Noch 62 km bleiben uns bei unserer Süd-Nord-Reise auf Sulawesi bis Manado, nach der hiesigen Durchschnittsgeschwindigkeit sind das zwei Stunden Fahrzeit mit dem Auto. Schneller geht es nicht und seltsamerweise erscheint einem die Geschwindigkeit hier immer höher als sie tatsächlich ist. Das liegt wohl an den Straßenverhältnissen und endlosen Kurven.
Manado ist die zweite Metropole dieser riesigen Insel, die Konkurrenz zu Makassar. Die Affen geben noch eine Abschiedsvorstellung, sie stürmen plötzlich in großer Zahl aus dem Dschungel hinter unserem Guesthouse um die Straße zu überqueren und auf der anderen Seite wieder in den Wald einzutauchen. Zum Glück steht gerade kein Essen auf dem Tisch .
In Manado haben wir für eine Nacht ein Hotelzimmer, da wir mit der einzigen öffentlichen Fähre am nächsten Mittag auf die Insel Bunaken fahren wollen. Das Zimmer im Istanaku-Hotel ist modern und blitzsauber, aber so klein, dass wir mit Mühe unser Gepäck vor und neben das Bett quetschen können, aneinander vorbeigehen fällt aus – egal, zum Schlafen reicht es.
Wir machen uns auf einen Erkundungsspaziergang Richtung Meer. Die Bürgersteige sind auch hier nur streckenweise begehbar, aber die Autofahrer sind Fußgänger auf der Fahrbahn gewöhnt. Es brummt der Verkehr, Autos und mehrere Motorräder nebeneinander, auch gern mal auf der Gegenfahrbahn, dazwischen erreichen Fußgänger – erstaunlicherweise unverletzt – die andere Straßenseite. Trotzdem wirkt der Verkehr hier auf mich nicht ganz so extrem wie in Makassar.
Manado ist überwiegend christlich, auch hier wieder die kategorische Variante. Will sagen, die Christen hier sind ein anderes Kaliber als die Christen in Europa. Trotzdem ist das erste Gotteshaus, das wir passieren, eine große Moschee. Und prompt erschallt auch schon der sehr laute Ruf des Muezzin, als wir direkt davor stehen.
Von den Hauptstraßen führen Nebenstraßen mit einer Art Einfahrtstor in einzelne Nachbarschaften – oder Wohnviertel, wenn man so will. Die sehen eigentlich überwiegend ganz beschaulich aus, im Gegensatz zu den Hauptstraßen. Trotz des rauschenden Verkehrs wirkt alles entspannter als in Makassar.
Je näher wir der Küste kommen, desto mehr Restaurants und Geschäfte passieren wir, manche neu, die meisten aber eher verfallen. Und dann kommt auch schon die erste große Kirche. Weiß, groß, mit Plakatwänden davor. Weitere folgen. Vor jeder Kirche steht genau wie sie heißt, welcher Glaubensrichtung sie angehört.
Im Viertel, das dem Meer am nächsten liegt, sind viele Unternehmen, Handelshäuser und zwei supermoderne Malls angesiedelt. Eine sechsspurige Straße – kurz vor dem Verkehrs-Kollaps – macht das Überqueren zum beängstigenden Abenteuer. Hier gibt es keine Wohnhäuser mehr – alles Business: Versicherungen, Autohäuser, Geschäfte, Kliniken, Kirchen, Malls, Banken … modern, aber auch schon wieder teilweise dem Verrotten, dem Abriss und vorallem dem schwarzen Schimmel ausgeliefert, der hier überall alles und jedes erobert.
Es hat zu regnen begonnen, wir beschließen, in die Mega Mall Manado abzutauchen. Alles Hochglanz, nur Marken-Stores, alles ziemlich langweilig – bis auf die Aufführung einer Schule (?) zum chinesischen Neujahr in Foyer. Immer zwei junge Menschen stecken in einem farbenfrohen Drachenkostüm mit viel Rot und Gold und einem riesigen Kopf. Sie führen zum durchdringenden Klang von Trommeln und Schellen verrückte traditionelle Tänze auf, die wirklich toll sind, wenn man bedenkt, dass der hintere Darsteller völlig blind und gebückt unter dem Kostüm steckt und nicht nur auf die Musik, sondern auf alles harmonisch reagieren muss, was der im Kopf versteckte Mitschüler veranstaltet. Und der tanzt nicht nur, sondern macht auch seine Späßchen mit Kindern und Kunden am Rande. Wirklich nett!
Wir nehmen noch einen kleinen Imbiss und verschwinden wieder. Draußen nieselt es immer noch etwas. Wir laufen die Straße am Meer entlang. Wieder viel schwarzer Schimmel, viele kleine offene Restaurants, die bei diesem Wetter wenig einladend sind. Auf der Landseite der Straße hässliche große Bauten, Ruinen, Baustellen, Firmen, ein chinesischer Tempel, zwei Kirchen und – eine Synagoge. Alles vertreten.
Das Wetter ist wirklich scheußlich und so kehren wir auch noch in die Manado Town Mall ein, die noch größer, aber genauso langweilig ist wie die erste. Aber wir haben gehört, man könne dort auf einer überdachten Terrasse mit Blick aufs Meer essen. Gefühlte 10 km Mall-Gänge weiter finden wir den besagten Foodcourt und essen zu Abend … mit Blick auf´s graue Meer.
Am nächsten Morgen mache ich allein einen Spaziergang durch die angrenzenden Viertel, da mein Mitreisender Probleme mit dem Fuß hat. Der kleine Spaziergang ist unspektakuär, aber vermittelt mir – nun auch wieder bei schönem Wetter – ein gutes Gefühl. Für Sulawesi ungewöhnlich nette Einfamilienhäuser, einfache Wellblechhäuschen, eine kleine Schule, ein paar kleine Läden und sogar Gärten … von allem etwas. Am meisten verblüfft die beschauliche Ruhe angesichts des Verkehrs rundherum. Die Atmosphäre der Stadt gefällt mir.
Als ich mich auf den Rückweg mache, bauen gerade einige „Fress-Stände“ am Ende einer kleinen Straße für den Tag auf. Ich lasse mich hinreißen, von einem sehr liebenswerten alten Mann ein paar dampfende, fleischgefüllte Hefeklöße für die Fahrt zu kaufen, am Nachbarstand wird mir flugs eine reife Mango und eine zuckersüße halbe Ananas essfertig zurechtgeschnippelt.
Gern hätte ich noch ein bisschen mehr von der Stadtluft hier geschnuppert, auch eine richtige Chinatown gibt es hier – aber es bleibt keine Zeit mehr, auf geht es nach Bunaken. Allerdings anders als geplant: Eher zufällig erfahren wir an der Rezeption des Hotels, dass an diesem und den nächsten Tagen die public ferry, die öffentliche Fähre nach Bunaken nicht fährt. Warum weiß keiner, wird auch nicht publiziert. Aber das regt hier keinen auf. Irgendwie geht es auch ohne weiter: Die privaten Taxiunternehmen, Schulter an Schulter mit Motorbootbesitzern stehen bereit. Es gibt immer einen Weg – egal wohin. In Indonesien gehört Chaos zum Leben, hier wohnen die Meister der Improvisation. Anything goes …