3 – Napoli von unten

Der erste Kurstag ist zu Ende, ich bin geschlaucht und höchst zufrieden. Zwei tolle junge Lehrerinnen, eine geborene Napolitanerin, die andere auf der Insel Ischia gleich nebenan geboren.

Wir schlendern in die Quartieri Spagnoli und schlagen uns erst mal ordentlich den Bauch voll – ganz italienisch mit mehreren Gängen … Besonders lecker : eine Suppe aus Linsen und Spinat! Mit halblangen Jeans und T-Shirts sind wir allerdings für Essen im ristorante wiedermal hoffnungslos underdressed. Alle anderen Tische werden von schicken Anzugträgern und eleganten Damen mit High Heels und Markengarderobe belagert. So geht man hier zur Arbeit! Aber zumindest haben wir uns beim anfangs muffeligen Kellner durch genug Essen (3 Gänge) rehabilitiert.

Entsprechend vollgestopft trödeln wir weiter durch die Straßen. Es wird einfach nie langweilig, immer wieder schöne alte Häuser, winzige Gassen und dann , gegenüber des Opernhauses Teatro San Carlo, eine neuwirkende, gigantische, mehrstöckige Einkaufspassage: die Galleria Umberto I. Ich bin verwirrt: Ist sie alt? Ist sie historisierend neu gebaut? Die kreuzförmigen weitläufigen Gänge sind von gewölbten Glasdächern überzogen, die in einer großen Kuppel in der Mitte zusammenlaufen. Alles strahlt in gelb und weiß. Eine mondäne Atmosphäre, viele Geschäfte für shopping ohne Grenzen und auf dem kleinen Platz an der Mittelkreuzung Straßenmusiker und ein paar Cafés. Egal, ob alt oder neu – eine sehr schöne Athmosphäre!

Erst später haben wir nachgelesen: Die Galleria Umberto I ist tatsächlich alt, der Bau begann 1887 als Teil der Stadterneuerung nach dem Ende einer Cholera-Epidemie 1884 nach Plänen von Emmanuele Rocco und Ernesto di Mauro.

Ein paar Straßen weiter, an der Piazza Plebiscito, haben wir unser Ziel erreicht : Napoli Sotterranea – das Unterirdische Neapel. Hier bietet sich eine von mehreren Möglichkeiten in der Stadt, das phantastische Netz aus Tunneln und Hohlräumen unter Neapel zu sehen. Um diese Jahreszeit können wir sogar ohne Anmeldung, nach einer kurzen Wartezeit, eine Führung in englischer Sprache mitmachen. Um diesen speziellen Zugang zu den Katakomben kümmert sich ein eher junges Team. Dieser Ort ist nicht so überlaufen, wie die wesentlich bekannteren Katakomben, von denen später noch die Rede sein wird.

Menschen mit Klaustrophobie oder Herzproblemen wird von der Führung abgeraten. Über eine düstere, sich in die Tiefe schraubende Treppe mit hohen Sandstein-Stufen gelangen wir im Halbdunkel auf den Grund der unterirdischen Stadt. In einem höhlenartigen Raum, von dem die Tunnel abgehen, gibt es zunächst eine kleine Einführung in die über 2000jährige Geschichte dieser ungewöhnlichen Stadt unter der Stadt, von der Antike bis nach dem 2. Weltkrieg. Unfassbar, was Menschen über die Jahrtausende hier an Arbeit geleistet haben!

Anfangs wurden die Tunnel in den Untergrund getrieben, um Sandstein als Baumaterial für die expandierende Stadt zu gewinnen, dann wurden die Tunnel als Zisternen für die Napolitaner genutzt. Alle Häuser bezogen ihr Wasser aus diesem Zisternen-Netz! Während des 2. Weltkrieges lebten in diesen kleinen Höhlen, die durch teilweise gerade mal 40 Zentimeter breite Gänge verbunden sind, tausende Menschen, um sich vor Bombenhagel und Panzern zu schützen. Was die Faschisten selbst – italienische, wie deutsche – nicht daran hinderte, sich hier ebenfalls zu verstecken. Genauso wie Schmuggler und die Mafia, deren Mitglieder sich hier gern der Verhaftung entzogen und ihre Waffen und anderes hier versteckten.

Die Führung ist nicht für sehr große, korpulente oder ängstliche Menschen zu empfehlen. Die endlosen Gänge sind nur spärlich erleuchtet, manche, über kleinere Strecken, gar nicht. An den Kreuzungen öffnen sich kleine bis mittelgroße Räume, hier wurde gewohnt. In machen dieser Räume haben Künstler zusammengelebt, was man an eingekratzten Bildern erkennt. In anderen Familien mit Kindern, Soldaten usw. Auch ein Toiletten-System (die türkische Variante) ist hier noch zu sehen. Eben alles, was Leben auf eine längeren Zeitraum möglich macht. Und natürlich gibt es auch einige kuriose Legenden, die der Führer erzählt. Eine z.B. über die Liebesdienste, die Frauen dem jeweiligen Zisternenwart , der sich hier überall fast ungesehen bewegen konnte, heimlich erwiesen, um damit das Leben der Familie ein wenig reicher zu machen.

Unzählige Geschichten und Legenden ranken sich um diese unterirdische Welt. Nach dem Krieg wurden große Teile mit Schutt und Müll zugeschüttet, erst viel später haben engagierte Menschen mühsam damit begonnen, dieses Tunnelsystem wieder freizulegen. Hier und da sind noch ein paar Fundstücke -von einem Bettgestell bis zu Gefäßen, Büsten oder Stahlhelmen- zu sehen. Aber man hat darauf verzichtet, hier künstlich gestaltete museale Ausstellungsräume anzulegen, was ich richtig finde. Kahl und leer regen diese endlosen, düsteren Gänge und Räume die Phantasie umso mehr an! In der Via Chiaia steigen wir schließlich nach ca. 75 Minuten wieder in die oberirdische Welt zurück, beeindruckt und … ein bisschen nachdenklich.

Wieder ein lustvoller Bummel zurück durch die flirrende Altstadt Richtung Spaccanapoli. Ein erfolgloser Versuch, in einem, von der einheimischen Lehrerin besonders empfohlenen, Restaurant zu essen. Alles ausgebucht, und wie es aussieht, kaum Touristen, eher ein Napolitaner-Treff. Schließlich landen wir nochmal in dem am Vorabend bewährten kleinen Restaurant in unserer Straße. Essen und gleichzeitig träge das abendliche street live beobachten. Es gibt wirklich schlechtere Arten, einen schönen Tag zu beenden …