4 – Napoli von oben

Heute gönne ich mir ein Frühstück, obwohl ich eigentlich nie frühstücke. Aber das Café am Platz, das gerade öffnet, ist zu verlockend: ein Cappuccino, ein duftendes, gefülltes Cornetto (Croissant) und eine Viertelstunde „Napoli vor dem täglichen Ansturm“ genießen. So muss der Tag anfangen. Meine Lehrerin kommt vorbei und ich hefte mich an ihre Fersen, denn verpassen möchte ich auch nichts von dem guten Kurs.

Vier Stunden später und den Kopf voller Grammatiksalat steht ein neuer Entdecker-Zug durch die Stadt an. Leider nieselt es und ich muss feststellen, dass meine alten Sneakers undicht sind … Wenigstens ist es nicht kalt. Wir haben heute die andere – bekanntere – Katakomben-Tour auf dem Plan, in Spaccanapoli, an der Piazza San Gaetano. Aber als wir dort ankommen, müssen wir feststellen, dass es eine lange Schlange Wartender gibt, die alle schon eine Eintrittskarte haben. Ein Ordner schüttelt nur den Kopf: Der ganze Tag ist ausverkauft.

Also suchen wir uns ein Restaurant in einem regengeschützten Kolonnaden-Gang und stopfen uns mit Parmiggiana und Pizza voll. Die Wartezeit nutzen wir, um online ein Ticket für den nächsten Tag zu buchen – auch schon fast alles ausverkauft. Einen Schrecken jagt mir eine weiß gekleidete menschliche Gestalt auf dem Fenstersims im ersten Stock des Hauses gegenüber ein. Mein erster Impuls: Oh Gott, der fällt gleich runter! Aber der zweite Blick macht klar: Es ist wieder einmal eine lebensechte Pulcinella-Figur, Spassmacher und Symbolfigur des neapolitanischen Volkstheaters. Ihr begegnet man hier in jeder Form: als Bild, Figur, Grafitti, Schlüsselanhänger etc.

Ein weiterer Spaziergang bringt uns zur Piazza Bellini, an dem alte Bäume im Sommer einigen der netten Cafés Schatten spenden. Wieder ein Tipp einer Lehrerin: das Caffè Arabo: Etwas alternativ, eher von Einheimischen frequentiert. Im Angebot arabischer Mokka mit Kardamom und leckere, aber ziemlich süße Dolci aus Honig, Feigen und Nüssen. Und grün-weiß-rote Coca-Cola-Dosen mit dem Aufdruck „Free Palastine“. Eher kein Touristenlokal.

An den Platz anschließend kommt man in die Via Port´ Alba, eine wunderbare kleine, gewundene Straße, in der sich ein alter Buchladen an den anderen reiht. Neue, alte und besondere Bücher in kleinen Läden. Wäre mein Italienisch besser, hätte ich hier mit Sicherheit zugeschlagen. Ein bisschen fühlt es sich wie „zu Hause“ an, denn ich bin in einem Haus voller Bücher aufgewachsen. Unbedingt zu empfehlen!

Mit Blick auf den Stadtplan beschließen wir zur Station der Zahnradbahn , der Funicolare, am Ende der Via Toledo zu spazieren und damit hoch auf den VomeroHügel zu fahren. Es gibt vier Zahnradbahnen in der Stadt, aber diese ist die wohl bekannteste. Die Standseilbahn verbindet das Zentrum mit den Stadtteilen Mergellina und Posillipo – doch das ist eher für die Einheimischen wichtig. Touristen nutzen die Bahn um zur Festung Sant´Elmo zu kommen.

Wir kommen gerade noch rechtzeitig, um in Ruhe auf die alte Festung klettern zu können, und dann von oben den großartigen Ausblick auf den Vesuv, die Stadt, das Meer und die Inseln Ischia und Capri zu genießen.

Die wechselhafte Geschichte der riesigen Burg geht bis ins 14. Jahrhundert zurück. Aber besonders verdient gemacht hat sich mit dem Wiederaufbau und der Erweiterung der Burg der spanische Vizekönig von Neapel, Pedro Alvarez de Toledo, der die Festung zwischen 1537 und 1547 wiederaufbauen und erweitern ließ. Die Burg ist sternförmig in sechs Wällen angelegt. Sie wurde auf die unterschiedlichste Weise genutzt, von den jeweiligen Herrschern in der verrückten, wechselhaften Geschichte dieser Stadt. Sant’Elmo war auch ein Symbol der nur kurz währenden Neapolitanischen Republik von 1799.

Man sollte auf jeden Fall Zeit (und außerhalb des Sommers eine dicke Jacke) mitbringen, denn es dauert einige Zeit, bis man die alten Aufgänge bis oben hinaufgeklettert ist und oben die Ausblicke auf dem weitläufigen Umgang genossen hat.

Nachdem der Vesuv zur Belohnung für die Kletterei nun aus dem ganztägigen Wolkenversteck aufgetaucht ist und majestätisch im Abendlicht vor sich hin raucht, dürfen wir auch noch einen orange-rosanen Sonnenuntergang, den tramonto, über Ischia genießen. Dann aber zieht es mich ganz schnell nach unten, denn ohne wärmende Sonnenstrahlen ist es in luftiger Höhe plötzlich verdammt kalt.

Noch einen Campari zum Ausklang in einer der vielen Bars um die Station der Funicolare und dann geht es wieder ins Tal und zurück durch das Gewimmel der Altstadt. Diesmal waren wir schlauer als gestern und haben auf dem Rückweg das Lokal Casa di Santa Chiara angerufen und einen anderthalbstündigen Essensaufenthalt gewährt bekommen. Es ist ein kleines, enges, zweistöckiges Restaurant, in dem der Chef kocht. Gekocht wird mit Biogemüse und regionalem Fleisch und Fisch. Und es ist proppevoll mit Einheimischen.

Aber auf dem weiteren Heimweg müssen wir in Ruhe noch einen Amaro in einer Bar zur Verdauung trinken. Inzwischen hat es ziemlich heftig zu regnen begonnen, was mich wieder unliebsam an meine undichten Schuhe erinnert … Zufrieden und hundemüde fahren wir mit dem museumsreifen Fahrstuhl zu unserem kleinen Apartment hoch. Aber es hilft nichts, ich muss noch einen Text für den nächsten Kurstag schreiben … egal. Es war ein weiterer toller Tag in Napoli!