10. Wasserspiele

Zum Abschied genehmigen wir uns ein Edelfrühstück in einem schicken Öko-Farm-Café, der Valley Bakery. Wir werden uns später noch daran erinnern….

Vor der Weiterreise aber gönnen wir uns noch ein weiteres Vergnügen: Tubing – man lässt sich auf Autoreifen einen Fluss hinuntertreiben. Wir sind angemeldet und ein netter Guide erwartet uns bereits. Wir werden in Schwimmwesten und Helme verpackt, dann muss jeder seinen eigenen Tube auf den Rücken laden und los geht die Wanderung zum Start. Zu unserer Überraschung sind die Tubes hier keine alten Autoreifen, sondern eine Hightech-Variante: ein professionell für den Sport hergestelltes ovales, spitzes Minischlauchboot von knapp anderthalb Metern Länge mit zwei Schlaufen am Rand.

Mit den Tubes auf Kopf und Rücken vorwärts watschelnd sehen wir aus wie ein wandernder Schildkröten-Track. Ganz abgesehen von dem ohnehin besonders schicken Anblick, den wir mit Badesachen, Schwimmwesten und Helmen abgeben. Aber es sind kaum andere Menschen zu sehen. Ein Stück flussaufwärts ist endlich der Start, die Dinger sind ganz schön schwer…

Ich bin erst etwas irritiert und enttäuscht, kenne ich solche Unternehmungen andernorts mit wesentlich längeren Strecken, die man, träge im Tube lümmelnd, von der Strömung flußabwärts getrieben wird.

Aber schnell zeigt sich, dass das hier seinen eigenen Charme hat: das ist Sport! Die Strecke im Fluss ist voller Stromschnellen. Man muss versuchen, sich per Körperhaltung und Armkraft in dem kreiselnden, schlingernden Tube zu behaupten und es womöglich sogar zu kontrollieren, um nicht fortwährend umzukippen. Die Strömung ist stark. Schnell überschlägt sich das wackelige Gefährt und man landet kopfüber im Wasser. Nun gilt es, das Ding nicht loszulassen und sich selbst mit aller Kraft an den Pflanzen oder Wurzeln am Ufer festzuhalten, um nicht vom Fluss mitgerissen zu werden. Bei dem kämpferischen Versuch, dann wieder allein oder mit Hilfe in den Reifen zu kommen, bieten wir ein unterhaltsames und wenig graziöses Schauspiel.

Tückisch auch, dass viele große, abgerundete Steine fast unsichtbar kurz unter Wasseroberfläche liegen und man sie erst im letzten Moment entdeckt. Nicht immer schafft man es dann noch, sich in seiner sich ständig drehenden Schwimminsel zu halten, statt schon wieder auf Tauchgang zu gehen. Aber es macht wirklich einen Heidenspaß!

Unten angekommen gieren wir trotz einiger Kratzer und blauer Flecken nach einer zweiten Runde. Endlich sich noch einmal wie ein Kind fühlen… wäre es nicht für Kinder viel zu gefährlich. Eine kleine sportliche Herausforderung, die uns gut tut, sitzen wir doch gleich wieder für ein paar Stunden im Auto.

Letzte größere Station in den Bergen soll der Nationalpark Royal Kwazulu Natal National Park sein, laut Reiseführer das Schmuckstück der Drakensberge am nördlichen Rand. Noch einmal führt der Weg entlang des Gebirgszuges durch weite grüne Berglandschaften, getupft von den üblichen Dörfchen mit vielen Kühen, Ziegen und Hühnern. Langsam gewöhnt man sich daran, dass man nur ganz selten mal ein anderes Auto trifft.

Am Nachmittag erreichen wir den Park. Uns bleiben noch ein paar Stunden bis die Tore schließen. Der nette Ranger am Einlass empfiehlt uns eine gut 5 km lange Wanderung bergauf Richtung Tiger Falls, Wasserfälle hoch oben am Berg. Ein wunderschöner Spaziergang parallel zu einem Flüsschen, immer schön bergauf, durch den Wald, über Felsen und Wiesen. Wir wären gern bis zu den Tiger Falls gelaufen, aber das hätten wir nicht mehr geschafft vor der Dunkelheit. Und auch so ist das letzte Stück zum Outlook Rock mit Blick auf die Wasserfälle schweisstreibend.

Der Blick zurück in unendliche Weiten lässt einen ganz winzig werden. Überall blühen herrliche Bergblumen, manche sehen aus wie Edelweiss, und hübsche bunte Vögelchen zwitschern. Sonst ist absolute Stille. Auf dem Weg sonnen sich kleine Eidechsen.

Wir machen uns nach einer Verschnaufpause mit Blick auf die hohen Tiger Falls auf der einen Seite und zwei sich vereinigenden, steil ins Tal stürzenden Flüssen auf der anderen Seite auf den Rückweg. Denn dafür haben wir uns ein Bonbon aufgehoben: ein Bad in den malerischen Kaskaden des Flusses, die auf halber Strecke liegen und dort einen wunderschönen natürlichen Pool mitten im Wald bilden.

Das Wasser ist ziemlich kalt, aber das tut gut und wir genießen das Bad und den kleinen Wasserfall inmitten des dichten grünen Uferwaldes. Inzwischen lässt die tieferstehende Sonne die steinernen Bergkämme über uns in leuchtendem Braun-Orange erstrahlen.

Es ist nicht so ganz einfach, in vertretbarer Nähe des Nationalparks eine bezahlbare Bleibe zu finden, die wenigen näheren Lodges sind richtig teuer. Rund 25 km entfernt gibt es ein großes Backpacker Hostel, die Amphitheatre Backpackers Lodge, mitten in der Pampa, 15 km entfernt von der nächsten kleinen Stadt. Ein schönes weitläufiges Gelände mit Bungalows, eine Bar, die von lauter Musik beschallt wird und die überflüssigerweise einen schmuddeligen Jakuzzi und einem ebenso schmuddeligen Pool hat, in dem sich aufgeregte Jungtraveller tummeln. Außerdem gibt es einen schummrig erleuchteten Speiseraum für die, die hier nicht selbst kochen möchten.

Der Preis ist in Ordnung, wir bleiben. Mit einigen kleineren Ärgernissen, denn zuerst muss das Schloss zum Bungalow aufgesägt werde, Stunden später erst bekommen wir die Chance auch wieder abzuschließen. Handtücher gibt’s erst am nächsten Nachmittag. Warmwasser ist auch kaputt – kurz: der Service lässt zu wünschen übrig.

Aber das Essen zumindest ist lecker. Ich kann es noch genießen, Frau zwei fühlt sich schlecht…und schlechter. Mir wird erst ein paar Stunden später übel. Das Frühstück – der Lachs, unser gemeinsamer Nenner. Nein, nicht das Essen im Township hat uns umgehaun, sondern fine sophisticated food … Was folgt, sind zwei üble Nächte mit einer Fischvergiftung vom Feinsten. Unsere Pläne für den nächsten Tag sind erledigt, wir verbringen ihn im Halbkoma zwischen Bad und Bett.

Wir dürfen uns später nur Neid erfüllt die Fotos von der einsamen Wanderung unseres dritten Mannes anschauen: 14 km extrem anstrengend, steil, mit durchquerten Flüssen, überkletterten Felsen, und sogar einer halsbrecherisch aussehenden Metall-Strickleiter am Felsen. Eine wirkliche Herausforderung! Aber schon die Bilder und Schilderungen machen klar, dass sich die Anstrengung absolut gelohnt hat.

Ziel war das Amphitheatre, eine spektakuläre Felsformation hoch oben in gut 3000 m Höhe und der Blick auf die zweithöchsten Wasserfälle der Welt, die Tugela Falls, mit 2972 Metern Höhe. Wirklich spektakulär! Und unterwegs immer neue imposante Aussichten. Schade, wenn man so nah dran, aber nicht selbst dort war!

Aber immerhin sind wir am kommenden Tag wieder einigermaßen reisefähig, wenn auch noch nicht wirklich fit, und können unsere Reise fortsetzen. Auch wenn das bedeutet, uns von den wunderbaren Drakensbergen verabschieden zu müssen. Was für ein phantastischer Ort auf dieser Erde! Der Kurs: Ost-Nordost, Richtung Küste, Entfernung: rund 400 Kilometer.

9. On the Road again

Weiter geht’s, up North. Das Wetter ist herrlich, die Sonne scheint, ab auf die Straße. Nächster Stopp: Giant Castle. Die Entfernungen sind doch immer irgendwie größer, als gedacht. Dabei wirkt alles auf der Landkarte von diesem riesigen Land so wie nebenan … Die Straßen hier im Bergland sind wirklich schlecht, entweder unbefestigt, oder trügerisch glatt asphaltiert, aber mit riesigen Schlaglöchern. Da winkt der Achsbruch hinter jeder Ecke. Außerdem ist die Strecke teilweise extrem kurvenreich.

Auf der positiven Seite wäre zu verbuchen: Die Fahrt wäre um vieles stressiger bei normalem Verkehr. Aber auf fast allen Straßen sind kaum Autos unterwegs. Dafür in der Nähe von Ortschaften umso mehr Fussgänger, die sich nicht aus der Ruhe bringen lassen oder versuchen zu trampen. Und – last not least – die Könige der Straßen: Kühe und Ziegen. Und letztere haben hier absolut Vorfahrt und sie benehmen sich auch so. Sie grasen auf den endlosen Wiesen rechts und links der Straße, ohne Zäune, und sie spazieren direkt auf den Straßen herum, wann immer ihnen danach ist. Kann aber auch sein, sie bleiben einfach vor dem Auto stehen und glotzen doof.

Unser nächster Zwischenstopp ist in Giant Castle, das liegt in einem privaten Schutzpark an einem weiteren markanten Abschnitt der Drakensberge. Bis dahin verbringen wir wieder etliche Stunden in unserem immer noch schmutzverkrusteten Auto. Allerdings bieten diese Berge immer neue imposante Anblicke, so dass uns nie langweilig wird. Und auch Giants Castle ist eigentlich nur wieder einer besonders beeindruckendes Massiv inmitten von vielen schönen Orten.

Ich habe noch nie so viele unterschiedliche Bergformen in einem Gebirge gesehen: Mit flachen steinernen Hochplateaus, rund, spitz, geschachtelt, grün, grau, gestreift, schroff, gefältelt, kahl, baumbestanden, wie mit grünem Samt bezogen und so weiter und so weiter.

Wir legen einen Imbiss auf der Panorama-Terrasse einer Lodge ein und sind auch schon wieder unterwegs.

Rechts der Straße liegt weites, eher welliges Hochland, links ragen endlos die immer neuen steilen Felsformationen der Drakensberge auf. Unser Weg führt durch viele Dörfer. So ganz anders als in Europa oder auch Südamerika sind sie nicht nicht kompakt, sondern eher sehr weit verstreut und locker in die Landschaft gewürfelt. Platz und Raum ist hier wirklich eine andere Dimension.

Die meisten Gebäude sind Rundhäuser, der Rest sehr kleine rechteckige Würfelchen. Hier und da nur ein Haus, so groß wie wir es als kleines Einfamilienhaus kennen. Manche der Häuschen sind aus tristen Lehm-oder Betonblöcken, andere mit blauer, oranger, weißer oder roter Farbe bemalt. Fast alle sind winzig bis klein – aber alle mit etwas Raum drumherum, einige sogar mit einem Gemüsegarten oder einem kleinen Feld. Alles sauber, ohne Müll, mit viel Landschaft und freilaufenden Tieren. Eine heile Welt – einfach, manchmal sehr arm, aber menschenwürdig. Wie anders als die geschachtelten Sperrmüllverschläge im Township!

Erst am frühen Abend kommen wir ans Ziel: Champagne Valley. Wir haben schon lange kein Bargeld mehr, aber es ist ziemlich schwierig, hier auf dem Land einen Geldautomaten zu finden! Da können schon mal 150 Kilometer dazwischen liegen oder mehr, und man muss wissen, wo man suchen soll. Hier im Champagne Valley, einer Art Ferienort mit vielen Wanderrouten, gibt es theoretisch zwei. Der erste: leer. Also 13 km in die entgegengesetzte Richtung unseres Ziels, ins Städtchen Bergville: endlich! Wir haben wieder Geld.

Nun die Unterkunftssuche. Wir testen einen Tipp aus dem Lonely Planet: die Ikosana Lodge. Auch wieder eine Backpacker-Unterkunft für die Reisenden mit dem kleinen Portemonnaie. Und ja, der Tipp ist wirklich klasse: etwas abgelegen und versteckt entpuppt Ikosana sich als eine liebevoll gestaltete und gepflegte Anlage mit schönen Grünflächen, guten Aufenthaltsräumen, Terrassen, Wiesen und einem Naturwasserpool mit Blick auf das über 3360 m hohe stolze Champagne Castle. Ein wirklich angenehmer Ort zum Entspannen.

Der Besitzer, Ed, ist ein Bure mit Sinn für Gastlichkeit. Zu uns super freundlich, hilfsbereit, zu den schwarzen Angestellten ziemlich unangenehm. Das ist leider hier weitverbreitete übliche Verhalten. Schlimm! Aber leider gerade hier in der Gegend wirklich eher die Regel, zumindest erleben wir es so.

In Afrika auf dem Land muss man beizeiten Abend essen, sonst geht man hungrig ins Bett. Und Appetit haben wir wirklich nach diesem Reisetag. Ed hat uns ein Restaurant empfohlen, dass sich als ein Golfclub herausstellt, aber jetzt, am Ende der Saison eher ein ruhiges kleines Plätzchen mit einer Terrasse am pflanzenumrankten Pool entpuppt. Und das Essen ist phantastisch und preiswert. Der Wein auch…..

Zu guter Letzt singen uns die Grillen, Zirkaden und Nachtvögel, unterstützt von ein paar schüchternen Fröschen, in den wohlverdienten Schlaf.

8. Hoch in den Wolken

Wunderbar ausgeruht in absoluter Stille wollen wir noch frühstücken bevor es losgeht. Nur leider verschätzt man sich immer wieder mit afrikanischer Langsamkeit. Obwohl wir fast die einzigen Gäste im Restaurant sind und ansagen, dass wir es eilig haben, dauert es ewig. Unser Guide und zwei weitere Deutsche, die mitfahren, müssen fast eine halbe Stunde warten, bis wir mit dem Toast im Mund ins Auto hetzen. Es ist wirklich schwer nachzuvollziehen für Europäer, wie lange man allein auf einen Kaffee warten muss.

Egal, alle sehen es gelassen – this is Africa – und los geht es. Zweiter Anlauf zum Sani Pass. Der Regen hat aufgehört, es sind kühle 16 Grad. Die Straße ist nicht ganz so übel wie am Tag zuvor, aber immer noch eine echte Herausforderung, selbst für diesen starken Jeep und seinen erfahrenen Fahrer. Übrigens der einzige Führer der Gegend, der aus Lesotho kommt. Es ist der Traum aller Leute dort, einen Job in Südafrika zu bekommen, denn Lesotho ist noch viel ärmer.

Wir werden trotz gehobenen Schritttempos von einer Seite auf die andere geschüttelt, aber der Ausblick links und rechts ist einfach großartig. Die Straße zum Pass führt, wie schon erwähnt, in einem endlos ansteigenden Tal hoch, in dem sich ein Fluss tief in die Bergzüge beiderseits eingeschnitten hat. Es ist Sommer und somit Regenzeit. Alles ist grün und die Wiesen sind voller Blumen, von allen Seiten stürzen kleine Wasserfälle ins Tal. Im Winter bleibt davon nur einer übrig, die Landschaft ist braun und sieht aus wie aus wie tot und verbrannt. Wir haben die beste Zeit erwischt, auch wenn es ziemlich feucht ist und die Wolken sehr tief hängen, so dass wir weiter oben, in diese eingehüllt, leider nicht die weite Sicht ins Tal haben.

Jenseits der 2000er Grenze sind nur noch wenige Bäume zu sehen, dafür aber sehr schöne: Der Sugar Bush, ein relativ kleiner Baum mit ledrigen grünen Blättern und herrlichen roten oder orangen Blüten, die an fleischfressende Pflanzen erinnern. Der ist heute mein absoluter Favorit! Toll! Und Bergantilopen dürfen wir aus der Ferne bewundern. Paviane gibt es auch, aber anders als am Capepoint bei Kapstadt, flitzen die schnell in die Botanik, wenn sie Menschen sehen.

Schließlich wird die Landschaft noch karger, überall Gesteinsbrocken, die Serpentinen werden eng und sehr steil. Der Jeep kämpft und rutscht. Noch zwölf Kurven trennen uns vom Gipfel in 2885 Metern Höhe. Mitten in dieser einsamen Wildniss kommt uns plötzlich ein Mann entgegen, dessen Alter unschätzbar ist, er sieht so verwittert aus wie die Landschaft. Er schleppt dicke Holzäste auf dem Rücken nach oben. Sicher gute Handelsware, denn oben in den Dörfern gibt es kein Holz. Unser Führer erzählt, dass der Mann das seit Jahren jeden Tag macht.

Und dann sind wir auch schon oben. Eingehüllt in Wolken und kühle Feuchtigkeit stehen wir an der Grenze zum Königreich Lesotho. Schon zehn Kilometer zuvor haben wir die südafrikanische Grenzkontrolle am Eingang zum Niemandsland passiert. Ordentlich Stempel im Pass, am Ende werden es vier für zwei Stunden Lesotho sein. Auf der Ebene direkt hinter der Grenze sieht man im unwirklichen Nebel nur ein paar dunkle, runde Hütten und einen Blechkiosk im Nebel. Außerdem ein paar Kinder mit dicken Mützen, die in eine Art Decken gehüllt herumlaufen, genau wie die wenigen Erwachsenen. Ein Mann sitzt, total eingemummelt, im Nebel neben einer seltsam kleinen gemauerten Hütte. (Dass hier die Gemeinschaftsklos so aussehen, begreife ich erst etwas später.) Ich frage ihn, ob ich ein Foto machen darf. Er will es sehen und sagt: “OK, ich sehe gut aus.“

Unsere Pässe sind gecheckt, es geht weiter in das Dorf hinter der Grenze. Vorher fahren wir durch weite grüngraue Steppe auf dem Hochplateau, plötzlich bricht die Sonne durch. Strahlend blauer Himmel über einem XXL-Panorama. Ein wunderschöner Anblick. Die Drachenberge am Horizont, davor die Weite mit ein paar hundert Kühen und Ziegen, die so viel Platz haben, wie in Europa eine ganze Stadt. Ein paar Hirten galoppieren auf ihren Pferden dazwischen und erinnern mich ein bisschen an Dshingis Khan.

Das Dorf besteht aus einigen Rundhäusern. 42 Menschen leben hier. Wir halten an einem etwas abseits gelegenen Haus, das auf fremden Besuch vorbereitet ist, obwohl es das ganz normale Zuhause einer siebenköpfigen Familie ist. Die Kinder sind nicht da, es ist Sonntag, sie sind in der Kirche. Neben dem Haus dient ein altes PickUp-Führerhaus als Küken-Aufzuchtstation, es weht schließlich ein kräftiger Wind und nachts ist es empfindlich kalt.

Die Hausherrin Alina begrüßt uns, ihr Mann und der älteste Sohn sitzen draußen und flechten hübsche und stabile Körbe aus Gras zum Verkaufen. Wir werden ins Haus gebeten. Es ist kreisrund, schlicht, sauber, einziges Möbel außer den Bänken an der Wand ist eine Art Mini-Küchenschrank. Sofort steigt uns ein seltsamer, ziemlich stechender Geruch in die Nase. Wir vermuten, dass das von der offenen Feuerstelle kommt.

Unser Führer erzählt ein bisschen über das Land und das Leben, so lernen wir, dass das Land Lesotho, die Sprache Isutu und die Menschen Basotho heißen. Das Leben ist sehr traditionell und einfach, um etwas zu kaufen, muss man 50 km ins Tal fahren. Gegessen wird ein Brot aus Weizenmehl, das wir kosten dürfen. Es wird in einem eisernen Topf im Feuer in der Mitte des Hauses gebacken. Außerdem isst man viel Fleisch, manchmal ein bisschen Reis und wilden Spinat, den mir unser Führer schon auf dem Weg gezeigt hat.

Und nun erfahren wir auch, was es mit dem Geruch auf sich hat. Ein solches Rundhaus zu bauen, dauert zwischen drei Monaten und einem Jahr, je nachdem, wie lange man braucht, um das Baumaterial zusammenzutragen. Die Holzbalken in der Wand sind das Einzige, was gekauft werden muss, denn das gibt es hier oben nicht. Das Dach besteht aus dem Steppengras und die Wände aus einem Gemisch aus Lehm und Kuhdung….Und mit Kuhdung wird auch Feuer gemacht. Alles klar. Den Geruch haben wir bis zum Schlafengehen in der Nase.

Zum Abschluss gibt es einen Lunch in der höchsten Kneipe Afrikas. Außen sehr schlicht, innen sieht sie aus wie eine Mischung aus England und Schwarzwald, mit ansehnlichem Weinsortiment. Die südafrikanischen Weine sind übrigens wirklich sehr gut! Das Essen ist erstaunlich billig und lecker, wir haben uns Lamm-Stew ausgesucht.

Danach schuckeln wir wieder über die Straße ins Tal, die es erst seit einigen Jahrzehnten ermöglicht, in zweieinhalb Stunden zum Pass zu fahren. Vorher waren es 14 Stunden. Die Sonne beglückt uns zum Abschied mit einer herrlich beleuchteten Ebene und leuchtenden Bergkämmen, die mit ihren kahlen und schroffen Basalt- und Sandsteinschichten ohnehin beeindruckend aussehen. Es war ein unvergessliches Erlebnis, dass jedem, der in die Nähe der Drakensberge kommt, dringend zu empfehlen ist. Mit Vierradantrieb…!

Den Rest des Nachmittags verbringen wir im Auto auf der Fahrt nach Norden, Richtung Kamberg. Es gibt so viel zu sehen in den Drakensbergen, dass man ohnehin vieles auslassen muss und so wollen wir ein ordentliches Stück bis zum Champagne-Valley schaffen. Allerdings wussten wir nicht, dass fast der ganze Weg aus unbefestigten Straßen besteht. So hat die Fahrt dann doch einiges länger gedauert als geplant. Aber die großartigen Panoramen der Drakensberge haben uns die Zeit nicht lang werden lassen, man kommt aus dem Staunen nicht heraus.

Allerdings hatten wir nicht damit gerechnet, in eine relativ einsame Gegend zu kommen. Hier gibt’s ein paar Naturparks, aber die schließen abends. Und so fahren wir bei Sonnenuntergang durch die Stadt Kamberg, die sich als langgzogenes einfaches Dorf ohne alles entpuppt, und können nirgends ein Hotel oder eine andere Bleibe entdecken. Auch unsere schlauen Smartphones finden in der Nähe nichts. Also fahren wir noch einmal Parade durch den Ort, beäugt von immer denselben, die an der Straße stehen oder hocken und uns anstarren. Autos kommen nur gelegentlich hier vorbei und fallen auf. Am Dorfende steigt gerade ein Mann aus einem Auto.

„Können Sie uns vielleicht helfen, einen Platz zum Schlafen zu finden?“ „Ja, kein Problem, ich bringe sie hin, wenn sie keine Probleme mit meinem Gewehr haben. Nur ein Schreckschuss-Gewehr.“ Aha. Was für ein Glück, abends auf der Landstraße. Er steigt ein und lotst uns, während er mit seiner Schwester telefoniert, um etwas zu organisieren, wie er sagt. Anschließend redet er noch wortreich noch mit dem Hotelmanager und sonst wem. Ein umtriebiger Typ offensichtlich. Er heißt Richard und soll heute Abend unser Retter werden.

Bei vielen Unterkünften hier in im Schutzgebiet muss man vorher reservieren, und nach sieben Uhr abends ist hier auf dem Land sowieso alles zu Ende. Er lotst uns aus dem Ort heraus – hier hätten wir nie gesucht. Die Lodge sieht gut, aber teuer aus, die Rezeption ist geschlossen. Eine nette Lady, die Richard aus einem Häuschen holt,  zeigt uns ein edles Bungalow für zwei Leute. Ein bisschen teurer als bisher, dafür haben wir vorher in den Backpackerzimmern gespart. Alles in Ordnung also, zumal wir sie überreden können, noch eine zusätzliche Matraze auf den Boden legen zu dürfen.

Das nächste Problem ist Essen. Hier ist Selbstversorger, das nächste Restaurant und der nächste Supermarkt sind 50 km entfernt. Aber unser neuer Freund klärt auch das mit ein paar Anrufen und der geschlossene Souvenir-Shop mit ein paar Lebensmitteln öffnet sich uns. Wir ergattern die letzte Packung Pasta, Corned Beef, Tomatensoße und Schokoriegel. Wieder gut hingekriegt!

7. Weiter geht´s

4:30 Uhr klingelt der Wecker. Und das nach nur zweieinhalb Stunden Schlaf. Nach unserem Abschiedsabendessen gestern haben wir noch mit unseren Mitbewohnern im Hof gesessen und geschwatzt. Aber es hilft nichts, halb fünf müssen wir los zum Flughafen, jetzt beginnt unsere kleine Rundreise outside of Capetown.

Wir fliegen zwei Stunden Richtung Nordosten nach Durban, dem Ausgangspunkt unserer Tour, die Berge, Meer und mehrere Nationalparks einschließt. Beim Kaffee auf dem Flughafen mit Blick auf die Tafelberge, die in frühmorgendliches Orange getaucht sind, werde ich tatsächlich ein bisschen wehmütig. Es war schön in dieser Stadt, die auf den zweiten und dritten Blick immer interessanter wird. Gern hätten wir noch mehr davon genossen und erschlossen. Vielleicht bekommen wir ja noch eine zweite Chance…

Nach zwei Stunden Flug landen wir in Durban in der Provinz Kwazulu Natal. 23 Grad, schwül, grau, Dauerregen. Wir mieten ein Auto, so ganz ohne Macken und Alterschwäche, denn wir wollen in die Berge und ans Meer und die Straßen sollen zum Teil eine echte Herausforderung sein. Wie glauben, dass wir ein Auto mit Vierradantrieb gemietet haben, einen SUV, was sich später als böser Irrtum entpuppen soll.

Wir reisen zu dritt und wollen gleich weiterfahren Richtung Drakensberge, dem zweithöchsten Gebirge Südafrikas. Erstes Ziel ist der südliche Teil mit dem Sani-Pass zwischen Südafrika und dem Königreich Lesotho.

Zunächst bin ich etwas verwirrt von der Landschaft rund um Durban, es sieht ein bisschen aus wie im Bergischen Land: grün, hügelig, wenig exotisch. Das erste wirklich „Andere“ sind die kleinen Rundhäuser der Zulus, die plötzlich in kleinen Grüppchen zusammenstehen oder sich einzeln im hinteren Teil von offensichtlich „weißen“ Grundstücken befinden – offensichtlich wohnt da das Personal.

In Kapstadt waren die meisten Afrikaner Xhosa, hier leben die Zulu. Deren Sprache, das Zulu, klingt ähnlich wie Xhosa, diese Klacksprache mit den eigenartigen Klack-, Schnalz- und Zischlauten.

Nach rund drei Stunden sind wir in Himeville, einer kleinen Stadt am Fuße des Sani-Passes, ein verschlafenes Nest in rund 1600m Höhe. Es ist erst drei Uhr am Nachmittag und der Pass ist nur etwa 30 Kilometer entfernt. Was sollen wir mit dem angebrochenen Tag – da fahren wir doch gleich noch hoch! Mit Gepäck im Auto, eine Unterkunft können wir auch später suchen.

Der Pass liegt in 2885 Meter Höhe. Die Straße ist, wie so viele hier, nicht asphaltiert. Los geht es, immer noch im Regen. Der Boden besteht aus Lehm und Steinen. Die Straße führt durch ein wunderschönes Tal, dass von steil ansteigenden grünen Bergen begrenzt wird, die majestätische, steinerne Kronen tragen. Es geht steil bergauf. Nach einigen Kilometern wird die Straßensituation dramatischer: Pfützen, Schlamm, Felsbrocken. Aber wir sind guten Mutes: Ein erfahrener Fahrer und ein super Auto!

Es wird steiler und der Schlamm tiefer, von oben kommen uns zwei, drei Wagen entgegen, die heftig rutschen und schlenkern. Und dann ist es so weit: eine Kurve, die linke Seite höher und steinig, die rechte Seite Pfütze und Schlamm. Miki steuert nach links auf festen Untergrund – aber das Auto rutscht rechts ab, mitten in den Schlamm.

Kein Problem, da kommen wir wieder raus! Aber mit jedem Versuch versinken die Räder tiefer im Schlamm. Wir wollen schieben und versuchen auszusteigen, in Gummilatschen, denn für andere Schuhe wäre das das Todesurteil. Es gelingt mir erst nach einigen Versuchen überhaupt aus dem Auto zu kommen, ohne hinzufallen. Der Versuch mit dem Schieben entpuppt sich als lächerliches Aufwirbeln von Schlammfontänen, die Räder bohren sich immer tiefer.

Von der Hügelkuppe vor uns kommt ein Mann zu Fuß und schaut besorgt: Fahrer und Scout für zwei Geländewagen, die von oben von der Pass-Tour zurückkommen. Die Autos stehen hinter der Kurve und können bei den Bedingungen nicht weiterfahren, weil wir gefährlich im Weg stehen und sie selbst auch nicht wirklich kontrolliert lenken können. Die finnische Großfamilie an Bord ist inzwischen ausgestiegen. Die nun am Straßenrand versammelten Männer kommentieren und geben schlaue Tipps, von denen keiner funktioniert. Sicher ist inzwischen nur: unser Auto hat keinen Vierradantrieb!

Die beiden schwarzen, erfahrenen Fahrer versuchen schließlich, uns mit einem Seil herauszuziehen, das zweimal reißt. Vorbeifahren können sie aber nicht, ihre Autos schliddern bergab gefährlich auf unser Auto zu. Wir richten uns inzwischen langsam auf eine Nacht im Auto ein. Aber Miki gibt nicht auf und versucht unermüdlich mit verschiedenen Anfahrmanövern die Karre im wahrsten Sinne des Wortes aus dem Dreck zu ziehen. Er muss dabei aufpassen, nicht auch noch in den beachtlichen Graben neben der Straße zu rutschen. Aber – er schafft es! Victoria!

Wir und das Auto sehen aus wie schlammgeboren, aber wir sind frei! Eine Ecke tiefer fließt ein kleiner Fluss über die Straße, wie halten mittendrin und waschen uns und das Auto mit Händen und Blättern notdürftig ab.

Fröhlich fahren wir nun ins Tal und finden sogar auf Anhieb eine preiswerte Unterkunft für Backpacker in einem sonst recht teuren Hotel. Es stammt tatsächlich aus der Gründungszeit des Ortes 1904 : das Himeville Arms. In einem sehr schlichten Extra-Gebäude gibt es ein paar einfache Zimmer für wenig Geld.

Wir gönnen uns ein oppulentes Abendessen mit großen Bieren nach unserem Abenteuer, hängen noch vor dem offenen Kamin in der Lobby ab – schließlich sind draußen nur 12 Grad. Dann fallen wir müde ins Bett und freuen uns über diesen Luxus – statt einem Autositz! Morgen machen wir das Ganze nochmal … aber diesmal im Gelände-Jeeb mit dem Fahrer, der uns heute helfen wollte. Ist dann wohl doch schlauer…..

6. Die andere Seite

Dieser Tag wird anders. Es käme mir nicht richtig vor, bloß all die schönen Seiten von Kapstadt anzusehen und den Teil auszulassen, der für den größten Teil der Menschen hier ihr Leben bedeutet: die Townships. Zwar gibt es eine organisierte Township-Tour für Touristen, aber die geht nach Khayelitsha – dem Vorzeige-Township, dass eine gute Infrastruktur und eine gut vorbereitete „Sightseeing-Route“ hat. Und noch dazu möchte ich auf keinen Fall mit einer Gruppe dort auflaufen.

Aber Nathalie ist fit und sie macht ihren Volunteerjob etwas anders als die meisten ihrer Landsleute: sie redet viel mit ihren einheimischen Kollegen und Fahrern, auch über das Notwendigste hinaus, knüpft Kontakte , interessiert sich für die Leute und ist daher extrem beliebt. Und nur diesem Umstand haben wir es zu verdanken, dass sich zwei Mmenschen bereit erklären, uns drei mitzunehmen und zu führen, in eine der ärmesten Townships, in Philippi. Dort ist auch das Educare, wo Nathalie arbeitet, eine Art Mischung aus Kindertagesstätte und Schule.

Da der Fahrer, der uns eigentlich fahren wollte, nun doch nicht nicht in der Stadt ist, wollen wir mit Nathalis Co-Lehrerin Ncediswa im eigenen Auto fahren. Treffpunkt ist eine Bahnstation. Doch es kommt alles ganz anders, denn auf dem Weg dorthin gibt unser Auto nun endgültig den Geist auf – und das auf der Autobahn. Wir können es nur noch auf den Seitenstreifen schieben und uns vor dem vorbeirasenden Verkehr in Sicherheit bringen. Zum Glück passiert es gerade in keiner harten Nachbarschaft.

Was dann passiert, istAfrika pur: erst großes Chaos, dann geht irgendwie alles. Wir rufen die wartenden beiden Frauen an, die nehmen sich ein privates Uber-Taxi zu uns. Der smarte Taxifahrer versucht sich auch noch mal an unserer Schrottkiste – umsonst. Indess wird am anderen Ende der Stadt der Typ angerufen, der das Auto vermietet hat. Der organisiert einen Abschleppdienst, der auch tatsächlich nach einer halben Stunde auftaucht: Typ alter Hippie in einer verwirrend löchrigen Turnhose.

Inzwischen hat Ncediswa ihre Schwester alarmiert- schließlich haben wir kein Auto mehr. Die hat zufällig frei und lässt sich von ihrem Freund zu uns fahren und sammelt uns am Highway auf. Gemeinsam fahren wir nun den Freund ans andere Ende der Stadt zu seinem Dienst im Polizeirevier in einem anderen Township. Schließlich geht’s weiter, vorbei an ein paar anderen Townships, nach Philippi. Tag gerettet. Jetzt haben wir nicht nur eine in dem Township aufgewachsene Lehrerin als Führerin und Lebensversicherung, sondern auch noch ihre Schwester, die Polizistin ist. Alles ist möglich. Alles wird gut.

Schon der Weg nach Philippi hat uns über eine halbe Stunde lang nur an anderen Townships entlang geführt – das Elend neben der Straße legt sich wie eine giftige Wolke über die Welt. Philippi selbst besteht aus endlosen Straßenzügen mit vielen winzigen, überwiegend herunterkommenen Hütten und Häuschen. Das sind die besseren Behausungen. Die Bewohner konnten sie irgendwann mit den Mitteln aus verschiedenen Regierungsprogrammen bauen, sofern sie sich vorher die Parzelle leisten konnten. Aber viele haben solchen Luxus gar nicht, sondern zahlen dafür, dass sie auf ein paar Quadratmetern vor oder neben einem solchen Minihaus eine Blech-, Bretter- oder Lumpenhütte bewohnen dürfen. Die meisten Shacks, so heißen diese Hütten, sind so winzig, dass man sich gar nicht vorstellen kann, dass darin mehr als ein Mensch Platz findet. Manchmal sind es aber ganze Familien. Fast alles ist verrottet und kaputt und schmutzig, bis auf einige Straßenzüge, wo gerade die neuesten Häuschen vom letzten Förderprogramm gebaut wurden. Philippi ist riesig, keiner weiß, wie viele Menschen hier leben. Die meisten sind arbeitslos.

Das Educare, wo Nathalie arbeitet, unser erstes Ziel, ist in zwei aneinandergrenzenden Hütten untergebracht: ein kleiner muffiger Raum für die Babys und Kleinkinder, eine winzige, improvisierte Küche und ein ca 18 Quadratmeter großer, mit Blech gedeckter Raum für 30 Kinder: Klasse, Spiel- und Schlafzimmer. Der ausgehängte Speiseplan ist gruselig. Die „Outdoor Activities“ müssen sich auf einem handtuchgroßen Stück Erde am Eingang und einem 60 Zentimeter breiten und ca 8 Meter langen schmuddeligen Gang abspielen. Da kann man weder Ball noch Hopse spielen, da geht eigentlich nichts. Unterrichtsmaterial gibt es kaum.

Die Kinder sprechen kein Englisch nur Xhosa, eine lustige Sprache mit Klack- und Zischlauten, die sehr schwer zu sprechen ist. Keine leichte Aufgabe für die Freiwilligen aus Deutschland. Da ist Erfindungsgeist und nonverbale Kommunikation gefragt. Aber die Kinder lieben Nathalie, genau wie umgekehrt. Das ist nicht zu übersehen: aufgeregt stürzen immer wieder auf der Straße Zwerge auf sie zu und wollen sie gar nicht mehr aus ihren Umarmungen entlassen. Selten erhalten diese Kinder soviel Aufmerksamkeit und Liebe. Trotz der unfassbar ärmlichen Bedingungen in dieser Einrichtung werden diese Kinder hier beneidet: am Eingang draußen drängeln sich oft viele Kinder und blicken sehnsüchtig über den Zaun, sie wären so gern dabei.

Es gibt etliche solcher kleiner Zentren im Township. Viele sind gratis, der Staat gibt Zuschüsse. Aber für dieses Educare muss sogar bezahlt werden – aus einem absurden Grund: Es würde nur gefördert, wenn die Betreiber ein festes Haus hätten. Das Geld dafür wurde vor Jahren bewilligt und ist seitdem in der Administration verschwunden. 7-800 Euro würden für ein einfaches Haus reichen. Die hat aber keiner.

­Nathalie wird morgens normalerweise von einem Minibus direkt vor dem Center abgesetzt und darf offiziell das Grundstück aus Sicherheitsgründen nicht alleine verlassen ohne Security – so steht es in ihrem Vertrag. Viel zu gefährlich.

Dieses Township hat schwarze Bewohner. Dazu muss man erklären, dass die südafrikanische Bevölkerung in weiss, schwarz und farbig eingeteilt wird – white, black and colored. Die ärmsten sind meist die Schwarzen, aber die meisten Probleme mit Kriminalität, Gangs und Gewalt gibt es bei den colored people. Da laufen die Drogengeschäfte. Zum Glück gibt es aber nicht so viele Schusswaffen wie anderswo auf der Welt – die sind zu teuer. Aber Messer haben hier alle.

Philippi ist zwar eins der elendesten Townships, aber nicht unbedingt das gefährlichste. Trotzdem kann man sich als Weißer dort auf keinen Fall allein hinein wagen – und sei´s nur, weil man ausgeraubt würde. Oder auch schlimmeres. Wie unsere Begleiterinnen meinen, dürften wir wohl zu den ersten weißen Besuchern dort überhaupt gehören.

Aber in Begleitung unserer hier bekannten und offensichtlich respektierten Frauen erleben wir nur Neugier, Offenheit und Freundlichkeit. Vor allem die Kinder und Jugendlichen kichern, beobachten uns und winken. Aber auch der eine oder andere Erwachsene kommt und will uns die Hand geben. Durch Ncediswa und Nathalie kommen wir sogar in zwei der winzigen Häuser, wo Kinder aus dem Zentrum wohnen. Beide Male passt die Großmutter auf Enkelkinder unterschiedlichen Alters von ihren verschiedenen Kindern auf. Und das alles in winzigen Stuben, die aber sehr liebevoll, wenn auch ärmlich eingerichtet sind. In einem der Häuschen treffen wir vier Kinder, zwei Teenies und die Großmutter an, in einem Raum, den andere als Abstellkammer nutzen würden. Der kleine Couchtisch steht hochkant auf einem Sessel, damit sie alle in den Raum passen.

Aber alle lachen und sind freundlich, wenn auch natürlich etwas schüchtern uns gegenüber. Wir gehen noch eine Weile weiter durchs Viertel, bis unsere Begleiterinnen meinen, dass wir ein Stück weiterfahren sollten, da nun viele gesehen hätten, dass wir hier sind und ein Handy besitzen (wegen der Fotos, Geld haben wir kaum bei uns). Vielleicht könnten ja doch Einige auf dumme Gedanken kommen, meinen unsere Begleiterinnen. Wir fahren ein paar Straßenzüge weiter und trinken eine Cola in einer „Taverne“, einem als Kneipe dienenden Container mit vergitterter Verkaufstheke. Wirt und Gäste sind ganz erfreut über den ungewohnten Besuch.

Eigentlich lassen sich die Eindrücke gar nicht aufschreiben: Es ist einfach eine andere Welt, die sich niemand in Europa auch nur annähernd vorstellen kann. Dass Menschen ihr Leben unter solchen Bedingungen verbringen und es überhaupt ertragen, ist unfassbar. Ich glaube, ich möchte nie wieder das Wort „Wirtschaftsflüchtling“ hören.

Die Privilegiertesten aus den Townships haben einen Job. Im anderen Kapstadt, dem weißen. Einige wenige von ihnen bringen es da sogar zu einem gewissen Reichtum. Davon zeugen die umzäunten, ansehnlichen Häuser, die wie Raumschiffe plötzlich mitten in diesen Vierteln stehen. Die gehören denen, die es geschafft haben. Vielleicht nicht so, dass sie hier wegziehen, andere wollen auch nicht weg aus ihrer Welt, aber diese beneideten Glückspilze haben ein richtiges Haus, ein Auto und man fragt sich, wie das eigentlich geht. Nur ganz wenige schaffen den Sprung ganz heraus aus den Townships.

Es gibt hier so vieles, was wir nicht verstehen und was auch dieser eine Ausflug und unsere Gespräche mit den beiden großartigen Frauen nicht klären können. Aber ich bin wirklich dankbar, dass ich hier sein konnte.

Zum Abschluss haben wir die Frauen zum Essen eingeladen. Wir fahren zum Busbahnhof zwischen zwei Townships – eine Lebensader, denn schließlich müssen die Menschen mit Job in den anderen Teil der Stadt kommen. Direkt daneben liegt die „Restaurantmeile“: Eine Reihe schwarzer, schmutziger, ziemlich furchtbar aussehender Stände aus Sperrmüll, vor denen aus alten Steinen, Metallteilen und rostigen Gittern gebaute Braais – Grills – stehen und vor sich hinqualmen. Vor einem Stand wird gerade ein Schaf geschlachtet. Die Luft hat einen strengen Geruch. Der Anblick ist …. deprimierend. Wie werden misstrauisch von tausend Augen beobachtet.

Die beiden Frauen gehen an einigen Ständen vorbei, an denen Hühner, Würste und Fleischstücken liegen und führen uns zu einem Stand, wo auf einer alten, wenig appetitlichen Holzplatte einen Berg Fleischteile liegt. Lammfleisch, frisch geschlachtet. Eine junge Frau soll mit einer Plastiktüte an einem Zweig die Fliegen verjagen, stattdessen starrt sie auf ihr Handy und die Fliegen surren fröhlich. Neben dem Stapel liegt ein grünschimmernder angetrockneter Haufen Eingeweide – auch zur Wahl. Das erste, was wir einwerfen ist: „Keine Innereien, bitte!“ .

Es wird kurz verhandelt, dann dürfen wir sagen, wie viele Stücke wir wollen. Eigentlich keine…. Aber aus der Nummer kommen wir nicht mehr `raus, und eigentlich wollen wir es ja auch nicht. Während unser Fleisch gegrillt wird, werden wir hinter den Stand gebeten, dahin, wo morgens immer das Lamm geschlachtet wird. Schmutz, Sperrmüll und ein wackeliger Tisch mit zwei schmierigen Plastikstühlen. Flugs werden noch drei weitere Stühle besorgt, der Tisch abgewischt und schon wird auf einem Stück Papier serviert.

Ich kämpfe noch mal kurz mit aufkommender Panik, leichtem Ekel und bösen Gedanken an Fleischvergiftungen, aber schon ist das Fleisch geschnitten. Wir bekommen einen alten Plastikeimer mit Spülwasser für die Hände hingestellt, denn Besteck gibt es nicht. Unsere Begleiterinnen greifen hungrig zu und so tun wir es ihnen gleich – und es schmeckt tatsächlich! Es gibt nichts dazu, nicht mal Brot. Den Rest bekommt ein Bettler.

Die dicke Standbesitzerin erkundigt sich, ob es schmeckt und ich muss nicht mal lügen. Ich sage ihr, dass sie jetzt damit werben kann, dass sie ein internationales Restaurant betreibt. Das findet sie super!

Irgendwie ist das alles real und unwirklich zugleich. Eine Reise zum Mars könnte nicht weiter von unserer Lebenswelt entfernt sein. Auf dem Rückweg fahren wir am Ende der Townships an weitläufigen, grünen Farmen vorbei. Hier dürfen Schwarze arbeiten. Manchmal kommen sie auch, um etwas zu essen zu stehlen, wenn der Hunger groß genug ist.  Der weiße Besitzer hat sich tatsächlich mittendrin eine riesige millionenschwere Farmvilla gebaut, nur einen Steinwurf von den Shacks seiner Arbeiter entfernt. Viel anders sah es in Zeiten der Sklaverei auch nicht aus.

Die beiden Frauen fahren uns bis nach Hause und wir reden noch viel unterwegs. Der Tag im Township hat das Puzzle komplettiert, das so langsam ein Bild von Kapstadt ergibt, der Stadt mit den vielen Brüchen: faszinierend, schön, irritierend, erschreckend und aufregend. Die Apartheid ist vorbei, die Apartheid wird noch lange weiterleben.

5. Lazy Day in Kirstenbosch

Was für eine Nacht! In meinen Schlaf sickerte lange und beharrlich ein fieser Piepton. Genervt erwacht, vermute ich die Quelle auf der Straße, bis ich am Rande des Wahnsinns dann feststelle, dass der Ton aus dem Haus kommt! Die verdammte Alarmanlage hat Tinitus!! Aber die anwesenden Herren im Haus schlafen dennoch, was mir unvorstellbar ist. Schließlich wecke ich, am Rande des Nervenzusammenbruchs, Mitbewohner Jon, der taumelt zur Anlage und gibt den Zauber-Code ein, damit das verdammte Ding endlich ruhig ist. Trotzdem ist für mich die nächsten Stunden nicht mehr an Schlaf zu denken.

Totmüde unter die Dusche und wie ferngesteuert in unser Frühstückscafé um die Ecke. Doppelte Kaffeedröhnung, pochierte Eier mit Avocado und geschmorten Tomaten – nun geht’s wieder.

Heute steht Enstpannung pur auf dem Programm: Picknick im Botanischen Garten.

Der Botanische Garten von Kapstadt heißt Kirstenbosch und existiert schon seit 1913. Er gehört zum Unesco Weltkulturerbe – zurecht! Auf 600 Hektar Land, dessen tiefster Punkt 100m und dessen höchster Punkt über 1000m hoch ist, wandelt man durch die unterschiedlichsten Landschaften, die alle den verschiedenen einheimischen afrikanischen Pflanzenfamilien gewidmet sind. Verbunden sind die einzelnen Gartenanlagen durch saftig grüne Wiesen mit alten Bäumen, die zum Ausruhen oder Picknicken einladen. Und als Hintergrundkulisse für soviel schöne und üppige Landschaft: die allgegenwärtigen Tafelberge einerseits, andererseits schaut man ins Tal auf Kapstadt und das Meer. Ich kann mich wirklich nicht erinnern, je einen so schönen botanischen Garten gesehen zu haben.

Wir suchen uns für unser Picknick eine etwas einsame Bergwiese mit Blick auf Berge und Stadt und schlagen uns nach Herzenslust die Bäuche voll. Nathalie hat wohl mit einer Hungersnot gerechnet beim Einkauf… Danach ein Schläfchen im Schatten und die Welt ist wieder schön.

Wir spazieren noch eine Runde weiter, diesmal über den Canopy Walkway, den Baumkronenweg, eine der Attraktionen von Kirstenbosch. Nach einem dicht bewaldeten Pfad bildet ein wunderschöner tropischer Baum mit gigantischen Blüten den Eingang zu einer schwingenden, mehrere hundert Meter langen, schmalen Brücke, die sich in großen Bögen über und durch die Baumwipfel windet. Sie endet an einem Hang, der mit großen Kakteenbäumen und kleinen buschigen Wüstenpflanzen bewachsen ist. Längst haben wir nicht alles gesehen, was Kirstenbosch zu bieten hat, aber genug, um zufrieden und mit schönen Erinnerungen zu gehen.

Der Abend ist schließlich einem weiteren kulinarischen Ereignis gewidmet: Einmal wöchentlich gibt es auf einem Weingut in den Bergen über Nordhoek am Meer einen großen Foodmarket mit Wein. Das Cape Point Vineyard, ein Weingut,  hat dafür eine große Halle für die verschiedenen Essensanbieter von Grillfleisch über Sushi, Pasta, Burger bis zu Mandelcrepes gebaut. Mit seiner Beute sucht man sich einen Platz auf der weitläufigen Terrasse oder einem Tisch auf der Wiese am Weinberg, schlürft seinen Wein (es darf auch ein Bier sein für Kostverächter) und blickt der Sonne dabei zu, wie sie im Meer versinkt. Ein Ereignis, das man allerdings mit Vielen teilen muss – es ist offensichtlich bei Einheimischen genauso beliebt wie bei Touristen. Allerdings – schwarze Menschen nehmen hier nur als Bedienstete teil.

4. Die Mühen des Aufstiegs

Endlich sind die toten Feiertage nach Neujahr vorbei und unser Viertel erwacht auch in gastronomischer Hinsicht … Die Bäckerei, besser das Café New Brighton Bakery um die Ecke hat geöffnet! Nicht mehr länger ein Frühstück suchen! Netter Laden mit großem Angebot. Und – alles total Halal, also schweinfrei und somit für Muslims koscher (doofer Witz, ich weiß…) In der Küche schwarz und weiß nebeneinander und auch das Publikum gemischt, wenn auch colored /muslimisch dominiert. Wirklich nett und alles sehr gut! Der Tag fängt gut an.

Ich mache noch einen kleinen Spaziergang zu Woodstock Exchange, der Hip-Kunst-Mall, weil es dort WLAN gibt, und ich mein Blog auffrischen möchte. WiFi ist hier eher selten zu finden. Ich bin ein kleines bisschen verunsichert, so allein mit Computer unter dem Arm, denn mein Weg führt durch eine etwas schäbige Nebenstraße, aber alles gut, nix passiert.

Eigentlich waren heute mehrere Programmpunkte geplant …aber alles kommt anders. Zuerst wollen wir auf den Tafelberg – ein must für Kapstadtbesucher. Schließlich gehört er zu den offiziellen 7 Naturweltwundern. Auch als gelegentlicher smartphone-Muffel muss ich spätestens jetzt zugeben: Gott sei Dank gibt es gps! Die Straßenführung in Kapstadt und die Orientierung fordert den Ortsunkundigen wirklich!

Mit unserem lieben Klapperkasten machen wir uns also auf Richtung Tafelberg, 1085m über NN. Aber schon bald stecken wir fest. Und das ist auf den engen, serpentinenartigen Straßen mit diesem Auto wirklich eine Herausforderung und ein Kraftakt, da die Handbremse nur noch funktioniert, wenn sie mit Gewalt gezogen wird und die Kupplung ein Witz ist. Bald stinkt es beunruhigend nach Kupplung und Gummi. Aber irgendwie schaffen wir es, fast jedenfalls, denn die letzte Zufahrtsstraße zur Basisstation der Seilbahn ist wegen Überfüllung gesperrt. Also irgendwo Auto an den Hang quetschen und zum Shuttle. Riesenschlange. Wir schnappen uns aber schlau ein Taxi, das von oben zurückkommt, und glauben nun schnell ans Ziel zu kommen. Allerdings ist das Bild, das sich uns an der Station bietet, furchteinflößend. Mehrere hundert Meter Schlangen – mit und ohne Ticket. Und sengende Sonne.

Am stürmischen Tag zuvor ist die Seilbahn nicht gefahren, alle Besucher sind heute wiedergekommen, außerdem ist Ferienzeit. Angeblich dauere die Wartezeit anderthalb Stunden, versichert ein Security-Mann. Angesichts unserer ablaufenden Zeit in Kapstadt und des phänomenalen Wetters und Weitblicks beschließen wir zu bleiben. Schicksalsergeben anstehend verlieren wir jedes Zeitgefühl…es dauert Stunden! Aber irgendwann ist der Zeitpunkt zum Aufgeben überschritten. Zur fortgeschrittenen Nachmittagsstunde dürfen wir dann endlich in die Gondel, die beeindruckend steil und schnell auf die Bergkuppe zurast. Was für ein Anblick! Da vergesse ich doch glatt meine Höhenangst!

Oben angekommen wird klar, dass der Tafelberg zurecht seinen Namen hat, denn man steht auf einem ausgedehnten, fast flachen Hochplateau. Seine ungewöhnliche Form hat es, weil das, was nun ganz oben auf dem Bergrücken ist, weit zurück in der Erdgeschichte, wohl eigentlich das Tal zwischen zwei mächtigen Bergmassiven war.

Die Menschenmassen verteilen sich erstaunlich gut und 200 m von der Station entfernt ist von Masse keine Rede mehr.

Von den steil abfallenden Rändern des Plateaus hat man in alle Richtungen wirklich atemberaubende Blicke: auf die Stadt, das Meer, die Berge, das Kap der guten Hoffnung. Der Anblick des Fussballstadions vom Worldcup weckt in mir sofort akustische Erinnerungen an endlose Vuvuzelas….

Aber auch das Plateau selbst ist wunderschön mit seinen zwar nicht besonders hohen, aber verrückten kleinen Felsfiguren, umwachsen von vielen, z.T. farbenfrohen Bergpflanzen und Büschen. Es hat sich wirklich gelohnt. Allerdings haben wir definitiv zuviel Sonne abbekommen in den vergangenen Stunden. Und obwohl es noch gestern  kühle, stürmische 19 Grad waren, ist das Thermometer jetzt deutlich über 30 Grad geklettert und es gibt keine Wolke am Himmel.

Ich sehe aus wie ein Muslima mit meinem Tuch, dass ich als Hidschab um Kopf und Schultern trage, aber das fällt hier ohnehin nicht auf – Muslims gibt es hier viele. Aber wenigstens habe ich etwas auf dem Kopf….

Auch der Rückweg erfordert wieder Schlange stehen, aber was sind lächerliche 45 Minuten?! Man kann übrigens auch auf den TableMountain hochwandern, aber das ist dann doch schon ziemlich anspruchsvoll und angesichts der Hitze und schattenfreier Pfade hier oben an felsigen Hängen eine schweisstreibende Vorstellung.

Der Tag ist so gut wie vorbei, als wir wieder im Tal sind. Wir stürzen uns noch kurz am Glen Beach, einem breiten Strand mit einer restaurantgespickten Promenade, ins eisige Meer, um die Hitze und den Schweiss abzuspülen. Aber eins muss an dieser Stelle gesagt werden: Das geht echt nicht mit den Wassertemperaturen! Die Füße schmerzen schon bei der geringsten Berührung mit dem Wasser. Und länger als drei Wellen ist es auch für Helden des Strandes im Wasser nicht auszuhalten.

Noch ein Bier mit Blick auf den Tafelberg und der Tag ist nun tatsächlich, trotz Warte-Horror, eine phantastische Erinnerung .

Bleibt das abendliche Ausgehen. Diesmal werden wir nach Observatory, hier einfach nur Obs genannt, entführt. Ein In – Bezirk, aber der angenehmen Art: alternativ, schräg, sophisticated. Das Ausgehviertel ist quirlig, gemütlich und sieht schon wieder ein bisschen wie New Orleans aus. Kleine Läden, Second Hand Shops, Cafés, Kneipen, Restaurants.

Nathalie führt uns ins beliebte Café Ganesh. Viele junge Leute, aber auch Menschen über 35, mehr schwarz als weiss, eher gebildet. Viele der Volunteers aus Europa, die in Hilfsprojekten arbeiten, gehen gern mal hier in Obs aus, um mal was anderes zu sehen als die trostlosen Townships oder ihre engen Wohngemeinschaften. Einige haben nicht mal ein Zimmer außerhalb ihres Arbeitsplatzes und schlafen z.B. direkt im Waisenhaus. Einzelzimmer hat übrigens keiner von all den jungen Leuten, die wir hier inzwischen gesprochen haben.

Das Ambiente im Ganesh ist dunkel, abgerissen, künstlerisch, schräg. Das Essen eine Mischung aus lokaler, indischer, türkischer und asiatischer Küche. Wieder ein sympatischer Ort, an dem dieser lange Tag zu Ende geht. Draußen frischt der Wind wieder auf, vergessen die Hitze des Tages.

3. Stormy City

Es ist nicht leicht, eine Stadt wie Kapstadt überhaupt kennenzulernen. Oder auch nur ein Gefühl dafür zu bekommen, was für eine Stadt das überhaupt ist. Eine Stadt mit so vielen Facetten, so vielen grundverschiedenen Vierteln, von denen viele eigentlich selbstständige Orte sind, dass sie sich jedem klaren Eindruck verweigert. Nach zwei Tagen hatte ich nicht die mindeste Idee davon, wie ich diese Stadt beschreiben sollte. Kein Gefühl. Viele Eindrücke, aber nicht DEN Eindruck. So war es nur logisch, dass nun endlich ein Tag innerhalb der City kommen musste.

Frühstück in der Old Bisquit Mill, eine alte Keksfabrik, in der es Kunst, Kommerz und Restaurants gibt. Wie wir festellen, ein angesagter Treff vorallem für (viele deutsche) Touristen, wo es Läden, Cafés und einmal wöchentlich einen Foodmarket gibt. Chic. Wir sind nur hier, weil immer noch alle im Weihnachtsurlaub sind und in unserem Viertel fast alles geschlossen ist. Die Old Bisquit Mill: Kann man, muss man nicht …

Nach einem leider notwendigen Ausflug ins Glitzer-Shopping-Paradies an der Waterfront, das so aussieht wie überall auf der Welt, fahren wir durch die supermoderne Innenstadt mit vielen Hochhäusern und begrünten Plätzen durch Gegenden, die ich nun eher als zusammenhängendes Großstadtgebiet erkennen kann. Unser Ziel ist das Viertel Bo-Kaap.

Ein altes Viertel, das einst als Garnison für Soldaten erbaut wurde, und dessen kleine Häuschen später von freigelassenen Sklaven bewohnt wurden. Bekannt ist heute für seine bunten alten Häuschen. Das Interessante ist, das ein Teil davon jüdisch, der andere muslimisch ist und beide Teile sich überlappen. So eine Art friedlich, fröhliche Mini-Allegorie auf den Gaza-Streifen. Und natürlich ist das Viertel bergig wie die ganze Stadt. Ein wirklich hübscher Anblick, all die kleinen bunten Straßen mit den riesigen Tafelbergen im Hintergrund.

Wir haben das Glück, dass wir gerade einen der schwarzen Karnevalsumzüge erleben. Die finden hier in einigen Vierteln zum Jahresanfang statt. Eigentlich nicht offiziell zugelassen, aber als Demonstration schwarzer Stärke trotzdem veranstaltet. Verglichen mit den großen Karnevalsumzügen der Welt sind sie nichts, aber trotzdem lebensfroh und symbolträchtig.

Wir folgen dem Zug bis zur großen St. George Cathedral, die gleich gegenüber einem der ältesten Häuser der Stadt liegt: die Iziko Slave Lodge von 1660. Hier waren einst bis zu 1000 Sklaven untergebracht, später es war u.a. Puff, Gefängnis, Irrenanstalt und mehr. Heute ist es ein Museum über die Sklaverei. Besichtigen dürfen wir es leider nicht mehr, die Schließzeiten sind hier extrem früh.

Wir spazieren noch ein bisschen weiter und stöbern auf dem kopfsteingepflasterten Green Market herum, der einheimisches Kunsthandwerk anbietet – allerdings von wesentlich besserer Qualität und interessanter als nur der übliche Touristenkitsch.

Unser Rückweg führt dann durch die Longstreet , DER Ausgehmeile für Touristen und Einheimische gleichermaßen. Eine breite Straße, deren Gebäude mit verschnörkelten Kolonaden und Balkonen mich ein wenig an New Orleans erinnern. Das ist sowieso so eine Sache: In Kapstadt findet man viele Städte wieder: ein bisschen Schottland, England, USA (Nord- und Südstaaten) Südamerika, Holland – es gibt hier alles.

Fußlahm und durchgefroren (!) machen wir uns auf dem Rückweg. Ja, tatsächlich durchgefroren, denn heute war es richtig stürmisch und da die Temperatur auf 19 Grad gesunken war, war es auch richtig kalt. Kapstadt sollte eigentlich das Wort „Wind“ im Namen tragen!

Eine heiße Dusche und schon geht das süße Leben weiter: Abendessen in unserem immer interessanter werden Viertel : im Jamaica Me Crazy in der Roodebloem Street. Lieber loneley planet, du weißt viel, aber das Lokal fehlt definitiv! Ein richtig netter Laden in einem zweistöckigen Haus, natürlich mit Raeggae Musik, netten Rastajungs als Bedienung und vorallem: phantastischem Essen zu vernünftigen Preisen. Jamaicanisch, Cajun und mehr. Ein angenehmes Abendessen zu viert, diesmal in Gesellschaft eines charmanten Studenten aus Simbabwe. Jamaikanisch essen, südafrikanischen Wein trinkend, panafrikanische Gesprächsthemen – ein passendes Ende für wieder einen guten Tag.

2. Von Pinguinen und Meer

Lange schlafen …und dann los, allerdings mit Starthemmung: Alle Cafés der Umgebung sind geschlossen. Erst nach anderthalb Stunden finden wir ein Frühstückscafé in einer kleinen Edel-Mall. Ein bisschen snobby und eindeutig weiß (das Publikum, die Angestellten natürlich schwarz), aber lecker.

Dann machen wir uns endlich auf. Die Pinguine in Boulder´s Beach stehen auf dem Programm. Zuerst fahren wir durch Muizenberg, dem netten Küstenvorort, wo Nathalie wohnt. Eine liebenswerte Kleinstadt für Mittelstandsfamilien und  Surfer.

Eigentlich dauert die Autofahrt von dort keine 45 Minuten nach Simon´s Town und Boulder´s Beach – wenn nicht immer noch Feiertag wäre und alle Kapstädter an den Strand oder zu den Pinguinen fahren wollten … Kaum losgefahren stehen wir in einem endlosen Stau. Genug Zeit, um jede Auslage der kleinen Läden im anschließenden idyllischen Kalk Bay und Fishhoek vom Auto aus zu bewundern. Das Meer glitzert knallblau neben der Straße, die sich endlos an der Küstenlinie entlang windet. Auf der anderen Seite steigt die Landschaft in die steilen Berge an. Neben der Straße die Bahnlinie, die Kapstadt mit den Außenbezirken verbindet, und ein paar kleine überfüllte Strände mit bunten Häuschen und geschützten Meeresbassins für die Nichtschwimmer.

Geduld tut Not– und es wird immer mehr klar – die müssen wir hier kultivieren, denn man braucht sie hier reichlich. Es heißt nicht umsonst: Die Europäer haben die Uhr, die Afrikaner die Zeit. Hier geht alles gemächlich.

Endlich: Simon´s Town. Ein hübscher Küstenort mit einigen ansehnlichen Grundstücken und hübschen Häusern – fast alle haben einen Meeresblick. Aber wie so vieles hier erzählt auch dieser Ort wieder eine hässliche Geschichte, die ich allerdings auch nur aus dem schlauen Reiseführer erfahren habe: Weil es hier so schön und der Ort so idyllisch ist, musste das ehemalige schwarze Township hier weg. Die Bewohner wurden einfach samt und sonders an die Westküste zwangsumgesiedelt. So einfach.

In Boulder´s Beach angekommen, stehen wir mit gefühlten tausend Besuchern Schlange am Eingang zum Nationalpark. Ziemlich dumme Idee, gerade heute hierher zu kommen. Und angesichts der vielen Besucher bin ich richtig froh für die Pinguine, dass es entgegen der Information im letzten lonely planet eine Veränderung gibt: Man kann nicht mehr am Strand zwischen den Vögeln herumlaufen, sondern die Besucher werden auf Holzwegen vom Strand und damit auch von den wildlebenden, kleinen gefiederten Oberkellnern ferngehalten. So haben die immerhin nicht mehr die rücksichtslos herumtrampelnden Selfie-Irren in ihrem Lebensraum zu ertragen. Für diese Neuzeitspezies sollte man ohnehin einfach 3D Fotowände in der Stadt aufstellen, dann bräuchten sie den Weg in die Natur nicht mehr auf sich nehmen, die ihnen ohnehin nur als fancy Fotohintergrund dient.

Aber die lustigen Vögel sind wirklich toll anzuschauen, egal ob auf den Felsen herumhopsend, stoisch am Strand dem Wind trotzend oder im Wasser herumtollend. Die jungen Brillenpinguine sehen reichlich zerzaust aus, denn sie verlieren gerade ihre braunen Babyfedern. Das Verrückteste aber sind die Schreie: Diese Vögel brüllen wie Esel!

Dennoch machen wir uns relativ bald wieder auf und verlassen diesen etwas zu bevölkerten Ort. Wir können unsere Zeit selbst einteilen, denn wir genießen den Vorzug, das dauergemietete Auto unserer Freundin benutzen zu können. Aber nicht ohne Abenteuerfaktor! Ein uralter klappriger VW, der alle nur erdenkbaren Geräusche im unpassendsten Moment von sich gibt. Die Kupplung ist eine Mischung aus Lotterie, Geschicklichkeitsspiel und Kraftakt. Die Beleuchtung funktioniert nur zur Hälfte, das Fernlicht liefert ein interessantes Lichtspektakel in den nächtlichen Baumkronen, es blendet dafür keine entgegenkommenden Fahrzeuge. Das hellblaue Kistchen ist eine echte Klapperkiste, die jede deutsche Verkehrskontrolle sprachlos machen würde.

Über das Innendekor schweige ich diskret. Übrigens scheint in der Lüftung auch noch irgendwo ein kleines Tier zu leben, das ab und zu lautstark klopft und kratzt. Es lässt sich aber nicht blicken. Alles in allem – es passt schon: Warum sollen wir hier ein besseres Auto fahren, als viele andere auch! Und – wir dürfen es immerhin gratis benutzen! Also – alles bestens und wir haben Spaß.

Weiter geht’s zum Kap der guten Hoffnung, Cape of Good Hope. Auch das liegt wieder in einem Schutzgebiet, das ordentlich Eintritt kostet, aber das geht in Ordnung. So wird der Besucherstrom kontrolliert, die Landschaft geschützt und sauber gehalten. Der Weg zum Kap führt durch eine beeindruckende weite Landschaft, leicht hügelig, felsig, begrenzt von plötzlich hoch aufragenden Bergkuppen. Der Horizont erscheint hier irgendwie weiter als sonst. Die Vegetation ist niedrig, höchstens hüfthoch, buschige Stauden schmiegen sich an den Boden, sonst hätten sie wohl auch kaum Überlebenschancen bei so viel starkem Wind und Sonne.

Wer mehr Zeit mitbringt, kann hier stundenlang wandern über die Hochebene, auf die Berge oder zu menschenleeren riesigen Stränden absteigen. Leider haben wir nur ein paar Stunden. Auf der Hälfte des Weges müssen die Autos abgestellt werden, von hier aus geht es mit Mini-Shuttle-Bussen oder zu Fuß weiter bergauf.

Die Wartezeit am Parkplatz wird durch ein lustiges Spektakel verkürzt: echtes Affentheater. Schon an den Straßen stehen überall Warnschilder vor den wilden Baboons – den Affen. Aber hier treten sie in Horden auf. Eine Pavianart, mit der man sich besser nicht anlegt. Die Biester können böse hauen und beißen. Aber zum Anschauen sind sie wirklich lustig. Sie springen auf den Autos herum und wehe, sie finden ein halboffenes Fenster oder eine offenstehende Autotür. Zack – sind sie drin und filzen das Auto nach Essbarem. Erfrischungsgetränke werden auch gern genommen. Und die entsetzten oder amüsierten Gesichter der Autobesitzer sind auch noch mal ein unterhaltsames Element … Schlau sind diese Viecher! Wenn sie auf den Berg wollen, nehmen sie auch schon mal ein Taxi: auf dem Dach eines PKW.

Die letzte Etappe legen wir aus Zeitgründen mit der Seilbahn zurück, zumindest bergan. Oben angekommen führen verschiedene Wege zum berühmten Leuchtturm auf der Kuppe, und wirklich jeder bietet spektakuläre Ausblicke auf die felsige Küste, herrliche Buchten und den endlosen Ozean. Es ist der südwestlichste Punkt Afrikas, 170 km südlicher ist nur noch Kap Agulhas zu sehen, dann kommt die Antarktis. Man fühlt sich verdammt klein hier oben.

Für die Fahrt in den Sonnenuntergang haben wir eine besonders schöne Küstenstrecke ausgesucht: nach Norden, den Chapmans Peak Drive. Immer wieder imposante Aussichten auf schroffe Granit- und Sandsteinbergwände einerseits, schneeweiße Strände, grüne Buchten und tief unter uns das aufgewühlte Meer auf der anderen Seite. Schließlich tut sich neben uns die malerische Hout Bay auf. Tief ins Land gehend, von hohen Bergen eingefasst. Schneeweiße Dünen und Strände. Und am Ende glitzern in der hereinbrechenden Dunkelheit die Lichter des Ortes Hout Bay, offiziell einem Ortsteil von Kapstadt. De facto – janz schön weit weg davon. Was für eine wunderbare Landschaft.

Nur ein Problem werde ich nicht los: Irgendwie habe ich immer noch nicht wirklich das Gefühl in Afrika zu sein. Eher eine Mischung aus Schottland, Galizien und Südamerika. Nix heiß, Dschungel, Savanne und Wüste. Soviel zu falschen Vorstellungen …

Nach einigen Irrungen und einem unfreiwilligen Ausflug in eine finstere Ecke am Ende des Hafengebietes, der uns verstohlen die Türen verriegeln lässt, landen wir im Wharfside Grill, einem Restaurant am Hafen und beschließen den Abend zufrieden mit leckerem Fisch und einem Pint Lager Beer.