08 New Orleans II

In den vergangenen Tagen haben wir Streifzüge quer durch die Stadt gemacht – all die alten Plätze aus den Erinnerungen wieder gesucht, manches nicht mehr gefunden, Neues entdeckt.

Mein persönliches Lieblingsviertel ist inzwischen Foubourgh Marigny, gleich an das French Quarter anschließend, wie ein Dreieck zwischen der Elysian Fields Avenue und der Esplanade Avenue. Ich erinnere mich noch gut an Zeiten, da konnte man nicht mal sein Auto am Rande dieses damals total heruntergekommen Viertels parken, geschweige denn, dort herumlaufen, weil es extrem gefährlich war. Nur ein Straßenzug am Rand war ok: die Frenchmen Street, da gab es ein paar gute Clubs und Kneipen. Aber das ist lange her, inzwischen ist Marigny ein angesagtes und ziemlich cooles Viertel – für die Einheimischen. Viele junge Leute wohnen da, jede Menge Alternative, Künstler und Musiker. Und auch gleichgepolte  Ältere sowie  Überlebende aus der Vorzeit des Viertels. Inzwischen steigen natürlich auch die Immobilienpreise, was das aus dem Viertel macht, bleibt abzuwarten.

Inzwischen sind schon die nächsten Viertel auf dem Weg, den Marigny genommen hat: Das östlich anschließende Bywater ist das Kreuzkölln dieser Tage. Noch ein bisschen anders verhält es sich es mit dem benachbarten Treme, wo auch unser Hotel steht: Zum Teil ist es schon richtig nett und fancy. Aber ein anderer Teil ist wirklich noch knallhart und rein schwarz. Der Übergang ist so unvermittelt, dass man gar nicht bemerkt, dass man die unsichtbare Grenze schon überschritten hat – wie wir heute morgen beim Laufen. War schon ein kleines bisschen unheimlich. Wir sind da wohl wie zwei äußerst seltsame weisse Aliens in Sportsachen durchgelaufen, so jedenfalls besagten es die Blicke. War dann aber ok. Abends würde ich da allerdings ganz sicher nicht hingehen.

Doch zurück nach Marigny. Es geht eher ruhig und beschaulich zu dort: langezogene, meist schmale Straßen mit kleinen bis mittelgroßen Häuschen, in bester Art-Déco-Manier liebevoll bunt gestrichenen. Manche haben kleine Veranden mit tropischen Bäumen und Büschen auf dem Bürgersteig oder im winzigen Vorgärtchen. Gestern saß ich dort vor einem Café unter reifen Bananenstauden und blühender Bougainvillea. Der typische Marignybewohner fährt vorzugsweise Fahrrad und geht mit seinem Computer in eins der kleinen originellen, manchmal eher wohnzimmerartigen Cafés, denn zu Hause hat man kein Internet. Musiker schleppen ihre Instrumente nach Hause oder zum Auftritt, die Hundis werden Gassi geführt, vorzugsweise mit neckischen Pullöverchen angetan. Und es gibt so eine Art ungeschriebenen Dresscode: Man muss irgendwie ein bisschen schräg aussehen, unbedingt anders. Auf jeden Fall erkennt man die Bewohner des Viertels schon an ihrem Outfit. Nicht chic, wohlgemerkt, sondern – schräg. Aber man ist tolerant: Auch Normalos wie wir werden nett behandelt und auch hier fällt wieder auf, wie freundlich man oft gegrüßt wird – einfach so. Autos fahren eher wenige herum. Fremde verirren sich nur selten hierher, obwohl das French Quarter nebenan liegt. Ich liebe es, hier faul in einem Eckcafé zu sitzen, Cappuccino zu süffeln und träge in die Gegend zu schauen. Hat wirklich was ungeheuer Entspannendes. Und das Interessante ist, irgendwie hat diese Gegend so ein bisschen den Charakter ihrer Entstehung weiterentwickelt oder bewahrt – wie man will. Foughbourg Marigny hat ein exzentrischer creolischer Plantagenbesitzer selbigen Namens Anfang des 19.Jahrunderts gegründet – außerhalb der alten Stadtgrenze und der etablierten kreolischen Gesellschaft der Stadt. Hier lebten freie Schwarze und bald auch Einwanderer aus aller Welt, vorallem Handwerker. Die etwas Anderen also, frei, selbstbewußt, aber eher arm.

Aber das Ausgehzentrum ist immer noch die Frenchmen Street. Es gibt klasse Kneipen, Restaurants und Cafés dort: In einer Kneipe kann man sich nachts auf einem alten Friseurstuhl neben dem Tresen die Haare professionell schneiden lassen. Man kann sich aber auch in einem Tattooshop zwischen zwei Clubs, mit einem Cocktail vor sich, als Showact für die Passanten seine Körperteile dekorieren lassen. Es gibt ein berühmtes kreolisches Soulfood Restaurant, originell gestaltete Cafés mit richtig gutem Futter und Espresso (!) und so weiter. Und vor allem: Hier sind auch einige der angesagtesten Musikläden der Stadt: Einige Namen davon sind inzwischen auch über New Orleans hinaus bekannt: dba, Blue Nile, Snug Harbour, Café Istanbul, Spotted Cat oder Apple Barrel. Die meisten haben sich auf eine Musikrichtung spezialisiert. Ein paar verlangen bei Konzerten (erschwinglichen) Eintritt, in den anderen Läden muß man nur einen Drink bestellen und ist moralisch verpflichtet, der Band etwas in die Sammelbüchse zu werfen, was hier auch fast jeder macht. Die meisten Läden sind alles andere als chic; vornehm ausgedrückt haben sie Patina, genauer gesehen sind sie ziemlich abgerissen, die Möbel erinnern gelegentlich an Sperrmüll. Aber das spielt überhaupt keine Rolle.

Es ist unglaublich, wenn man da abends die Straße entlangläuft: Auf hundert Metern hört man locker zehn verschiedene Konzerte mit. Man kann auch einfach durch´s Fenster zusehen und sich dazu irgendwo was zu trinken besorgen oder – bei Hunger – z.B. von einem knallbunten umgebauten Truck jamaikanisches Grillfleisch kaufen oder ähnliches. Wir haben uns abends verstärkt hier herumgetrieben, es ist wirklich spannend! Die Musik, aber auch was auf der Straße abgeht und vorallem auch die Typen. Unglaublich! Wie Kino, nur echt! Und man kann da ebenso 20jährige wie 75jährige treffen, alle fröhlich nebeneinander.

Für mich –oder uns – hat diese Straße aber noch eine ganz persönliche Bedeutung: Hier hat ein ganz besonderer Freund gelebt: der Bluesman Coco Robicheaux. Hier ein echter local hero, aber über ebay z.B. in Europa zu beziehen. Er hat auch für Musikgrößen wie Dr John Songs geschrieben. Coco war nicht nur ein großartiger Musiker, sondern als Mischling mit indianischen und Cajunvorfahren auch Medizinmann. Eben ein ganz ungewöhnlicher Mensch, mit dem vorallem mich eine besondere Freundschaft verbunden hat. Wir haben ihn mehrmals hier in New Orleans getroffen, einmal hat er auch mit seiner Band in Berlin gespielt. Vor einigen Jahren habe ich mit meiner Freundin sogar bei ihm gewohnt, was uns zu sowas wie Kurzzeiteinheimischen der Frenchmenstreet gemacht hat. Seine Stammkneipe war der Apple Barrel, hier hat er auch regelmäßig gespielt. Am 25.November vergangenen Jahres ist er dort zusammengebrochen und gestorben, mit 64 Jahren. Hier haben wir ihn auch zum letzten Mal getroffen. Ich bin ungeheuer traurig, dass wir uns nicht nochmal sehen konnten, aber ich empfinde es so, wie es jetzt im Apple Barrel an der Wand steht: Coco Robicheaux was always here, is always here and will always be here.

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07 Runner´s Special New Orleans

Das ist ein echtes kleines Runner´s Special wert! Eine Woche nach dem großen Rennen von San Antonio bleibt natürlich vom Marathon-Schmerz nur noch der Ruhm und die gute Laune. Zeit, die Laufschuhe wieder einmal zu schnüren. Dank Jetlag klappen die Äuglein trotz längerer Abende immer noch kurz nach sieben auf. Den kleinen Morgemuffel neben mir sanft geschüttelt und in nettesten Tönen von dem Projekt überzeugt, ein Mini-Imbiss und: Start in der ersten wunderbaren Morgensonne. Erst ein Stück durch Treme, das nette Viertel hinter dem Hotel, dann durch den noch völlig verlassenen Louis Armstrong Park und anschließend quer durch das French Quarter. Die Touristen schlafen alle noch, die meisten Bewohner wohl auch, die einzigen Menschen, die die stillen Gassen bevölkern, sind Lieferanten, Straßenkehrer und und ein paar Kellner auf dem Weg zur Arbeit. Ein Sprühfahrzeug hat gerade die Bierseeligkeit der letzten Nacht weggespült und der Jackson Square, der tagsüber von Straßenkünstlern, Malern, Pferdekutschen und Touristen bevölkert ist, hat nur auf uns gewartet. Vor einem Restaurant ruft mir der Kellner zu, wir sollten uns doch lieber erstmal mit Kaffee und Beignets stärken … Und dann: Rauf auf den Deich zum Mississippi.
Good Morning, Old Man River! Selbst der scheint noch zu schlafen. Die berühmte Natchez, der alte Missisippi-Raddampfer, ruht sich gut vertäut von seinen nächtlichenen Jazz-Steamboat-Tours aus. Auf den Bänken sitzen ein paar wenige frühe Vögel mit Zeitungen und Kaffeebechern ausgestattet und blicken kaum auf. Aber vor allem Obdachlose genießen hier die Morgensonne nach der kühlen Nacht. Mit einem kleinen Unbehagen laufe ich auf eine Gruppe zu. Aber die drehen sich grinsend zu mir um, heben den Daumen: „Hi Babe! Have a good day!“ Oh, das hatte ich, ehrlich gesagt, nicht erwartet. Auch die nächsten beiden, diesmal ältere Schwarze, winken mir gut gelaunt zu „Good morning, Lady“ Der Südstaatencharme reicht sogar bis hier. Miki ist ein ganzes Stück zurückgeblieben, er kämpft noch mit dem Bettzipfel, aber meine Laune wird immer besser. Als ich den Deich am Ende des Quarters verlassen muss, laufe ich unbehelligt von den Massen, die sich hier in zwei Stunden drängeln werden, quer durch den French Market, wo die ersten Händler ihre Stände vorbereiten. Mein San-Antonio-T-Shirt bringt mir ein paar nach oben gereckte Daumen ein.
Ich verlasse das Viertel und überquere die Esplanade. Eine mit alten Bäumen und weißen Südstaatenhäusern bestandene Avenue, die das Ende des Frech Quarters markiert. Zwei ältere schwarze Straßenkehrer machen mir freundlich lachend Platz. Einer sagt: „Good morning, Mam! You do good? Have a good time!“ „Of course, Sir, a perfect day“, antworte ich. „Ok, than go on: Let the good times roll!“ Wow, wenn das kein Tagesbeginn ist, jetzt kann doch eigentlich nichts mehr schief gehen, oder? Ich hüpfe förmlich weiter und tauche neben einer großen Umspannstation ins nächste Viertel Foubourgh Marigny ein. Später erzählt mir Miki, dass die beiden ihm zugerufen haben: „Do a good job! She will leave you!“ (Mach einen guten Job, sonst läuft sie Dir weg!). Nee, soviel Spaß am Morgen!
Eine Weile laufe ich am Rand von meinem Lieblingsviertel, dass in den nächsten Tagen noch nähere Erwähnung finden wird, entlang, dann überquere ich die Bahnlinie, hinter der das Viertel Bywater beginnt. Der nächste Coming-up-Stadtteil, der sich hier gerade von einer eher etwas heruntergekommenen Nachbarschaft zum angesagten Wohnviertel für junge Familien und Künstler und Alternative entwickelt, so wie nebenan Foubourgh Marigny. Hier gibts allerhand alternative Subkultur-Orte, aber die schlafen noch, man erkennt sie an den bunten Bemalungen und Installationen. Die Sonne taucht die kleinen Straßen mit den bunten Häusern und blühenden Baumen in ein besonders schönes Licht.
Auf einmal entdecke ich am Straßenrand abgelegt ein paar alte Tapetenrollen. Wir nehmen sie in Augenschein – keine Ahnung, warum. Und plötzlich trauen wir unseren Augen nicht: Auf der einen Rolle sind lustig gezeichnete Marathonszenen! Läufertapete! Das es sowas gibt! Obwohl das olle Ding über ein Kilo wiegt ist klar: Die muss mit! Miki schleppt sie den ganzen Rückweg tapfer – stärkt den Bizeps! Wir genießen das letzte Stück des Weges durch das malerische Viertel und grinsen noch ein paar mal fröhlich links und rechts, dann sind wir wieder am Hotel.
Völlig euphorisiert verkündet Miki: Ich gehe in den Pool! Ich bin völlig überrumpelt von so viel Unternehmerhgeist und schließe mich an. Allerdings wird es ein Superquickie, denn das Wasser ist durch die kalten Nächte eisig!. Das schwarze Zimmermädchen meint nur kopfschüttelnd: You are crazy!
What a wonderful morning! Let´s have a big breakfast!

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06 New Orleans I

New Orleans…endlich. Ich hab´s schon wieder getan – es ist mein 11. Besuch. Aber was erzähl ich nun wann? Irgendwie scheint es mir keinen Sinn zu machen, chronologisch irgendwas aufzuzählen, was wir hier tun. Dann vielleicht doch lieber meine Eindrücke und Gedanken zu den verschiedenen Themen, wie sie mir gerade durch den Kopf gehen. Wie immer ohne Anspruch auf Objektivität…

Ich war ziemlich unruhig bei dem Gedanken, was uns hier erwartet, war es doch das erste Mal nach dem Super-Gau von Hurrican Katrina und den Deichbrüchen 2005, der große Teile der Stadt in Trümmer gelegt hat. 7 Jahre danach.

Der erste Eindruck, als wir uns dem Stadtzentrum näherten, war schon ziemlich erschreckend, denn das Viertel gegenüber des billigen Motels in der Tulane Avenue, indem ich so viele Jahre abgestiegen bin, bis es verkauft wurde, existiert nicht mehr. Nicht ein Haus. Es war ein nicht unproblematisches Viertel, nicht weit vom Superdome, indem überwiegend schwarze, aber auch ärmere weiße Familien gewohnt haben. Nun gibt ist davon nichts mehr zu sehen. Statt dessen einige superhäßliche hohe Appartmenthäuser, die überall in der Welt stehen könnten – nur nicht hier in New Orleans. Und die Bewohner des alten Viertels können sich diese Wohnungen mit absoluter Sicherheit nicht leisten; so wird vermutlich nichts aus den Plänen zu neuen“ gemischten“ statt schwarzen Siedlungen. Auch das alte Gericht und ein Gefängnis sind verschwunden, ebenso eine schwarze Kirchengemeinde, aus der man oft Gospelmusik hörte. So weit das Auge hier blickt erstreckt sich nun eine gigantische Baustelle, wo ein neues Uni-Klinikum entstehen soll. Naja, zumindest das ist was Vernünftiges.

Aber nach diesem ersten Schock legt sich der verstörende Eindruck schnell. Das historische French Quarter – das, was alle Welt eben von New Orleans kennt, ist wie durch ein Wunder von Sturm und Fluten weitgehend verschont worden. Hier brummt es wie eh und je: die Touristen flanieren durch die kleinen alten Straßen, die unzähligen Restaurants und Läden machen ihr Geschäft und überall wird Musik gemacht.

Ich mag das alte Viertel total gern, abgesehen von der berühmten Super-Amüsiermeile Burbon Street, die sowas wie eine Mischung aus Ballermann, Reeperbahn(ohne Puffs allerdings – wir sind in Amerika, da sind die Striptease-Bars schon der Kracher) und Disneyland für Erwachsene ist. Da muß ich höchstens einmal kurz vorbeischauen, um dann fassungslos den Amüsierwütigen aus aller Welt, vorallem aber den USA selbst, zuzusehen.

Da ist der amerikanische Touri aus der ebenso öden, wie prüden Provinz mal so richtig „draufgängerisch“ und läßt die Sau raus! Es ist eine ganz eigene Spezies von Touristen, die hierher geht. Mit leuchtenden Augen schiebt man sich mit seinem Drink im bunten Plastikcontainer á la Ballermann durch die sündige Amüsiermeile, vorzugsweise mit „gewagter“ Bekleidung: Männer, denen das brave Bürooutfit zur zweiten Haut geworden ist, treten hier unbedingt in kurzen Hosen über den kalkwißen Beinen und seltsamsten T-Shirts auf, dicke amerikanische Muttis in rückenfreien, knallengen Klamotten, „lustigen“ Hüten und anderen peinlichen Utensilien. Allein die Tatsache, mit Alkohol einfach so auf der Straße herumzurennen ist schon der Gipfel des Amüsements – das Trinken in der Öffentlichkeit ist ja sonst schließlich streng verboten. Nach acht Uhr abends ist die Hälfte sturzbetrunken, grölt herum und findet alles suuuper…Am liebsten noch mal eben die Bluse hochziehen vor quiekendem Volk rundherum. Es ist wirklich oft ein groteskes Schauspiel – Ergebnis eines Lebens in einer oberprüden, extrafrommen und intoleranten Gesellschaft, denn das ist Amerika nun mal in weiten Teilen. Und noch was: die Burbonstreet ist der einzige Ort hier, wo man tatsächlich richtig miese Bands hören kann: Hauptsache laut, es hört sowieso keiner richtig zu.

Aber abgesehen von dieser Galaxis macht es wirklich Spaß, durch die vielen kleinen Straßen des French Quarters zu bummeln und sich die tausend Läden anzusehen, die von Kitsch bis Kunst, Antiquiäten und Fashion so ziemlich alles verkaufen, allerdings ziemlich teuer. Viele nette kleine Cafés locken mit ungesunden Portionen mächtiger Torten (sie haben Namen wie „Chocolat Suicide“ = Schokoladen-Selbstgmord), Brownies, Cookies und –echtem Kaffee, im Gegensatz zu dem gefärbten Wasser, was es hier sonst so gibt. Überall kann man gigantische Po-Boys essen: große Spezialsandwiches mit soviel Fleisch, Fisch, gebackenen Austern, Krabben oder Crawfish, Mixed Pickles und Salat, dass man sie eigentlich nicht essen kann, ohne hinterher zu duschen. Denn die Hälfte des in Soße und Dressing getauchten Belages hat man meist im ganzen Gesicht, an den Händen und auf den Klamotten. Aber sie sind sehr lecker! Ein halber Po-Boy (kommt ironischerweise von poor boy!) reicht meist locker für zwei Personen. Zumal ja unbedingt noch Pommes Frites – oder French fries, wie sie hier heißen – dazugereicht werden müssen, damit man auch satt wird! Die Mengen, die durchschnittliche Menschen hier essen können, sind für uns unbegreiflich. Aber leider sieht man das ja auch an den massigen Körpern rundherum…

Die Musiker, die in den Lokalen spielen, leben übrigens nur von Tips – Trinkgeldern der Touristen. Richtige Gage gibts nur in wenigen Konzertläden, die auch Eintritt verlangen. Ganz schön hart so ein Musikerleben hier, zumal es so viel hochkarätige Konkurrenz und so wenig bezahlte gigs gibt! Die meisten Musiker haben noch andere Jobs. Ich habe z.B. schon erlebt, dass eine Kellnerin nach Feierabend plötzlich auf die Bühne geht und mitjammt –und  man kann gar nicht glauben, was für eine tolle Stimme sie hat. Manchmal glaube ich, jeder hier kann Musik machen. Wer vom Film träumt, geht nach Hollywood, wer Musik machen will, nach New Orleans.

Einerseits ist das French Quarter das Touristen-Mekka schlechthin, andererseits ist es erstaunlich, wie sich das Bild wandelt, wenn man nur ein paar Blocks vom Trubel entfernt in die ruhigeren Straßen abbiegt – da führen die Bewohner weiter ihr eigenes, ungestörtes Leben als gäbe es den Rummel um die Ecke garnicht. Die alten Häuser – meist im viktorianischen, französischen oder spanischen Stil – haben wunderschöne Balkons oder Veranden mit schmiedeeisernen Gittern, meist verschönert noch mit großen Hängekübeln voller Farne und Blumen, tropischen Bäumen und Büschen davor und bunten glitzernden Mardi Gras Perlen an den Balkongittern. Lustig sind auch die langen superschmalen Shotgun-Houses, bei denen alle Zimmer huntereinader liegen, so daß eine Gewehrkugel von vorn bis hinten durchgeht. Oft haben die Häuser hier, den Blicken der Passanten entzogen, idyllische Innenhöfe, die Courtyards, als kleine Oasen. Aber die Türen und Fensterläden zur Straße hin sind meist verrammelt, viele haben Eisengitter…man lebt gefährlich hier und ist sich dessen bewußt. Auch das ist Teil des Big Easy.

Keine fünf Minuten vom Quarter entfernt sind einige besonders harte Sozial-Viertel (projects), in die man sich auf keinen Fall verirren sollte. Auch die in Quarternähe gelegenen berühmten historischen Friedhöfe St.Louis Nr1 und Nr2, diese spannenden weißen Totenstädte (auf einem ist die berühmte Voodoo- Queen Marie Laveau begraben), kann man nur tagsüber und auch da nur äußerst vorsichtig und aufmerksam besuchen. Ich erinnere mich noch, dass wir vor Jahren wiedermal mit Freunden dahin wollten, als plötzlich vor dem Eingang neben uns ein Auto bremste. Ein schwarze Frau rief uns zu, wir sollten schnell verschwinden, sie hätte mitbekommen, dass wir gleich überfallen werden. Wir waren GANZ schnell weg…

Das Leben im Quarter jedenfalls ist wie vor Katrina auch, und auch in den sich anschliessenden Vierteln hier haben wir nur wenig bemerkt, was an die Katastrophe erinnert. Im Gegenteil, die Meisten, die man darauf anspricht, sagen nur ganz stolz: „You see: we are back!“ Alle sind stolz darauf, daß sie sich nicht unterkriegen lassen haben. So zumindest hat sich uns das die ersten drei Tage vermittelt.

Eine große Freude war es, als wir gleich bei unserem ersten Weg in die Stadt das „Rock´n Bowl“ wiederentdecken – wenn auch an neuem Ort. Das ist eine echte Institution hier, weniger für die Touristen, die es meist gar nicht finden, als für die locals, die Einheimischen. Es ist eine Bowlingbahn mit Tanz. Und zwar besonders berühmt für die Zydeco-und Cajunmusic. Mindestens ein-bis zweimal die Woche treten hier die local heroes der Szene auf und dann geht die Post ab, aber haste nicht gesehen! Kaum schlägt die Band auf der Bühne den ersten Akkord an, stürzen die Tanzwütigen auf´s Parkett und verlassen es bis auf kurze Trink- und Abkühlpausen erst beim Nachhausegehen wieder. Wer das noch nicht gesehen hat, kennt Lousisiana nicht wirklich (in der Provinz gibts überall ähnliche Tanzfeste, fais dodo genannt. Da wir Zydeco, Zydeco Two Step, Zydeco Jitterbuck, Zydeco Cha Cha usw. getanzt – sowas habe ich noch nirgendwo sonst gesehen. Das sind wirklich ziemlich komplizierte Tanzstile, schnell, anstregend, varíantenreich. Unglaublich! Manche Männer kommen gleich in Turnhosen mit einem kleinen Handtuch im Bund für den Schweiß. Andere sind total chic im Ausgeh-Cowboy-Outfit mit Stetson und Silberschmuck. Und da gelten keine Alters-, Rassen- und Standesgrenzen (abgesehen davon, daß das grundsätzlich eher ein Vergnügen für´s einfachere Volk ist). Und ablehnen geht gar nicht. Mindestens einen Tanz muß man machen. Und das ist auch gar nicht weiter schlimm, denn das Spiel heißt hier nicht anbaggern, sondern tanzen.

Also: das Rock´n Bowl am alten Platz war bei Katrina auch überflutet und geplündert. Der Besitzer der Immobilie wollte nach dem Wiederaufbau dann wohl zu viel Geld – da ist man halt eine Meile weitergezogen in einen ehemaligen Supermarkt und nun brummt der Laden wieder, wie seit 1941. Wir haben´s vorgestern gleich ausprobiert: Großartig, selten soviel Spaß gehabt! Auf der Bühne stand Chubby Carrier. Der Bandchef spielt traditionell das Akkordeon, zweitwichtigstes Instrument ist das Shuffleboard, das Waschbrett. Auch wenn ich das nicht so wirklich richtig hinkriege mit den Schritten hat´s wieder super Spaß gemacht Da tanzen gerade Zwanzigjährige genause wie 88jährige (am nebentisch, hat er uns stolz erzählt!). Sogar Tanzmuffel Miki hat sich vor dem Feierabend noch auf´s Parkett getraut, das will nun wirklich was heißen

Aber noch was fällt uns nach unserer Reise durchs ländliche Louisiana ganz krass ins Auge: die andere Gesinnung. Die Stadt ist ja überwiegend schwarz (vor Katrina zu über 60 Prozent), das spielt sicher eine Rolle. Aber auch sonst ist sie mit all den Musikern, Künstlern und Aussteigern, die hier leben, eher liberal bis freigeistig. Straßenhändler an der Canalstreet verkaufen ihren schwarzen Stolz gleich mit, so nach dem Motto „Wir sind Präsident“: Plakate, auf denen stolz verkündet wird, daß Obama wiedergewählt ist, gerahmte Fotos von „The first family of America“, oder sogar diese fetten Rapper-Goldketten mit Anhängern, auf denen wahlweise Martin Luther King oder Obama ist. Tja, so schnell ändert sich das Bild hier mit dem Überqueren der Stadtgrenze.

Wir haben das große Glück, daß wir ein bezahlbares Hotelzimmer direkt neben dem French Quarter gefunden haben. Ein feines, altes Haus mit viel Charme, einem Hof mit Pool (leider ist es immer noch zu kühl) und netten Holzterrassen zum Patio. Eine Petitesse am Rande: beim eher mickrigen Hotelfrühstück erzeugen die Gäste jeden Morgen wieder Berge von Plastik- und Styropurmüll…im Gegensatz zu den beiden billigen schwarzen Lokalen außerhalb der feinen Gegend, in denen wir eingekehrt sind, um etwas leckerer und reichhaltiger zu essen – auf Porzellantellern, mit echten Tassen, Gläsern und Bestecken! Es gibt noch Hoffnung!

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05 Still on the Road: Südwest-Louisiana

Let the good times roll – einer der Lieblingsslogans von New Orleans: Ich nehm´s ernst und genehmige mir bereits jetzt, um 15 Uhr, eine Margarita on the Rocks in der Sonne auf einer Terrasse im French Quarter, natürlich bei Lifemusik. Aber eigentlich bin ich ja noch gar nicht hier – nicht, was meine Reisegeschichten betrifft. Urlaub ist halt der pure Stress und man schafft einfach nicht alles …
Inzwischen liegen drei Tage Louisiana hinter uns, zwei davon unterwegs im Cajunland, außerhalb des Planeten New Orleans. Es sind wirklich andere Welten, diese Stadt hier und alles, was außerhalb der Stadtgrenzen liegt. Gemütlich sind wir von Lake Charles aus Richtung Südwesten gefahren, weiltäufiges Land, unterbrochen von Bayous, Seen und Sumpfwäldern. Irgendwie hat man das Gefühl, da draußen geht die Zeit langsamer. In vielen Orten liegen die weitläufigen Grundstücke, die grundsätzlich nicht eingezäunt werden und kaum Gärten haben, weit auseinander – die Art von Landschaft, wo man schon ein paar Tage im Voraus den Besuch kommen sieht. Aber es gibt auch ganz kuschelige Orte mit hübschen Holzhäuschen und herrlichen alten, moosbehangenen Eichen und gigantischen Magnolien- und Rosenbüschen davor, die sogar jetzt noch blühen. Es hat oft tatsächlich was von entrückter Idylle, wenn man davon absieht, dass jeder Einkauf eine meilenweite Fahrt bedeutet, geschweige denn ein Arztbesuch oder anderes. Und wenn man weiß ist, dann sind auch alle Leute sehr freundlich –- beste Grüße von Tom Sawyer und Huckleberry Finn. Was die Einstellung der meisten hier betrifft, würde ich bei längerem Aufenthalt wahrscheinlich doch schnell Amok laufen – oder mit dem Gewehr aus dem Dorf gejagt werden. Aber das ist nur halb, naja, sagen wir dreiviertel ernst.
Die Sümpfe sind hier nicht so undurchdringlich und geheimnisvoll wie weiter nördlich, aber trotzem etwas ganz Besonderes. Für mich haben sie einfach Magie. Auch wenn die Bäume jetzt mehr gelbbraun als grün und ziemlich licht sind. Das Wasser ist mit grüner Entengrütze bedeckt und voller gelber Blumen – keine Ahnung, wie die heißen. Die Zypressenknie sehen aus wie kleine Gnome, oft liegt sogar ein leichter Nebel über der Wasseroberfläche, in dem sich die Sonnenstrahlen brechen, die in Streifen durch die Baumkronen fallen. Die Schildkröten haben sich bereits zum Winterschlaf verkrochen, die Alligatoren haben sich genütlich in den wärmenden Schlamm auf dem Grund eingekuschelt, aber wir sehen unglaublich viel Vögel: graue und weiße Reiher und Raubvögel vorallem – und natürlich Eichhörnchen und Waschbären. Die meisten davon, und dazu noch Gürteltiere, sehen wir allerdings tot am Straßenrand. Aus dem Autoradio beschallt uns die ganze Fahrt über Radio Bayou mit Zydeco Musik – das kommt gut.

Gar nicht idyllisch dagegen sind die Bohrtürme und Raffinerien, die sich immer wieder aus der Landschaft erheben, aber auch die gehören zu Louisiana und dem Mississippi-Delta.

Wir machen einen Abstecher nach Avery Island, das wohl besser Tabasco-Island heißen sollte. Denn hier wurde sie erfunden und wird sie noch heute hergestellt, die weltberühmte scharfe Soße. Wir wollen uns diesmal die Fabrik ansehen. 1868 hat Mr. Mc Ilhenny die erste Soße für einen Dollar pro Fläschchen verkauft, jetzt werden 200.000 Flaschen täglich produziert! Die allerdings nicht mehr alle hier (obwohl man das eher verschweigt und behauptet, nur die Pfefferschoten würden inzwischen auch in Südamerika angebaut). Die Schoten werden noch immer von Hand geerntet und es dauert drei Jahre, bis sie vergoren und zur Soße verarbeitet sind.Die erste Fabrik steht noch und wurde nur erweitert. Ein sehr schön anzusehendes Ziegelgebäude, das um 1900 gebaut wurde. Und das Faszinierende ist, sie steht auf einem gigantischen unterirdischen Salzberg, der höher als der Mount Everest ist und dessen Salz noch heute für die Herstellung der Soße abgebaut wird. Wir haben uns einer Touristenführung in der Fabrik angeschlossen, die allerdings eher kurz ist und vorallem die Verdienste der Tabasco-Mc-Ilhenny-Familie würdigt. Beeindruckend, wie oft die Führerin es schafft, in ca. 15 Minuten diesen Namen auszusprechen, getoppt nur noch von dem Hochglanzfilmchen, das man vorgeführt bekommt, über Anbau und Verarbeitung der kleinen scharfen Schoten. Die letzten drei Minuten der insgesamt elf bestehen aus purer Werbung für die neuesten Kreationen, die man im angeschlossenen Countryshop kaufen soll. Zum Schluß darf man dann noch mal kurz durch einen 30m Glasgang gehen und in die Abfüllhalle schauen, wo sich genervte Arbeiter wohl eher wie im Zoo vorkommen. Interessant war´s trotzdem.

Außerdem gibt es auf Avery Island noch etwas sehr Schönes zu besichtigen: die Dshungel Gardens. Ein riesiges Areal, dass der gute (schon wieder!) Mc Ilhenny vor über 100 Jahren angelegt hat, um die heimische Fauna und Flora zu schützen, angereichert mit ein paar tropischen Neuzugängen. Man kann das Gelände größtenteils mit dem Auto durchfahren, wie bei einer Safari, aber an einigen Stellen gibt es auch ein paar Trails zum spazieren und Vögel beobachten. Die uralten Eichen sind wirklich eine Wucht! Es hat wirklich was von versunkener Welt. Das spanische Moos hängt an den Uraltbäumen teilweise bis zum Boden herunter – wie meine Freundin bei früheren Gelegenheiten schon so treffend sagte: Sie sehen aus wie bärtige alte Männer.

Wir übernachten in einem der größeren Kaffs an unserer Strecke: Morgan City. Wobei die „City“ aus ein paar verstreuten Gebäuden, Motels, Tankstellen und Restaurants am Highway besteht. Um 21 Uhr wird sogar der Highway eingerollt. Die Auswahl an möglichen Lokalen beschränkt sich kurz vor dem Zapfenstreich um neun auf zwei Fastfood-Lokale, eine äußerst zweifelhaft aussehende 24-Stunden geöffnete, schmierige Speise-Kaschemme und ein Grill-Lokal mit einer ebenso netten wie hübschen Bedienung, die uns trotz Feierabend noch einläßt. Das Essen ist gut ,aber besteht aus Fleischmassen, die wir nur zur knappen Hälfte in uns `reinzwängen, dann ist mir schlecht. Einen Verdauungsschnaps zu trinken bedeutet hier Mut: Schnaps führt nur die in der amerikanischen Provinz allgegenwärtige Sport´s Bar des Ortes. Für viele sicher eine Mutprobe, auf die sie lieber verzichten würden angesichts des trostlosen, düsteren Ladens mit den Gruselgestalten, die da herumhängen. Kriegt Hollywood nicht besser hin: Ein Altrocker mit hüftlangen, weißen Haaren, daneben ein jüngeres Semester mit stierem Blick, ein fetter, bleicher Gruftie, ein paar Billiardspieler ähnliche Kalibers und das unvermeidliche Honky Tonk Girl. Egal –mir ist schlecht. Ich brauche einen Drink. Zehn Minuten später verlassen wir den gastlichen Ort und begeben uns in unser ziemlich abgerissenes, aber freundliches Twin City Motel mit dem klebrigen Teppich und dem Brandloch-verzierten Bettdeck.

Der letzte Tag „auf dem Land“ zieht sich wieder ewige Landstraßen entlang, führt uns außer durch ein wenig pitoreskes Industriehafengebiet mit ein paar zusammenfallenden Bretterhütten-Puffs daneben, die so anziehend sind wie schmutzige Plumsklos mit abblätternder Erotikbeschriftung. Brrr. Außerdem passieren wir eine riesige Anti-Obama-Plakatwand und ein paar weitere, auf denen mir mitgeteilt wird, dass Schwangerschaftsabbruck Mord an Gottes Geschenken ist. Naja, wir sind ja bald in New Orleans! Aber immerhin essen wir in einem echten Fleischerladen (kein Supermarkt!!!) in einem Nest die beste Boudain, die ich je gegessen habe. Das ist eine ziemlich scharfe Wurst, die klassisch aus Reis, Gemüse  Kräutern und Schweinefleisch besteht. Hier gibt es sogar noch eine Extravariante mit Crawfisch, Flußkrebsen. Sie wird heiß gegessen, gleich aus dem Papier – es schmeckt einfach phantastisch!!!!! Damit könnte man halb Berlin süchtig machen – zumindest das nicht-vegetarische.

Am Mississippi angekommen passieren wir von Zeit zu Zeit noch ein paar von den berühmten alten Plantations (die alten Baumwollplantagen), auch die Oak Alley, wo „Vom Winde verweht“ gedreht wurde. Majestätische weiße Südstaatenvillen mit einer wenig ruhmreichen Geschichte, in der bekanntlich viel Sklavenblut geflossen ist. Aber darüber wird nicht so viel geredet, man schaut sich lieber den übriggebliebenen schönen Rest an. Und der ist wirklich schön.

Dann endlich: Über eine tolle alte Eisenbrücke (die allerdings wohl Ärger mit dem deutschen TÜV bekäme) auf die andere Seite des Flusses. Am Horizont eine Skyline: New Orleans. Mein Herz schlägt höher. Aber davon morgen mehr.

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04 On the Road: Texas – Louisiana

Das Wetter ist umgeschlagen, über Nacht. Gestern noch war es brütend heiß und auf einmal weht ein eisiger Wind und es sind noch gerade 14°C. Nicht zu fassen. So eine Gemeinheit! Beim letzten Frühstück am Riverwalk zittern wir in Sweatshirt, Strickjacke und Lederjacke gehüllt …

Der Abschied von Texas fällt mir nicht so richtig schwer. Es war spannend und schön, aber ich habe mich doch etwas alienmäßig gefühlt in diesem superamerikanischen Umfeld. Jedenfalls bin ich nicht gerade wehmütig, als wir uns aufmachen und Stunde um Stunde durch eine ziemlich öde, flache, fast baumlose Landschaft gen Osten rollen.Gelegentlich tauchen Ortsschilder –wieder vorallem mit deutschen und spanischen Namen – auf, ohne dass Orte in unserem altmodischen, europäischen Sinne zu erkennen wären. Eher ein paar willkürlich in die Landschaft gewürfelte Gebäude, Tankstellen, Baufirmen und so weiter. Irgendwo, weit voneinander entfernt, auch ein paar Wohnhäuser, meist diese mobilen, die sich auf einem Tieflader transportieren lassen. Keine Zäune, keine Gärten. Da! Plötzlich eine Erscheinung: „New Berlin!!“ Tja, Berliner gibt´s eben überall!

Am scheußlichsten sind die nicht enden wollenden Vorstädte von San Antonio und später von Houston. Riesige, meist phantasielose Gewerbebauten auf noch riesigeren verödeten Grundstücken, gebaut ohne jede erkennbare Stadtplanung, hässlich, abstoßend, zerstörte Landschaft. Aber dafür jede Menge Sternenbanner.Am scheußlichsten sind die nicht enden wollenden Vorstädte von San Antonio und später von Houston. Riesige, meist phantasielose Gewerbebauten auf noch riesigeren verödeten Grundstücken, gebaut ohne jede erkennbare Stadtplanung, hässlich, abstoßend, zerstörte Landschaft. Aber dafür jede Menge Sternenbanner.Wir rauschen an der Skyline von Houston vorbei, lassen sie links liegen. Immer wieder Öl-Raffinerien, die nachts durch tausende Lichter beleuchtet wie Märchenburgen wirken, flimmernde Inseln in der Dunkelheit – Trugbilder. Nur der Gestank, der gelegentlich durch die Lüftung ins Auto zieht, spricht eine andere Sprache. Westlich von Houston ist die Landschaft zwar immer noch platt und öde, aber immerhin sieht man jetzt schon etwas mehr grün und schließlich auch die ersten Sumpflandschaften. Die ersten französischen Namen tauchen auf, vorzugsweise enden sie auf -eaux: Cajunland und Louisiana in Sicht!Wir sind hungrig und entdecken zu unserer Freude ein Cajun-Food-Lokal. Ich bin begeistert als wir in einen saloonähnlichen, holzgetäfelten Raum kommen, der mit päparierten Catfisch-Köpfen, Alligatoren-Häuten und sonstigen echten und unechten Getier dekoriert ist. Das sieht nach gutem, bodenständigen Essen aus, sagt mir die Erfahrung. Dazu ein paar lustige gemalte Gator und Crawfische (=Flußkrebse, das Nationalessen hier), die gehören immer dazu, und Werbung für Gerichte, die es wirklich nur in der„Cajun Cuisine“ gibt: Gumbo, Jambalaya, Boudain, Crawfisch. Lecker, endlich! Wir stärken uns begeistert schmatzend und setzen uns wieder ins Auto: Unser Ziel ist Lake Charles, die erste größere Stadt in Louisiana, dort wollen wir übernachten.

Kurz vor der Dunkelheit überqueren wir endlich die Staatsgrenze zu Louisiana. Wir steigen beim Welcome-Center aus in der Hoffnung auf Hotelcoupons, die einem gelegentlich viel Geld sparen können – geschlossen, immerhin hat ein schlaues Köpfchen eine Kiste mit den gesuchten Heftchen vor der Tür abgestellt – wie aufmerksam! Bei einem Blick hinter das Gebäude macht mein Herz plötzlich einen Sprung: Vor mir liegt ein großer See. Im letzten Tageslicht spiegeln sich die mit spanischen Moos behangenen Zypressen imWasser – das ist das Bild, das für Louisiana steht wie kaum ein anderes. Ein Schild warnt vor dem Baden: Es gibt Alligatoren und Schlangen. Jaaa! Das ist es! Es fühlt sich absurderweise ein bisschen an wie „Nach Hause kommen“! Endlich bin ich, nach sieben langen Jahren, wieder da. Ich rupfe eine Portion Moos vom Baum und hänge es Miki um den Hals wie die Hulamädchen den Touristen auf Hawai die Blumenketten. Jetzt beginnt der schönste Teil des Urlaubs!

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03 Rock ´n´Roll Marathon San Antonio

Als Kreuzung aus passionierten Globetrottern und Marathonläufern der Spaßfraktion liegt uns nichts näher als die Welt auch laufend zu erobern. Nun also im Land der Cowboys. Unserem Ruf als Chaosfamilie machen wir aber auch dieses Mal wieder alle Ehre: Ich bin zwei Tage vor dem Abflug übel gestürzt und habe mir eine Rippe sehr schmerzhaft … geprellt? angebrochen? Schlimmeres? Ich will es lieber gar nicht wissen, auch nicht, was das für unser Vorhaben bedeuten könnte. Also alles denkbar Hilfreiche von Homöopathie bis chemische Bombe eingepackt und tapfer los. Nicht falsch bewegen, nicht tief atmen, nicht husten. Aber schließlich will mich Miki, mein Mann, nun doch nicht so ganz allein leiden lassen und legt einen Gepäckwagenrodeo auf dem Flughafen Houston hin, in dessen Folge sein Ringfinger zu doppelter Stärke anschwillt und sich tiefblau verfärbt. Zusätzlich hatte ich das Sturmbeutelchen mit den Medikamenten auf dem Londoner Flughafenklo liegenlassen! Sollten wir uns vielleicht besser als disabled runners ummelden?

Ein vorsichtiger Testlauf zwei Tage vor dem Großereignis aber lässt mir einen Stein vom Herzen fallen und ermutigt mich: Es geht nicht toll, aber es geht. Zudem meint es mein Schutzengel gut mit uns und führt uns zum wahrscheinlich einzigen Edelsupermarkt von San Antonio, der sogar Arnica und Beinwellsalbe führt – wow! Also: Start frei!

Der Countdown für einen Marathon beginnt ja immer schon ein bis zwei Tage vorher mit der Marathonmesse und der Abholung der Startunterlagen. Das ist der Moment, wenn meine Adrenalinproduktion so langsam anläuft. Also machen wir uns auf zum Convention Center. Alles riesig hier, Johnny Cash begrüßt uns lautstark akustisch mit „Walk the line“ – wie nett. Zumal ich den guten alten Johnny auf ganz besondere Weise kennenlernen durfte. Bei seinem letzten Berlin-Konzert wurde vom Management ein von mir erbetenes Interview abgelehnt. Aber ich erwischte ihn per Zufall am Zaun backstage und er bot mir einen Deal an: in 30 Minuten mit einer großen Portion Snickers, die ihm seine Frau strikt verboten hat. Ich erinnere mich mit Vergnügen an den engen Wohnwagen, den schmatzenden und plaudernden Johnny. Der liebe Gott – oder wer auch immer- sei seiner Seele gnädig. Also: Wenn das kein guter Auftakt für diesen Marathon unter erschwerten Bedingungen ist!

Wir werden mit T-Shirt und Startnummer versorgt und wandeln euphorisiert durch die Messehallen, wo jede Menge Sportbekleidung und Zeugs verkauft wird, das eigentlich niemand braucht. Wir lassen uns sogar hinreißen, ein typisch amerikanisches Gratisphoto mit albernen Kopfbedeckungen vor einer Fotowand von The Alamo zu machen! Auf einem Bildschirm läuft im Zeitraffer die Strecke ab – nach fünf Sekunden wende ich entsetzt den Blick ab: Was ich da gesehen habe, war eine endlose breite Straße ohne Bäume und Häuser, huh!

Zurück im Motel erwartet uns eine Mail des Veranstalters, die vor einem heißen Renntag warnt: immer schön langsam, aufhören, wenn´s zuviel wird. An der Strecke werden zusätzliche Salzrationen für das Wasser ausgeteilt und crushed ice, es gibt Duschen und Kältebusse. Man ist gewarnt: Im Vorjahr hat es ein oder zwei Tote gegeben, je nachdem, wen man fragt … oh, oh!

Fünf Uhr, der Wecker, das Handy und die Rezeption klingeln. Nötig wär´s nicht gewesen, wir haben vor Nervosität nur wenig geschlafen und ich bin längst wach. Miki macht sich auf dem Weg, um zwei starke Capuccini aufzutreiben (ohne bin ich kein Mensch) und ich bereite auf Styropor und Plaste Obstsalat und Sandwiches zu. Danach ist Auzsrüstungscheck und Kriegsbemalung. Bei soviel Patriotismus (heute ist auch noch Veteran´s Day!) können wir nun auch nicht umhin, ein symbolisches „Proud to come from good old Europe´s Germany“ farblich entgegenzusetzen. Wenigstens auf den Armen, Miki sogar im Gesicht. Er sieht aus wie ein durchgeknallter oller Indianerhäuptling. Was die USA nicht alles an seltsamen Reaktionen auslöst!

Abmarsch! Plötzlich trippeln von allen Seiten Ameisenkolonien Richtung Convention Center und die morgendliche Stille wird plötzlich vom aufgeregten Pfeifen der Verkehrspolizisten erfüllt, die die Läufer über die Straßen zum Startgebiet schleusen. Die Luft vibriert vor Energie. Am Start ist alles perfekt organisiert: 25 UPS-Busse warten, militärisch im 45 Grad Winkel ausgerichtet, auf unsre Kleiderbeutel, aufgeregte Helfer wuseln herum, kleine Reden werden gehalten. Dann –live von einer Countrysängerin vorgetragen- die Hymne. Basecaps werden vom Kopf gerissen, tausende Hände auf´s Herz gelegt – mann-o-mann! Dann gehts los.

Die Blöcke werden nach und nach gestartet, unsere Startmusik ist „Eye of the tiger“. Übrigens sind wir totale Exoten, bis auf ein paar Mexikaner und Kolombianer scheinen wir fast die einzigen Ausländer zu sein. Wir laufen im wörtlichen Sinne zunächst der Sonne entgegen, bereits nach 500 Metern sind wir schweißnass. Nach kurzer Zeit stellen wir fest, wie schlecht trainiert hier einige sind: Sie keuchen, haben Wadenkrämpfe. Irgendwie haben die wohl mit dem hier obligatorischen positiv thinking gemeint: Yes, we can! – sich aber nicht wirklich überlegt, worauf sie sich eingelassen haben.

Die ersten Bands spielen am am Straßenrand auf, vor einer kleinen Bretterkirche trommelt ein Rastaman-Priester zum Gott der Läufer. Die ersten 17 km führen durch greater downtown – vorbei am Alamo und durch einige nette, aber ganz schön hügelige Wohnviertel. Die Anzahl der Zuschauer hält sich in Grenzen, aber es ist trotzem sehr nett und ich bin stolz auf mich, weil ich mich schon etwas orientieren kann. Wir haben beschlossen, es ganz ruhig anzugehen, zu genießen und Fotos zu machen – und unbedingt zusammenzulaufen. Das kostet uns viel Zeit, denn wir haben uns ein paar mal verloren – die Rechnung sollen wir später präsentiert bekommen, wenn´s in die Zeit schießt und unesre Körper die Kraft verlieren. Aber davon wissen wir jetzt noch nichts und sind bester Laune.

Vor den unzähligen Kirchen steht jeweils die sonntägliche Gemeinde und winkt den Läufern zu. Das erste Mal, dass ich der hiesigen Kirchenschwemme etwas Gutes abgewinnen kann. In einem hübschen, bescheidenen Mittelstandsviertel mit Gärtchen stehen zwei schüchterne Männer mit bunten Lockenperücken und Glitzerschlips vor ihrem Haus und halten tapfer ein Transparent hoch: Run for the gay´s pride – irgendwie rührend in dieser Umgebung. Ein Stück weiter begrüßt uns ein überdimensionaler Cowboy von einem Dach. Dies und andere Kuriositäten lenken die laufenden und teilweise bereits schlurfenden Teilnehmer von der zunehmenden Hitze ab. Viele sehen gar nicht mehr gut aus, dabei ist noch nicht mal das Halbmarathon-Ziel in Sicht. Wie wollen die das schaffen? Kurz vor dem Halbmarathon-Split durchqueren wir noch ein besonders schönes Viertel mit malerischen Südstaatenvillen und ausladenden alten Eichen: King William. Hier haben die vor langer Zeit eingewanderten Deutschen der Stadt ihren Stempel aufgedrückt. Die Sehnsucht nach der alten Heimat hat wohl den ollen Kaiser Wilhelm Namenspate werden lassen.

Km 17: Die Halbmarathonis werden abgeleitet. Die wahren Kämpfer bleiben und sehen einer Feuerprobe entgegen –im wahrsten Sinne des Wortes. Wir durchqueren ein Flussbiotop und dann wird´s einsam. Aber zunächst gibt´s das erste crushed ice. Würd´ ich normalerweise nicht an meinen Körper lassen beim Laufen, aber jetzt schiebe ich es mir dankbar überall hin: ins T-Shirt, unter das Stirnband – mittlerweile ist die Hitze wirklich kaum noch auszuhalten. Salz als Wasserzugabe wird verteilt, Duschen sprudeln über die Straße, die ersten Kältebusse stehen am Straßenrand.

Linker Hand erstrecken sich nun endlose Golfplätze, rechts, als passendes Pendent dazu, heruntergekommene Wohnwagenparks für die Armen. Aber immerhin sitzen einige von den Bewohnern mit einer Dose Bier am Straßenrand und leisten uns Gesellschaft. Bis auf gelegentliche Cheerleadertrupps und ein paar Bands alle paar Meilen sind das fast die letzten menschlichen Wesen, die wir für die nächste Zeit zu sehen bekommen sollen. Die Strecke führt über endlosen Asphalt vorbei an riesigen memorial fields (Riesenfriedhöfen, die bis auf kleine Fähnchen im Boden seltsam den Golfplätzen ähneln), einem Flughafen, der airbase, einer Raffinerie, einem Kraftwerk und einfach nur Pampa. Inzwischen trottet ein großer Teil der Läufer mehr als zu laufen, langsam schwant mir Böses und die Kräfte verlassen mich, der Kopf dröhnt.

Bei Meile 18, irgendwo im Nirgendwo stolpere ich in einen Kältebus. Hier begrüßt mich ein junger Asiate, der quer auf einer Bank liegt, mit der Erklärung: „Das ist der Punkt, an dem ich mich frage: Was, zur Hölle, mache ich hier?!“ I agree. Nach zehn Minuten gehts mir besser und ich laufe wieder los. Nachdem ich allerdings unvernünftigerweise einen endlosen Anstieg an einer Raffinerie in den Abgasen der hier ausnahmsweise parallel fahrenden Autos absolviert habe, wird mir übel und schwindlig. Mein Magen krampft. Ich versuche, mich im Schatten eines mikrigen Busches zu erholen und laufe dann irgendwie weiter. Miki versucht mich zum Essen eines Früchteriegels zu überreden, ich kriege nichts herunter. Auch Miki quält sich nur noch. Ein paar Meter weiter läuft plötzlich ein Sanitäter neben mir, der sich Sorgen macht. Ich bin wohl ein bisschen blass um die Nase. Aber ich überzeuge ihn, tapfer lächelnd, von meiner Renntauglichkeit; so leicht gebe ich nicht auf! Aber eigentlich will ich nur noch in ein kaltes, dunkles Zimmer … Doch nicht ohne diese verdammte Medaille! Das sei übrigens unbedingt noch angemerkt: Die medical teams sind in Garnisonsstärke angetreten und sie sind sehr aufmerksam!

Den Rest der Strecke nehme ich nur noch als Füße auf dem Asphalt wahr. Einziges Geräusch sind die tappelnden oder schlurfenden Schritte der anderen und keuchender Atem. Immer wieder kauern erschöpfte Gestalten am Straßenrand. Die schnellen Superathleten sind längst im Ziel, aber der Masse bleiben noch etliche Kilometer. Endlich sind wieder ein paar mehr Bands zu sehen: Meilensteine. Ausgerechnet in der langen Einsamkeit der Südkurve haben einige schon keine große Lust mehr gezeigt, Blödmänner! Auf den letzten drei Meilen in der Stadt versuchen uns u.a. Highschool-Kids mit Spalieren und anderen aufmunternden Spielchen rührend aufzumuntern, wirklich süß. Ein kleines bisschen hilft es auch. Im Kopf hämmert verzweifelt das Mantra: Bald, bald, bald … Mikis tapfere Versuche, mich trotz seiner eigenen Erschöpfung vor der Verzweiflung zu retten, treiben mir nur Tränen in die Augen. Aber einer seiner Sätze klebt jetzt in meinem Hirn: Egal! Das Ding ist doch gelaufen! We got it!

Dann endlich das Ziel am Alamo Dome!!!!!!!!!!! Ich laufe noch einmal so schnell ich kann, wir fassen uns an den Händen und reißen sie in die Luft. An der Ziellinie die Lautsprecher stimme: “And now arriving: Maikel and Bietie Ostermän from  Germany!!“ Heul, schluchz! Die Medaille! Und in Eiswasser getauchte Tücher statt Wärmefolien. So fühlt sich Glück an!!!!

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02 San Antonio/Texas II

Liebe Güte- wie die Zeit vergeht! Da sitze ich schon wieder im Auto, und wir düsen endlose Highway-Meilen durch Texas nach Osten Richtung Louisiana. Will sagen, San Antonio ist Geschichte – zumindest für diese Reise. Dabei bin ich noch gar nicht dazu gekommen, Teil 2 des SA-Kapitels aufzuschreiben. In den letzten Tagen haben wir zwar viel Zeit unserem Laufabenteuer gewidmet, das allerdings ist unter eigener Überschrift zu lesen, unter special interest sozusagen.

Aber daneben haben wir uns natürlich auch eifrig als Touristen – oder soll ich sagen Voyeure texanisch-amerikanischen Lebens betätigt. Unsere Streifzüge durch die Stadt haben uns z.B zum Market Place geführt, im westlichen Teil von Downtown. Ja, und das ist auch nochmal so eine richtige Touri-Ecke, aber eine, die wirklich hübsch anzuschauen ist. Market Place besteht aus zwei Markthallen und einem Boulevard dazwichen mit Kneipen, Buden und einer kleinen Open Air-Bühne. Uns das alles auf mexikanisch. Wow, das sind mal Farben!! Hier wird alles angeboten, von Kitsch bis Kunsthandwerk, und alles knallbunt. Fast alle, die hier arbeiten, sprechen besser spanisch als englisch, und die Beschallung schwelgt, jammert und juchzt auch nach bester Mariachi-Manier. Am schönsten anzuschauen sind die Keramiksachen, schade,dass die einfach zu schwer sind … 23kg sagt die Airline und basta. Übrigens, der hier favorisierte T-Shirt-Aufdruck ist „I don´t asked to be mexican – i´m just happy“, soviel Nationalstolz ist dann doch geblieben. Aber mir hat ein Plakat im alten Steckbrief-Stil besser gefallen. Darauf zeigt ein furcherregender, bärtiger Gaucho auf den Betrachter, unterschrieben mit „I want you! For the mexican revolution!“

Ein anderer Streifzug führt uns auf der Suche nach verdaulicher Kost zu einem Sushi-Lokal, dem Tokyo Inn, nach Norden. Erst dachten wir, der Laden ist zu. Dunkel, verhangene Fenster, wären da nicht die verräterischen Autos auf dem Parkplatz. Und wieder ein Treffer für unsere kulinarische Wünschelroute! Der Laden ist proppevoll, viele Japaner. Das Essen ist echt lecker, liebevoll angerichtet und bezahlbar! Allerdings sorgt die Einrichtung bestimmt dafür, dass nicht jeder den Mut aufbringt, hier rohen Fisch zu essen: Der Laden wurde 1975 eröffnet, billig eingerichtet, und seitdem sind Generationen Hungriger hier eingefallen, ohne das jemals was erneuert worden wäre: ein abgetretener , siffiger Teppich, bröckelnde Isoliermasse aus der Styropur-Wandverkleidung, aufgeplatzte Vinylsessel , um nur mal den Gastraum ansatzweise zu beschreiben, von anderen Räumwn rede ich lieber nicht. Und die Krönung ist die asthmatische Klimaanlage, die alles in Eisluft taucht – im 10 Minuten-Takt ziehe ich meine Jacke an und aus, je nachdem, ob der fauchende Drachen gerade anspringt oder ausgeht.

Ausgesprochen der Ortskenntnis förderlich ist die Suche nach einem auch nach europäisch snobistischen Maßstäben genießbaren oder gar leckerem Frühstück! Nach zwei Tagen von pappigen Sandwiches, Hoachies oder ähnlichem verkleistertem Magen und der Weigerung, bei Danny´s, McDonald´s etc. einzukehren, haben wir uns dann doch ins Auto gesetzt, um die Umkreissuche auszuweiten. Broadway … klingt gut. Auf der Suche nach einem Supermarkt ist mir hier ein „Coffeeshop 24 hours“ aufgefallen, kuschelig gelegen gleich hinter einem mehrfachen Autobahnkreuz. Wir finden den „Pig Shop“ auf Anhieb.

Davor parken einige sehr merkwürdige Bikes, alle mit seltsamen Gestalten auf dem Rücksitz: Pink Panther etwa oder Miss Piggy oder eine vollbusige Dame mit Totenschädel, alle gut vertäut. Oha, wer gehört da wohl auf den Bock dieser Harleys? Die Sache klärt sich schnell: Wir betreten einen Laden im besten Fifties-Design: eine lange Sitztheke  und ansonsten Sprelacard-Tische und wundervolle gepolsterte Glitzer-Vinylstühle in rot, blau und grün. Ein paar dickliche, ältere Kellnerinnen tragen soeben mächtige Südstaaten-Frühstücke mit Maisgrütze, Pancakes, Bacon, Bergen von Eiern und Hashbrowns (eine Art Bratkartoffeln gerieben) auf. Und die Hungrigen sind die Harleybesitzer höchstpersönlich: Rocker und eine Rockerbraut so zwischen 60 und 70 Jahre alt, in perfektem Styling! Wie Kino! Und wir mittendrin! Zwar wird nun nix aus Espresso und Baguette, aber das Südstaaten-Frühstück in abgespeckter und abgegrützter Form ist lecker und der Unterhaltungsquotient hoch. Ausserdem hat noch jeder Tisch eine Filiale der zentralgesteuerten Music Box, an dem man vom Tisch aus seine Musik anwählen kann. Boah eh! Aus den vergrößersten Zeitungsartikeln über dem Tresen lernen wir noch, das dies ein Anleger des erstenDrive-Ins der USA in den 50ern ist und das die Onionrings in Texas erfunden wurden. Der fette Gormetkritiker auf dem Foto starrt durch zwei jener Zwiebelringe und erklärt „Ich habe nichts mit naturbelassenem Essen am Hut! In meinem Alter erwartet man gut durchgegarte Speisen.“ Mahlzeit !

Das bringt mich darauf, wie fasziniert und entsetzt ich hier immer wieder bin ob der nationübergreifenden Fettleibigkeit! Und irgendwie glaube ich, es wird immer schlimmer. Nirgendwo auf der Welt – die ja allgemein prozentual immer fetter wird, habe ich soviele Super-Korpulente (das war jetzt mein Versuch, mich politisch korrekt auszudrücken) gesehen. Zwei-Zentner-Wesen gelten da noch als Anfängerlevel. So viele Menschen, die nicht mehr gehen können, bestenfalls aus ihrem Riesenauto in einen motorisierten Wagen plumsen, um im Supermarkt neue Fastfoodberge und 5kg-Eispackungen nachzuladen! Junge Mädchen, bildhübsche Gesichter, aber den Körper böswilliger Karikaturen. Ganz zu schweigen von den älteren Homo Sapiens dieser Spezialausführung. Und im Fernsehen wirbt eine nach altmodischen Maßstäben ebenfalls stark Übergewichtige dafür, sich doch endlich gesund zu ernähren, mit echtem Gemüse und so … Nee, tut mir leid, das ist einfach ein schauerliches Kapitel des American Way of Life.

Und wo ich ja gerade am geifern bin: Oh, mein Gott: dieser Abfall-Wahnsinn!!! Wir werden ja schon bald im Plastikmüll versinken, aber vorher ist Amerika längst darunter begraben. Nichtmal in den „besseren“ Cafés, die italienische Espressomaschinen haben, kann man einen Kaffee in einem wiederverwendbaren Gefäß bekommen. Nein, um den Plastikbecher wird sogar noch ein dicker Pappring gestreift, damit man sich die Finger nicht verbrennt. Das Sandwich wird nicht nur auf einem Wegwerfteller serviert, sondern es wird nochmal extra in Papier verpackt, Soßen, Ketchup etc. dann noch in extra Plastiknäpfchen. Das eingeschweißte Plastikbesteck dazu ist dann nochmals zusammen mit Zucker und Süsstoff und Coffee Creamer (egal , ob man das alles will) in eine weitere Tüte eingeschweißt usw. usw.

Genau wie der Energiewahnsinn: Nicht nur, dass man sich jedesmal fragt, wenn man bei jedem Autohändler nicht Dutzende, sondern mehrere hundert neue Kisten stehen sieht, wer die noch alle kaufen soll … Ein Beispiel: Wir kommen in San Antonio nachts an, mieten uns in einem Motel ein. Wir bekommen eins von etlichen leerstehenden Zimmern. Tür auf: Eiseskälte – die Klimaanlage läuft auf vollen Touren, wie lange? Seit Tagen? Wir wechseln das Zimmer, weil ich nicht ebenerdig direkt an der Einfahrt schlafen will. Dieselbe Eiseskälte. Und sogar als wir schon dort wohnen und das Ding tagsüber ausmachen, wenn wir weg sind – nein, die Zimmermädchen schalten es wieder auf volle Pulle! Offensichtlich Anweisung des Managements … Mann-o-mann, da hat Obama aber noch ganz schön zu tun, so als Vorreiter-Kämpfer gegen den Klimawandel …

So, genug aufgeregt. Aber das gehört eben unter die Rubrik: mein schwerwiegend zwiespältiges Verhältnis zum Land der unbegrenzten Möglichkeiten!

Zum Schluss für heute aber noch was Positives: Die Menschen, denen wir hier in Texas begegnet sind, waren alle unglaublich freundlich. Auch außerhalb des Haifischgrinsens der Verkäufer und Restaurant-Werber! Höflich, freundlich und hilfsbereit, ganz den alten Südstaatentraditionen folgend. Wirklich sehr angenehm! Allerdings sollte man sich nicht allzu oft hinreißen lassen, über heikle Themen wie Waffenrecht, Krieg, Welt- oder Sozialpolitik zu reden, wenn man nicht weiß, wen man vor sich hat. Das kann hier unangenehm werden. Aber das habe ich schon lange gelernt.

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01 San Antonio/Texas I

Texas  „The Lone Star State“ – klingt nach Cowboys, Deep South, George W. Bush und Mexico um die Ecke, oder nicht? Für mich jedenfalls war das so, bevor wir herkamen.  Aber –  ehrlich gesagt – war das auch schon fast alles, was ich mir dazu einfiel als ich auf der Suche nach einem Marathon, der nicht elf Monate vorher ausgebucht ist wie Berlin, San Antonio entdeckte. Rock ´n ´Roll Marathon bei den Prairiehunden, das klang lustig – also los.  So fing alles an.

Nun sitze ich hier, Tag 3 nach der Ankunft, downtown im Eckcafé auf der Houston Street, einem der wenigen Orte, die einen passablen Espresso anbieten, und versuche meinen anhaltenden Jetlag zu ignorieren. Und wer mich kennt, weiß, das will was heißen, dass ich erst heute anfange zu schreiben. Aber die Nächte enden für mich hier irgendwann zwischen vier und halb fünf. Ich bin wohl doch keine unkaputtbare Partymaus mehr … Aber schließlich ist die Lust am Erzählen und die Angst, viel von meinen ersten Eindrücken zu vergessen, doch zu groß. Also frisch ans Werk.

Wie so oft lösen die USA, und in diesem Falle San Antonio, bei mir extrem widersprüchliche Gefühle aus, auch nach acht Jahren US-Pause. Als wir in Houston gelandet sind und totmüde eine gute Stunde in der Endlos-Schlange an der Passkontrolle stehen mussten, nur um dann Abdrücke von allen zehn Fingern und ein biometrisches Gesichtserkennungsfoto zu hinterlassen – we don´t want more terrorists –, da ist es wieder passiert: Ich habe mich gefragt, was ich eigentlich hier mache. Muss ich das haben? Nein, und doch tue ich es immer wieder mal. Wohl wissend, dass ich auf den Reisen hier einige der schönsten und beeindruckendsten Landschaften gesehen habe, mein erstes und unvergessliches Marathon-Erlebnis vor neun Jahren in New York hatte – und vorallem, weil hier meine Herzensstadt New Orleans gibt. Nicht zu vergessen: drei besondere Freunde. New Orleans, die Stadt, die so anders, so fremd, so hart, so magisch ist, die Stadt, in der wohl ein Stück meiner Seele zu Hause ist. Und genau dahin wollen wir nach dem Marathon fahren.

Nach 25 Stunden ohne Schlaf sind wir schließlich in San Antonio angekommen – zu guterletzt in einem  dicken Auto: einem weisßen Chevy Impala. Gemietet und bezahlt haben wir eine kleine Schüssel. Der Typ vom Autoverleih am Airport hat uns penetrant bedrängt, ein Upgrade zu buchen, offenbar wohlwissend, dass kein kleines Auto mehr da war und wir sowieso einen großen Wagen bekommen würden und er ein Sternchen für den Employee des Monats. Aber wir waren stur und blieben bei unserem Billigvetrag und so fahren wir jetzt ein dickes Auto für kleines Geld.

Zurück nach San Antonio: Wir wohnen in einem Motel in der Houston Street, kaum 50 Meter von einem doppelstöckigen achtspurigen Highway entfernt. Die Geräuschkulisse ist entsprechend (in der Nacht ist es zum Glück erträglich). Der Romantikeffekt: null – aber: Laufnähe nach Downtown, wo Parken ein Vermögen kostet und wo Start und Ziel des Marathons sind.

San Antonio ist viel größer, als ich es mir vorgestellt hatte: die siebtgrößte Stadt der USA, mit knapp 1.330.000. Einwohnern. Und das alles bei US-Größenverhältnissen – sprich:  in der Ausdehnung gefühlt so groß wie Berlin Brandenburg. Verglichen mit anderen Städten hier ist San Antonio eine schöne Stadt: Eine Innenstadt mit den üblichen aberwitzigen Hochhäusern, aber davon vergleichsweise wenig, dafür aber tatsächlich etliche alte Gebäude. Die Straßen haben Bürgersteige, was durchaus in den USA nicht überall in diesem Umfang zu erwarten ist. Und das Beste: Die ganze Stadt ist durchzogen vom San Antonio River und seinen künstlich angelegten Kanälen. Die haben sich die spanischen Missionare in der ersten Hälte des 18. Jahrhunderts von den Indianern bauen lassen, um ihre Mission Alamo mit Wasser und Lebensmitteln zu versorgen. Und diese Kanäle sind tatsächlich erhalten. Und das Allerbeste: Etliche Kilometer davon haben inzwischen wunderbare Uferwege, den berühmten Riverwalk. Bald werden es 20 Kilometer sein. Die Wasserläufe von Fluss und Kanälen liegen rund fünf Meter unter Straßenniveau, und so wandert man quasi durch eine vom Verkehr ungestörte, mit wunderschönen Steinmäuerchen, Blumenrabatten und Bäumen bewachsene Flusslandschaft – mitten in der Stadt. Ich bin schwer beeindruckt, wie schön und gepflegt das alles ist – nirgends Müll, immer wieder anders gestaltet. Geradezu aberwitzig ist die Flora: von tropischen Bananenstauden, Papayabäumen, Magnolien und Hibiskus bis zu den uns so gut bekannten Stiefmütterchen und sogar Alpenveilchen! Auf rund einem Kilometer des Riverwalks reihen sich Restaurants dicht aneinander und dutzende umherziehende mexikanische Musiker tröten und schluchzen den Essenden ihre Herz-Schmerz-Lieder ins Ohr: die Ausgehmeile. Aber selbst das ist nett anzusehen – und immer rappelvoll vom Mittag bis in die Nacht. Die Qualität des Essens ist sehr unterschiedlich, ums mal vorsichtig zu formulieren, aber das stört die meisten nicht – Hauptsache viel und am Fluss dabeisein. Abends ist alles glitzernd beleuchtet, von den alten Bäumen hängen bunte Lichterketten und spiegeln sich im Wasser. Außerhalb der Amüsiermeile kann man aber wunderbar spazieren gehen (oder laufen!), ohne viele Menschen zu treffen – der Durchschnittsamerikaner fährt bekanntlich lieber Auto oder auf einem der kleinen Touristen-Kähne, die als Krönung der Rundfahrt mitten in die gigantische Riversidemall fahren.  Praktischerweise verläuft der Riverwalk in Windungen durch die Innenstadt, sodass man oft prima von A nach B gelangen kann, ohne ewig durch die Autostraßen laufen zu müssen. Der Fluss verleiht dieser Stadt eine echte Lebensqualität! Volle Punktzahl!

San Antonio hat viele Gesichter: downtown Großstadtflair mit einignen Parks, außerhalb kuschelige und hügelige Wohnviertel mit viel Grün und Gärten, aber auch hässliche Schlafstädte. Sogar Romantik im Stil der Südstaaten kann man in der Nähe des Flusses entdecken. „Vom Winde verweht“ lässt grüßen.

Aber noch etwas anderes springt einen förmlich an: die Namen der Orte, der Straßen, der Menschen. Zumindest auf den ersten Blick scheint es nur mexikanische und deutsche zu geben. New Braunfels, Minden und Las Palmas; Familie Stampenheimer, Guenther oder Gonzales. Die Bevölkerung scheint vorallem aus irgendwann eingewanderten Deutschen oder Mexikanern zu bestehen – ein Blick auf die Geschichte der Stadt bestätigt es. Übrigens gilt eins der alten Viertel als besonders deutsch: das King-William-Viertel. Wie war das noch mit dem alten Kaiser Wilhelm?

Übrigens befindet sich hier auch das texanische Heiligtum oder, wie es hier heißt, die „Wiege der texanischen Unabhängigkeit“: eben jene alte Mission Alamo. Gegründet von den Spaniern, dann 1838 von Mexikanern und Texanern heiß umkämpft – ein blutiges Kapitel. Die Texaner haben trotz Unterzahl gesiegt und die unabhängige Republik Texas wurde ausgerufen. Die Heldenverehrung kennt kaum Grenzen. Ich frage mich ehrlich gesagt nur, wie sie die mexikanischstämmige Bevölkerung dazu gebracht haben, das Gemetzel an den eigenen Landsleuten so hinzunehmen und genauso stolze Texaner zu sein. Der Patriotismus gehört zu den Dingen, die hier ziemlich schwer auszuhalten sind – puh. Diese Revolver-und-Messer-Mentalität ist für mich wirklich gruselig! Eins der beliebtesten Souvenir-T-Shirts hier hat zwei gekreuzte Pistolen aufgedruckt und den Schriftzug : „Don´t mess Texas – we don´t call 911!“ Will sagen: Legt euch nicht mit Texas an – wir rufen keine Polizei (wir erledigen das selbst). Auch die vorherrschende politische Grundstimmung ist fast selbstredend erzkonservativ: Über Obamas Wiederwahl herrscht tiefe Verbitterung. Die Zeitung von San Antonio hetzt seit Tagen ohne Unterlass und die Leserbriefe haben alle denselben Tenor. Unerträglich, wie ich finde.

Genug für heute, sonst vergraule ich die geneigte Leserschaft gleich im ersten Kapitel. Und außerdem: Morgen haben wir bei 28°C eine Kleinigkeit von 42,2 km oder 26,1 Meilen zu erledigen. Also ab ins Bett!

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