Stress im Paradies

Auch das Leben in einer so beschaulichen und ausgesprochen entspannten Kleinstadt wie Chapada kann anstrengend werden. In den drei Tagen hier habe ich zumindest zwei Gründe dafür ausgemacht. Zumindest gelten sie für Nicht-Brasilianer.

Der erste Grund ist ein rein bürokratischer. Die brasilianischen Banken haben im vergangenen Jahr offensichtlich beschlossen, es Touristen möglichst schwer zu machen, ihr Geld auszugeben. Schon im reichen Staate Sao Paulo gab es dieses Mal ungekannte Probleme mit dem Geldabheben bei einigen Bankautomaten.

Aber hier in Mato Grosso erreicht das Problem existenzielle Ausmaße, wenn man ohne allzu viel Bargeld, mit ausländischen Kreditkarten ausgerüstet anreist: Viele Kartenleser akzeptieren die Karten nicht und sogar die zwei ortsansässigen großen Banken Bradesco und Banco do Brasil rücken nicht einen Real für notleidende Touristen heraus. Nix. Null. Nada.

Da ist Einfallsreichtum und Vertrauen der Menschen aus spätere Überweisungen gefragt. Eine unserer Führerinnen hat und im tiefen Vertrauen auf unsere Ehrlichkeit auf Vorkasse gearbeitet und uns die nicht eben geringen Eintrittsgelder in die oft auf Privatland liegenden Naturattraktionen bezahlt. Ein anderer erfolgreicher Coup ist beim Tanken gelungen. Die Tankstelle, die erstaunlicherweise noch ein Ausländer nicht ablehnendes Kartenlesegerät hatte, hat uns für die Tankfüllung fast den doppelten Preis abgebucht und den Rest in echten Real ausgezahlt. Juhu! Wirklich lästig, das Problem. Und der viel bejammerten brasilianischen Krise dürfte es auch nicht eben zuträglich sein, wenn die Touristen daran gehindert werden, Geld auszugeben.

Der zweite Stressfaktor ist eher ein Mentalitätsproblem: schön Feiern ist hier gaaanz laut Feiern. So wurde mein Blogschreiben am Samstagabend zur Nervenprobe. Da unser Zimmer wenig anheimelnd und mehr oder weniger möbelfrei ist, haben wir uns in ein Restaurant am Platz vertagt. Sah alles ganz nett aus: Caiprinha, warme Nacht, flanierende Menschen. Es war aber Samstagabend…. Das heißt hier: Ausgehzeit für alle, das große Aufrüsten setzte just eine halbe Stunde nach unserer Ankunft ein.

Überall wurden plötzlich Mikrofone und Lautsprecher aufgebaut. Dazu muss man wissen: am Platz sind viele Restaurants direkt nebeneinander. Aber jedes einzelne hat seine eigene Live-Musik, natürlich draußen. Und die ist nur dann gut, wenn sie laut ist. Die Kakophonie von allen Seite ist wirklich beeindruckend. Aber – die Leute hier finden das total in Ordnung.

Ich doofes Weichei dagegen habe die letzten Zeilen mit dröhnendem Schädel geschrieben. Hätte gern noch was getrunken und einfach dagesessen, aber die Kopfschmerzen hatte ich schon ohne Alkohol. Also Flucht in unsere außerhalb der Stadt in der Pampa liegende Pousada.

Endlich Ruhe, bitte! Ich war kurz davor Amok zu laufen, als wir dort ankamen und auf dem einzig bebauten Nachbargelände, was es dort in hundert Meter Entfernung von unserem Bungalow gibt, eine Hochzeit gefeiert wurde! Mit Live-Band! Und einer riesigen Soundanlage! Die Bässe allein haben unser Bett in Schwingungen versetzt. Sogar die Hunde hatten sich verkrochen.

Aber erstens kann man sich bei so einem großen Fest nun wirklich schlecht beschweren und zweitens ist das mit dem Beschweren in Brasilien auch noch so ein Problem, dass ich schwer erklären kann. Erstens kommt Beschweren gleich nach Beleidigen und man tut es fast nie und zweitens kann es bei den falschen Leuten mit entsprechend hitziger Mentalität auch sehr handgreiflich ausgehen. Irgendwann bin ich dann ins Lärmkoma gefallen.

Aber mit aufgehender Sonne und Papageiengeschnatter hatte ich Brasilien dann auch wieder lieb…Und nächstes Mal gibt es auch wieder schöne Geschichten.

Und wenn dann auch noch das Internet mal nicht auf Sparflamme läuft, sogar Fotos….

Weiße Gischt vor Dunkelgrün

Der Wetterbericht hat Übles angekündigt….umso größer die Freude beim Öffnen unseres Metallfensters (!!) als nur leichter Morgennebel wabert und dahinter blauer Himmel lauert. Wir haben einen Guide für heute engagiert ( wie ist eigentlich die weibliche Form? GuidIN?) . Das Programm ist offengelassen, wegen des Wetters entscheiden wir uns für die Wasserfalltour und verschieben die Höhlen auf morgen. Frühstück gibt’s ab sieben (theoretisch), wir wollen allerspätesstens halb acht los (theoretisch). Aideé, unser Guide wollte vorher anrufen, für welches Ziel wir uns entschieden haben (theoretisch). Halb acht im Frühstücksraum schaut mich die nette Köchin erschrocken an – sie ist gerade mit den Einkäufen eingetroffen…ok, tudo bom – alles gut, ich warte halt draußen auf den Anruf, der nicht kommt, trage Sonnencreme und Mückenprotektion auf (ätsch, Zika) und warte weiter. Schließlich gibt’s Frühstück, die Köchin ruft derweil um acht endlich die Guide an, die plötzlich feststellt, dass sie ja noch bei der Nationalparksverwaltung unsere Voucher kaufen muss. Pässe holen, Daten schicken, warten. Ein Stündchen. Hallo Brasil! Ich bin viertel nach sechs aufgestanden, damit um neun endlich was passiert. Immer noch zu deutsch. Aber immerhin – es regt mich in keiner Weise mehr auf und wundert mich auch nicht wirklich. Verabredungen sind lose Vorplanungen…

Aidée ist eine ziemlich schräge, drahtige 61jährige mit Panamahut und einem dreifachen Chaos- Gen, aber nett. Mit einem brasilianischen Paar brechen wir schließlich zu unserem Wasserfall-Abenteuer auf.

Im wieder geöffneten Nationalpark erfahren wir nun auch, warum gestern geschlossen war: die brasilianische Regierung kann die Angestellten nicht mehr bezahlen und wollte den Park schließen. 33.000 Hektar – einfach sperren. Doch die Guides der Gegend sind Amok gelaufen und dürfen sich nun um alles kümmern – ohne Geld, aber immerhin verlieren sie nicht ihre Touren und damit ihre Existenz. Hallo Angie – das sind doch mal Ideen, oder? Einfach keine Gehälter mehr zahlen, dann wird sich schon wer finden, der´s umsonst macht…!

Gleich als erstes bewundern wir von oben den berühmtesten Wasserfall der Chapada, Veu de Noiva, das circa 90 Meter hohe Postkartenmotiv, das schon fast ein Synonym für den Nationalpark geworden ist. Er krönt das Ende eine gigantischen Tals, das sich 35 Kilometer nach Westen erstreckt, fast bis Cuiabá. Seinetwegen muss man 70 km fahren, weil dieser tiefgrüne Super-Canyon unüberwindlich ist. Was für Dimensionen! Man fühlt sich ziemlich winzig dagegen. Verrückte Vorstellung, dass Tal und 100 Meter hohe Felsen mal der Meeresboden gewesen sein sollen.

Danach geht’s auf schmalen Pfaden weiter durch die Serra, die Wildnis hier oben auf dem Dach der Chapada (Hochebene). Für diese Art von Vegetation gibt es im Deutschen keine Bezeichnung, weil es diese Form so nicht gibt. Kein Wald, keine Heide, kein Urwald… eben Serra.

Eine offene Wildnis mit viel Grün, aber nur relativ wenigen Laubbäumen. Dichtes Gestrüpp, unendlich viele Pflanzen, deren Namen ich nicht mal ahne, Orchideen, Obstbäume, wilde Ananas, der komplette Heilpflanzengarten der Schamanen der Indios. Steiniger Boden, aber trotzdem fruchtbar. Hier sollen unglaublich viele Tierarten leben, von Schlangen bis zu Affen und sogar Jaguaren. Außer den Papageien und den Eidechsen halten die sich aber während der sieben Stunden Öffnungszeit des Parks von den trails fern. Und überhaupt gibt’s hier nur Ökotourismus, nur auf wenigen Wegen, nur in kleinen Gruppen, nur mit Guide. Das ist auch gut so, sonst wäre das bald ein Riesenmüllkippe.

Begeistert essen wir von den wilden Früchten, die uns Aideé offeriert: Mangaba und große, klebrige, aber extrem leckere Fruta do Conde. Die beiden jungen Brasilianer rühren nichts an – kommt ja nicht aus dem Supermarkt. Wie drei Altsemester stapfen munter durch Hitze und Geröll bergauf und -ab, das junge Paar jammert: heiß, weit, wann sind wir denn da….

Aber es lohnt die Mühen: Auf den sechs Kilometern gibt es insgesamt sechs Wasserfälle. Ganz kleine, ein paar mittlere, und einen großen – aber jeder auf seine Weise schön. Genüsslich baden wir in vier dieser paradiesischen kleinen Seen unter dem rauschenden Wasser. Einer der Wasserfälle hat sogar einen natürlichen kleinen Whirlpool. Verrückt. Alles inmitten von überhängenden Bäumen, Blumen und Felsen.

Wir haben Glück mit unserer Tour, wir erwischen fast alle Wasserfälle ganz allein und verschwinden, wenn andere, meist auch etwas größere und lautere Gruppen auftauchen. Am schönsten ist der letzte Wasserfall, Andorinha. Fünfzig Meter hoch. Man muss einen beschwerlichen Abstieg auf sich nehmen (mittlerweile ist es Mittag und die Hitze fühlt sich nach Backofen an), mit Aussicht, danach alles wieder hoch auf´s Plateau klettern zu müssen. Aber wir bedauern es keinen Moment: es ist einfach wunderschön. Wir toben ein bisschen im Wasserbecken unter der Wasserfall herum, faulenzen auf Steinen und Sandbänken und genießen den schönen Tag. Einfach ein MUSS für jeden, der in die Chapada de Guimarães kommt.

Hungrig, müde und medium gegrillt beschließen wir die Tour. Aidée lotst uns ein paar Kilometer weiter in ein Fischrestaurant mit See, das nur am Sonnabend geöffnet hat, das „Pesque&Pague“. Wir teilen uns ein Gericht – zum Glück, wie schaffen nicht mal zu zweit alles. Ein berühmter Fischteller der Region „Peixada cuiabana“. Zwei Sorten Fisch, gegrillt und gekocht mit Yucca, Reis, Tomaten-Vinagrete (Salat), eine Art Fisch-Soßen-Puree (Pirao) und Farofa com Banana – das ist gebratenes Maniokmehl mit Bacon und Kochbananenstückchen – eine Delikatesse! Puh – und das alles nach der anstrengenden Wanderung. Ich hätte mich am liebsten gleich unter dem Tisch schlafen gelegt! Aber: einfach großartig.

Als Zugabe bringt uns Aideé noch gratis zu einem berühmten Aussichtspunkt, der auf Privatgelände liegt, Morro dos Ventos. Noch einmal ein beeindruckender Ausblick über das grüne Tiefland und die Bergrücken auf dem Weg dorthin. An unserer Felswand stürzt ein Wasserfall bestimmt hundert Meter in die Tiefe. Durch das Fernglas kann man am Horizont sogar die Skyline von Cuiabá erkennen.

Nun reicht´s aber mit Eindrücken für heute – Speicher voll. Ich will nur noch Kaffee an der Praca von Chapada, statt Abendessen später eine Portion Acai und mit einem Bier ins Bett.

Chapada dos Guimarães – Felswände und viel Wasser

Die Fluginformation hat es verraten: unter uns liegt nun Mato Grosso. Schier endloses Grün und viele (wirklich viele) Flüsse, die sich wie Schlangen durch das Land ringeln. Manche mit Flussarmen, die sich in filigrane Muster aufsplitten, andere ockergelb und breit. Überall kleine Seen. Es ist nicht zu übersehen, dass das Wasser hier das Land im Griff hat. Oft als Sumpfland: das Pantanal.

Wir haben einen kleinen Umweg genommen, wohl wegen der Gewitter, die vorausgesagt waren. Schließlich landen wir auf dem Flughafen Cuiabá. Alles recht übersichtlich, die Ankommenden und Abfliegenden rennen relativ unkontrolliert am Rande der Landebahn durcheinander, aber irgendwie kommt jeder dahin, wo er will. Genau genommen gehört der Flughafen nicht zu Cuiabá, sondern er liegt in Varzea Grande, einer kleineren Stadt neben Cuiabá – so wie Potsdam neben Berlin.

Schon leicht erledigt von einem relativ anstrengenden Reisetag schwingen wir uns ins Mietauto und hoffen auch ohne vernünftige Karte (die nicht aufzutreiben war) den Weg an Cuiabá vorbei zur Chapada de Guimarães zu finden. Dass Cuiabá eine Großstadt ist, war mir wohl bewußt, aber wieder zeigt sich, dass dieses Land andere Dimensionen hat: es ist eine riesige Stadt, deren Skyline sich vor uns ausbreitet: riesige Hochhäuser ohne Ende. Ünd offensichtlich boomt die Stadt, denn überall schießen neue Riesen aus dem Boden.

Irgendwie finden wir den Weg aus der Stadt zur Chapada dos Guimarães, einer gigantischen Hochebene, die zum größten Teil Nationalpark ist, bekannt für seine Canyons, Felsformationen, Wasserfälle und Höhlen. Das Land auf den Weg dahin ist endlos weit und leicht hügelig. Die Vegetation besteht überwiegend aus mittelgroßen, aber oft ausladenden Laubbäumen und allen Arten von Buschwerk.

Bei einbrechender Dunkelheit erreichen wir die Chapada, die sich plötzlich aus der Erde zu erheben scheint. Ein toller Anblick, auch wenn nicht mehr allzu viel zu sehen ist.

Wir haben ein Zimmer in einer Pousada etwas außerhalb der Stadt Chapada: eine weitäufiges Gelände mit ein paar einfachen Bungalows, noch einfacheren Zimmern (…) und zwei lustigen jungen Hunden.

Nach kurzer Suche, finden wir in der etwas verschlafenen, aber ganz relaxten Stadt Chapada, die gut 18.000 Einwohner hat (also für brasilianische Verhältnisse fast ein Dorf) ein einfaches, aber beliebtes Restaurant mit dem landesweit beliebten Buffet. Nach einem leckeren und sehr reichhaltigen Abendessen mit Fleisch, Fisch, Reis, Gemüse und Feijão tropeiro, einem typischen Essen, das aus schwarzen Bohnen mit Speck und Maniokmehl besteht, trollen wir uns müde in unser Bett.

In der Nacht schüttet es – am Morgen regnet es noch immer und alles ist in Nebel gehüllt. Aber während des Frühstücks hört der Regen auf. Aus den wagen Plänen, die wir für heute hatten, wird nichts – aus unerfindlichen Gründen hat plötzlich der Nationalpark geschlossen. Keiner weiß, warum. Die meisten Attraktionen liegen dort. Aber immerhin gibt es zwei kleinere Wasserfälle auf Privatland und einen berühmten Aussichtspunkt.

Unser Weg dahin führt aus der Stadt, vorbei an einer Favela. Ich kann immer nur schwer begreifen, warum die Bewohner so gar nichts tun, um ihr kleines Ziegelhaus nicht wenigstens verputzen, anstreichen oder den Müll vom Grundstück räumen. Ich weiß, dass es so ist, dass da jeder Antrieb und jedes Interesse fehlt (Hauptsache ein großer Fernseher auf dem nackten Boden), aber trotzdem fällt es mir immer wieder schwer nachzuvollziehen, wieso das so ist. Arroganz der ersten Welt – sicher. Aber Ignoranz hier – sicher auch.

Unser Weg führt über eine rote Lehmstraße, die viele Gelegenheiten zum Achsbruch bietet. Die Farben dieser Landschaft sind Grün, Ocker und Rot.

Für ein paar Real Eintritt dürfen wir dann einen knappen Kilometer zur Cachoeira de Geladeira ( dem Eisschrank – Wasserfall) wandern, durch grüne Wildnis, immer steil nach unten. Es ist drückend heiß und außer den kreischenden Papageien und dem Gezwitscher andere Vögel so still, dass alles ein bisschen wie eine Filmkulisse wirkt. Hin und wieder liegen große weiße Blüten auf dem Weg – irgendwo hoch oben im Gipfel der Bäume abgefallen.

Die Cachoeira de Geladeira dürfte ihren Namen wohl vom kalten Wasser haben. Ungefähr achtzehn bis zwanzig Meter stürzt das Wasser in einen natürlichen Pool mitten im Wald. Schön! Der einzige grelle Farbtupfer mitten im Grün und Eisenrot der Felsen ist ein riesiger blauer Schmetterling.

Der zweite an diesem Tag zugängliche Wasserfall ist die Cachoeira de Marimbondo. 28 Meter hoch, aber ähnlich dem ersten Wasserfall. Inzwischen sind wir etwas geschafft von den schweißtreibenden Ab- und Aufstiegen und gönnen und einen Zwischenstopp am riesigen grünen Hauptplatz der Stadt. Ein große Portion Acai com Banana hebt die Unternehmungslust wieder erheblich. Acai ist eine Palmfrucht, aus der ein unglaublich leckeres und gesundes Püree gemacht wird, dass mir Guaraná-Sirup gesüßt und mit Bananenscheibchen serviert wird . Eine echte Vitamin C – Dröhnung und dazu noch nahrhaft. Sucht pur!

Nächster Stopp: Der Mirante Centro Geodésico, ein spektakulärer Aussichtspunkt, sieben Kilometer außerhalb der Stadt. Aber den muss man erst mal finden….kein Schild, nix. Wir schießen erstmal 12 Kilometer vorbei. Auf der kahlen Bergkuppe pfeift der Wind, aber man kann schon ahnen, welcher Blick sich dann bietet: Ein wirklich atemberaubendes Panorama auf das weite Land. Mindestens 70 km oder weiter reicht die Sicht im 180 Grad Rundumblick. Unter uns eine Welt in allen Abstufungen von Grün. Land, wie ein in Falten gelegtes Tuch mit kleinen silbergrauen Tupfern: Seen. Aber dann wieder schroff aufsteigende Felswände mit Streifen und Steintürmchen am Rand der abfallenden Landschaft auf deren höchstem Punkt man steht. Auf steilen Pfaden, die das Geröll noch gefährlicher macht, kann man hinunter klettern, die Perspektive ändert sich – neue Ausblicke tun sich auf. Aber es ist anstrengend, heiß und die Gefahr auszurutschen steigt. Laut meinem schlauen Lonely Planet wird von diesem Punkt behauptet, es sei der geologische Mittelpunkt Südamerikas. Nicht jeder Bauchnabel ist so spektakulär!

Wir krönen den Tag noch mit einigen phantastischen Aussichten auf die Chapada, ca zwanzig Kilometer westlich der Stadt, dort, wo es gestern schon dunkel war. Verrückt: die Chapada dos Guimaraes erhebt sich über das Land, also ob Riesen einfach ein Stück Erdkruste herausgebrochen und ein paar hundert Meter angehoben hätten. Schroff, hübsch bunt mit all den verschiedenen horizontalen Gesteinsschichten. Ein paar Krümel sind abgefallen und gaben sich als bizarre Gesteinstürmchen in der Landschaft verteilt. Gigantisch! Man kann sich nicht sattsehen. Der Kamera-Akku gibt den Geist auf von zu vielen Fotos, die doch niemals das wiedergeben werden, was sich hier dem Blick bietet. Majestätisch ist hier tatsächlich das passende Wort.

Ermattet uns verschwitzt finden wir dann tatsächlich noch eine trotz geschlossenem Park zugängliche Badestelle in einem natürliche Fluss-Pool in der Estancia de Fenix. Herrlich ! Einfach im kühlen Wasser liegen. Ich nehme noch eine Fisch-Fußpflege gratis von Mutter Natur an: Kleine Fische mit scharfen Zähnchen knabbern Hornhaut und alte Hautreste von den Füßen; in Berlin kostet Fisch-Spa für 30 Minuten sechzig Euro.

Ein leckeres Essen und Blogschreiben in einem von dröhnender Live-Musik beschalltem Laden an der Placa Dom Wunibaldo beschliessen Tag 1 in Mato Grosso.

15 Abschied

Die letzten Tage haben wir in Boicucanga und Camburi verbracht: faulenzen, Freunde besuchen, baden – wenn es gerade mal nicht geregnet hat. Denn die schweren Regenfälle sind zwar vorbei, aber es hat täglich immer wieder geregnet. Was allerdings nicht so schlimm ist, weil es immer so warm ist, dass einen der Regen bis zu einem gewissen Maße nicht unbedingt stört.

Am Strand lagen bis kurz vor Ostern nunmehr fein zusammengetragene Haufen von Schwemmgut, aber es gab längst wieder sowas wie normales Strandleben. Zu Ostern war dann alles wieder chic- denn Ostern ist hier ein wichtiges Fest und vorallem eine sehr wichtige Einnahmequelle vor dem Saisonende für alle aus Gastgewerbe und Handel, denn da kommen Heerscharen von Paulistas (die Bewohner von Sao Paulo) und geben hier ihr Geld aus. Und selbst San Pedro schien das zu wissen, denn schlagartig zu Karfreitag war das Wetter besser und am Osterwochenende selbst war strahlend blauer Himmel, Hitze und perfektes Strandwetter.

Da fast all unsere Freunde hier in obengenannten Branchen arbeiten und noch dazu selbstständig sind, konnten sie mit uns nicht am Abschiedsabend feiern – also haben wir unser traditionelles gemeinsamen Abendessen vorgezogen und waren schon am Mittwoch aus.

Seit einigen Jahren treffen wir uns dazu in Boicucanga in -oder besser gesagt: vor einem winzigen bahianischen Restaurant. Das besteht nur aus einer besseren Hütte, die den Tresen und den Herd beherrbergt, die Tische und Stühle werden bei Bedarf auf dem kleinen Platz davor unter einem alten Baum aufgebaut. Es ist ein sehr hübscher kleiner Platz vor der alten Dorfkirche in Blau weiß – das Zentrum des alten Fischerdorfes.

Es gibt immer zwei bahianische Spezialitäten: Acaragé und Tapioca. Ersteres ist mein Favorit: Frische Sojabohnenkuchen, aufgeschitten und reichlich gefüllt mit zwei Sorten von Gemüsecremes (eine mit Okra, die andere weiss ich nicht, da haben auch alle Frauen ihre eigenen geheimen Rezepte), gebratenen Krabben und klein geschnittenen Tomaten und Zwiebeln mit Petersilie und Koriander. Dazu gibt´s dann bei Bedarf noch ein Schälchen mit höllenscharfer Sosse, die aus verschiedenen kleingekackten Chillischoten in Öl besteht. Superlecker!!! Das andere Gericht sind Tapiokafladen (besonders behandeltes Maniokmehl), die mit allem Möglichen von Huhn, über Fleisch, Fisch, Käse oder Gemüse gefüllt werden – oder als Nachtisch mit süssen Sachen wie Kokosflocken und gezuckerter Kondenzmilch etc. Auch sehr appetitlich!

Wenn man vorher Bescheid sagt, kocht einem Leda, die Chefin, auch andere, aufwändigere Gerichte, vorzugsweise mit Fisch und Krabben. Und das ist wirklich toll, denn erstens kocht die Dame sehr gut und zweitens kann man das hier noch bezahlen. Im Gegensatz zu vielen Restaurants hier, denn die haben inzwischen großteils Preise, die den armen europäischen Touristen die Augen ungläubig aufreissen lassen. Die Unterschiede im Brasilien des Wirtschaftsbooms sind wirklich extrem – wie ich bereits zu Anfang meiner Reise vermerkt hatte. Es gibt eine wachsende Mittelschicht, die erstaunlich gut verdient, eine reiche Oberschicht, bei der Geld überhaupt keine Rolle mehr spielt und dann eben die vielen ganz Armen, die niemals in ihrem Leben auch nur in einem ganz billigen Restaurant essen werden. Der Mindestlohn, der für viele Jobs hier gezahlt wird, beträgt mittlerweile 720 Real, das sind 230 Euro. Und das bei den gestiegenen Preisen!

Aber zurück zu unserem Abschiedsessen. Wir waren elf Personen und es hat leicht geregnet. Aber mit etwas gutem Willen haben wir einen langen Tisch unter das kleine Vordach gequetscht und so war das machbar. Die Caipirinhas hier sind – legendär stark. Ich habe über den Abend verteilt eine getrunken und immer wieder Eis nachgefüllt, nachdem ich im Vorjahr zwei getrunken hatte und danach in einem wild schwankenden Bett schlafen musste…

Es war ein netter Abend, es war spät und wir hatten die Rechnung bestellt. Nach einer Weile dachten wir, das sie vergessen wurde und haben erinnert. Nein, nein, hieß es, die sei in Arbeit. Und tatsächlich sahen wir Ledas Mann immer schwer arbeitend über Rechnung gebeugt, wenn wir hingeschaut haben. Fast eine Stunde später kam er und hat unseren Freund Edson gerufen, der hier sowas wie ein bunter Hund ist, den alle kennen. Als der wieder kam, war auch die Rechnung fertig. Das Problem war, dass der Mann zwar alle Bestellungen perfekt im Kopf hatte und auch den Preis korrekt ausgerechnet hat, aber nicht schreiben kann. Und das war ihm nicht nur peinlich, sondern er wollte auch bei Stammkunden wie uns nicht den Eindruck hinterlassen, das irgendwas nicht nachzuvollziehen ist. Da aber seine Enkel an dem Abend mal nicht da waren und Leda auch nicht schreiben kann, hat er sich nicht getraut, uns einfach nur den Preis zu sagen! Er wollte keinen schlechten Einbdruck machen und wusste nicht wie! Tja, auch das ist Brasilien.

Nach einem perfekten letzten Strandtag mit allen Genüssen von Acai bis gebratenem Käse, frischem Maracuja-Saft usw. Haben wir uns noch ein leckeres Essen im Cantinetta mit Corinn und einem Freund gegönnt und genug Caipi getrunken, um trotz Abschiedsschmerz schlafen zu können.

Am Sonntag wurden wir vom kreischen der Zwergpapageien vor dem Fenster im Kampf gegen die frechen Tukane geweckt und waren um sieben Uhr morgens noch mal im jungfräulichen Ozean schwimmen – kurz nach Sonnenaufgang. Der Anblick des einsamen Strandes in der ersten Morgensonne, die draussen im Ozean aufleuchtenden grünen Inseln, das sanfte Rauschen – das alles war so schön, dass ich fast Tränen in den Augen hatte bei dem Gedanken an den Abschied und Wintergrau in Berlin.

Nach einem meiner berühmten deutschen Frühstücke dann das große Abschiednehmen und schon gings mit Romarios Klapperkiste landeinwärts zurück nach Sao Paulo, wo vor einem Monat alles so schön angefangen hat. Über das Chaos am Flughafen will ich nun wirklich nicht noch schreiben – das ist öde und es war doch so eine tolle Zeit! Bis zum nächsten Abenteuer Brasilien – Até a próxima, Brasil!

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Die brasilianischen Frauen

Brasilianische Frauen sind eine ganz eigene Spezies – und das nicht nur, weil viele von ihnen sehr schön sind! Ohne sie würde hier noch viel weniger funktionieren. Sie sind das wirklich starke Geschlecht, sind die, die meist das Leben der Familie schmeissen – die Leistungsträger, die das mit dem Organisieren, Arbeiten und Zusammenhalten von Allem hinkriegen. Brasilianische Männer dagegen sind ewige Kinder, die eigentlich immer eine Mutti brauchen, die verwöhnt und hilflos ohne die Frauen sind. Das gilt selbst für die Mehrheit derjenigen, die im Beruf erfolgreich und durchsetzungsfähig sind.

Und während wir emanzipierten Europäerinnen uns mit den Männern streiten, auseinandersetzen und diskutieren, lächelt die Brasilianerin zuckersüss oder nachsichtig, sagt zu allem „Ja“ und macht, was sie für richtig hält. Allerdings ist sie auch höllisch eifersüchtig (oft aus gutem Grund und schlechter Erfahrung, aber imZweifelsfalle auch ohne). Außerdem legt sie exrem viel Wert auf ihr Äusseres und dabei vorallem auf die Betonung ihrer weiblichen Reize. Ein Kleid oder T-Shirt sollte immer einen supertiefen Ausschnitt haben, wenn es als schick gelten will. Und ein großer Teil der Damen kauft grundsätzlich mindestens eine Nummer zu klein, damit auch jede Rundung zur Geltung kommt. Oft auch die, die man lieber nicht sehen möchte.

Der Körperkult treibt allerdings tatsächlich beängstigende Blüten: Schönheitschirurgie gehört zu den wichtigsten und normalsten Dingen im Leben der überwiegenden Mehrheit der Frauen. Es gibt kaum etwas, das man nicht verschönern könnte. Vorallem aber die Brustgröße muss stimmen: Ich stelle die kühne Behauptung auf, dass der überwiegende Teil der weiblichen Bevölkerung, gefühlte 90 Prozent, tatsächlich wahrscheinlich 89 Prozent, Silikon-Busen trägt. Selbst gesundheitsfanatische Vegetarierinnen/Veganerinnen, die möglichst nicht mal Alkohol trinken wegen der Gifte, sehen aber keinerlei Problem im Silikonimplantat oder Botox an den entscheidenden Stellen im Körper – irgendwie seltsam, oder?

Aber es sei nochmal gesagt: Die Frauen sind hier das starke Geschlecht!

Sweet Brazil

Noch ein süßer Tipp zum Schluss: „Ich backe einen Kuchen für meine Freunde oder bringe zur Einladung einen deutschen/italienischen Nachtisch mit.“ Super Idee! Finden hier auch alle – vorausgesetzt man verdoppelt die Zuckermenge und stellt möglichst noch ein Schälchen mit Extra-Zucker daneben. Ich durfte das gerade wieder studieren. Im Restaurant meiner Freunde in Sao Sebastiao habe ich mich erboten, zum Tagesmenü den Überraschungsnachtisch zu machen, weil sie gern mal was Neues anbieten wollten. Ich habe mich für gute altmodische deutsche Eierkuchen (Pfannkuchen) entschieden, mal mit Apfelstücken wie daheim, mal mit Bananenstücken, weil sich das anbietet. Nach meiner Testprobe zum Kosten wurde beschlossen, dass ich die Zuckermenge verdopple, zusätzlich sollte noch Zucker und Zimt daraufgestreut werden. Ich war sicher, dass das keinem mehr schmecken würde, weil man davon schon fast Zahnschmerzen bekommen hat. Die Gäste waren begeistert!!!

So sollte man auch beim Bestellen der wunderbaren frischen Fruchtsäfte immer dazusagen „bitte wenig oder kein Zucker“, denn hier wird oft sogar der Orangensaft gesüßt. Das kann man dann zur Not selbst tun, ansonsten ist das edle Getränk leider oft sirupähnlich. Bei Einladungen sollte man – natürlich höflich – den Nachtisch erstmal in mikrobengroßer Menge probieren. Nicht alles ist für unsereins da genießbar. Merke: Der durchschnittliche Brasilianer ist extrem zuckersüchtig!

Fettnäpfe

An dieser Stelle ein beliebter Fettnapf für Deutsche: Wer einmal in Brasilien am Strand war und die Bikinis gesehen hat, die teilweise nur noch symbolischen Charakter haben und irgendwie anzüglicher aussehen als ein einfach nur nackter Mensch, mag glauben, dass die Brasilianier ein natürliches und unverkrampftes Verhältnis zum menschlichen Körper haben. Nein!!! Schon ein Mensch in Unterwäsche ist super peinlich! Und sich einfach so umziehen am Strand wie in Deutschland geht gar nicht! Ein Brasilianer würde sich nie am Strand umziehen, eher zieht man Shorts oder Kleid über die nassen Sachen und sieht dann im Restaurant aus, als ob man sich in die Hose gemacht hat. Bei Frauen klebt dann teilweise noch ein klitschnasses T-Shirt so am Körper, dass man mehr von der Brust sieht, als im Bikini selbst. Das ist aber völlig ok. Selbst das Umziehen unter Tschador-ähnlich, garantiert blicksicher umgebundenen Strandtüchern o.ä. kann man sich auch nur unter dem Motto „Ich bin ein doofer Ausländer“ erlauben. Verstehen werde ich das nie.

Noch eine Chance für einen Faux Pax: Geburtstag. Auch das ein Quell der Verwirrung, ich habe es im Eigenversuch erfahren. Im vergangenen Jahr habe ich meinen Geburtstag hier gefeiert. Als große Überraschung hatte mir eine Freundin zwei riesige, buntverzierte Torten gebacken. Ich war wirklich gerührt – habe mich wortreich bedankt, um dann schnurstracks die Kunstwerke anzuschneiden und anzubieten, auf dass die Feier beginnen kann. Doch die Gäste haben irgendwie irritiert, wenn auch freundlich-nachsichtig reagiert, was ich mir nicht recht erklären konnte. Erst viel später habe ich erfahren, dass man in Brasilien mit dem Anschneiden des Geburstagskuchens das Aufbruchssignal zum Gehen gibt – am Ende des Festes.

Offenheit vs Höflichkeit

Bekanntlich kann man als Ausländer immer wunderbar ins Fettnäpfchen treten. Da ist Brasilien keine Ausnahme. Hier also ein paar meiner erlernten, manchmal auch peinlich erfahrenen Erkenntnisse zur Sache.

Die Brasilianer sind extrem höflich und verbindlich. So sollte man im Zweifelsfalle immer explizit jeden grüßen, auch wenn man nur einen Laden betritt oder das Zimmermädchen in der Pousada vorbeigeht. Und ein freundliches Lächeln dazu ist selbstverständlich. Ernste Minen verunsichern die Leute hier ziemlich – vor allem im Norden des Landes. Wer hier nicht lachen lernt, steht auf verlorenem Posten. Sollte es für uns auf Krankenshein geben, so eine Runde Brasilien gegen Griesgrämigkeit! Ausserdem kommt man selten gleich zur Sache. Selbst wenn man nur eine Kleinigkeit fragen möchte, gehört es dazu, mindestens zu fragen, wie es heute geht. Bei größeren Anliegen lieber noch etwas mehr Konversation und erst nach einer angemessenen Plauderei über Gott und die Welt zur Sache kommen– wie gesagt, alles hier braucht seine Zeit.

Diese relaxte Höflichkeit finde ich sehr angenehm, aber das freundliche Weglächeln von Problemen hat auch seine problematischen Seiten. Denn manches verhält sich anders als es klingt: so wird manche Bitte nicht abgelehnt, sondern freundlich lächelnd Ja gesagt – nur, dass das Zugesagte dann niemals passiert. Aber es fällt den Leuten leichter einfach freundlich zuzustimmen und das Ganze dann zu vergessen.

Ebenso ist es sehr schwierig, eine ehrliche Meinung zu bekommen, selbst unter Freunden oder teilweise sogar innerhalb der Familie: kritische Äusserungen behält man lieber für sich – das gilt auch umgekehrt, denn die Leute sind hier ganz schnell sauer über kritische Äußerungen, manchmal auch nur die ehrliche Meinung dazu, ob´s schmeckt… Aber auch das bekommt man nicht mit, denn erstmal wird wieder freundlich gelächelt, bevor der Gekränkte in der Folgezeit anhaltend sauer ist…Unsere deutsche Direktheit und Offenheit kommt hier wirklich nicht so gut an- es sei denn, man hat wirklich ein vertrautes Verhältnis, dann klappt´s vielleicht mit dem Exotenbonus…

Zeit und Verabredungen

Bis jetzt habe ich die wichtigsten Geschichten und Orte dieser Reise immer in einzelne Kapitel unterteilt. Aber irgendwie ist dabei eine Menge übriggeblieben, was ich nicht erzählt habe. Bevor ich nun zum letzten Kapitel komme, werde ich einfach mal eine Runde „Schnipsel“ einlegen, die irgendwie auch zu meinen brasilianischen Reminiszenzen gehören.

Zuerst eins der großen Rätsel: Die Zeit. Warum schafft man hier eigentlich nie annähernd das, was man machen wollte? Und das nicht nur, weil man Urlaub hat und keine Eile…Eines der Geheimnisse, was mir dieses Land aufgibt. Dass mitteleuropäische Planung und Effizienz hier auf verlorenen Posten ist, das ist klar und irgendwie auch gut so, wie ein bekannter Berliner so sagt…Aber das ist noch keine Erklärung dafür, warum man selbst bei anderer Sozialisation und gelegentlicher (schon auch mal deutlicher) Genervtheit ob der landesüblichen Planungsunmöglichkeit nicht in der Lage ist, seine eigenen Aktivitäten irgendwie zu strukturieren und auch nur halbwegs das zu machen, was man sich vorgenommen hat. Und ich spreche hier nicht etwa von der sporadischen, chaotischen Art, meinen Blog zu schreiben. Nein, diese Lebensart saugt einen irgendwie mit ein.

Selbst meine Freundin Corrin, Amerikanerin, die seit 30 Jahren hier lebt, aber trotzdem immer noch etwas „anders“ tickt und die bei aller Symphatie für Brasilien regelmässig im Kreis springt, ob der sich endlos hinziehenden Dinge des Alltags, der Langsamkeit, der chaotischen Gangart – selbst die ist überhaupt nur noch selten in der Lage, irgendwas schnell und wie geplant zu machen. So hat sie bei unserer gemeinsame Abreise nach Paraty, beim Frühstück noch darauf gedrungen, möglichst schnell loszufahren. Gegen Mittag waren WIR zumindest abfahrbereit ( undbitte fragt nicht, was wir so lange gemacht haben!). Aber nichts da, auf einmal fielen Corrin noch tausend Sachen ein, die in ihrem Restaurant usw zu erledigen waren – obwohl sie den ganzen Vormittag nichts groß zu tun hatte! Letztendlich sind wir dann schon ein Stück vorgefahren und haben uns an einem schönen Strand 20km weiter die Zeit vertrieben, bis sie endlich nachkam. Abgefahren sind wir alle dann halb fünf…Und das ist nur eins der Beispiele.

Es wird ständig geredet, geplant, verworfen, vergessen, vertrödelt…das klingt sicher völlig schrecklich für den deutschen Durchschnittsleser, aber hier ist das einfach so, und man hört ziemlich schnell auf, sich darüber aufzuregen.

Corrins Kühlschrank klingt seit unserer Ankunft phasenweise wie ein Flugzeugtriebwerk – irgendwas ist da so gar nicht in Ordnung. Der Monteur wohnt 10 Minuten entfernt und sagt ständig, dass er kommt –unser Monat ist um, und der Kühlschrank fliegt immer noch durch´s Haus.

Anderes Beispiel: Ich habe mich mit einem der engagierten Mitstreiter eines superinteressanten sozialen Projektes für Kinder aus den armen Familien, einem bekannten brasilianischen Chefkoch, für ein Interview verabredet. Ich bin ihm den halben Tag lang geduldig gefolgt, weil immer etwas dazwischen kam. In der 2stündigen Mittagspause sollte es nun so weit sein. Er wolle nur noch duschen, ich soll doch eben das Interview mit dem Initiator den Projektes vorziehen…tja, dann war der Typ plötzlich weg! Nach Sao Sebastiao gefahren, was erledigen. Ohne auch nur was zu sagen. Aber das ist kein Grund zum sauer sein, er fühlte sich auch gar nicht schuldig, als er mir drei Stunden später fröhlich lachend sagte, dass er doch noch schnell weg musste. Alles ganz normal. Das Interview fand schließlich weitere zweieinhalb Stunden später statt. Hat doch geklappt – irgendwie. So what?…

Eine Bekannte hat ihr Auto im Dezember zur Reparatur gebracht es sollte zwei bis drei Wochen dauern. Jetzt ist Anfang April– die Kiste steht immer noch in der Werkstatt.   Usw usf.

Manchmal frage ich mich ehrlich, wie das alles trotzallem noch funktionieren kann und irgendwie ja nicht mal schlecht, denn Brasilien ist ein echtes Wirtschaftsboomland auf der Schwelle zur Ersten Welt. Aber im Alltag herrscht einfach ein riesiges, alles aufsaugenden Chaos. Uff, das klingt wahrscheinlich jetzt furchtbar deutsch und arrogant, aber es ist wirklich so! Und die Brasilianer selbst sehen das so und sagen es auch,machen Witze über sich selbst, klagen, aber es ändert sich nichts daran. Und ein Stück weit ist das wirklich eine heilsame Kur für den effizienzgeschädigten Deutschen. Motto: es geht auch anders und man muss sich wirklich nicht immer über jeden Kleinkram aufregen. Aber andererseits ist diese Unangestrengtheit wirklich manchmal sehr anstrengend!

Verabredungen sind eine Wissenschaft für sich. Da gibt es etliche Geheimcodes, die es zu deuten gilt und selbst dann ist nichts sicher. Ein „Vielleicht“ ist ein ganz klares „Nein“. Ein „tá bom!“ (ok) oder „Claro“ könnte als vielleicht gedeutet werden. „Wir müssen uns mal treffen“ ist eine blanke Floskel, wenn es nicht mit einer konkreten Verabredung verbunden ist. Und so kann man auch bei Leuten, die man nicht wirklich treffen möchte, ruhig freundlich zustimmen – eben solange es nicht konkret terminiert wird, meint das eh keiner. Ein „certo“ (sicher) oder „combinado“ (abgemacht) hat echte Chancen auf Umsetzung. Allerdings nur, wenn dazu ein fester Tag und eine feste Zeit verabredet sind. Diese allerdings werden unter keinen Umständen genau eingehalten – Verspätungen bis zu mehreren Stunden sind normal, da zuckt hier keiner. Allzu pünktlich, genauer gesagt auf die Minute oder gar zu früh, kommt man besser nicht, damit rechnet niemand. Wenn man allerdings jemanden zum Essen nach Hause einlädt, sollte man immer ein paar Portionen mehr kochen, denn es ist absolut verbreitet, dass noch Leute mitgebracht werden.