Der Tag beginnt mit Nieselregen, aber immerhin – tröste ich mich – ist es nicht so kalt wie in Deutschland. Und irgendwie geht mir jeden Morgen von Neuem das Herz auf, wenn ich durch die alten Gassen laufe. Vielleicht denkt der eine oder andere Inhaber der kleinen Läden schon, dass bei mir was nicht stimmt, da ich immer alle mit breitem Grinsen grüße … Aber ich freue mich einfach immer wieder hier sein zu dürfen.
Nach dem Kurs bleibt heute keine Zeit für pranzo (Mittagessen), denn wir haben ja einen festen time slot für unsere Katakomben-Tour mit Napoli Sotteranea von der Piazza San Gaetano. Es herrscht wieder ein riesiger Andrang. Die Gruppe ist wesentlich größer als bei unserer ersten Untergrund-Tour und es tummeln sich noch weitere Gruppen hier im Untergrund. Trotzdem: Auch diese Tour ist spannend und versetzt einen immer wieder in Erstaunen, was Menschen alles mit einfachsten Mitteln geschafft haben. Dieses über 450 km lange Netz aus Tunneln durch den Tuffstein dürfte jeden zum Staunen bringen.
Diese Tour geht zum Teil bis zu 40 m Tiefe. Und es gibt auch etwas neues, anderes zu sehen als am Vortag: Blau schillernde klare Wasserbecken in den etwas größeren Grotten – zwei römische Zisternen – deren klares Wasser in der spärlichen Beleuchtung hellblau leuchtet, und ein Pflanzenprojekt. In einer Höhle beobachten Wissenschaftler, wie sich Pflanzen, die man allerdings mit ein paar Lampen recht spärlich beleuchtet, unter diesen Bedingungen entwickeln.
Von den weiteren Erklärungen des Guides kann ich allerdings nur wenig verstehen, die Akustik ist schlecht, die Gruppe relativ groß, und ständig sind schon andere Gruppen vor oder hinter unserer … trotzdem spannend. Nach den Tunneln steigen wir noch einmal zum Eingang zurück und gehen auf der Straße um zwei Ecken, wo wir über einen kleinen, alten Hauseingang in das etwas düstere, spartanische Innere des Hauses gelangen.
Eine Art kombinierter Wohn-Schlafküche mit einem alten Metallbett, das sich beiseite schieben lässt und darunter den Einstieg in ein weiteres, nicht sehr tiefes Tunnelsystem versteckt: das alte griechische-römische Theater. Inzwischen ist das ursprüngliche Amphitheater aber von einem ganzen Wohnviertel überbaut worden. Teile des römischen Theaters sind aber unter den Häusern wieder freigelegt und zugänglich gemacht worden. Aber es ist ein bisschen Phantasie gefragt, wenn man sich das Ganze richtig vorstellen will. Trotzdem war es ganz spannend, hier durch den geschichtsträchtigen Untergrund unter den Wohnhäusern herumzuklettern und sich vorzustellen, wie es hier wohl einmal war – vor rund 2000 Jahren. Schade nur, dass man dem Guide anmerkte, dass er die Führung Tag für Tag x-mal macht …
Wieder am Tageslicht schlendern wir ein weiteres Mal durch die quirligen Gassen der Altstadt – wieder bin ich fasziniert, wie es Autos und Roller schaffen, sich durch das Gewühl zu schieben, ohne jemanden zu verletzen. Bürgersteige gibt es nur ganz selten, und wenn, sind sie oft zu schmal, um auch nur einen Teil der Fussgänger aufzunehmen. Und abgesehen davon, sind die Roller teilweise in einem Zustand, der jeden Deutschen in Panik versetzen würde – Schrott on the road …
An der Station „Duomo“ nehmen wir die Metro um nach Lungomare zu fahren, die Küste von Napoli, wo auch der Hafen für die großen Fähren liegt. Nach einem kleinen Fußmarsch von der U-Bahn-Station Mergellina gelangen wir schließlich durch einen kleinen Park an die Küstenlinie. Links liegt der wenig malerische Hafen mit den riesigen Fähren, die Straße am Meer entlang ist wegen Bauarbeiten gesperrt …
Aber der Ausblick von der Kaimauer dazwischen ist wunderbar. Die Sonne nähert sich dem Horizont und färbt die Wolken orange. Links blickt man auf die Küste der Halbinsel von Sorrent und Amalfi in der Ferne, daneben thront der Vesuv mit einem Wolkenmützchen. Weiter rechts dann geht die Sonne über Ischia unter und beleuchtet noch den Himmel über Capri. Bei einem Campari lasse ich soviel Schönheit einfach mal wirken …
In der Dämmerung spazieren wir wieder landeinwärts. Vor uns tut sich die riesige Piazza Plebescito auf, an der der Palazzo Reale liegt, seit den 1990er Jahren ein staatliches Museum. Heute Abend aber wird gerade die halbe Piazza mit dem Aufbau hässlicher Buden verschandelt, RAI-Techniker ziehen Kabelbündel durch die Gegend – hier findet am nächsten Tag – wie wohl des öfteren – ein Konzert statt. Gegenüber liegt die Chiesa di Santa Croce di Palazzo. Der riesige, eher flache, aber ausladende Bau ist sehr eindrucksvoll. Aber wir haben heute schon genug besichtigt und versuchen gar nicht erst herauszufinden, ob sie geöffnet ist …
Wenn es nicht so spannend wäre, durch den abendlichen Trubel zu laufen, wäre ich wahrscheinlich angesichts des Rückwegs nach dem anstrengenden Nachmittag verzweifelt. Aber es gibt soviel zu sehen und zu beobachten, dass man die schweren Beine fast vergisst. Inzwischen sind – am Ende des Tages – auch Napolitaner im Ausgehmodus. Wieder bin ich begeistert, wie stilvoll und elegant sich die Frauen der Stadt am Abend eines ganz normalen Wochentags zurechtmachen. Da passt alles zueinander: Bluse, Schal, Jacke, Schmuck, Make Up. Aschenputtel aus Berlin in Jeans und T-Shirt versucht nicht aufzufallen …