7 – Lebendige Traditionen

Eine kurze Fahrt von Kete Kesu entfernt in die Berge liegt der Ort, an dem die Begräbniszeremonie, Rambu Solo, stattfindet. Der Ort gehört der Familie, wer nicht soviel Land hat, ist auf Familie oder Freunde angewiesen, denn es muss erst alles hergerichtet werden. Der Ort der Zeremonie sieht ein bisschen aus wie Arena.

Der flache Mittelteil ist umringt von verschiedenen Holzplattformen, auf denen die Gäste in Gruppen oder Familien aufgeteilt sitzen ( wer das Sitzen ohne Möbel nicht gewohnt ist, dem steht hier ein hartes Training bevor), dem Sitz des rotgewandeten Zeremonienmeistern an einer Längsseite. Über ihm wartet auf einer hohen, überdachten Plattform auf Bambus- und Holzstelzen ein kleines Tongkonan-Haus auf den Sarg, der am Ende des ersten Tages hinaufgetragen wird: der Turm der Toten. Gegenüber – auf der anderen Seite des Festplatztes, wurde für einen bestimmten Teil der Zeremonie eine aufwenig gestaltete rot-weiß-goldene Tribühne für Familie und Celebrities aufgebaut.

Im Atrium wurden vier Arten von Bäumen gepflanzt, die für den Toten Wohlsstand und eine gutes Leben im Jenseits symbolisieren. Im Zentrum steht der Sarg – in unserem Falle sogar zwei, da Tante und Nichte nur mit einer Woche Abstand von nur 7 Tagen gestorben sind. Die Särge sind in einer Art reich verzierten Mini – Tangkonan mit dem typischen Bootsdach untergebracht, davor stehen die Fotos der Verschiedenen. Im Laufe des Tages können Angehörige und Freunde dort tränenreich Abschied nehmen.

Die meiste Zeit tanzen und singen auf dem Platz daneben Menschen, die sich an den Schultern des Nachbarn festhalten, in einem großen Kreis. Der monotone Singsang klingt ein bisschen ähnlich wie der, den man von den Ureinwohnern Amerikas kennt. Er soll den Verstorbenen auf dem Weg ins Jenseits begleiten. Um mitzutanzen, muss man eine Spende an die Familie entrichten. Und – ganz wichtig – nur wenn eine Zeremonie stattgefunden hat, können die Toten in einem hängenden Sarg an Felswänden oder in einem Felsengrab beerdigt werden, was ihnen einen guten Platz im Jenseits sichert.

Zu guter Letzt das für uns Gruselige. Rund um den Festplatz herum liegen gefesselte Schweine, die von Gästen gespendet wurden, die nacheinander während der Tage geschlachtet werden, um die Gäste zu verköstigen. Ein Teil des Fleisches wird sukzessive in einem Metallbehälter in der Mitte der Arena, neben den Särgen mit Kräutern und Gewürzen auf offenem Feuer gekocht, ein anderer Teil hinter den Kulissen.

Das wichtigste aber – an dem sich auch der Wohlstand ablesen lässt – sind die Wasserbüffel, die ebenso im Laufe der Zeremonie geopfert (und verspeist) werden. An ihrer Zahl lässt sich Stand und Reichtum der Familie und der Gäste (die auch einen Büffel spenden können) ablesen. Die wertvollsten Büffel sind möglichst große, fayt weiße Albinobüffel mit großen Hörnern.

Um eine Zeremonie abhalten zu können, muss die Familie sich wenigstens einen Büffel leisten können. Zur Not werden Kredite aufgenommen, Geld geliehen oder die Familie hilft. Sich keine Zeremonie leisten zu können, ist ziemlich schlimm für die Familie, garantiert sie doch ein angemessenes Begäbnis und damit ein gutes Leben des Verstorbenen im Jenseits. Oft dauert es eine ganze Weile, dies alles zu arangieren. Solange gilt der Verstorbene als krank und bleibt noch im Haus der Familie. Der Tod wird von den Toraja als Zeit des Übergangs vom Leben in den Tod gesehen.

Jo, unser Guide, erzählt uns, dass er einen seiner fünf Söhne durch einen Motorradunfall mit 19 Jahren verloren hat. Mit Hilfe der Familie konnten sie sich wenigstens einen Büffel leisten und somit eine Zeremonie auf dem Land der Familie veranstalten.

Eine Besonderheit dieser Zeremonien ist symbolisch für das Land der Toraja: Obwohl sie mittlerweile alle Christen sind, halten sie diese alten Toraja-Zeremonien aufrecht – mit Einverständnis der Kirche. So hält auch bei dieser Zeremonie ein Priester eine Predigt.

Während all der Gesänge und Tänze verteilen schön gekleidete Frauen das erste Essen an alle Gäste: Schalen mit geschmorten Rind oder Schweinefleisch, Reis und ein Ölpapier, das als Teller genutzt wird. Und eine kleine Schale mit Wasser zum Fingerwaschen. Gegessen wird tradionell mit den Händen, wie überall in Indonesien – zumindest in ländlichen Regionen. Inzwischen bekommt man in allen Restaurant auch Löffel und Gabel. Aber die alte Art ist eben ohne Hilfsmittel. Gar nicht so einfach für Beginner…Zu trinken wird außer Wasser übrigens auch Palmwein gereicht.

Ich gebe zu, ich musste mich zuerst überwinden, nachdem ich die gefesselten Schweine und per Nasenring angebundenen Büffel gesehen hatte und leider ausversehen auch das Schlachten eines Schweins außerhalb der Arena…. Aber ich wollte nicht als doofer Tourist dastehen und habe gegessen. Und: Es war sehr lecker. Und so grausam einem das Schlachten bzw. Opfern hier erschien: Ehrlich gesagt denke ich, dass diese Tiere hier vorher ein wesentlich besseres Leben hatten, als die Spender des Supermarktfleisches in Europa. Nur kann man da das Tier ausblenden. Und hier haben wir immer wieder die Tiere auf den Wiesen, an den Wasserlöchern und Lehmkuhlen weiden sehen.

Wir bekommen zwischendurch auch Besuch von zwei Familienmitgliedern: einem katholischen Priester – natürlich in traditioneller Toraja-Kleidung – und einem Neffen der Verstorbenen, der perfekt Deutsch spricht, da er an einer deutschen pädagogischen Fakultät in Makassar studiert hat.

Später wird der erste Wasserbüffel zeremoniell geschlachtet. Ich habe mich gedrückt, aber mein tapferer, neugieriger Mitreisender hat sich getraut. Und zumindest sagt er, es sei eine sehr fachmännische, schnelle Tötung durch einen Kehlenschnitt gewesen. Danach wurde das Tier sofort fachmännisch vorden Augen des Publikums zerlegt undzur Zubereitung in den Kesseln auf dem Feuer gebracht.

Zwischendurch werden immer neue Gäste empfangen, wie die Abordnung von Schülern der Schule, an der dir Verstorbenen gelernt bzw gelehrt haben. Die Stimmung ist übrigens – anders als in Europa – bei Beerdigungen nicht bedrückt oder gedämpft: Kinder rennen spielend herum, in den Pavillons wird geschwatzt, man trifft Bekannte. Natürlich sind alle schön angezogen, schwarz, rot, gern mit Gold und Silber durchsetzt. Aber es sollte unbedingt ein Sarong getragen werden, für Frauen ein Muss. Jo hat uns schöne schwarz-goldene mitgebracht, wir sind also passend gekleidet.

Der Tag vergeht, bis es soweit ist: gegen Ende dieses Festtages werden die Verstorbenen – die bis jetzt noch als krank gelten – auf die Reise ins Jenseits verabschiedet. Kräftige junge Männer nehmen mit langen Bambusstangen die in kleinen Kongkonan-Häusern gebetteten Särge aus die Schultern und machen sich auf einer gefährlich aussehenden langen, schrägen Bambusleiter auf den Weg nach oben auf den Totenturm. Immer begleitet von lauten laustarken Singsang des Zeremonienmeisters. Erst wenn die Särge dort oben stehen, können sich die Verstorbenen nun endlich auf die Reise ins Reich der Toten machen, bevor sie, nach Abschluss der 4- oder 5-tägigen Zeremonie begraben werden können.

Ich muss zugeben, ich hatte manchmal Sorge, dass die Männer auf der schrägen Leiter mit den großen Abständen der Bambussprossen abrutschen und der Sarg abstürzt. Aber es sind sehr viele Sargträger, wahrscheinlich auch deshalb…

Das Fest geht nun noch über 2 oder 3 Tage weiter, bis die Toten begraben werden können. Es war super spannend und wirklich ein tolles Erlebnis, zumal Johannes immer wieder unsere vielen Fragen geduldigst beantwortet. Alle Menschen, die wir getroffen haben waren freundlich und sogar erfreut, dass wir an der Feier teilnehmen. Ich habe sicher so einiges vergessen zu erzählen, aber es waren einfach zu viele neue, fremde Eindrücke. Trotzdem ein großartiges Erlebnis, eine Reise in die Vergangenheit und lebendige Tradition der Toraja. Schön, es erlebt zu haben!