10 – Wenn bei Capri …

Es gibt eben Klischees, die einen verfolgen, bis man sie selbst überprüft hat … Und so sollte es wohl so kommen, dass auch am Morgen unseres letzten Tages in Castellamare di Stabia keine Fähren nach Süden an die Amalfi-Küste fuhren. Auch hier hieß es wieder wegen der hohen See. Hmm … nichts davon zu sehen vom Kai des Fährhafens aus. Aber immerhin hat man uns eine Überfahrt nach Capri angeboten – fünf Minuten vor Abfahrt. Capri stand aber auch immer auf meiner Wunschliste – also auf zur roten Sonne, die dort im Meer versinkt …

Das Schiff war fast ausverkauft und zunächst war auch so gar nichts von Seegang zu spüren. Das sollte sich allerdings noch vor dem Zwischenstopp in Sorrento ändern: Die Wellen wurden größer und die Fähre fing an, ganz schön zu schwanken. Und nachdem das Schiff zum letzten Abschnitt – der Überfahrt nach Capri – in See gestochen war, wurde es zunehmend heftiger … Die letzte halbe Stunde vor der Insel war Neptun richtig schlecht gelaunt.

Die Crew hatte inzwischen strategisch in den Gängen Position bezogen, bewaffnet mit größeren Vorräten an K….tüten, die immer mehr Abnehmer fanden. Ich habe die Prüfung des Meeresgottes erstaunlich gut mit einem flauen Gefühl im Magen überstanden.

Gischt umtost präsentierte sich die berühmte Insel, allerdings war davon in der Hafenbucht nichts zu spüren, wo munter noch kleinere Schiffe voller ahnungsloser Touristen Richtung Blaue Lagune lostuckerten. Viel Spaß!

Im Hafen herrschte viel Betrieb: Ausflügler, ankommende Touristen, Shuttle zu den Hotels, Taxis. Als erstes haben wir die Möglichkeiten der Rückfahrt gecheckt und mussten feststellen, dass ein großer Teil des Fahrplans auf rot gesetzt war, d.h. gecancelt … Aber wir konnten immerhin noch Tickets für eine andere Gesellschaft kaufen.

Die Capri-Erkundung haben wir mit Cappuccino & Cornetto ein paar Schritte weiter begonnen. Lektion 1: der billigste Cappuccino auf der Insel kostet 8 Euro (Sizilien & Napoli: 1,50), Orangensaft bis zu 17 Euro …

Egal, wir lassen uns die Laune nicht verderben. Zu Fuß kraxeln wir über eine endlose Steintreppe hoch zur berühmten Piazzetta, dem malerischen kleinen Platz , der allerdings von den Stühlen der fünf Restaurants fast vollständig besetzt ist. Der Blick über die Mauer auf das Meer ist wirklich wunderschön, auch das, was man von hier aus an Landschaft und Orten sieht. Wenn nur die Menschenmassen nicht ganz so massig wären …

Wir haben uns eine kleine Rund-Wanderung – beginnend an der Piazza Umberto I, durch den Ort und dann oberhalb der Küste entlang – vorgenommen. Das gepflegte Städtchen mit den weißen Häusern ist mir zu chic, die Geschäfte von Armani bis Gucci & Co interessieren mich nicht die Bohne.

Aber schließlich lassen wir den Ortskern hinter uns und wandern einen wunderbaren Weg über die Via Pizzolungo oberhalb der Küste entlang. Wir kommen an den Faraglioni-Felsen vorbei. Was für Ausblicke, was für Farben! Wunderschön … Nach ellenlangen Treppen durch den lichten Wald, vorbei an Ruinen (über die ich nichts weiß) kommen wir endlich am Arco Naturale an. Was für ein Ausblick! Vom Weg, der in halber Höhe am Berg entlang führt, schaut man durch ein riesiges Naturstein-Tor auf das hellblaue Meer. Hin und wieder fährt ein kleines weißes Schiff durch´s Bild … Kitsch pur – oder noch besser: ein Juwel von Mutter Natur.

Ich bin dankbar, dass es nicht allzu heiß ist, denn es geht gern mal länger bergauf, teilweise auch über lange Treppen. Ganz schön anstrengend! Die Küste, die fast die ganze Zeit durch die Bäume zu sehen ist, sieht von hier oben besonders malerisch aus, weil sie stark zerklüftet ist. Immer wieder brechen sich die Wellen an kleinen Felseninseln. Das Wasser changiert von hellblau über türkis zu tiefblau. Trotz Herbst ist alles üppig grün, Hibiskus, Bougainvillea, Wandelröschen, Heckenrosen … Die Wellen brechen sich weiss schäumend an den vielen Felsen und vorgelagerten kleineren Inseln. Fast kitschig, aber Natur pur … schöööön!

Es ist schnell vollkommen klar, woher Capri sein Trauminsel-Image hat, aber der Tourismus verschlingt – zumindest auf den ersten, oberflächlichen Blick – viel von dieser Schönheit. Immerhin begegnen wir auf dieser Wanderung außerhalb der Ansiedlungen nur vergleichsweise wenigen Spaziergängern.

Der Rundweg führt nun wieder zurück in die Zivilisation, d.h. den Ort Capri, aber hier, in dem Ortsteil, der von der Küste abgewandt liegt, geht es ruhiger zu. Uns begegnen nur wenige Leute und die meisten Häuser rechts und links der Gasse sehen nach echten Wohnhäusern aus. Aber schließlich landen wir wieder auf der trubeligen Piazza Umberto I.

Wir haben noch ein paar Stunden bis zur Rückfahrt. Und ich möchte nach Anacapri, den Ort auf der ruhigeren Seite der Insel, da wo auch die Strände sind. Ich habe schon ein paar Mal gelesen, dass es dort besonders schön sein soll. Und vom teuren Trubel von Capri haben wir inzwischen genug gesehen. Ein paar Schritte vom Platz entfernt ist eine Bushaltestelle, wo Menschen in ziemlich langen Schlangen auf die etwas seltsamen breiten, aber kurzen Inselbusse nach Anacapri oder zum Hafen hinunter warten. Daneben ist ein Taxistand, an dem aber nur offene Cabrio-Limousinen auf geltungsbedürftige Fahrgäste warten.

Der Bus ist hoffnungslos überfüllt, ein Wunder, dass sich der Fahrer noch bewegen kann. Auf geht´s, über die Serpentinen den Berg hinauf. Immer wieder überholen Motorroller und Motorräder den Bus, obwohl bei der schmalen, gewundenen Straße Gegenverkehr erst im letzten Moment gesehen werden kann. Ganz schön Kamikaze

Schließlich sind wir da und können unsere Gliedmaßen wieder ausschütteln. Ja, schon der erste Rundum-Blick fällt positiv aus. Auch hier gibt es ein paar kleinere Läden und Restaurants, aber alles ist gemütlich, ohne Menschenmassen. Der Ort liegt auf einem Berg, die gepflasterten Straßen winden sich an weißen Häusern und Mauern vorbei, blühende Bäume, Sträucher und Kletterpflanzen sorgen für die Farbtupfer. Nach einem Spaziergang durch den gemütlichen Ort suchen wir uns eine Trattoria aus, wo wir freundlichst bedient werden und Pizza und Wein sogar noch bezahlbar sind …

Für Natur und Strände bleibt leider keine Zeit mehr, wir müssen zum Hafen. Ein Blick auf die Schlange an der Bushaltestelle löst einen Moment Schnapp-Atmung aus, aber schließlich zeigt sich, dass nicht alle zum Hafen wollen. So sind wir rechtzeitig zurück. Am Kai herrscht bereits heftiges Gedränge. Einige kleinere Fähren – wie die vom Morgen – bleiben im Hafen, nur noch ein paar große werden auslaufen, nach Ischia, Sorrent, Castellamare di Stabia. Sehr vertrauenserweckend sieht unsere alte Kiste allerdings für mich nicht wirklich aus …

Schließlich legen wir ab. Einige Male legt sich der Riesenkahn ziemlich beunruhigend auf die Seite. Aber mein gutes Verhältnis zu Yemanja, der Schutzgöttin der Seeleute hilft … 😉 Wohlbehalten kommen wir rund zwei Stunden später in Castellamare di Stabia an.

Diesmal wählen wir für den Rückweg zu unserem Quartier statt der großen Uferpromenade den Weg durch kleine Gassen der Altstadt. Hier sieht alles so ganz anders aus, als im Touristen-Capri. Alles ziemlich abgerockt, alt, renovierungsbedürftig. Aber irgendwie auch ganz sympathisch. Vorbei an ein paar kleinen Plätzen – einer mit einer sehr schönen alten Kirche, deren Namen ich leider vergessen habe, kommen wir schließlich wieder in bekanntere Straßenzüge.

Wir wollen noch eine Flasche vom berühmten Sorrento-Limoncello für unsere Nachbarn in Sizilien kaufen, können aber kein Geschäft finden. Schließlich fragen wir in einer Bar ein paar ältere Männer danach. Nach einem kurzen, lautstarken Palaver lässt es sich einer von ihnen nicht nehmen, uns – trotz Nieselregen – höchstpersönlich zu einem passenden Geschäft zu führen. Und er will nicht mal einen Kaffee oder Wein dafür annehmen. Wirklich supernett!

Nach einem kleinen Abendessen in einem einfachen ristorante, in dem es sich der Chef nicht nehmen lassen hat, immer wieder persönlich nach dem Wohl der ausländischen Gäste zu schauen, wackeln wir zufrieden und müde in unser Domizil. Morgen früh werden wir mit dem Zug zurück nach Sizilien fahren, unser 2. Zuhause. Es waren zwei spannende Wochen voller Eindrücke, die noch lange nachglühen werden. Und die – vor allem im Fall von Napoli – Lust auf mehr gemacht haben. Arrivederci e grazie mille!