3 – Selamat Datang, Sulawesi! Guten Tag!

Auf nach Sulawesi! Da die Flüge aus Europa nicht auf dieser Insel landen, muss man per Inlandsflug oder Schiff anreisen. Wir haben uns für den Flug entschieden – nach Makassar, der großen Stadt an der Südost-Küste der riesigen Insel zwischen Borneo und Papua-Neuguinea. Die größte Stadt der Insel mit rund 3,3 Miliionen Einwohnern im Ballungsraum. So genau weiß wohl eher niemand, wieviele es in der Stadt selbst sind.

Wir haben lange überlegt, ob wir unsere sulawesische Entdeckungsreise im Norden oder Süden beginnen sollen, uns aber letztendlich für den Süden entschieden, weil der äußerte Norden mit den Bunaken-Inseln wohl eher die nötige Entspannung nach unserer Expedition zu bieten verspricht. Und dass diese Reise nicht nur spannend, sondern auch anstrengend wird, ist uns klar. Allein die Entfernungen und der eher mühsame Transport sprechen dafür.

Wir haben ein Zimmer in einem Guesthouse gebucht, ein Grab-Taxi bringt uns durch den Verkehrswahnsinn dahin. Auch wenn wir indonesische Straßenverhältnisse inzwischen kennen, ist das hier kaum zu fassen. Eigentlich müsste es ununterbrochen Unfälle geben bei all dem Irrsinn und den Löchern in den Straßen – aber erstaunlicherweise sollen wir in den kommenden zwei Tagen nicht einen einzigen Unfall sehen.

Keine Ahnung, wie der Fahrer sich ohne Navi durch das Gewirr von Straßen und Gassen findet, aber wir landen schnell und wohlbehalten in Lauwrens-Guesthouse im Viertel Losari. Alles pieksauber und modern, was man in dieser Gasse, in der es auch recht baufällige Gebäude und viele Löcher auf dem schmalen Asphaltband gibt, nicht unbedingt erwartet hätte. Dennoch bad news : kein Fenster! Im Inserat stand Balkonblick – aber damit ist der Dachbalkon des Hauses gemeint … Nicht gerade mein Traum, aber egal. Das Haus gehört einem Chinesen, denn wie überall ist auch hier die Bevölkerung wild durchmischt.

Ein Schritt aus der Tür und schon schallt einem der Gesang des Muezzin der nächsten Moschee ins Ohr – laut, sehr laut. Der Süden Sulawesis ist muslimisch, im Gegensatz zum christlichen Norden. Ursprünglich war Sulawesi buddhistisch und hinduistisch, bevor im 17. Jahrhundert die Islamisierung begann. Im Norden der Insel leben überwiegend Christen.

Unser Viertel besteht aus einem quadratischen Netz von schnurgeraden kleinen Längs- und Querstraßen, die so schmal sind, dass parkende Autos schon fast an den Hauswänden kleben und es für das Vorbeifahren eines zweiten Autos schon einiger unerschrockener Routine bedarf, um durchzukommen – Bürgersteige Fehlanzeige. Die Häuser sind zwei- bis dreistöckig und eher schmal, von verfallen bis relativ neu und gepflegt wie das unsere. Und da ist sogar noch hier und da ein schöner blühender Baum neben die Straße gequetscht.

Unser Block liegt an der Meeresseite der Stadt, umgeben von großen Hauptstraßen, auf denen Tag und Nacht ein irrsinniger Verkehr brummt und knattert – das schon bekannte Gemisch aus PKW, LKW und hunderten Motorrädern. Hier kommen noch ein paar klapprige Fahrrad-Rikschas dazu, die sich unerschrocken durch das Chaos schlängeln.

Am Straßenrand haben inzwischen ein paar abenteuerlich klapprige Stände aufgebaut, die irgendwas vom Grill und vorbereitete Essensportionen anbieten. Immer wieder grüßen fremde Menschen mit einem freundlichen Lächeln, nicht nur Händler, auch Passanten. Bürgersteige sind hier übrigens – wenn überhaupt vorhanden – entweder voller Müll, Schrott, Betongeröll oder dienen als Lagerplatz. Und wenn sie mal frei sind, muss man höllisch aufpassen, dass man nicht plötzlih ganz oder Teilen in einem zwei Meter tiefen Loch steckt. Soviel, so … schlecht.

Aber die gute Nachricht ist: bei all dem Verkehrschaos und den völlig überfüllten Straßen sind Fußgänger offensichtlich eine schützenswerte Spezies! Selbst wenn man eine sechspurige Straße im rauschenden Chaos überqueren will, bremsen alle und lassen den armen Fußgänger passieren – verrückt, aber wahr.

Nur knappe fünf Minuten von unserem Guesthouse entfernt liegt der Strand Losari, nach dem auch unser Viertel benannt ist, wobei das kein Badestrand, sondern die städtische Strandpromenade ist, zu der die Einheimischen jeden Abend strömen. Und das gleich aus mehreren Gründen. 

Einer der Gründe ist, dass hier – ins Meer gebaut – gleich zwei der berühmtesten Moscheen der Stadt liegen: die ältere ist die beliebte  Amirul Mukminin, die schwimmende Moschee, die ins Meer gebaut wurde mit ihren zwei blauen Kuppeln. Fünf mal am Tag erschallt hier, weithin unüberhörbar der Sprechgesang des sehr stimmgewaltigen Muezzin. 

Die Strandpromenade ist bei Einheimischen und den nicht sonderlich zahlreichen Touristen sehr beliebt für einen Abendspaziergang. Auf Kinder warten elektrische, in allen Farben blinkende Autos und sonstige Gefährte, es gibt viele Stände mit T-Shirts, Tüchern, Modeschmuck und Naschereien, die auf Käufer hoffen. Da wird einem auch schon mal ein lebender Waran oder eine Schlange als Foto-Utensil entgegengestreckt. 

Zum Meer hin verkünden riesige Buchstaben, dass dies die City of Makassar ist. Am Kai schaukeln fotogen ein paar schöne alte Schiffe.  Und das Wichtigste: Fast auf der gesamten Länge entsteht schon während des Abendgebetes eine endlose Fressmeile mit kleinen Restaurants, die grell beleuchtet auf Kundschaft warten – und die gibt es reichlich. Es scheint angesagt zu sein, sich hier zum Essen zu treffen. Übrigens auch viele Musliminnen mit dem traditionellen Hidjab, die hier in munterer Frauenrunde schnatternd und essend den Abend genießen.

Die wohl berühmteste Sehenswürdigkeit habe ich bisher ausgelassen: Auf einer künstlich in der Bucht aufgeschütteten Insel, großspurig „Landgewinnungsgebiet Centerpoint of Indonesia“ genannt, wurde ein neues Wahrzeichen der Stadt gebaut: die 99-Kuppeln-Moschee, die Masjid 99 Kubah. So benannt wegen der 99 Namen für den Propheten. Ein beeindruckendes Bauwerk in Weiß und Orange, das übrigens erst seit 2021 fertig ist. Besonders schön sehen die vielen Kuppeln bei Sonnenuntergang aus.

Nachdem wir die Strandpromenade zu Ende spaziert sind, wollen wir nach China Town, so zumindest steht es im Stadtplan, um zu Abend zu essen. Doch anders als man es kennt, sieht schon das sonst bunte, immer in gold, gelb und rot strahlende Tor zu diesem Stadtteil hier eher traurig aus – gänzlich unbeleuchtet mit abgeblätterter Farbe. Hatten wir dahinter, wie gewohnt, das quirlige Leben des chinesischen Viertels erwartet, umfing uns hier eher gespenstische Ruhe. Nur wenige kleine Läden, kaum Menschen auf der Straße und schon gar kein Restaurant. Aber schließlich finden wir ein kleines, völlig schmuckloses, aber volles Lokal mit einem sehr netten Besitzer, der uns die ungewohnte Speisekarte erklärt. Es sind Gerichte, die ein bisschen chinesisch sind, aber auch wieder nicht wirklich – Makassar-China-Style, wie der Wirt es grinsend nennt.

Es schmeckt ganz gut, wenn auch wenig chinesisch (mit italienischen Spaghettis), aber es ist viel und sättigend. Wir wollten gern ein Bier zum Essen, einer der Gründe, warum wir uns für chinesisch entschieden hatten, statt halal zu essen, aber es gibt auch hier nichts Alkoholisches. Die Lizenzen sind zu teuer, sagt der Wirt, verrät uns aber einen kleinen Laden schräg gegenüber, wo wir uns vielleicht später ein Fläschchen holen können … Übrigens dürfen auch die Supermärkte keinen Alkohol verkaufen.

Totmüde landen wir schließlich in unserem fensterfreien Zimmer und sinken wenig später ins Bett …

2 – Abschied von Bali

Der Tag beginnt erst Mittags, die innere Uhr ist immer noch auf mitteleuropäischer Zeit … Noch einmal faul sein und genießen – also Strand, Massage und Essen. Einziger Unterschied: Wir mieten zwei Fahrräder und fahren am Meer entlang, der Strand von Sanur ist mehrere Kilometer lang.

Schöne blühende Bäume und Palmen spenden Schatten, Blumen in allen Farben säumen den Weg. Das Meer präsentiert sich heute eher etwas lehmfarben, also aufgewühlt, das Wasser zwischen den künstlichen Molen ist bis weit hinaus eher flach – die offene See  beginnt somit weit draußen.

Der Strand ist zwar wirklich rein touristisch, aber alles in einem erträglichen Rahmen. Zum Glück ist hier der Balanceakt gelungen, um Mallorca-Verhältnisse zu verhindern. Es gibt zwar viele Restaurants, Cafés und kleine Marktgassen, aber alles mit Stil, kein Eimersaufen, keine Ballermann-Beschallung und kaum Hotelklötze, sondern eher geschmackvolle Anlagen.

Was mein Vergnügen an der kleinen Radtour ernsthaft beeinträchtigt, sind die nervigen Fahrrad-Bumper und die vielen Fußgänger und Radfahrer im Verdrängungswettbewerb. Von den Spaziergängern fühlen sich die Hälfte dem ortsüblichen Linksverkehr verpflichtet, die Touristen flanieren, europäisch erzogen, rechts und dazwischen schlendern größere  Gruppen, die den kompletten Weg blockieren. Ach ja, und dann kommen da auch noch die Läufer hechelnd dazu. Wo also fährt der rückichtsvolle Radfahrer? So schön der Weg hier am Meer entlang ist, irgendwann habe ich keine Lust mehr auf das Spiel und setze mich einfach auf einen Stein am Strand und schaue träge auf Sand und Meer. Eine kleine Eidechse leistet mir Gesellschaft.

 Später verlege ich mich auf Studien, in deren Ergebnis ich die ursprünglich hellhäutigen Gruppen sortiere: 40 Prozent puterrot verbrannte Menschen, bei denen sich schon vom Hingucken die Haut ablöst, 40 Prozent weiß bis hellrosa Gefärbte mit langer Bekleidung, großen Sonnenbhüten Tüchern und viel SunProtection, die jeden Sonnenstrahl fürchten. Die verbleibenden 20 Prozent haben offensichtlich tatsächlich einen Mittelweg zwischen Panik und Wahnsinn gefunden. Verrückt …

Schon herbeigesehnt: Eine letzte Strandmassage bei Lola und Sweetie – so nennen sich die beiden Damen vom Vortag. Was für europäische Ohren eher nach Rotlicht-Pseudonymen klingt, ist hier einfach nur das Bemühen, den Kunden einen erinnerbaren Namen zu liefern, denn die indonesischen bleiben nicht in den Köpfen der Touristen.

Und dass sich die Kunden erinnern, ist in diesem Jahr besonders wichtig, denn – wie uns die beiden Damen erzählen – so wenig Touristen wie in diesem Jahr hatten sie seit Jahren nicht um diese Zeit. Einerseits liegt das sicherlich an der ökonomischen und weltpolitischen Situation in Europa und den USA. Außerdem aber arbeitet Indonesien – vor allem auch Bali – daran, nicht mehr soviel Billigtouristen einreisen zu lassen, die monatelang bleiben ohne Geeld auszugeben, womöglich gar schwarz hier arbeiten oder schnorren. Das Image als Billigland für solche Klientel bekämpft man offensichtlich gerade sehr aktiv. Auch wir mussten diesmal Kontoauszüge einer gewissen Höhe vorlegen, um ein Visum zu bekommen.

Was bleibt vom Tage ist, eine letzte Massage, ein letztes Bad nach Sonnenuntergang und ein leckeres Abendessen im netten Strandlokal gleich daneben. Morgen geht es weiter ins Unbekannte: nach Sulawesi….!