9 – Nach Süden: Sorrento

Ein neuer Tag, ein neues Ziel: Sorrento, der berühmte Badeort. Aber zuerst das junge Ritual pflegen: Caffè in der kleinen Bar. Als wir draußen am Tisch sitzen, werden wir ziemlich aufdringlich und unangenehm angebettelt von einem Mann mit einem ca. zweijährigen Kind im Kinderwagen, das hat was von Masche. Zwanzig Minuten später kommt ein junger Schwarzer, den ich schon ein paar Mal in der Straße gesehen habe, strahlt uns an, räumt unseren Tisch ab und zieht sich wieder zurück. Als er die letzte Tasse abholt, geben wir im ein wenig Kleingeld und er freut sich wie ein kleiner Junge. Little difference

Wieder fahren wir vom Bahnhof Via Nocera mit der Circumvesuviana ab, diesmal allerdings in die andere Richtung. Der Zug ist voll, laut und zugig, aber pünktlich und billig. Die nächste Station heißt Terme di Castellamare di Stabia, sieht aber heruntergekommen aus, da wird wohl eher nicht mehr gebadet – dieser mögliche Wellness-Programmpunkt hat sich also erledigt. Auch an der Station zur Seilbahn von Castellammare di Stabia auf den 1200m hohen Monte Faito wird nicht gehalten. Später erst lese ich, dass es im April ein schlimmes Unglück mit vier Toten und einem Schwerverletzten gegeben hat, weil das Seil gerissen ist. Also wohl auch eher kein Ausflugsziel …

Die Strecke schlängelt sich am am Berg entlang durch Wälder, kleine Orte und lange Tunnel. Von Zeit zu Zeit kann man kurz eine Aussicht auf das strahlend blaue Meer erhaschen. Schliesslich haben wir den Bahnhof von Sorrento erreicht.

Obwohl Sonntag ist, stellen wir bei unserem Weg in die Innenstadt fest, dass alle Geschäfte geöffnet sind! Und diesmal kann ich mich doch nicht beherrschen und habe nun zwei Strickjacken mehr … Die Stadt ist voller Menschen, auch hier wieder fragt man sich, wie schrecklich das in der Saison sein muss. Nach etwa zwanzig Minuten kommen wir auf die berühmte Piazza Tasso, umgeben von schönen alten Pallazzi, einer Kirche, Denkmälern und Cafés. Zeit für eine spätes Frühstück mit cremegefüllten Cornetti und leckerem Cappuccino.

Gegenüber steht ein Denkmal an den Dichter Torquato Tasso, eine der Celebrities der Stadt. Übrigens hat auch Gorki einige Jahre hier gelebt. Und lange gehörte Sorrento zu den beliebtesten Reisezielen großer Geister von Goethe bis Nietzsche. Die Stadtgeschichte geht bis auf 700 Jahre vor Christus zurück. Griechen, Römer, Normannen …

Wir schlendern auf der Flaniermeile Corso Italiano bis ans Ende, neutralisieren das süße Frühstück noch mit etwas leckerem frischen Backfisch und bewundern die schönen Aussichten auf das Meer tief unten und die hohen grünen Berge, die sich gleich hinter der Stadt erheben. Nach einem kleinen Zickzackkurs durch die Altstadt klettern wir über viele Stufen Richtung Meer hinunter – durch eine schmale Gasse zwischen hohen Grundstücksmauern, die aber freundlich von blühenden Bäumen und herabhängenden Ästen voller Zitronen flankiert wird. Es geht bestimmt 50 Meter bergab.

Unten angekommen, gönnen wir uns bei strahlendem Sonnenschein einen Aperitif mit Meerblick … Schließlich kraxeln wir wieder eine Weile bergauf, denn anders kommt man nicht weiter. Auf beiden Seiten der alten gepflasterten Straße, die sich Autos und Fußgänger teilen, liegen hübsche alte Villen mit großen Gärten und herrlich blühenden Bäumen – trotz Herbst. Und jede Menge Wanderstock bewehrte Touristengruppen älteren Baujahrs.

Danach klettern wir wieder steil auf einem Steinweg an den Felsen zum Strand hinunter, die Grande Marina anschauen. Hier liegen die wenigen felsigen Strände in Sorrent. Fast das ganze Gebiet ist in privaten Händen und die Badewilligen müssen bezahlen, oft für wenig einladende Terrassen mit Strandbars. Und wer glaubt, hier stürze man sich ins endlose blaue Meer, der irrt. Die ganze Bucht ist von Holzplattformen eingefasst, so dass es aussieht, als würden die Touristen an der Flucht gehindert. Der Ausblick auf das Meer und die Inseln Capri und Ischia ist wunderbar, aber Strand habe ich schon besser gesehen.

Am Ende der Grande Marina liegt die Marina Piccola, hier fahren viele der Fähren ab, auch nach Capri und Ischia. Am kommenden Tag haben wir vor, mit dem Schiff nach Süden an die Amalfi-Küste zu fahren. Aber unser Versuch, die Gelegenheit zu nutzen und schon Tickets für die Fähre zu kaufen, scheitert an der Aussage, dass morgen niemand in See stechen wird wegen des hohen Wellenganges. Hä? Wo? Unsere Wetter-App weiß nichts davon. Doch ich bin geneigt zu glauben, Miki dagegen glaubt, man wolle nur nicht mit wenigen Gästen fahren. Egal …

Auf dem Weg zurück in die Altstadt können wir vom Strand aus noch die große Basilica di Sant’Antonino Abate bewundern, die Sankt Antonius, dem Schutzpatron der Stadt, gewidmet ist. Sie ist die älteste Kirche in Sorrent. Allerdings haben wir nun keine Lust mehr auf den steilen Aufstieg und nehmen den kostenpflichtigen Fahrstuhl nach oben zum größten Park der Stadt: Villa Communale. Mit eine tollen Blick aus 50 m Höhe auf das Tuffsteinplateau der Sorrentiner Hochebene, auf den Golf von Sorrent und den Stadtstrand .

Auf der anderen Seite des Parks beginnt die Altstadt. Hier liegt auch das Chiostro di San Fransceso. Der Innenhof gibt den Blick frei auf einen wunderschönen Kreuzgang. Genutzt wird das Gelände heute vor allem für Kunstausstellungen und Veranstaltungen. Gemütlich schlendern wir durch die Kopfsteinpflaster-Gassen der Altstadt und halten nebenbei Ausschau auf ein nettes Restaurant zum Abendessen. Letztendlich landen wir an einem kleinen Platz, wo wir uns die Bäuche vollschlagen, zufrieden und etwas geschafft nach einem langen Tag.

Die Circumvesuviana bringt uns schließlich scheppernd mit Zugluft – wegen der offenen Fenster – aber sicher und pünktlich „nach Hause“ in unsere Wohnbaustelle. Buona Notte!