3 – Napoli von unten

Der erste Kurstag ist zu Ende, ich bin geschlaucht und höchst zufrieden. Zwei tolle junge Lehrerinnen, eine geborene Napolitanerin, die andere auf der Insel Ischia gleich nebenan geboren.

Wir schlendern in die Quartieri Spagnoli und schlagen uns erst mal ordentlich den Bauch voll – ganz italienisch mit mehreren Gängen … Besonders lecker : eine Suppe aus Linsen und Spinat! Mit halblangen Jeans und T-Shirts sind wir allerdings für Essen im ristorante wiedermal hoffnungslos underdressed. Alle anderen Tische werden von schicken Anzugträgern und eleganten Damen mit High Heels und Markengarderobe belagert. So geht man hier zur Arbeit! Aber zumindest haben wir uns beim anfangs muffeligen Kellner durch genug Essen (3 Gänge) rehabilitiert.

Entsprechend vollgestopft trödeln wir weiter durch die Straßen. Es wird einfach nie langweilig, immer wieder schöne alte Häuser, winzige Gassen und dann , gegenüber des Opernhauses Teatro San Carlo, eine neuwirkende, gigantische, mehrstöckige Einkaufspassage: die Galleria Umberto I. Ich bin verwirrt: Ist sie alt? Ist sie historisierend neu gebaut? Die kreuzförmigen weitläufigen Gänge sind von gewölbten Glasdächern überzogen, die in einer großen Kuppel in der Mitte zusammenlaufen. Alles strahlt in gelb und weiß. Eine mondäne Atmosphäre, viele Geschäfte für shopping ohne Grenzen und auf dem kleinen Platz an der Mittelkreuzung Straßenmusiker und ein paar Cafés. Egal, ob alt oder neu – eine sehr schöne Athmosphäre!

Erst später haben wir nachgelesen: Die Galleria Umberto I ist tatsächlich alt, der Bau begann 1887 als Teil der Stadterneuerung nach dem Ende einer Cholera-Epidemie 1884 nach Plänen von Emmanuele Rocco und Ernesto di Mauro.

Ein paar Straßen weiter, an der Piazza Plebiscito, haben wir unser Ziel erreicht : Napoli Sotterranea – das Unterirdische Neapel. Hier bietet sich eine von mehreren Möglichkeiten in der Stadt, das phantastische Netz aus Tunneln und Hohlräumen unter Neapel zu sehen. Um diese Jahreszeit können wir sogar ohne Anmeldung, nach einer kurzen Wartezeit, eine Führung in englischer Sprache mitmachen. Um diesen speziellen Zugang zu den Katakomben kümmert sich ein eher junges Team. Dieser Ort ist nicht so überlaufen, wie die wesentlich bekannteren Katakomben, von denen später noch die Rede sein wird.

Menschen mit Klaustrophobie oder Herzproblemen wird von der Führung abgeraten. Über eine düstere, sich in die Tiefe schraubende Treppe mit hohen Sandstein-Stufen gelangen wir im Halbdunkel auf den Grund der unterirdischen Stadt. In einem höhlenartigen Raum, von dem die Tunnel abgehen, gibt es zunächst eine kleine Einführung in die über 2000jährige Geschichte dieser ungewöhnlichen Stadt unter der Stadt, von der Antike bis nach dem 2. Weltkrieg. Unfassbar, was Menschen über die Jahrtausende hier an Arbeit geleistet haben!

Anfangs wurden die Tunnel in den Untergrund getrieben, um Sandstein als Baumaterial für die expandierende Stadt zu gewinnen, dann wurden die Tunnel als Zisternen für die Napolitaner genutzt. Alle Häuser bezogen ihr Wasser aus diesem Zisternen-Netz! Während des 2. Weltkrieges lebten in diesen kleinen Höhlen, die durch teilweise gerade mal 40 Zentimeter breite Gänge verbunden sind, tausende Menschen, um sich vor Bombenhagel und Panzern zu schützen. Was die Faschisten selbst – italienische, wie deutsche – nicht daran hinderte, sich hier ebenfalls zu verstecken. Genauso wie Schmuggler und die Mafia, deren Mitglieder sich hier gern der Verhaftung entzogen und ihre Waffen und anderes hier versteckten.

Die Führung ist nicht für sehr große, korpulente oder ängstliche Menschen zu empfehlen. Die endlosen Gänge sind nur spärlich erleuchtet, manche, über kleinere Strecken, gar nicht. An den Kreuzungen öffnen sich kleine bis mittelgroße Räume, hier wurde gewohnt. In machen dieser Räume haben Künstler zusammengelebt, was man an eingekratzten Bildern erkennt. In anderen Familien mit Kindern, Soldaten usw. Auch ein Toiletten-System (die türkische Variante) ist hier noch zu sehen. Eben alles, was Leben auf eine längeren Zeitraum möglich macht. Und natürlich gibt es auch einige kuriose Legenden, die der Führer erzählt. Eine z.B. über die Liebesdienste, die Frauen dem jeweiligen Zisternenwart , der sich hier überall fast ungesehen bewegen konnte, heimlich erwiesen, um damit das Leben der Familie ein wenig reicher zu machen.

Unzählige Geschichten und Legenden ranken sich um diese unterirdische Welt. Nach dem Krieg wurden große Teile mit Schutt und Müll zugeschüttet, erst viel später haben engagierte Menschen mühsam damit begonnen, dieses Tunnelsystem wieder freizulegen. Hier und da sind noch ein paar Fundstücke -von einem Bettgestell bis zu Gefäßen, Büsten oder Stahlhelmen- zu sehen. Aber man hat darauf verzichtet, hier künstlich gestaltete museale Ausstellungsräume anzulegen, was ich richtig finde. Kahl und leer regen diese endlosen, düsteren Gänge und Räume die Phantasie umso mehr an! In der Via Chiaia steigen wir schließlich nach ca. 75 Minuten wieder in die oberirdische Welt zurück, beeindruckt und … ein bisschen nachdenklich.

Wieder ein lustvoller Bummel zurück durch die flirrende Altstadt Richtung Spaccanapoli. Ein erfolgloser Versuch, in einem, von der einheimischen Lehrerin besonders empfohlenen, Restaurant zu essen. Alles ausgebucht, und wie es aussieht, kaum Touristen, eher ein Napolitaner-Treff. Schließlich landen wir nochmal in dem am Vorabend bewährten kleinen Restaurant in unserer Straße. Essen und gleichzeitig träge das abendliche street live beobachten. Es gibt wirklich schlechtere Arten, einen schönen Tag zu beenden …

2 – Napoli, first night, next morning

Nach einem kleinen Schläfchen in unserem wunderbar stillen Hinterhof-Zimmer bei den ECO-Suites Spaccanapoli sind wir wieder einigermaßen aufnahmefähig und lassen uns durch die sonntäglich überfüllten Gassen der Altstadt treiben. Obwohl die Saison eigentlich vorüber ist, ist normal schnelle Fortbewegung kaum möglich. Am entspanntesten ist es, sich einfach dem Rhythmus anzupassen und sich treiben zu lassen, kleine Löcher zum Überholen zu nutzen und dabei einfach mit großen Augen alles aufzunehmen. Lichterketten, wohin man auch sieht, die normale Straßenbeleuchtung, die bunten Schaufenster – es hat ein bisschen was von Weihnachten oder Rummel. Aber schön.

Es erstaunt mich, dass es hier nirgendwo hässliche Neu-oder Lückenbau gibt. Dafür sorgt wohl der strenge Denkmalschutz. Allerdings sind auch einige der ehrwürdigen alten Gebäude deutlich mitgenommen oder – wie in unserem Haus, zumindest im Innenhof eindeutig sanierungsbedürftig. Und das kann dauern, zu teuer…. Aber das Gute ist: Immobilienhaie und profitsüchtige Bauunternehmer haben hier kaum eine Chance – oder haben es zumindest schwer mit leichtem, fetten Profit. Wohl auch deshalb leben hier tatsächlich noch normale Napolitaner und nicht nur Neureiche.

Einen ersten Stopp legen wir schon nach 20 Minuten auf der Piazza Gerolomini, einem Platz an der Chiesa dei Girolamini ein. Hier locken viele nette Terrassen kleiner Restaurants mit Angeboten für einen leckeren Aperitif a la Apèrol, Campari oder einfach einem Wein. Um die Konkurrenz zu übertrumpfen, gibt es dazu noch eine reiche Gratisbeigabe an Antipasti von Wurst über Schinken, Käse, kleinen Bruschette und frittiertem Allerlei dazu. Lässt sich aushalten, so in der blauen Stunde mit dieser Kulisse….

Gestärkt bummeln wir weiter durch den Trubel bis zur Kathedrale der Heiligen Maria Assunta. Schon von außen ein beeindruckendes Bauwerk, wird es innen noch prächtiger. Gold, wohin man auch schaut. Das Kuriose und etwas Verwirrende ist: Die Kathedrale hat gleich drei Namen: Sie ist auch als Duomo di Napoli oder Cattedrale di San Gennaro bekannt. Gewidmet ist sie jedenfalls der Jungfrau Maria. Gebaut wurde sie im 13. Jahrhundert auf den Grundmauern eines Tempels, der Apollo gewidmet war. Im Laufe der Jahrhunderte wurde sie immer wieder um- und weitergebaut, so dass es auch eine Reise durch die verschiedenen Baustiele von Gotik bis Barock ist. Das üppige Ergebnis ist, besonders wenn der Innenraum beim Gottesdienst beleuchtet ist, einfach überwältigend anzuschauen.

Gerade wird eine gut besuchte abendliche Messe gefeiert. Wir schleichen am Rand bis nach vorn, um die prächtigen Seitengänge anzuschauen und näher an den riesigen, golden strahlenden Hauptaltar heranzukommen. Ganz vorn in einem Seitenaltar, der vom Mittelschiff aus gar nicht zu sehen ist, steht ein kleines Grüppchen Menschen, gemischt in Alter und Geschlecht, und singt unter Anleitung eines Kantors, sozusagen aus dem Off. Es sind nur wenige Menschen, aber ihr Gesang schallt erstaunlich stark. So schön, dass wir bleiben. Kurz darauf tritt ein junges Mädchen ans Mikrofon zu einem Solo: Wunderbar!!! Sie hat eine großartige Stimme und wir können nicht weggehen, bevor sie aufhört zu singen….

Durch das Gewusel in den engen Gassen trödeln wir zurück in unsere Straße und finden, zwei Ecken von unserem Haus entfernt, ein nettes kleines Lokal. Gesättigt und mit einem Amaro zum Abschluß kehren wir zufrieden nach diesem gelungenen Auftakt in unser temporäres Zuhause zurück. Morgen beginnt mein napolitanischer „Alltag“, der 4-stündige Italienisch-Intensivkurs. Buona notte, Napoli!

Um 7:45 Uhr klingelt der Wecker, erster Schultag, das heißt früher da sein, denn es gibt noch ein Einstufungsinterview. Bin gespannt, wieviel mein bisheriges Italienisch wert ist… Glücklicherweise ist die Sprachschule „Centro Italiano„, nicht nur im selben Viertel, sondern tatsächlich nur eine halben Kilometer entfernt.

Die Stadt ist noch im Aufwachmodus: Ganz anders als am gestrigen Sonntagabend sind die Straßen fast leer, bis auf ein paar Einheimische, vorzugsweise mit dem Hund bei Gassi gehend, Straßenkehrern und der Müllabfuhr. Ein großes Graffitti von Maradona begrüßt mich gegenüber der Haustür, unterwegs bringen immer wieder bunte Streetart-Werke Farbe an die alten Gebäude. Eine Sünde in Sachen Denkmalschutz, aber ich mag die bunten Bilder an den dunklen Wänden.

In kleinen Gemüseläden werden Zwiebeln, Kürbisse und Tomaten in die Regale sortiert, von der Decke hängen getrocknete Kräuter. Ein parrucchiere (Friseur) rasiert den ersten Kunden in seinem winzigen Laden. Ich komme an einer kleinen Erdgeschosswohnung mit offener Tür direkt zur Gasse vorbei: in der anschließenden kleinen Küche läuft der Fernseher und neben dem Herd ist das Motorrad geparkt. Die kleinen Bars haben natürlich schon geöffnet, die letzten Tresen werden mit großen, knusprigen Croissants (Cornettos) und anderem süssen Gebäck befüllt, Menschen auf dem Weg zur Arbeit gönnen sich Caffe e dolce, bevor der Tag richtig beginnt. Die Atmosphäre ist …100% napolitana. Ich finde es toll!

Die Schule befindet sich in einer super engen Gasse mit hohen, 6-stöckigen alten Häusern: Vico S. Maria dell’Aiuto. Auch hier steigt man durch ein winziges dickes Törchen im großen Tor, um auf den Hof zu kommen. Die Schule residiert im Quergebäude, die Treppe im zum Hof offenen Treppenhaus ist aus Marmor, aber teilweise sehr wackelig und glatt … Wie es sich für eine brave Deutsche gehört, bin ich pünktlich, d.h. pünktlich gekommen – nur sonst niemand. Aber schließlich trudeln alle ein, die Schülerzahl ist übersichtlich, die Saison ist vorüber. Zu meiner großen Zufriedenheit lande ich in einen B1-Kurs mit nur noch 3 weiteren Schülern. Es kann los gehen!

1 – Bella Napoli

Napoli – das klingt immer ein bisschen … besonders: ein bisschen nach Pizza, Wein, Tarantella, Romantik, Kriminalität, Fussball, Kunst, Katholizismus und jeder Menge Geschichte . Namen wie Ruggero Leoncavallo, Enrico Caruso, Sophia Loren, Bud Spencer – ganz abgesehen von all den anderen Gelehrten, Klerikern und Architekten und Künstlern, die hier über die Jahrhunderte gelebt haben. Und der Name Diego Maradona … doch davon später. Auf alle Fälle hatte „Napoli“ für mich immer eine gewisse Magie. Zeit also herauszufinden, was es damit tatsächlich auf sich hat.

Und ich bin auch ein bisschen glücklich, einer besonderen Erinnerung aus meiner Bücherwurm-Kindheit nachzufühlen: Der Schriftsteller Kurt Held hat mit seinen Kinderbüchern „Giuseppe“ und „Giuseppe und Maria“ eine bleibende Spur in meiner Erinnerung hinterlassen mit der ebenso spannenden wie ergreifenden Kindheitsgeschichte im Napoli der Nachkriegszeit.

Also auf nach Napoli! Einerseits, um meine Italienisch-Kenntnisse endlich wieder etwas zu erweitern in einem Intensivsprachkurs an der sehr empfehlenswerten Sprachschule Centro Italiano, andererseits, um eine knappe Woche Zeit zu haben, diese Stadt endlich kennenzulernen.

Wir erreichen die Stadt am frühen Sonntagmorgen mit einem eher unbequemen Liegewagen im Nachtzug der italienischen Eisenbahngesellschaft trenitalia. Nach einem Marsch durch die großzügigen unterirdischen Gänge des Hauptbahnhofs Neapel an der Piazza Garibaldi landen wir endlich auf dem richtigen Metro-Bahnsteig tief unter der Stadt. Das riesige Bahnhofsareal ist ein Labyrinth aus Bahnsteigzugängen, Geschäften, Imbissen und Kunstinstallationen. Das Besondere an einigen Metro-Stationen in Neapel ist, dass Künstler sie als Projektionsfläche und Ausstellungsraum für farbenfreudige Installationen und Lichtinstallationen nutzen durften, was den sonst öden Charakter solcher Orte um ein Vielfaches zum Besseren wandelt. Über endlose Rolltreppen kommen wir endlich tief unten zum U-Bahnsteig der Station Napoli Garibaldi.

An der Station Dante steigen wir aus und bekommen einen ersten Eindruck auf einer großen Piazza mit einem beeindruckenden Palazzo und einer riesigen Statue von Dante Alighieri, am westlichen Rand der Altstadt. Allerdings wird dieser erste Eindruck der beeindruckenden historischen Kulisse etwas gestört durch ein Militärfahrzeug mitten auf dem Platz und fünf schwer bewaffneten Soldaten. Bis vor einigen Jahren hatte Neapel ein gravierendes Sicherheitsproblem und damit auch eins für den Tourismus. Daran hat man heftig gearbeitet, sichtbares Symbol sind die strategisch verteilten Militärposten, zusätzlich von den Streifen der Carabinieri und der Polizia Municipale ergänzt.

Müde, aber neugierig zerren wir unser Gepäck durch die mit großen, unebenen, im Lauf der Jahrhunderte glattgetretenen Steinplatten gepflasterten Gassen der Altstadt. Vorsicht und ein Auge am Boden ist zu empfehlen, denn es kann schon mal ein solcher Steinblock fehlen oder sich gedreht haben und Unaufmerksamkeit kann den Läufer teuer zu stehen kommen.

Was für eine tolle Kulisse! Auch so früh am Sonntagmorgen – oder gerade – denn die Touristen schlafen noch, ein paar Geschäftsinhaber räumen in ihren Läden herum, die Straßenfeger versuchen der Massen von Müll in den Straßen Herr zu werden, Hunde werden Gassi geführt, die ersten Bars sind schon offen. Eine Bar ist hier in Italien eine wichtige Einrichtung: Anders als ihr Name sind Bars kleine Cafés, in denen man – oft im Stehen an der Theke – frühstückt, d.h. seinen Espresso oder Cappuccino trinkt und ein süßes Cornetto (Croissant) isst, bevor der Tag anfängt. Kein noch so kleiner Ort in Italien ohne eine solche Bar.

Diese Stadt sieht genauso aus, wie man sie sich vorstellt: enge, gewundene Gassen mit dem Flair längst vergangener Zeiten. Hohe Pallazzi zu beiden Seiten, an vielen Fenstern hängt tatsächlich die Wäsche zum trocknen über der Straße, wie man es aus all den Filmen und Bildern kennt. Bäume sind eher seltener, meist nur schattenspendend an den kleinen Plätzen am Ende der Straßen oder vor den schier unzähligen kleinen und großen Kirchen. Geschichte quillt aus jeder Mauerritze. Und doch überall die Klarstellung des Hier und Heute: Graffiti, Street Art, Skulpturen.

Via San Giovanni Maggiore Pignatelli, unsere Adresse für die nächsten fünf Nächte. Ein kleines Apartment im Quartiere San Giuseppe. Wie alle dieser Palazzi hat auch dieses hohe fünfstöckige alte Haus eine eher etwas düstere Fassade und ein sehr massives Tor mit einer eingelassenen kleinen Tür mit dickem Schloss. Wir wohnen im Seitenflügel, die Wand zum Hof ist halb offen, Mauersteine liegen blank, sieht nach Baustelle aus, ist aber eher ein Dauerzustand. Ein Drahtkäfig bildet den offenen Metallfahrstuhl-Schacht für die winzige Kabine. Nichts für deutsche TÜV-Fans … Das kleine Apartment – Teil einer größeren Wohnung – ist sauber und freundlich, hat außer viel Platz alles, was man für ein paar Tage braucht, sogar einen winzigen Balkon, an dem ich an den folgenden Abenden meine Hausaufgaben für die Sprachschule machen werde – vor oder nach dem Wein zum Abendessen …

Das aber ist etwas vorgegriffen, denn zunächst werfen wir das Gepäck im Flur ab, da wir erst am Nachmittag unser Zimmer beziehen können. Müde, aber begeistert schleppen wir uns die nächsten sechs Stunden durch die wunderbare Altstadt. Enge und weniger enge Straßen und Gassen, die nur selten einen engen Bürgersteig haben, manchmal einen Farbstrich, der den Fussgängern ein gewissen Vorrecht einräumen soll.

Aber egal, alles ist eng und Autos, Motorroller und Fußgänger rangeln sich auf beängstigender Nähe aneinander vorbei. Meine anfängliche leichte Panik lässt schnell nach, als ich zu meiner anhaltenden Verwunderung erlebe, dass es kaum irgendwelche Machtkämpfe, Zusammenstöße oder gar Verletzte gibt. Undenkbar für meinen deutschen Erfahrungshintergrund: Die Autofahrer halten selbst an großen Hauptstraßen, wenn ein Fußgänger sich anschickt, die Straße zu betreten. Wenn man verwirrt und unsicher schaut, wird man freundlich und leicht ungeduldig über die Straße gewinkt. Die Rollerfahrer, oft ohne Helm und mit großen Taschen oder eingeklemmten Kindern unterwegs, schlängeln sich gekonnt an den Passanten vorbei. Gelebtes Chaos mit gegenseitiger Rücksichtnahme ….

Wir spazieren durch die Altstadt zur Piazza Santa Maria La Nuova neben der gleichnamigen Kirche und gönnen uns ein echt italienisches Frühstück im Ba-Bar Caffé, das gerade aufgemacht hat. Leckerer Cappuccino und das landesübliche Cornetto mit Pudding und Marmelade gefüllt. Sonst mag ich kein süsses Frühstück, aber hier passt´s. Ein paar Touristen mit Rollköfferchen rumpeln über die Piazza, Napolitaner auf dem Weg zur Arbeit, Straßenkehrer.

Gestärkt machen wir uns auf zur ersten Entdeckungstour auf der anderen Seite der Via Monteoliveto, einer großen Hauptstraße, die die Viertel trennt. Die Via Toledo, ein Boulevard mit unzähligen Mode-, Schuh- und Technikgeschäften und Restaurants begrenzt das Spanische Viertel – das bekannte und von Touristen überrannte Quartiere Spagnoli mit seinen langen engen Gassen, förmlich tapeziert mit dem Konterfei des „Santo“ Diego Maradona, des argentinischen Fußballgottes, der von 1984 bis 1991 hier gelebt und den SSC Napoli zum Ruhm gekickt hat. Es ist schlicht unmöglich, in ein Schaufenster, auf ein Graffiti, in ein Restaurant oder überhaupt irgendwohin zu schauen, ohne dass Santo Diego einen anstarrt: als Fussballer, König, Jesus Christus oder was auch immer … Sogar die Gerichte auf den Speisekarten sind nach ihm benannt!

Darüber hinaus ist es ein wunderbares altes Viertel mit den schon bekannten hohen alten Häusern, die die engen Gassen zur Schlucht werden lassen, kleinen Plätzen mit Cafés und Geschäften. An einem etwas größeren werden frischer Fisch und Meeresfrüchte verkauft. Gleich daneben Gewürze, Blumen, Stoffe und glitzernder Modeschmuck. Aber überall sind auch genauso viele Einheimische unterwegs wie Touristen. Insofern ist das Quartiere zwar ein Touristen-Magnet, aber kein Disneyland wie oft andernorts zu finden.

Allerdings ist das Schlendern nicht ungefährlich: Ständig muss man auf seine Füße achten, denn die Gassen bestehen aus eben jenen großen unebenen Steinblöcken und -platten, plötzlich ein paar Stufen oder einfach einem Loch, wo die Steine fehlen.

Über die Toledo kommen wir zurück in unser Ausgangsviertel um die Staccanapoli. Inzwischen so müde, dass wir kaum noch aus den Augen schauen können, lassen wir uns die rummelige, überfüllte Trasse quer durch die Altstadt entlang treiben, vorbei an Bars, Geschäften jeder Art mit kleinen, aber liebevoll gestalteten Schaufenstern. Erfrischend, dass man kaum die ewig gleichen Ladenketten findet. Viele kleine Modegeschäfte, unzählige Schmuck- und Souvenirläden und natürlich Bistros, Bars und Lebensmittelläden, die weniger für den täglichen Bedarf gedacht sind, sondern eher für besondere Gewürze, Pasta, Backwaren, Alkoholika und napolitanische Spezialitäten. Auch hier immer wieder das siegestrunkene Gesicht des Fussballgottes.

Schließlich erreichen wir die Piazza del Gesú Nuovo. Ein großer offener Platz in dessen Mitte der Obelisco dell’Immacolata mit einer Marienfigur auf der Spitze thront. Direkt davor ertönen seltsame Klänge, zwei Straßenmusiker spielen auf selbstgebauten Instrumenten aus alten Plastikrohren. Straßenhändler, Geschäfte und Restaurants begrenzen den Platz.

An einer Seite fällt eine seltsame hohe Fassade aus dunklem Lavagestein mit merkwürdigen Zeichen auf. Doch ein Blick nach oben trifft Giebel und Kreuz – es ist die Chiesa del Gesú Nuovo. Als ich die Kirche betrete, muss ich einmal tief durchatmen angesichts von Größe und Pracht. Die 1470 vom Architekten Novello da San Lucano erbaute Kirche gilt als eine der schönsten Barockkirchen Italiens. Zurecht. Egal wo lang man schaut, überall blickt man auf neue Seitenaltäre, großformatige Gemälde, Skulpturen …

Wie ich später nachlese, beziehen sich viele Darstellungen auf den später heilig gesprochenen Arzt Giuseppe Moscati  (1880-1927), zu dem die Napolitaner noch heute um Kindersegen und die Heilung von Krankheiten beten.

Die riesige Kirche ist einfach so prächtig und wunderschön, dass man sich einfach nur hinsetzen und um sich schauen möchte. Im Mittelschiff ist gerade ein Messe im Gange, es wird viel gesungen. Der Altar ist strahlend golden und so reich, dass man kaum alles wahrnimmt. An den Seitengängen heilige Gräber, Gemälde, Statuen… es erschlägt einen fast. Inzwischen sind wir so übermüdet, dass wir uns in eine hintere Reise setzen und die Augen schließen, der Gesang und die Orgel dazu … wie das ausgeht, kann man sich denken…

Ein wenig erfrischt, begeistert, wenn auch immer noch nicht gläubig, verlassen wir die Kirche und verbringen die nächste Stunde -bis wir in unser Zimmer dürfen- bei Spaghetti Carbonara und anschliessendem Espresso in einem Straßencafé. Dann endlich: Eine Handy-Nachricht erlöst uns mit der Mitteilung, dass wir unser Zimmer schon eine Stunde vorfristig beziehen können …

Wie heißt eigentlich Mittagsschlaf auf Italienisch??? Pisolino pomeridiano!