8 – Rantepao, Tag 2


P.S. zum Tag der Zeremonie: Zum Abschluss des erlebnisreichen Tages auf der Begräbnis-Zeremonie machen wir noch einen Abstecher auf den Viehmarkt von Rantepao, wo die Büffel und Schweine gekauft wurden.

Es ist ein riesiger Platz mit Lehmboden und koppelartigen Verkaufsfächen, auf denen auch jetzt noch viele Tiere jeden Alters und jeder Größe stehen. Es hat zu regnen begonnen und das lässt den verlassenen, lehmigen Platz ziemlich traurig aussehen. Jo erklärt uns noch, woran man Geschlecht und Wert der Tiere erkennt.

Die Schweine werden in sauberen Bambusställen gehalten, die zwar auch nicht gerade artgerecht sind, aber immer noch um einiges besser als die meisten in Deutschland. Und sie bekommen frisches Grünfutter. Trotzdem ist alles irgendwie etwas deprimierend.

Eine Straße weiter ist das Marktviertel mit vielen kleinen Läden, in denen es billige Bekleidung, massenhaft Gold( :-)-Schmuck, Gewürze und wunderbares Obst und Gemüse gibt. Wir essen auf dem Rückweg in dem gleichen Restaurant wie nach unserer Ankunft – da war es angenehm und das Essen lecker. Aber dann sind wir reif für unseren abendlichen Balkon mit Blick auf Reisfelder und Berge mit einem Bier, für das man extra in einen speziellen Getränkeladen muss. Die Supermärkte verkaufen auch hier kein Bier, trotz der überwiegend christlichen Bevölkerung.

Am nächsten Tag geht unsere Reise in die Geschichte der Beerdigungen weiter – wenn nun auch auf andere Weise. Wir fahren mit unserem Führer zu zwei weiteren Orten. Zuerst in den Ort Lemo Lemo (= der Ort, wo die Zitronenbäume gut wachsen). Außer ein paar Häusern und Läden, in denen nette Frauen darauf
hoffen, dass ein paar Touristen vorbeikommen, die einen schönen Sarong, Tücher, geschnitzte Löffel aus Büffelhorn oder anderes kaufen, sehen wir
nur zwei Bauern, die in der prallen Sonne bis zum Knie im Wasser
stehend arbeiten, auf ihren hellgrün leuchtenden Reisfeldern in der
Senke zwischen hohen, dunkelgrünen Bergen.

Ein paar steile, teilweise sehr schmale und hohe Granitstufen bringen uns zu
einem Pfad, der zu einigen Gräbern führt, die in den Felsen getrieben
wurden und nun mit Holz- oder Steintüren verschlossen sind. Auf einem Felsvorsprung steht noch ein leicht verfallenes Toten-Tongkonan mit dem vergilbten Foto einer Frau.

Auf dem Weg vor den Grabkammern oben im Fels liegen ein paar Plastikwasserflaschen und Reste von Süssigkeiten – Gaben von Angehörigen, die zu Weihnachten oder dem Beginn des neuen Jahres herkommen.  Sonst besucht man die Gräber nicht. Ganz anders als in Europa.

Hier darf man die Toten auf keinen Fall in der Zeit zwischen Reisaussaat
und -ernte besuchen, das würde eine Missernte bedeuten. Und Reis ist
hier ein unverzichtbares Grundnahrungsmittel. Geld haben nur wenige, die Löhne, so man überhaupt einen Job hat, sind lächerlich niedrig. Johannes´ zweitältester Sohn  hat das Glück, einen Job in einem Restaurant zu haben: Er verdient 1.300 000 Rupien, das sind rund 70 Euro. Und sowas wie eine Grundsicherung oder gar Arbeitslosengeld gibt es nicht.

Wir folgen dem Weg am Hang des Berges – endlich ein paar hohe Bäume und
Schatten. Zum Hang hin wachsen Kaffeebäume, Robusta und Arabica, ein
paar Kokospalmen, wilde Avocados, blühende Sträucher und
Passionsfrüchte, die leider hier noch nicht reif sind. Trotz der Hitze
ist es ein schöner Spaziergang. Ein kleiner steiler Pfad führt hinunter
zu einem Holzhaus, wo auf der überdachten Veranda Schnitzereien,
hölzerne Gebrauchsgegenstände und anderes darauf hoffen, dass vielleicht
jemand wie wir vorbeikommt und etwas kauft. Tun wir nicht, trotzdem
begleitet uns ein nettes Lächeln und die übliche leichte Verbeugung beim
Weitergehen.

Am Ende unseres Spaziergangs kommen wir am anderen Ende des Reisfeldes
wieder zu den sechs Häusern, die Lemo Lemo ausmachen und kaufen den
glücklichen Frauen nun doch ein paar Kleinigkeiten wie duftende
Zimtstangen und einen sehr schönen Büffelhornlöffel ab.

Inzwischen ist es Mittag und unser Fahrer bringt uns in ein erstaunlich großes
Restaurant etwas abseits der Straße, das offensichtlich nur von Gästen
wie uns lebt. Wir wollen gern mit Fahrer und Guide zusammen essen, aber
das lassen die Betreiber nicht zu, die Einheimischen haben einen eigenen
Bereich. Vermutlich etwas billiger, weil sie Kunden gebracht haben, aber
eben separiert. Ich finde das ziemlich unangenehm.

Auf der riesigen Wiese hinter dem Restaurant fließt ein kleiner Fluss,
eine Lehmkuhle daneben dient den Tieren als Spa. Hier weiden ein Büffel
und ein Kalb, das nicht mal angebunden ist. So gut haben es die meisten
Kühe in Europa nicht. Nur das Ende ist eben … wie beschrieben.

Teil 2 unserer heutigen Reise durch die Geschichte und Kultur der Toraja
führt uns noch einmal zu einer Begräbnisstätte. Diesmal sind es hängende
Gräber, ebenfalls an einer steilen Bergwand. Über und unter den Gräbern
sind kleine Balkone mit bunten, teilweise bemalten Holzpuppen, die die
Verstorbenen darstellen. So scheinen ganze Familien dort oben zu stehen
und bis in die Ewigkeit zu den Hinterbliebenen hinabzuschauen. Männer,
Frauen, Kinder. Ohne despektierlich sein zu wollen: Ich fühle mich ein
bisschen an die beiden alten Herren auf dem Balkon der Muppetshow
erinnert. (Sorry)

Ein Stück weiter lehnen hohe Bambusleitern an der Wand – hier wird
gerade eine neue Grabkammer in den Felsen getrieben. Eine langwierige,
schwierige Arbeit, die viel Geld kostet und die sich nur wohlhabende
Familien leisten können. In so einer Grabkammer finden dann allerdings
auch mehrere Tote Platz. Manchmal in einfachen kleinen Holzsärgen,
manchmal in Tücher gehüllt. Die anderen Toten wohnen eben weiter in
ihren Totenhäusern, meist neben dem Wohnhaus der Familie.


Die Entfernungen sind selbst bei unseren kleinen Ausflügen relativ groß,
bzw. sind die Straßen wie überall auf Sulawesi eine einzige Katastrophe.
Dazu kommen hier die unendlich vielen Kurven in den Bergen, der immer dichte Verkehr, deshalb dauert alles sehr lange. Aber die Fahrten durch die schöne Berglandschaft mit den Reisfeldern und den tropischen Bäumen sind auch spannend: Immer wieder mit einem Blick auf die wunderbaren Tongkonan und Anan mit ihren himmelwärts strebenden Giebeln und schönen Farben, die der Landschaft einen ganz besonderes Reiz verleihen. Irgendwie fühlt es sich an wie der Ausflug in eine ganz andere, exotische Zeit. Trotzdem sind die
Probleme des täglichen Lebens hier dieselben wie überall in der modernen
Welt.