6 Tana Toraja – gelebte Tradition

Wir haben viel vor in den kommenden Tagen. Ganz im Mittelpunkt natürlich: eine Begräbnis-Zeremonie. Und die gibt es hier so regelmäßig, dass man fast immer das Glück hat, eine mitzuerleben – beziehungsweise einen Tag davon.

Denn tatsächlich dauert jedes Begräbnisfest 4 oder 5 Tage. Wie groß, lang und prachtvoll es ausfällt, hängt davon ab, wie reich die Familie ist. Aber auch die kleinen Leute versuchen, ihren Toten auf diese Weise die letzte Ehre zu geben, nur wer es sich gar nicht leisten kann und auch niemanden hat, der Geld leiht, begräbt seine Toten einfach. Rambu Solo heißen diese Feste, mit denen der Verstorbene ins Jenseits, das Puya, geleitet wird.

Doch auf dem Weg zur Zeremonie machen wir zuerst noch einen Abstecher nach Kete Kesu. Hier erklärt uns unser Führer mit dem christlichen Namen Johannes erstmal ein bisschen Wesentliches aus Tana Toraja: Leben und Sterben. Der Ort hier steht unter Denkmalschutz, trotzdem dürfen die Familien, denen die Gebäude hier gehören, sie weiter benutzen.

Ich habe bisher eine Besonderheit dieser Region unterschlagen – unverzeihlich, macht sie doch das Gesicht von Tana Toraja aus: die ganz spezielle Bauweise der Häuser mit beidseitig spitz weit nach oben hochgezogeneen Giebeln, bunt, mit Schnitzereien und meist Büffelhörnern geschmückt und auf Stelzen gebaut. Was es damit auf sich hat, haben wir in Kete Kesu gelernt.

Es gibt zwei verschiedene Hausarten, die aber beide bis heute bei allen Familien, die es sich irgendwie leisten können, zusammengehören. Zunächst die etwas kleineren, als Reisspeicher genutzen Häuser. Reis ist kostbar, ernährt hier jede Familie und muss gut gelagert werden. Fast alle Familien haben hier noch Reisfelder, die einen Großteil der Ernährung über das Jahr ausmachen. Diese besonderen Speicher werden gebraucht, nachdem der Reis geerntet und getrocknet wurde. In dem Raum auf Stelzen wird er hier gelagert. Es ist recht mühsam, ihn auf der schmalen Leiter in die kleine Tür zu schieben, aber oben ist er sicher vor Mäusen und anderen Schädlingen. Diese wunderschön aussehenden, aufwändig verzierten Speicher heißen Alan.

Das eigentliche traditionelle Wohnhaus , das Tongkonan, ist größer, da es ja der Lebensraum für die ganze Familie samt Eltern der Frau war bzw. ist. Die ungewöhliche Form kommt daher, dass das indigene Volk in Toraja ursprünglich mit Schiffen angelandet war und am Meer gelebt hat, bevor es hier in die Berge kam, um zu siedeln. Ihre Sehnsucht nach dem Meer haben sie in der Form der Häuser ausgedrückt; daher die wie bei einem Schiff hochgezogenen Giebel. Die hölzernen Fassaden sind geschnitzt und in vier Farben bemalt: orange, gelb, weiß und schwarz.

Wir konnten hier ein solches – nicht mehr als Wohnhaus genutztes – Tongkonan besichtigen. Es ist mühsam, über eine schmale, steile Leiter und eine ebenso kleine Öffnung in das Haus zu gelangen, was wohl auch der Grund dafür ist, das viele Familien heute entweder in einem einfachen Haus dahinter wohnen oder – neuerdings – eine Außentreppe angebaut wird. Es gibt drei Räume: Wohn- und Schlafraum der Famile, gegenüber das Zimmer für die Eltern der Frau. Und in der Mitte, etwas tiefer, liegt die Kochstelle im Esszimmer. Alle nichts für große Menschen… Übrigens: Wenn ein Familienmitglied stirbt, gilt es bis nach der Begräbniszeremonie als schlafend und bleibt im Schlafzimmer. Ein bisschen befremdlich …

Außen am Haus werden an einem senkrechten hohen Balken die Büffelhörner aller Begräbniszeremonien der Familie angebracht – Zeichen des Wohlstands. Aber dazu komme ich später.

In Kete Kesu erfahren wir auch, wo die Toten nach der Beerdigung hinkommen: Sie bekommen ein eignes Totenhaus. Früher aus Holz, aufwändig geschnitzt und verziert, mit einem Bild oder einer Skulptur der/des Toten. Heute können sich das viele nicht mehr leisten. Da die Toten aber in der Nähe der Familie bleiben sollen, werden neben den Wohnhäusern einfach Häuser aus Beton für die Verstorbenen gebaut und mit einem Bild von ihnen versehen. In einem Totenhaus können auch mehrere Verstorbene „wohnen“, Hauptsache, sie sind in der Nähe der Familie.

Kete Kesu hat noch mehr zu bieten. Es geht noch exotischer. Hinter dem Dorf mit den Totenhäusern führen in den Fels gehaune Stufen einen steilen Berghang hoch. An den senkrechten Felswänden hängen kleine Särge, schön verziert. Auch sie haben Deckel mit der Form eines Schiffs, sie sind inzwischen leicht verrottet, manchmal sogar zerfallen. Auf Holzbalken darunter oder Felsvorsprüngen sind die alten Knochen und Schädel gestapelt. Ein bisschen gruselig, ja, aber irgendwie nicht so, wie sich das hier anhört. Irgendwie passt das alles zusammen.

Es ist heiß, der Kopf ist voll von all den neuen Informationen und Eindrücken. Dennoch bleibt nur Zeit für ein Eis und schon geht es weiter mit dem Auto zum großen Ereignis: der Begräbniszeremonie, die in einem Dorf in den Bergen stattfindet. Doch das ist Stoff für das nächste Kapitel.