2 – Abschied von Bali

Der Tag beginnt erst Mittags, die innere Uhr ist immer noch auf mitteleuropäischer Zeit … Noch einmal faul sein und genießen – also Strand, Massage und Essen. Einziger Unterschied: Wir mieten zwei Fahrräder und fahren am Meer entlang, der Strand von Sanur ist mehrere Kilometer lang.

Schöne blühende Bäume und Palmen spenden Schatten, Blumen in allen Farben säumen den Weg. Das Meer präsentiert sich heute eher etwas lehmfarben, also aufgewühlt, das Wasser zwischen den künstlichen Molen ist bis weit hinaus eher flach – die offene See  beginnt somit weit draußen.

Der Strand ist zwar wirklich rein touristisch, aber alles in einem erträglichen Rahmen. Zum Glück ist hier der Balanceakt gelungen, um Mallorca-Verhältnisse zu verhindern. Es gibt zwar viele Restaurants, Cafés und kleine Marktgassen, aber alles mit Stil, kein Eimersaufen, keine Ballermann-Beschallung und kaum Hotelklötze, sondern eher geschmackvolle Anlagen.

Was mein Vergnügen an der kleinen Radtour ernsthaft beeinträchtigt, sind die nervigen Fahrrad-Bumper und die vielen Fußgänger und Radfahrer im Verdrängungswettbewerb. Von den Spaziergängern fühlen sich die Hälfte dem ortsüblichen Linksverkehr verpflichtet, die Touristen flanieren, europäisch erzogen, rechts und dazwischen schlendern größere  Gruppen, die den kompletten Weg blockieren. Ach ja, und dann kommen da auch noch die Läufer hechelnd dazu. Wo also fährt der rückichtsvolle Radfahrer? So schön der Weg hier am Meer entlang ist, irgendwann habe ich keine Lust mehr auf das Spiel und setze mich einfach auf einen Stein am Strand und schaue träge auf Sand und Meer. Eine kleine Eidechse leistet mir Gesellschaft.

 Später verlege ich mich auf Studien, in deren Ergebnis ich die ursprünglich hellhäutigen Gruppen sortiere: 40 Prozent puterrot verbrannte Menschen, bei denen sich schon vom Hingucken die Haut ablöst, 40 Prozent weiß bis hellrosa Gefärbte mit langer Bekleidung, großen Sonnenbhüten Tüchern und viel SunProtection, die jeden Sonnenstrahl fürchten. Die verbleibenden 20 Prozent haben offensichtlich tatsächlich einen Mittelweg zwischen Panik und Wahnsinn gefunden. Verrückt …

Schon herbeigesehnt: Eine letzte Strandmassage bei Lola und Sweetie – so nennen sich die beiden Damen vom Vortag. Was für europäische Ohren eher nach Rotlicht-Pseudonymen klingt, ist hier einfach nur das Bemühen, den Kunden einen erinnerbaren Namen zu liefern, denn die indonesischen bleiben nicht in den Köpfen der Touristen.

Und dass sich die Kunden erinnern, ist in diesem Jahr besonders wichtig, denn – wie uns die beiden Damen erzählen – so wenig Touristen wie in diesem Jahr hatten sie seit Jahren nicht um diese Zeit. Einerseits liegt das sicherlich an der ökonomischen und weltpolitischen Situation in Europa und den USA. Außerdem aber arbeitet Indonesien – vor allem auch Bali – daran, nicht mehr soviel Billigtouristen einreisen zu lassen, die monatelang bleiben ohne Geeld auszugeben, womöglich gar schwarz hier arbeiten oder schnorren. Das Image als Billigland für solche Klientel bekämpft man offensichtlich gerade sehr aktiv. Auch wir mussten diesmal Kontoauszüge einer gewissen Höhe vorlegen, um ein Visum zu bekommen.

Was bleibt vom Tage ist, eine letzte Massage, ein letztes Bad nach Sonnenuntergang und ein leckeres Abendessen im netten Strandlokal gleich daneben. Morgen geht es weiter ins Unbekannte: nach Sulawesi….!

1 – Back to Indonesia – Kembali ke Indonesia!

Das fängt gut an … mein erster Text für diesen Post des neuen Blogs ist gerade dem instabilen Internet zum Opfer gefallen … er ließ sich nicht speichern und verschwand. Umso entschlossener mache ich mich nun zum 2. Mal ans Werk …

Rund 18 Stunden liegen zwischen uns uns dem garstigen Berliner Winter, eine lange Nacht eingequetscht in Reihe 14 des Turkish Airline Fluges nach Denpasar, der Hauptstadt von Bali. Die Sonne ist bereits untergegangen. Aber ein riesiger farbenprächtiger, mit Gold geschmückter Drache schlängelt sich den Gang vom Flugzeug zur Passkontrolle den Neuankömmlingen entgegen und nun weiß ich: Ich bin bin wieder da, auf Bali, der Insel der Götter!

Aber nichts ohne Arbeit. Nachdem wir bereits in Berlin eine kleine Odyssee auf der Indonesischen Botschaft für ein Visum hinter uns gebracht haben, müssen wir nun noch übernächtigt an Selbstbedienungs-Computern eine Welcome-Card beantragen. Aber alles geht vorbei und irgendwann sind wir dann draußen in der nächtlichen Schwüle, die einen gleichermaßen erschlägt wie glücklich macht …

Noch eine kleine Verhandlung mit dem Taxisdisponenten und schon schieben wir uns durch den nie abreißenden Verkehr nach Sanur, einem Strandort gleich westlich an die Hauptstadt Denpasar anschließend. Zwei wunderbare beleuchtete Hindu-Statuen begrüßen uns an der Einfahrt zum Guesthouse Cove Jivva Nattaya. Das freundliche Lächeln Asiens am Empfang und der erste Blick in den Garten, in dem die Unterkünfte verteilt sind, ist wie ein Traum: dezent beleuchtete blühende Bäume, riesige rosa Blüten von großen, knorrigen Frangipani-Bäumen auf dem Weg, Bambus, Gras und ein türkis strahlender Pool. Dazu das heisere Quaken der Baumfrösche. Alles, wovon man nach dieser Reise träumt. Für alles andere sind wir zu müde … das wunderbar breite Bett ist unser Willkommensgeschenk.

Geweckt werde ich um 6 Uhr morgens vom Rauschen eines Wolkenbruchs – es ist Regenzeit. Aber als wir endlich bereit sind, das Bett zu verlassen, hängt nur noch die Schwüle in den Bäumen und die Sonne scheint. Wir mieten einen großen, kräftigen Honda Motorroller, der aber schon über 20.000 km auf den rumpeligen Straßen Balis hinter sich hat. Die Helme passen nicht wirklich, aber immerhin haben wir welche. Los geht´s im täglichen Verkehrswahnsinn. Unser erster Weg ist eher prosaischer Natur, wir wollen ein paar Kleinigkeiten besorgen und fragen, ob mein altes Handy hier für einen fairen Preis repariert werden kann – die ICON Mall ist unser Ziel. Und die liegt praktischerweise fast auf dem Strand.

Wofür hier auf allen Straßen Spuren markiert werden, ist völlig unklar, sie interessieren keinen. Wild rasen Motorräder, PKW und Lastwagen durcheinander, ein ewiges hin und her, kreuz und quer. Es ist der Wahnsinn – aber: Ich habe noch nicht viele Unfälle hier oder in anderen Ecken Asiens gesehen. An den Kreuzungen stehen oft Statuen: mal Kriegshelden, mal wunderschöne Hindugötter. Vielleicht halten sie ja die schützende Hand über all den wahsinnigen in ihren Gefährten …

Gleich hinter der Mall liegt der Strand und die Promenade von Sanur. Kilometerlang ziehen sich Fuß- und Fahrradwege am Meer entlang. Der Strand ist relativ schmal, aber durch die Schatten spendenden blühenden Bäume sehr einladend. Überall liegen auch die typisch buntgestrichenen balinesischen Boote vertäut, die mit ihren seltsamen Auslegern wie Spinnen aussehen, die auf dem Wasser hocken. Und vor allem – das endlose blaue Meer. Weit draußen schwingen sich Surfer auf die Wellenkämme.

Aber die Idylle scheint nicht ganz selbstverständlich zu sein, denn der endlose Strand wird immer wieder durch weit ins Meer gebaute halbrunde Mohlen in einzelne Gebiete geteilt, damit die Wellen nicht ungehindert in die Bucht rollen und den Strand abtragen. Wer genau hinschaut, kann an einigen Stellen sehen, dass unter dem Sand bereits Sandsäcke versteckt sind, die offensichtlich verhindern sollen, dass der gefräßige Ozean den neuen schönen Strand nicht wieder mit sich nimmt.

Natürlich gibt es auch Restaurants, kleine Marktreihen und Fahrradverleihe. Doch uns genügt heute ein kleiner Bummel, eine frische Kokosnuss und eine Massage. Verrückterweise geraten wir an einen Massagepunkt, an dem sich eine der Frauen an Miki erinnert, der vor zwei Jahren schon mal hier war!

Am Nachmittag düsen wir Richtung Denpasar. Der Pasar Badung, der Große Markt besteht aus einem riesigen dreistöckigen Gebäude und dem Gebiet drumherum, neben dem Fluß. Tagsüber werden an den Ständen in der sengenden Sonne Obst, Gemüse, Gewürze, Fisch und Fleisch und auch Bekleidung verkauft, abends verwandeln sich die Stände in einen der beliebten Nachtmärkte, auf denen man phantastisch und spottbillig essen kann – allerdings sehr unbequem.

Das Gedränge ist unglaublich: Käufer, Verkäufer, Frauen mit risigen Warenkörben auf dem Kopf, Motorroller, Fahrräder – alle durcheinander, oft auf kaum mehr als anderthalb Meter breiten Gängen. Erstaunlicherweise gibt es kaum Unfälle und alle ertragen den Wahnsinn – ganz ohne Geschrei und Gezeter. Der Fisch und die Meeresfrüchte sehen phantastisch aus, allerdings kann ich die Frage nicht verdrängen, wie die die Sonne hier überstehen … Gleich am Stand werden die Hühner ausgenommen und die wunderbaren Gabenkörbchen für die Götter mit Reis, Kräutern und Blüten bestückt – alles auf einmal, alles in chaotischer Ordnung, die wir wohl nie verstehen werden.

Wir bummeln noch eine kleine Straße entlang, in der es nur Seiden- und Stoffgeschäfte gibt, versuchen, uns nicht die Beine zu brechen in den Löchern auf dem schmalen Steinstreifen, der als Bürgersteig dient. Genug, zurück in unsere Idylle in Sanur, ein bisschen Ausruhen und den Abend in einem kleinen japanischen Restaurant beschließen. Vor dem Zimmer noch ein bisschen den Baumfröschen und Nachtvögeln zuhören und totmüde ins Bett fallen.

10 – Wenn bei Capri …

Es gibt eben Klischees, die einen verfolgen, bis man sie selbst überprüft hat … Und so sollte es wohl so kommen, dass auch am Morgen unseres letzten Tages in Castellamare di Stabia keine Fähren nach Süden an die Amalfi-Küste fuhren. Auch hier hieß es wieder wegen der hohen See. Hmm … nichts davon zu sehen vom Kai des Fährhafens aus. Aber immerhin hat man uns eine Überfahrt nach Capri angeboten – fünf Minuten vor Abfahrt. Capri stand aber auch immer auf meiner Wunschliste – also auf zur roten Sonne, die dort im Meer versinkt …

Das Schiff war fast ausverkauft und zunächst war auch so gar nichts von Seegang zu spüren. Das sollte sich allerdings noch vor dem Zwischenstopp in Sorrento ändern: Die Wellen wurden größer und die Fähre fing an, ganz schön zu schwanken. Und nachdem das Schiff zum letzten Abschnitt – der Überfahrt nach Capri – in See gestochen war, wurde es zunehmend heftiger … Die letzte halbe Stunde vor der Insel war Neptun richtig schlecht gelaunt.

Die Crew hatte inzwischen strategisch in den Gängen Position bezogen, bewaffnet mit größeren Vorräten an K….tüten, die immer mehr Abnehmer fanden. Ich habe die Prüfung des Meeresgottes erstaunlich gut mit einem flauen Gefühl im Magen überstanden.

Gischt umtost präsentierte sich die berühmte Insel, allerdings war davon in der Hafenbucht nichts zu spüren, wo munter noch kleinere Schiffe voller ahnungsloser Touristen Richtung Blaue Lagune lostuckerten. Viel Spaß!

Im Hafen herrschte viel Betrieb: Ausflügler, ankommende Touristen, Shuttle zu den Hotels, Taxis. Als erstes haben wir die Möglichkeiten der Rückfahrt gecheckt und mussten feststellen, dass ein großer Teil des Fahrplans auf rot gesetzt war, d.h. gecancelt … Aber wir konnten immerhin noch Tickets für eine andere Gesellschaft kaufen.

Die Capri-Erkundung haben wir mit Cappuccino & Cornetto ein paar Schritte weiter begonnen. Lektion 1: der billigste Cappuccino auf der Insel kostet 8 Euro (Sizilien & Napoli: 1,50), Orangensaft bis zu 17 Euro …

Egal, wir lassen uns die Laune nicht verderben. Zu Fuß kraxeln wir über eine endlose Steintreppe hoch zur berühmten Piazzetta, dem malerischen kleinen Platz , der allerdings von den Stühlen der fünf Restaurants fast vollständig besetzt ist. Der Blick über die Mauer auf das Meer ist wirklich wunderschön, auch das, was man von hier aus an Landschaft und Orten sieht. Wenn nur die Menschenmassen nicht ganz so massig wären …

Wir haben uns eine kleine Rund-Wanderung – beginnend an der Piazza Umberto I, durch den Ort und dann oberhalb der Küste entlang – vorgenommen. Das gepflegte Städtchen mit den weißen Häusern ist mir zu chic, die Geschäfte von Armani bis Gucci & Co interessieren mich nicht die Bohne.

Aber schließlich lassen wir den Ortskern hinter uns und wandern einen wunderbaren Weg über die Via Pizzolungo oberhalb der Küste entlang. Wir kommen an den Faraglioni-Felsen vorbei. Was für Ausblicke, was für Farben! Wunderschön … Nach ellenlangen Treppen durch den lichten Wald, vorbei an Ruinen (über die ich nichts weiß) kommen wir endlich am Arco Naturale an. Was für ein Ausblick! Vom Weg, der in halber Höhe am Berg entlang führt, schaut man durch ein riesiges Naturstein-Tor auf das hellblaue Meer. Hin und wieder fährt ein kleines weißes Schiff durch´s Bild … Kitsch pur – oder noch besser: ein Juwel von Mutter Natur.

Ich bin dankbar, dass es nicht allzu heiß ist, denn es geht gern mal länger bergauf, teilweise auch über lange Treppen. Ganz schön anstrengend! Die Küste, die fast die ganze Zeit durch die Bäume zu sehen ist, sieht von hier oben besonders malerisch aus, weil sie stark zerklüftet ist. Immer wieder brechen sich die Wellen an kleinen Felseninseln. Das Wasser changiert von hellblau über türkis zu tiefblau. Trotz Herbst ist alles üppig grün, Hibiskus, Bougainvillea, Wandelröschen, Heckenrosen … Die Wellen brechen sich weiss schäumend an den vielen Felsen und vorgelagerten kleineren Inseln. Fast kitschig, aber Natur pur … schöööön!

Es ist schnell vollkommen klar, woher Capri sein Trauminsel-Image hat, aber der Tourismus verschlingt – zumindest auf den ersten, oberflächlichen Blick – viel von dieser Schönheit. Immerhin begegnen wir auf dieser Wanderung außerhalb der Ansiedlungen nur vergleichsweise wenigen Spaziergängern.

Der Rundweg führt nun wieder zurück in die Zivilisation, d.h. den Ort Capri, aber hier, in dem Ortsteil, der von der Küste abgewandt liegt, geht es ruhiger zu. Uns begegnen nur wenige Leute und die meisten Häuser rechts und links der Gasse sehen nach echten Wohnhäusern aus. Aber schließlich landen wir wieder auf der trubeligen Piazza Umberto I.

Wir haben noch ein paar Stunden bis zur Rückfahrt. Und ich möchte nach Anacapri, den Ort auf der ruhigeren Seite der Insel, da wo auch die Strände sind. Ich habe schon ein paar Mal gelesen, dass es dort besonders schön sein soll. Und vom teuren Trubel von Capri haben wir inzwischen genug gesehen. Ein paar Schritte vom Platz entfernt ist eine Bushaltestelle, wo Menschen in ziemlich langen Schlangen auf die etwas seltsamen breiten, aber kurzen Inselbusse nach Anacapri oder zum Hafen hinunter warten. Daneben ist ein Taxistand, an dem aber nur offene Cabrio-Limousinen auf geltungsbedürftige Fahrgäste warten.

Der Bus ist hoffnungslos überfüllt, ein Wunder, dass sich der Fahrer noch bewegen kann. Auf geht´s, über die Serpentinen den Berg hinauf. Immer wieder überholen Motorroller und Motorräder den Bus, obwohl bei der schmalen, gewundenen Straße Gegenverkehr erst im letzten Moment gesehen werden kann. Ganz schön Kamikaze

Schließlich sind wir da und können unsere Gliedmaßen wieder ausschütteln. Ja, schon der erste Rundum-Blick fällt positiv aus. Auch hier gibt es ein paar kleinere Läden und Restaurants, aber alles ist gemütlich, ohne Menschenmassen. Der Ort liegt auf einem Berg, die gepflasterten Straßen winden sich an weißen Häusern und Mauern vorbei, blühende Bäume, Sträucher und Kletterpflanzen sorgen für die Farbtupfer. Nach einem Spaziergang durch den gemütlichen Ort suchen wir uns eine Trattoria aus, wo wir freundlichst bedient werden und Pizza und Wein sogar noch bezahlbar sind …

Für Natur und Strände bleibt leider keine Zeit mehr, wir müssen zum Hafen. Ein Blick auf die Schlange an der Bushaltestelle löst einen Moment Schnapp-Atmung aus, aber schließlich zeigt sich, dass nicht alle zum Hafen wollen. So sind wir rechtzeitig zurück. Am Kai herrscht bereits heftiges Gedränge. Einige kleinere Fähren – wie die vom Morgen – bleiben im Hafen, nur noch ein paar große werden auslaufen, nach Ischia, Sorrent, Castellamare di Stabia. Sehr vertrauenserweckend sieht unsere alte Kiste allerdings für mich nicht wirklich aus …

Schließlich legen wir ab. Einige Male legt sich der Riesenkahn ziemlich beunruhigend auf die Seite. Aber mein gutes Verhältnis zu Yemanja, der Schutzgöttin der Seeleute hilft … 😉 Wohlbehalten kommen wir rund zwei Stunden später in Castellamare di Stabia an.

Diesmal wählen wir für den Rückweg zu unserem Quartier statt der großen Uferpromenade den Weg durch kleine Gassen der Altstadt. Hier sieht alles so ganz anders aus, als im Touristen-Capri. Alles ziemlich abgerockt, alt, renovierungsbedürftig. Aber irgendwie auch ganz sympathisch. Vorbei an ein paar kleinen Plätzen – einer mit einer sehr schönen alten Kirche, deren Namen ich leider vergessen habe, kommen wir schließlich wieder in bekanntere Straßenzüge.

Wir wollen noch eine Flasche vom berühmten Sorrento-Limoncello für unsere Nachbarn in Sizilien kaufen, können aber kein Geschäft finden. Schließlich fragen wir in einer Bar ein paar ältere Männer danach. Nach einem kurzen, lautstarken Palaver lässt es sich einer von ihnen nicht nehmen, uns – trotz Nieselregen – höchstpersönlich zu einem passenden Geschäft zu führen. Und er will nicht mal einen Kaffee oder Wein dafür annehmen. Wirklich supernett!

Nach einem kleinen Abendessen in einem einfachen ristorante, in dem es sich der Chef nicht nehmen lassen hat, immer wieder persönlich nach dem Wohl der ausländischen Gäste zu schauen, wackeln wir zufrieden und müde in unser Domizil. Morgen früh werden wir mit dem Zug zurück nach Sizilien fahren, unser 2. Zuhause. Es waren zwei spannende Wochen voller Eindrücke, die noch lange nachglühen werden. Und die – vor allem im Fall von Napoli – Lust auf mehr gemacht haben. Arrivederci e grazie mille!

9 – Nach Süden: Sorrento

Ein neuer Tag, ein neues Ziel: Sorrento, der berühmte Badeort. Aber zuerst das junge Ritual pflegen: Caffè in der kleinen Bar. Als wir draußen am Tisch sitzen, werden wir ziemlich aufdringlich und unangenehm angebettelt von einem Mann mit einem ca. zweijährigen Kind im Kinderwagen, das hat was von Masche. Zwanzig Minuten später kommt ein junger Schwarzer, den ich schon ein paar Mal in der Straße gesehen habe, strahlt uns an, räumt unseren Tisch ab und zieht sich wieder zurück. Als er die letzte Tasse abholt, geben wir im ein wenig Kleingeld und er freut sich wie ein kleiner Junge. Little difference

Wieder fahren wir vom Bahnhof Via Nocera mit der Circumvesuviana ab, diesmal allerdings in die andere Richtung. Der Zug ist voll, laut und zugig, aber pünktlich und billig. Die nächste Station heißt Terme di Castellamare di Stabia, sieht aber heruntergekommen aus, da wird wohl eher nicht mehr gebadet – dieser mögliche Wellness-Programmpunkt hat sich also erledigt. Auch an der Station zur Seilbahn von Castellammare di Stabia auf den 1200m hohen Monte Faito wird nicht gehalten. Später erst lese ich, dass es im April ein schlimmes Unglück mit vier Toten und einem Schwerverletzten gegeben hat, weil das Seil gerissen ist. Also wohl auch eher kein Ausflugsziel …

Die Strecke schlängelt sich am am Berg entlang durch Wälder, kleine Orte und lange Tunnel. Von Zeit zu Zeit kann man kurz eine Aussicht auf das strahlend blaue Meer erhaschen. Schliesslich haben wir den Bahnhof von Sorrento erreicht.

Obwohl Sonntag ist, stellen wir bei unserem Weg in die Innenstadt fest, dass alle Geschäfte geöffnet sind! Und diesmal kann ich mich doch nicht beherrschen und habe nun zwei Strickjacken mehr … Die Stadt ist voller Menschen, auch hier wieder fragt man sich, wie schrecklich das in der Saison sein muss. Nach etwa zwanzig Minuten kommen wir auf die berühmte Piazza Tasso, umgeben von schönen alten Pallazzi, einer Kirche, Denkmälern und Cafés. Zeit für eine spätes Frühstück mit cremegefüllten Cornetti und leckerem Cappuccino.

Gegenüber steht ein Denkmal an den Dichter Torquato Tasso, eine der Celebrities der Stadt. Übrigens hat auch Gorki einige Jahre hier gelebt. Und lange gehörte Sorrento zu den beliebtesten Reisezielen großer Geister von Goethe bis Nietzsche. Die Stadtgeschichte geht bis auf 700 Jahre vor Christus zurück. Griechen, Römer, Normannen …

Wir schlendern auf der Flaniermeile Corso Italiano bis ans Ende, neutralisieren das süße Frühstück noch mit etwas leckerem frischen Backfisch und bewundern die schönen Aussichten auf das Meer tief unten und die hohen grünen Berge, die sich gleich hinter der Stadt erheben. Nach einem kleinen Zickzackkurs durch die Altstadt klettern wir über viele Stufen Richtung Meer hinunter – durch eine schmale Gasse zwischen hohen Grundstücksmauern, die aber freundlich von blühenden Bäumen und herabhängenden Ästen voller Zitronen flankiert wird. Es geht bestimmt 50 Meter bergab.

Unten angekommen, gönnen wir uns bei strahlendem Sonnenschein einen Aperitif mit Meerblick … Schließlich kraxeln wir wieder eine Weile bergauf, denn anders kommt man nicht weiter. Auf beiden Seiten der alten gepflasterten Straße, die sich Autos und Fußgänger teilen, liegen hübsche alte Villen mit großen Gärten und herrlich blühenden Bäumen – trotz Herbst. Und jede Menge Wanderstock bewehrte Touristengruppen älteren Baujahrs.

Danach klettern wir wieder steil auf einem Steinweg an den Felsen zum Strand hinunter, die Grande Marina anschauen. Hier liegen die wenigen felsigen Strände in Sorrent. Fast das ganze Gebiet ist in privaten Händen und die Badewilligen müssen bezahlen, oft für wenig einladende Terrassen mit Strandbars. Und wer glaubt, hier stürze man sich ins endlose blaue Meer, der irrt. Die ganze Bucht ist von Holzplattformen eingefasst, so dass es aussieht, als würden die Touristen an der Flucht gehindert. Der Ausblick auf das Meer und die Inseln Capri und Ischia ist wunderbar, aber Strand habe ich schon besser gesehen.

Am Ende der Grande Marina liegt die Marina Piccola, hier fahren viele der Fähren ab, auch nach Capri und Ischia. Am kommenden Tag haben wir vor, mit dem Schiff nach Süden an die Amalfi-Küste zu fahren. Aber unser Versuch, die Gelegenheit zu nutzen und schon Tickets für die Fähre zu kaufen, scheitert an der Aussage, dass morgen niemand in See stechen wird wegen des hohen Wellenganges. Hä? Wo? Unsere Wetter-App weiß nichts davon. Doch ich bin geneigt zu glauben, Miki dagegen glaubt, man wolle nur nicht mit wenigen Gästen fahren. Egal …

Auf dem Weg zurück in die Altstadt können wir vom Strand aus noch die große Basilica di Sant’Antonino Abate bewundern, die Sankt Antonius, dem Schutzpatron der Stadt, gewidmet ist. Sie ist die älteste Kirche in Sorrent. Allerdings haben wir nun keine Lust mehr auf den steilen Aufstieg und nehmen den kostenpflichtigen Fahrstuhl nach oben zum größten Park der Stadt: Villa Communale. Mit eine tollen Blick aus 50 m Höhe auf das Tuffsteinplateau der Sorrentiner Hochebene, auf den Golf von Sorrent und den Stadtstrand .

Auf der anderen Seite des Parks beginnt die Altstadt. Hier liegt auch das Chiostro di San Fransceso. Der Innenhof gibt den Blick frei auf einen wunderschönen Kreuzgang. Genutzt wird das Gelände heute vor allem für Kunstausstellungen und Veranstaltungen. Gemütlich schlendern wir durch die Kopfsteinpflaster-Gassen der Altstadt und halten nebenbei Ausschau auf ein nettes Restaurant zum Abendessen. Letztendlich landen wir an einem kleinen Platz, wo wir uns die Bäuche vollschlagen, zufrieden und etwas geschafft nach einem langen Tag.

Die Circumvesuviana bringt uns schließlich scheppernd mit Zugluft – wegen der offenen Fenster – aber sicher und pünktlich „nach Hause“ in unsere Wohnbaustelle. Buona Notte!

Napoli Impressions

8 – Next Stop: Castellamare di Stabia

Bisher haben wir nur selten Probleme mit der italienischen Bahn Trenitalia gehabt, eher sehen wir sie als positives Beispiel zur Deutschen Bahn. Aber diesmal hat´s nicht so funktioniert. Wir haben ein Ticket für den Zug nach Castellamare di Stabia gebucht, nachdem wir nochmal von der Metrostation Piazza Garibaldi durch die wunderbar von Künstlern illuminierten Gänge und Rolltreppen zum angrenzenden Hauptbahnhof Napoli gelaufen sind. Die interessante bunte Beleuchtung macht die Sache gleich viel netter!

Nun allerdings wird es schwierig. Ohnehin ist es nicht so einfach, sich auf diesem Hauptbahnhof zu orientieren. Aber ganz komisch wurde es, als wir den von uns gebuchten Zug nirgends auf den Plänen entdecken konnten … Um es kurz zu machen: Die Bahnlinie war wegen Bauarbeiten unterbrochen und es sollte ein Bus vom Bus-Terminal neben dem Hauptbahnhof abfahren. Das haben wir nach etwas Herumfragen schließlich auch gefunden. Aber von welchem der vielen aneinandergereihten Halteplätze dieses Busbahnhofs sollte nun der unsere abfahren? Nirgends ein Hinweis, viele Busse auf dem ziemlich wenig einladenden Terminal. Im Ticket-Office hat man keine Ahnung, von wo der Trenitalia– Ersatzverkehr abfährt. Hmm …

Schließlich sind es freundliche Menschen, die selbst diese Strecke fahren, die uns verraten können, wo denn die Ersatzbusse halten. Es dauert noch ungemütliche 45 Minuten, aber dann finden wir den richtigen Bus, der nur mit vier Passagieren besetzt ist. Der Busfahrer rast über die Autobahn mit offenem Fenster und raucht dabei heimlich … Aber schließlich landen wir im abendlichen Castellamare di Stabia.

Mit Rucksack und Trollies rattern wir los: Dass ich bei den rumpeligen, manchmal ganz fehlenden Bürgersteigen anderthalb Kilometer laufen muss, nervt mich ein bisschen. Teilweise müssen wir auf der Straße laufen, weil es keinen oder nur einen winzigen Bürgersteig gibt und ein Teil des Weges geht bergan. Ich bin quengelig und will endlich ankommen. Dann endlich: die richtige Adresse!

Wirklich? Das Haus an einer lauten Hauptverkehrsstraße voller röhrender Motorräder und Autos ist komplett eingerüstet und verschwindet hinter blauen Planen. Was für eine nette Überraschung! Das Zimmer ist groß, zweckmäßig, aber billig eingerichtet, die Fenster sind mit blauen Plastikplanen verhangen. Ich bin erstmal bedient und sauer, weil die Vermieterin nicht darauf hingewiesen hat. So, genug gemeckert …

Noch einmal machen wir uns durch die abendlich belebte Altstadt auf Richtung Stadt-Strand, wo wir auch ein nettes Restaurant finden und unsere Laune mit leckerem gegrillten Pulpo, Pizza Diavola und leckerem Wein wieder deutlich besser wird.

Am nächsten Morgen verlassen wir unsere Wohnbaustelle so bald wie möglich und trinken schräg gegenüber in einer kleinen einfachen Bar unseren Cafè. Der Mann hinter der Bar hat sich in ein sehr enges T-Shirt gequetscht und seinen Look mit einem gegelten Zopf auf jugendlich getrimmt. Seine Frau trägt ihre Leibesfülle selbstbewusst und wartet trotz der relativ frühen Stunde mit perfektem Make Up auf. Ansonsten lebt der Laden von denen, die immer ihren Kaffee hier trinken oder später ihren Aperitif. Es gibt drinnen einen, vor der Tür zwei kleine Tische, die meisten bleiben aber nur ein paar Minuten stehen, palavern wild durcheinander, als gäbe es was dafür zu gewinnen. Der Prototyp der uritalienischen Bar – in Deutschland wäre es ein Café. Uns gefällt´s.

Wir haben Glück, dass der Bahnhof Via Nocera der Schmalspurbahnlinie Circumvesuviana Bahnlinie nur 150 m von unsrem Haus entfernt ist. Die Bahn quert hier die Straße. Jedesmal wenn ein Zug erwartet wird, rennt einer der beiden Angestellten des Bahnhofs auf die Straße, schließt die Schranke und passt auf, dass sich niemand durchmogelt. So ein bisschen aus der Zeit gefallen, aber witzig. Wir nehmen den Zug nach Napoli, der über Pompei fährt – unsrem heutigen Ziel. Die Fahrt kostet keine 3 Euro. Der Zug ist nicht besonders gemütlich, laut, aber pünktlich.

In Pompei drängeln sich die Touristen vor dem Bahnhof, der Eingang zur Ruinenstadt Pompei ist keine hundert Meter entfernt. Ein Schild weißt darauf hin, dass pro Tag nicht mehr als 20.000 Besucher (!) eingelassen werden zum Schutz der Anlage. Es werden verschiedene Touren angeboten, man kann aber auch individuell seine eigene Tour gestalten. Wir rüsten uns mit einem Plan des riesigen Areals und zwei Audioguides aus und marschieren los.

Das Wetter ist bestens, die Sonne scheint, es ist nicht allzu heiß. Am Anfang ist das Gedränge noch ziemlich groß, mit der Zeit verteilen sich die Menschen aber etwas. Diese über 2200 Jahre alte antike Stadt wurde von ca. 10 000 Römern, Griechen, Etruskern und anderen bewohnt, bevor sie 79 vor Christus bei einem Ausbruch des Vesuv unter einer 25 m hohen Stein- und Ascheschicht begraben wurden, wenn sie nicht schnell genug flüchten konnten. An einigen Stellen sind die mumifizierten Toten (oder Nachbildungen davon) noch zu sehen, z.T. in der verkrampften Haltung, in der sie unter den Aschemassen erstickt sind. Gruselig! Pompei ist übrigens die größte Stadtruine der Welt. Einfach gigantisch!

Es ist unglaublich, was hier seit dem 19. Jahrhundert wieder alles ausgegraben wurde – und immer noch wird! „Überwältigend“ trifft es! Wir wandern durch die ehemaligen Straßen der Stadt, vorbei an den öffentlichen Wasserbrunnen, Wohnhäusern, Tempeln, Tavernen, Thermen, Manufakturen, Mosaiken und Skulpturen. Da sind noch Haushaltgegenstände, so als kämen die Besitzer gleich zurück. In den Gärten wachsen wieder Bäume. Am östlichen Ende der Stadt, das große Amphitheater, in dem die Gladiatorenkämpfe stattfanden. Gleich daneben die noch älteren Reste eine griechischen Palestra – eines Trainingsplatzes für Sportler. Am anderen Ende der Stadt: Die Totenstadt Necropolis vor der alten Stadtmauer.

Die Sonne brennt, es ist heiß, wir versuchen, auf den Schattenseiten der Straßen entlangzulaufen. Wir haben Wasser vergessen, böser Fehler. Am Tor von Nekropolis, telefoniert ein Sicherheitsmann einen geschäftstüchtigen Barbesitzer von außerhalb an den Zaun, der und Wasser verkauft! Wasser! Endlich!

Die einzige Pause, die wir uns an diesem Tag gegönnt haben, war eine Essenspause im einzigen Restaurant auf dem Gelände. Menschenmassen, eine große Terrasse, gesalzene Preise, aber immerhin leckeres Essen.

Der Audio Guide ist sehr hilfreich, die Geschichten zu Häusern, Tempeln und Bewohnern sind spannend und man fragt sich, wie soviel über sie bekannt sein kann nach so langer Zeit. Allerdings kann man unmöglich alles ansehen und anhören, man wäre tagelang beschäftigt! Es wird einem immer klarer, wie hochentwickelt – „modern“ in vielen Dingen – das antike Leben damals schon war.

Die Audio Guides rattern zum Glück nicht nur Fakten herunter, sondern erzählen auch oft die Geschichten der Bewohner, schildern Alltagsszenen, lassen vor dem inneren Auge Form annehmen, was hier vor Jahrtausenden geschehen ist. Aber die Guides sind offensichtlich schon etwas älter, denn viele der Häuser und Paläste, deren Innenräume beschrieben werden, sind inzwischen für die Besucher gesperrt – um sie zu schützen vor zu vielen Händen und Füßen. Man kann jetzt bei vielen Häusern nur noch durch Türöffnungen und Fenster schauen. Interessant sind die Erzählungen zu bekannten Familien oder einzelnen Personen, die hier gelebt haben, sie scheinen als Geist noch immer hier zu sein.

Es ist mir schlicht nicht möglich, hier noch mehr ins Detail zu gehen. Ich kann nur eins tun: Allen, die die Möglichkeit haben, empfehlen: „Fahrt hin, seht selbst!“. Es ist wirklich phantastisch! Und … es macht einen ein bisschen demütiger und nachdenklicher.