ASIEN AGAIN – 1 – Thailand /Malaysia 2025

Schon wieder Asien…? – hat nicht nur ein Freund gefragt. Ja, schon wieder! Denn wenn ich etwas für meine Seele tun will und außerdem Abenteuer und neue Entdeckungen will, dann ist das einfach erste Wahl. Es tut meiner Seele gut: Soviel Lächeln und respektvolle Umgang miteinander, soviel alte – und neue – Kultur, wunderschöne Landschaften …. soviel Farbe, so gutes Essen!. Also ja, schon wieder Asien.

Zwar haben wir die Reise wieder in Bangkok begonnen, in dieser Stadt der krassen Widersprüche, charmant, schwer auszuhalten, magisch, verrückt und doch voller Tradition. Mich fasziniert diese Stadt immer wieder neu. Dennoch habe ich mich entschieden, diesmal nicht über Bangkok zu schreiben, da ich es schon mehrfach getan habe. Dennoch: meine Faszination bleibt für all die Widersprüche: Tradition und Supermoderne, schön und häßlich, Hochhäuser (das höchste 309m) und Millionen kleine Hütten und Häuschen für die Masse.

Die Armut der breiten Masse ist erschreckend, auch wenn ich in den letzten Jahren immer mehr neue Reiche bemerke, für die totschicke Appartment-Giganten hochgezogen werden, was vorher da stand , wird eben platt gemacht. Aber genug davon, das war nur zum Aufwärmen.

Erst mit der zweiten Etappe, für die wir uns auf eine gute Woche getrennt haben, soll dieser Bericht beginnen. Mich treibt es südwärts an den Golf von Thailand, in das königliche Seebad Hua Hin, bevor ich auf die Insel Koh Tao, fahren werde – dahin, wo ich bei meinem allerersten Thailandbesuch vor über 10 Jahren das erste Mal hier tauchen war. Revival.

Ich habe mich für den Zug entschieden, um die Küstenstadt Hua Hin, den königlichen Badeort, zu erkunden. Der neue große Bangkoker Terminal Richtung Süden, der Krung Thep Aphiwat Central Terminal, der State Railway of Thailand ist gigantisch und strahlt in purem Marmor, blitzsauber. Riesig… Ich war schon von den 6 Eingängen überfordert.

An allen Zugänge steht mindestens ein Sicherheitsmann mit einem Scanner – Terrorismus ist auch hier ein Thema. Ich war völlig orientierungslos, schier ratlos, zu welchem Einlass ich musste. Aber – der Sicherheitsmann hat sich kurz verbeugt, meinen Koffer gegriffen und mich quer durch den Bahnhof zum richtigen Einlass – fast hätte ich gate gesagt – gebracht. Wie auf dem Flughafen werden jeweils hier an Durchgangsschranken die Tickets gescannt, nur wer am richtigen Aufgang steht, darf rein.

Ich hatte ein Ticket „2. Klasse mit Ventilator“. Schön der schmale, wacheḱelige Einstieg war …besonders. Erstmal drin dachte ich, ich soll in einem historischen Film á la „Brücke vom River Kwai“ mitspielen: Klapprige Holzwagons mit schmalen offenen Durchgängen zum nächsten Wagen, dunkelbraune Kunstledersitzen und zweiteilige Holzfenstern. An der Decke drehten sich fauchend uralte Ventilatoren. Der Gang ist so eng, dass schon ein kleiner Koffer ein Problem ist . Fast alle lassen die Fenster weit offen, es fühlt sich an wie auf offener See. Nur für Menschen wir mich mit einer Zugluft-Phobie ist das schon ein kleines Problem. Was sollś: Sonnenbrille auf, in Tücher gewickelt, schicksalsergeben.

Aber eins funktioniert perfekt: die Versorgung. Pausenlos kommen Händler und Angestellte der Bahn durch die Reihen mit riesigen Mengen Essen jeder nur denkbaren Art: warm, kalt, süss, salzig, scharf in Tüten (auch Suppen!), Schachteln, Bechern, Papier. Und die Thais essen am laufenden Band. Mit der Essenmenge hätte man eine Kleinstadt durch eine Hungersnot gebracht. Und zwischendurch erscheint immer mal ein Angestellter mit dem Wischmopp in den Gängen.

So klapprig der Zug auch aussieht, so sehr er über die Gleise schaukelt und ächzt: Er ist tatsächlich auf die Minute pünktlich, als er nach vier Stunden in Hua Hin einfährt. Einem wunderschönen historische Bahnhof in Rot und Gold mit Säulen, Drachen und anderen Fabelwesen. Und blitzsauber. Auch so ein verrückter Widerspruch: Es gibt hier oft ein Müll- und Dreckproblem, aber: an bestimmten Orten könnte man vom Boden essen.

Sofort fällt ein illegaler Taxifahrer über mich her, aber da ich weiß, wie weit das Hotel entfernt ist, einigen wir uns schnell auf einen vernünftigen Preis und ich bin froh, schnell ins Hotel zu kommen. Wir fahren durch eine quirlige, mit tausenden Lampen und Lämpchen erhellte Stadt, in der es nur so wimmelt. Ein großer Boulevard ist in den Pride- Farben beleuchtet. Schließlich ist Thailand ja auch das Land der Ladyboys, die schon immer als das dritte Geschlecht gelten -lange vor LGBTQ.

Nach einigem Herumgesuche im Gassen Gewirr haben wir das Hotel un gleichnamige Guesthouse Fulay in Meeres Nähe gefunden. Die Fotos in der Annonce waren bestechend schön, so dass ich von meinem sonst eher etwas knickerigen Unterkunftssuchen abgekommen bin, um mir mal was schönes zu gönnen.

Umso größer meine Enttäuschung als mein Zimmer in einem großen Hochhaus ist, direkt neben der Treppe, ohne Ausblick, klein, alt und in die Jahre gekommen. Aber es ist spät, niemand mehr da und ich bin hungrig und müde.

Also ärgern verschoben, ich lasse mir den Weg zum Nachtmarkt erklären, um noch ein bisschen Witterung der Stadt aufzunehmen un zu essen. Die Nachtmärkte gibt es in Thailand in fast jeder Stadt. Hier gibt es gleich mehrere. Der Trubel und die vielen Lichter machen fast ohne Alkohol betrunken – gut so, denn heute gibt s zu meiner Enttäuschung keinerlei Schlaftrunk: Für 36 Stunden herrscht Alkoholverbot: es sind Wahlen in Thailand.

Ich lasse den Nachtmarkt mit viel zu viel Touristen und zu wenigen Einheimischen hinter mir und esse für ein paar wenige Taler an einer kleinen Bude an einer Ausfallstraße. Satt, müde und ohne Bier falle ich dann in mein leicht wackelige Bett.

25 – Schlangen, Loris und Fledermäuse zum Abschied

Und ewig lockt der Dschungel… Uns bleibt nicht mehr viel Zeit, wie könnten wir sie besser nutzen als nochmal abzutauchen ins tiefe Grün! Obwohl Großstadtkinder müssen wir nicht darüber diskutieren, ob und wieviel Dschungel noch sein muss…:-)

Night-Trekking in den Urwald! Wir bekommen ein extra Briefing, damit wir gut vorbereitet sind: unbedingt eine Kappe, falls sich Tierchen von oben aus den Bäumen auf uns fallen lassen oder Frösche auf uns zu springen. Unbedingt lange Socken über die Hosen, vor allem wegen der Blutegel. Und natürlich hat jeder seine Lampe, denn der Urwald ist wirklich schwarz bei Nacht.

Dieki hat diesmal die Führung einem Freund überlassen und macht den Schlussläufer. Der Führer ist ein echter Dschungelspezialist für die Nachttrecks. Ipol ist alles andere als ein Durchschnittstyp…eher ein schräger Freak und das findet er wohl auch ganz gut. Aber: Niemand soll hier den Wald bei Nacht so gut kennen wie er – spezialisiert vor allem auf Schlangen und Reptilien.

Ipol ist ein eher schmächtiger kleiner Mann, der schon äußerlich Aufmerksamkeit erregt. Mit Gummistiefeln und Muskelshirt bekleidet, trägt er ein großes selbstgefertigtes Messer am Gürtel: eine scharfe, ziemlich gefährlich aussehende Eisenklinge an einem Knochengriff in einem Fellschaft. Um den Hals trägt er eine Kette mit verschiedenen Knochen, Kiefern und getrockneten Köpfen von Reptilien – er sieht aus wie ein Medizinmann mit seinen langen Haaren. Aber das klingt sehr nach Show – ist es aber nur zum kleinen Teil: Der Dschungel ist seine Welt, das spürt man sofort. Er hat sein ganzes Leben nichts anderes gemacht. Ipol, the Snake, arbeitet als Tierretter. Und er wird öfter als Spezialist angeheuert für Filmdokumentationen und Projekte – zuletzt für die Animal Rescuer auf Netflix.

Wir marschieren am Hotel los und sofort fängt Ipol an, die Tiere der Nacht zu suchen. Er leuchtet fast jeden Baum am Weg ab, und tatsächlich entdeckt er schon nach 15 Minuten die erste Schlange auf einem Baum. Nachdem wir eine der ziemlich wackeligen Hängebrücken über den rund 50m breiten Fluss überquert haben, um auf die Dschungelseite zu kommen, zeigt er uns alle paar Minuten Schlangen, Frösche, Chamäleons, Fledermäuse und anderes Getier in den Bäumen und Büschen, die wir wohl nie bemerkt hätten in der Finsternis mit ungeübtem Blick.

Als besonderen Vorführgag steckt Ipol sich eine zusammengerollte Viper in den Mund und lässt sie wieder herausschlängeln – ich kann´s nicht fassen, mir graust es. Er lacht und auf meine Frage, ob die Viper nicht giftig sei, antwortet er: Yes, but not so much!  Und grinst. Aber bei allem Unfug ist er wirklich ein Spezialist. Und er passt auf uns auf

Die gefährlichste und tödliche Schlange hier ist die Königskobra. Man hat nach einem Biss nur wenig Zeit, um zu überleben. Hier in der Gegend gibt es kein Gegengift – erst im 4 Stunden entfernten Medan. Vorher nur eine 1. Hilfe-Station, die den betroffenen Körperteil abbindet. Ipol weiß wovon er spricht. Er wäre vor einigen Jahren fast gestorben, als er gebissen wurde. Er konnte nichts mehr sehen, nicht mehr atmen, war bewusstlos – aber es gab nirgends das teure Gegengift. Ein beherzter Arzt hat ihm ein Stück aus dem betroffenen Arm herausgeschnitten und wunderbarer Weise hat Ipol überlebt – mit einer großen Narbe als Andenken.

Also – auch wenn es zuerst nicht den Anschein hat bei seinen Mätzchen, wird sehr schnell klar, dass er die Gefahren ernst nimmt und sehr genau schaut, wenn er vor uns durch den schwarzen Dschungel streift. Und er sieht alles! Wir profitieren davon. Wir treffen unterwegs eine andere Gruppe, als wir uns während eines Regengusses unterstellen müssen, die hat kaum etwas gesehen. Wir haben zu diesem Zeitpunkt bereits 22 Schlangen gesehen, ein paar FröscheEidechsen, Geckos und ein Chamäleon bewundert. Die Orang Utan schlafen allerdings nachts oben in ihren Nestern in den Baumkronen. Die anderen Affen haben sich auch unsichtbar gemacht. Es ist ein verrücktes Gefühl – man ist in der absoluten Dunkelheit, sieht nur, was man anleuchtet, aber da ist der Sound des Dschungels, der Geruch und die absolute Gewissheit, dass man niemals allein ist.

Mein größter Wunsch war es, Loris zu sehen, diese katzenartigen Halbaffen mit den riesigen, im Dunklen leuchtenden Augen. Ipol sagt, dass das nur noch selten klappt, weil sie sich tief in den Dschungel zurückgezogen haben. Grund dafür ist, dass es einen Markt für die possierlichen Lori-Jungen gibt, die manche Leute als Haustier haben wollen. Ein business … Die Jäger knallen die Mütter ab, um an die Jungtiere zu kommen, der Schwarzmarkt blüht….

Es ist schon spät, als Ipol plötzlich doch ein Lori hoch oben in einer Baumkrone entdeckt. Ohne seine Augen könnte man es kaum sehen. Wenn es in unsere Richtung schaut, ist es, als würden zwei kleine Scheinwerfer eingeschaltet! Unglaublich. Die Loris bewegen sich extrem langsam. Da wir es einmal entdeckt haben, können wir auch seine eigenartige Art sich fortzubewegen erkennen. Ich bin total glücklich! Mein Traum: Ich habe ein Lori gesehen! Alle sind happy, Ipol ist stolz!

Nach rund vier Stunden machen wir uns auf den Rückweg. Aber Ipol nimmt uns vorher noch mit zu seinem Haus im oberen Dorf, um uns eine Kobra zu zeigen, die er gefangen hat.  Alle im Dorf kennen den Schlangenmann und seit er hier ist, erschlagen sie die Tiere, die sich aus dem Urwald hierher verirren, nicht mehr, sondern holen ihn. Er fängt die Tiere und setzt sie dann wieder im Dschungel aus. Das neuste Fundstück hat er in zwei dicken Plastiksäcken eingesperrt. Er lässt die wütende Kobra auf der nächtlichen Dorfstraße frei, damit wir sie sehen können. Stinksauer zischt sie und richtet sich auf! Unheimlich! Aber geschickt fängt Ipol sie wieder und sie verschwindet im Sack. Puh.

Es ist nach Mitternacht, als wir wieder in unsrem Zimmer sind. Noch ein kleines Weilchen auf dem dunklen Balkon dem Sound des Dschungels lauschen und alles revue passieren lassen… So ein spannender Abend!

Unser letzter Ausflug führt uns zur Fledermaushöhle, Bat Cave, die auch im Dschungel liegt, aber nicht sehr tief. Eine knappe, schweisstreibende Stunde zu Fuss, zunächst durch das Dorf, das sich endlos am Fluss entlang schlängelt. Wieder einmal wundere ich mich, dass bei den schmalen Wegen, die das Dorf durchziehen, nicht mehr Unfälle passieren. Ewig brummen die Motorräder hier entlang, mitten durch spielende Kinder, Hühner, Katzen, Hunde, Fußgänger. Viele kleine Restaurants hoffen auf Kundschaft – allerdings ist die Auswahl an Speisen sehr begrenzt – fast überall dasselbe Angebot. Und in vielen Auslagen steht ungekühlt das fertige Essen. 

Am anderen Ufer geht es dann weiter – durch Palmöl-Plantagen. Kurz bevor der Dschungel beginnt, indem der Höhleneingang liegt, gabelt uns ein Führer auf – der Kampf um Kundschaft ist hart , vorallem jetzt in der Regenzeit, wo es nicht so viele Touristen gibt. Da man nicht allein in die Höhlen darf, die zum Nationalpark gehören, engagieren wir ihn. Eine gute Entscheidung, er ist ein guter und sehr sympathischer Führer.

Um in die Höhlen zu kommen, müssen wir einen kurzen, aber steilen Anstieg über Felsen, Wurzeln und grobe Stufen bewältigen. Prima Chance, sich am letzten Tag noch ein Bein zu brechen. Aber alles geht gut und wir erleben noch eine spannende, nicht ganz einfache Klettertour durch die drei Fledermaushöhlen. Klaustrophobie darf man nicht haben. Es ist zum Teil stockfinster, ohne Lampe ginge nichts, aber zwischendurch fällt immer wieder man von oben Licht aus Felsöffnungen herein. Es sind herrliche Ausblicke in den Dschungel über uns.

Hunderte von Fledermäusen verschlafen hier den Tag, wie es sich für Drakulas Familie gehört. Sie flattern ein bisschen genervt, wenn man sie anleuchtet. Die Klettertour führt zum Teil durch sehr enge Spalten und über spitze Felsen, aber unser Führer zeigt genau, wo welcher Fuß aufgesetzt werden muss – das macht er super. Nur nicht einfach mit der Hand an den Wänden abstützen ohne vorher genau zu leuchten, es gibt Spinnen und Skorpione! Klingt aber gruseliger als es sich angefühlt hat. Es hat wirklich Spaß gemacht!

Eine Woche Bukit Lawang. Es ist unser letzter Abend und wir wollen mit Dieki & Friends zusammen essen. Wir haben uns gewünscht, zusammen mit ihnen in dem Restaurant zu essen, wo unser Obstkünstler Dedek kocht. Es liegt einige Kilometer entfernt am anderen Dorfende. Wieder werden wir mit den unverzichtbaren Feuerstühlen abgeholt, in diesem Falle ist es beruhigend, dass die Jungs nicht trinken. Es ist schon so ein wilder Ritt durch die Nacht. 

Wir essen Curry mit Huhn und Kokossoße, Chicken Satè mit Erdnusssoße und Gado Gado (scharfes Gemüse). Und ehrlich – es ist das beste Essen, was wir in Bukit Lawang bekommen haben! Wir bekommen sogar Bier dazu. Und wir haben jede Menge Spaß zusammen! Was für ein schöner Abschied nach einer spannenden Woche im Urwald von Bukit Lawang, Sumatra, Indonesia!

Selamat tinggal – Auf Wiedersehen!?

24 – … und ewig fasziniert der Dschungel

Schon beim Aufwachen ist der Dschungel einfach da: es riecht anders, der Fluss rauscht, die Affen sind zu hören, es ist schwül-heiss und alles ist klamm. Klingt nicht so romantisch, aber – ich liebe es. Zumindest eine Zeit lang.

Die größte Blume der Welt – ist in Sumatra zu Hause. Der Titanwurz. Eine Pflanze, bei der alles nach Superlativ klingt: die ausgewachsene Wurzel kann es auf über 100 Kilo bringen, die größte Blüte auf 3,5 Meter. Und obwohl die Blütezeit im Januar und Februar liegt, haben wir Glück – wir können sie noch sehen. Sie blüht in einiger Entfernung von Bukit Lawang, rund eine Stunde mit dem Motorrad und dann noch eine knapp dreiviertelstündige Wanderung durch den Dschungel.

Diesmal überlässt uns Diekie seinen Freunden Dedek und Kittin, er hat familiäre Verpflichtungen. Die Fahrt zum Dschungel am Fluss Lau Berkail, wo die Blume wächst, bewältigen wir natürlich auf dem Rücksitz der Motorräder. Wenn man hier irgendwohin will – abgesehen von echten Entfernungen wie nach Medan – fährt man Motorrad.

Hier allerdings würde ich auf keinen Fall allein fahren und auch nicht bei Miki auf dem Rücksitz. Zu gefährlich, zu abenteuerlich, zu halsbrecherisch sind schon allein die kleinen Wege, die unseren Ortsteil mit der nächsten Landstraße verbinden. Kaum 2 Meter breit, haben sie meist eine schmale Beton-Spur, die aber eher eine Stolperfalle darstellt, so kaputt wie sie ist. Es geht teilweise richtig steil hoch und runter und außer Passanten, spielenden Kindern, Hunden, Katzen und Hühnern teilt man die paar Zentimeter dann noch mit entgegenkommenden Motorrädern. Es ist unglaublich, dass es hier nicht mehr Unfälle gibt!

Zurück zum Thema. Eine gute Stunde dauert die Anfahrt, sie führt durch das langgestreckte Bukit Lawang und Pekan Bahorok, eine eher graue, wenig attraktive, chaotische Kleinstadt, bevor es über Schotterpisten Richtung Urwald geht. Zum Glück bemerken wir noch auf den letzten Metern vor der Wildnis, dass der Hinterreifen fast platt ist. Ein paar Meter weiter ist eine winzige chaotische Werkstatt – die Sache ist nach 15 Minuten erledigt. Das Motorrad hat ohnehin schon bessere Tage gesehen, Rückspiegel und Startautomatik sind Theorie, aber wenn man eine Weile hier ist, gibt man es auf, sich wegen solcher Dinge zu beschweren, die hier keiner versteht.

Der Weg führt durch endlose Palmöl-Plantagen. Eigentlich sehr schön anzusehen, wüsste man nicht, dass dafür tausende Hektar Urwald gerodet wurden (und immer noch werden)- unwiederbringlich- und hier nichts anderes mehr wächst und lebt. Das natürliche Biotop für die Orang Utan, Tiger, Rhinos, Elefanten und Tiger ist für immer  zerstört. Die Menschen hier sind arm, die Konzerne haben es leicht, die Bauern hacken auch noch ihre ökologische weniger schädlichen Kautschukbäume um, um das doppelte bis Dreifache zu verdienen – was immer noch ein Witz ist in absoluten Zahlen.

Unsere Fahrt endet am Ufer des breiten Dschungelstroms Lau Berkai. Hier übernimmt ein lokaler Guide die Führung. Die Ranger kennen die verborgenen Standorte der Blumen im Dschungel, die immer nur maximal drei Tage blühen. Nur sie wissen, ob und wo es noch eine Blume gibt. Wir haben großes Glück, dass es eine Blüte gibt.

Die Wanderung führt zunächst am Flussufer entlang, das noch die Spuren eines großen  Hochwassers im vergangenen November trägt – hier sprechen sie von einem Tsunami. Dann geht´s noch durch Wald und wilde Limonen- und Kautschukbäume eine Weile bergauf, bevor der tiefe Dschungel beginnt. Aber da sind wir auch schon am Ziel: Eine fast künstlich aussehende Blüte, die direkt am Boden beginnt: ein rotes Kelchblatt mit einem grüngelben hochaufragendem Laubblatt in der Mitte. Ein toller Anblick – der Aasgeruch, der sie vor Fressfeinden schützt und sie für Insekten anziehend macht, ist hier zum Glück nicht so sehr zu riechen. Aber der Anblick ist wirklich verrückt – die Blume sieht künstlich aus. Die Natur ist ein Zauberer…

Unser Exemplar ist ca 1,50 m groß, aber längst nicht so groß, wie eine alte Pflanze, die schon mal eine 5 Meter hohe Blüte haben kann. Eine alte Wurzelknolle kann über hundert Kilo wiegen. Eine Blüte bildet sie nur alle paar 3 bis 7 Jahre, sie blüht nur ein paar Tage. Toll, dass wir soviel Glück haben. Unser Guide weiß auch, dass der Berliner Botanische Garten ein Titanenwurz besitzt.

Keine Pause ohne Dedeks Fruit Special….

Bleibt der Rückweg und eine Erholungspause an einem kleinen Restaurant am Flussufer mitten im Wald, das mit einer Holzterrasse an der Böschung klebt. Auf der Rückfahrt danach gibts ein spätes Mittagessen in einem der einfachen Restaurants, Warun, von Pekan Bahorok, das Padang-Küche anbietet – sie gilt als eine der schärfsten und leckersten in Indonesien. Die Guides essen begeistert mit, es stehen verschiedene kleine Schüsseln mit Gerichten aus Huhn; Gemüsen, Fisch und Kräutern auf dem Tisch und jeder hat eine Schale Reis.

Man kann mit dem Löffel essen – oder eben mit dem Fingern, was die Jungs auch tun. Immer wieder gewöhnungsbedürftig. Es werden nicht elegant die Fingerspitzen benutzt, da werden schon die halben Finger mit Reis in die Näpfe mit Fleisch und Soße gesteckt und dann in den Mund. Völlig ok, nur für uns einigermaßen befremdlich. Wir nehmen dann doch die Löffel. Nur Miki hat ein Problem hier – er ist Linkshänder und das geht in Indonesien eigentlich gar nicht. Links ist die „schmutzige Hand“, mit der man weder isst, noch etwas gibt oder annimmt.

Als Nachtisch machen wir noch eine Pause unterwegs am Fluss bei frischer Kokosnuss-Milch und dann geht es zurück nach Bukit Lawang, unser Dorf am Fluss mit den 5 Hängebrücken. Ich mag das Dorf mit seinen engen Straßen und seinen freundlichen Bewohnern.

Hier ist das Leben zwar in vieler Hinsicht muslimisch geprägt, aber das Verbot  von westlicher kufr  Musik scheint nicht zu gelten. Die Youngsters hier lieben Blues-, Rock-, Pop- und Countrymusik! Überall sieht man sie Gitarre und Bongo spielen und dazu singen. Dedek, auf dessen Rücksitz ich heute fahre, singt die ganze Zeit laut vor sich hin. Schließlich fragt er mich, ob ich nicht mitsingen will. Wir einigen uns schließlichcauf unsere Adaption von „West Virginia“ und schmettern zu zweit bei der wilden Fahrt durch die Palmölplantagen John Denvers alten Hit zum Knattern des Motorrads. Absurd und total lustig!

Morgen ist Night-Treck in den Dschungel – wie aufregend!

23 – Das große Ereignis: Hochzeit Java Style

Es ist einfach toll, irgendwo auf der Welt Menschen zu treffen, die so ganz anders leben als man selbst und trotzdem eine Verbindung zu spüren. So geht es uns mit unseren Guides – speziell Dieki. Wir haben nicht nur das Glück, dass er ein kluger und kundiger Führer im Dschungel ist, sondern da ist außerdem viel Sympathie im Spiel, Altersunterschied hin oder her. Außer über das  Leben im Dschungel haben wir auch viel über unsere Leben geredet.

Das Leben hier in Sumatra ist anders als in Bali. Wieder eine neue fremde Welt. Wäre da nicht dieselbe Sprache, könnte es ein anderes Land sein. Was die Menschen gemeinsam haben, ist ihre ehrliche Freundlichkeit, das Lächeln, den respektvollen Umgang. Den Unterschied aber macht die Religion: Waren in Bali die meisten Menschen Hindus, ist die absolut überwiegende Mehrheit hier muslimisch.

Das wird sofort am Flughafen in Medan augenfällig und auch das Straßenbild ist ein ganz anderes, nicht nur wegen der vielen kleinen und größeren Moscheen überall. Am augenscheinlichsten wird es bei den Frauen: Fast alle tragen ein Hidjab und einfarbige Kleidung, die Arme und Beine bedeckt. Manchmal sogar schon die kleinen Mädchen. Es gibt hier auch Frauen, die den bodenlagen schwarzen Tschador tragen, der nur die Augen freilässt. Viermal am Tag wird von den Muezzin der umliegenden Moscheen lautstark Allah gepriesen.


Auf den Speisekarten steht natürlich kein Schweinefleisch und in etlichen Restaurants auch keinerlei Alkohol. In unserem Jungle Inn Guesthouse ist sogar das Trinken von Alkohol im Zimmer verboten. Das geht uns dann doch zu weit… abends auf unserem herrlichen Balkon, mit Blick auf Dschungel und den Fluss, erlauben wir ins dann doch ein eingeschmuggeltes Bier.

Dennoch wird man als Nicht-Muslim überall ganz selbstverständlich respektiert und freundlich behandelt, das soll hier unbedingt gesagt werden.
Auch „unsere Jungs“ sind Muslime, selbstbewusst, locker und souverän beantworten sie auch Fragen nach religiösen Dingen. Diese gegenseitige Sympathie ist sicher der Grund dafür, dass wir etwas Besonderes erleben dürfen: Wir werden zu Diekis Hochzeit eingeladen. Offiziell geheiratet hat er schon ein paar Tage zuvor, aber die Feierlichkeiten stehen noch aus. Also – spannend! Und… um es vorwegzunehmen, was ich nun im Folgenden erzähle – das ist mir bewusst – ist unbedarft, fehler- und lückenhaft und oberflächlich. Aber ich kann nur beschreiben, was ich sehe oder höre – bruchstückhaft. Aber es ist so ein tolles Erlebnis, dass ich es einfach weitererzählen möchte und sei es auf diese schlichte Weise.

Pünktlich halb zehn werden wir von zwei Freunden von Dieki mit Motorrädern abgeholt und zum Sammelpunkt von Dikies Familienmitgliedern – dem Restaurant seines Vaters im oberen Dorf – gefahren. Hier tummeln sich jede Menge Leute aus der Verwandtschaft: Männer, Frauen, Kinder in festlichen Kleidern – Muslimstyle. Alle warten essend, Tee trinkend und schwatzend darauf, dass es losgeht.

Nun bekommen wir kurz Dieki zu sehen, der umwerfend aussieht: Er hat wunderschöne traditionelle Kleidung an mit viel Gold, Rot, Gelb und Schwarz, die Fingernägel sind rot lackiert. Er zeigt nun doch Nerven, wirkt ganz ungewohnt ernst und wird kurz darauf, nach einem Foto im Kreise seiner Tanten, weggebracht. Nun wird ein Konvoi aus überfüllten Autos und Motorrädern zusammengestellt, in den alle hier versammelten Gäste verfrachtet werden. Los geht s ins untere Dorf von Bukit Lawang.


Hier gibt es einen großen freien Platz an der Straße – Lehmboden von einem Blechdach überdeckt: Festplatz für alle Anlässe, vor allem Hochzeiten. Bei Bedarf wird er dann von den Familien hergerichtet. Diesmal wurde er mit Dutzenden Plastiktischen und Stühlen ausgestattet und hat ein festliches Eingangsportal mit wunderschönen weißen Blumenketten erhalten, durch das später die Brautleute und ihre Familien schreiten werden. An der hinteren Wand gibt es eine lange, schmale Bühne, die Wand ist geschmückt und mit den Namen des Brautpaares beschriftet: Dieki & Kethlin. Zwei thronartige Sessel warten auf das Brautpaar, flankiert von vier weiteren Lehnstühlen. Schalen mit Blütenblättern, Reis und Räucherstäbchen stehen bereit. Alles sehr oppulent.

So ganz im Gegensatz zu dem eher super schlichten Platz mit den Tischen für die Gäste. Einfache weiße Plastiktische und Stühle und zwei improvisierte Essensausgaben, ebenfalls aus Plastikmöbeln, mit Plastiktellern und Bestecken. Ein paar Plastikblumen – das war dann auch schon alles an Tischschmuck.
Es wuselt nur so von Menschen, die meisten Gäste tragen traditionelle Kleidung, fast alle Frauenlange hellgrüne, hellblaue oder rosa Kunstseide-Kleider mit Pailletten oder Perlen, dazu das Kopftuch – manche auch ganz verhüllt in Schwarz. Aber das sind die wenigsten. Außer uns „Ausländern“ ist nur noch eine Amerikanerin eingeladen. Alle hier sind offen und freundlich zu uns, helfen, erklären, wenn wir nicht weiterwissen.

Wir dürfen auch hinter der Bühne in den „Arbeitsbereich“, wo von vielen fleißigen Frauen und einigen Männern den ganzen Tag über das Essen zubereitet wird – über viele Stunden, immer wieder Nachschub. Dutzende Frauen sitzen auf Planen am Boden und schnibbeln Kräuter und Gemüse, machen Salat, andere kochen, die Männer schüren das Feuer und tragen schwere Sachen herum.

Drei Kühe wurden gekauft – ein sehr besonderes Essen, denn Rindfleisch ist für die Menschen hier ein Luxus. Es gibt geschmortes Rindfleisch, Gemüse, Reis, Suppe, Krupuk und einen sehr leckeren Obstsalat mit frischem Chili – alles auf einem Teller, dazu Löffel und Gabel – wie üblich. Einige essen auch mit der Hand. Für uns immer ein ungewohnter Anblick – oder – wie der Berliner sagen würde: Mit alle Fünfe inner Pampe… Dazu gibt’s natürlich Wasserschälchen für die Finger. Für unsere Vorstellung von Hochzeitsmenü ist es ein eher bescheidenes Essen. Holen muss es sich jeder selbst, hier gibt keine Bedienung. Dazu gibt’s klares Wasser und als Variante Wasser zuckersüß in rot oder grün. Nicht mal Saft oder Cola.


Aber ich greife vor – das Essen beginnt natürlich erst nach dem festlichen Einzug der Brautleute. Die Hochzeit wurde nach traditionellem javanischen Ritual ausgerichtet, Diekies Familie kommt aus Java.

Die Braut, Kethrin, ist zuerst da mit ihrer Familie. Sie selbst ist ein Kunstwerk! Nicht nur wegen des unglaublich aufwendigen Kleides aus besticktem Brokat, mit Hose und einem glitzernden Kopfschmuck mit goldenen Strahlen. Ihr Gesicht ist extrem stark und exotisch geschminkt, wie sonst bei den berühmten klassischen Tänzerinnen. Einfach ein Gesamtkunstwerk. Unglaublich! Ich hätte sie nie wiedererkannt! 

Dann geht’s zur Bühne. Auf den Stühlen rechts und links haben die Eltern Platz genommen, anstelle von Diekis Mutter, die schon tot ist, eine Tante. Die Brautleute knien abwechselnd vor beiden Elternpaaren nieder, küssen ihnen die Hände, lassen sich segnen und bedanken sich bei ihnen. Dazu singt, die ganze Zeit über eine Lautsprecheranlage verstärkt, die Hochzeitssängerin mit einem Frauenchor – ehrlich gesagt für unsre Ohren sehr anstrengend. Und das geht noch Stunden so weiter…


Anschließend nehmen die Brautleute auf den „Thronen“ Platz. Über Stunden treten nun immer neue Gratulanten zu ihnen, die ewig anstehen und das Paar mit Blumen und Wasser und Räucherstäbchen segnen und ihnen ihre guten Wünsche vortragen. Das arme Brautpaar muss jedes Mal danach aufstehen für die unvermeidlichen Fotos. Ich weiß nicht, wie die das aushalten in dieser Hitze! Geschenke werden irgendwo anonym gesammelt, gern auch Geld, um das alles hier zu bezahlen.

Ich trage nur ein leichtes Sommerkleid und bin völlig erledigt. Die Brautleute haben fünf opulente Outfits im Laufe der Stunden zu präsentieren – alle so kunstvoll und wärmend. Erst am Abend dürfen sie etwas Moderneres, Lockeres anziehen – das erleben wir nicht mehr, wir sind nach vier Stunden fix und fertig bei der Gluthitze und ziehen uns diskret, aber verständnisvoll entschuldigt, zurück.


Diekie ist offensichtlich besonders bekannt und beliebt hier– entsprechend groß die Zahl der Gratulanten, allerdings hatte selbst er wohl nicht mit -letztendlich- 2200 Menschen gerechnet!! Er ist noch Tage später beeindruckt.


Am Nachmittag treten auf einer zweiten Bühne auch der Bürgermeister und ein weiterer Sänger auf. Am Abend dann – im lockeren Teil – hat eine Band gespielt, Freunde von Diekie, extra aus Medan angereist. Die letzten Stunden feiert die Familie (immer noch groß) im engeren Kreis. Wir hätten wiederkommen dürfen, aber ehrlich gesagt, waren wir völlig kaputt. Diekies Freunde, Dedek und Kittin, haben uns die ganze Zeit betreut und den Fahrdienst gespielt.

Ein tolles Erlebnis! Aber ich bin froh, dass ich dereinst mit „nur“ einem Kleid und 10 Gästen heiraten durfte…
Den Rest des Tages verbringen wir erschöpft und inspiriert in unseren Hängematten auf dem Balkon mit Blick auf Fluss, Urwald und dem Besuch des alten Affen mit dem furchteinflößenden Gebiss, der schon ein paarmal unser Obst geklaut hat. Aus dramaturgischen Gründen habe ich diesen Tag vorgezogen, der umrahmt war von zwei weiteren Trekkings, von denen ich im nächsten Block erzählen werde…