind und Kegel. Schnell finden sich Gesprächspartner. Auf dieser Art von Reise treffen wir immer wieder dasselbe Völkchen eingeschworener Abenteurer, so braucht es nie langes Beschnuppern: Woher kommt Ihr? Wohin fahrt ihr? Habt ihr Erfahrung mit… Ein paar heiße Tipps….
Auch unsere italienischen Reisegenossen haben wir inzwischen wiedergefunden. Sie schlafen in einer der großen Kabinen unter Deck, die mit Dutzenden doppelstöckigen Holzgestellen ausgerüstet sind, auf denen einfache Plastikmatrazen liegen. Nicht chic, aber sieht nicht schlecht aus…. Am nächsten Morgen bereuen die beiden allerdings ihren Spar-Entschluss: Die einheimischen Mitreisenden haben die ganze Nacht an ihren Handys verbracht: Piepen, reden, Filme gucken, Spiele spielen, YouTube-Hits mitsingen. Und das alles laut! An Schlaf war nicht zu denken.
Die Küste kommt schnell näher, kurz darauf legen wir an. Dem Gedränge entgehen wir, da wir zu spät aufgewacht sind und erst am Schluss das Schiff verlassen. Hier wartet die legendäre Mimin auf uns, denn wir haben bisher noch nichts bezahlt. Ein paar Schritte vor dem Hafen steht ein Mann mit einem Schild mit unserem Namen: Anton hat uns einen Fahrer für die nächste Etappe nach Norden vermittelt.
Doch bevor es nach Tomohon geht, nehmen wir das Angebot an, von dem nahegelegenen Strand von Botubarani aus mit Whale Sharks, Walhaien, zu schnorcheln. So richtig überzeugt, die versprochenen Tiere auch zu sehen sind wir nicht, aber wenn sich die Gelegenheit schon bietet… Vor dem Strand liegen Dutzende der schmalen Holzboote, die auf Kundschaft warten, die um diese Zeit eher spärlich ist.
Nur ca. hundert Meter vom Strand entfernt sollen wir schon ins Wasser springen. Ich bin sicher, wir werden keinen Wahlhai sehen. Aber ich gebe zu, mir bleibt kurz der Atemweg, als ich seitlich neben mit einen Koloss auf mich zukommen sehe. Ich habe tatsächlich einen Riesenschreck bekommen. Was für ein Koloss! Er ist keine 20 cm unter mir durchgeschwommen, um am Boot nachzuschauen, ob es vielleicht Fisch gibt.
Nachdem ich den ersten Schreck verwunden habe, versuche ich mich ganz ruhig zu bewegen, die Arme verschränkt, denn man darf nicht nach den Tieren greifen. Der Größe nach ist es ein Weibchen, denn die sind viel größer als die männlichen Tiere .
Nach einer Weile schwimmt das Tier weiter, aber schön bald tauchen immer wieder ein bis 2 Tiere auf. Was für ein großartiger Anblick!! Die grauen Kolosse mit den weißen Tupfen gleiten elegant durch das hellblaue Wasser, nehmen die Boote ins Visier auf der Suche nach einem Snack vom Käptn. Ich habe zwar keine Angst mehr, aber das tiefe Luftholen und sich zur Ruhe ermahnen bleibt bei jedem neuen Auftauchen eines Tieres unter und neben mir.
Wahlhaie sind die größten Fische der Erde, sie werden bis zu zwanzig Meter lang (zumindest die Weibchen) , ernähren sich bescheiden von Plankton, kleinen Fischen und Krebsen, die sie durch ihr riesiges Maul ansaugen. Ich habe schon früher mal einen Wahlhai von Weitem gesehen, aber noch nie so nah und intensiv. Was für tolle Tiere!
Aber dann geht es auch schon weiter. Für die Fahrt nach Norden werden wir an einen leicht muffeligen Onkel des Fahrers verkauft, der leider so gar kein Englisch spricht. Konversation findet im Notfall über den Neffen und WhatsApp oder online-Übersetzung statt. Und das ist auch leider gleich nötig, denn der Typ hat als starker Raucher offenbar vor, die Fahrt bei offenen Fenstern und brennender Zigarette zu machen. Oh no.
So geht es dann mit gedämpfter Fröhlichkeit und leicht offenen Fenstern auf die Reise. Endlose zweispurige, aber wie immer sehr verkehrsreiche Straßen schlängeln sich durch die Berge am Meer entlang. Inzwischen hat man sich an den Verkehr hier gewöhnt und sieht das wilde Überholen langsamer, überladener oder schrottreifer Fahrzeuge mehr oder weniger gelassen. Die Landschaft ist einfach schön!
Die Stunden vergehen. Einige Rauchpausen und ein spottbilliges Mittagessen von einem All-You-Can-Eat-Büffet, hier noch halal. Je nördlicher, desto mehr Kirchen ploppen neben den Moscheen am Straßenrand auf, die meisten viel zu groß und zahlreich für die Dörfer und Städtchen.
Der Norden Sumatras ist überwiegend christlich, allerdings meist auf sehr strenge Weise. Sind die Protestanten in Deutschland eher die weniger strengen Christen, sind sie hier teilweise schon fast hardchore: viele Evangelisten, Pentecostal Churches (Pfingstkirchen), Zeugen Jehovas. Daneben natürlich auch Katholiken und Muslims. Das friedliche Nebeneinander hat man hier inzwischen gelernt. Ende des letzten Jahrtausend kam es hier allerdings zuschweren, bürgerkriegsähnlichen Auseinandersetzungen mit tausenden Opfern.
In der Dunkelheit haben wir es endlich geschafft Und sind in unserem Homestay Talagan Tomohon angekommen. Ein freundliches Holzhaus auf Stelzen ist den Gästen vorbehalten. Kleine, saubere Zimmer, ein Wohnzimmer, ein gemeinsamer wunderbarer Balkon und Gemeinschaftsbad, wie hier oft. Ein bisschen nervig sind die dünnen Holzwände zum Nachbarszimmer.
Was wir nachts nur noch erahnen konnten, erfreut uns am Morgen umso mehr: Hinter dem Haus tut sich eine wunderschöne grüne Oase auf: 12 Fischteiche in Terrassenform, dazwischen blühende Bäume, Ranken und Sträucher, Rabutanbäume und Kasava. Und als Krönung dahinter am Horizont: der majestätische Vulkan Gunung Lokon– nur einer von vielen Vulkanen in Nordsulawesi, der immer noch sehr aktiv ist. Toll!