8 – Next Stop: Castellamare di Stabia

Bisher haben wir nur selten Probleme mit der italienischen Bahn Trenitalia gehabt, eher sehen wir sie als positives Beispiel zur Deutschen Bahn. Aber diesmal hat´s nicht so funktioniert. Wir haben ein Ticket für den Zug nach Castellamare di Stabia gebucht, nachdem wir nochmal von der Metrostation Piazza Garibaldi durch die wunderbar von Künstlern illuminierten Gänge und Rolltreppen zum angrenzenden Hauptbahnhof Napoli gelaufen sind. Die interessante bunte Beleuchtung macht die Sache gleich viel netter!

Nun allerdings wird es schwierig. Ohnehin ist es nicht so einfach, sich auf diesem Hauptbahnhof zu orientieren. Aber ganz komisch wurde es, als wir den von uns gebuchten Zug nirgends auf den Plänen entdecken konnten … Um es kurz zu machen: Die Bahnlinie war wegen Bauarbeiten unterbrochen und es sollte ein Bus vom Bus-Terminal neben dem Hauptbahnhof abfahren. Das haben wir nach etwas Herumfragen schließlich auch gefunden. Aber von welchem der vielen aneinandergereihten Halteplätze dieses Busbahnhofs sollte nun der unsere abfahren? Nirgends ein Hinweis, viele Busse auf dem ziemlich wenig einladenden Terminal. Im Ticket-Office hat man keine Ahnung, von wo der Trenitalia– Ersatzverkehr abfährt. Hmm …

Schließlich sind es freundliche Menschen, die selbst diese Strecke fahren, die uns verraten können, wo denn die Ersatzbusse halten. Es dauert noch ungemütliche 45 Minuten, aber dann finden wir den richtigen Bus, der nur mit vier Passagieren besetzt ist. Der Busfahrer rast über die Autobahn mit offenem Fenster und raucht dabei heimlich … Aber schließlich landen wir im abendlichen Castellamare di Stabia.

Mit Rucksack und Trollies rattern wir los: Dass ich bei den rumpeligen, manchmal ganz fehlenden Bürgersteigen anderthalb Kilometer laufen muss, nervt mich ein bisschen. Teilweise müssen wir auf der Straße laufen, weil es keinen oder nur einen winzigen Bürgersteig gibt und ein Teil des Weges geht bergan. Ich bin quengelig und will endlich ankommen. Dann endlich: die richtige Adresse!

Wirklich? Das Haus an einer lauten Hauptverkehrsstraße voller röhrender Motorräder und Autos ist komplett eingerüstet und verschwindet hinter blauen Planen. Was für eine nette Überraschung! Das Zimmer ist groß, zweckmäßig, aber billig eingerichtet, die Fenster sind mit blauen Plastikplanen verhangen. Ich bin erstmal bedient und sauer, weil die Vermieterin nicht darauf hingewiesen hat. So, genug gemeckert …

Noch einmal machen wir uns durch die abendlich belebte Altstadt auf Richtung Stadt-Strand, wo wir auch ein nettes Restaurant finden und unsere Laune mit leckerem gegrillten Pulpo, Pizza Diavola und leckerem Wein wieder deutlich besser wird.

Am nächsten Morgen verlassen wir unsere Wohnbaustelle so bald wie möglich und trinken schräg gegenüber in einer kleinen einfachen Bar unseren Cafè. Der Mann hinter der Bar hat sich in ein sehr enges T-Shirt gequetscht und seinen Look mit einem gegelten Zopf auf jugendlich getrimmt. Seine Frau trägt ihre Leibesfülle selbstbewusst und wartet trotz der relativ frühen Stunde mit perfektem Make Up auf. Ansonsten lebt der Laden von denen, die immer ihren Kaffee hier trinken oder später ihren Aperitif. Es gibt drinnen einen, vor der Tür zwei kleine Tische, die meisten bleiben aber nur ein paar Minuten stehen, palavern wild durcheinander, als gäbe es was dafür zu gewinnen. Der Prototyp der uritalienischen Bar – in Deutschland wäre es ein Café. Uns gefällt´s.

Wir haben Glück, dass der Bahnhof Via Nocera der Schmalspurbahnlinie Circumvesuviana Bahnlinie nur 150 m von unsrem Haus entfernt ist. Die Bahn quert hier die Straße. Jedesmal wenn ein Zug erwartet wird, rennt einer der beiden Angestellten des Bahnhofs auf die Straße, schließt die Schranke und passt auf, dass sich niemand durchmogelt. So ein bisschen aus der Zeit gefallen, aber witzig. Wir nehmen den Zug nach Napoli, der über Pompei fährt – unsrem heutigen Ziel. Die Fahrt kostet keine 3 Euro. Der Zug ist nicht besonders gemütlich, laut, aber pünktlich.

In Pompei drängeln sich die Touristen vor dem Bahnhof, der Eingang zur Ruinenstadt Pompei ist keine hundert Meter entfernt. Ein Schild weißt darauf hin, dass pro Tag nicht mehr als 20.000 Besucher (!) eingelassen werden zum Schutz der Anlage. Es werden verschiedene Touren angeboten, man kann aber auch individuell seine eigene Tour gestalten. Wir rüsten uns mit einem Plan des riesigen Areals und zwei Audioguides aus und marschieren los.

Das Wetter ist bestens, die Sonne scheint, es ist nicht allzu heiß. Am Anfang ist das Gedränge noch ziemlich groß, mit der Zeit verteilen sich die Menschen aber etwas. Diese über 2200 Jahre alte antike Stadt wurde von ca. 10 000 Römern, Griechen, Etruskern und anderen bewohnt, bevor sie 79 vor Christus bei einem Ausbruch des Vesuv unter einer 25 m hohen Stein- und Ascheschicht begraben wurden, wenn sie nicht schnell genug flüchten konnten. An einigen Stellen sind die mumifizierten Toten (oder Nachbildungen davon) noch zu sehen, z.T. in der verkrampften Haltung, in der sie unter den Aschemassen erstickt sind. Gruselig! Pompei ist übrigens die größte Stadtruine der Welt. Einfach gigantisch!

Es ist unglaublich, was hier seit dem 19. Jahrhundert wieder alles ausgegraben wurde – und immer noch wird! „Überwältigend“ trifft es! Wir wandern durch die ehemaligen Straßen der Stadt, vorbei an den öffentlichen Wasserbrunnen, Wohnhäusern, Tempeln, Tavernen, Thermen, Manufakturen, Mosaiken und Skulpturen. Da sind noch Haushaltgegenstände, so als kämen die Besitzer gleich zurück. In den Gärten wachsen wieder Bäume. Am östlichen Ende der Stadt, das große Amphitheater, in dem die Gladiatorenkämpfe stattfanden. Gleich daneben die noch älteren Reste eine griechischen Palestra – eines Trainingsplatzes für Sportler. Am anderen Ende der Stadt: Die Totenstadt Necropolis vor der alten Stadtmauer.

Die Sonne brennt, es ist heiß, wir versuchen, auf den Schattenseiten der Straßen entlangzulaufen. Wir haben Wasser vergessen, böser Fehler. Am Tor von Nekropolis, telefoniert ein Sicherheitsmann einen geschäftstüchtigen Barbesitzer von außerhalb an den Zaun, der und Wasser verkauft! Wasser! Endlich!

Die einzige Pause, die wir uns an diesem Tag gegönnt haben, war eine Essenspause im einzigen Restaurant auf dem Gelände. Menschenmassen, eine große Terrasse, gesalzene Preise, aber immerhin leckeres Essen.

Der Audio Guide ist sehr hilfreich, die Geschichten zu Häusern, Tempeln und Bewohnern sind spannend und man fragt sich, wie soviel über sie bekannt sein kann nach so langer Zeit. Allerdings kann man unmöglich alles ansehen und anhören, man wäre tagelang beschäftigt! Es wird einem immer klarer, wie hochentwickelt – „modern“ in vielen Dingen – das antike Leben damals schon war.

Die Audio Guides rattern zum Glück nicht nur Fakten herunter, sondern erzählen auch oft die Geschichten der Bewohner, schildern Alltagsszenen, lassen vor dem inneren Auge Form annehmen, was hier vor Jahrtausenden geschehen ist. Aber die Guides sind offensichtlich schon etwas älter, denn viele der Häuser und Paläste, deren Innenräume beschrieben werden, sind inzwischen für die Besucher gesperrt – um sie zu schützen vor zu vielen Händen und Füßen. Man kann jetzt bei vielen Häusern nur noch durch Türöffnungen und Fenster schauen. Interessant sind die Erzählungen zu bekannten Familien oder einzelnen Personen, die hier gelebt haben, sie scheinen als Geist noch immer hier zu sein.

Es ist mir schlicht nicht möglich, hier noch mehr ins Detail zu gehen. Ich kann nur eins tun: Allen, die die Möglichkeit haben, empfehlen: „Fahrt hin, seht selbst!“. Es ist wirklich phantastisch! Und … es macht einen ein bisschen demütiger und nachdenklicher.