3 – Cefalú und mehr

Nach dem Frühstück buche ich zusammen mit dem deutschen Paar eine Schiffsexkursion zu den Äolischen Inseln für den nächsten Tag. Wir werden zuerst nach Panarea fahren und später auf die bekannteste Insel: Stromboli. Hier sollten wir am Abend mit etwas Glück den Vulkan bei der Arbeit sehen können. Da ich nicht zum Ätna kommen werde, finde ich das besonders spannend, habe ich doch noch nie einen aktiven Vulkan gesehen.
Gegen Mittag tauchen dann wie versprochen Auto und Vermieter auf. Nach einigem Hin- und Her unterschreibe ich den Vertrag für einen winzigen Fiat Panda, aber auch eine Vollkaskoversicherung, da mir das Risiko zu groß ist, hier doch einen zumindest kleinen, aber teuren Schaden einzufangen, schon angesichts der Straßen.


Mutig ans Werk. Aufgeregt wie eine Fahranfängerin, mache ich mich sogleich auf, um die Hemmschwelle, heil mit einem fremden Auto heil von diesem Berg zu kommen, nicht zu groß werden zu lassen. Ziel ist Cefalú, ein Badeort mit Burgeinerberg und einer schönen Altstadt, um die 120 km Richtung Westen. Ich sage Mr. Google, wo ich hin will. Aber die vielen verschlungenen kleinen Straßen und Wege machen sogar dem Navi zu schaffen und ich lande nicht wirklich planmäßg auf einer halsbrecherisch steilen kleinen Straße, die sich in statt nach unten nach oben bewegt. Keine Chance zu wenden. Der kleine Motor keucht und kämpft, zweimal muss ich zurückrollen lassen und mit Anlauf und Karacho im ersten Gang einen zweiten Versuch machen.


Nach gefühlten 700 Kurven geht’s endlich von der obersten Bergkuppe, wo ich inzwischen gelandet bin, bergab – auch nicht ohne angespannte Nackenmuskulatur… Schließlich erreiche ich Patti, die kleine Stadt neben Gioiosa Marea. Ich muss einmal quer durch die Innenstadt, aber das finde ich ganz interessant, so sehe ich wenigstens was von der recht quirligen, nicht besonders schönen Stadt.


Die Autostrada ist kostenpflichtig, und wie ich lernen soll, gar nicht billig. Ich düse in Richtung Palermo, zuerst halte ich mich an die Geschwindigkeitsschilder, aber irgendwann gebe ich es auf, als sogar die LKW an mir vorbeipfeifen wie bei der Ralley. Mit leicht überhöhter Geschwindigkei bilde ich hier ein Verkehrshindernis wie anderswo ein Traktor….Außerdem bin ich die mitleidigen und genervten Blicke der Vorbeiziehenden leid.


Der erste Tunnel ist über dreieinhalb Kilometer lang. Und kaum beleuchtet, aus irgendeinem unerfindlichen Grund darf zudem nur eine Spur befahren werden – also Kolonne fahren in dem dunklen, engen Tunnel. Stress. Kaum haben wir den ersten Tunnel für ein paar hundert Meter verlassen, kommt der nächste und so geht es den größten Teil der Strecke weiter. Die Tunnel sind eng – nichts für Klaustrophobiker . Einige sehen wenig vertrauenerweckend aus mit all dem schwarzen Schimmelund der Feuchtigkeit. Mal sind die italienisch Galleria genannten Tunnel halbwegs beleuchtet, meist sehr wenig, einer gar nicht. Das ist wie Geisterbahn fahren, aber selber lenken. Der deutsche TÜV würde in Katatonie verfallen. Bei den riesigen Sattelschleppern bleibt oft nur wenig Abstand zur Tunnelwand. Aber – alle fahren aufmerksam, ohne Lichthupe und andere Nervereien.


Am lustigsten finde ich die regelmäßig wiederkehrenden Baustellenschilder. Manche sogar mit Spurschließungen….Ich habe nicht eine einzige Baustelle, keinen Sandhaufen, keine Schippe, keinen Arbeiter auf der ganzen Strecke gesehen. Und die Einschränkungen und Anweisungen interessieren folgerichtig auch niemanden…Sehr kurios. Aber dennoch beeindruckt mich die Strecke! Wieviel Jahre haben die an dieser irren Tunnelstrecke gebaut?? Und wenn man nicht im Tunnel ist, fährt man fast immer über gigantische Viadukte! Unglaublich. Trotzdem nervt mich die Strecke, ich komme mir vor wie ein Maki: Die Augen immer weit aufgerissen, um im Dunkeln zu sehen. Und von der wunderbaren Landschaft sehe ich auch nicht eben viel.


Aber die wenigen Aussichten sind dafür sehr schön. Das glitzernde Meer, die grünen Berge und die Ortschaften, die sich vor allem am Meer zusammenducken. Endlich kommt mein Abzweig nach Cefalú. Eine einzige lange Straße führt in die Stadt, ich drehe ein Runde um mich zu orientieren, dann parke ich das Auto in der Hautstraße, da ich weiß, dass die Altstadt für den Autoverkehr weitgehend gesperrt ist. Brav suche ich einen Parkautomaten, denn da verstehen sie hier keinen Spaß. Ich finde nur einen einzigen und der will mein Geld nicht. Ich muss einen leicht verzweifelten Eindruck gemacht haben. Ein älterer Herr will mir helfen, haut aber schließlich auch nur noch entnervt auf das Teil und winkt mich hinter sich her bis zu seinem Auto. Er nimmt seinen Parkschein raus -da sind noch fast vier Stunden offen- und schenkt ihn mir. Das ist doch mal ein Gentleman!


Leider ist es inzwischen halb zwei – alle Geschäfte machen zu. Vor halb fünf passiert hier nichts. Die Stadt isst und schläft. Also wandere ich in Richtung Altstadt, suche mir ein nettes kleines Restaurant und bestelle was ganz Ungewöhnliches: Pizza! Es gibt auch noch ein italienisches Schauspiel gratis: Ein Auto blockiert alle anderen auf einem winzigen Platz, weil der Fahrer mal eben was erledigt. Geschrei und geschüttelte Fäuste, ein anderer verliert die Nerven, drängelt sich vorbei und fährt laut scheppernd über ein Verkehrsschild. Steigt aus, stellt es an eine Hauswand. Inzwischen ist auch der verschwundene Fahrer wieder aufgetaucht und alle fahren friedlich davon als wäre nichts gewesen. Wer wird denn wegen sowas die Carabinieri stören – die haben auch Mittag!


In der Altstadt haben zumindest einige Geschäfte der Touristen wegen geöffnet. Es ist nett, hier herumzuschlendern in den engen Gassen, die mich stark an Pontevedra in Galizien erinnern. Eine schöne alte Kirche steht am Anfang eines Weges, der auf einen riesigen Felsen mitten in der Stadt führt, Oben thront eine Festung. Aber mein heldenhafter Vorsatz, trotz der Schwüle hinaufzusteigen, erledigt sich – der Weg ist wegen Instandsetzungsarbeiten geschlossen.


Ich kaufe ein paar Mitbringsel, schlendere noch ein wenig und beschließe dann, einen Abstecher an den bekannten Sandstrand zu machen, der direkt an Stadt und Altstadt anschließt. Aber meine Verweildauer verkürzt sich stark angesichts des überfüllten Strandes, viele Abschnitte sind von den engstehenden Liegen der Hotels blockiert, der kleine Rest ist voll und nicht sehr sauber – einfach schrecklich. Ich flüchte ins Meer und verschwinde auf der Stelle wieder.


Auf dem Rückweg zum Auto entdecke ich einen wunderbar altmodischen Delikatessenladen, der nur Einheimisches verkauft. Der dicke Chef, offenbar Vorkoster persönlich, erkennt gleich das Leckermäulchen in mir und ich werde mit reichlich Kostproben von Käse und anderem verwöhnt – ich muss nur immer die Augen schwärmerisch verdrehen und „molto bene“ sagen. Aber – seine Rechnung geht auf und am Ende lasse ich ein ordentliches Sümmchen da und gehe mit einem schweren Beutel raus…
Der Rückweg wird wieder unerwartet etwas abenteuerlich, da das Navy , wie schon gesagt, hier angesichts der vielen gewundenen Straßen und des oft fehlenden Signals alles andere als verlässlich ist. Es führt mich zuerst auf die alte Küstenstraße nach Messina, die sich mit tausend Kurven, aber einem herrlichen Blick oberhalb des Meeres entlangwindet. Gerade habe ich beschlossen, die längere Strecke in Kauf zu nehmen, weil sie so schön ist, führt mich das Navy an einem Kreisverkehr völlig falsch auf eine immer schlechter werdende Straße, die in einem weiten Bogen unter der Autobahn durch rund um eine riesige Schlucht führt.


Meine Fahrkünste werden ein weiteres Mal getestet, als sich die Straße fast auflöst und in einen steilen Holperweg mit 170 Grad- Kurven direkt am Berg verwandelt. Eigentlich eine tolle Gegend und ich fahre durch Wildnis, aber auch an sehr schönen Gehöften vorbei, leider kann ich aber nichts wirklich anschauen, dazu ist die Strecke zu…anspruchsvoll. Endlich aber komme ich wieder auf die schöne Küstenstraße. Die ist zwar einspurig und eine Kurve geht in die nächste über, a ber sie ist gut asphaltiert und erscheint mit nun paradiesisch. Ich habe den Strand von Gioiosa Marea angepeilt und hoffe, noch zum Sonnenuntergang ein Bad nehmen zu können.


Irgendwie lande ich aber doch wieder eine Weile auf der der Autobahn….Aber letztendlich fahre ich früher ab und so erfahre ich, dass Gioiosa Marea nicht nur aus den auf den Bergen verteilten Anwesen besteht, sondern eine alten Ortskern am Meer hat. Richtig mit Kirche, Geschäften und Hauptstraße und ein paar Restaurants. Allerdings findet das Navy danach wieder nicht die richtige Straße zum benachbarten Strand. Und ringelt sich am Berg hoch und runter. Ich habe wohl die Überraschúngsroute gebucht….


Rund 12km später wird s mir zu dumm und ich biege einfach an einer kleinen Straße Richtung Meer ab – und lande in Capo Calava, einem wunderschönen Kiesstrand, der an einer beeindruckenden steilen Felsklippe endet. Ein Diskothek thront an der Straße, aber die schläft noch. Die letzten paar Strandbesucher sind gerade im Abmarsch, was ich gar nicht verstehen kann. Denn die Sonne verwandelt sich eben in einen orangen Ball kurz über dem Meer. Sunset. Ich stürze mich nach der langen Fahrt doppelt glücklich in die Fluten und schwimme der untergehenden Sonne entgegen. Was für ein Moment!


Ich beschließe, dermaßen erfrischt, noch einmal nach Gioiosa Marea zurückzufahren und mich in eine Bar zu setzen, einen Happen zu essen und einen kleinen Spaziergang zu machen. Das örtschen entpuppt sich als hübsch und gemütlich: mit einer kleinen Piazza, auf der die Alten zum Plausch sitzen, einer scheppernden kleinen Kirchturmglocke und einer angesagten Bar, vor der die Verliebten sitzen und Aperol Spritz trinken.
Ich kann aber erst mal nichts bestellen, denn es gibt keine Speisekarte, nur einen Barcode auf dem Tisch. Verstohlen lade ich eine App herunter, denn der Kellner scheint nicht mal auf die Idee zu kommen, dass jemand keine hat, so entschlossen, wie er auf den Code zeigt. Schöne neue C-Zeit.


Zufrieden setze ich mich später wieder ins Auto und denke, die paar Kilometer den Berg hoch schaffe ich nun auch noch. Aber da habe ich ein weiteres Mal die Rechnung ohne sizilianische Straßenführung gemacht. Es ist stockfinster, die Gegend fremd und voller kleiner Straßen – ich muss nach Navigation fahren. Und – fast schon zu erwarten: Das verdammte Ding führt mich auf die schrecklichsten „Straßen“ , die es hier gibt. In weitem Umweg über Bergkuppen und Strecken, die mich schweißgebadet ans Steuer ketten. Und wenn ich hier abrutsche, dann findet mich keiner….
Aber Ende gut, alles gut, ich hab’s geschafft. Glücklich verleibe ich mir noch einen leckeren Hauswein ein, der übrigens direkt hier auf dem Gut wächst, und falle in mein Bett.