5 – Auf nach Tana Toraja

Bye bye Makassar, auf zu neuen Ufern! Pünktlich steht unser Fahrer vor der Tür. Beim Schwatz vor der Fahrt bietet er an, die ganze Zeit, bis wir auf die Togian Inseln fahren, unseren Transport mit allen Pausen, Ausflügen und Sonderwünschen zu übernehmen. Für einen Pauschalpreis will er auch alle Eintrittsgebühren, Mautgebühren und ähnliches übernehmen. Außerdem würde er uns in Tana Toraja einen Guide organisieren, den er auch bezahlt.

Wir überlegen ein bisschen, kommen aber schnell zu der Überzeugung, dass sein Angebot gut ist und uns viel Nervereien erspart. Dazu sollte vielleicht noch einiges zum Thema Reisen innerhalb von Indonesien – und besonders auch auf Sulawesi – gesagt werden. Die Insel ist riesig und wir haben eigentlich vor, bis in den äußersten Norden auf die Bunaken-Inseln zu fahren. Ob und wie wir das schaffen, ist noch unklar, auch wieviele sehenswerte Orte wir sehen können.

An dieser Stelle sollte ich noch ein paar Worte über die Art in Indonesien zu reisen sagen. Es lohnt sich fast immer, einen Fahrer zu nehmen, da die öffentlichen Busse wirklich nicht zu empfehlen sind uns normalerweise ewig brauchen. Und unser nächstes Ziel ist rund 350km entfernt. Dazu kommt, dass es hier keinerlei Eisenbahlinien gibt, bis auf ein winziges Pilotprojekt an der Ostküste und öffentliche Busse in Indonesien ein zweifelhaftes Vergnügen sind – sehr langsam und alt. Meine Freundin und Indonesien-Kennerin sagt immer: Egal wohin du fährtst, egal wie weit es ist: Es dauert einen Tag.

Also küren wir Anton zum Fahrer für die nächste Woche. Nachdem wir uns endlich aus der nicht enden wollenden Stadt gequält haben, hat es zu regnen begonnen. Im Laufe der kommenden Stunden sollte sich das noch steigern. Aber zunächst mal scheint es schnell wieder aufzuhören. Rund anderthalb Stunden nördlich von Makassar wollen wir einen Abstecher nach Rammang Rammang machen, ein Dorf in einem spektakulären Karstgebiet – so unsere Info. Dort wollen wir Boot fahren.

Zu Rammang Rammang gehört ein kleines Dorf, ein Fluss und eben die Karstfelsen mit einigen Höhlen. Als wir ankommen, scheint die Sonne so heiß, dass ich mir erstmal einen Strohhut mit breiter Krempe kaufe – eine weise Entscheidung! Anton mietet ein Longboot mit Fahrer, derweil strahlen uns einige Menschen freundlich an und wir müssen unbedingt mit auf´s Familienfoto.

Die Fahrt ist ein echter Traum! Der relativ schmale Fluss schlängelt sich durch hohen einen dichten Wald aus Mangroven, Bambus und Bananenstauden. Gelegentlich ragen – schön, aber gefährlich – spitze Felsen aus dem Wasser, doch unser junger Bootsführer steuert haarscharf und sehr flott, aber sicher daran vorbei. Wir gleiten durch eine spektakuläre Karstlandschaft: Rundherum ragen hohe, steile Berge auf, die so ganz anders aussehen als die Gebirge in unseren Breiten. Tiefgrün bewachsen von riesigen Laubbäumen, bei denen man sich gar nicht vorstellen kann, wie sie an den steilen Felsbergen überhaupt wachsen können. Die Gipfel schmücken sich mit sich ständig verändernden Wolkenmützen, sonst ist der Himmel strahlend blau.

Rammang Rammang ist das drittgrößte Karstgebiet der Welt mit 45.000 ha Ausdehnung. Das Gebiet ist ungefähr 30.000 Jahre alt. In den Höhlen wurden 53.500 Jahre alte Felsmalereien und Handabdrücke entdeckt, die als die ältesten der Welt gelten. Was für eine verrückte Vorstellung! Leider ist diese Höhle sehr schwer zu erreichen und wir müssen uns mit der Information und der Vorstellung begnügen, durch ein solch historisches Gebiet zu fahren.

Die Fahrt endet in einem kleinen, friedlich in die Landschaft am Fuße der Berge gestreuten Dorf: Kampung Parua. In einer grünen Ebene inmitten der Karstberge gelegen, von Reisfeldern umgeben. Wir laufen über schmale, erhöhte Stege durch die Felder. Allerdings fehlt manchmal ein Stück der ziemlich maroden Holzbohlen und man muss vorsichtig sein, wenn man nicht in die unter Wasser stehenden Reisfelder fallen oder an einer fiesen, rostigen Eisenhalterung hängen bleiben will. Es ist heiß, aber die Blicke über diese tolle Landschaft entschädigen vollends.

Unterwegs klettern wir zu kleineren Höhlen ein Stück die Berge hoch. Die sind sehr schön anzusehen mit ihren Felsen, in die man alles Mögliche hinein interpretieren kann, aber sie sind nicht spektakulär. Vor der letzten Höhle gibt es ein kleines Restaurant, bestehend aus zwei Betonsockeln und einem Blechdach und ein paar Plastikmöbeln. Wir machen Rast und kühlen uns vor dem Ventilator mit einer frischen Kokosnuss ab. Weitere Gäste gibt es nicht, wir haben bisher auch noch keine getroffen. Es ist keine Saison.

Warum, das wird uns auch schon im nächsten Augenblick erinnerlich: Es ist Regenzeit und es geht ein Schauer nieder. Aber damit ist es auch schon ausgestanden. Dachten wir. Wir machen uns auf den Rückweg auf der anderen Seite des Tals. Schon nach ein paar Minuten regnet es wieder und diesmal crescendo, will sagen: Es steigert sich heftig.

Zum Glück kennt Anton sich hier aus und treibt uns ein kleines Stück weiter, wo wir Unterschlupf finden. Die einfachen Häuser des Dorfes stehen alle auf hohen Stelzen, unter der Wohnetage ist jeweils ein Holzplateau eingezogen, das als Sitzfläche, Abstellfläche, manchmal auch Küche dient. Für die Bewohner ist es selbstverständlich, dass man anderen bei Regen Unterschlupf gewährt. So sitzen wir dort über eine halbe Stunde schweigend bei einer Familie, starren in den Regen und hoffen auf ein Nachlassen des Wolkenbruchs, die der Wind vor sich hertreibt.

Schließlich versuchen wir, uns auf den Rückweg zu machen, aber die nächste Sintflut treibt uns in den nächsten Unterschlupf, der schon ziemlich überfüllt ist. Die Hausherrin verkauft uns ein paar einfache Regencapes und beim nächsten Nachlassen des Regens laufen wir so schnell hier möglich Richtung Hafen.

Da klar ist, dass der Regen so schnell nicht mehr aufhören wird – ein Blick nach oben zeigt dramatisch um die Berggipfel ziehende Gewitter-und Regenwolken – klettern wir schirm-und capebewährt ins Boot und lassen uns zurückfahren. Klatschnass klettern wir an Land, rennen zum Auto und versuchen, uns unter der Kofferraumklappe etwas halbwegs Trockenes anzuziehen, denn wir haben noch eine ziemliche Strecke vor uns.

Ausgehend davon, dass es noch gute 300 km nach Rantepao, unserem Ziel in den Bergen, sind und wir schon anderthalb Stunden gefahren sind, habe ich damit gerechnet, dass uns vielleicht noch drei Stunden bis zum Ziel fehlen. Das sollte sich allerdings als großer Irrtum erweisen – aus zwei Gründen.

Der Regen draußen wechselt beständig zwischen Starkregen und Wolkenbruch, der Verkehr ist trotzdem genauso dicht und chaotisch wie immer, nur etwas weniger Motorräder sind unterwegs. Einige Bäume waren dem Sturm zum Opfer gefallen, zum Glück neben der Fahrbahn.

An dieser Stelle fiel mir wieder die Faustregel ein: Wohin du auch willst – es dauert einen Tag. Und das sollte sich wieder einmal bestätigen. Mit einer Essenspause in einem Sturm- und Regen-umtosten Restaurant am Meer, bevor es in die Berge geht, kamen wir nach acht Uhr abends an … nach einem Tag!

Rantepao ist die bekannteste Stadt der Provinz Tana Toraja. Die Stadt liegt strategisch perfekt für viele Ausflüge und Aktivitäten, auf einer Hochebene, an einem Fluß , umgeben von hohen Bergen. Aber das, was sie so besonders macht, ist, dass man hier fast immer an ganz besonderen Beerdigungszeremonien teilnehmen kann. Dazu später. Nur soviel: Die uralte Tradition des indigenen Volkes der Toraja ist bis heute ein fester Bestandteil des Lebens der Menschen hier. Besonders an Rantepao und Tana Toraja ist auch, dass hier vor allem Christen leben, im Gegensatz zum fast ausschließlich muslimischen Süden.

Aber dazu später, hier wollte ich nur erklären, was uns hergeführt hat. Anton fährt uns noch in unser Quartier, ein Bungalow beim Homestay Bait Lino, das rund zweieinhalb Kilometer außerhalb der quirligen Stadt, eingebettet in Reisfelder, an einem Fluß liegt. Ein einfacher Bungalow mit Blick auf endlose grüne Reisfelder und dahinter hohe grüne Berge. Noch ein Bier auf dem Balkon und dann totmüde ins Bett.