6 – Welcome to Pratchuap Khiri Khan

Mein bestelltes Motorrad ist chon eine halbe Stunde zu früh da…. Uralter Opi, freundlich und fast zahnfrei grinsend. Konnte wahrscheinlich nicht mehr schlafen. So bleibt mir am Pier noch Zeit, mir einen sticky rice für ein späteres Frühstück zu kaufen. Das Speedboat kommt pünktlich von Festland, ich frage mich, wie da 35 Passagiere samt Gepäck raufpassen sollen. Aber wie immer geht das, allerdings ist das beladen und Einsteigen nicht für Ältere oder Behinderte vorstellbar, es ist ein echter Balance-Akt!
Das Boot rast über das Meer, den Bug steil in den Wind, so dauert es nur gute vierzig Minuten, statt zweieinhalb Stunden mit der Fähre. Kaum angelegt brüllt auch schön ein Mann „To Bangkok!! To Pratchuap Khiri Khan“. Niemand sagt einem, wie es geht, aber es funktioniert. Per Van werden wir vier Passagiere zum Busbahnhof gekarrt. Und eine gute dreiviertel Stunde später geht die Minibus-Reise dann los. Zumindest sieht der Fahrer noch einigermaßen vertrauenerweckend aus, das ist bei diesem Berufsstand schon mal was. Und ich brauche nicht mal das angedrohte zweite Ticket für meine Reisetasche zu bezahlen…
Alles Thais, außer mir. Er lädt zehn Minuten später noch Frau und Kind ein, kommen mit Sack und Pack auf den Beifahrersitz. Neben mir setzt sich eine ältere Frau neben einen älteren Mann, beide kennen sich nicht. Aber sie unterhalten sich die nächsten vier Stunden, bis der Mann aussteigt, ohne Punkt und Komma. Und das laut. Und ehrlich gesagt, bohrt sich lautes, schnelles Thai mächtig in die Gehörgänge. Aber immerhin habe ich es in die zweite Reihe geschafft – Kenner wissen: etwas mehr Beinfreiheit und Zugriff auf die Schlitze der gnadenlosen Klimaanlage!
Trotzdem werden es lange fünf Stunden, bis wir endlich ankommen. Die Route führt einmal quer durch das Inland von einer Küste zur anderen. Und wieder: Grün, grün, grün in tropischer Dichte. Mal Wald, mal Kokosplantagen, mal Obstbäume. Wenn ich eine Farbe nennen sollte, die ich mit Thailand verbinde, dann ist das Grün. In Brasilien wäre es eher: Bunt. Aber hier nicht.
Unterwegs habe ich mir eine Guesthouse-Adresse aus dem Netz gefischt. Am Busbahnhof von Pratchuap Khiri Khan springt ein Taxifahrer auf mich zu. Er will 250 Baht. Am Ende einigen wir uns auf 180. Manchmal ist diese Handelei anstrengend.
Der Weg in die Innenstadt führt durch eines dieser riesigen bunten, goldglänzenden Tore mit Gottheiten und Fabelwesen, wie ich sie schon oft hier gesehen habe. Die sehen wirklich sehr schön aus! Ein kleines bisschen aber auch nach Disneywelt… Nach kurzer Fahrt setzt das Taxi mich in einer kleinen Nebenstraße vor dem Guesthouse ab. Die Wirtin schaut überrascht: You booking? Nö, aber will Zimmer. Kein Problem, eins der vier ist frei. Während das ladenähnliche, zur Straße wandlose Untergeschoss eher schäbig aussieht und ich auf dem Weg nach oben Zweifel bekommen, weil „heruntergekommen“ wohl der richtige Begriff ist, bin ich total erstaunt, als ich das Zimmer sehe. Blitzsauber, einfach, aber nett eingerichtet. Es gibt zwar nur ein Klo unten für das ganze Haus, aber was sollś.
Und irgendwie mag ich Olé, die hagere, lebhafte Wirtin, die so gern lacht, ihren langhaarigen Bruder, der wie ein Musiker aussieht, und ihren Mann(?). Es gibt vier Tische vor und in der improvisierten Lobby, die Hälfte auf dem Bürgersteig.

Ausschankgenehmigung hat sie offensichtlich keine, Bier und ähnliches wird mal eben klammheimlich nebenan durch ein Gitter aus einem Privathaus verkauft. Aber eine kleine Espressomaschine hat Olé! Yeah!
Ich bin total erledigt, sie quetscht mich in den Liegestuhl vor dem Haus und macht mir einen riesigen geeisten Cappuccino. Nach einer halben Stunde bin ich wieder fit. Sie vermietet mir ein Fahrrad, das erstaunlicher Weise mal Erwachsenengröße hat. Nur die Vorderbremse hat’s in sich: Einmal bremsen, fast über den Lenker gegangen. Keine Bremse, eine Sofortblockade. Hier ist das irgendwie Prinzip, wenn man irgendwas mietet: Im Prinzip funktioniert alles, ABER….. irgendetwas ist immer.
Ich drehe eine Kennenlernrunde durch diese gemütliche und tatsächlich noch erstaunlich authentische kleine Stadt. Ich sehe zwar Touristen, aber um die wird kein Wirbel gemacht, die müssen sich einpassen. Die Atmosphäre ist angenehm entspannt.
Mein erster Weg führt zum großen Tempel. Es ist bereits Sonnenuntergang und das Gold werden angestrahlt – ein wunderschöner Anblick. Ich höre den schon bekannten Singsang einer Messe. Menschen kommen, knien vor einem kleineren Buddha vor dem Eingang nieder und legen kunstvolle Blumengestecke und Räucherstäbchen ab.

Hinter dem Tempelgelände erhebt sich ein Berg, auf dessen Kuppe ein riesiger weißgoldener Tempel prangt. Khao Chong Kra Chok heißt dieser Tempelberg, den man über 396 steile Stufen auch erklimmen kann. Aber bei der Hitze habe ich dazu nicht wirklich Lust, und auch von hier unten ist der Anblick beeindruckend.
Ich fahre weiter, vorbei am Blumenmarkt, der am Rand dieser Hauptstraße aufgebaut ist, was trotz des fließenden Verkehrs irgendwie funktioniert. Ich fahre unten am Tempelberg entlang zu Meer. Und auf einmal traue ich meinen Augen nicht: der Berg scheint zu leben! Tausende Affen rasen die steilen Hänge hoch und runter und bevölkern auch die Straße. Mir ist das etwas unheimlich, so lustig das aussieht, denn ich weiß, dass die Affen in Asien oft ziemlich frech und aggressiv sind. Aus gebotener Distance schaue ich dem Treiben eine Weise zu, bevor ich mich wieder auf das Rad schwinge und brav im Linksverkehr weitergondele. Vor mir das abendlich graue Meer und am Horizont links und rechts hoch aufragende Felseninseln. Ein schöner Anblick!
Mein eigentliches Ziel ist der Samstags-Nachtmarkt auf der Strandstraße. Gerade ist es dunkel genug, dass die Buden ihre Lichterketten und Lampen einschalten, diesen Anblick liebe ich. Es gibt auf diesem besonderen Wochenendmarkt eine Menge Buden, die Taschen, Technik und Bekleidung anbieten, das gehört eigentlich nicht zu den traditionellen Nachtmärkten.
Meine Motivation herzukommen ist eine andere: Nirgends isst man so gut und billig in Thailand, wie auf den Nachtmärkten. Hier gibt es alles von Meeresfrüchten, über Fleisch – gegrillt, gekocht, gebacken, vegetarisches Essen, Teigtaschen, Gemüse, Obst, Suppen und so weiter bis zu knallbunten Nachtischen. Leider fehlen diesem Nachtmarkt die provisorischen Tischchen, an denen man sonst essen kann. So bekommt man hier alles in Styropor, Plastik oder meistens einfach Plastiktüten (bis zu den Suppen und Soßen!) und muss dann sehen, wo und wie man das essen kann.
Ich entscheide mich für die Kaimauer. Allerdings habe ich so meine Probleme mit fünf Tüten voller matschiger oder flüssiger Speisen. Die Ente und die Fleischspießchen sind ja noch zu händeln, aber der Rest gestaltet sich eher schwierig. Es schmeckt phantastisch, aber ich sehe aus wie eine Zweijährige nach dem ersten Messer- und Gabelversuch… trotzdem lecker!
Den Rest des Abends verbringe ich nach einer weiteren kleinen Fahrradrunde im Liegestuhl vor dem Baan Khlong Son Guesthouse. Es ist irgendein Feiertag und die Thais sitzend trinkend und feiernd draußen, die Stimmung ist prächtig. Die Musik kommt aus dem Bluetooth-Lautsprecher.

Verrückt: ich sitze mit einem großen Chang im Liegestuhl in einer Straße mitten in einer Thailändischen Kleinstadt und höre Louisiana-Blues! Wieder so ein besonderer Moment, den ich in den Alltag mitnehmen werde…

5 – Inseltour

Eigentlich wollte ich unbedingt ganz früh ans Meer…ganz so früh war es dann doch nicht. Aber ich habe inzwischen von meinem Nicht-Rasta-Opa einen Roller gemietet. Zusammen mit den Italienern will ich die Insel ein bisschen näher erkunden. Mein erster Thailand-Roller-Ausflug nach meinem Unfall letztes Jahr. Aber inzwischen ist alles anders: Ich bin fleißig in Berlin e-Roller gefahren als Mitglied der Emmi-Scooter-Sharing-Gemeinde. Sollte also besser klappen. Und Autos, die einen bedrängen könnten auf den schmalen Straßen, gibt’s keine auf der Insel.
Erst mal ist der Tank leer. Toll. Also, zum hundert Meter entfernten Restaurant schieben, die verkaufen auch Sprit. Inzwischen weiß ich ja, wonach ich suche. Wo Tankstellen fehlen, verkaufen Läden und Restaurants das Zeug, abgefüllt in leere Plastikflaschen. Früher dachte ich, das sei irgendwelches Speiseöl… Das Ganze wird dann mit Hilfe einer weiteren abgeschnittenen Plastikflasche als Trichter eingefüllt und fertig.
Und los gehtś. Die schmale Straße ist zwar theoretisch mit Betonplatten befestigt, aber die haben ordentliche Löcher, da heißt es aufpassen. Ich komme gut beim Guesthouse der beiden an. Erst noch eine kleine Runde Strand und dann gehtś los.
Zuerst zum Hafen, denn ich will morgen weiterziehen. Ich habe mir eine kleine Stadt gegenüber an der Golfküste ausgesucht, die noch ganz entspannt sein soll und einen Nationalpark in der Nähe hat. Aber wie kommt man da hin?
Das allwissende Internet nutzt hier in Thailand nur begrenzt. Hier läuft vieles anders. Ich entdecke eine Mini-Agentur von Asianair. Vielleicht wissen die was….Tun sie. Und nicht nur das, entgegen aller Voraussicht kann ich hier nicht nur ein Bootsticket aufs Festland kaufen, sondern die Frau telefoniert dreimal und schon habe ich eine kombinierte Verbindung mit Abholung am Hafen in Ranong und Minivan direkt nach Pratchuap Khiri Khan. Unglaublich – das ist Thailand. Nirgends gibt es einen offiziellen Plan, aber alles geht.
Erstens Ziel ist die entlegendste der drei großen Strandbuchten: Ao Kwam Peen. Zum Eingewöhnen geht es eine Weile über die schmale, aber überwiegend betonierte Inselstraße, wenngleich sich der Belag auch an vielen Stellen soweit verflüchtigt hat, dass die Drahtverstrebungen obenauf liegen oder sogar in netten Schlaufen freiliegend. Rechts und links jede Art von Grün, ein paar Häuser, viele davon Pensionen oder Minirestaurants, außerdem Hühner, Katzen und die allgegenwärtigen Hunde, denen man immer mir gebotener Vorsicht begegnen sollte, auch wenn sie fast immer friedlich sind. Fast…
Die überall in Thailand üblichen Hausaltäre sind hier weniger bunt und glitzernd als in anderen Ecken des Landes, hier sehen sie meist etwas verwittert aus und die Farbe blättert. Aber frische Blumenketten hängen immer daran, übrigens auch an einigen Bäumen am Strand.
Koh Phayam iat eine hügelige Insel, die fast über und über bewaldet ist, Landwirtschaft habe ich keine entdecken können. Tagsüber brütet die Sonne, nachts bleibt es sehr warm – die Zeit der Nachtvögel, die die eigenartigsten Schreie ausstoßen. Und natürlich der Geckos mit ihren seltsamen gackernden Lauten. Trotz wachsender Beliebtheit immer noch eine wirklich beschauliche kleine Insel. Vielleicht nicht mehr die vergessene Hippie-Insel von einst, aber immer noch sehr entspannt.
Schließlich führt die Straße bergan in einen Wald. Von Beton keine Rede mehr, Stufe zwei des Rollertrainings mit wachsendem Schwierigkeitsgrad. Die Spurrillen kreuz und quer in dem festgefahrenen Lehm und die losen Schottersteine flößen mir schon Respekt ein. Als es aber schließlich jenseits der Bergkuppe lehmig-schleimig mit extremen Löchern und Rillen steil bergab geht, links nur noch Bäume und Steilhang, drapiere ich mein kleines Gefährt dezent zwischen den Bäumen und wandere hinter meinen vorausfahrenden Gefährten her.
Unten erwartet uns eine mit hohen Urwaldbäumen bewachsene weitere schöne sichelförmige Strandbucht. Ein paar Zelte verstecken sich zwischen Büschen und weiter hinten kleben ein paar kleine Bungalows am Hang. Hier steigen offenbar alle ab, die hinterher erzählen, dass sie ganz weit weg von allem in der puren Natur gewohnt haben. Und sie sehen auch so aus: Blonde Rastalocken, verstrubbelte Haare, viele Tücher, leicht abgerissen, die weiße Haut rot von der Sonne, in Tragetüchern herumgeschaukelte Babies. Oft ein eher etwas ungesundes Aussehen, warum auch immer. Einziger Verpflegungspunkt ist ein Strandrestaurant.
Aber es ist wirklich wunderschön, das blaugrüne Wasser, die üppigen Bäume und Pflanzen, die knorrigen Wurzeln der alten Bäume, die bis ins Wasser reichen. Aber für einen ganzen Urlaub hier wäre mir das dann doch zu abgelegen. Abgesehen davon, dass angesichts der ewigen Tagesbesucher von echter Abgeschiedenheit nicht die Rede sein kann. Wir schlürfen eine kalte Kokosnuss, blinzeln auf´s Meer und machen uns auf den Rückweg – erstmal zu Fuß, die beiden haben ihren Roller auch vor dem letzten halsbrecherischen Wegstück stehen lassen. Aber hier fahren wirklich ein paar Verrückte, zum Teil zu dritt auf einem Roller, mit Kind, mit dem Bike rauf und runter….
Eine knappe Stunde gemütlichen Cruisens später sind wir an Koh Phayams größten Strand Ao Yai. Die Strandbucht gehört zu den längsten, die ich je gesehen habe, je nach Gezeiten auch extrem breit oder nur normal breit. Strahlend weißer Zuckersand. Palmen und hohe Bäume mit extrem langen Nadeln, Lianen und wieder Mangroven spenden Schatten für die vielen Bungalowanlagen, die sich angenehm dezent im Grün verstecken. Etliche Restaurants und Strandbars stehen zur Auswahl.
Aber das klingt anders als es tatsächlich aussieht, trotz der vielen Unterkünfte und eben auch Menschen, wirkt der Strand nicht voll. Er ist einfach so groß, dass er das alles schluckt. Trotzdem stelle ich für mich fest, dass mir unser Hausstrand, der Buffalo Beach, am besten gefällt.
Ich liege unter ein paar hohen Bäumen und beobachte kleine gelbschwarze Kolibris, bis ich einnicke. Dann ein ausgiebiges Sitzbad, denn auch hier ist das Wasser flach. Und auch hier – trotz Tourismus: keine Jetskis! Übrigens habe ich außer den Longtailbooten hier auch noch keine Yachten gesichtet. Das erscheint mir eher ungewöhnlich. An allen Stränden fällt auf, dass es sowohl am Ufer selbst wie auch im Wasser sehr sauber ist. Kaum der sonst übliche Plastikmüll. Schön, dass es das noch gibt.

Übrigens kann man hier an versteckten Stellen auch noch gelegentlich Moken antreffen, die Seenomaden der Andamanensee, die fast das ganze Jahr auf dem Wasser leben und fast nur zum Handeln oder bei Unwetter an Land kommen.
Hunger! Das Bamboo, ein ausgesprochen nettes Restaurant mit einer großen Holzterrasse, stillt unsere kulinarischen Bedürfnisse auf das Angenehmste. Träge schwatzen wir dem Sonnenuntergang entgegen, erscheint uns doch diese gigantische Bucht, mit dem mittlerweile wegen der beginnenden Ebbe bereits fast 100 Meter breiten spiegelnden Strand, als Must-See-Kulisse für den nahen Sonnenuntergang. Und wir werden nicht enttäuscht….So schön, so kitschig, so bunt! Man kommt sich wiedermal ganz klein vor. Übrigens hängt die Mondsichel hier immer wie eine Schaukel nach unten, selbst die ist hier eben anders.
Wir müssen zurück, meine Rollermiete läuft ab, die beiden haben einen Tag mehr Zeit. Das Abendessen ist in einem Restaurant mit offenem Grill geplant, da werde ich wohl mit Taschenlampe hinwandern müssen…Aber der Rasta House – Chef, der unsere Verabschiedungs- und Verabredungsszene, laut furzend, von seiner Hängematte aus beobachtet, winkt mich huldvoll zu sich, um mir zu sagen, dass er mir zwei Stunden Miete schenkt und ich mit meinen Freunden essen fahren soll. Nett!
Mit gegrilltem Snapper und Barracuda geht dieser schöne letzte Tag zu Ende. Abschied von neuen Freunden und schon wieder Taschepacken. Noch ein letzter Kampf mit dem Ventilator und ein Tète a Tète mit einer süßen Eidechse in meiner Dusche und dann schließt sich das rosa Moskitonetz zum letzten Mal um mich.

4 – Koh Phayam, Island in the Sun

Die alte Hippie-Insel Koh Phayam empfängt mich mit schräger Abendsonne am Pier. Hier zeugen einige Restaurants und Läden von der endgültigen Ankunft des Toursismus, aber alles eher klein. Ein beherzter Motorrad-Taxi-Opa schwingt sich meine große Reisetasche vor zwischen die Beine und mich hintendrauf. Ich habe noch eine Stunde, bevor wir in See gestochen sind, schnell ein Guesthouse gebucht, dafür bin ich jetzt sehr dankbar, da meine Verfassung längeres Suchen sehr unangenehm machen würde.
Nach fünfzehn Minuten Fahrt durch viel Grün haben wir in einer offensichtlich sehr ruhigen Ecke der Insel das Rasta-House erreicht. Falls ich es noch nicht erwähnt habe, viele Thais haben durchaus einen Faible für Raggae, daher sicher der Name und die Deko in der offenen Lobby: Bob Marley und ein „Proudly provide: Marihuana, sponsert by…umm: forgotten“– Plakat. Lustigerweise sind die Besitzer ein altes Ehepaar und so gar nicht hippie…
Ich darf einen schönen Bungalow auf Stelzen beziehen, einfach, sauber, aber: Klimaanlage benutzen verboten, ist nicht in meinem Preis enthalten. Macht nix, kann ich eh nicht leiden. Nur leider ist der Ventilator sehr alt, den kann man nur noch ganz an oder ganz aus machen. Auch egal, nur einfach auf das Bett legen, in das rosa Moskitonetz mit Spitzenoptik starren und ausruhen….
Zum Abendessen bin ich soweit regeneriert, dass ich das nächstgelegene Restaurant (eins von zweien hier) aufsuche und um eine klare Hühnersuppe mit Reis und Gemüse bitte. Steht nicht auf der Karte, wird aber natürlich gemacht. Hier läft das so: man wartet ziehmlich lange auf das Bestellen, denn es wird jeeweils eine Bestellung angenommen und die wird dann von mama erstmal abkekocht. Dann gehts weiter, dann hat man die Köchin exklusiv. In Westeuropa läuft das unter: Entschleunigung.

Da es nur vier Tische gibt, setzt sich später ein italienisches Paar an meinen Tisch. Sie verraten mir auch gleich, wo der Strand ist. Jetzt ist es allerdings stockfinster und Straßenbeleuchtung gibt es hier nirgends. Nur Bäume, ein paar wenige Häuser und jede Menge Nachtvögel und wilde Hunde. Die einzigen Fahrzeuge sind hin und wieder die allgegenwärtigen Motorroller, aber auch die verstummen gegen neun an diesem einsamen Inselende.
Am nächsten Morgen sieht die Welt schon wieder schön aus, mir geht es wieder gut. Ich bin noch ein bisschen lahm, mache mich aber dann auf zum Strand, ausgerüstet mit Hängematte und Buch. Ein etwa 500 Meter langer Sandweg führt durch den Wald zum Buffalo Beach. Und der Blick, der sich auftut ist einfach umwerfend!
Eine ebenso langgezogene wie tiefe, strahlend weiße Strandbucht, von Mangroven und andere Bäumen gesäumt, in der sich ein hellblaues Meer kräuselt. Am südlichen Ende ragen rund fünfzehn Meter hohe zerklüftete Sandsteinfelsen aus dem Sand, die aussehen, als hätte sie ein Bildhauer hier aufgestellt. Oben sind sie mit Grün und kleinen Bäumen bewachsen, unten muschelbesetzt. Ein Stück weiter steigt ein urwaldbewachsener Berg steil auf.
Unter den Bäumen entlang des Strandes verstecken sich die Bungalows von vier Ressorts. Dennoch scheint der riesige Strand fast menschenleer. Es ist Flut und- soviel weiß ich schon- gute Gelegenheit zum Baden, denn wenn Ebbe ist, dann tut sich hier ein mindestens kilometertiefes Watt auf.
Ich finde einen schönen Platz für meine Hängematte und kann einfach nur im Schatten entspannen mit dem schönsten Ausblick, den ich mir vorstellen kann. Das Baden ist kindgerecht, will sagen, das Wasser ist sehr flach, so dass man ziemlich weit laufen muss, um wenigstens hüfthoch im Wasser zu stehen. Aber man kann sich auch einfach nur ins Wasser legen, es trägt so gut, dass es nicht viel schlechter funktioniert als meine Hängematte.
Zuerst wundere ich mich über die seltsamen Muster im Sand: netzartige und sehr kunstvolle Formen aus präzise geformten winzigen Sandkügelchen. Dann entdecke ich die Künstler entdecke: kleine weiße Krebse mit fast spinnenartigen, langen Beinen, die unglaublich schnell rennen können, um sich in ihren Löchern zu verstecken, wenn man näher kommt. Verrückt!
Später schlendere ich den Strand entlang als ich ein fröhliches „Buon giorno, Beatrice!“ höre. Ich entdecke die beiden Italiener, Monica und Joshua, in einem Liegestuhl an einer Saftbar. Es stellt sich heraus, dass sie hier einen Bungalow gemietet haben. Wir verabreden uns zum Abendessen in dem kleinen Restaurant. Das ist das Angenehme am Alleinreisen: Wenn man möchte, kann man immer Gesellschaft haben, man muss aber nicht.
Die Sonne geht unter und ich in mein Stelzenhäuschen. Der Abend endet dann unterder bunten Lichterkette des kleinen Restaurants mit einer Kokossuppe mit vielen Zutaten und einem Ingwertee und netten Gesprächen über Venedig, Berlin und Thailand. Koh Phayam war eine gute Idee… Di mak mak! (Sehr gut!)

3 – Nur der Himmel und das Meer

Ich bin sofort hell wach an diesem sonnigen Morgen: Dive-Safari! Punkt elf rollt der nagelneue schwarze Kleinbus mit dem charmanten Besitzer der Tauchbasis, einem 1,90 m großen, eleganten Ladyboy auf den Hof und holt mich ab. Das ist doch mal Service. Er bringt mich zum Shop, denn ich muss schließlich noch Formulare ausfüllen, die Ausrüstung probieren und zusammenstellen.
Die Neoprenanzüge sind … gebraucht, aber egal, ist ja keine Modenschau. Aber das restliche Equipment ist in gutem Zustand, nur das zählt. Schweissgebadet absolviere ich bei 32 Grad die An- und Ausziehtortur. Danach ist Stadtgang, denn bis zur Abfahrt bleiben noch drei Stunden.
Ich spaziere die endlose Hauptstraße entlang, auf der Suche nach dem local market, denn da hoffe ich als verspätetes Frühstück sticky rice with Mango, süßen Klebreis mit Kokossoße und Mango, zu finden. Doch meine Hoffnungen werden böse enttäuscht, der Markt ist vergleichsweise klein und sticky rice gibt es erst auf dem Nachtmarkt. Also bestelle ich mir eine Hühnersuppe mit Gemüse und Reis, auf dem wackeligen Tisch vor mir stehen noch eine ganze Reihe Schalen mit Kräutern und Gemüsen, die man sich nach Bedarf noch in die Suppe machen kann. Lecker. Nur den beliebten Blutpudding schiebe ich dezent beiseite, was die Köchin gar nicht verstehen kann…
Noch ein paar Kleinigkeiten besorgen und geeisten Cappuccino schlürfen, dann ist es auch schon soweit. Ich lerne die ersten der dreizehn Mitfahrer kennen, ein französisches Paar, ein forscher Bub aus „Konschtanz“ und zwei weitere junge Deutsche. Meine Reisetasche muss mit an Bord, habe ich doch durch die schnelle Entscheidung keine Bleibe mehr und beschlossen, auf der Rückfahrt auf der Insel Koh Phayam auszusteigen.
Endlich sind wir dran und werden zum Pier gekarrt, eine weitere halbe Stunde durch diese endlose „kleine“ Stadt. Der Pier ist eine hässliche Betonfläche, es stinkt durchdringend nach Fisch. Als einziges Boot schaukelt die „Seaworld 1“ am Kai, unser Zuhause für die nächsten vier Tage.
Schuhe abgeben, ein gewagter Schritt auf das schwankende Boot, das ziemlich weit weg scheint – tschüss, Festland ! Der Chef-Guide stellt sich und die Crew vor. Billy aus Florida hat den Hut für alle Taucher auf, zweiter Guide ist ein rundlicher und lustiger Thai namens Naan, dritter ein völlig entrückt grinsender Resthippie aus Österreich, Oliver. Zur Bootscrew gehören sechs fleissige Geister, die zum Teil aus Myanmar stammen („Birma-People“) – ich will lieber nicht wissen, unter welchen Bedingungen sie arbeiten. Außerdem gibt’s noch eine Köchin und – das Bootsmascottchen Teddy, ein riesiger kuschliger Teddybär. Und um es mal vorwegzunehmen: Man sollte nicht glauben, dass lauter Erwachsene an Bord waren. Teddy wurde stets heftig bekuschelt.
Während wir frische Kokosnüsse, die mit Orchideen geschmückt sind ausschlürfen und leckere, in Teig gebackene Bananen verdrücken, werden Regeln und Pläne für die Reise erklärt. Erstmal haben wir sechs Stunden Fahrt vor der Nachtruhe vor uns, um in die Nähe unseres ersten Tauchspots zu kommen – daraus sollen tatsächlich allerdings dann neun werden, wegen der etwas unruhigen See.
Ich teile mir eine winzige Kabine längsseits auf dem Hauptdeck mit Simone aus Darmstadt, eine Schauspielerin. Wir sind uns sofort einig: Egal was kommt, die Tür bleibt nachts weit offen, sonst bekommen wir Platzangst und Schweissausbrüche.
Das Abendessen ist eine sehr angenehme Überraschung: vier verschiedene Gerichte, alles extrem lecker. Obst und Getränke stehen immer zur Verfügung, sogar ein schier unerschöpflicher Vorrat an Eiscreme. Die Stimmung ist bestens. Man isst und lernt sich kennen. Es gibt außer den schon erwähnten Passagieren, noch zwei Vater- Tochter-Paare, eins aus Berlin, eins aus den USA, einen Deutsch-Indonesier aus Schanghai und zwei junge Notärzte aus Philadelphia. Alles in allem eine ziemlich nette Truppe.
Die erste Seekranke liegt bereits bleich auf der Bank an Deck – aber nach einer Nacht hat sie sich an das Geschaukel gewöhnt. Neben dem Kühlschrank mit den Getränken steht ein ganzes Glas voll Pillen gegen Seekrankheit….
Unzählige Inseln ziehen an uns vorbei, dann nur noch blaues Meer bis zum Horizont. Wenig später ist alles um uns herum nur noch tiefschwarz. Aber am Horizont strahlen rund herum gleißende Lichter – wie Geisteraugen. Schließlich kommt eines dieser Geisteraugen auf uns zu, ein wirklich gespenstischer Anblick! Schließlich ist eine seltsame Scheinwerferkonstruktion zu erkennen. Es sind Krabbenfischer, die mit dem Licht ihre arglose Beute anlocken. Angesichts der vielen Geisteraugen ist es kaum zu glauben, dass überhaupt noch eine Krabbe und ein Tintenfisch in diesem Meer schwimmt. Europa und Amerika sind gierig!
Der Abend scheint hier an Bord irgendwie länger als an Land, schließlich kann man nicht viel machen, außer rumsitzen und reden. Schließlich gehen zehn auch die letzten ins Bett, eigentlich sollten wir schon am Ankerplatz sein.
Unsere Betten sind längs der Fahrtrichtung , das Geschaukel fühlt sich seltsam an….Aber es soll noch drei Stunden dauern, bis der Käptn endlich die Anker werfen läßt, nahe einer Insel. Nur, die Hoffnung auf ruhigere Zeiten soll sich nicht erfüllen, es schaukelt jetzt nur anders. Mir ist nicht schlecht, schlafen kann ich aber trotzdem nicht. Irgendwann ziehe ich mit Decke und Kissen auf das offene Deck. Wenigstens Frischluft. Irgendwann döse ich dann doch ein.
Um sechs Uhr dreißig läuft Billy mit einem Glöckchen durchs Schiff: Aufstehen, Briefing für den ersten Tauchgang. Kurz nach sieben geht’s los: Fertigmachen zum tauchen. Am ersten Tag gibtś noch etwas Verwirrung – welcher Anzug war nochmal meiner? Aber die Crew wuselt um alle herum und ist mehr als hilfreich. Sie helfen beim nervigen Anziehen der Neoprenanzüge, Anlegen der Tauchausrüstung und quetschen viele Füße in ihre Flossen. Was für ein Support!
Wir tauchen in drei Gruppen. Eine davon sind Anfänger, die auf dieser Tour ihren ersten Tauchschein machen. Ich werde Naan zugeteilt. Auf gehtś: Maske und Gewichte festhalten und rein! Beim ersten Abtauchen geschieht, was mir jedes Mal nach einer längeren Pause passiert: Ich denke, die Luft da durch den Regulator ist vielleicht doch zu dick… Drei Minuten Antipanik-Meditation und dann löst sich langsam alles in Wohlgefallen auf. Kommt dann auch nie wieder vor.
Was für eine Welt: Schon das gemeinsame Abtauchen mit den rundum aufsteigenden Blasen ist eine Show. Unten angekommen müssen wir allerdings feststellen, dass die Sicht doch nicht ganz so gut ist wie sonst – Nachwehen des Sturms.
Aber dennoch sieht man genug, um wieder zu wissen, warum man das macht! Fische in allen Farben und Größen! Papageienfische, Clownfische, gelbe Straßenkehrer, Stachelrochen, Snapper, Kofferfische, Drückerfische, Seesterne in mehreren Farben, silbrige Barracudas, lange schillernde Trompetenfische und noch viele, viele mehr. Doch mit zu den schönsten gehören ein paar ziemlich giftige Kerle: Die Feuerfische, die aussehen als hätten sie seltsame, filigrane Flügel und flatterten über dem Meeresboden! Und zu den skurrilsten Wesen gehören die ebenso giftigen Skorpionfische, sie sehen aus wie ein Stück Felsen mit Glubschaugen. Phantastisch, was sich Mutter Natur so alles einfallen lässt. Da müssen Designer lange nachdenken, um das auch nur ansatzweise zu erdenken.
Nun will ich aber meine geneigte Lesergemeinde nicht zu lange mit ewigen Taucherlebnissen in allen Einzelheiten langweilen – ich fasse es mal so zusammen: Es waren 10 Tauchgänge in zweieinhalb Tauchtagen. Eine ganz schöne Herausforderung. Zumal wir mehrfach mit Strömung zu kämpfen hatten, das stresst schon ein bisschen. Aber ich fand es einfach großartig und habe es genossen – fast bis zum Schluss. Denn den letzten Tauchgang musste ich schweren Herzens ausfallen lassen, da es mir nach der letzten Nacht plötzlich nicht mehr gut ging. Keine Ahnung, warum, aber ich habe mich in ein ziemliches Häuflein Elend verwandelt und mich nur noch in ein Bett gewünscht, das still steht .
Zum Leben an Bord muss ich aber noch drei Dinge erzählen. Das Catering an Bord mit dreieinhalb Mahlzeiten pro Tag war das Beste, was man sich vorstellen kann, einfach nur lecker und immer wieder voller Überraschungen. Am letzten Abend gab es neben gedünsteten Riesensnappern sogar für jeden einen riesigen Hummer, der im Munde zerging! Ich bin mehrmals unten in die Klaustrophobie erzeugende Küche geklettert, um die Köchin hochleben zu lassen, die man nie gesehen hat und die den ganzen Tag da unten geschuftet hat. Ich weiß nun auch wie auf Thai „sehr lecker“ heißt: Sabai mak mak!
Mein ganz besonderer Liebling war Tam, die Bordkatze, die auf der Kapitänsbrücke residiert hat, und die nach dem Abendessen eine huldvolle Runde durchs das Schiff drehte – ohne durch die Rehling zu fallen.
Eine weitere besondere Erwähnung gehört unbedingt noch dem Oberdeck, auf dem man sich zwischen und nach den Tauchgängen entspannen konnte. Am allerschönsten allerdings war es nachts! Nur der funkelnde südliche Sternenhimmel und das Rauschen des Meeres … Ich bin immer mit Simone spät hochgegangen, um das zu genießen. Solche Momente vergisst man nicht. Manchmal kam auch George aus Sarasota oder Alex aus Berlin hoch, es waren wirklich nette Mondscheingespräche.
So schipperten wir übers Meer, haben vor den Inseln Ko Tai Chai, Surin, Haddat, einer weiteren, deren Namen ich vergessen habe, und dem berühmten Richelieux Rock in der Andamansee getaucht. Letzterer gehört zu den zehn besten Tauchspots der Welt, ich glaube Platz sechs. Und zurecht! Allein der Fels hat phantastische Formen, die über und über von unzähligen, farbigen Pflanzen, Farnen und Korallen bewachsen sind, es gibt Höhlen, Steilhänge, Plateaus. Und es ist kaum zu glauben, wie viele tausend Fische und Fischschwärme da umeinander herum schwimmen. Einfach toll!
An dieser Stelle sei noch erwähnt, dass es an vielen Stellen hier ein trauriger Anblick ist, wenn man über endlose Korallenfriedhöfe schwimmt. Aber an diesem Korallensterben vor einigen Jahren ist ausnahmsweise mal nicht der Mensch schuld gewesen, sondern El Nino. Aber die gute Nachricht ist: An vielen Stellen sieht man schon wieder, dass sich neue Korallen bilden.
Meine sehr spontane Entscheidung für diesen Trip habe ich keinen einzigen Moment bereut, es war einfach ein großartiges Erlebnis! Und die Tauchbasis „A One Diving“ in Ranong kann ich reinen Herzens weiterempfehlen. Danke für die schöne Zeit live aboard!

2 – First Stop: Ranong

Der Morgen beginnt mit meinem ersten Besuch in einem der üblichen thailändischen Duschklos, eine thailändische Spezialität, die den Mitteleuropäerzunächst irritiert, da die Dusche über oder neben dem Klo hängt. Mir kommt das aber nun angenehm vertraut vor. Schnell die Sachen zusammengerafft und dann klopft auch schon die freundliche Wirtin: Das Taxi ist da. Und – es wartet mit eingeschaltetem Taxameter! Ich bin schon am frühen Morgen glücklich. Es gibt sie also, die ehrlichen Bangkoker Taxifahrer!
Am Flughafen versuche ich etwas über die Wetterlage herauszufinden. Dass das Schlimmste des Tropensturms Pamuk vorbei ist, weiß ich, aber nicht, wie die Situation momentan aussieht. Die Thais lächeln und zucken nur die Schultern: No problem… Also dann: Auf nach Ranong an der Westküste, ca 700 km südlich von Bangkok. Das Flugzeug ruckelt sich durch dicke Wolken und Regen dem Ziel entgegen, nichts für Angsthasen.
Der Flughafen Ranong ist klein und mehr als übersichtlich, hier landen nur ein paar Maschinen am Tag. Ich rupfe mein Gepäck vom Band und stehe auch schon vor dem Flughafen, gefühlt mitten in der Pampa. Hier stehen 3 Minibusse und ein schönes altes SongTaew, ein typisches thailändisches Sammeltaxi: Ein alter Pick-Up mit zwei längs angeordneten Bänken auf der Pritsche, einem bunten Geländer und einem Planendach. Ja! Das nehme ich. Ist zwar etwas unbequem und tuckelt langsam durch die Gegend, aber es fühlt sich echt an und ich muss nicht Minibus fahren. 50 Baht – das sind knapp 1,50 Euro. Ranong ist etwa 30 km entfernt.
Links und rechts nur grün und sonst nicht viel, bevor eine halbe Stunde später die ersten Häuser auftauchen. Inzwischen mussten wir halten und die seitlichen Planen herunterlassen, denn es regnet wieder und wir sind bereits richtig schön nass. Das Song Taew zuckelt ewig durch die kleine, aber ausgedehnte Stadt, denn es bringt alle zur gewünschten Adresse und natürlich ist meine die letzte… In einer kleinen Nebenstraße patsche ich die letzten Meter durch die tiefen Pfützen des Lehmweges zu meinem Guesthouse. Das bunte Schild ist schon das Sehenswerteste, der Rest ist sauber, aber sehr einfach, um es neutral zu sagen. Zumindest sind die Leute nett.
Das Zimmer ist so öde, dass ich keine Lust habe, lange hier zu bleiben. Der Regen hört auf und ich bitte um ein Motorrad-Taxi, ich habe gelesen, hier gibt es heiße Quellen. Perfekt für einen grauen Ankunftstag, den man nicht im noch graueren Zimmer verbringen möchte.
Die Hot Springs liegen etwas außerhalb der Stadt, die Straße führt von hier in die Berge. Ich steige vor einem eher bescheidenen Tempel aus und entdecke als erstes einen Fluss, der viel schlammiges Wasser aus den Bergen über viele große Steine ins Tal rauschen lässt. Ich beobachte das Ganze von einer wackeligen Hängebrücke aus, es hat etwas Hypnotisierendes. Links und rechts erheben sich hohe, tiefgrüne Berge.
Und da sind sie auch schon, die Hot Springs von Ranong: Sie blasen trotzig ihren heißen Dampf in den nebligen Tag . Aus Brunnen und kleinen flachen Bassins steigen Schwaden auf. Ein paar Thais hocken auf dem Rand und nehmen Fußbäder.
Ein paar Meter weiter ist eine Schranke mit einem Kassenhäuschen. Dahinter sind, direkt über dem Flussufer, vier gemauerte kleine Becken und ein paar Umkleidekabinen und Duschen. Alles ziemlich einfach und so gar nicht chic, wie man es in anderen Touristengegenden erwarten würde. Eine Handvoll Leute hocken hier in Wassser und nicken freundlich. Ich bin zuerst etwas erschrocken, wie heiß das Wasser ist: zwischen 42 und 45 Grad. Das halte ich nicht lange aus – denke ich und schon fängt es wieder an zu regnen. Und wie! Es gießt, und das anderthalb Stunden lang.
Einfach perfekt: Man setzt sich ins flache Wasser und von oben kommt die Kühlung! Es prickelt und dampft…fast ein bisschen surreal. Unsere kleine Gemeinde, bestehend aus zwei Belgiern, zwei Deutschen und vier Thais, lernt sich so schnell kennen. Schließlich sitzt auch noch die gesamte Besatzung des Bades mit im Wasser, nass sind sie sowieso und die Thais baden ohnehin meistens in voller Bekleidung. Lustige Gesellschaft.
Als der Regen nachlässt, hat sich auch die Frage, wie ich wieder in die Stadt komme , erledigt, denn inzwischen kenne ich ja alle und zwei nette junge Thais mit einem Ranchrover chauffieren mich gutgelaunt in die Hauptstraße zum Abendessen. Denn in der Gegend um mein Montra Guesthouse ist absolut tote Hose.

Gelegenheit, die Stadt genauer anzuschauen. Der Regen ist verschwunden, der Himmel hellt sich zusehens auf. Geschäftig, ziemlich abgeranzt, klein und groß zugleich. Schön ist anders, aber trotzdem nicht wirklich unangenehm. Die eher kleinen Gebäude drängeln sich neben Gewerbebauten, bunt, etwas verkommen, fast alle Wände sind von schwarzem Schimmel angefressen. Ranong ist eine Industriestadt, die von der Fischverarbeitung lebt. Myanmar ist nur einen Katzensprung entfernt, so ist Ranong zudem auch noch Grenzstadt mit entsprechenden Zoll- und Visa-Büros. Es wuseln unglaublich viele Menschen herum, alles ist voller Geschäfte, so dass man sich fragt, wer denn hier so viel einkauft. Denn eine Touristenstadt ist das nun wirklich nicht.
Aber in der Hauptstraße haben sich einige ganz nette Restaurants angesiedelt, von Sushi über Burger bis Thaifood. In einer besonders häßlichen Industrieruine scheinen tausende von Vögeln eingezogen zu sein, das Konzert ist geradezu ohrenbetäubend. Plötzlich stehe ich vor einem Dive-Shop, „A One Diving“. Angesichts des Wetters hatte ich den Gedanken ans Tauchen erstmal weggeschoben.
Aber: Der Laden hat auf. Und schlimmer noch: Es wird wieder getaucht…. Die Gegend hier mit ihren tausend Inselchen und die südlich gelegene Andamansee ist bekannt für Tauch-Safaries. Und ebenso eine fällt mir jetzt vor die Füße. Aber – es geht schon am nächsten Tag los… Die Geschäftsführerin offeriert mir eine last minute – Nachmeldung. Ziel sind die Surin Islands und der berühmte Richelieux Rock im Süden. Das ist etwas zuviel für mich. Ich muss über das Angebot nachdenken, auch über den Preis, obwohl er tatsächlich der beste ist, den ich bis dato gehört habe. Ich bitte mir eine Stunde Bedenkzeit aus.
Was soll ich sagen, nach einer Dreiviertel Stunde auf und ab laufen denke ich: das ist Schicksal. Jetzt oder nie, die nächste Möglichkeit hier ist in zwei Wochen, bei zwei anderen etwas eher, dafür viel teurer. Also kurzentschlossen zurück, die Chefin hatte sich inzwischen überlegt, dass sie mir als letztem Platz auf dem Boot noch einen Rabatt anbietet, wie kann man da nein sagen.
Eine ordentlich Portion Sushi später liege ich in meinem kargen Kämmerlein und kann´s nicht fassen : Ich gehe auf eine echte viertägige Tauchsafari! Ich finde es einfach….großartig! Abenteuer, ich komme!

1 – Nach Thailand geht’s über Moskau!

Und ewig grüßt das thailändische Murmeltier! Es lockt mich immer wieder, so freundlich, entspannt, chaotisch und…wunderschön wie dieses Land ist. Und noch gibt es einiges hier für mich zu entdecken.
Eine Vorbemerkung: Diejenigen, denen an echten Thailand-Reiseberichten gelegen ist, mögen sich bis zum nächsten post gedulden, dies ist eher eine Wegschilderung für all die, die mich kennen und neugieriger auf Persönliches sind….
Das Entdecken beginnt mit der Reise: das erste Mal über Moskau mit Rossiya, der Billigtochter der altehrwürdigen Aeroflot. Das Wichtigste zeigt sich gleich: moderne, gutgepflegte Maschinen. Einmal Airbus, einmal Boing. An Bord herrscht striktes Alkoholverbot, wie gleich viermal über den Bordfunk tönt. Wohl die Flucht nach vorn, angesichts der trink-und-lass-die Sau-raus vieler (männlicher) Landsleute.
Unterstellung? Neben mir, über vier Reihen verteilt, fünf russische Muskelpakete. Jeder mit einer demonstrativ mitgebrachten Literflasche Cola. Kaum ist der Start vorbei, wird ein halber Liter inhaliert und unter dem Sitz gekramt. Schon sind die Flaschen wieder voll und ich sitze im Vodka-Nebel…..
Mit einer halben Stunde Verspätung landen wir morgens um vier in Moskau: russischer Winter, die Landschaft unter uns leuchtet selbst im Dunkeln auf eine diffuse Art. Nach dem Aufsetzen rollen wir eine halbe Ewigkeit über Roll- und Parkfelder, unterqueren eine Schnellstraße, weißes Nichts, bis endlich das Flughafengebäude Moskau Scheremetjevo auftaucht. Noch klarer werden die Dimensionen, als uns der Bus vom Flieger zu terminal fährt. Ich dachte schon, ich hätte unwissentlich noch eine Bustour dazugebucht. Alles riesig…
Auch im Flughafen ist alles verwirrend und groß, die russischen Beschriftungen machen es nicht leichter. Am Gate angekommen bleibt mir noch viel Zeit, also beschließe ich, Kaffeetrinken zu gehen. An zwei von gefühlten 500 Restaurants werde ich nur angeraunzt: Nur Rubel, keine Euro. Aber im dritten Café hat man Mitleid und verrät mir schließlich, dass ich immerhin mit Kreditkarte zahlen kann. Später entdecke ich noch einen Automaten, an dem es Spacefood gibt: Kein Witz! Echtes Spacefood: vom Kuchen bis zu Lamm auf Reis alles aus der Tube! Echt kurios. Aber um fünf Uhr morgens dreht sich mir der Magen um bei dem Gedanken.
Endlich beginnt das Bording. Endlose Menschenschlangen – es ist eine Boing 777 und da gehen verdammt viele Leute rein. 90 Prozent Einheimische Fluggäste. An Bord gibt es für mich einiges Hin-und her- ich werde dreimal umgesetzt, aber zuletzt lande ich ganz zufrieden doch noch wieder auf einem Fensterplatz, neben mir frei, daneben ein gemütlicher russischer Opa. Und dann geht es endlich los….
Oder doch eher nicht, denn die ganze Maschine ist von einer soliden Eisschicht überzogen und kann nicht starten. In der Dunkelheit rücken zwei gespenstische Riesenameisen an: Spezialfahrzeuge zum enteisen. Ein Sattelschlepper mit einem Spezialkran, auf dem mit einem Riesenarm mit einem Scheinwerfer an der Spitze und verschiedenen Spezialdüsen für eine Enteiserflüssigkeit Stück für Stück enteist wird. Ich fühle mich wie im outer Space. Es sieht total verrückt aus durch das Bordfenster in die Nacht, den Schnee und das Space-Vehikel, das alle einsprüht und -nebelt. Über eine Stunde geht das so. Dann endlich darf die Maschine an den Start.
Der weitere Flug ist nicht weiter berichtenswert – eben öde wie alle Langstreckenflüge. Mit etwas Verspätung landen wir in Bangkok Suvurnabhumi – den Tag haben wir verpasst, auch hier ist es längst wieder dunkel. Ich habe noch einiges zu absolvieren von Inmigrationcontrol bis Telefonkarte, ehe ich weiter zum Zielort starte: einem kleinen Guesthouse am über 40 Kilometer entfernten zweiten Flughafen Don Muaeng, denn morgen früh will ich von dort Richtung Süden, nach Ranong fliegen. Und dort kann ich nur bis Mitternacht einchecken, dann ist da keiner mehr!
Immerhin finde ich nach einiger Forschungsarbeit mit viel landesüblichem Lächeln, verbeugen und mannigfaltigem Kopkun-kah heraus, dass ein teures Taxi nicht die einzige Möglichkeit ist, es gibt sogar inzwischen einen kostenlosen Shuttlebus, wenn man ein Ticket für Don Muaeng hat. Aber erst mal finden, von wo der fährt… geschafft, Gate 2 war des Rätsels Lösung – Tipp für alle, die das mal brauchen.
Erschöpft sinke ich neben eine russische Mutti, das quietschende, pfeifende Busmodell mit vieeel Klimanalage heizt los. Endlos geht es über die Highways und durch Bangkok , ich schreibe eine Mail and Guesthouse, in der Hoffnung, nicht vor verschlossenen Türen zu stehen.
Endlich…vom Airport trennen, ich nur noch wenige Kilometer vom Bett. Aber leider hat gerade keiner dieser Ganoven mit Taxi-Lizenz Lust, mich dahin zu fahren, sie warten auf Lukrativeres. Letztendlich fährt mich so ein Halunke – für den dreifachen Preis…. Auch schon egal, ich will nur noch ankommen. Die freundliche Guesthouse-Besitzerin wartet schon auf der Straße mit dem Schlüssel…Ende gut, alles gut. Good Night, Bansgkok! Hallo Thailand!

Ouro Preto/Brasilien 2018: die Natur

Tag 2. Noch Muskelkater vom Stadtklettern gestern und schon wieder ein weiterer Sprint bergauf und –ab: wegen des Frühstücks. Selbe Klettertour zurück, dann holt uns unser persönlicher Taxifahrer für den Tag, Passarinho, wie verabredet ab. Er hat sich überlegt, dass er uns nicht einfach auf dem kürzesten Weg nach Andorinhas fährt, wie verbredet, sondern auf einer Extra-Route mit schönen Ausblicken und Geschichte.

An einem Aussichtspunkt über der Stadt machen wir Halt und bekommen wir eine volle Dröhnung Stadt- und Goldrauschgeschichte. Er rattert Jahreszahlen herunter, erzählt von Goldsuchern, Ganoven, gierigen Gouverneuren, Rebellen und abgeschlagenen Köpfen. Es macht ihm sichtlich Spass, Fremden seine Stadt zu erklären. Er regt sich darüber auf, dass die Stadt, die vom Tourismus lebt, nicht Schulungen für alle Taxifahrer darüber anbietet. So sei er der einzige von den 103 Taxifahrern, die sich in Geschichte und Natur der Umgebung auskennen würden. Glück gehabt! Oder Karma..?

Wir lernen das Viertel São Sebastião kennen, das ruhig und gemütlich auf einem Berg thront. Hier geht das Leben noch einen gemütlichen Gang, die Nachbarn leben noch in tatsächlicher Nachbarschaft miteinander, man kann es spüren. Und hier gibt es auch die zweitälteste Kapelle der Stadt, klein bescheiden, ohne Prunk.

Nach einigen langsamen Kilometern auf immer schlechter werdenden Straßen und ausgewaschenen Schotter- und Lehmpisten sind wir dann endlich da. Ein großartig gebautes und ebenso schnell wieder zusammengefallenes Zufahrtstor zum Naturschutzpark Parque Andourinhas erzählt auch wieder typisch brasilianischen Alltag: vor einer Wahl ein großartiges Projekt geplant, nach der Wahl vergessen. Wohl auch aus dieser Zeit stammt das überdimensionale, grauenhaft hässliche und fast ungenutztes Welcome-Center, das die Parkbesucher begrüßt. Die Informationsdame langweilt sich sichtlich, denn sie hat nicht einmal Faltblätter oder Karten zu verteilen, alles ausgegangen. Sieben Wasserfälle kann man hier erwandern, vier davon sind für uns zu schaffen, für mehr reicht unsere Zeit nicht. Der Weg ist als mittelmäßig schwierig eingestuft.

Wie sind oben auf einem steinernen Hochplateau, das in eine Terrassenlandschaft mit Wasserbecken und kleinen Wasserfällen und Stromschnellen übergeht, Blick auf ein endloses Bergpanorama. Passarinho wandert mit zum ersten Wasserfall, er hat sich offenbar entschlossen, unser persönlicher Führer zu sein. Unterwegs gibt’s noch Unterweisungen in Mineralogie und Pflanzenkunde, da er bemerkt hat, dass ich mich für alles, was wächst interessiere. Schließlich stürzt sich in stacheliges Unterholz, um für uns ein paar grüne Beeren zu ernten, die zwar klein, aber nahrhaft und erstaunlich wohlschmeckend sind.

Von dem felsigen Plateau geht es auf einem gewunden Pfand zum Eingang einer unterirdischen Höhle, in der der erste größere Wasserfall ist. Der Zugang ist verdammt eng und ziemlich glitschig, und die Gefahr, beim Klettern über die Felsbrocken auszurutschen, ist groß. Ein Mann versucht, seine korpulente Gattin zu überreden, doch nochmal zu versuchen, durch die Felsspalte zu kriechen. Man soll ja nicht lachen, aber es sieht schon kurios aus, wenn das oppulente Hinterteil da immer wieder hängenbleibt….

Schließlich gelangt man über eine Metall-Leiter auf den Grund der Höhle. Unten steht man sofort im Wasser, alles rutschig, kantig und dunkel. Aber der Anblick, der sich dann bietet, ist wunderschön! Am Ende eines schmalen Höhlengangs, durch den das Wasser fließt, öffnet sich eine schmale Höhle. Durch einen Felsspalt oben fällt ein Strahl Sonnenlicht bis auf den Grund, genau da, wo ein tosender kleiner Wasserfall auftrifft. Es sieht so unwirklich schön aus, als wäre dies eine Film-Kulisse.

Nass und glücklich klettern wir wieder ans Tageslicht und genießen die Aussicht ins Tal und auf die fernen Bergketten. Vor uns ein paar Felsnasen, die wie ein riesiges Krokodil aus der Bergwand ragen. Passarinho ist selbst begeistert, nach Jahren mal wieder hier zu sein und beschließt hier auf dem Berg auf uns zu warten, statt zurückzufahren.

Der Abstieg zu den nächsten beiden Wasserfällen ist ziemlich anstrengend und gar nicht so einfach wie angegeben. Sicherungsgeländer oder Seile gibt´s hier sowieso nicht, hier scheint die Seuche der Haftungsprozesse von gestürzten Touristen noch nicht angekommen zu sein. … Ein steiler, glitschiger Pfad über Wurzeln und Felsbrocken führt durch den Urwald. Hohe Bäume, Blühende Sträucher, Lianen, Eidechsen Kolibris und andere Gefiederte machen den Weg zu einem Erlebnis. Und immer wieder Ausblicke auf die Bergwand hinter uns und das Tal vor uns. Teilweise muss ich auf meinem Hinterteil sitzend weiterrutschen und mich an Wutzen und Ästen festkrallen, um nicht abzurutschen. Manchmal fällt das Gelände neben dem Pfad steil ab. Höhenangst-Training.

Wir klettern zuerst zum untersten Punkt, einem Plateau mit kleinen Fels-Bassins und Stromschnellen, in denen man wie in Whirlpools baden kann. Die Felsen sind zwar fast eben, aber gefährlich glitschig. Das Plateau endet an einer Felskante, von der das Wasser dann wirklich tief ins Tal stürzt. Den Blick über die Felsen der Kante wage ich nicht, zu glatt die Felsen, meine Höhenangst nagelt mich die Meter entfernt fest. Aber auch so ist der Ausblick berauschend schön.

Auf dem Rückweg nach oben, nehmen wir den Abzweig zur Cachoeira das Noivas, der Wasserfall der Bräute. Keine Ahnung, was es mit dem Namen auf sich hat, aber es ist ein magischer Ort. Der Fluss schießt durch eine schmale Urwaldschneise etwa 15 Meter in eine offene Grotte, in einem Felsenbecken bildet sich ein sprudelndes Bassin, in das man sich sofort stürzen möchte. Die Sonne fällt durch die Blätter der hohen Bäume und taucht alles in flimmerndes Licht. Problem: die Felsen um und im Becken sind so glatt, als hätte man sie mit Schmierseife eingerieben. Ich bin nur mit Mühe hinein und trotz Hilfe fast nicht heil wieder herausgekommen.

Und noch etwas ist besonders an diesem Ort: Im prüden Brasilien darf man hier ausdrücklich Nacktbaden! Welche Überraschung. Wir genießen noch ein kurzes Weilchen den Zaber des Ortes und machen uns auf den Rückweg, denn leider läuft unsere Uhr – wir müssen noch heute nach Belo Horizonte und von dort mit dem Nachtbus zurück nach São Paulo.

Passarinho hat brav gewartet, wir nehmen noch ein Paar mit, dass gern wenigstens bis zur Bushaltestelle in die Stadt mitfahren will, der Weg dahin ist ziemlich weit und heiß. Fast wären wir nicht zurückgekommen, denn auf der Straße, die vor ein paar Stunden noch in Ordnung war, liegt nun der halbe Hang. Abgerutscht samt Baum. Aber zum Glück kann man das Auto noch gerade so hindurchmanövrieren.

Unsere aufregenden zwei Tage in Ouro Preto enden mit einem späten oppulenten Mittagessen „self service“, d.h. all-you-can-eat in einem Restaurant mit typischer regionaler Küche. an der Praça. Anschließend sammeln wir unsere Sachen ein und trinken mit Passarinho einen Abschiedskaffee in dem winzigen Café „Cafetelier“ unserer Gastgeber, die dort übrigens Bohnen aus der familieneigenen Plantage verkaufen. Das schwarze Gold der Neuzeit…. Passarinho bringt uns zum Busbahnhof und lädt uns schon mal vorsorglich für ein nächstes Mittagessen bei seiner Frau ein. Wer weiß, vielleicht…?! Ouro Preto und die Berge von Minas Gerais wären einen Nachschlag wert.

Ouro Preto/Brasilien 2018: die Stadt

Schon wieder ein kleines Extra, damit eine Reise-Perle nicht verloren geht… Fast per Zufall sind wir nach Ouro Preto im Staat Minas Gerais gekommen. Und obwohl es nur ein Zwei-Tages-Trip war, war´s einer, der nicht unerzählt bleiben sollte.

Ouro Preto („Schwarzes Gold“) hat eine glänzende Geschichte: im 18 Jahrhundert wurden hier 80 Prozent der Gold-Weltproduktion gefördert! Und auch wenn die Zeitn längst vorbei sind, ist die vergleichsweise kleine Stadt in Minas Gerais, beziehungsweise die Altstadt, noch immer ein Schmuckstück und Unesco-Weltkulturerbe.

In 1200 Meter Höhe windet sie sich in einer Talsenke steil an den Hängern der Berge auf und ab, so steil, dass es unsportlichen oder älteren Reisenden wohl kaum gelingt, zu Fuss mehr als den großen Praça de Tirantes, dem zentralen Platz,  und ein paar Nebenstraßen zu erkunden…

Aber der Reihe nach. Nach einer sehr langen und größtenteils kurvigen Fahrt von der Küste São Paulos hierher, waren wir froh, ein nettes kleines Zimmer an einer steilen Straße der Altstadt, der Rúa Carlos Tomás, zu beziehen. Das Zimmer war klein, aber: mit einem phantastischen Blick auf die Stadt und einige ihrer vielen Kirchen und Kapellen, die in der Nacht hübsch angestrahlt sind und am Tage strahlend weiß und gelb in der Sonne leuchten.

Am Morgen haben wir uns auf den Weg gemacht auf der Suche nach Frühstück und Kaffee, zuerst steil bergauf, dann steil bergab, vorbei an der Ingreja de São Francisco de Assis, durch ein Tal, in Richtung der auf einem Berg thronenden Ingreja Santa Efigenia dos Pretos. Seltsamer Weise haben wir kein einziges vernünftiges Café, und auch keinen Imbiß gefunden, obwohl dies eine echte Touristenstadt ist. Falsche Richtung, Pech.

Aber bereits nach einer guten halben Stunde haben die Knöchel, Schienbeine und Knie laut protestiert. Nicht nur wegen des ewigen, steilen bergauf und -ab, sondern, weil die Straßen nicht nur aus klobigem, ausgewaschenem Kopfsteinpflaster bestehen, sondern hier die abenteuerlichsten Steine und Steinplatten als Straßenbelag verbaut wurden. Mal schmal und scharf, mal große, unebene und extrem rutschige Felsplatten, auf denen man sich selbst bei trockenem Wetter kaum halten kann, mal runde, dicke Kopfsteine, zwischen denen tiefe Spalten auf den nächsten Knöchel lauern. Es ist wirklich…ein Herausforderung hier längere Zeit die Stadt zu durchstreifen. Wie können ältere Menschen hier zurechtkommen??? Und noch beängstigender als die Sorge um die eigenen Knöchel fand ich den motorisierten Verkehr in diesen steilen Straßen. Schon die Autos haben mich oft erschreckt , wenn sie die Gassen herunterschießen. Richtig in innere Panik versetzt haben mich aber vor allem die Motorräder und –roller! Oh mein Gott, das grenzt an Kamikaze!

Erschwert wird die Tour de Force der gestressten Füße noch dadurch, dass man nicht immer nur auf den Weg schauen möchte, denn dazu ist Ouro Preto viel zu schön! Irgendwie scheint die ganz Altstadt aus Postkartenmotiven zu bestehen. Weiße Häuser im Kolonialstil mit farbigem Stuck in den mäandernden Straßenschluchten, blühende Bäume und über allem die grünen Bergzüge am Horizont rund um die Stadt.. Über allem am Horizont der Fels Itacolomi, der immer so aussieht als müsste er jeden Moment umstürzen.

Das alles atmet im wahrsten Sinne des Wortes die Geschichte des Goldrausches. Zuerst hieß die Stadt Vila Rica – die Reiche Stadt, Hauptstadt von Minas Gerais bis 1897. Aber wie überall, wo es Reichtum gibt – und hier war es sogar Gold – ist die Historie geprägt von Verteilungskämpfen, Revolten, Banden, Hinrichtungen und Korruption. Die portugiesische Krone hat das Gold aus den Bergen von Minas Gerais reich gemacht. Der Name Ouro Preto, schwarzes Gold kommt daher, dass das Gold hier durch Eisenerzverunreinigungen schwarz gefärbt ist.

Vorallem auch die Kirchen erzählen in ihrer Pracht von dem vergangenen Reichtum. Sta. Efigenia ist geradezu überladen von Figuren, Ornamenten – ein Fest der Kirchenkunst. Verspielter, weniger Leid darstellend als in Europa. Auch hat man von ihrem Platz auf einer Bergkuppe einen besonders schönen Blick über die Stadt.

Die zweite Kirche, die wir uns von innen angesehen haben, ist die Ingreja Matriz Nossa Senhora do Pilar, eine wunderschöne oppulente Barockkirche, die auch ein Museum beherrbergt. Acht Kirchen und etliche kleine Kapellen könnte man besichtigen, wir belassen es bei zweien, schon, weil unser Aufenthalt sehr kurz ist.

Vom zentralen Praça de Tirantes gehen nach allen Seiten steil abfallende Straßen ab, die oft auf kleineren Plätzen enden. Viele Restaurants, Mode- und Souvenirläden warten auf Touristen, denn vorallem davon lebt die Stadt. Außerdem ist eine der bekanntesten Universitäten des Staates hier ansässig mit einem riesigen Campus auf einem Berg über der Altstadt.

Übrigens, der mehr oder weniger lateinfeste Europäer wird vermutlich irritiert sein, über die völlig unverständliche Kleinstaaterei innerhalb dieser Stadt: an vielen Häusern kündet ein Schild vom Sitze einer Republik mit anderem Namen. Nun sind das mitnichten obskure Freistaaten, sondern „república“ bedeutet auf brasilianisch: Wohngemeinschaft. Und in der Stadt der Studenten ist dies die übliche Wohnform. Und da die komplette Innenstadt unter Denkmalschutz steht, sind die Häuserfassaden von außen irreführend, denn oft sind die Gebäude dahinter entkernt und zusammengelegt, so dass große Gemeinschaftsunterkünfte für acht bis 20 Studenten entstanden sind.

Am Nachmittag müssen wir eine Pause einlegen, nicht nur wegen der für die Jahreszeit eher ungewöhnlichen Hitze, sondern, weil unsere Beine und Füße nicht mehr mitspielen. Es ist so unglaublich anstrengend, hier herumzulaufen! Nach einem Nickerchen kraxeln wir wieder brav Richtung Praça, weil wir und überlegt haben, dass wir für den zweiten Tag gern die offenbar auch sehr spannende Umgebung der Stadt zumindest etwas erkunden wollen. Überall hier in Minas gibt es Canyons, Seen und Wasserfälle. Nur knapp 10 Kilometer von der Stadt entfernt liegt der Naturpark Andorinhas, die am nächsten gelegene Möglichkeit, ein paar von den unzähligen schönen Wasserfällen von Minas Gerais zu sehen.

Erste Idee: eine Agentur, die die Fahrt dorthin organisiert. Aber der übergewichtige Chef des Ladens scheint und mit „doofe Ausländer“ zu verwechseln und nennt uns einen geradezu absurden Preis. Abgehakt, das kriegen wir anders hin. Auf der Praza de Tirantes steht eine Riesenschlange Taxis. Wir pirschen die Reihe ab und entscheiden uns für den letzten Taxifahrer, etwas älter und irgendwie knuffig. Schnell werden wir uns über einen Pauschalpreis für Hinbringen und nach drei Stunden wieder abholen einig – 90 Real. „Nennt mich einfach Passarinho („Vögelchen“)“… Der andere Kerl wollte 300. Wir verabreden uns für den nächsten Morgen.

Zum Abendessen müssen wir wieder steil nach unten – auf der anderen Seite des Platzes, auf der wir gerade mühsam hochgeklettert sind. Unser Weg führt uns über eine steinerne Brücke, von der aus man den (leider nicht zugänglichen) wunderschönen Stadtpark samt Flüsschen sehen kann, vorbei am Grand Hotel, das der weltberühmte Oskar Niemeyer gebaut hat. Es ist ein so hässlicher Betonklotz, dass man seinen Augen nicht traut…

Die Küche von Minas, das Comida Mineira, ist legendär lecker. Zweimal haben wir das schon erfolgreich probiert! Diesmal fällt die Wahl auf ein Restaurant, das am Abend „Festival de pizza, tapioca e caldo“ anbietet. Das heißt, es gibt endlos Suppen, Pizzen und Tapioca (Rollen aus Maniokmehlfladen) – beides mit 34 verschiedenen Füllungen. Auf dem Buffet stehen fünf verschiedene Eintöpfe und Suppen und an Pizza und Tapioca wird immer frisch gemacht, was man sich aussucht, so lange bis man kurz vor dem Kollaps abwinkt. Das Ganze kostet pro Person zehn Euro.

Mit hängenden Bäuchen schleppen wir uns wieder über den Berg in unsere Unterkunft in der Rua Carlos Tomás. Unsere Vermieter Anna und Francisco, ein junges Paar, sitzen noch mit Besuch in der Küche und laden auf ein Bier ein. Wir schwatzen noch ein Stündchen über Brasilien, staatliche Universitäten contra private, die brasilianische Sucht nach Schönheitschirurgie und Kaiserschnitten und andere Dinge, die in keinem Reiseführer stehen. Immer wieder spannend, gut, dass mein Portugiesisch inzwischen gut genug dafür ist, sonst würde ich viel Spannendes verpassen.