6 – Palmen, Felsen, Sand…Tanote Bay

Nach dem Overkill an Menschen, Verkaufsständen im Hafenviertel und nervigen Taxifahrern , die alle versuchen, einen viel zu hohen Preis aufzurufen, flüchte ich in einen klimatisierten 7/11 und trinke erstmal ein eiskaltes Kokoswasser. Diese schon legendäre Supermarktkette ist in Thailand immer und überall die Lösung für fast alles. Fast rund m die Uhr bieten sie auf meist kleiner Fläche so ziemlich alles, was der Reisende für jede Eventualität so braucht. Ich brauche jetzt Ruhe und was Kaltes.

Als ich 5 Minuten später wieder ins Getümmel trete, pirscht sich ein Taxifahrer von der Seite an und bietet mir die Fahrt zu einem normalen Preis an. Na also. Geht doch. Zufrieden klettere ich auf die mit 2 Bänken in Fahrtrichtung und einem blechernen Sonnendach ausgestattete Ladefläche und ab geht´s nach Tanote Bay. Gut festhalten! Die Straße windet sich in endlosen, teilweise super steilen Kurven über den Bergzug in der Mitte der Insel. Die letzten Kilometer gehen so steil bergab, dass mein Plan, mir einen Roller zu mieten, in einer extra steilen 270° Kurve von der Ladefläche fliegt….

Dann endlich: Tanote Bay! Mir geht das Herz auf: Gelber Sand, hellblaues Meer, grüner Palmen-Urwald. Sichelförrmig schmiegt sich Tanote Bay an die Insel, drei große Felsblöcke geben der Bucht ihr eigenes Gesicht. Hier scheint die Zeit tatsächlich im Bogen vorbeigeschwommen zu sein, alles ist wie vor 10 Jahren.

Ich habe eine Hütte im selben Ressort gebucht, dem Diamond Beach Ressort. Die einzige Wahlmöglichkeit bei der Zimmerwahl an besteht in Klimaanlage oder Ventilator. Ich kann es kaum fassen, dass ich die oberste Holzhütte am Hang mit Blick durch die hohen Palmen auf den Strand bekomme. Genau neben der, die ich vor 10 Jahren bewohnt habe. Keine Klimaanlage, nur das Nötigste und das ist offensichtlich 10 Jahre älter. Klein, sauber, bequeme Betten und eine kleine Holzterrasse. Nostalgie pur.

Ich hänge meine mitgebrachte Hängematte auf der Miniterrasse auf und schau einfach nur… Unten glitzert das Meer durch die Bäume, auch ein paar Abschnitte vom Strand, oben hinter den Baumwipfeln den unverschämt blauen Himmel. Das terassenförmige Terrain des Diamant Beach Ressorts mutet ein bisschen wie ein lichter Wald an: riesige Kokos-Palmen zwischen alten Laubbäumen, allerhand Büsche und wunderschöne Frangipani– Bäume mit roten und weißen Blüten, die im Mondlicht zu leuchten scheinen.

GRoßre Vögel stoßen tagsüber laute, spitze Schreie aus, manchmal scheinen sie auch zu kämpfen. Jede Menge kleiner Vogelarten flattert durch die Äste, manchmal kommen ein paar neugierige Gefiederte schauen, ob es was zu holen gibt. Überall klettern graubraune Eichhörnchen herum, sie kommen oft ganz nah. Und dann sind da noch die zum Teil ziemlich großen Geckoss, die voralllem in der Dämmerung herauskommen und ihre spitzen Schreie ausstoßen; „Ge-ko…Ge-Ko!“. Nachts allerdings tragen die Männchen gelegentlich erbitterte Kämpfe aus – vorzugsweise die großen Exemplare. Das macht richtig Krach!

Gleich in der ersten Nacht bin ich aus dem ersten tiefen Schlaf hochgeschossen, weil ich dachte, dass ein Mensch erst gegen mein Fenster geschlagen hat und dann auf das Dach gesprungen ist. Aber dann war mir schnell klar, dass nur wieder zwei große Geckos ihre Revierkämpfe austragen. Was für ein Getöse!

Und morgens um sechs kräht auch hier – wie es sich gehört – ein Hahn ganz aufgeregt von der Neuigkeit, dass die Sonne wieder aufgeht! Also alles sehr ländlich auf die etwas exotischere Art.

Es ist wirklich verrückt, dass sich hier fast nichts verändert hat, bis auf die Eigentümer zweier Ressorts, fünf gibt es. Aber nicht von der Sorte mit Bespaßung, sondern nur mit Bungalows und je einem Restaurant. Tagsüber kann es schon manchmal etwas voller werden am Strand, das sind die Tagestouristen von der anderen Seite der Insel, aber die verschwinden meist vor Sonnenuntergang. Früher hat man mehr deutsch´in Tanote Bay gehört, jetzt ist die Mischung bunter: Skandinavien, Holland, Südeuropa, Ukrainisch sind besonders stark vertreten.

Ganz aus dem Häuschen bin ich, als ich sogar mein kleines Lieblingsrestaurant wiederfinde! Lay´s ist der Underdog hier: kein Guesthouse, nur ein kleines Restaurant , das aus einem Bambushaus besteht und ein paar Tischen am Strand. Im Erdgeschoss wird gekocht, oben ist ein Deck, auf dem man im Liegen, auf die typischen Thai-Sitzkissen gebettet, essen kann. Ich sitze lieber unten am Tisch mit den Füßen im Sand unter den Lichterketten und schaue beim Essen auf das nächtliche Meer.

Tatsächlich erkennt mich Lay wieder! Sie ist ganz aufgeregt – so wie ich! Sie freut sich, immer, wenn ich komme in diesen Tagen (also fast immer), ich freu mich wenn ich da bin. Und sie kocht sehr lecker! Und mit dem Wechselgeld gibt´s immer noch eine eine Handvoll Obst. Zum Ritual gehört auch meist ein wortreiches Pallaver in Thai mit englischen Brocken, von dem ich nur ahne , worum es geht. Aber wir lachen uns fröhlich zu, verbeugen uns – eben Konversation á la Thailand. Liebenswert, lustig und respektvoll.

Der Hauptgrund für meine Rückkehr liegt am anderen Ende der Bucht: Calypso Diving. Abgesehen von der Tatsache, dass der aus Stuttgart stammende Gründer und Besitzer inzwischen nicht mehr hinter dem Empfangstresen steht, da er mit seiner thailändischen Frau und Tochter inzwischen in Hua Hin lebt und gar nicht mehr selbst hier den Laden schmeisst, ist alles beim Alten.

Eine nette Lobby, die gleichzeitig als Treffpunkt und Büro dient, ein nettes Team, zu dem noch ein ganz alter Hase gehört, Michel aus Leverkusen, der schon über 25 Jahre hier ist. Der Rest ist bunt zusammengemischt aus der Schweiz, Irland, Deutschland und…?? Wer sich einsan fühlt oder auch einfach nur Lust auf Gesellschaft hat, trifft hier bis zum frühen Abend immer jemanden. Die Tauchergemeinde ist einlustig buntes Völkchen vom norwegischen Rentner über englische Tattoofreaks bis zu französischen Ex-Marine-Tauchern.

Und ich kann endlich wieder tauchen, meine Leidenschaft….Darüber habe ich mich bereits in den vergangenen Jahren ausführlich ausgelassen und erspare dem Leser meine Elogen über das tiefe Blau. Aber wer tauchen (lernen) möchte, dem sei dieser Ort ans Herz gelegt! Koh Tao ist nicht umsonst ein Taucher-Mekka.

Die Tage vergehen wie im Flug: Die Vormittage verbringe ich unter Wasser, die Nachmittage in meiner Hängematte mit dem großartigen Ausblick und die Abende bei Lay. So faul war ich selten, aber ich habe es genossen. Einfach mal entspannen an eine liebgewonnenen Ort, von dem man so manches Mal geträumt hat!

4 – Hua Hin Beach

Durch eine Gasse aus den in aller Welt gleichen Buden mit immer den gleichen, ebenso billigen wie geschmacklosen T-Shirts, Hosen, Sarongs, Hüten und anderem Schnickschnack, komme ich irgenwann endlich an den Zugang zum Strand.

Vor mir liegt ein ca 20 – 30 Meter breiter endloser hellgelber Sand-Strand und ein blassblaues, flaches Meer. Über 4 Kilometer zieht sich der Stadtstrand hin. Schön siehts aus, wenn auch schmaler als erwartet. Am Eingang werben noch ein paar Ponys für einen Strandritt für Lauffaule und Kinder. Aber sonst gibt es hier kaum Buden oder Stände.

Ich bin verblüfft: Ich habe ein vollen oder zumindest gut besuchten Strand erwartet angesichts der vielen rotverbrannten oder tiefbraunen Urlauber, die überall durch die Straßen schnüren. Aber nichts da!

Links und rechts des Zugangs sind noch ein paar Leute und es werden Ponys zum Reiten angeboten, aber soweit ich nach Süden blicken kann, sehe ich nur alle paar hundert Meter größere Ansammlungen von Badegästen. Dazwischen nichts als Sand und ein paar verstreute Fußgänger. Das wundert mich nun doch.

Begrenzt ist der ca 20-30 m breite Strand auf ganzer Länge von einer eher bröckeligen Mauer. Neben dem Strand sind unzählige Ressorts, vorallem der hochpreisigen Art wie Hilton&Co, und einige riesige weiße Hochhäuser. Aber zu meiner größten Verwunderung gibt es nur ganz wenige, weit voneinander entfernte Strandlokale oder Zonen, wo Liegen zu mieten sind. Keine Welle auf dem blassblauen Meer, man kann endlos weit schauen.

Ok, denke ich, dann spaziere ich eben bis zu meinem Viertel, das ja direkt am Meer liegt. Tapfer stapfe ich los, die Sonne brennt gnadenlos. Nach einer knappen Stunde habe ich höllischen Durst, muss aber weiter aushalten, bis endlich ein Restaurant kommt. Keine Buden sonst am Strand- nichts.

Das Restaurant ist so nichtssagend, dass ich mir nicht mal den Namen gemerkt habe, aber es hat ein großes Sonnendach über einer lieblos betonierten Terrasse. Schatten! Es gibt nur ein paar wenige freie Tische. Unten auf dem Strand drängeln sich um die 100 Liegen und Sonnenschirme – alles pickepacke voll. Der diensthabende Chef kommandiert gehetzte Kellner herum, der älteste ist ein krummer Opa, der so aussieht, als sollte er lieber auf der Bank am Meer sitzen.

Neben ein paar einzelnen Paaren haben sich hier eher eine Art Landsmannschaften-Großgruppen zusammengefunden, die hier offenbar gewohnheitsmäßig ihre Stammtischtreffen abhalten. Ich ertappe mich bei dem Gedanken: Mann, diese Rentner. Upps… ich habe wiedermal vergessen, dass ich ja auch zu der Spezies gehöre. Ich glaube, ich kann irgendwie vielleicht nie so alt werden, dass ich mich zu solchen Gruppen zugehörig fühle. Morgens vom Hotel an den Strand, mittags zwei Stunden Gruppentreffen im Strandrestaurant, abends dasselbe nochmal aufgeputzt in einem schickeren Restaurant. Ist völlig ok, aber nicht my way. Soll wirklich nicht überheblich klingen, ist einfach nur ein mir fremdes Verhalten.

Nach dem Essen beschließe ich, die Möglichkeit zu nutzen, ein paar Leute auf den Liegen am Strand zu bitten, auf meinen Rucksack aufzupassen damit ich in Ruhe ein Bad nehmen kann. Eigentlich habe ich in Thailand nie Angst vor Diebstahl – das kommt kaum vor, ist schlecht für´s Karma. Aber solche Touristenorte haben ihre eigenen Gesetze.

Sich in die kühlen, besser lauwarmen Fluten zu stürzen, erweist sich aber eher als schwierig. Das Meer ist hier superflach und man muss endlos laufen, bis es auch nur bis zur Hüfte reicht. Endlich bin ich weit genug und kann schwimmen! Herrlich, nach der langen Strandwanderung durch die Hitze. Auf dem Rückweg allerdings gibt es plötzlich „aqua mal“, wie es auf Cuba hieß: Winzige, kaum sichtbare Quallen erzeugen ein unangenehmes Pieken auf dem Körper. Nichts gefährliches, aber nicht sehr angenehm. Trotzdem fühle ich mich nun etwas erfrischt.

Ein Ende des Strandes oder auch nur die Hochhäuser meines Viertels sind noch nicht in Sicht. Ich habe keine Lust mehr auf Wandern in der prallen Sonne. Ich verlasse d3n Strand und erreiche nach ein paar hundert Metern eine Hauptverkehrsstraße. Ich habe keine Ahnung, wo ich bin, aber es fühlt sich nach Backofen an. Ich entdecke auf der anderen Straßenseite eine dieser schicken neuen Einkaufsmalls. Küüühl! – suggeriert mein Gehirn.

Also Abstecher in die riesige Mall, die innen so gar nicht quadratisch, praḱtisch gut (oder vielleicht leicht geschwungen) ist wie in Deutschland. Eine bunte glänzende Shoppingwelt mit Rotunden, verschlungenen Gängen, bunten Rolltreppen und viel Glitzer. Ich schlendere ein wenig, dann fühle ich mich für den Heimweg gerüstet.

Draußen frage ich einen Polizisten(?), ob es hier Linientaxies in mein Viertel gibt. Ja, allerdings wohl genau in die entgegengesetzte Richtung als ich glaubte… Alles ganz schön verwirrend. Ich muss die 6-spurige Straße an der Ampel überqueren. Auch das ist wieder speziell: Ampelphasen dauern hier mindestens 2 Minuten, die verbleibenden Sekunden werden in großer Leuchtschrift heruntergezählt. Und nicht genug damit, am Zebrastreifen steht auf jeder Seite ein Verkehrspolizist (?) mit einer Kelle, der dann auf die Straße springt, um die Fußgänger rüberzulassen.

Ich verlasse das Songtaew etwas zu spät, ich habe die Gegend zu spät erkannt und eben zu spät geklingelt. Aber das ist kein Problem, ich schlendere ja ganz gern durch die abendliche Stadt.

Oh Gott -eine Fatamorgana! Restaurant „Treffpunkt„! Original Schnitzel und deutsche Wurst….kein Kommentar, schnell weg hier, sonst werde ich noch in ein Dirndl gesteckt!

In der flirrenden Uferstraße, in der auch mein Guesthouse liegt, gibt es etliche riesige Restaurants, die am Ende großer Piers liegen, die nur dafür ins Meer gebaut wurden. Sie sind relativ teuer, aber immer voll. Klar, die Aussicht auf das nächtliche Meer ist auch toll mit dem warmen Wind und all den blinkenden Lichtern. Ich habe mir unterwegs an einem Stand etwas zu essen gekauft, aber ich trinke noch ein Bier in einem dieser Piers.

Dann gönne ich mir noch eine dieser wunderbaren, wenn auch heftigen Thaimassagen – 300 Baht(ca 8 Euro) für eine Stunde. Müde uns zufrieden geht mein letzter Tag in Hua Hin zu Ende.

3 – Im Beiwagen durch Hua Hin

Die Mandarin Lodge hat einen hübschen kleinen Pool, zu dem eine kleine Bar gehört. Super: Frühstückskaffee am Pool. Sogar echten Espresso…..denke ich. Dann kommt die Ernüchterung, der Kaffee ist schauderhaft. Und ich kann ihn nicht mal stehen lassen, die nette Frau an der Bar beobachtet mich stolz!

Schnell stürze ich das Zeug runter und greife meinen Rucksack für den Tag unterwegs. Drei Ecken weiter gibts dann eine italienische Kaffeebar und Entschädigung für die Plempe im Hotel. Es ist schon wieder brutheiß und Scharen europäischer Rentner streiten sich um die TukTuks, um zum Strand zu fahren. Gut für die Fahrer, da wird nicht lange um die Preise gefeilscht.

Mein Plan für heute: ein Künstlerviertel, von dem ich gelesen habe, und später der große Strand von Hua Hin. Ich schleiche in der prallen Sonne die große Hauptstraße entlang in der Hoffnung auf ein Songtaew, das mich in die Nähe des Viertels bringt. Jede Menge Verkehr, aber kein Linientaxi. Ich schmelze und habe die Abgase satt. Plötzlich hält eine sehr dunkelhäutige ältere Frau mit einem verschrammten Motorrad mit Beiwagen (!) neben mir. Ein fast zahnloser Mund strahlt mich an:“Taxi?“

Ja, das gefällt mir. Das ist kurios. Ich frage sie nach dem Artist Village Baan Sillapin. Ja klar, kennt sie und über den Preis sind wir uns auch schnell einig. Also hiefe ich mich in den metallic blauen Beiwagen, werde mit einer Handvoll seltsamer Nüsse versorgt und ab geht die Post. Fahrtwind! Meine Köpertemperatur sinkt wohltuend.

Eine ziemlich lange Weile folgen wir der Hauptstraße nach Norden. Die Stadt zieht sich ewig hin. Vorbei an Einkaufsmalls, Hotels, irgendwelchen Firmensitzen, modernen Appartmentblocks. Und vielen Regierungs-und Militärgebäuden, die hier – wie überall – auf großen ummauerten Grundstücken stehen, die thailändische Fahne immer gehisst.

Die obligatorischen weißen Mauern sind immer mit gerafften gelben Stoffbahnen geschmückt – ich weiß, das dies die Farbe des Montags ist und der beliebte König Bumipol an einem Montag gestorben ist, aber ich kann mir nicht vorstellen, dass das imme damit zu tun hat. Jedenfalls gibt es zudem immer irgendwo einen gold- und glitzergeschmückten prunkvollen Rahmen, in dem ein überlebensgroßes Portrait des wenig beliebten neuen Königs – mal allein, mal mit Gattin, mal mit Mutter – prangt.

Maha Vajiralongkorn ist seit 2016 König und wegen diverser Skandale, seines totalitären Regierungsstils und seiner Demokratiefeindlichkeit ziemlich unbeliebt. Aber – er ist mit ca 70 Milliarden Dollar der reichste Monarch der Welt. Und- er verbringt dem Vernehmen nach einen großen Teil seiner Zeit in Bayern. Ach ja: und auf Majestätsbeleidigung – und sei es ein blöder Witz – steht hier Gefängnis.

Ich bin etwas ausschweifend geworden, aber irgendwie dachte ich, so viele Menschen fahren nach Thailand, aber nicht viele wissen viel darüber, so wie ich noch vor ein paar Jahren.

Zurück zum Ausflug. Nach ziemlich langer Zeit fährt meine wackere Taxibikerin links ran und erklärt mir gebärdenreich, dass sie wohl doch nicht weiter weiß…. Uups. Späte Erkenntnis. Also her mit google. Und siehe da: wir sind falsch und uns trennen ca 12 km vom Ziel. Was soll´s, wir starten neu und ich lotze sie. Ich kann ihr nicht böse sein. Sie ist wirklich ein Original und hat es nicht nur gegen die männlichen Kollegen hier bestimmt nicht leicht. Das Geld hat sie ganz sicher nötig. Und ich habe es nicht eilig – auch wenn der Weg nun mehr als doppelt so lang ist.

Endlich haben wir Baan Sillapin gefunden! Aber verwirrt sehe ich ein großes, staubiges, baumbestandenes Grundstück mit ein paar leeren Kiosken und 5 Statuen… Künstlerdorf?? Meine Fahrerin schaut genauso blöd wie ich und fängt gnadenlos an zu kichern! Schließlich kichern wir beide…. Aber ich steige doch aus und will noch mal in dem unscheinbaren Gebäude nachsehen. Ich bitte sie zu warten und mich zurück zu fahren.

Und es gibt sie doch, die Kunst im Künstler-Village! Das Gebäude ist größer als es aussieht und beherrbergt die Gallerie eines größeren Künstlerkollektivs. Die Ausstellung präsentiert in wilder Mischung nicht nur verschiedene Künstler, sondern auch krass unterschiedliche Kunstgattungen und -stile von martialischen Metallskulpturen aus dem Bereich der Metal Gear und Comic – Welt bis zu ganz traditioneller Malerei, Skulpturen und Schnitzkunst. Ziemlich verrückt, das Ganze. Und nicht etwa getrennt präsentiert, sondern alles hübsch vermischt. Aber spannend anzusehen. Und -ganz nebenbei – hier, wie an vielen Orten, hängt wieder das Bild des alten Königs.

Auf geht´s , zurück ins zentrale Hua Hin. Ich will an den Stadtstrand, der ziemlich lang sein muss. Diesmal gleich mit meinem Navi, denn meine tapfere Bikerin besitzt offensichtlich kein Handy. In kurzer Zeit sind wir diemal am Ziel. Ich steige aus, meine Fahrerin traut sich keine Summe zu sagen. Ich zahle einen guten Preis, was mir ein weiteres strahlendes Lächeln, eine Verbeugung und noch mehr Nüsse einbringt. War eben ein … anderes, schräges Abenteuer…

…und wie es weiterging, erzählt das nächste Kapitel….

2. Hua Hin – ein verpfuschter Anfang und ein happy end

Die Hitze lauert bereits vor dem Fenster, als ich ausgeschlafen habe. Obwohl ich nur einen Lichtschacht mit irgendwelchen Gerümpel sehe, statt des beworbenen  Meerblicks…. Ich habe gut geschlafen, bin aber auf Krawall gebürstet wegen der enttäuschten Erwartungen. Also begrüße ich die Rezeptionsfrau höflich und frage nach einem anderen Zimmer, das der Anzeige gerecht wird . Sorryyy, madaaaam. We are fuuull! This (bedauerndes Schulterzucken): booking-com-room…( erneutes Schulterzucken). Ich koche…

Ich erkläre ihr mein Problem mit dem krassen Unterschied von „gewählt und bekommen“, darauf bietet sie mir an, nur eine Nacht zu berechnen, wenn ich innerhalb einer Stunde ein neues Quartier finde und auschecke. Also stürze ich los, da ich sicher bin ich, dass das ein Leichteres sei bei den vielen Guesthouses und Hotels.

 Auf diese Weise absolviere ich eine erste Sightseeing Runde durch mein quirliges Viertel, das direkt am Meer liegt. Hunderte Massage-Salons, Restaurants, Maßschneider, die in kürzester Zeit neue edle Outfits schneidern, Galerien und sonstige Läden. Die kleinen Gassen sind mir irgendwie vertraut und symphatisch: bunt, etwas heruntergekommen, aber dann wieder liebevoll mit kunterbunten, oft goldglitzernden Hausaltären versehen. Überall stehen Fahrräder und Motorräder, Gerümpel stört hier sowieso niemanden. Früchte und Krabben werden auf Tüchern getrocknet, die kleinen frischen Blumengebinde für den täglichen Schutz machen alles fröhlicher. Und überall Katzen und friedliche Hunde.

Aber so richtig genießen kann ich es nicht, mir klebt alles am Leibe und meine Stunde läuft unerbittlich ab. Es ist nicht nur Hochsaison, sondern auch ein verlängertes Wochenende. Überall besetzt. Als ich es fast aufgeben will, finde ich ganz in der Nähe schließlich doch ein Guesthouse, die Mandarin Lodge.

Ein charmanter ladyboy an der Rezeption findet noch ein Zimmer: Ich sehe es und bin happy. Also zurück zum Hotel, auschecken in  letzter Minute. Als ich samt Gepäck wieder zurückkomme, ist die Chefin in der Rezeption: Sorry, mistake, this room is booked!….Waaas?? Aber sie kann mir ein sehr teures Zimmer für eine Nacht anbieten oder ein…etwas einfaches…. Also notgedrungen dann das einfache: groß, sauber, alt, dunkles Holz, keine Fenster, nur Läden. Brutheiß.  An der Decke bemühen sich altersschwache Ventilatoren schrappend um etwas frische Luft. Und das mir… Zugluft, oh Gott!

Egal, ich will mir den Tag nicht verderben lassen. Ich mache mich auf, um zu einer der Sehenswürdigkeiten Hua Hins -natürlich einem Tempel-zu fahren. Ich entscheide mich angesichts des chaotischen Verkehrs, kein Motorrad zu mieten, sondern mit einem Sammeltaxi zu fahren, einem Song Thaew. Man winkt es an der Strecke ab. Ich frage mich bis dahin durch und finde auch einen Platz in dem altersschwachen Modell.

Diese Beförderungsart ist super billig, hat aber den Nachteil, dass man wissen muss, wo diese Linientaxis langfahren und wo man ein- und aussteigen will. Es sind offene Pick Ups mit einem Sonnendach und zwei Bänken, aber meist sind sie so voll, dass auch hinten auf dem Einstieg noch Leute auf den Stufen stehen und sich gut festhalten müssen.

Das Auto ist nach kurzer Zeit knallvoll, hinten fallen die Leute fast runter, aber das regt keinen auf. Die Song Thaew sind ein demokratisches Verkehrsmittel: Einheimische benutzen sie genauso wie Touristen. Die hübschen bunten, laut knatternden und stinkenden TukTuks hingegen werden meist nur von Touristen genutzt. Oder man nimmt sich ein Taxi – die teuerste Variante.

Mein erstes Ziel ist der Tempel Wat Khao Krailart. Er liegt auf der Spitze eines bewaldeten kleinen Berges am südlichen Ende von Hua Hin. Rund 130 hohe Stufen muss man erklimmen, auf denen einem etliche Hunde und Katzen begegnen. Traditionell füttern die Mönche immer Streuner, die dann natürlich gern bleiben. Oben angekommen umfängt mich eine unglaubliche Stille, obwohl hier und da einige Mönche an den Gartenanlagen arbeiten.

Zum Tempel gehören mehrere Gebäude – alles kleine Tempel für sich. Bunt und gold glitzernd liegen die einzelnen Gebäude über die Bergkuppe verstreut, eine riesige Goldene Buddha-Figur blickt ins Tal. Es herrscht eine friedliche Stille, über der Anlage: Ein terassenförmiger Garten mit einem kleinen Teich, alte blühende Bäume, schlafende Tiere und immer wieder glitzernde Stauen und Tempelgebäude. Und zur Krönung: ein wunderbarer 360 Grad-Blick über Hua Hin und das Meer.

 Der Haupttempel ist gerade wegen des Gebets der Mönche geschlossen, aber ein anderer ist offen. Ich habe ihn ganz für mich und kann den farbenprächtigen Raum, den Blumen geschmückten Altar und die friedliche Stille auf mich wirken lassen. An den Wänden sind Gleichnisse und -zum Teil- blutrünstige, aber auch lehrsame Geschichten dargestellt. Gleichnisse, wie es es sie –  anders – auch in der Bibel gibt. 

Es ist herrlich kühl hier im Schatten, mein Körper erreicht wieder Normaltemperatur. Ich wandere noch ein wenig herum und  mache mich an den Abstieg. Gefühlt sind es jetzt wieder 40  Grad, schon wieder schweißüberlaufen wanke ich ins nächste Restaurant und kühle mich mit einer eisgekühlten grünen Kokosnuss ab. Wo ist der Strand?? Irgendeiner! Bitte!

Ich finde den nächstgelegenen nach 10 Minuten Fussmarsch: eine langgestreckte Bucht, feiner Sand, blaues Meer. Ich reiße mir die Kleider vom Leib, um endlich ins Wasser zukommen. Herrlich! Auch der Blick die Küste entlang könnte schön sein, wären nur diese riesigen Hochhäuser und hässlichen seelen- und stillosen Betonklötze nicht…

Ich bitte eine nette Französin, auf meine gesammelte Habe zu achten, später kommen wir ins Gespräch – wenn man das so nennen kann: sie spricht nicht deutsch, ich nicht französich. Aber irgendwie gehtś. Sie fragt mich, ob ich mit ihr noch mal in die andere Richtung spaziere, hinter den riesigen Felsen rechterhand. Mit T-Shirt und Badehose gehen wir los, was mir dann irgendwann etwas unangenehm ist, da sich zeigt, dass auf der anderen Seite der Fischereihafen und der Fisch – und Meeres Früchte-Markt liegt. Aber von diesen Ausländern erwartet man nicht viel Etikette oder vernünftige Kleidung von uns, trotzdem fühle ich mich unwohl.

Neben den unendlichen Ständen mit blubbernden Aquarien mit Fisch, Hummern, Austern, Muscheln, Langusten, Krabben und……und…. und , stehen hier auch einige kleinere Restaurants und Wohnhütten. 20 m weiter schützt eine gigantische Betonmauer die Bewohner und Touristen des strunzhässlichen grauen Edelbeton-Komplexes mit schicken Appartments deren Bewohner vor dem Pöbel. Furchtbar! Oder, wie die Französin sagt: Bizarre!

Am Ende des Marktes habe ich die Auffahrt zum Wat Khao Takiap entdeckt, einem weiteren bekannten Tempel auf einem von Affen bevölkerten Berg. Der Plan steht: Zurück zum Strand, nochmal abkühlen und auf zur zweiten Tempelrunde, auch wenn ich schon ganz schön müde bin.

Tapfer laufe ich an den allgegenwärtigen neugierigen und immer hungrigen Makaken vorbei, die den Tempelberg als ihr Terrain betrachten. Nicht anschauen, habe ich gelernt, das könnten sie als Aggression verstehen… und die Zähne sehen gefährlich aus…

Der Weg führt steil bergan, gesäumt von blühenden Bäumen: Beaugainvillea in vier Farben , weißblühenden knorrige Wüstenblumenbäume und manch anderes, was ich nicht benennen kann. Etwas japsend erreiche ich die Bergkuppe und damit die Tempelanlage. Der Haupttempel erstrahlt in weiß, gelb, rot und Gold und drinnen hört man die Mönche jene seltsamen Sprechgesänge singen, die nie zu enden scheinen.

Aber es gibt noch ein paar weitere bunte kleinere, offene Altäre, Tempel und eine riesigen Gong. Und: am Ende einer weiteren, endlosen Treppe gen Himmel thront ein weiterer weißgoldener Tempel auf der Spitze des Berges. Der ist allerdings geschlossen. Trotzdem schleppe ich mich hoch, weil ich weiß, dass dieser Punkt eine der schönsten Aussichten über das Land und das Meer bietet. Und der Himmel färbt sich bereits rosa, bevor die Sonne untergeht.

Nun ist aber genug Kultur: Ich habe Hunger! Und was läge näher, als gleich auf dem Fresh Seafoodmarket Kao Takiap zu speisen! Inzwischen ist es dunkel, die Fischerboote schaukeln schlafend auf dem Wasser und die fröhlich beleuchteten Restaurants einiger Händler haben geöffnet. Unendliche Reihen angestrahlter Becken mit lebenden Meeres-Bewohnern warten auf ihr Schicksal-nur die Fische sind schon tot. Alles andere gibt’s auf Bestellung. Lecker, aber auch gruselig.

Ich suche mir einen Tisch auf der Holzterasse direkt über den Becken, da kann ich alles beobachten. Mich reizen die Lobster und vieles mehr – aber nachdem ich vor 15 Jahren in Vietnam beim Tauchen neben einer Lobsterfarm vom Wasserschlucken eine schwere Vergiftung von all den Medikamenten und Antibiotika hatte, traue ich mich nicht mehr, so etwas in Asien zu essen. Es ist vermutlich Unfug und hier vielleicht auch anders, aber… nee, geht nicht.

Ich bekomme einen riesigen Snapper vom Grill, extra für mich gemacht, gestopft mit Ingwer, Lorbeer, Chili und Kräutern . Wunderbar! Pappesatt und zufrieden lasse ich mich von einem Motorradtaxi nach Hause bringen. Den Gedanken an das scheußliche neue Zimmer habe ich verdrängt. Und: es gibt noch Wunder: Die Hotelchefin des Mandarin Lodge empfängt mich strahlend mit der Neuigkeit, dass die erwarteten Gäste nicht angereist sind und ich das schöne Zimmer Nr. 4 haben kann!

Nach dem verpfuschten Tagesbeginn ist es also doch noch ein spannender, wenn auch anstrengender Tag geworden! Raatri sawasdi! Gute Nacht!

25 – Schlangen, Loris und Fledermäuse zum Abschied

Und ewig lockt der Dschungel… Uns bleibt nicht mehr viel Zeit, wie könnten wir sie besser nutzen als nochmal abzutauchen ins tiefe Grün! Obwohl Großstadtkinder müssen wir nicht darüber diskutieren, ob und wieviel Dschungel noch sein muss…:-)

Night-Trekking in den Urwald! Wir bekommen ein extra Briefing, damit wir gut vorbereitet sind: unbedingt eine Kappe, falls sich Tierchen von oben aus den Bäumen auf uns fallen lassen oder Frösche auf uns zu springen. Unbedingt lange Socken über die Hosen, vor allem wegen der Blutegel. Und natürlich hat jeder seine Lampe, denn der Urwald ist wirklich schwarz bei Nacht.

Dieki hat diesmal die Führung einem Freund überlassen und macht den Schlussläufer. Der Führer ist ein echter Dschungelspezialist für die Nachttrecks. Ipol ist alles andere als ein Durchschnittstyp…eher ein schräger Freak und das findet er wohl auch ganz gut. Aber: Niemand soll hier den Wald bei Nacht so gut kennen wie er – spezialisiert vor allem auf Schlangen und Reptilien.

Ipol ist ein eher schmächtiger kleiner Mann, der schon äußerlich Aufmerksamkeit erregt. Mit Gummistiefeln und Muskelshirt bekleidet, trägt er ein großes selbstgefertigtes Messer am Gürtel: eine scharfe, ziemlich gefährlich aussehende Eisenklinge an einem Knochengriff in einem Fellschaft. Um den Hals trägt er eine Kette mit verschiedenen Knochen, Kiefern und getrockneten Köpfen von Reptilien – er sieht aus wie ein Medizinmann mit seinen langen Haaren. Aber das klingt sehr nach Show – ist es aber nur zum kleinen Teil: Der Dschungel ist seine Welt, das spürt man sofort. Er hat sein ganzes Leben nichts anderes gemacht. Ipol, the Snake, arbeitet als Tierretter. Und er wird öfter als Spezialist angeheuert für Filmdokumentationen und Projekte – zuletzt für die Animal Rescuer auf Netflix.

Wir marschieren am Hotel los und sofort fängt Ipol an, die Tiere der Nacht zu suchen. Er leuchtet fast jeden Baum am Weg ab, und tatsächlich entdeckt er schon nach 15 Minuten die erste Schlange auf einem Baum. Nachdem wir eine der ziemlich wackeligen Hängebrücken über den rund 50m breiten Fluss überquert haben, um auf die Dschungelseite zu kommen, zeigt er uns alle paar Minuten Schlangen, Frösche, Chamäleons, Fledermäuse und anderes Getier in den Bäumen und Büschen, die wir wohl nie bemerkt hätten in der Finsternis mit ungeübtem Blick.

Als besonderen Vorführgag steckt Ipol sich eine zusammengerollte Viper in den Mund und lässt sie wieder herausschlängeln – ich kann´s nicht fassen, mir graust es. Er lacht und auf meine Frage, ob die Viper nicht giftig sei, antwortet er: Yes, but not so much!  Und grinst. Aber bei allem Unfug ist er wirklich ein Spezialist. Und er passt auf uns auf

Die gefährlichste und tödliche Schlange hier ist die Königskobra. Man hat nach einem Biss nur wenig Zeit, um zu überleben. Hier in der Gegend gibt es kein Gegengift – erst im 4 Stunden entfernten Medan. Vorher nur eine 1. Hilfe-Station, die den betroffenen Körperteil abbindet. Ipol weiß wovon er spricht. Er wäre vor einigen Jahren fast gestorben, als er gebissen wurde. Er konnte nichts mehr sehen, nicht mehr atmen, war bewusstlos – aber es gab nirgends das teure Gegengift. Ein beherzter Arzt hat ihm ein Stück aus dem betroffenen Arm herausgeschnitten und wunderbarer Weise hat Ipol überlebt – mit einer großen Narbe als Andenken.

Also – auch wenn es zuerst nicht den Anschein hat bei seinen Mätzchen, wird sehr schnell klar, dass er die Gefahren ernst nimmt und sehr genau schaut, wenn er vor uns durch den schwarzen Dschungel streift. Und er sieht alles! Wir profitieren davon. Wir treffen unterwegs eine andere Gruppe, als wir uns während eines Regengusses unterstellen müssen, die hat kaum etwas gesehen. Wir haben zu diesem Zeitpunkt bereits 22 Schlangen gesehen, ein paar FröscheEidechsen, Geckos und ein Chamäleon bewundert. Die Orang Utan schlafen allerdings nachts oben in ihren Nestern in den Baumkronen. Die anderen Affen haben sich auch unsichtbar gemacht. Es ist ein verrücktes Gefühl – man ist in der absoluten Dunkelheit, sieht nur, was man anleuchtet, aber da ist der Sound des Dschungels, der Geruch und die absolute Gewissheit, dass man niemals allein ist.

Mein größter Wunsch war es, Loris zu sehen, diese katzenartigen Halbaffen mit den riesigen, im Dunklen leuchtenden Augen. Ipol sagt, dass das nur noch selten klappt, weil sie sich tief in den Dschungel zurückgezogen haben. Grund dafür ist, dass es einen Markt für die possierlichen Lori-Jungen gibt, die manche Leute als Haustier haben wollen. Ein business … Die Jäger knallen die Mütter ab, um an die Jungtiere zu kommen, der Schwarzmarkt blüht….

Es ist schon spät, als Ipol plötzlich doch ein Lori hoch oben in einer Baumkrone entdeckt. Ohne seine Augen könnte man es kaum sehen. Wenn es in unsere Richtung schaut, ist es, als würden zwei kleine Scheinwerfer eingeschaltet! Unglaublich. Die Loris bewegen sich extrem langsam. Da wir es einmal entdeckt haben, können wir auch seine eigenartige Art sich fortzubewegen erkennen. Ich bin total glücklich! Mein Traum: Ich habe ein Lori gesehen! Alle sind happy, Ipol ist stolz!

Nach rund vier Stunden machen wir uns auf den Rückweg. Aber Ipol nimmt uns vorher noch mit zu seinem Haus im oberen Dorf, um uns eine Kobra zu zeigen, die er gefangen hat.  Alle im Dorf kennen den Schlangenmann und seit er hier ist, erschlagen sie die Tiere, die sich aus dem Urwald hierher verirren, nicht mehr, sondern holen ihn. Er fängt die Tiere und setzt sie dann wieder im Dschungel aus. Das neuste Fundstück hat er in zwei dicken Plastiksäcken eingesperrt. Er lässt die wütende Kobra auf der nächtlichen Dorfstraße frei, damit wir sie sehen können. Stinksauer zischt sie und richtet sich auf! Unheimlich! Aber geschickt fängt Ipol sie wieder und sie verschwindet im Sack. Puh.

Es ist nach Mitternacht, als wir wieder in unsrem Zimmer sind. Noch ein kleines Weilchen auf dem dunklen Balkon dem Sound des Dschungels lauschen und alles revue passieren lassen… So ein spannender Abend!

Unser letzter Ausflug führt uns zur Fledermaushöhle, Bat Cave, die auch im Dschungel liegt, aber nicht sehr tief. Eine knappe, schweisstreibende Stunde zu Fuss, zunächst durch das Dorf, das sich endlos am Fluss entlang schlängelt. Wieder einmal wundere ich mich, dass bei den schmalen Wegen, die das Dorf durchziehen, nicht mehr Unfälle passieren. Ewig brummen die Motorräder hier entlang, mitten durch spielende Kinder, Hühner, Katzen, Hunde, Fußgänger. Viele kleine Restaurants hoffen auf Kundschaft – allerdings ist die Auswahl an Speisen sehr begrenzt – fast überall dasselbe Angebot. Und in vielen Auslagen steht ungekühlt das fertige Essen. 

Am anderen Ufer geht es dann weiter – durch Palmöl-Plantagen. Kurz bevor der Dschungel beginnt, indem der Höhleneingang liegt, gabelt uns ein Führer auf – der Kampf um Kundschaft ist hart , vorallem jetzt in der Regenzeit, wo es nicht so viele Touristen gibt. Da man nicht allein in die Höhlen darf, die zum Nationalpark gehören, engagieren wir ihn. Eine gute Entscheidung, er ist ein guter und sehr sympathischer Führer.

Um in die Höhlen zu kommen, müssen wir einen kurzen, aber steilen Anstieg über Felsen, Wurzeln und grobe Stufen bewältigen. Prima Chance, sich am letzten Tag noch ein Bein zu brechen. Aber alles geht gut und wir erleben noch eine spannende, nicht ganz einfache Klettertour durch die drei Fledermaushöhlen. Klaustrophobie darf man nicht haben. Es ist zum Teil stockfinster, ohne Lampe ginge nichts, aber zwischendurch fällt immer wieder man von oben Licht aus Felsöffnungen herein. Es sind herrliche Ausblicke in den Dschungel über uns.

Hunderte von Fledermäusen verschlafen hier den Tag, wie es sich für Drakulas Familie gehört. Sie flattern ein bisschen genervt, wenn man sie anleuchtet. Die Klettertour führt zum Teil durch sehr enge Spalten und über spitze Felsen, aber unser Führer zeigt genau, wo welcher Fuß aufgesetzt werden muss – das macht er super. Nur nicht einfach mit der Hand an den Wänden abstützen ohne vorher genau zu leuchten, es gibt Spinnen und Skorpione! Klingt aber gruseliger als es sich angefühlt hat. Es hat wirklich Spaß gemacht!

Eine Woche Bukit Lawang. Es ist unser letzter Abend und wir wollen mit Dieki & Friends zusammen essen. Wir haben uns gewünscht, zusammen mit ihnen in dem Restaurant zu essen, wo unser Obstkünstler Dedek kocht. Es liegt einige Kilometer entfernt am anderen Dorfende. Wieder werden wir mit den unverzichtbaren Feuerstühlen abgeholt, in diesem Falle ist es beruhigend, dass die Jungs nicht trinken. Es ist schon so ein wilder Ritt durch die Nacht. 

Wir essen Curry mit Huhn und Kokossoße, Chicken Satè mit Erdnusssoße und Gado Gado (scharfes Gemüse). Und ehrlich – es ist das beste Essen, was wir in Bukit Lawang bekommen haben! Wir bekommen sogar Bier dazu. Und wir haben jede Menge Spaß zusammen! Was für ein schöner Abschied nach einer spannenden Woche im Urwald von Bukit Lawang, Sumatra, Indonesia!

Selamat tinggal – Auf Wiedersehen!?

23 – Das große Ereignis: Hochzeit Java Style

Es ist einfach toll, irgendwo auf der Welt Menschen zu treffen, die so ganz anders leben als man selbst und trotzdem eine Verbindung zu spüren. So geht es uns mit unseren Guides – speziell Dieki. Wir haben nicht nur das Glück, dass er ein kluger und kundiger Führer im Dschungel ist, sondern da ist außerdem viel Sympathie im Spiel, Altersunterschied hin oder her. Außer über das  Leben im Dschungel haben wir auch viel über unsere Leben geredet.

Das Leben hier in Sumatra ist anders als in Bali. Wieder eine neue fremde Welt. Wäre da nicht dieselbe Sprache, könnte es ein anderes Land sein. Was die Menschen gemeinsam haben, ist ihre ehrliche Freundlichkeit, das Lächeln, den respektvollen Umgang. Den Unterschied aber macht die Religion: Waren in Bali die meisten Menschen Hindus, ist die absolut überwiegende Mehrheit hier muslimisch.

Das wird sofort am Flughafen in Medan augenfällig und auch das Straßenbild ist ein ganz anderes, nicht nur wegen der vielen kleinen und größeren Moscheen überall. Am augenscheinlichsten wird es bei den Frauen: Fast alle tragen ein Hidjab und einfarbige Kleidung, die Arme und Beine bedeckt. Manchmal sogar schon die kleinen Mädchen. Es gibt hier auch Frauen, die den bodenlagen schwarzen Tschador tragen, der nur die Augen freilässt. Viermal am Tag wird von den Muezzin der umliegenden Moscheen lautstark Allah gepriesen.


Auf den Speisekarten steht natürlich kein Schweinefleisch und in etlichen Restaurants auch keinerlei Alkohol. In unserem Jungle Inn Guesthouse ist sogar das Trinken von Alkohol im Zimmer verboten. Das geht uns dann doch zu weit… abends auf unserem herrlichen Balkon, mit Blick auf Dschungel und den Fluss, erlauben wir ins dann doch ein eingeschmuggeltes Bier.

Dennoch wird man als Nicht-Muslim überall ganz selbstverständlich respektiert und freundlich behandelt, das soll hier unbedingt gesagt werden.
Auch „unsere Jungs“ sind Muslime, selbstbewusst, locker und souverän beantworten sie auch Fragen nach religiösen Dingen. Diese gegenseitige Sympathie ist sicher der Grund dafür, dass wir etwas Besonderes erleben dürfen: Wir werden zu Diekis Hochzeit eingeladen. Offiziell geheiratet hat er schon ein paar Tage zuvor, aber die Feierlichkeiten stehen noch aus. Also – spannend! Und… um es vorwegzunehmen, was ich nun im Folgenden erzähle – das ist mir bewusst – ist unbedarft, fehler- und lückenhaft und oberflächlich. Aber ich kann nur beschreiben, was ich sehe oder höre – bruchstückhaft. Aber es ist so ein tolles Erlebnis, dass ich es einfach weitererzählen möchte und sei es auf diese schlichte Weise.

Pünktlich halb zehn werden wir von zwei Freunden von Dieki mit Motorrädern abgeholt und zum Sammelpunkt von Dikies Familienmitgliedern – dem Restaurant seines Vaters im oberen Dorf – gefahren. Hier tummeln sich jede Menge Leute aus der Verwandtschaft: Männer, Frauen, Kinder in festlichen Kleidern – Muslimstyle. Alle warten essend, Tee trinkend und schwatzend darauf, dass es losgeht.

Nun bekommen wir kurz Dieki zu sehen, der umwerfend aussieht: Er hat wunderschöne traditionelle Kleidung an mit viel Gold, Rot, Gelb und Schwarz, die Fingernägel sind rot lackiert. Er zeigt nun doch Nerven, wirkt ganz ungewohnt ernst und wird kurz darauf, nach einem Foto im Kreise seiner Tanten, weggebracht. Nun wird ein Konvoi aus überfüllten Autos und Motorrädern zusammengestellt, in den alle hier versammelten Gäste verfrachtet werden. Los geht s ins untere Dorf von Bukit Lawang.


Hier gibt es einen großen freien Platz an der Straße – Lehmboden von einem Blechdach überdeckt: Festplatz für alle Anlässe, vor allem Hochzeiten. Bei Bedarf wird er dann von den Familien hergerichtet. Diesmal wurde er mit Dutzenden Plastiktischen und Stühlen ausgestattet und hat ein festliches Eingangsportal mit wunderschönen weißen Blumenketten erhalten, durch das später die Brautleute und ihre Familien schreiten werden. An der hinteren Wand gibt es eine lange, schmale Bühne, die Wand ist geschmückt und mit den Namen des Brautpaares beschriftet: Dieki & Kethlin. Zwei thronartige Sessel warten auf das Brautpaar, flankiert von vier weiteren Lehnstühlen. Schalen mit Blütenblättern, Reis und Räucherstäbchen stehen bereit. Alles sehr oppulent.

So ganz im Gegensatz zu dem eher super schlichten Platz mit den Tischen für die Gäste. Einfache weiße Plastiktische und Stühle und zwei improvisierte Essensausgaben, ebenfalls aus Plastikmöbeln, mit Plastiktellern und Bestecken. Ein paar Plastikblumen – das war dann auch schon alles an Tischschmuck.
Es wuselt nur so von Menschen, die meisten Gäste tragen traditionelle Kleidung, fast alle Frauenlange hellgrüne, hellblaue oder rosa Kunstseide-Kleider mit Pailletten oder Perlen, dazu das Kopftuch – manche auch ganz verhüllt in Schwarz. Aber das sind die wenigsten. Außer uns „Ausländern“ ist nur noch eine Amerikanerin eingeladen. Alle hier sind offen und freundlich zu uns, helfen, erklären, wenn wir nicht weiterwissen.

Wir dürfen auch hinter der Bühne in den „Arbeitsbereich“, wo von vielen fleißigen Frauen und einigen Männern den ganzen Tag über das Essen zubereitet wird – über viele Stunden, immer wieder Nachschub. Dutzende Frauen sitzen auf Planen am Boden und schnibbeln Kräuter und Gemüse, machen Salat, andere kochen, die Männer schüren das Feuer und tragen schwere Sachen herum.

Drei Kühe wurden gekauft – ein sehr besonderes Essen, denn Rindfleisch ist für die Menschen hier ein Luxus. Es gibt geschmortes Rindfleisch, Gemüse, Reis, Suppe, Krupuk und einen sehr leckeren Obstsalat mit frischem Chili – alles auf einem Teller, dazu Löffel und Gabel – wie üblich. Einige essen auch mit der Hand. Für uns immer ein ungewohnter Anblick – oder – wie der Berliner sagen würde: Mit alle Fünfe inner Pampe… Dazu gibt’s natürlich Wasserschälchen für die Finger. Für unsere Vorstellung von Hochzeitsmenü ist es ein eher bescheidenes Essen. Holen muss es sich jeder selbst, hier gibt keine Bedienung. Dazu gibt’s klares Wasser und als Variante Wasser zuckersüß in rot oder grün. Nicht mal Saft oder Cola.


Aber ich greife vor – das Essen beginnt natürlich erst nach dem festlichen Einzug der Brautleute. Die Hochzeit wurde nach traditionellem javanischen Ritual ausgerichtet, Diekies Familie kommt aus Java.

Die Braut, Kethrin, ist zuerst da mit ihrer Familie. Sie selbst ist ein Kunstwerk! Nicht nur wegen des unglaublich aufwendigen Kleides aus besticktem Brokat, mit Hose und einem glitzernden Kopfschmuck mit goldenen Strahlen. Ihr Gesicht ist extrem stark und exotisch geschminkt, wie sonst bei den berühmten klassischen Tänzerinnen. Einfach ein Gesamtkunstwerk. Unglaublich! Ich hätte sie nie wiedererkannt! 

Dann geht’s zur Bühne. Auf den Stühlen rechts und links haben die Eltern Platz genommen, anstelle von Diekis Mutter, die schon tot ist, eine Tante. Die Brautleute knien abwechselnd vor beiden Elternpaaren nieder, küssen ihnen die Hände, lassen sich segnen und bedanken sich bei ihnen. Dazu singt, die ganze Zeit über eine Lautsprecheranlage verstärkt, die Hochzeitssängerin mit einem Frauenchor – ehrlich gesagt für unsre Ohren sehr anstrengend. Und das geht noch Stunden so weiter…


Anschließend nehmen die Brautleute auf den „Thronen“ Platz. Über Stunden treten nun immer neue Gratulanten zu ihnen, die ewig anstehen und das Paar mit Blumen und Wasser und Räucherstäbchen segnen und ihnen ihre guten Wünsche vortragen. Das arme Brautpaar muss jedes Mal danach aufstehen für die unvermeidlichen Fotos. Ich weiß nicht, wie die das aushalten in dieser Hitze! Geschenke werden irgendwo anonym gesammelt, gern auch Geld, um das alles hier zu bezahlen.

Ich trage nur ein leichtes Sommerkleid und bin völlig erledigt. Die Brautleute haben fünf opulente Outfits im Laufe der Stunden zu präsentieren – alle so kunstvoll und wärmend. Erst am Abend dürfen sie etwas Moderneres, Lockeres anziehen – das erleben wir nicht mehr, wir sind nach vier Stunden fix und fertig bei der Gluthitze und ziehen uns diskret, aber verständnisvoll entschuldigt, zurück.


Diekie ist offensichtlich besonders bekannt und beliebt hier– entsprechend groß die Zahl der Gratulanten, allerdings hatte selbst er wohl nicht mit -letztendlich- 2200 Menschen gerechnet!! Er ist noch Tage später beeindruckt.


Am Nachmittag treten auf einer zweiten Bühne auch der Bürgermeister und ein weiterer Sänger auf. Am Abend dann – im lockeren Teil – hat eine Band gespielt, Freunde von Diekie, extra aus Medan angereist. Die letzten Stunden feiert die Familie (immer noch groß) im engeren Kreis. Wir hätten wiederkommen dürfen, aber ehrlich gesagt, waren wir völlig kaputt. Diekies Freunde, Dedek und Kittin, haben uns die ganze Zeit betreut und den Fahrdienst gespielt.

Ein tolles Erlebnis! Aber ich bin froh, dass ich dereinst mit „nur“ einem Kleid und 10 Gästen heiraten durfte…
Den Rest des Tages verbringen wir erschöpft und inspiriert in unseren Hängematten auf dem Balkon mit Blick auf Fluss, Urwald und dem Besuch des alten Affen mit dem furchteinflößenden Gebiss, der schon ein paarmal unser Obst geklaut hat. Aus dramaturgischen Gründen habe ich diesen Tag vorgezogen, der umrahmt war von zwei weiteren Trekkings, von denen ich im nächsten Block erzählen werde…