14 – Einmal rund um Tomohon

Frühstück mit Blick auf unsere grüne Oase, dann sind wir bereit zur großen Tour. Acht Stationen hat unser heutiger Guide versprochen. Natürlich kann man auch alles allein organisieren, aber ohne sich auszukennen kann es mühsam werden. Außerdem hätten wir aus den verschiedenen Reiseführern nicht unbedingt entnehmen können, was sich lohnt, was möglich ist, wie man hinkommt. Also ist die Lösung á la Indonesien wiedermal die Beste. Und bis jetzt sind wir mit den Guides ja gut gefahren.

Wir hatten natürlich zunächst geplant, den bekanntesten und höchsten Vulkan hier zu besteigen, den Gunung Lokon. Ein aktiver Vulkan, dessen letzter großer Ausbruch zwar ein paar Jahre her ist, aber kleinere Ausbrüche gibt es wohl immer wieder, zuletzt im Dezember. Das mag der Grund sein, warum die Besteigung offiziell verboten ist. Ab acht Uhr morgens wachen Ranger über den Zugang, aber viele umgehen das Verbot durch frühere Ankunft. Allerdings soll der Aufstieg lang und heiß sein.

Insofern folgen wir der Empfehlung, darauf zu verzichten und auf den nächst kleineren zu klettern, den Kentur Mahawu (1324 m), der seit einigen Jahren nicht mehr aktiv war. Der Weg dorthin schlängelt sich durch tiefgrüne Berge, schon das allein hätte man mit einem gemieteten Motorrad schwer gefunden.

Ich bin begeistert von der Landwirtschaft auf diesen dschungelbewachsenen Bergen. Es sieht aus als hätte ein Künstler die Formen gestaltet! Auf steilen Feldern sind akurat angelegte, handbepflanzte Gemüsefelder angelegt. Manchmal in exakten Wellenlinien, Halbkreisen, Zickzack – so wie es eben gerade an den Hang gepasst hat. Karotten, Spinat, Kräuter, Bittergurken z.B. und Patschuli! Ich wußte ehrlich gesagt nicht einmal, dass dieser berühmte Duft aus der Asche dieser grünen Pflanzen, hergestellt wird. Die Landschaft allein ist den Ausflug wert!

Schließlich haben wir den Parkplatz erreicht, von dem aus eine rund 20 minütige Treppenwanderung durch den Dschungel auf den Mahawu führt. Oben angekommen steht man direkt am Kraterrand, die gelbliche Farbe zeugt an vielen Stellen noch vom Schwefelaustritt. Theoretisch kann man um den Krater herumlaufen, aber unser Guide (dessen Namen ich leider vergessen habe) rät dringend davon ab, weil hier in den Bäumen einige aggressive Hornissenvölker leben, die sich gern mal auf Ahnungslose stürzen. Das klingt wenig motivierend. So genießen wir die Aussicht auf den Krater, den weiten Blick über das Land, die hohen Berge, auf den Lokon, das Meer und ein paar Inseln.

Nächster Anlaufpunkt ist der Flowergarden Tetetana Tomohon, der auf einer Hochebene liegt, von der man einen weiten Blick über Küste und Meer hat. Eine weitläufige Wiese auf dem Bergrücken bietet ein herrliches Panorama über die Küste und die Inseln: östlich auf die Insel Lembeh, nach Westen auf die Bunaken. Ein paar große Bäume bieten etwas Schatten, rund um die riesige Wiese blühen Büsche und Blumen. Der Flowergarden ist auffallend gepflegt und frei von Müll. In einem einfachen Restaurant, einem Warung, werden Getränke und Essen angeboten. Der Flowergarden ist ein beliebter Ausflugsort für Familien, wie zum Beispiel an diesem Feiertag. Die Erwachsenen schwatzen, die Kleinen toben, die Teenager hängen auch hier am Handy. Viele der kleinen Mädchen tragen schon ein Hidjab, aber ihre Cousinen nicht – alles easy. Das geht hier locker nebeneinander.

Nächstes Ziel ist ein warmer Schwefelsee Danua Linau. Eingebettet in die grünen Berge, schimmert der leuchtend grüne, warme See. Er strahlt regelrecht, fast künstlich und wechselt ab und an die Farbe. An manchen Stellen steigt etwas Rauch auf, Hinweis auf heiße Quellen. Unser Guide weist auf eine Stelle am anderen Ufer, von der eine Trasse über die Berge Richtung Tomohon führt: Ein Termalkraftwerk wird von hier aus gespeist! Nur auch hier wieder das ewige Problem: An vielen Stellen des idyllischen Ufers liegen Plastikmüll und zerdrückte Coladosen. Der Müll ist DAS Thema hier überall …

Wieder sind wir froh, dass wir nicht auf eigene Faust versucht haben, die Gegend mit dem Motorrad zu erkunden, denn alles ist nicht nur viel weitläufiger als gedacht, sondern auch ziemlich schwierig zu finden. So können wir uns zurücklehnen und bei Bedarf unseren „Chef“ fragen, was immer wir wissen wollen über diesen Teil der Welt, den wir auch nach nun fast vier Wochen nur ein ganz klein wenig kennengelernt haben. Spannend sind auch die Gespräche am Rande, die nichts mit den Orten selbst zu tun haben, sondern mit dem Leben hier, den Sitten, dem Alltag. Immer wieder fällt bei vielen Aspekten das Wort Korruption.

Nächste Station: der Air Terjun Tumimperas Wasserfall. Ein kleiner, aber schweißtreibender Spaziergang führt uns bei schwüler Hitze durch ein Stück Dschungel über viele glitschige Steinstufen hinunter, wo in einem kleinen See das aus 75 Metern herabstürzende Wasser aufgefangen wird. Die Gischt glitzert, beleuchtet durch die Sonnenstrahlen, die durch die alten Bäume fallen. Die Felsen sind von grünen Farnen und kleinen Bäumchen bewachsen und strahlen tiefgrün hinter der weißen Gischt. Wunderschön. Solange man nicht neben das Becken schaut, in dem das Wasser aufgefangen wird … Müll, Plastikflaschen, Tüten etc pp. Ich frage, ob man nicht immer mal wieder Sammelaktionen organisieren könnte. Die Antwort ist ernüchternd: Es gibt Geld, sogar um Leute zu bezahlen. Aber die Korruption lässt es verschwinden. Da klingt viel Resignation mit.

Mittagessen in einem mittelgroßen Resto – im Unterschied zu den Warungs, die oft nur zwei oder drei kleine Plastiktische haben. Hier kommen ganze Familien an diesem Feiertag zum Mittagessen, schön angezogen, obwohl der Ort so gar nichts schönes hat. Mit Eleganz, Gemütlichkeit oder Individualität hat man es in Indonesien ansonsten meistens so gar nicht. Der Raum ist etwas größer und gestrichen, die Plastiktische und Stühle sind zerkratzt, es gibt nur Plastikgeschirr und ein paar verstaubte Plastikblumen an der Wand. Das Essen ist in Ordnung, aber auch nicht eben aufregend. Wir wählen Mie Ayam, gebratene Nudeln mit Huhn und ein bisschen Gemüse, auf Wunsch gibt es Chilis in Öl zum würzen. Danach einen Eiskaffee, der auch ganz anders ist als in Europa, aber lecker und erfrischend. Alkohol gibt es auch hier keinen. Und viele der Gäste, wie unser Guide, beten vor dem Essen.

En passant im wahrsten Sinne des Wortes besichtigen wir den nächsten Punkt: Eine Straße führt durch ein Geisterdorf eigener Natur: Rumah Kayu Goloan. Hier werden die traditionellen Holzhäuser dieser Region im Stil der Minhahasa-Kultur hergestellt, die Rumah Panggung Woloan, ganz nach Wunsch und Portemonnaie des Auftraggebers. Der Form nach sehen die Häuser fast identisch aus: Ein Spitzdach, das auch die hölzerne Veranda überspannt, dahinter liegen Wohnbereich und Zimmer. Alle Häuser sind auf Stelzen gebaut, so können unter dem Haus Dinge gelagert werden und es bietet Schutz vor Tieren und der Regen kann abfließen, ohne dass das Haus selbst schimmelt. Diese Häuser sind bekannt für ihre Erdbebensicherheit und Transportfähigkeit. Besonders kunstvoll sehen die Muster-Fertighäuser allerdings nicht aus. Kein Vergleich mit den kunstvollen Tongkonan

Ein besonders exotischer Ort ist im Wald versteckt, nur ein kleiner hölzerner Eingang und ein unscheinbares Schild verraten Eingeweihten, was hier versteckt ist: eine Palmwein und -zuckerproduktion, Tuur Maasering Penyulingan. Unter hohen Bäumen steigt ein kleines Rauchfähnchen auf: Hier köchelt auf einem offenen Feuer ein Kessel, das Dach darüber lässt alles ein bisschen nach Hexenhaus aussehen. Es ist die letzte Stufe der Herstellung von Palmwein, hier Arrak genannt, der eigentlich eher Palm-Schaps heißen müsste. Weinähnlich wird er erst nach reichlichem Verdünnen. Es duftet sehr lecker …

Ein Stück weiter in den Wald hinein gelangen wir an das Ende des Pfades. Danach kommen nur noch Dattelpalmen und tiefes Grün. Unser Guide zeigt uns nun, wie die hoch oben wachsenden Früchte geerntet werden. Ziemlich mühsam und nicht ungefährlich: In einen mehrere Meter langen Bambusstab von ca 8-10 cm Durchmesser, werden auf einer Seite relativ kleine Löcher geschnitten, so dass gerade eine Fußspitze hineinpasst. So entsteht eine lange Leiter. Angelegt an die Dattelpalmen kann nun daran hochgeklettert werden.

In einen zweiten dicken Bambusstab werden die geernteten Palmfrüchte hineingeworfen, bis er voll ist. Anschließend werden die Früchte hier drin etwa drei Wochen lang fermentiert. Dann kann der Sud auf dem Feuer gekocht werden … fertig ist der Palmwein. Und der ist sehr lecker! In einem ähnlichen Verfahren kann auch Palmzucker hergestellt werden – ich erinnere mich nicht genauer.

Kleiner lukrativer Nebenverdienst hier: Es werden Geburtstage und Hochzeiten ausgerichtet – stimmungsvoll mitten im schattigen Wald. Natürlich nur christliche, Allah mag ja keinen Alkohol … Der Stopp war auf jeden Fall sehr spannend und am Ende … lecker!

Unterwegs zum letzten Punkt unserer großen Tour passieren wir den vorletzten Ort auf der Liste: Die Straße führt mitten durch den Wald. Wer genau hinsieht, kann in der steil ansteigenden Böschung Löcher im Felsen entdecken, die nicht natürlichen Ursprungs sind. Vor einem größeren Höhleneingang halten wir an. Wir gehen ein Stück hinein: Es ist ein verzweigten Tunnelsystem: Goa Jepang Tonsea Lama. Die Japaner haben diese Bunker und Verteidigungsanlagen gebaut, als der Krieg sich zu ihren Ungunsten wendete. Sie haben sich, ihre Waffen, aber auch ihre Gefangenen hier vor den Bombenangriffen geschützt.

Von Januar bis März 1942 hat die japanische Armee Sulawesi, das damals noch Celebes hieß, bombardiert und besetzt, bis zur Kapitulation Japans im 2. Weltkrieg. Diese Höhlen und Bunker boten den japanischen Soldaten Schutz und Tarnung. Unser Begleiter erzählt andeutungsweise einige Geschichten aus dieser Zeit, die ziemlich schrecklich und brutal klingen. Es hat auch massenhafte Vergewaltigungen gegeben.

Jetzt hat Japan als Wiedergutmachung ein Programm aufgelegt, nach dem alle, die durch jene Vergewaltigungen gezeugt wurden (nach einem Gentest) freie Einreise- und Arbeitsgenehmigungen für Japan erhalten. Das wird sehr viel angenommen, zu Gunsten beider Seiten: In Japan können die Indonesier viel mehr Geld verdienen als in ihrer Heimat und Japan wiederum leidet unter Arbeitskräftemangel wegen der Geburtenrückgänge.

Nach diesem Ausflug in die Geschichte der Insel, von der wir bisher keine Ahnung hatten, kommt der letzte, umso schönere Punkt der prallen Sightseeing-Tour: Der See Ranolewo. An einer Stelle, an der der Urwald in fette, tiefgrüne Wiesen und Felder übergeht, liegt dieser kleine See. Schon seine Farbe verrät, dass er etwas besonderes ist. Ein milchiges, aber kräftiges Grün-türkis macht schnell klar, dass hier wieder die spezielle Thermik dieser vulkanreichen Gegend mitspielt .

Aus einem kleinen Lehm-Loch neben dem See blubbert heißer Schlamm. Ähnliche kleine Schlammquellen befinden sich am Grund des Sees und sorgen für die besondere milchige Farbe und eine Badewannen-Temperatur. Außer einer französischen Familie sind es vor allem Einheimische jeden Alters, die hier ein Thermalbad nehmen. So wie wir! Herrlich! Trotz der hohen Außentemperaturen tut dieses Bad unglaublich gut. Die verrückte Farbe lässt den Ranolewo aussehen wie nicht von dieser Welt. Was für ein schönes Ende dieses spannenden Tages!