2 – Der Ruf des Meeres

Geweckt werde ich um sieben vom Tuten des Nebelhorns. Als ich die Tür meiner Holzhütte öffne, muss ich erstmal die Augen zusammenkneifen: Soviel Licht! Trotz des Morgennebels, der sich eben zu lichten beginnt und eine Aquarellvariante der geschwungenen Küstenlinie und ein schüchternes Glitzern des Meeres präsentiert. Eine kleine Eidechse huscht über meinen Fluss und reißt mich aus der Träumerei. Offiziell ist der Pool noch nicht geöffnet… ich muss aber einfach ins türkise Wasser und ein paar Runden drehen.


In einem Liegestuhl, den ich an das Geländer der Terrasse geschoben habe, setze ich meine philosophischen Tagträume fort, bis ich die ersten menschlichen Stimmen irgendwo in der Nähe höre. Vor meiner Hütte rekelt sich eine schwarze Katze – passt. Nicht so paradiesisch ist die Dusche, die plötzlich heiß aus einer Düse schießt, die ich nie eingeschaltet hatte und mein Rückwärtssatz an die Kabinenwand, die böse aufkreischt. Auch mein Handy ist nicht aufgeladen, die Steckdose hatte keinen Kontakt. So ist das mit dem Gleichgewicht der guten und weniger guten Dinge, damit die Balance stimmt…


Das Frühstück wird Coronagerecht gereicht, man darf mit Maske das Buffet abschreiten und wird dann bedient auf der Terrasse. Das Angebot besteht aus Kochschinken, Käse und einer Million verschiedener Kuchen und süßer Gebäckteile. Aber der extrem leckere Caffe Espresso entschädigt.
Der Chef des Hotels steht plötzlich an meinem Tisch, stellt sich als Giuseppe vor, und plaudert ein wenig. Aber wie schon die Rezeptionistin am Abend, kommt er zu einem klaren Schluss: Signora, Sie brauchen eine Auto! Ich habe es gestern schon bereut, dass ich mir keinen Mietwagen in Palermo genommen habe, jetzt kriege ich richtig schlechte Laune, denn der nächste Autoverleih ist laut Internet im anderthalb Stunden entfernten Messina.
Aber dies wäre wohl nicht Italien, wenn es nicht doch irgendwie ginge. Claudia von der Rezeption hat da so einen Freund, der hat einen kleinen Autoverleih… Über die Bedingungen muss ich noch reden, das ist alles etwas unklar, aber am nächsten Vormittag werden Auto und Verleiher zu Verhandlungen erscheinen..


Ich hänge noch eine paar Stunden im Schatten am Pool herum. Inzwischen versammelt sich eine Gruppe älterer Italiener hier, die mir das Gefühl gibt, eine Statistenrolle in einer italienischen Filmkomödie aus den 50ern zu haben. Es wird laut, aufgeregt, durcheinander geschnattert, gelacht, geschimpft, bekreuzigt. Ständig springt einer auf, vor Aufregung , die Gesten sind wie in einer Satire – nur eben echt. Die brauchen kein Senioren-Fitness, jeden Tag so eine Unterhaltung reicht!
Guiseppe hat mich gefragt, ob ich mich zum Mittagessen anmelden will, aber angesichts dessen, dass ich schon aus logistischen Gründen hier wieder zu Abend essen werde, muss ich nein sagen. Soviel essen geht einfach nicht.


Ich lasse mir den Weg zum Meer erklären, denn ein Tag am Meer ohne ein Bad erscheint mir undenkbar. Trotz Mittagshitze mache ich mich auf den viereínhalb Kilometer-Fussweg. Immer steil nach unten in großen Schwüngen zu Tal. Manchmal stehen ein paar Gehöfte am Weg, Hühner gackern, Zicklein meckern – Bilderbuch-Landleben. Und die Ausblicke sind auf dieser Route immer anders schön, da die Berglandschaft erst langsam, dann steil vom Meer aus ansteigt und weite Ausblicke über Weinberge, Olivenhaine, Dörfer und Städte bietet . Einziger Fremdkörper: die riesige Autobahntrasse, die auf hohen Viadukten die Küste von den Bergen trennt. Alles tief grün und gesprenkelt von violetten und weißen Bougainvillea und anderen Blüten. Riesige Kakteenpflanzen werfen ihre reifen Früchte auf den Weg, ich möchte so ein stacheliges Geschoss nicht abkriegen…
Nur als ich unter der Autobahntrasse durchlaufe, kommt ein bisschen Slumgefühl auf, Lärm, schlechte Luft und Berge von Müll. Aber das geht vorüber und auf den letzten anderthalb Kilometern versorgt mich mamma Sicilia mit gesunder Wegzehrung: Riesige Brombeerhecken lassen mir ihre süßen Früchte fast in den Mund wachsen.


Jenseits der Bahntrasse dann kann ich das Meer schon riechen. Zwei Kurven noch… Dann ist es da, das wunderbare hellblaue Mittelmeer! Es gibt einen langen gelben Strand, aber der ist wirklich eine Prüfung für die Füße: Er besteht aus groben und feinem Kies und Steinen. Und das tut richtig weh! Auch im Wasser setzt sich das fort und ich habe leider keine wasserfesten Schuhe mit. Hundert Meter weiter sind Liegen aufgestellt, ich versuche, eine zu mieten, aber sie gehören zu einer Appartmentanlage und werden von zwei Bagnoli – Rettungsschwimmern – scharf bewacht, die nur den Kopf schütteln.


Ich beschließe erstmal etwas zu trinken, ich bin durstig, nach dem Marsch. Es gibt eine Pizzeria an der Straße. Der Caffe ist großartig und ein Eis dazu lässt den Schmerz an den Füssen fast verschwinden. An den Tischen zelebrieren italienische Großfamilie ihr ausgedehntes Sonntagsessen. Ich sitze mit Blick zum Strand. Was für ein Anblick, dieses glasklare hellblaue Meer! Jetzt hält mich nichts mehr: Baden!


Ich humple über den Strand und will mich gerade direkt neben den Liegen auf einen großen Steinbrocken setzen, da kommt der Ragazzo mit dem Rettungsschwimmer-Body , Sonnenbrille und Hipsterdutt angeschlenkert, zwinkert verwegen und schwingt eine Liege unter einen Sonnenschirm! Grazie, ich liebe Machos, die sich von ihrer großzügigen Gönnerseite zeigen… Die nächsten zwei Stunden schwimme ich abwechselnd im warmen Meer oder döse im Schatten und sehe es vom Strand aus einfach nur an…


Derart gestärkt mache ich mich auf den Rückweg, ich möchte nicht in die Dunkelheit kommen, angesichts der steilen, dunklen Straße, auf der auch Autos um die schmalen Kurven schießen. Nochmal Brombeeren, ein paar kleine Zicklein am Wegesrand streicheln und aufpassen, dass die nicht meinen Rucksack anknabbern. Aber irgendwann keuche ich irgendwann doch etwas und halte beim nächsten Auto den Daumen hoch. Ein freundlicher Signore bestätigt mir, daß ich auf dem richtigen Weg bin… Ichl mache ihm klar, dass ich das weiß, aber nicht mehr laufen möchte… Und so trampe ich – wie vor…..vielen Jahren. Urlaub verjüngt! …sagt man doch immer!


Und wieder lasse ich mir ein viergängiges Abendmenü mit Wein und Blick auf die Bucht schmecken. Der junge Kellner ist immer ganz besonders nett zu der Signora, die so alleine ist. Am Nebentisch sitzt ein deutsches Paar und so komme ich noch zu einem netten Gespräch. Guiseppe erkundigt sich, ob das mit dem Auto morgen klappt, sonst hätte er da auch noch eine Agentur…Tutto bene, signore!