3. Abtauchen

Da ich nun dank der modernen und praxisfernen Technik mehrere Tage lahmgelegt war, nehme ich mir die Freiheit, hier meine Tauch-Erlebnisse etwas zusammenzufassen – Unterwasser-Muffeln sei es freigestellt, dies zu überspringen…

Am Tag Eins werde ich meinem Dive Instruktor, sprich: meinem Ausbilder zugeteilt. Ein drahtiger Franzose, kahlköpfig, tätowiert, der schon über 20 Jahre im Geschäft ist. Das ist mir mehr als angenehm, vor nichts gruselt mir mehr als vor jungen, unerfahrenen Tauchern an meiner Seite und diesmal steht auch noch 30m-Tauchen auf dem Plan! Vlad spricht ein grauenhaftes französisches Englisch, aber ich bin ja gut im Erlernen von Fremdsprachen und nach zwei Stunden verstehe ich ihn, ohne zweimal nachzufragen. Er ist ein ernsthafter, aber entspannter und geduldiger Lehrer. Nach einigen Trockenübungen mit dem Kompass in Tauchhaltung – sehr zur Freude der Gäste des benachbarten Restaurants –  geht es auf’s Boot. Shallow Water,  heißt 8-12 Meter – gut für mich nach der Pause. Mit uns gehen noch 14 weitere Taucher an und von Bord, aber die tauchen zumVergnügen, wir bleiben ein Extra-Team.

Da ich noch keine Gelegenheit hatte, mich nach neunmonatiger Abstinenz warmzutauchen, bin ich etwas nervös, versuche, mir alles auf einmal zu merken und mich nicht allzu sehr zu blamieren. Ich weiß wohl, dass ich das Durchschnittsalter der Tauchgemeinde etwas überbiete und dementsprechend skeptisch belauert werde. Ich bin zappelig im Kopf, aber nicht ängstlich und einfach etwas überkonzentriert. Ausrüstung zusammenbauen, nichts vergessen, Vlads Argusaugen sehen alles. Und dann auch noch an die Haltung denken, schließlich will man neben diesen durchtrainierten Menschen nicht wie die dicke Oma vom Dienst aussehen….

Der erste Sprung ins Wasser vor der kleinen Insel Soneva ist für mich bereits einer der fünf Prüfdisziplinen zugeteilt. Es geht um Tarierung und Balance in Perfektion – ein sehr sinnvoller Part, aber nicht immer leicht. Aber eigentlich gehört das Körpergefühl zu meinen starken Seiten im Reiche der kleinen Seejungfrauen. Die meisten Aufgaben bekomme ich hin, zwei muss ich ein paar mal wiederholen, zu ich lerne auch viel sinnvolles, Neues wie bestimmte Flossenschwimmstile. Mein neuer Liebing ist der Frogstyle.

Der zweite Tauchgang ist Navigation, das ist auch nicht allzu schwer, es sei denn, man ist sehr schwach im Kopfrechnen.  Ich muss zum Abschluss ein Quadrat schwimmen, klappt, hat nur ein kleines bisschen Schlagseite. Zur Belohnung darf ich den Rest der Zeit das hübsche Riff und die Fischlein genießen. So langsam kommt mit der Entspannung auch das alte gute Feeling zurück. Ich bin schließlich Fisch!

Beiden Tauchgängen ging ein endloses Briefing voraus mit vielen unangenehmen Wissensfragen aus der ersten Ausbildung. Wieviel bar herrschen auf 20 m Tiefe? Wie verändert sich die Luftdichte in 10 Meter Tiefe? Wie in 30? Wieviel Liter Luft enthält mein 12 Liter Tank? (nee, nicht 12 Liter, 1500 Liter) Wie bestimmte ich das perfekte Gewicht meines Bleigürtels? Oh oh… Aber wirklich gut und wichtig. Und mein Instructor hält sich nicht lange mit gelegentlich etwas albernen Fragen der PADI-Ausbildung auf, um umso länger bei den wichtigen Fragen zu bleiben.

Der erste Tag ist geschafft, am Nachmittag bringt mich Nu, der nette Fahrer und Mädchen für alles, nach Hause. Unterwegs kaufen wir noch Obst für mich, denn, wie gesagt, hier ist alles sehr weitläufig . Und auch, wenn Koh Kood im Kommen ist (eigentlich irgenwie schade), ist die Infrastruktur noch recht dürftig und vor allem gibt es kein funktionierendes Transportsystem. Die wenigen Taxis müssen extra bestellt werden und sind wirklich teuer. Es gibt noch nicht mal die sonst so verbreiteten Linientaxis, geschweige denn Busse.

So kommt es auch, dass die Hotels und Bungalowanlagen, die am Meer liegen, zum Teil für Thailnad geradezu astronomische Preise verlangen können. Wenn man in einem einfachen Guesthouse wohnt , wie ich, dann ist der nächste Strand schon mal drei , vier Kilometer weg. Und der nächste Laden vielleicht sogar noch mehr.

So kommt es, dass ich mich entschließe, die Flucht nach vorn anzutreten. Ich werde Roller fahren. Aber nicht einfach so, nachdem meine Fahrprüfung in der grauen Vorzeit stattfand und ich seitdem nur einmal gefahren bin. Ich engagiere Am, den Bruder von O aus dem Eve s House als Fahrlehrer. Bei unserer Abfahrt haben alle viel Spaß, die Thais können wunderbar kichern! Wie Kinder.

Jedes Guesthouse vermietet hier Scooter und aus besagten Gründen ist die Nachfrage sehr groß. Eine Stunde lang sausen wir die Straße auf und ab, was weit fordernder ist, als es klingt, denn hier geht es ununterbrochen steil bergauf und bergab und das auch noch mit unendlichen vielen Kurven. Aber nach und nach entkrampfen sich meine schweißfeuchten Hände und auch mein Fahrlehrer entspannt sich, alles läuft gut. Ich werde in die wilde Welt der Scooter-Fahrer entlassen. Nicht ohne den Hinweis auf eine allgemeine Gefahrenstelle: Eine große, scharfe S-Kurve, bei der man möglichst in der Mitte fahren soll. Grund für diese aberwitzige Anweisung sind die hohen Kokospalmen links und rechts: Da fallen ständig Kokosnüsse aus großer Höhe auf die Straßenränder….

Ich düse zu Übungszwecken noch eine gute Stunde durch die Botanik, dann genehmige ich mir ein Essen auswärts, das kann ich ja jetzt! Das Restaurant Chiang Mai hat mir Nu empfohlen. Ich bestelle einen grünen Papayasalat mit Shrimp und Nüssen und als Hauptgang eine typisch nordthailändische Hühnersuppe mit knusprigen Nudeln. So gut beides auch schmeckt und so gierig ich das Essen in mich hineinstopfe – die Portionen sind gerademal gut halb zu schaffen. Und das für 150 Baht (keine 4 Euro).

Zurück bei Eveś genehmige ich mir einen Kokos-Shake und will eigentlich Blog schreiben. Nur mein schönes neues Tablet nicht. Zuerst steigt die Tastatur total aus, später fängt auch der Rest an, Faxen zu machen. Die feuchte Salzluft der Jahrtausende ist stärker als die schöne neue Technik. Morgen wird der Tauchschul-Chef dazu sagen: „Smartphones sind hier nicht smart. Willkommen im Paradies!“ Na dann: Nsoch einen Melonenshake und ab ins Bett. Morgen ist: TIEFTAUCHEN.

2. Hopp auf die Insel

VORBEMERKUNG: Meine geneigten Leser mögen mir die heftigen Verzögerungen verzeihen, aber die super Technik versagt bei diesem Klima total. Welcome to paradise! Meine Tastatur spinnt und die im Tablet integrierte hatte auch versagt, jetzt geht die wenigstens wieder. Hoffen wir, dass sie länger als zehn Minuten durchhält! Aber zurück zum Thema….

Ein neuer Tag, ein neues Abenteuer! Nach meinem ersten thailändischen Frühstück im idyllischen Gärtchen des Guesthouses bleibt mir noch eine knappe Stunde, um noch mal Geld zu holen, das soll auf der Insel manchmal ein Problem sein, bis vor kurzem sogar unmöglich.  Dann muss ich zurück sein und auf das kostenlose Sammeltaxi zum 16 km entfernten Pier warten.

Meine geschäftstüchtige Guesthousebesitzerin hatte natürlich praktischerweise gleich Tickets für ein Schiff auf die Insel verkauft, inklusive Transport zum 16 km entfernten Pier. Aber wann das Taxi wirklich kommt, ist schwer zu sagen. Kein Zeitpunkt, sondern ein Zeitraum.

Ich mache mich flugs auf dein Weg zum Market im Zentrum, dort soll es auch Geld geben. Schweißgebadet erreiche ich nach einem Sprint durch die geschäftigen Straßen besagten Ort, der aus wenigen Ständen besteht, aber an der Hauptstraße liegt, wo auch die wenigen Banken residieren. Von fünf Bankautomaten waren zwei kaputt, zwei akzeptieren meine Karten nicht. Egal. Muss erstmal reichen. Kommt Zeit, kommt Rat, das gilt in Thailand noch viel mehr, als bei uns. Flugs zurück durch die wuseligen Haupt- und beschaulichen Nebenstraßen dieser Provinzhauptstadt, die zwar nicht sonderlich interessant, aber auch nicht hässlich ist. Der Weg führt mich an gefühlten 500 Buddha-Altären vorbei, gelegentlich deute ich eine Verbeugung an, kann ja nicht schaden, sich seiner Huld zu versichern am Anfang meiner Reise.

Mein Taxi kommt 40 Minuten später, es ist gerade noch ein winziger Platz auf der Pritsche frei, im Rücken soll mir eine Riesenschraube am Metallgeländer die Fahrt zur Härteprobe werden lassen. Und für meine Tasche ist auch kein Platz mehr, eine Thaifamilie hat tausend Beutel und Taschen dabei, der großer Treckingrucksack eines Amerikaners okkupiert den restlichen Platz. Dem Fahrer ist das wurscht, er steigt nicht mal aus, ich kletter um das Auto herum, schließlich bleibt nur das Einstiegsbrett, der amerikanische Gentlemen erbarmt sich und verspricht, sie die ganze Zeit mit Muskelkraft an Bord zu halten. Thailändische Männer helfen seltsamerweise nie , wenn eine Frau schwer trägt oder ähnliches, bestenfalls sehen sie bedauernd lächelnd zu, wie man sich abplagt. Ob Buddha das gut findet?

Bei er ganzen Aufregung und dem Gerenne rein und raus aus dem Guesthouse habe ich irgendwann Vergessen, zum 10. Mal meine Schuhe anzuziehen, doch das merke ich erst, als wir losgefahren sind. Keine Chance, ich muss erstmal barfuss weiterreisen. Jetzt halten mich alle vermutlich für eine Hippie-Oma…

Die Fähre ist ein alter Pott, auf dem Oberdeck gibt es nicht mal Bestuhlung. Aber sonst ist es ganz gemütlich. Es sind viele Thais an Bord, die offenbar von der Insel stammen und einige Touristen. Wir tuckern gemütlich anderthalb Stunden über’s Meer, sehen am Horizont Koh Chang vorbeiziehen, werden geschaukelt, als uns das moderne und doppelt so teure Speedboot überholt. Schließlich tauchen die tiefgrünen, Urwald bewachsenen Berge von Koh Kood auf.  Sieht richtig toll aus, so, wie man sich eine tropische Insel vorstellt. So hat es lonely planet versprochen – stimmt!

Auf dem Hügel neben der Hafeneinfahrt thront ein riesiger goldener Buddha, der auf’s Meer schaut und die Besucher begrüßt – oder vielleicht auch begutachtet? Aber es sieht wunderschön aus. An der kleinen holprigen und engen Mole fällt mir fast meine Tasche ins Wasser.  Vorbei an ein paar kleinen chaotischen Läden führt der Weg steil bergauf zur Straße.

Hier herrscht ein riesiges lautes Chaos. Ein Thai mit einer handgeschriebenen Liste steht in der Mitte und brüllt, drum herum drängeln sich aufgeregte Touristen mit Gepäck und ein paar genervte Taxifahrer,  die auch noch dazwischenbrüllen. Am Straßenrand die üblichen Pickups, von nagelneu bis schrottreif, die jeweils bestimmte Hotels oder Guesthouses anfahren. Ich habe eine Unterkunft für den Anfang vorgebucht. Nichts Schiçkes am Meer, das ist hier einfach zu teuer. Und es kommt, was kommen muss, die letzte Schrottkarre ist meine, bloß keinen rostigen Splitter einreißen! Auf dem Dach steht ein schmächtiges Männchen – der Fahrer – und brüllt mich schon wieder an: Ich soll ihm meine Reisetasche hochreichen. Ich versuche es mit Leibeskräften, erkläre ihm, dass ich kein Bodybuilder bin, der 18 Kilo in die Luft schwingt. Ihm egal. Fordernd steht er auf dem Dach und lamentiert. Ein freundlicher Russe erbarmt sich, wuchtet das Teil hoch und ich darf einsteigen.

Die zweispurige Straße schlängelt sich steil bergauf und bergab durch das Dickicht, quer über die Insel. Immer wieder ein paar Häuser, ein paar Hotels,  Restaurants , aber dazwischen grüne Wildnis. Palmen, Mangroven, Bananen, blühende Büsche, riesige Bäume, Lianen. Also noch echte Insel und nicht nur Touristenparadies, so wie ich es auch gelesen und erhofft hatte. Ich würde sicher breit grinsen, wenn dieses Mobil nicht so eine Folter wäre und man sich einfach nur krampfhaft festhalten müsste….

Eve’s House ist ein einfaches Guesthouse eetwa in der Mitte der Insel, leicht südlich.  Mitten im tiefem Grün, etwas weit weg vom Strand, dafür entspannt und gemessen an den Inselmaßstäben sehr preiswert mit ca 17 Euro pro Nacht. Ein halbnackter, dünner uud tätowierter thailändischer Althippie steht an der Rezeption und begrüßt mich fröhlich: Oo, der Chef. Eine echte Marke, der Typ. Aber auch alle anderen hier sind super nett und entspannt – jetzt weiß ich wieder, warum Thailand, trotz seiner Taxifahrer, mein Land des Lächelns ist.

Ich bekomme einen kleinen, sauberen Holzbungalow am Ende eines grasbewachsenen und von Palmen beschatteten Hangs. Ein Hund und eine Katze warten vor der Tür auf mich. Das Dach ist nach allen Seiten offen, sicher wegen der Feuchtigkeit, die sonst alles schimmeln lässt. Winzig, aber nett.

Den Rest des Nachmittags verbringe ich damit, mich bei der Tauchchule zu melden, mit der ich wegen meinem zweiten Tauchschein in Verbindung stehe. Ein deutscher Chef, französische und thailändische Kollegen, alles alte Tauchcracks, ich begebe mich beruhigt in ihre Obhut. Und wie es aussieht, geht es schneller los als geplant. Morgen geht es los mit den ersten zwei Disziplinen: Perfect Boyency Performance und Navigation. Immer schön in Bewegung bleiben!

Dem Rest des Abends genieße ich mit einem kleinen Erkundungsspaziergang, der mich lediglich zu einer im Wald versteckten Wohnsiedlung und einigen locker verteilten Guesthouses und Restaurants bringt, alles recht weitläufig und es ist bereits stockdunkel. Ich lasse es gut sein und suche mir ein Plätzchen im offenen Restaurant von Eve´s House.

Nach drei Seiten offen, Blumen umrankt und mit Muscheln dekoriert, wirkt es einladend. Man kann a la carte bestellen, der Chef selbst ist ein guter Koch wie sich zeigt, aber es gibt auch eine kleine Küchenmannschaft. Oder man sucht sich am offenen Grill Fisch, Garnelen und Gemüse aus. Alles sehr nett, ich genieße meinen ersten Inselabend und – ich geb s zu – auch meine selbstgewählte Einsamkeit.

Danach begebe ich mich unter meinem Moskitonetz zur Ruhe, bewacht von einem blinden Hund und einer roten Katze vor der Tür, in den Schlaf gesungen von Grillen und Nachtvögeln. Schön wieder hier zu sein. Und gespannt, was die nächsten aufregenden Tage bringen!

 

 

 

1. Go far – go east – go Tailand

Meine lange Reise beginnt mit einer Premiere: der Airbus 380. Was für ein Riesenvogel! Der Blick aus dem Fenster auf Tragflächen und Turbinen macht erst richtig klar, wie groß… Beeindruckend, dass sich so ein Koloss mit so vielen Menschen und Gepäck an Bord in die Lüfte erheben kann… Was das Innenleben betrifft, unterscheidet es sich wenig von dem, was man kennt. Die Beinfreiheit ist erträglich, Fußstützen gibt es keine. Und ich gehöre zu den gebenedeiten, die einen der Plätze mit einem festgeschraubten Metallkasten unter dem Vordersitz haben, also nur einen halben Sitz für die Füße. Toll… Und neben mir ein voluminöser Mensch, der seinen Raum mehr als ausfüllt. Ok, ich sehe es als Probe an der Tür zum Paradies. Vier Filme später, zwei Essen und etwas gepflegter Langeweile landen wir pünktlich um halb halb zwei in Bangkok.

Wumm! Die Hitze trifft mich wie eine Keule. 33 Grad, feucht-heiss. Der Flughafen ist viel größer als ich ihn iin Erinnerung habe, der Weg zum Gepäck, der Visa-Ausgabe und zum Ausgang nimmt kein Ende. Wie dann auch die Schlangen an der immigration control. Alles nur zeitaufwändig, aber kein Problem. Die erste Nervenprobe wartet an der Gepäckausgabe.

Eine gigantische Halle, 22 Gepäckbänder. Unser Flug ist an Band 22 angekündigt. 15 Minuten später ist klar, dass mein Gepäck nicht dabei war. Also zum Gepäckservice, der winkt mich weiter, 150 Meter weiter auf Band 18 kommt auch noch Gepäck aus Frankfurt. Weitere 15 Minuten später ist auch diese Hoffung erschöpft. Leicht verzweifelt und stark übermüdet das nächste Mal zum Service. Die wedeln mich genervt weg, bis ich verstehe: Band acht ganz weit hinten ist für das Nachzüglergepäck der Lufthansa. Und mit mir trifft dann auch gerade meine Tasche ein….

Gut, die zweite Prüfung am Tor zum Paradies. Nun muss ich nur noch das Chaos am Flughafen entwirren, eine Sim-Karte kaufen und den Bus nach Trat finden. Ersteres gelingt, letzteres nicht, der Bus ist bereits weg. Und mit einem dieser schrecklicheen Minibusse will ich nach der Enge des Fliegers nun nicht noch ein paar Stunden über die Straßen rasen. Ich stelle mich an der Taxischlange an. Mein Fahrer ist zuerst ganz nett, er lässt nichts unversucht, um mich zu überreden, nicht zum Busbahnhof zu fahren, sondern für 100 Dollar gleich nach Trat. Als das nicht klappt, ist er schon weniger freundlich und nach einer Stunde Bangkok Rush Hour setzt er mich schlecht gelaunt und meckernd ab, nachdem er mich mit dem Preis voll über das Ohr gehaun hat. Aber so kaputt wie ich bin, ertrage ich seine Gebrülle nicht, als ich ihn auf die Abzocke hinweise. Ich zahle, das schlechte Karma hat er.

Am Busbahnhof Ekkamai erstehe ich ein Ticket, das billiger ist als die Taxifahrt in Bangkok, dabei dauert diese Fahrt gen Osten mindestens fünf Stunden. Mir bleibt eine Stunde und ich suche mir eine kleine Garküche, um etwas zu essen. Irgendwie erscheint mir alles vollkommen verrükt. Gerade noch in Berlin, und jetzt in dem Wahnsinn von Bangkok.

Ich bekomme für 50 Baht (1,20) eine superleckere Suppe mit tausend Zutaten, von denen ich allerdings zwei aussortiere, weil… nicht mal ich bin abenteuerlustig genug, diese Stücke in den Mund zu stecken. Aber der Rest – super. Bedient werde ich in dem schäbigen Imbiss von einem großen, schlanken Ladyboy in Netzbluse und Küchenschürze, der mir immer verschwörerisch unter Mädels zuzwinkert. Bankgok eben. Wobei nochmal gesagt sei, Ladyboys, Männer, die sich wie Frauen kleiden, leben und benehmen, sind hier so etwas wie ein eigener, akzeptierter Stand.

Der Bus ist alt, innen mit rosa und türkisfarbenen Taftgardinchen ausgestattet und einer schnaufenden Aircondition. Mein Gepäck muss ich selbst in den Packraum wuchten, der Fahrer steht mit verschränkten Armen daneben und gibt Anweisungen. Die Sitze sind relativ bequem, aber keine echten Liegesitze. Schade. So langsam habe ich das nächste Level Müdigkeit erreicht, wenn das noch möglich ist.

Ich starre gebannt aus dem Fenster, dieser Moloch Bangkok mit seinen endlosen Straßenschluchten, Millionen kleinen Läden, Dutzenden Shoppingmalls, schicken Hotels, armseligen schimmelnden Wohnhäusern, goldenen Tempeln, Klongs und dem Gewusel geschäftig herumeilender Thais, am Straßenrand sitzenden alten Leuten und Touristenmassen in den entsprechenden Gegenden ist immer wieder eine Show. Allerdings eher für den Tag nach dem großen Schlaf. Mir schwirrt der Kopf.

Nach anderthalb Stunden haben wir immer noch nicht die Stadt hinter uns gelassen. Inzwischen ist es dunkel und der Bus rumpelt eine endlose Straße entlang, die Ĺandschaft lässt sich nicht mehr erkennen, Bäume, Felder, riesige Gewerbegebiete, schummrig beleuchtete ärmliche Wohnhäuser, unter Bäumen versteckt, und immer mal wieder langgezogene kleine Städte. Und natürlich – strahlende Tempel mit weise blickenden Buddhas, vor denen sich meine Mitreisenden immer schnell verbeugen.  Ich habe nicht die geringste Ahnung, wo wir sind, alles wichtige ist nur in Thai geschrieben. Wen interessiert schon ein Ortsname, wenn ich doch Bridgestone und Seven/Eleven lesen kann.

Ich schwebe inzwischen in anderen Sphären, im bläulichen Schummerlicht des Busses, der mittlerweile seit fast sieben Stunden durch die finstere Provinz fräst. Wir passieren die Provinzhauptstadt Chanthaburi, eine ziemlich große Stadt mit einem flackernden, flimmernden, strahlend erleuchteten Jahrmarkt in der Nähe des Busbahnhofes, der sogar in lateinischer Schrift seinen Namen mitteilt. Bekannt ist die Stadt für ihren Edelsteinhandel – vor allem Rubine. Aber da mir keiner einen überreicht, bin ich froh als es endlich weitergeht.

Nach Mitternacht endlich kippt der Bus den Rest seiner Fahrgäste an der Central Bus Station aus. Die quälende Frage, wie ich da weg komme und um diese Zeit in dieser Stadt eine Unterkunft finden soll, erledigt sich von selbst. Ein freundlicher Song Taew-Fahrer spricht mich an. Das sind diese offenen Pritschenwagen mit zwei Bänken längsseits, die auch als Linien- oder Sammeltaxis fungieren. Misstrauisch durch den Bangkoker Geier verhandle ich erstmal den Preis, der mir einigermaßen fair erscheint und der Mann strahlt mich an: Don´t worry, I know maaany guesthouses! Gut!! Allerdings ist im ersten keiner mehr wachzuklingeln, im zweiten gelingt es dann. Für ganze 7 Euro erhalte ich ein sehr simples, aber sauberes Zimmer im Sangjun in der Altstadt! Heureka!

Allerdings einen hat der Tag noch für mich noch nach 26 Stunden. Als ich gerade eingeschlafen bin, stehe ich plötzlich senkrecht und schreckensstarr im Bett und suche im Dunklen, wer da an meinem Bett steht. Ich habe es genau gehört und mein Bett hat auch unter den Schritten geschwankt! Doch… da ist keiner. Beruhigen, wieder hinlegen. Da! Da ist er wieder! Licht an, Panik. Dann passiert es wieder und ich verstehe endlich,  was passiert. Alles ein durchgehener schwankender Holzboden, nur lockeraufgesetzte dünne Holztrennwände. Nebenan läuft jemnd durchs Zimmer, ich höre die Schritte neben mir und mein Bett schwankt!…… Es dauert eine Stunde, bis mein Adrenalinpegel wieder auf normal steht und ich endlich in die Welt des Schlafes entlassen werde. Good Night, Thailand, see you tomorrow!

At least: Taucher – Fotos

An dieser Stelle sei ausdrücklich Eve Marshall von der Triton Dive Lodge gedankt, der wunderbaren Photografin, der diese beeindruckenden Bilder aus der Unterwasserwelt der Sodwana Bay zu verdanken sind. Sie war auch bei fast allen unseren Tauchgängen unser Dive Instructor, sie hat uns begleitet, beschützt und uns kenntnissreich durch Neptuns Reich geführt!

Thank you, Eve, for this awesome photos and your great support and guidance!

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Und ganz zum Schluss – ganz unprofessionell, aber authentisch: die Autorin persönlich.“Wenn Beate reist…“:

14. Blaues Paradies

Der Nieselregen vom Vorabend hat aufgehört, es ist warm und stürmisch. Eigentlich wollte ich heute gleich tauchen, aber daraus wird bei der Wetterlage nichts. Macht aber nichts, so haben wir einen Tag, um uns zu orientieren, außer grünen Dünen und Wald haben wir noch nichts gesehen. Der Strand von Sodwana Bay liegt im Schutzgebiet und ist 13 Kilometer entfernt. Der Weg führt durch ein winziges Dorf mit ein paar Restaurants, einem kleinen Supermarkt und ein paar Dive Shops, Tauch-Zentren.

Wieder ein Nationalpark-Gate mit Anmeldeformularen und Papierkram. Das Absurde: Eintritt zahlen nur Menschen im Auto. Wer eine Ecke vorher aussteigt und durchläuft, zahlt nichts.

Eine Düne trennt uns vom Ozean und dann: der Blick auf den breiten, weißen Strand und ein tosendes Meer. Der Wind peitscht den Sand vor sich her. Hundert Meter weiter ragt ein großes flaches Felsenriff weit ins Meer hinaus. Da es offensichtlich die meiste Zeit unter Wasser steht, ist es über und über mit hellblauen und rosa Seepocken und Muschelschalen besetzt, weiter draußen geht es in grüne und braune Korallen mit gelben und leuchtend roten Flechten über. Man muss verdammt aufpassen, dass man nicht auf dem nassen, schlierigen Gestein ausrutscht oder über kleine spitze Felsecken stolpert. Aber man kann nicht widerstehen dem Wind trotzend bis ans Ende zu laufen, wo der Fels vom Meer unterspült ist. Die Gischt sprudelt aus kleinen Öffnungen wie aus kleinen Geysiren hervor, sobald eine große Welle kommt.

Am Rand dieses Felsplateaus im Meer stehen, eisern dem Wind trotzend, gegen die starke UV-Strahlung mit Gesichtsmasken geschützt, stoisch Angler. Jeder mit seinem Eimer neben sich. Sportangler, die nur an diesen Ort kommen, um jeden Tag zur Ebbe hier zu stehen, die Ruten zu schwingen und den dicksten (Fisch) haben zu wollen…. Komische Spezies. Wobei man als Fischesser zugeben muss: hier schwimmt sehr viel leckeres Flossen- und Schalengetier herum!

Der breite Strand ist von einer grünen Düne gesäumt und an der nahen Landspitze erhebt sich ein Hügel mit einem Leuchtturm in einem Wäldchen. Ein klassisches Postkartenbild.

Trotz Sandbeschuss und Sturm nehmen wir ein Bad, aber nur im flacheren Wasser, denn die Brandung ist wirklich stark und auch der Sog. Schließlich hat der Sturm die Wolken weggeblasen und die Sonne kommt durch – und brennt sofort heiß! Wir hängen noch ein Weilchen am Strand herum, treffen eine nette chilenische Familie, die seit Jahren in Südafrika lebt, und erfahren viel Neues und Interessantes über dieses Land – das allerdings eher an anderer Stelle erzählt werden kann.

Schließlich versuchen wir noch auf dem Rückweg einen WiFi-Spot zu finden, denn unsere Lodge hat keinen und die Sache mit dem Internet ist hier wirklich noch auf Minimal-Standard. Doch das einschlägige Café hat ohne Erklärung zu, die Cocktailbar schließt um 17 Uhr, bleibt nur die Lobby einer teuren Lodge, wo man ein paar Megabite für gutes Geld kaufen muss. Nicht gut für mein Blog, aber erholsam…. Wir sind eben ziemlich weit weg von städtisch entwickelten Gegenden.

Später kaufen wir in Mbazwana noch ein. Vor dem Supermarkt sitzen Dutzende Frauen, die allerdings alle dasselbe verkaufen: Bananen, Ananas, Tomaten, Kartoffeln, Zwiebeln. Keine Varianten: kein Saft, keine Konfitüre, nichts Essfertiges…. Nur wenige können etwas verkaufen, das Geschäft läuft flau, die Konkurrenz ist groß. Geschäftstüchtig sind die Leute hier wirklich überall so gar nicht. Mir würden auf der Stelle etliche Dinge einfallen, die gut zu verkaufen wären in so einer Gegend mit vielen Reisenden. Aber die Menschen hier machen am liebsten alles so, wie sie es immer gemacht haben, Veränderungen sind eher lästig und abwegig. Schade.

Den Abend verbringen wir in unserem kleinen Waldparadies mit netten Gesprächen mit anderen Gästen, der Chefin, der Tauchcrew, die auch hier lebt und abends nebenbei Restaurant, Bar und Feuer schmeisst. Die Stille wäre wohl unheimlich, wären da nicht die tausenden Grillen, Vögel und Frösche mit ihrem Dauerkonzert. Beizeiten begeben wir uns zur Ruhe: morgen früh soll endlich getaucht werden, die Wettervorhersage ist wesentlich besser, der Sturm ebbt ab.

Sechs Uhr rasselt der Wecker. Und das soll nun Urlaub sein. Aufstehen, duschen, Kaffeekochen, Bananenpfannkuchen backen, Obstschneiden, Frühstücken, packen – und los! Ich bin richtig aufgeregt. Fast ein Jahr ohne Tauchen! In den vergangenen drei Jahren bin ich eine echte Tauch-Süchtige geworden. Nur habe ich eben nicht so oft Gelegenheit.

Mein Liebster hat sich für´s Schnorcheln entschieden. Er kann zwar auch tauchen, hat aber seit der Prüfung nie mehr getaucht, ihm fehlt die Übung. Zudem ist er Raucher, also alles eher hinderlich. Wenn man noch mit den Grundlagen der Bewegung und Atmung unter Wasser zu kämpfen hat, hält sich der Genuss sehr in Grenzen und man bekommt das Großartige in Neptuns Reich nur am Rande mit.

Als wir am Strand ankommen, bin ich zunächst fest überzeugt, dass der Tauchgang doch abgesagt oder zumindest verschoben wird: die Wellen sind noch riesig! Aber ungläubig vernehme ich, dass das kein Problem mehr sei. Na dann: Ahoi!

Die Triton Crew hat schon im Morgengrauen Boot und die gesamte Ausrüstung an den Strand gebracht und ein großes offenes Sonnenschutzzelt aufgebaut. Zehn Taucher und zwei Schnorchler gehen an Bord, Chef unter Wasser (Dive Instruktor) ist die Lodge-Chefin Eve Marshall persönlich und später Neville, ein Typ, der auf den ersten Blick aussieht wie eine korpulentere Mischung aus Dirty Harry,  Howard Carpendale und Rolf Eden, so um die sechzig. Doch schon bald stellt sich heraus, dass der Mann ein echter Crack ist – was das Tauchen, Bootfahren und – Wissen über Korallen und Fische ist. Er hat sogar eine neue Fisch-Spezies hier entdeckt, die nach ihm benannt ist. Ein toller und völlig entspannter Typ, der einen mit seiner Begeisterung ansteckt.

Der Rest der Crew besteht aus fünf sehr netten jungen und aufmerksamen jungen Guides. Später erst erfahren wir von Stammgästen, dass sie alle aus Reha-Programmen hierhergekommen sind: Drogen- und Alkoholkarrieren. Das erklärt vielleicht auch ihr hingebungsvolles Engagement und die sichtliche Zuneigung zur Chefin, die ihnen allen ein zweites, neues Leben ermöglicht. Die Truppe ist super!

Allerdings ist dieser erste Tag ein echter Hammer – auf der Wasseroberfläche! Wir fahren mit einem starken, 12 Meter langen Schlauchboot `raus. Die wildeste Bootsfahrt meines Lebens! Wie müssen uns heftigst festklammern, um nicht über Bord zu gehen als Neville unerschrocken über riesige Wellen kreuzt, die mehrere Meter hoch sind. Manchmal steht der Bug hoch auf einer Welle – und darunter scheint es erstmal gar nichts zu geben, bevor unten das Wellental auftaucht. Lieber Himmel, was für eine Fahrt! Für Seekrankheit habe ich vor Aufregung keine Zeit. Neville lacht nur. Das mit dem Seegang sei alles sei gar kein Problem, schon gar nicht unter Wasser.

Aber erstmal müssen wir es schaffen, uns draußen am geplanten Dive-Spot angekommen,  im engen Boot die schwere Ausrüstung fehlerfrei anzulegen, ohne über Bord zu gehen oder andere Unfälle. Und dann müssen wir auch noch rückwärts kopfüber von Bord gehen, für mich das erste Mal auf diese Weise. Also – meine Abenteuerlust wird wirklich auf die Probe gestellt! Aber ich habe Vertrauen zur Crew. Außer uns sind noch vier ältere Stammgäste mit von der Partie und die bleiben ganz cool. Also werde ich das wohl auch schaffen.

Der Guide neben, Clinton, mir hat meine Nervosität mitbekommen und hakt mich fest unter: wir werden auf das Kommando gemeinsam nach hinten ins wilde Meer abtauchen. Gesagt, getan – schon überstanden, alles bestens. Endlich wieder hinabsinken lassen ins tiefe Blau! Schon wenige Meter unter der Oberfläche ist das Meer sanft und friedlich. Ich brauche nur ein paar Minuten, um mich wieder sicher und glücklich zu fühlen, um meinen Körper wieder darauf umzustellen, nur über Atem und Körperneigung zu navigieren und die Luft im Körper zu spüren und zu nutzen, wie wir es sonst niemals tun.

Am Meeresboden, hier in etwa achtzehn Meter Tiefe, hat der Seegang eine lustige Auswirkung, die ich noch nie erlebt habe: Man wird ganz sanft wie auf einer riesigen Schaukel hin und hergetrieben – und alle Fische genauso. So braucht man nicht einmal seine Beobachtungen zu unterbrechen – das beobachtete Objekt swingt mit. Wirklich verrückt.

Die Unterwasserwelt hier in Sodwana Bay ist phantastisch! Verschiedenste Korallen und Algen, alles um einen herum ist bunt: endlos viele farbenfrohe Fische von winzig bis riesig, einzeln, in Paaren, in Schwärmen. Bunte Nacktschnecken, riesige Muscheln, die geöffnet auf Nahrung warten…. Es fällt mir schwer, das alles zu beschreiben, man muss es einfach sehen.

Plötzlich schwebt eine riesige Leatherback-Schildkröte unter einem Korallenriff hervor, keine zwei Meter von mir entfernt. Und schließlich: ein Hai! Der erste in meinem Taucherleben! Ein etwa zweieinhalb Meter großer sogenannter Reggie, Ragged Teeth yellow spotted Shark! Völlig entspannt hängt er knapp über dem Meeresboden und mustert uns. Ich dachte immer, Haie würden mir sicher Angst machen, aber das legt sich jetzt: Der Knabe ist total friedlich und cool. Und in den folgenden Tagen werde ich noch mindestens acht weitere Haie sehen: Reggies, Sandhaie und einen kleinen Bullenhai – und noch mehr Schildkröten. Die schweren Riesentiere aus der Urzeit fliegen förmlich unter Wasser. Genau wie die großen Rochen, die in den kommenden vier Tagen unter uns und neben uns schweben.
Auf der Liste der Lieblingsfische stehen die schillernden Papageienfische ganz oben. Die auf den Folgerängen kann ich nur auf Englisch benennen: knallige Butterflyfische, Moonies, Blue Trigger, Coachmen, Kingfish, Wrasses, Rockcods, Porcupine Fishes und Goatfishes.
Aber nun soll es auch schon gut sein mit der bunten und schillernden Welt der Fische – ich möchte mein weniger Wasser-verliebtes Publikum nicht langweilen. Aber dieser kleine Exkurs musste sein. Die nächsten drei Tage vergingen wie im Traum mit je zwei Tauchgängen und entspannten Abenden im Camp.

Nur eine kleine Story noch: Am letzten Tag habe ich meinen ersten Tief-Tauchgang absolviert. Eve und Neville haben mich dazu ermutigt, nachdem sie meine Tauchfähigkeiten beobachtet und für bestens befunden hatten: Ich bin auf 33 Meter getaucht. Das ist wirklich noch mal etwas anderes!

Ich dachte, es lag an mir, dass ich, obwohl es mir absolut gut ging, die ersten zehn Minuten tatsächlich mentale Schwerstarbeit leisten musste, um keine Panik aufkommen zu lassen. Aber die beiden haben mir später erklärt, das liegt am schnellen Stickstoffanstieg im Blut und außerdem sei Tieftauchen zu fünfzig Prozent mentale Arbeit. Und die Prüfung hätte ich erfolgreich bestanden. Ich gestehe, ich war sehr stolz!

Sodwana Bay gehört zu den zehn besten Tauchgegenden der Welt. Keine Wasserverschmutzung, warmes Wasser, geschütztes Meer samt Strand, kontrollierte Besucherzahl, extremer Artenreichtum. Wirklich phantastisch! Wer sich also dafür interessiert – es lohnt sich hierher zu kommen! Und wenn, dann vorzugsweise mit der Triton-Crew. Der geht’s nicht nur ums Geldverdienen, sondern um die Liebe zum Tauchen und zum Meer. Nix für Hippster und auf wilden Wettstreit Versessene, eher für entspannte Liebhaber des Tauchens.

Die letzten beiden Nächte haben wir in der ebenfalls sehr schön gelegenen Wildbees Eco Lodge in Hluhluwe (sprich: Schluschluwe) verbracht, rund 100 Kilometer südlich von Sodwana Bay Richtung Durban. Am letzten Tag, the day after diving, haben wir noch eine letzte Safari in den riesigen iMfolozi Park gemacht, diesmal in den südlichen Teil.

Herrliche Berglandschaft, immer noch tiefgrün, aber daher teilweise schwer einsehbar. Gleich am Anfang haben uns ein paar Zebras, Wasserbüffel und in der Ferne zwei Elefanten begrüßt, aber danach war stundenlang gar nichts – Mittagshitze. Jetzt wussten wir, wie sich Krüger-oder andere Nationalparkbesucher fühlen, die nicht soviel Glück haben, wie wie es bisher…

Wir haben uns dann in das einzig öffentlich zugängliche Ressort im Park, dass Hilltop Ressort auf einem der höchsten Punkte des Parks, zurückgezogen und eine mehrstündige Mittagspause mit Imbiss und Pool (inklusive endlosem Bergpanorama) eingelegt. Danach, am späteren Nachmittag, hatten wir dann wieder mehr Glück!

Auch wenn sich die Löwen und Leoparden weiterhin vor uns versteckt hielten, haben wir doch aus nächster Nähe jede Menge Wasserbüffel und Nashörner beobachten können. Auch einige Impalas, Kudus und Gnus gaben sich die Ehre. Zum Schluss haben sich noch die Affen und Warzenschweine gebührend von uns verabschiedet. Wenn auch dieser Tag nicht mit unserer ersten iMfolozi-Tour zu vergleichen war – es hat Spaß gemacht.

Was wir mitnehmen nach drei Woche in diesem riesigen, wunderbaren, aber auch extrem widersprüchlichen Land? Unendlich viele neue Eindrücke, Gedanken, Erfahrungen, wunderbare Erinnerungen und – die Lust auf mehr! Danke, Mama Africa, für eine wunderbare Zeit!

13. Next stop: Sodwana Bay

Erster Abschied in diesem Urlaub, nicht von einem Ort, sondern vom Kleeblatt: Nathalie muss zurück zur Arbeit. Tagelang haben wir versucht, eine offizielle Reisemöglichkeit von St. Lucia nach Durban Airport zu finden, aber die gibt es nur dienstags und donnerstags. Also bleibt wohl nichts anderes übrig als einen der Minibusse zu nehmen, die von der Stadt Mtubatuba, die 27 Kilometer entfernt ist. Und das ist wirklich eine sehr einheimische Reiseart….

Wir begleiten Nathalie, noch weiß keiner genau, wie das funktionieren wird. Wo fahren diese vollgestopften alten Vehikel ab, wann, was kostet es, wohin genau fahren sie….

Mtubatuba, von wo angeblich diese Kleinbusse abfahren, entpuppt sich als extrem quirlige, geschäftige, chaotische und ziemlich schmuddelige Stadt. Wir sehen nur schwarze Menschen, dementsprechend fallen wir schon allein an der Tankstelle auf, wo wir uns nach den Minibussen erkundigen. Hochgezogene Augenbrauen und ein ungläubiges Grinsen: Diese blonde Weiße will damit fahren?!

Aber freundlichst bekommen wir Auskunft und sogar noch den Preis verraten, den die Einheimischen dafür zahlen: 150 Rand für die rund 270 Kilometer. Gut zum Verhandeln.

Unser dritter Mann bleibt im Auto – das können wir hier nicht allein lassen. Wir Frauen machen uns auf den Weg durch´s Gewühl: zwei leuchtend weisse Knöpfe inmitten von lauter Kaffeebohnen. Es herrscht totales Chaos: Marktstände, Autos, Mütter mit Kindern, doperauchende Teenager, Männergruppen oder am Boden sitzende Menschen, die alles mögliche zum Kauf anbieten – alles wild durcheinander. Jetzt sind wir das erste Mal wirklich in Afrika, stellen wir beide fest. Ist schon ein etwas irritierendes Gefühl, so fremd haben wir uns beide hier noch nie gefühlt.

Aber die alte Strategie von vielen Reisen funktioniert: nicht weiter herumgucken, sondern ganz selbstbewusst und zielgerichtet einfach durchlaufen (selbst, wenn man noch gar nicht so genau weiß, wohin). Auch wenn wir uns wirklich gern mehr umgeschaut hätten, denn ist ist wirklich spannend. Nach einem erstaunten Blick auf uns wenden sich die meisten wieder dem zu, was sie gerade getan haben. Schließlich haben wir uns zu einem Bus durchgefragt, der nach Durban fährt, der Typ im Bus erscheint uns beiden einigermaßen vertrauenerweckend, sonst hätten wir uns jemand anderen gesucht.

Ja, es gibt noch Plätze und er hält einen frei, denn wir müssen erst das Gepäck holen. Es dauere sowieso noch, denn der Bus (der innen ganz schön verrottet aussieht, mit aufgeplatzten Sitzen) ist noch halb leer. Also zurück durch das Chaos, jetzt fängt es auch noch an zu regnen. Wir flitzen noch in einen Supermarkt, um Bargeld aus dem Automaten zu ziehen, aber der ist leer. Auch im Supermarkt fallen wir wieder auf. Als wir endlich mit dem Gepäck heil am Abfahrtsort sind, ist der Bus gerade angefahren. Wir rennen hinterher. Tja, dumm gelaufen, das mit der Platzreservierung hat er vergessen, jetzt ist alles voll.

Also wieder auf die Suche machen nach dem nächstmöglichen Durban-Taxi. Zum Glück finden wir einen neueren Bus, mit einigen Frauen an Bord, auch der Fahrer scheint uns ok. Ich schiebe Nathalie sofort ganz vorn auf die Bank – das gilt als der sicherste Platz. Die schlechten Geschichten von diesen Transporten erzählen davon, dass die Fremden plötzlich gezwungen werden, Geld mit der Kreditkarte abzuheben und dann ohne alles in der Pampa ausgesetzt werden. Aber – ein bisschen positives denken gehört dazu und passieren kann eben immer was. Es gibt keine andere Möglichkeit. Ich bleibe noch eine Weile demonstrativ am Bus stehen und wir verabreden, dass wir über die Handys ständig Verbindung halten.

Zurück durchs Chaos ins Auto. Zwanzig Minuten später trinken wir einen Kaffee an einer modernen Tankstelle an der Überlandstraße. Total andere Welt. Gemischtes Publikum, alles wirkt (fast) europäisch, modern, anonym. Kaum zu fassen, dass diese Welten so nah und so fern voneinander existieren.

Wir sind jetzt unterwegs nach Sodwana Bay ans Meer, am Indischen Ozean. Nach rund drei Stunden passieren wir die Kleinstadt Mbzwana und kurz darauf erreichen wir das Gebiet, wo laut Navigationssystem, unsere Lodge liegen soll. Nur ist das Navi irgendwie total verwirrt und führt uns abenteuerliche Wege ins Nirgendwo. Straßen im herkömmlichen Sinne gibt es nicht.

Die Landschaft hat sich vollkommen verändert. Endloses Dünenland, mit viel Grün bewachsen, oft auch mit dichten Büschen und kleinen Bäumen, so dass man nie weit schauen kann und oft nichts außer tiefem Sand und grünen Hügeln sieht. Und dazwischen Eukalyptusplantagen. Also auch hier. Ganze Landstriche haben wir unterwegs mit diesen für die Umwelt und den Wasserhaushalt so schädlichen Plantagen gesehen.

Nachdem wir eine Weile gekreiselt sind, finden wir endlich eine ausgeschilderte Stichstraße bzw. besser gesagt einen ausgeschilderten Sandweg zur Triton Dive Lodge. Eigentlich gibt es zwei parallele Wege: einen für Vierradantrieb, einen für Zweiradantrieb. Per e-mail habe ich vorher nach der Wegbeschaffenheit am Ankunftstag fragen müssen – es kann vorkommen, dass man ohne Vierradantrieb keine Chance hat. Aber tapfer wühlt sich unser höhergelegter Wagen durch den Sand, ein paar Kühe gehen missmustig aus dem Weg und irgendwann sind wir am Ziel, kurz vor Einbruch der Dunkelheit. Letzte Nachricht: Nathalie sitzt wohlbehalten im Flieger.

Das Camp liegt unter hohen Bäumen versteckt und man kann nur einzelne Gebäude zwischen dichtem Grün erkennen. Es gibt in diesem hohen Wald noch eine zweite grüne Ebene mit halbhohen Bäumen, Palmen, Obstbäumen und einfach Dickicht, in das das Camp hineingebaut ist. Man fühlt sich wirklich wie mitten im Wald versteckt. Ein kleines Labyrinth aus Holzstegen verbindet Rezeption, Hütten, ein halboffenes Restaurant und einen offenen Feuerplatz für den Abend, der umgeben ist von den überdachten Küchen und Essecken. Viele Lodges hier setzen auf Selfcatering, das heißt Selbstkochen. Im Triton hat man die Wahl und muss sich nicht selbst verköstigen, man kann sich auch täglich im Restaurant zum Essen anmelden.

Wir dürfen uns eine Hütte aussuchen. Da die Saison zu Ende ist und nicht mehr viele Gäste da sind, bekommen wir sogar eine bessere, mit abgetrenntem Bad, für dasselbe Geld. Wirklich nett hier, entspannt, wir haben es sehr gut getroffen. Nicht schick, ein bisschen abgenutzt, aber irgendwie cool und kuschelig so zwischen all dem Grün und mitten im Dickicht. Es gibt natürlich auch einen Pool, hier finden auch die Anfängerlehrgänge für Tauch-Novizen statt. Das Originellste sind für mich aber die Open-Air-Duschen, ebensolche Toiletten und sogar eine Openair-Badewanne. Von zweieinhalb Meter hohen Wänden gegen Blicke geschützt, steht bzw. sitzt man dennoch direkt im Wald, es wachsen sogar Bäume durch die Dusche und man sieht in den Himmel.

Gary, der Koch im Camp, so erfahren wir später, ist tagsüber auch der Divemaster an Bord des hauseigenen Tauchbootes. Der Mann kann erstklassig kochen und man darf sogar Wünsche äußern, auch wenn sie nicht im offiziellen Angebot stehen. Alles scheint möglich. Alles sehr familiär hier, dabei ist die Lodge gar nicht so klein, wie ein Erkundungsrundgang offenbart. Nach einem leckeren Rumsteak und einem Bierchen schlafen wir beim ständigen Konzert der Zikaden und den gelegentlich ziemlich gespenstisch klingenden Rufen der Turteltauben rundum zufrieden ein. Noch eine Woche genießen…..

12. Große Tiere, kleine Tiere

Großer Safari-Tag! Aber erstmal ein Bad im Pool und Frühstück – heute drinnen, draußen ist es schon zu heiß. Auf dem Dach und im Baum vor dem Fenster tobt eine wilde Affenbande, es ist laut und witzig zugleich. Außerdem hängen die Fliegenfenster von außen immer voller Eidechsen, fast wie ein Dekor. Wie haben am Abend noch einen Berg leckeres Obst am Straßenrand gekauft und so ernähren wir uns momentan sehr gesund und lecker. Ach ja: LEKKER! Das ist das Wort, das man hier ständig hört. In Afrikaans bedeutet es alles von tatsächlich lecker über gut bis ausgezeichnet, bestens, prima, in Ordnung. Und das auf alles bezogen. Klingt lustig für unsere Ohren. Klappt immer.

Wir machen uns auf zum 60 Kilometer entfernten iMfolozi Game Reserve, dem ältesten Nationalpark des Landes. Ein 960 Quadratkilometer großes Schutzgebiet im nördlichen Zululand, das es schon seit 1885 gibt. Laut Lonely Planet eine echte Alternative zum berühmten, aber sehr teuren Krüger-Park. iMfolozi ist wesentlich kleiner, verglichen mit dem berühmten großen Bruder im Norden, aber ebenso artentreich und nicht so überlaufen. Eher der Geheimtipp. Der Eintritt kostet nur etwa 12 Euro. Nur Übernachtungen in den Lodges innerhalb des Parks sind natürlich teurer.

Der Weg dorthin führt am Rand der Stadt Mtubatuba entlang. Hier sieht es nicht ganz so idyllisch aus wie auf unserem Weg aus dem Inland, trotz viel Landschaft und Gärten um die Hütten. Die Häuser sind schäbiger, Müll liegt überall herum, viele Grundstücke sind zwar sogar mit Stacheldraht eingezäunt, aber ungenutzt. Weiße sind nicht zu sehen.

Als wir am Parkeingang unseren Eintritt zahlen (natürlich nach den üblichen Anmeldeformularen) erhält Nathalie sogar großzügig den Südafrika-Inlands-Rabatt, weil sie als Volunteer in einer Township arbeitet. Sie wird auch gleich von der Frau am Einlass vereinnahmt, ob sie nicht solche Hilfsprojekte für ihre Stadt vermitteln kann. Es gäbe gar keine Beschäftigungsmöglichkeiten für die Kinder, sie würden nur herumhängen und sich prügeln. Nathalie schreibt alles auf und verspricht, es weiterzugeben. Die Hoffnung ist aber Null. Die Hilfsorganisationen stapeln sich im schönen Kapstadt und ein paar wenige im härteren Johannesburg, vielleicht noch ein paar in Pretoria und Soweto, aber viel mehr ist dann auch nicht.

Endlich können wir uns losmachen und beginnen gespannt unsere Tour.

Ja! Eine Giraffe! Ganz nah neben der Straße würdigt sie uns keines Blickes beim Baumwipfelmahl. Und schon bevölkern ganze Kudu- und Impalaherden und Gnus die momentan üppig grünen Hügel neben uns. Was für elegante Tiere! Und kurze Zeit später dürfen wir ganz aus der Nähe zwei Elefanten dabei zusehen, wie sie sich genüsslich mit Schlamm eincremen. Später treffen wir noch viele ihrer Verwandten. Die afrikanischen Elefanten gefallen mir besonders, haben sie doch so riesige Ohren! Mit unerschütterlicher Ruhe stampfen sie durch die Gegend und fressen unentwegt, wenn sie nicht gerade ein Schlammbad nehmen. Und irgendwie wirken sie immer weise und in sich ruhend. Rutschen weit nach oben auf meiner persönlichen Hitliste der Tiere!

Immer wieder entdecken wir Nashörner, sogar mit Babies! Und schon wieder eine Büffelherde! Und so soll es über Stunden weitergehen. Kaum, dass fünf Minuten vergehen, ohne dass wir irgendwelche Tiere sehen: natürlich auch wieder Hippos, Büffel, Affen, Krokodile, alle möglichen Vögel. Unbedingt eine Extra-Erwähnung verdienen die Warzenschweinfamilien mit ihren unglaublich lustigen, kapriolenschlagenden zahlreichen Ferkeln. Kaum zu glauben, dass Schweine so lustig sein können! Und es ist schon verdammt viel schöner und interessanter, sie freilebend und ohne Gitter so aus der Nähe zu beobachten, als im Zoo. Aussteigen ist natürlich unter Lebensgefahr und auch zum Schutz der Tiere streng verboten.

Irgendwann entdecken wir plötzlich Zebras, für mich ein Synonym für Afrika. Und mehr noch, sie blockieren mal eben die Straße, das Auto interessiert sie wenig. Nicht, dass wir unbedingt weiterfahren wollten – wann kann man schon mal diese perfekt von Mutter Natur gestylten, großäugigen Tiere so in Ruhe beobachten!

Fast noch verrückter ist unsere nächste Begegnung mit Giraffen. Wir entdecken gleich mehrere neben der Piste, aber plötzlich kommt uns ein besonders großes Exemplar direkt entgegengelaufen. Ganz ruhig und selbstbewusst schaut sie auf uns Zwerge im Blechkäfig herab, bevor sie dann beschließt, dass Zweige spannender sind und sowieso besser schmecken.

Drei von den legendären Big Five, also Giraffe, Nashorn und Büffel haben wir also an einem einzigen Tag ausgiebig bewundern können. Nur die Löwen und die Leoparden halten sich im zur Zeit ungewöhnlich dichten Grün versteckt – da waren sie garantiert, nur leider für uns unsichtbar. Damit wir nicht traurig sind, schicken sie uns Cousine Hyäne kurz vor Schluss vor das Auto. Von Nathalie hören wir, dass es sogar im Krüger-Park durchaus vielen Besuchern passiert, dass sie tagelang kaum ein Tier zu sehen bekommen. Unsere Wirtin versichert uns allerdings abends, dass wir auch wirklich viel Glück hatten, so extrem viele Tiere an einem Tag zu sehen.

Der iMfolozi Park ist übrigens auch landschaftlich wunderschön, er hat Berge, Wälder, savannenähnliche Ebenen und breite Flussläufe. Das einzige Problem auf unserer acht Stunden-Safari: Man kann irgendwann nicht mehr sitzen und auf den ausgewaschenen, mal steinigen, mal sandigen Lehmpisten tut irgendwann mal auch das beste natürliche Sitzposter vom Geruckel weh. Aber das ist Jammern auf ganz hohem Niveau…. Was für ein Tag! Eigentlich eignen sich die heutigen Erlebnisse kaum zum Schreiben, denn das, was man wirklich mitnimmt, lässt sich nicht in Worte fassen, man erlebt es einfach. Jeder für sich.

Kleiner Nachsatz: In der Nacht hören wir in unserer Wohnung plötzlich lautes Gebrüll, fast unheimlich. Es ist klar, dass das die Hippos sind, aber wir glauben, es schallt vom Fluss unterhalb des Grundstückes herüber und schlafen erschöpft ein. Erst am nächsten Morgen erfahren wir, dass es einen Kampf auf Leben und Tod zwischen einem alten Bullen und einem jungen gab. Der alte Platzhirsch (wohl eher Platz-Bulle…) wollte den jungen Konkurrenten töten, der daraufhin geflüchtet ist: laut trampelnd durch den Garten um unserer Haus herum! Es stimmt also tatsächlich, dass die gefährlichen Kolosse gelegentlich die Gärten unsicher machen! Wir konnten es kaum glauben!

Was soll dieses Kapitel dem geneigten Leser sagen? Wer Tiere sehen will in Südafrika und weder Lust noch Budget für den Krüger-Park hat, dem sei iSimangaliso und iMfolozi heiss empfohlen! Eine echte Alternative.

11. Hippo Crossing

Felder, Felder, Felder, bis zu den kleiner werden Bergen, bis zum weit entfernten Horizont auf der anderen Seite. Das erste Mal, dass wir riesige landwirtschaftlich genutzte Flächen hier in den Bergen sehen. Aber man sieht auch sofort an den zahlreichen Dörfern, die die Hügel der Hochebenen sprenkeln, dass es den Menschen hier besser geht als anderswo. Zwar immer noch weit entfernt von Europa, aber es ist ein guter Anblick. Eine gute Vision.

Wiedereinmal beeindruckt mich diese unendliche Weite. In Europa haben die meisten Landschaften Modelleisenbahncharakter, verglichen mit diesen Dimensionen. Überholt man Menschen, die am Straßenrand laufen oder versuchen, per Anhalter ein Stück weiter zu kommen, dann winken viele. Auch entgegenkommende Autofahrer tun dies. Das ist üblich. Damit demonstriert man freundliche Sympathie. Winken ist eine offensichtlich wichtige Geste im gesellschaftlichen Umgang.

Wir passieren zwei Städte: Ladysmith und Dundee, nichts worüber man reden müsste. Die Landbewohner müssen hier verdammt weit fahren, wenn mal was zu erledigen ist, oder auch nur, um etwas einzukaufen. Restaurants sieht überall unterwegs man kaum, außer eine Art Trink-Kioske, Schnapsläden und – alle 30-50 km Kentucki Fried Chicken. Ein öffentliches Transportsystem gibt es eigentlich nur zwischen großen Städten, und die entsprechenden Busse fahren manchmal nur zweimal wöchentlich. Hier fährt man per Anhalter (mit sehr viel Glück) oder vom nächstgrößeren Ort per Minibus. und für die gibt’s keine Fahrpläne, nur Ziele. Der Minibus fährt eben ab, wenn er krachend voll ist. Eher nicht.

Durch das Autofenster strömt zunehmend wärmere Luft: Wir kommen in tropische Gefilde. Wie haben uns entschieden, in die Wetlands, die Feuchtgebiete des iSimangaliso Wetlandparks, zu fahren.

Am breitesten Meeresarm hier im Norden der Küste hatte man vor einigen Jahrzehnten den Zufluss des wasserreichen iMfolozi Rivers vom Lake Santa Lucia getrennt. Die Folge war ein drastisches Absinken des Wasserspiegels in dieser extrem tierartenreichen, fruchtbaren Gegend. Daraufhin hat man nun 2014 eine Kehrtwende vollzogen. Inzwischen ist der Wasserspiegel wieder gestiegen, die ganze Gegend ist unter Schutz gestellt inklusive eines riesigen Wildtier-Parks, der Game Reserve. Das Besondere an diesem riesigen 220km langen Schutzgebiet, das fast bis zum mosambikanischen Grenze reicht, ist, dass hier gleich fünf Ökosysteme geschützt werden: Strände, Seen, Feuchtbiotope, Waldgebiete und Küstenwälder. iSimangaliso bedeutet „Wunder“ ! Und weil das nach „viel zu sehen“ klingt, wollen wir genau da hin.

Innerhalb des Parks gibt es nur eine kleine Stadt: Santa Lucia. Sie ist mit vielen Unterkünften auf Touristen eingerichtet. Wir logieren diesmal ohne nervige Jung-Backpacker in Partylaune ganz gediegen, aber budgetfreudlich am Ende des Ortes in einer privaten Pension. Wir haben eine eigene kleine Zweiraumwohnung mit Blick auf Pool und Garten. Die Wirtin warnt die beiden Raucher, dass es nicht ungefährlich sei, wenn sie nachts zum Rauchen in den Garten gingen, da zu späterer Stunde die Hippos, die Flusspferde, durch Stadt und Gärten laufen könnten. Das klingt so unglaublich, dass wir es eher unter Marketing verbuchen.

Auf dem Weg in die Stadt haben wir allerdings von der Brücke über den breiten Fluss tatsächlich zwei Flusspferde beim Spielen gesehen. Wir waren ganz begeistert: das erste Mal im Leben zwei Hippos live. Wir dachten, dass wir nur Glück hatten, später merken wir allerdings, dass in dieser Gegend unglaublich viele der wuchtigen Dickhäuter leben, genauer gesagt: um die tausend. Und sie kommen auch tatsächlich in der Dunkelheit in die Stadt: Extra-Verkehrszeichen weisen darauf hin, dass man nachts aufpassen muss und nicht zu Fuss unterwegs sein sollte. Townies werden die unternehmungslustigen Streuner hier genannt. Verrückt….

Drei ganze Tage und einen halben haben wir dieser spannenden Gegend gewidmet. Am Ankunftstag nehmen wir nur noch bei einbrechender Dunkelheit kurz den Strand in Augenschein. Wir trauen unseren Augen nicht: man muss erst um die 400 Meter durch dicken weißen Sand laufen, um ans Wasser zu kommen. So ein riesiger Strand! Links und rechts – kein Ende. Aber wir wandern noch nicht länger herum, das lassen wir dann angesichts der nahenden Hippo-Stunden lieber sein….

Ich genieße unendlich die heiße, feuchte Luft: endlich Tropen! Und dann auch noch mit Meeresaroma….hier fühle ich mich großartig!

Der Tag 1 beginnt mit einem Bad im Pool und selbstgemachtem Frühstück im Garten. Endlich mal kein fettiger Toast oder zum gefühlt hundertsten Mal Eier. Danach sind wir fit und bereit für unsere erste Safari im iSimangaliso Game Reserve.

Wir fahren zum Tor des Parks, wo, wie immer hier, alles mit einem großen Anmeldeformular samt Durchschrift beginnt und der Gebühr. Computer gibt es nirgends, aber viel Bürokratie und Papier.

Wir haben uns einen Rundkurs ausgesucht, an dessen Beginn uns eine lustige Affenfamilie begrüßt, samt Babies. Diesmal keine Paviane, sondern ausgesprochen hübsche, kleinere silbergraue Vertreter der Spezies. Und auch die erste Sensation lässt nicht lange auf sich warten: ein echtes Prachtexemplar Elefantenbulle mit riesigen Ohren, circa 80 Meter entfernt! Wir sind begeistert. Etliche Huftiere, die wir bisher nur aus dem Zoo kennen, folgen: Kudus, Gazellen und sogar mächtige Wasserbüffel, die wirklich kurios aussehen mit ihren wie onduliert wirkenden, nach unten gebogenen Hörnern. Außerhalb des Autos möchte ich so einem Muskelpaket nur ungern begegnen. Und natürlich sehen wir viele Hippos, Flusspferde.

Aber auch die ganz Kleinen können uns echtes Staunen entlocken: wir beobachten auf der Straße neben und einen Pillendreherkäfer. Ungefähr 3-5 Zentimeter groß und schwarz rollt er eine aus Tierdunk exakt gerollte Kugel vor sich her, die mindestens dreimal so groß ist wie er. Selbst über kleine Hindernisse schafft er es mit verblüffenden akrobatischen Übungen.

Auch die Vogelwelt lässt sich nicht lumpen mit Kolibris, Tukanen, Raubvögeln und uns unbekannten hübsch bunten Exemplaren. Der Park wird nicht nur von zwei Flüssen durchflossen, sondern grenzt auch ans Meer. Am Ufer grasen Wasserbüffel neben Krokodilen und großen Reihern und anderen Wasservögeln.

Das Meer darf hier nicht nur angeschaut werden, sondern an einem ausgewiesenen Strand kann man auch baden. Die willkommene Pause! Und endlich ein Bad im wunderbar warmen Indischen Ozean. Während wir uns faul trocknen lassen, tummeln sich in den Dünen ganze Affenhorden als Unterhaltungsprogramm. Eine Frau läuft mit einer Mango in der Hand herum und wird so lange von den Affen verfolgt, bis sie ihnen entnervt ihren Pausensnack überlässt.

Als wir uns auf den Rückweg machen, ist der Nachmittag schon etwas fortgeschritten: Zeit für das Abendessen vieler Tiere: Haben wir auf der ersten Hälfte der Tour überwiegend einzelne Exemplare oder kleine Grüppchen gesehen, sind die Wiesen jetzt mit größeren Gruppen oder sogar kleinen Herden bevölkert. Kurz vor Schluss sehen wir sogar noch ein paar Hippo-Familien, die sich mit einer Gruppe Wasserbüffel vermischt haben. Und jede Menge Geweih-Träger.

Unsere Wirtin staunt später nicht schlecht: So viele Tiere sähe man wirklich nicht immer in ein paar Stunden. Glück gehabt!

Am Tag 2 wollen wir auf ein faules Weilchen zu dem riesigen Strand fahren, den wir am Vortag besichtigt haben. Allerdings entscheiden wir dann doch anders und buchen kurzentschlossen zuerst eine knapp zweistündige Bootstour zum Flusspferde-Gucken. Pro Person kostet das 200 Rand, also etwas 12 Euro. Währenddessen wird auf dem Parkplatz unser Auto gewaschen, was immer noch vor Lehm, Schlamm und Kuhkacke aus den Bergen starrt.

Beim Ablegen eskortieren uns zwei stattliche Krokodilen. Der Fluss ist breit und lehmig, das Ufer mangroven-, schilf- und grasbewachsen. Es dauert keine drei Minuten bis die ersten Hippos ihre Köpfe aus dem Wasser stecken. Ein paar Minuten später kommen wir an eine Schilf-Ecke, wo eine ganze Familie aufeinandergestapelt in der Sonne liegt und uns träge aus dem Augenwinkel beobachtet, sich aber nicht weiter stören lässt, selbst, als das Boot sehr nahe kommt.

Wer die trägen Kolosse sieht, sollte nicht glauben, wie schnell sie sein können! Und vor allem wie aggressiv sie sind! Durch Flusspferde kommen jährlich in Afrika mehr Menschen zu Tode als durch jedes andere Tier.

Später sehen wir noch zwei Mamas mit ihren Babies: Drei Wochen und zwei Monate alt. Die können noch nicht lange tauchen und so bekommen wir sie immer beim Luftholen zu sehen, dabei benutzen sie Mama als Schwimminsel. Hippofamilien dulden jeweils nur einen Bullen. Der älteste macht alle anderen platt, wenn sie sich nicht verjagen lassen. Selbst männliche Flusspferdbabies kann die Mutter nur kurze Zeit versorgen, dann muss sie sie wegschicken, weil sie sonst vom Bullen getötet werden. Brutale Machos!

Zufrieden können wir nun den Rest des Nachmittags am Strand faulenzen. Ich habe wirklich noch nie einen so breiten weißen Strand gesehen! Das einzige Problem ist, dass man kaum ins strahlend blaue Wasser gehen kann. Jedenfalls nicht weiter als bis zur halben Wade und auch das ist schon ein Kraftakt. Die Strömung und Brandung sind so stark, dass einen jede zweite Welle von den Füßen holt und man sofort meerwärts gezogen wird. Trotzdem genießen wir es sehr. Allerdings weht ein kräftiger Wind und wir haben irgendwann genug Sonne und vorallem auch genug vom ungebetenen Ganzkörper-Sandpeelig bei den Böen. Also sehen wir uns den rosa Sonnenuntergang lieber im Bootsclub an, dem einzigen Lokal hier am Wasser. Mit gegrillten Scampi und Bier lässt sich das aushalten…..