6 Tana Toraja – gelebte Tradition

Wir haben viel vor in den kommenden Tagen. Ganz im Mittelpunkt natürlich: eine Begräbnis-Zeremonie. Und die gibt es hier so regelmäßig, dass man fast immer das Glück hat, eine mitzuerleben – beziehungsweise einen Tag davon.

Denn tatsächlich dauert jedes Begräbnisfest 4 oder 5 Tage. Wie groß, lang und prachtvoll es ausfällt, hängt davon ab, wie reich die Familie ist. Aber auch die kleinen Leute versuchen, ihren Toten auf diese Weise die letzte Ehre zu geben, nur wer es sich gar nicht leisten kann und auch niemanden hat, der Geld leiht, begräbt seine Toten einfach. Rambu Solo heißen diese Feste, mit denen der Verstorbene ins Jenseits, das Puya, geleitet wird.

Doch auf dem Weg zur Zeremonie machen wir zuerst noch einen Abstecher nach Kete Kesu. Hier erklärt uns unser Führer mit dem christlichen Namen Johannes erstmal ein bisschen Wesentliches aus Tana Toraja: Leben und Sterben. Der Ort hier steht unter Denkmalschutz, trotzdem dürfen die Familien, denen die Gebäude hier gehören, sie weiter benutzen.

Ich habe bisher eine Besonderheit dieser Region unterschlagen – unverzeihlich, macht sie doch das Gesicht von Tana Toraja aus: die ganz spezielle Bauweise der Häuser mit beidseitig spitz weit nach oben hochgezogeneen Giebeln, bunt, mit Schnitzereien und meist Büffelhörnern geschmückt und auf Stelzen gebaut. Was es damit auf sich hat, haben wir in Kete Kesu gelernt.

Es gibt zwei verschiedene Hausarten, die aber beide bis heute bei allen Familien, die es sich irgendwie leisten können, zusammengehören. Zunächst die etwas kleineren, als Reisspeicher genutzen Häuser. Reis ist kostbar, ernährt hier jede Familie und muss gut gelagert werden. Fast alle Familien haben hier noch Reisfelder, die einen Großteil der Ernährung über das Jahr ausmachen. Diese besonderen Speicher werden gebraucht, nachdem der Reis geerntet und getrocknet wurde. In dem Raum auf Stelzen wird er hier gelagert. Es ist recht mühsam, ihn auf der schmalen Leiter in die kleine Tür zu schieben, aber oben ist er sicher vor Mäusen und anderen Schädlingen. Diese wunderschön aussehenden, aufwändig verzierten Speicher heißen Alan.

Das eigentliche traditionelle Wohnhaus , das Tongkonan, ist größer, da es ja der Lebensraum für die ganze Familie samt Eltern der Frau war bzw. ist. Die ungewöhliche Form kommt daher, dass das indigene Volk in Toraja ursprünglich mit Schiffen angelandet war und am Meer gelebt hat, bevor es hier in die Berge kam, um zu siedeln. Ihre Sehnsucht nach dem Meer haben sie in der Form der Häuser ausgedrückt; daher die wie bei einem Schiff hochgezogenen Giebel. Die hölzernen Fassaden sind geschnitzt und in vier Farben bemalt: orange, gelb, weiß und schwarz.

Wir konnten hier ein solches – nicht mehr als Wohnhaus genutztes – Tongkonan besichtigen. Es ist mühsam, über eine schmale, steile Leiter und eine ebenso kleine Öffnung in das Haus zu gelangen, was wohl auch der Grund dafür ist, das viele Familien heute entweder in einem einfachen Haus dahinter wohnen oder – neuerdings – eine Außentreppe angebaut wird. Es gibt drei Räume: Wohn- und Schlafraum der Famile, gegenüber das Zimmer für die Eltern der Frau. Und in der Mitte, etwas tiefer, liegt die Kochstelle im Esszimmer. Alle nichts für große Menschen… Übrigens: Wenn ein Familienmitglied stirbt, gilt es bis nach der Begräbniszeremonie als schlafend und bleibt im Schlafzimmer. Ein bisschen befremdlich …

Außen am Haus werden an einem senkrechten hohen Balken die Büffelhörner aller Begräbniszeremonien der Familie angebracht – Zeichen des Wohlstands. Aber dazu komme ich später.

In Kete Kesu erfahren wir auch, wo die Toten nach der Beerdigung hinkommen: Sie bekommen ein eignes Totenhaus. Früher aus Holz, aufwändig geschnitzt und verziert, mit einem Bild oder einer Skulptur der/des Toten. Heute können sich das viele nicht mehr leisten. Da die Toten aber in der Nähe der Familie bleiben sollen, werden neben den Wohnhäusern einfach Häuser aus Beton für die Verstorbenen gebaut und mit einem Bild von ihnen versehen. In einem Totenhaus können auch mehrere Verstorbene „wohnen“, Hauptsache, sie sind in der Nähe der Familie.

Kete Kesu hat noch mehr zu bieten. Es geht noch exotischer. Hinter dem Dorf mit den Totenhäusern führen in den Fels gehaune Stufen einen steilen Berghang hoch. An den senkrechten Felswänden hängen kleine Särge, schön verziert. Auch sie haben Deckel mit der Form eines Schiffs, sie sind inzwischen leicht verrottet, manchmal sogar zerfallen. Auf Holzbalken darunter oder Felsvorsprüngen sind die alten Knochen und Schädel gestapelt. Ein bisschen gruselig, ja, aber irgendwie nicht so, wie sich das hier anhört. Irgendwie passt das alles zusammen.

Es ist heiß, der Kopf ist voll von all den neuen Informationen und Eindrücken. Dennoch bleibt nur Zeit für ein Eis und schon geht es weiter mit dem Auto zum großen Ereignis: der Begräbniszeremonie, die in einem Dorf in den Bergen stattfindet. Doch das ist Stoff für das nächste Kapitel.

5 – Auf nach Tana Toraja

Bye bye Makassar, auf zu neuen Ufern! Pünktlich steht unser Fahrer vor der Tür. Beim Schwatz vor der Fahrt bietet er an, die ganze Zeit, bis wir auf die Togian Inseln fahren, unseren Transport mit allen Pausen, Ausflügen und Sonderwünschen zu übernehmen. Für einen Pauschalpreis will er auch alle Eintrittsgebühren, Mautgebühren und ähnliches übernehmen. Außerdem würde er uns in Tana Toraja einen Guide organisieren, den er auch bezahlt.

Wir überlegen ein bisschen, kommen aber schnell zu der Überzeugung, dass sein Angebot gut ist und uns viel Nervereien erspart. Dazu sollte vielleicht noch einiges zum Thema Reisen innerhalb von Indonesien – und besonders auch auf Sulawesi – gesagt werden. Die Insel ist riesig und wir haben eigentlich vor, bis in den äußersten Norden auf die Bunaken-Inseln zu fahren. Ob und wie wir das schaffen, ist noch unklar, auch wieviele sehenswerte Orte wir sehen können.

An dieser Stelle sollte ich noch ein paar Worte über die Art in Indonesien zu reisen sagen. Es lohnt sich fast immer, einen Fahrer zu nehmen, da die öffentlichen Busse wirklich nicht zu empfehlen sind uns normalerweise ewig brauchen. Und unser nächstes Ziel ist rund 350km entfernt. Dazu kommt, dass es hier keinerlei Eisenbahlinien gibt, bis auf ein winziges Pilotprojekt an der Ostküste und öffentliche Busse in Indonesien ein zweifelhaftes Vergnügen sind – sehr langsam und alt. Meine Freundin und Indonesien-Kennerin sagt immer: Egal wohin du fährtst, egal wie weit es ist: Es dauert einen Tag.

Also küren wir Anton zum Fahrer für die nächste Woche. Nachdem wir uns endlich aus der nicht enden wollenden Stadt gequält haben, hat es zu regnen begonnen. Im Laufe der kommenden Stunden sollte sich das noch steigern. Aber zunächst mal scheint es schnell wieder aufzuhören. Rund anderthalb Stunden nördlich von Makassar wollen wir einen Abstecher nach Rammang Rammang machen, ein Dorf in einem spektakulären Karstgebiet – so unsere Info. Dort wollen wir Boot fahren.

Zu Rammang Rammang gehört ein kleines Dorf, ein Fluss und eben die Karstfelsen mit einigen Höhlen. Als wir ankommen, scheint die Sonne so heiß, dass ich mir erstmal einen Strohhut mit breiter Krempe kaufe – eine weise Entscheidung! Anton mietet ein Longboot mit Fahrer, derweil strahlen uns einige Menschen freundlich an und wir müssen unbedingt mit auf´s Familienfoto.

Die Fahrt ist ein echter Traum! Der relativ schmale Fluss schlängelt sich durch hohen einen dichten Wald aus Mangroven, Bambus und Bananenstauden. Gelegentlich ragen – schön, aber gefährlich – spitze Felsen aus dem Wasser, doch unser junger Bootsführer steuert haarscharf und sehr flott, aber sicher daran vorbei. Wir gleiten durch eine spektakuläre Karstlandschaft: Rundherum ragen hohe, steile Berge auf, die so ganz anders aussehen als die Gebirge in unseren Breiten. Tiefgrün bewachsen von riesigen Laubbäumen, bei denen man sich gar nicht vorstellen kann, wie sie an den steilen Felsbergen überhaupt wachsen können. Die Gipfel schmücken sich mit sich ständig verändernden Wolkenmützen, sonst ist der Himmel strahlend blau.

Rammang Rammang ist das drittgrößte Karstgebiet der Welt mit 45.000 ha Ausdehnung. Das Gebiet ist ungefähr 30.000 Jahre alt. In den Höhlen wurden 53.500 Jahre alte Felsmalereien und Handabdrücke entdeckt, die als die ältesten der Welt gelten. Was für eine verrückte Vorstellung! Leider ist diese Höhle sehr schwer zu erreichen und wir müssen uns mit der Information und der Vorstellung begnügen, durch ein solch historisches Gebiet zu fahren.

Die Fahrt endet in einem kleinen, friedlich in die Landschaft am Fuße der Berge gestreuten Dorf: Kampung Parua. In einer grünen Ebene inmitten der Karstberge gelegen, von Reisfeldern umgeben. Wir laufen über schmale, erhöhte Stege durch die Felder. Allerdings fehlt manchmal ein Stück der ziemlich maroden Holzbohlen und man muss vorsichtig sein, wenn man nicht in die unter Wasser stehenden Reisfelder fallen oder an einer fiesen, rostigen Eisenhalterung hängen bleiben will. Es ist heiß, aber die Blicke über diese tolle Landschaft entschädigen vollends.

Unterwegs klettern wir zu kleineren Höhlen ein Stück die Berge hoch. Die sind sehr schön anzusehen mit ihren Felsen, in die man alles Mögliche hinein interpretieren kann, aber sie sind nicht spektakulär. Vor der letzten Höhle gibt es ein kleines Restaurant, bestehend aus zwei Betonsockeln und einem Blechdach und ein paar Plastikmöbeln. Wir machen Rast und kühlen uns vor dem Ventilator mit einer frischen Kokosnuss ab. Weitere Gäste gibt es nicht, wir haben bisher auch noch keine getroffen. Es ist keine Saison.

Warum, das wird uns auch schon im nächsten Augenblick erinnerlich: Es ist Regenzeit und es geht ein Schauer nieder. Aber damit ist es auch schon ausgestanden. Dachten wir. Wir machen uns auf den Rückweg auf der anderen Seite des Tals. Schon nach ein paar Minuten regnet es wieder und diesmal crescendo, will sagen: Es steigert sich heftig.

Zum Glück kennt Anton sich hier aus und treibt uns ein kleines Stück weiter, wo wir Unterschlupf finden. Die einfachen Häuser des Dorfes stehen alle auf hohen Stelzen, unter der Wohnetage ist jeweils ein Holzplateau eingezogen, das als Sitzfläche, Abstellfläche, manchmal auch Küche dient. Für die Bewohner ist es selbstverständlich, dass man anderen bei Regen Unterschlupf gewährt. So sitzen wir dort über eine halbe Stunde schweigend bei einer Familie, starren in den Regen und hoffen auf ein Nachlassen des Wolkenbruchs, die der Wind vor sich hertreibt.

Schließlich versuchen wir, uns auf den Rückweg zu machen, aber die nächste Sintflut treibt uns in den nächsten Unterschlupf, der schon ziemlich überfüllt ist. Die Hausherrin verkauft uns ein paar einfache Regencapes und beim nächsten Nachlassen des Regens laufen wir so schnell hier möglich Richtung Hafen.

Da klar ist, dass der Regen so schnell nicht mehr aufhören wird – ein Blick nach oben zeigt dramatisch um die Berggipfel ziehende Gewitter-und Regenwolken – klettern wir schirm-und capebewährt ins Boot und lassen uns zurückfahren. Klatschnass klettern wir an Land, rennen zum Auto und versuchen, uns unter der Kofferraumklappe etwas halbwegs Trockenes anzuziehen, denn wir haben noch eine ziemliche Strecke vor uns.

Ausgehend davon, dass es noch gute 300 km nach Rantepao, unserem Ziel in den Bergen, sind und wir schon anderthalb Stunden gefahren sind, habe ich damit gerechnet, dass uns vielleicht noch drei Stunden bis zum Ziel fehlen. Das sollte sich allerdings als großer Irrtum erweisen – aus zwei Gründen.

Der Regen draußen wechselt beständig zwischen Starkregen und Wolkenbruch, der Verkehr ist trotzdem genauso dicht und chaotisch wie immer, nur etwas weniger Motorräder sind unterwegs. Einige Bäume waren dem Sturm zum Opfer gefallen, zum Glück neben der Fahrbahn.

An dieser Stelle fiel mir wieder die Faustregel ein: Wohin du auch willst – es dauert einen Tag. Und das sollte sich wieder einmal bestätigen. Mit einer Essenspause in einem Sturm- und Regen-umtosten Restaurant am Meer, bevor es in die Berge geht, kamen wir nach acht Uhr abends an … nach einem Tag!

Rantepao ist die bekannteste Stadt der Provinz Tana Toraja. Die Stadt liegt strategisch perfekt für viele Ausflüge und Aktivitäten, auf einer Hochebene, an einem Fluß , umgeben von hohen Bergen. Aber das, was sie so besonders macht, ist, dass man hier fast immer an ganz besonderen Beerdigungszeremonien teilnehmen kann. Dazu später. Nur soviel: Die uralte Tradition des indigenen Volkes der Toraja ist bis heute ein fester Bestandteil des Lebens der Menschen hier. Besonders an Rantepao und Tana Toraja ist auch, dass hier vor allem Christen leben, im Gegensatz zum fast ausschließlich muslimischen Süden.

Aber dazu später, hier wollte ich nur erklären, was uns hergeführt hat. Anton fährt uns noch in unser Quartier, ein Bungalow beim Homestay Bait Lino, das rund zweieinhalb Kilometer außerhalb der quirligen Stadt, eingebettet in Reisfelder, an einem Fluß liegt. Ein einfacher Bungalow mit Blick auf endlose grüne Reisfelder und dahinter hohe grüne Berge. Noch ein Bier auf dem Balkon und dann totmüde ins Bett.

4 – Noch mehr Makassar

TAg 2. Das Aufwachen ist vorfristig und gar nicht gut – irgendetwas war in der Luft – vielleicht vom Nebenraum, der renoviert wird. Jedenfalls bin ich von Kofschmerzen undd brennenden Schleimhäuten aufgewacht. Und schon steht der Entschluss – nur noch eine Nacht, dann reisen wir weiter Richtung Norden.

Der Guesthouse-Besitzer hat, wie das hier immer ist, sofort einen Kontakt von einem Fahrer, der uns mit seinem Auto bis Rantepao in Tana Toraja bringen wird, unserem nächsten Ziel. Das Reisen hier ist ein bisschen speziell: Es gibt keine Eisenbahnverbindungen und die öffentlichen Busse sind so gar keine Alternative. Zwar soll es einen neuen Luxus-Nachtbus geben, aber ob der besser ist, wissen wir nicht.

Der Plan steht, aber noch haben wir einen Tag, um mehr von Makassar zu sehen. Zuerst steht der Hafen Pelabuhan Paotere auf dem Programm, der in vielen Reiseführern als must see gilt.

Wir rufen uns über die hier fast unverzichtbare Grab-App ein Taxi und erleben wieder das Abenteuer „Die Straßen von Makassar“. Stoßstange an Stoßstange, eingequetscht zwischen viel zu vielen anderen Fahrzeugen, für die nicht annähernd genug Spuren da sind, auch gern mal auf der Gegenfahrbahn, bewegen wir uns Richtung Hafen. Als wir uns dem Ziel nähern, werden die Straßen des alten Hafenviertels immer schmaler, der Verkehr aber nicht weniger. Zwischen den Autos rumpeln Fahrrad- und Motorrad-Rikschas kreuz und quer, von den Fußgängern ganz zu schweigen. Chaos pur, Luft und Hitze tun ein übriges … Aber irgendwann ist es vollbracht und wir sind am Ziel.

Wir zahlen ein paar Rupien Eintritt und erleben das nächste gelebte Chaos: Am Kai liegen in mehreren Reihen Fischkutter, kleine und mittelere Fährschiffe, Transportschiffe aller Art. Das Ufer ist vor allem um die zentrale Landungsbrücke voller Menschen, die irgendwohin wollen, irgend etwas verkaufen wollen, auf was auch immer warten. Die Sonne brennt, es ist brutheiß, der Schatten der wenigen Bäume am Pier ist überbesetzt von Frauen mit Kindern, Körben, Säcken und Taschen, die darauf warten, irgendwohin fahren zu können.

Alles sieht ziemlich schäbig aus, inklusive einiger Schiffe. Der Asphalt der Uferstraße ist kaputt und wird zur Stolperfalle, wenn man nicht aufpasst. Dahinter liegen alle möglichen Lagerhallen, Werkstätten und – erst beim zweiten Hinsehen zu erkennen – tatsächlich einige kleine Restaurants. Davor rennen Hühner und Hunde herum, lagert Müll und wer weiß was sonst noch. Ich bin ja Abenteurer, aber hier würde ich nichts essen …

Wir wandern noch ein bisschen durch die Hitze und schauen Boote an. Zwischen den Lagerhallen und Werkstätten ist tatsächlich auch noch eine Moschee auf dem Hafengelände. Es war ein interessater Ausflug, aber angesichts der Hitze und der Tatsache, dass wir genug Atmosphäre geschnuppert haben, beenden wir an diser Stelle unser Hafenerlebnis. Ohne die im Reiseführer angepriesenen großen Segelschiffe gesehen zu haben – zu heiß!

Draußen vor der Hafeneinfahrt tobt der Wahnsinn, die Zufahrtsstraße ist völlig verstopft von Fußgängern, Autos, Motorrädern, Rikschas und Fahrrädern. Die Luft steht. Die Rikscha-Fahrer stürzen sich auf uns, aber die Preise sind absurd. Erst ein Stück weg vom Hafenzugang finden wir eine bezahlbare Motorrad-Rikscha. Fast gemütlich mit bester Sicht aus dem engen, nach vorn offenen Sitz geht es zurück ins Stadtzentrum.

Unser nächstes Ziel ist das Fort Rotterdam – Ausflug in die Kolonialgeschichte. Ursprünglich war hier das Fort Benteng Ujung Padang aus dem 16. Jahrhundert, aber nach der Eroberung durch die Niederländer wurde es 1667 in Fort Rotterdam umbenannt und im Kolonialstil umgebaut.

Etwas Besonderes ist es nicht nur durch die weißen, relativ schlichten Gebäude mit schattigen Kolonaden, sondern auch durch die großen Freiflächen mit grünem Rasen zwischen den Gebäuden – im Gegensatz zu dem super eng bebauten, grauen, durch den schwarzen Schimmel überall eher etwas düster wirkenden Umfeld der umgebenden Stadt. Aber sonst bin ich eher ein bisschen enttäuscht, ich finde es etwas langweilig.

Wir sehen uns noch das zum Fort gehörende Museum zur Geschichte Indonesiens an, die eigentlich extrem interessant und bewegt ist, aber die Sammlung ist nicht besonders liebevoll präsentiert und man müsste fast immer per Barcode alle Erklärungen auf dem Handy lesen. War trotzdem ganz spannend, aber zugleich auch etwas unbefriedigend. Genug gebildet, raus ins Gewühl.

Wir finden schließlich eine Fahrrad-Rikscha, die uns zurück in unser Viertel bringt. Nächstes Ziel: die 99 Kuppeln-Moschee. Wir lassen uns an der Strandpromenade von Losari absetzen, überqueren todesmutig die Kreuzung und laufen über eine große Brücke auf die neu aufgeschüttete Insel und stehen auch schon kurz darauf vor, bzw. neben der beeindruckenden riesigen Moschee mit den 99 Kuppeln in Rosa, Orange und Weiß – und natürlich dem passenden Minarett daneben.

Wow! Man kann nicht anders als beeindruckt zu sein. Das Gebet ist gerade vorbei als wir uns zum Haupteingang vorgearbeitet haben, die Moschee-Besucher verlassen gemächlich das Gotteshaus, viele setzen sich auf die Stufen der geräumigen Freitreppe mit Blick auf die Stadt am anderen Ufer und plaudern.

Bei den Frauen fallen mir die krassen Unterschiede auf. Natürlich tragen alle Kopftücher, aber während die einen richtig schick mit hellen, perlenbesetzten, eng anliegenden, rüschenbesetzten Oberteilen und modischen Sonnenbrillen herausgeputzt sind, sitzt die Freundin im bodenlangen, schwarzen Kleid mit ebensolchem Tschador daneben …

Wir schauen uns die riesige Mochee nun auch von innen an, ich habe extra ein großes weißes Tuch bei mir, das ich mit locker umbinde. Dafür ernte ich auch gleich einen hochgestreckten Daumen bei einem der Wächter. Er erbietet sich sofort, ein Foto von uns zu machen.

Eine Moschee außerhalb des Gebetes ist ja gefühlt sehr leer, da es keine Bänke, Beichtstühle oder ähnliches gibt. Aber die Größe ist beeindruckend. Vorn gibt es eine riesige digitale Anzeigetafel, die die Gebetszeiten im Maghreb rund um die Welt anzeigt. Maghreb ist nicht nur eine Region in Nordafrika , damit wird auch die Gebetsstunde zum Sonnenuntergang bezeichnet – habe ich nun gelernt. Mit hohen Sichtschutzwänden abgezäunt ist im hinteren Bereich der Gebetsraum für die Frauen.

Es ist Sammstagabend und im Umkreis der Moschee warten viele Restaurants, hier Warung genannt, auf Gäste. Es ist fast so etwas wie ein bisschen Volksfeststimmung. Für die Kinder sind alle möglichen Vergnügungen aufgebaut: von den beliebten Phantasieautos, die elektrisch fahren, bis zu liebevoll vorbereeiteten Malstationen mit kleinen Staffeleien.

Wir machen uns aber auf den Rückweg zur anderen Uferseite. Kaum drüben, werden wir vom Regen überrascht. Wir retten uns unter die Plane eines der Restaurant am Anfang von Losari, der Regen ist eher ein Wolkenbruch. Die eher abenteuerlich installierte Beleuchtung fällt teilweise aus, was nach einem Blick auf die frei an einen Baum gebundenen Steckdosen auch nicht verwunderlich ist. Aber nicht genug damit – wir dürfen auch noch mit einem gewissen Nervenkitzel mitverfolgen, wie Vater und Sohn bei strömendem Wasser von oben mit ungeschützem Schraubenzieher an Kabel und Steckdose werkeln. Allah oder welcher Gott auch immer hat schützend seine Hand über die beiden Verrückten gehalten, es ist nichts passiert.

Für das Abendessen haben wir ein japanisches Reestaurant angepeilt, klassisch indonesisch werden wir wohl in der kommenden Zeit noch reichlich essen. Um dahin zu kommen müssen wir nochmal einen dieser waghalsigen Spaziergänge durch unser Viertel -fast immer ohne Bürgersteig – überleben. Aber: Es hat sich wahrlich gelohnt! Das Restaurant ist nicht nur hell, groß, sauber und chic, sondern vor allem ist das Essen lecker!

Und morgen früh um acht steht unser Auto mit Fahrer ins rund 320 km entfernte Rantepao in Tana Toraja vor der Tür.

3 – Selamat Datang, Sulawesi! Guten Tag!

Auf nach Sulawesi! Da die Flüge aus Europa nicht auf dieser Insel landen, muss man per Inlandsflug oder Schiff anreisen. Wir haben uns für den Flug entschieden – nach Makassar, der großen Stadt an der Südost-Küste der riesigen Insel zwischen Borneo und Papua-Neuguinea. Die größte Stadt der Insel mit rund 3,3 Miliionen Einwohnern im Ballungsraum. So genau weiß wohl eher niemand, wieviele es in der Stadt selbst sind.

Wir haben lange überlegt, ob wir unsere sulawesische Entdeckungsreise im Norden oder Süden beginnen sollen, uns aber letztendlich für den Süden entschieden, weil der äußerte Norden mit den Bunaken-Inseln wohl eher die nötige Entspannung nach unserer Expedition zu bieten verspricht. Und dass diese Reise nicht nur spannend, sondern auch anstrengend wird, ist uns klar. Allein die Entfernungen und der eher mühsame Transport sprechen dafür.

Wir haben ein Zimmer in einem Guesthouse gebucht, ein Grab-Taxi bringt uns durch den Verkehrswahnsinn dahin. Auch wenn wir indonesische Straßenverhältnisse inzwischen kennen, ist das hier kaum zu fassen. Eigentlich müsste es ununterbrochen Unfälle geben bei all dem Irrsinn und den Löchern in den Straßen – aber erstaunlicherweise sollen wir in den kommenden zwei Tagen nicht einen einzigen Unfall sehen.

Keine Ahnung, wie der Fahrer sich ohne Navi durch das Gewirr von Straßen und Gassen findet, aber wir landen schnell und wohlbehalten in Lauwrens-Guesthouse im Viertel Losari. Alles pieksauber und modern, was man in dieser Gasse, in der es auch recht baufällige Gebäude und viele Löcher auf dem schmalen Asphaltband gibt, nicht unbedingt erwartet hätte. Dennoch bad news : kein Fenster! Im Inserat stand Balkonblick – aber damit ist der Dachbalkon des Hauses gemeint … Nicht gerade mein Traum, aber egal. Das Haus gehört einem Chinesen, denn wie überall ist auch hier die Bevölkerung wild durchmischt.

Ein Schritt aus der Tür und schon schallt einem der Gesang des Muezzin der nächsten Moschee ins Ohr – laut, sehr laut. Der Süden Sulawesis ist muslimisch, im Gegensatz zum christlichen Norden. Ursprünglich war Sulawesi buddhistisch und hinduistisch, bevor im 17. Jahrhundert die Islamisierung begann. Im Norden der Insel leben überwiegend Christen.

Unser Viertel besteht aus einem quadratischen Netz von schnurgeraden kleinen Längs- und Querstraßen, die so schmal sind, dass parkende Autos schon fast an den Hauswänden kleben und es für das Vorbeifahren eines zweiten Autos schon einiger unerschrockener Routine bedarf, um durchzukommen – Bürgersteige Fehlanzeige. Die Häuser sind zwei- bis dreistöckig und eher schmal, von verfallen bis relativ neu und gepflegt wie das unsere. Und da ist sogar noch hier und da ein schöner blühender Baum neben die Straße gequetscht.

Unser Block liegt an der Meeresseite der Stadt, umgeben von großen Hauptstraßen, auf denen Tag und Nacht ein irrsinniger Verkehr brummt und knattert – das schon bekannte Gemisch aus PKW, LKW und hunderten Motorrädern. Hier kommen noch ein paar klapprige Fahrrad-Rikschas dazu, die sich unerschrocken durch das Chaos schlängeln.

Am Straßenrand haben inzwischen ein paar abenteuerlich klapprige Stände aufgebaut, die irgendwas vom Grill und vorbereitete Essensportionen anbieten. Immer wieder grüßen fremde Menschen mit einem freundlichen Lächeln, nicht nur Händler, auch Passanten. Bürgersteige sind hier übrigens – wenn überhaupt vorhanden – entweder voller Müll, Schrott, Betongeröll oder dienen als Lagerplatz. Und wenn sie mal frei sind, muss man höllisch aufpassen, dass man nicht plötzlih ganz oder Teilen in einem zwei Meter tiefen Loch steckt. Soviel, so … schlecht.

Aber die gute Nachricht ist: bei all dem Verkehrschaos und den völlig überfüllten Straßen sind Fußgänger offensichtlich eine schützenswerte Spezies! Selbst wenn man eine sechspurige Straße im rauschenden Chaos überqueren will, bremsen alle und lassen den armen Fußgänger passieren – verrückt, aber wahr.

Nur knappe fünf Minuten von unserem Guesthouse entfernt liegt der Strand Losari, nach dem auch unser Viertel benannt ist, wobei das kein Badestrand, sondern die städtische Strandpromenade ist, zu der die Einheimischen jeden Abend strömen. Und das gleich aus mehreren Gründen. 

Einer der Gründe ist, dass hier – ins Meer gebaut – gleich zwei der berühmtesten Moscheen der Stadt liegen: die ältere ist die beliebte  Amirul Mukminin, die schwimmende Moschee, die ins Meer gebaut wurde mit ihren zwei blauen Kuppeln. Fünf mal am Tag erschallt hier, weithin unüberhörbar der Sprechgesang des sehr stimmgewaltigen Muezzin. 

Die Strandpromenade ist bei Einheimischen und den nicht sonderlich zahlreichen Touristen sehr beliebt für einen Abendspaziergang. Auf Kinder warten elektrische, in allen Farben blinkende Autos und sonstige Gefährte, es gibt viele Stände mit T-Shirts, Tüchern, Modeschmuck und Naschereien, die auf Käufer hoffen. Da wird einem auch schon mal ein lebender Waran oder eine Schlange als Foto-Utensil entgegengestreckt. 

Zum Meer hin verkünden riesige Buchstaben, dass dies die City of Makassar ist. Am Kai schaukeln fotogen ein paar schöne alte Schiffe.  Und das Wichtigste: Fast auf der gesamten Länge entsteht schon während des Abendgebetes eine endlose Fressmeile mit kleinen Restaurants, die grell beleuchtet auf Kundschaft warten – und die gibt es reichlich. Es scheint angesagt zu sein, sich hier zum Essen zu treffen. Übrigens auch viele Musliminnen mit dem traditionellen Hidjab, die hier in munterer Frauenrunde schnatternd und essend den Abend genießen.

Die wohl berühmteste Sehenswürdigkeit habe ich bisher ausgelassen: Auf einer künstlich in der Bucht aufgeschütteten Insel, großspurig „Landgewinnungsgebiet Centerpoint of Indonesia“ genannt, wurde ein neues Wahrzeichen der Stadt gebaut: die 99-Kuppeln-Moschee, die Masjid 99 Kubah. So benannt wegen der 99 Namen für den Propheten. Ein beeindruckendes Bauwerk in Weiß und Orange, das übrigens erst seit 2021 fertig ist. Besonders schön sehen die vielen Kuppeln bei Sonnenuntergang aus.

Nachdem wir die Strandpromenade zu Ende spaziert sind, wollen wir nach China Town, so zumindest steht es im Stadtplan, um zu Abend zu essen. Doch anders als man es kennt, sieht schon das sonst bunte, immer in gold, gelb und rot strahlende Tor zu diesem Stadtteil hier eher traurig aus – gänzlich unbeleuchtet mit abgeblätterter Farbe. Hatten wir dahinter, wie gewohnt, das quirlige Leben des chinesischen Viertels erwartet, umfing uns hier eher gespenstische Ruhe. Nur wenige kleine Läden, kaum Menschen auf der Straße und schon gar kein Restaurant. Aber schließlich finden wir ein kleines, völlig schmuckloses, aber volles Lokal mit einem sehr netten Besitzer, der uns die ungewohnte Speisekarte erklärt. Es sind Gerichte, die ein bisschen chinesisch sind, aber auch wieder nicht wirklich – Makassar-China-Style, wie der Wirt es grinsend nennt.

Es schmeckt ganz gut, wenn auch wenig chinesisch (mit italienischen Spaghettis), aber es ist viel und sättigend. Wir wollten gern ein Bier zum Essen, einer der Gründe, warum wir uns für chinesisch entschieden hatten, statt halal zu essen, aber es gibt auch hier nichts Alkoholisches. Die Lizenzen sind zu teuer, sagt der Wirt, verrät uns aber einen kleinen Laden schräg gegenüber, wo wir uns vielleicht später ein Fläschchen holen können … Übrigens dürfen auch die Supermärkte keinen Alkohol verkaufen.

Totmüde landen wir schließlich in unserem fensterfreien Zimmer und sinken wenig später ins Bett …