Ab auf die Insel! Keine Fähre? Egal, hier geht immer irgendwas. Fast immer. Die Geschäftsführerin des Guesthouses hat mich schon angeschrieben und mir Hilfe angeboten, aber das ist gar nicht mehr nötig, der nette Mensch an der Rezeption des Hotels hatte auch schon ein Ass im Ärmel oder -genau gesagt – einen Taxifahrer bei der Hand, der auch gleich noch die Connection zu einem Boot auf Bunaken hat, das uns abholen kann.
Wegen der extremen Ebbe kann das Boot aber nur außerhalb von Manado an einen Anleger. Die Fahrt geht durch saftiges Grün, einen schönen Wald und ein paar kleine Ortschaften nach Mangrove Park Bahowo, zum Strand. Ein mehr als hundert Meter langer Steg führt ins Meer hinaus, das sich aber gerade als knietief unter Wasser stehendes Watt präsentiert. Noch hinter dem Ende des Stegs liegt eins dieser typischen langen Motorboote mit den traditionellen Auslegern vor Anker: unser Wassertaxi. Bis dahin müssen wir samt Gepäck noch eine längere Wattwanderung absolvieren. Der Käptn holt unsere Taschen ab, aber die Rucksäcke bleiben uns. Zum Glück ist das verbliebene Wasser glasklar hellblau, so dass man Steine und Seesterne in allen Farben klar sieht, auf die man natürlich besser nicht treten sollte.
Aber alles wird gut, wir erreichen mit nassen Beinen und hochgekrempelten Shorts, aber ansonsten trocken und unverletzt das Boot. Die Sonne knallt auf das hellblau strahlende Wasser. Direkt gegenüber der Küstenlinie von Manado liegt als langgestreckter grüner Hügel Pulau Bunaken (die Insel Bunaken, wie sie auf Indonesischen korrekt heißt). Zum gleichnamigen, 750 Quadratkilometer großen Nationalpark Bunaken gehören noch vier weitere Inseln: Manado Tua, Siladen, Montehage und Nain. Bunaken ist die Hauptinsel, auf der 900 Menschen leben. Das Hauptdorf liegt an der Südküste, direkt gegenüber von Manado.
Am Hafen von Bunaken, der durch ein ungewöhnlich großes Spitzdachgebäude auffällt, können wir ebenfalls gerade nicht anlegen, da das Wasser sich auch hier weit zurückgezogen hat. Das Watt liegt blank. Unser Käptn fährt uns mit viel Geschick im Zeitlupentempo zum daneben liegenden Strand, soweit es eben geht. Schuhe aus, rein ins wadentiefe Hellblau. Vorsichtig über Korallen und Steine balancierend betreten wir, von ein paar Fischen willkommengeheißen, die Insel. Zum Glück schleppt der nette Mann wieder unsere Taschen, gar nicht so leicht bei dem Untergrund …
Direkt neben dem Hafen am Strand liegt unser Guesthouse 4 Sisters. Zum Wasser hin ist die Terasse offen, auf ein paar Liegen haben es sich die Männer vom dazugehörigen Dive Center bequem gemacht, denn die morgendlichen Tauchgänge sind vorbei und überhaupt – alles läuft unter dem Motto „Nebensaison, Rain Season“ auf Sparflamme. Wir bekommen zunächst ein kleines dunkles Zimmer ohne Ausblick. Es gelingt uns, wenigstens ins Nebenzimmer mit einem kleinen Tageslicht-Fenster zum Nebendach umzuziehen. Diese „Winzzimmer“ ohne viel Licht sind für uns schon gewöhnungsbedürftig.
Die untere Etage besteht aus einem großen, zum Meer hin offenen Raum ohne Fassade. Er beherbergt das Tauchcenter mit allen Geräten, das Restaurant, die Rezeption – und zur Zeit eine Baustelle, wo eine neue Küche gebaut wird. Aber die Ober-Sister entschuldigt sich so nonchalant für die Baustelle, dass man nicht böse sein kann. Immerhin bietet sie uns an, uns die Mahlzeiten in der oberen Etage, deren drei Zimmer auf eine offene Veranda führen, an einem Extra-Tisch an der Balustrade mit Blick aufs Meer zu servieren. Ist doch was!
Ich entschuldige mich für meine weitschweifige Erzählung, aber ich muss das so erzählen, weil es etwas über diese Insel und das Leben hier erzählt. In Deutschland undenkbar, hier ganz normal. Und dabei so nett und entspannt, dass man sich nicht aufregt.
Die sechs Tage, die wir auf der kleinen Insel verbringen, sind das Entschleunigungsprogramm nach der vielen Reiserei der letzten Wochen. Hier geht das Leben in slow motion, irgendwie ist die Zeit hier stehengeblieben, zumindest, was den Lebensstil der Einwohner und auch das Inselleben der Besucher in der Nebensaison betrifft. Und es tut so gut!
Einzige feste Tagesordnungspunkte sind für mich meine täglichen Tauchgänge am Vormittag und ein einmaliger Nachttauchgang. Sonst reicht es gerade noch für kleine Spaziergänge ans andere Ende des Dorfes zum Kaffeetrinken oder Mittagessen … oder drei Häuser weiter ins kleine Café zum Blog-Schreiben mit Blick auf Meer. Das Essen ist einfach und bodenständig, aber frisch gekocht. Keine importierten Zutaten, keine Cocktails, kein Wein, keine Eisbecher.
Die meisten Einwohner sind Christen, nur ein kleiner Teil ist muslimisch. Die Kirche und die Moschee sind dann auch die einzigen größeren Bauwerke hier.
Das Leben ist beschaulich: Erwachsene, Kinder, Katzen, Hunde, Ziegen, Lämmer, Hühner und Enten leben friedlich miteinander. Einzige Fortbewegungsmittel: Füße, Fahrräder (kaum) und Motorräder (viel und von allen Altersklassen gefahren). Ein Nachtleben gibt es hier gar nicht. Es sei denn, man gestaltet es selbst. Und das tun hier einige, vor allem junge Männer. Immer wieder hört man es abends irgendwo: Mit Gitarre, Bongo, selbstgebautem Kontrabass und viel Herzblut vorgetragene Hits aus fünf Jahrzehnten, gemeinsam gesungen. Jeder, der vorbeikommt, ist herzlich eingeladen, mitzumachen. Gelegentlich kursiert sogar eine kleine Flasche Arrak.
Es gibt viele Guesthouses, die in dieser Zeit zum Glück nur wenig ausgelastet sind. Die Touristen sind vorallem Deutsche, Franzosen, Skandinavier, Belgier und Chinesen, die allerdings immer unter sich bleiben. Dazu kommen Tauchschulen, ein paar Restaurants und eine Schule. Eine Handvoll Miniläden bieten das Allernötigste.
Im vorderen Teil des Dorfes leben die Christen, im kleinen hinteren Teil hat sich die muslimische Gemeinde zusammengezogen. Lustig ist der sehr dezente Muezzin der Insel: Ich bin sicher, der wäre lieber Opersänger oder würde gern Schubert singen, denn so ähnlich klingt sein Gesang!
Schon nach zwei Tagen kennen uns die meisten Insulaner in der Nachbarschaft . Ehrfurchtvoll und herzlich werden wir immer als Mama und Papa angesprochen, oder auch Grandpa und Grandma, das ist hier die respektvolle Anrede für Menschen unseren Alters. Ältere Menschen haben Respekt verdient, das ist selbstverständlich und in keiner Weise herablassend. Habe ich am ersten Morgen noch Sorge, dass die „vielen“ Tage hier vielleicht langweilig werden könnten, ist dieser Gedanke ganz schnell verschwunden – es ist einfach nur alles herrlich entschleunigt und unaufgeregt. In der Saison möchte ich allerdings nicht hier sein!
Doch auch dieses Paradies hat seine dunkle Seite. Und die heißt (auch) hier: Müll, vor allem Plastikmüll!! An den Stränden vor allem. Das Meer schwemmt ihn tonnenweise an und auch hier gibt es natürlich keinerlei Entsorgung. Die Leute in ganz Indonesien verbrennen Plastikmüll neben ihren Häusern. Müllabfuhr habe ich nur in großen Städten gesehen. Jeder Liter Trinkwasser für Bunaken muss vom Festland auf die Insel gebracht werden – in Plastikflaschen. Jedes Erfrischungsgetränk – in Plastik-, Einweg oder Glasflaschen. Ein Pfandsystem gibt es nicht. Selbst aus Australien wird hier noch Müll angeschwemmt. Es ist schrecklich anzusehen … und kaum in den Griff zu kriegen. Wirklich einfach nur furchtbar.
Meine große Passion, das Tauchen, lebe ich hier in vollen Zügen aus: Ich habe meinen Guide mit dem lustigen Namen Fanly für mich allein. Ich kann mich nicht erinnern, so viele schöne Korallen-Wände an einem Ort gesehen zu haben, so viele Schildkröten jeder Größe um mich herum gehabt zu haben … ich höre ja schon auf.
Das einzige, was nicht geklappt hat, war unsere Delphin-Tour. Zwischen Bunaken und Siladen gibt es eine „Straße“, wo sie täglich durchziehen. Aber an unserem Ausflugstag war das Wetter sehr schlecht, und die Delphine hatten wohl keine Lust. Die ließen nur herzlich grüßen.
Ein Detail zum hiesigen Aufenthalt, mit dem ich nie gerechnet hätte, möchte ich noch erwähnen. Wir haben auf Bunaken das beste indonesische Essen je gegessen! Eine der Schwestern des 4Sisters ist die Köchin. Wir haben uns auf jedes Essen schon vorher gefreut! Ganz einfache Gerichte mit Fisch, Huhn, Kräutern, Obst und Gemüse von der Insel und Tofu und Tempé – die indonesischen Veggies. Sooo lecker alles, so gut gewürzt!
Und noch eine kleine, sehr persönliche Geschichte: An meinem Geburtstag erwischt mich die Guesthouse-Familie – halbnackt morgens um sieben beim Frühsport auf der Terrasse – mit Torte und einem Ständchen… Nachmittags, bei der kalten grünen Kokosnuss zum Blog schreiben im Café um die Ecke: noch ein Ständchen von dieser Familie mit Kerze und geschnittener Ananas statt Torte! Da kann man doch nicht anders als gerührt zu sein, oder?