4 – Noch mehr Makassar

TAg 2. Das Aufwachen ist vorfristig und gar nicht gut – irgendetwas war in der Luft – vielleicht vom Nebenraum, der renoviert wird. Jedenfalls bin ich von Kofschmerzen undd brennenden Schleimhäuten aufgewacht. Und schon steht der Entschluss – nur noch eine Nacht, dann reisen wir weiter Richtung Norden.

Der Guesthouse-Besitzer hat, wie das hier immer ist, sofort einen Kontakt von einem Fahrer, der uns mit seinem Auto bis Rantepao in Tana Toraja bringen wird, unserem nächsten Ziel. Das Reisen hier ist ein bisschen speziell: Es gibt keine Eisenbahnverbindungen und die öffentlichen Busse sind so gar keine Alternative. Zwar soll es einen neuen Luxus-Nachtbus geben, aber ob der besser ist, wissen wir nicht.

Der Plan steht, aber noch haben wir einen Tag, um mehr von Makassar zu sehen. Zuerst steht der Hafen Pelabuhan Paotere auf dem Programm, der in vielen Reiseführern als must see gilt.

Wir rufen uns über die hier fast unverzichtbare Grab-App ein Taxi und erleben wieder das Abenteuer „Die Straßen von Makassar“. Stoßstange an Stoßstange, eingequetscht zwischen viel zu vielen anderen Fahrzeugen, für die nicht annähernd genug Spuren da sind, auch gern mal auf der Gegenfahrbahn, bewegen wir uns Richtung Hafen. Als wir uns dem Ziel nähern, werden die Straßen des alten Hafenviertels immer schmaler, der Verkehr aber nicht weniger. Zwischen den Autos rumpeln Fahrrad- und Motorrad-Rikschas kreuz und quer, von den Fußgängern ganz zu schweigen. Chaos pur, Luft und Hitze tun ein übriges … Aber irgendwann ist es vollbracht und wir sind am Ziel.

Wir zahlen ein paar Rupien Eintritt und erleben das nächste gelebte Chaos: Am Kai liegen in mehreren Reihen Fischkutter, kleine und mittelere Fährschiffe, Transportschiffe aller Art. Das Ufer ist vor allem um die zentrale Landungsbrücke voller Menschen, die irgendwohin wollen, irgend etwas verkaufen wollen, auf was auch immer warten. Die Sonne brennt, es ist brutheiß, der Schatten der wenigen Bäume am Pier ist überbesetzt von Frauen mit Kindern, Körben, Säcken und Taschen, die darauf warten, irgendwohin fahren zu können.

Alles sieht ziemlich schäbig aus, inklusive einiger Schiffe. Der Asphalt der Uferstraße ist kaputt und wird zur Stolperfalle, wenn man nicht aufpasst. Dahinter liegen alle möglichen Lagerhallen, Werkstätten und – erst beim zweiten Hinsehen zu erkennen – tatsächlich einige kleine Restaurants. Davor rennen Hühner und Hunde herum, lagert Müll und wer weiß was sonst noch. Ich bin ja Abenteurer, aber hier würde ich nichts essen …

Wir wandern noch ein bisschen durch die Hitze und schauen Boote an. Zwischen den Lagerhallen und Werkstätten ist tatsächlich auch noch eine Moschee auf dem Hafengelände. Es war ein interessater Ausflug, aber angesichts der Hitze und der Tatsache, dass wir genug Atmosphäre geschnuppert haben, beenden wir an diser Stelle unser Hafenerlebnis. Ohne die im Reiseführer angepriesenen großen Segelschiffe gesehen zu haben – zu heiß!

Draußen vor der Hafeneinfahrt tobt der Wahnsinn, die Zufahrtsstraße ist völlig verstopft von Fußgängern, Autos, Motorrädern, Rikschas und Fahrrädern. Die Luft steht. Die Rikscha-Fahrer stürzen sich auf uns, aber die Preise sind absurd. Erst ein Stück weg vom Hafenzugang finden wir eine bezahlbare Motorrad-Rikscha. Fast gemütlich mit bester Sicht aus dem engen, nach vorn offenen Sitz geht es zurück ins Stadtzentrum.

Unser nächstes Ziel ist das Fort Rotterdam – Ausflug in die Kolonialgeschichte. Ursprünglich war hier das Fort Benteng Ujung Padang aus dem 16. Jahrhundert, aber nach der Eroberung durch die Niederländer wurde es 1667 in Fort Rotterdam umbenannt und im Kolonialstil umgebaut.

Etwas Besonderes ist es nicht nur durch die weißen, relativ schlichten Gebäude mit schattigen Kolonaden, sondern auch durch die großen Freiflächen mit grünem Rasen zwischen den Gebäuden – im Gegensatz zu dem super eng bebauten, grauen, durch den schwarzen Schimmel überall eher etwas düster wirkenden Umfeld der umgebenden Stadt. Aber sonst bin ich eher ein bisschen enttäuscht, ich finde es etwas langweilig.

Wir sehen uns noch das zum Fort gehörende Museum zur Geschichte Indonesiens an, die eigentlich extrem interessant und bewegt ist, aber die Sammlung ist nicht besonders liebevoll präsentiert und man müsste fast immer per Barcode alle Erklärungen auf dem Handy lesen. War trotzdem ganz spannend, aber zugleich auch etwas unbefriedigend. Genug gebildet, raus ins Gewühl.

Wir finden schließlich eine Fahrrad-Rikscha, die uns zurück in unser Viertel bringt. Nächstes Ziel: die 99 Kuppeln-Moschee. Wir lassen uns an der Strandpromenade von Losari absetzen, überqueren todesmutig die Kreuzung und laufen über eine große Brücke auf die neu aufgeschüttete Insel und stehen auch schon kurz darauf vor, bzw. neben der beeindruckenden riesigen Moschee mit den 99 Kuppeln in Rosa, Orange und Weiß – und natürlich dem passenden Minarett daneben.

Wow! Man kann nicht anders als beeindruckt zu sein. Das Gebet ist gerade vorbei als wir uns zum Haupteingang vorgearbeitet haben, die Moschee-Besucher verlassen gemächlich das Gotteshaus, viele setzen sich auf die Stufen der geräumigen Freitreppe mit Blick auf die Stadt am anderen Ufer und plaudern.

Bei den Frauen fallen mir die krassen Unterschiede auf. Natürlich tragen alle Kopftücher, aber während die einen richtig schick mit hellen, perlenbesetzten, eng anliegenden, rüschenbesetzten Oberteilen und modischen Sonnenbrillen herausgeputzt sind, sitzt die Freundin im bodenlangen, schwarzen Kleid mit ebensolchem Tschador daneben …

Wir schauen uns die riesige Mochee nun auch von innen an, ich habe extra ein großes weißes Tuch bei mir, das ich mit locker umbinde. Dafür ernte ich auch gleich einen hochgestreckten Daumen bei einem der Wächter. Er erbietet sich sofort, ein Foto von uns zu machen.

Eine Moschee außerhalb des Gebetes ist ja gefühlt sehr leer, da es keine Bänke, Beichtstühle oder ähnliches gibt. Aber die Größe ist beeindruckend. Vorn gibt es eine riesige digitale Anzeigetafel, die die Gebetszeiten im Maghreb rund um die Welt anzeigt. Maghreb ist nicht nur eine Region in Nordafrika , damit wird auch die Gebetsstunde zum Sonnenuntergang bezeichnet – habe ich nun gelernt. Mit hohen Sichtschutzwänden abgezäunt ist im hinteren Bereich der Gebetsraum für die Frauen.

Es ist Sammstagabend und im Umkreis der Moschee warten viele Restaurants, hier Warung genannt, auf Gäste. Es ist fast so etwas wie ein bisschen Volksfeststimmung. Für die Kinder sind alle möglichen Vergnügungen aufgebaut: von den beliebten Phantasieautos, die elektrisch fahren, bis zu liebevoll vorbereeiteten Malstationen mit kleinen Staffeleien.

Wir machen uns aber auf den Rückweg zur anderen Uferseite. Kaum drüben, werden wir vom Regen überrascht. Wir retten uns unter die Plane eines der Restaurant am Anfang von Losari, der Regen ist eher ein Wolkenbruch. Die eher abenteuerlich installierte Beleuchtung fällt teilweise aus, was nach einem Blick auf die frei an einen Baum gebundenen Steckdosen auch nicht verwunderlich ist. Aber nicht genug damit – wir dürfen auch noch mit einem gewissen Nervenkitzel mitverfolgen, wie Vater und Sohn bei strömendem Wasser von oben mit ungeschützem Schraubenzieher an Kabel und Steckdose werkeln. Allah oder welcher Gott auch immer hat schützend seine Hand über die beiden Verrückten gehalten, es ist nichts passiert.

Für das Abendessen haben wir ein japanisches Reestaurant angepeilt, klassisch indonesisch werden wir wohl in der kommenden Zeit noch reichlich essen. Um dahin zu kommen müssen wir nochmal einen dieser waghalsigen Spaziergänge durch unser Viertel -fast immer ohne Bürgersteig – überleben. Aber: Es hat sich wahrlich gelohnt! Das Restaurant ist nicht nur hell, groß, sauber und chic, sondern vor allem ist das Essen lecker!

Und morgen früh um acht steht unser Auto mit Fahrer ins rund 320 km entfernte Rantepao in Tana Toraja vor der Tür.