Thailand 14: Mikrokosmos Tanote Bay

Ein Pickup voller Gemüse ist mein Taxi in die Tanote Bay. Nachdem wir den Ort verlassen haben, geht es mitten über die Berge im Inneren der Insel. Trockener, immergrüner Wald  bedeckt die Berge und Felsen. Die Straße wird immer abenteuerlicher, ich muss mich heftig festhalten, um nicht über die niedrige Reling zu fallen, Felsbrocken ragen aus dem ausgewaschenen Sandweg, der sich teilweise beängstigend steil auf- und abwindet. Wo eben noch Touristenrummel war, ist hier nur Hitze und Wildnis. Dann der erste kurze Blick auf Tanote Bay: Ja! Das ist so, wie ich es mir vorgestellt habe: Eine knapp vierhundert Meter lange Strandbucht kuschelt sich an die Berge. Das Blaue Meer umspült ein paar große, dem Strand vorgelagerte Felsblöcke, die der Bucht ihren Charakter verleihen. Fünf Resorts umschließen den Strand. Aber kein einziges großes Haus zerstört den Eindruck der grünen Bucht, dafür gibt es in die Hänge gebaute kleine Bungalows , die sich zum größten Teil noch unter Bäumen, hohen Kokospalme und blühenden Bougainville verstecken. Zum Strand hin öffnen sich sechs Restaurants, geschlossene Räume hat nicht eines davon. Wer von A nach B will muss über den Strand, einen befestigten Weg gibt es nicht.

Ich klappere die Resorts ab, um eine Bleibe zu finden, natürlich ist es nicht so billig, wie auf dem Festland. Aber ich mache einen guten Deal und kann im Diamond Beach in einen kuscheligen Holzbungalow mit einer kleinen Terrasse und Blick durch grüne Baumkronen aufs Meer einziehen. Luftlinie zum Ufer sind achtzig Meter. Der Bungalow ist im typischen Thaistyle eingerichtet: ein großes Bett, ein Stuhl. Fenster zu drei Seiten mit weißen Baumwollgardinen machen ihn angenehm luftig und.Dazu kommt ein frisch gefliestes Bad, natürlich auch Thaistyle – also Klo mit Dusche darüber.

Übrigens – Haus- und Hoftiere habe ich auch….Heerscharen von kleinen Eichhörnchen toben in den Bäumen ums Haus herum, die Zirkaden haben mehrmals täglich (und nächtens) Sängerkrieg. Und auf meinem Dach wohnt wieder einer der zahlreichen Geckos. Inzwischen habe ich mich an die lauten Urzeitschreie gewöhnt, nur manchmal macht er sich einen Spass daraus, sich mitten in der Nacht genau an das Fenster neben meinem Kopf zu schleichen und da mit den unheimlichsten Grunz-, Kräh- und Schreilauten loszulegen, der reinste Stimmkünstler. Der Kerl wird einen Heidenspaß an mir haben: ich steh dann jedes mal im Bett – wörtlich. Die Eidechse in meinem Bad hält wenigstens die Klappe.

Das Diamond liegt neben einer eher teuren Anlage und einer legendären Backpacker-Bleibe, dem Poseidon, das direkt neben meinem Bungalow beginnt. Ich fürchte zuerst, dass es deshalb laut werden könnte, aber weit gefehlt, hier chilllt man bei Raggaemusik und das auch nur bis gegen elf Uhr abends. Dafür gibt es gleich zwei tolle Restaurants in denen man gut essen kann. Die Bucht ist der Traum jedes Gastronomen: zu kaufen gibt es nichts, man muss zwangsläufig alles in den Lokalen konsumieren, was seinen Niederschlag leider in den Preisen findet. Aber da Thailand immer noch relativ billig für Europäer ist, bleibt es erträglich.

Etwas kurios ist noch zu vermerken, dass man bei den Sitzmöbeln der Restaurants hier immer nur die Wahl zwischen extrem unbequemen Stühlen und Holzbänken oder dem Diner im Liegen auf Matratzen hat. Und selbstverständlich gilt auch hier das eiserne Gesetz Thailands: „Take off your shoes!“ Selbst eine Terrasse oder Rezeption wird niemals mit Schuhen betreten. Das geht einfach gar nicht. In keinem Gebäude, Restaurant, Büro, Laden, nirgends.

Das Leben in der Bucht gleicht einem geschlossenen Mikrokosmos. Innerhalb kürzester Zeit baut hier jeder sein eigenes soziales Umfeld auf. Per Schneeballsystem lernt man immer mehr Leute kennen und hat schnell „so ein Gefühl, dazuzugehören“. Die Kellner, Köche und Angestellten gehören bald genauso zur „Familie“ wie andere Reisende. Und außerdem kommen noch zahlreiche, freilaufende, liebenswerte Hunde und Katzen zur Tanote-Familie dazu.

Diese Art von Gemeinschaft ist angenehm, denn man kann allein bleiben, essen, schwimmen , aber man kann es auch in Gesellschaft tun. Zum Essen verabredet sich kaum jemand, denn wenn man Gesellschaft sucht, braucht man nur kleinen Rundgang zu machen, und zu schauen, wer wo sitzt. Dann kann man sich immer noch entscheiden, wo man mit wem essen möchte oder ob man sich lieber allein auf eine Matte fläzt. Der Blick in die Sterne und auf das nächtliche Meer mit den erleuchteten Booten der Krabbenfischer bleibt immer.

Ohne es recht zu beabsichtigen habe ich schnell ein Lieblingsrestaurant für die Abende gefunden: Lais Beach Bar. Eine Art Holzhaus auf Stelzen, auf einen Felsen gebaut. Wände hat nur die Küche, eine Tür gibt es nicht. Der erste Stock besteht aus einem zu allen Seiten offenen Holzdeck mit flachen Tischen. Gesessen oder gelegen wird auf dem Boden, der Blick aufs Meer ist herrlich. Unten gibt es noch vier Kerzenlicht beleuchtete Tische direkt auf dem Strand, zehn Meter vom Wasser entfernt. Da kann man auf echten Stühlen sitzen. Die Küche ist sehr lecker, zum Teil höllisch scharf und zusätzlich gibt es oft frischen gegrillten Fisch. Barracuda schmeckt mir am besten! Und Lai, die Chefin selbst ist ein echtes Original: charmant, quirlig und geschäftstüchtig. Kaum kommt man auch nur in Sichtweite schallt einem schon entgegen „Halloooo! Where you going? Come in, take a seat, my friend!“

Die Ressorts gehören alle Thais, zwei sind direkt familiengeführt. Ich bin allerdings doch etwas schockiert, als ich mitbekomme, dass fast alle Angestellten Burmesen sind. Manche werden ein bißchen wie Sklaven gehalten, das ist leider nicht zu übersehen, bei anderen geht es zum Glück etwas weniger harsch zu. Insgesamt leben drei Millionen Burmesen in Thailand – zumeist illegal. Die thailändische Regierung versucht das Problem in den Griff zu bekommen und hat eine Möglichkeit geschaffen, dass sich die Illegalen Einwanderer melden konnten, um ihren Status legalisieren zu lassen. Damit haben sie dann Anspruch auf den neuen thailändischen Mindestlohn von 300 Baht pro Tag (etwa neun Euro). Allerdings haben das wohl viele gar nicht verstanden oder es fehlte ihnen das Geld für den Antrag, und so bleibt das Problem ein Problem. Hier in der Bucht sind jedenfalls ungefähr über 80 Prozent der dienstbaren Geister aus Myanmar. Teilweise sehen sie ihre Familien jahrelang nicht, sie arbeiten sieben Tage die Woche.

Zu den Schattenseiten dieses kleinen Paradieses gehört auch noch der Müll, der täglich an den Strand gespült wird. Nicht so viel wie ich es in Vietnam erlebt habe, aber auch nicht zu übersehen. Plastik, Plastik, Plastik…Es ist deprimierend.

Trotzdem, noch ist Tanote Bay eine echte kleine Strandoase, in der das Leben sehr entspannt ist. Niemand rennt oder läuft auch nur schnell, die Menschen sind freundlich. Immer wieder bin ich beeindruckt,wieviel gelächelt wird und dass es absolut selbstverständlich zu den täglichen Umgangsformen gehört, sie zur Begrüßung, bei einer Bitte oder einem Danke voreinander mit gefalteten Händen zu Verbeugen. Das verhindert unbedachte Unhöflichkeiten von vornherein und macht alles ein wenig netter.

In gewisser Weise scheint die Zeit hier Pause zu machen. Wohin man auch schaut – auf´s Meer oder auf das Hinterland, man ist umgeben von Schönheit und Natur. Das ist es, was mir gut tut und weshalb ich auch beschließe, meine Rundreise hier zu beenden und einfach mal den Stecker zu ziehen. Nichts tun, einfach nur sein. Da sein und alles in sich aufnehmen. Zeit, die Gedanken schweifen zu lassen oder nicht mal das. Nur genießen und ausruhen vom Alltag.

Und außerdem – das muss natürlich dazugesagt werden, habe ich mir für meinen Aufenthalt hier ja noch ein besonderes Bonbon aufgehoben: Ich will endlich wieder tauchen. Mein Debüt ist ein Jahr her, aber die Sehnsucht nach mehr ist nicht abgeklungen. Auf ins Abenteuer!

 

Thailand 13: Ab auf die Insel

Nachdem mich Mr. Bao höchstpersönlich vor Sonnenaufgang, mit einem Sandwich ausgestattet, an der Bushaltestelle abgeliefert hat, heißt es ein weiteres Mal Abschied nehmen von einem schönen Ort. Die aufgehende Sonne zeigt mir ihr Land und vor allem die Berge noch mal in magischem Licht, bevor es zurück in die Ebene von Surat Thani geht. Vor einer Agentur der Fährgesellschaft Lomphraya werde ich abgesetzt. Mein Briefchen von Mr. Bao scheint in Ordnung zu sein, einziger Beweis dafür, dass ich die Überfahrt nach Koh Tao bezahlt habe. Die Fahrpläne in Thailand bleiben mir ein Rätsel, mal gelten sie ganz exakt, oft aber scheinen es nur grobe Schätzwerte zu sein, selbst bei der Bahn. So auch heute.

Eine halbe Stunde nach dem mir bekannten Abfahrtstermin der Fähre kommt endlich ein verwirrend großer Reisebus und lädt uns ein. Ich dachte, wir würden nur eben zum Pier gebracht. Tatsächlich aber fahren wir anderthalb Stunden durch immer neue Ortschaften. Ich werde langsam ein bisschen unsicher, ob hier nicht ein Missverständnis vorliegt, sehe aber noch zwei Backpacker, von denen ich weiss, dass sie dasselbe Ziel haben.

Irgendwann taucht dann das Meer neben uns auf – das erste Mal auf meiner Reise sehe ich den Golf von Thailand – blau glitzernd im Sonnenschein. Irgendwo im Nirgendwo ein Pier und wir besteigen einen Highspeed-Katamaran. Die meisten Thais bleiben unter Deck und scheinen spätestens nach zehn Minuten allesamt zu schlafen. Das Meer ist aufgewühlt und das Boot kracht hart auf die Wellen und es schaukelt nicht wenig. Nach einer Weile beruhigt sich der Seegang. Ich gehe an Deck und nehme das erste Mal meine nicht-thailändischen Mitreisenden wahr. Schock! Was sind den das für Leute?! Ein völlig neues Publikum, das schon äußerlich so ganz anders wirkt, als die Reisenden, die ich bisher getroffen habe.

Da ist die typische Pauschalreise-Spezies , schneeweiss im knappen Ibiza-Beach-Outfit, dieSonnencreme in der Hand. Laut unterhält man sich darüber, bei welcher Internet-Agentur welche Reise mit welchem Komfort noch zwei Euro billiger angeboten wurde. Es werden flugs beruhigende Gruppenbildungsprozesse absolviert: „Ach, ihr seid auch auf unserer Insel in dem Ressort Asia Sun! Na super, wir sind auch da und die vier da drüben wohnen in der Anlage gleich nebenan! Da können wir ja schön was zusammenmachen!“ Dann, betont abgesetzt, die Distingierteren mit der Buchung im Luxusressort. Ein Kölner Pärchen um die Dreißig erzählt mir, sie seien direkt aus Bangkok weitergeflogen (interessiert uns nicht wirklich, die Stadt) und hätten alles schon klar gemacht, keine unnötigen Umwege, sie wollen nur relaxen -wer will schon Stress und allzu viel Neues im Urlaub. Ein toootal gutes Angebot: ein abgelegenes Strandressort mit allem Drum und Dran für nur 150 Euro die Nacht mit Halbpension, natürlich. 150 Euro in Thailand? Totaaal günstig? Nur nicht woanders hin, kein Stress? Ich glaub, ich bin hier falsch! Da sind mir ja die flattertuchbehangennen Öko- Hippie-Aussteiger-Eltern mit drei kleinen Kindern, zwei Kinderwagen und drei Tonnen Gepäck noch die liebsten.

Nach einem Zwischenstopp in Koh Samui legen wir nach etwa zweieinhalb Stunden in Koh Pha Ngang an, der Nachbarinsel von Koh Tao. Plötzlich wird klar, warum man einigen von uns beim Einsteigen rote Bändchen verpasst hat: Wir müssen hier umsteigen. Das Gepäck hat die Crew schon auf dem Landesteg verteilt ehe wir endlich vom Schiff runter sind – jeder rupft an seinem Teil herum, wunderbarer Weise landet nichts im Wasser. Eine Stunde Aufenthalt, brennende Sonne. Leider kein netter Hafen, sondern eine endlose Mole zum Land, der eigentlich Ort fängt erst dahinter irgendwo an. Ich zerre mein Taschenmonster durch den Sonnenschein (ja, ich habe gelernt: das nächste Mal brauche ich nur die Hälfte), nur um in einer hässlichen, aber immerhin schattigen heissen Schalterhalle eine Cola zu trinken.

Endlich erreichen wir dann Mae Haad auf Koh Tao. Ich will eigentlich auf die abgelegene Ost-Seite der Insel, in die Tanote Bay. Doch es ist offenbar etwas beschwerlich dorthin zu gelangen, deshalb will ich eine Nacht an der betriebsamen, extrem touristischen Westküste verbringen und ein bisschen fröhliches Badeort-Leben anschauen. Ich habe keine Ahnung, wohin ich mich wenden soll. Ich schubse Heerscharen von aufdringlichen Taxifahrern und Schleppern weg und marschiere einfach drauf los. Müde, heiss, ich habe keine Lust mehr weiterzusuchen. Eine schweißtreibende Stunde später habe ich Rückenschmerzen und lahme Arme, weil ich meinen Hackenpanzer ständig durch den Sand und über Steine ziehen musste. Endlich ein freies Zimmer, das weder ein Schlafsaal, noch ein teures Hotel ist. Allerdings – es ist scheußlich, schimmelig, schmuddelig und dafür zu teuer. Aber aus meiner Zimmertür kann ich immerhin direkt auf den Strand. Zwar habe ich auf dem Schiff meinen lonely planet befragt, wo ich denn wohl bleiben sollte, aber da ich keine Ahnung von den geografischen Gegebenheiten und Entfernungen hatte, hat das nicht viel genutzt.

Um meinen Frust gar nicht zum Zuge kommen zu lassen, mache ich mich nach einem ersten kurzen Bad auf, Mae Haad zu erkunden. Anderthalb Stunden laufe ich durch den lauten, chaotischen, ziemlich vermüllten und gesichtslosen Ort voller Tauchbasen, Hotels, stinkender lauter und stinkender Motorräder und Quads, die einem fast über die Füße fahren. Meine Laune ist im Keller. Ich will hier weg.

Schließlich treffe ich zwei Engländerinnen, Mutter und Tochter, die auch in meinem Hotel wohnen. Sie fragen mich, ob wir nicht zusammen essen wollen. Ich nehme das gern an und wir finden sogar ein nettes Restaurant. Die junge Frau ist Tänzerin und hat eine Charlston- Dance Compagnie. Ihre Mutter hat gerade aufgehört zu arbeiten. Sie hatte einen Second Handladen und hat Kostüm-Ausstattung für Filme gemacht. Die Ladies sind beide very english, ein bisschen schräg und ich finde, wir bilden einen netten kleinen Damenclub. Das rettet mir den Abend und lässt mich den Ort Mae Haad vergessen.

Um es vorwegzunehmen – man möge mir den Bruch der Chronologie verzeihen, einige Tage später unternehme ich einen weiteren Versuch, mich mit der Ostküste anzufreunden und fahre in den Hauptstrandort Sairee Beach. Einzige Möglichkeit von Küste zu Küste zu kommen ist eins der fünf Shuttle-Sammel -Taxis aus Tanote Bay, die viermal am Tag zur Fähre fahren und für einen kleinen Aufpreis dabei auch Gäste mit in die angrenzenden Orte nehmen. Das Ganze kostet dann pro Fahrt und Kopf 100 bis 150 Baht, ein reguläres Taxi verlangt 500 bis 600 Baht.

Eigentlich möchte ich an dieser Stelle nur ganz kurz auf Sairee Beach eingehen- denn, soviel sei vorweggenommen, es lohnt kein eigenes Kapitel. Es ist etwas sanfter als der geschäftigeHauptort Mae Haad, aber trotzdem nicht viel mehr als eine Ansammlung von Hotels, Hostels, Tauchbasen, Geschäften und Restaurants mit einem Palmen gesäumten Strand. Eine eigene Atmosphäre läßt der Ort in meinen Augen aber vermissen. Nach anderthalb Stunden weiss ich nichts mehr mir mir anzufangen und bitte per Handy-Nummer um Rückholung – as soon as possible.

Etwas netter, zumindest auf der Durchfahrt, sieht der südlich gelegene Ort Chalok Baan Kao aus. Dies alles halte ich nur für eventuell nachfolgende Thailandreisende fest. Nach diesen ersten Erfahrungen setze ich nun alle Hoffnungen auf meine Weiterreise nach Tanote Bay.

Thailand 12: Höhlenabenteuer

Um sieben Frühstück…schon wieder früh `raus. Aber um 7.30 Uhr kommt der Minibus (schon wieder einer…aber diesmal gechartert und mit freundlich grüßendem Fahrer) und holt mich ab. Mr. Bao hat mir zu der Lake&Cave-Tour geraten und gleich alles organisiert.

Der erste Eindruck von meinen elf Reisegefährten des Tages ist nicht so gut, viele Deutsche, einige mit muffeligem Blick, das soll sich aber später als zum Glück ändern. Wir müssen über eine Stunde fahren, der Nationalpark ist riesig. Eine Viertelstunde vor dem Ziel halten wir noch auf dem lokalen Markt, um letzte Kleinigkeiten zu besorgen. Ich brauche ein paar geschlossene Schuhe, die nass werden können, weil wir durch das Wasser laufen werden. Mr. Bao hat schon alles für mich geklärt, der Guide schleppt mich gleich zum Schuhhändler. Für 70 Baht (2Euro) erstehe ich ein fast kultiges schwarzes Modell: sieht aus wie ein Tennisschuh, ist aber Vollgummi.

Endlich sind wir am Ziel. Unter uns liegt der Chiaw Laan Staussee, der 1982 durch den Ratchaprapha- Staudamm entstanden ist. Ein Foto dieser Landschaft hat mich gleich auf den ersten Seiten des lonely planet schwer beeindruckt und auch nicht mehr losgelassen. Hohe, dicht bewaldete schroffe Felsen und kristallklares Wasser sind die magische Mischung, die mich nicht mehr losgelassen hat. Der Anblick, der sich jetzt bietet, ist noch schöner als erwartet: ein bis zum Horizont reichender hell türkiser See und schroffe , urwaldbewachsene Karstberge. Ich hatte geglaubt, die Landschaft, die ich in Vietnam in der Halong Bay kennengelernt hatte, sei einmalig, aber das hier ähnelt dem verblüffend. Nur das es kein grünes Meer, sondern eben diesen strahlend hellblauen See gibt.

Am Pier liegt eine Handvoll Longtailboote für die verschiedenen Touren, die die Pensionsbesitzer hierher organisieren. Allzu viele Genehmigungen gibt es zum Glück nicht dafür. Eine Stunde lang düsen wir über den See, immer tiefer in diese faszinierende Landschaft hinein. Immer näher rücken die Felsen an das Boot heran. Alle sind in den Anblick versunken, jeder für sich. Allerdings fahren wir mit ziemlich hoher Geschwindigkeit und die Gischt liefert eine feine, aber stetige Dusche.

Endlich sind wir am Ende- oder auch nur am Ufer eines der Nebenarme und Buchten des Sees angekommen.Wie aufgefädelte Perlen sehen die an einem schwimmenden Steg aufgereihten kleine Holzbungalows mit einem Ponton als Pier aus. Übernachtungsmöglichkeiten für die, die eine Zwei- oder Dreitagestour gebucht haben. Wir legen in der Mitte an, dort gibt es ein schwimmende Restaurant, wo wir Mittag essen.Vorher bleibt noch eine halbe Stunde für ein Bad im warmen See. Die Farbe macht jedem Swimmingpool Konkurrenz. Das Wasser ist klar und sauber, der Stausee sorgt schließlich sowohl für Trinkwasser und Energie. Es tummeln sich jede Menge Fische um uns herum.

Wie immer bei den Touren in Thailand gibt es jeweils ein Essen für Vegetarier oder ein anderes. Gut, dass ich kein Vegetarier bin, dann hätte ich den herrlichen, im Ganzen servierten Fisch aus dem See verpasst. Gebacken mit einer leckeren Soße, Ingwergemüse und Reis. Köstlich! Zum Nachtisch aufgeschnittenes Obst.

Eine Viertelstunde verdauen und dann geht´s weiter mit den Booten. Wir sind zwölf Leute pro Gruppe, insgesamt aber aber zwei Gruppen. Allerdings wandern wir versetzt, also nicht als Massenausflug, wie ich schon fast befürchtet hatte.

Wir werden an einem Pfad in den Urwald abgesetzt und beginnen unseren drei Kilometer langen Marsch zur Nam Talu Höhle. Wilde Natur, riesige Bäume, Felsbrocken und immer wieder kreuzen wir den Fluss, der sich in Schlangenlinien durch den Wald windet. Einige versuchen, über Steine und Stämme hinüberzubalancieren, aber das klappt nicht immer. Ich bin heilfroh über meine Gummischuhe, auch wenn es sich nach der ersten Wässerung darin wie in einem Bottich läuft, denn das Wasser kann ja nicht abfließen….

Plötzlich sind wir von hunderten kleinen Schmetterlingen umschwirrt. Die nervösen kleinen Tierchen setzen sich nie, aber sie begleiten uns durch den Fluss bis zum Waldrand, dann kehren sie um. An einem Baum zeigt uns unser dreizähniger, fröhlicher Führer Bom einen Elefantenschmetterling, ein ganz eigenartiges graubraunes Geschöpf, das wie ein Teil des Baumes wirkt – und es hat tatsächlich einen Elefantenrüssel. Bom kichert und gackert und sagt immer wieder „long nose, long nose“ und zeigt auf uns und wieder auf das Tierchen: „Farang-Butterfly!!! Hahaha!“ Er kann sich nicht mehr halten vor Lachen über seinen Witz. Dazu muss man wissen, das Europäer hier in Asien Langnasen genannt werden, und Farang ist das Wort für Fremder/Ausländer.

Besonders die uralten Teakbäume sind beindruckend, sie sind riesig. Einige Exemplare haben so dicke Stämme, dass wir uns als Gruppe darum an den Händen halten müssten, um sie zu umfassen. Immer wieder hören wir alle möglichen Tierlaute, die wir nicht identifizieren können. Ein besonders schrilles Gekreisch stammt von Gibbons, wie Bom erklärt. Wir sehen ein wildes Rauschen in den Kronen, der zum Teil bis zu vierzig, fünfzig Meter hohen Bäume, aber das Grün ist zu dicht, als dass wir die langarmigen Turner sehen können. Als sich schließlich am Wegesrand eine ansehnliche Tarantel sehen lässt, klappt ein Naturhasser und Spinnenphobiker aus dem Ruhrpott fast zusammen. Er musste mit in diesen schrecklichen Urlaub, seine unternehmungslustige Freundin hätte ihn sonst verlassen. Schluss mit Mallorca. Seine schlechte Laune kann man fast anfassen und ich halte mich weit weg von ihm – und seine Freundin tut dasselbe.

Schließlich taucht ein großer Fels vor uns auf und mit ihm der Eingang zur Höhle. Wer es jetzt doch mit der Angst bekommt, wird von einem zweiten Führer wieder zum Boot gebracht, die anderen geben ihre Kameras nun bei Bom ab, der eine wasserdichte Tasche hat und setzen die starken Kopflampen auf. Und schon geht´s in den Berg für die nächste Stunde. Wir klettern über rutschige Felsplatten und durchwaten zunächst flaches, kaltes Wasser. Es fällt verdammt schwer, auf die Füße zu achten, denn es gibt so viel Schönes zu sehen! Buntgeäderte Felsen und glitzernde Stalagmiten in fantastischen Formen, her selten bizarre Stalaktiten, die im Weg hängen. Und immer wieder kleine Höhlen, in denen tausende von Fledermäusen erschreckt in unsere Grubenlampen blinzeln. Im dunklen Wasser schwimmen ein paar Welse herum und an den Wänden hockt langbeiniges Krabbelgetier, das aber offenbar genauso froh ist wie wir, wenn wir uns nicht allzu sehr nähern.

Das Wasser wird zunehmend tiefer, zumindest gelegentlich. Und dann ist es soweit: ein Schritt und: platsch, bis zur Brust drin im schwarzen Nass. Der Untergrund ist abenteuerlich, jeder Schritt muss ertastet werden. Der Gang ist plötzlich nur noch ganz schmal, man muss eine echte sportliche Leistung vollbringen, wenn man hier durch will. Aber es macht unglaublichen Spass und die Höhle überrascht immer wieder mit neuen Anblicken. Es ist auch in keiner Weise beängstigend, wie man vielleicht annehmen könnte. Eher das Gefühl, Teil eines Großen, Ganzen sein zu können. Dann geht es zum Finale. Hinter einer Felsecke finden die Füße dann gar keinen Boden mehr, wir müssen schwimmen, in voller Montur. Ein enger schmaler Tunnel windet sich durch den Berg, bevor schließlich ein Lichtschein verrät, dass wir am Ausgang angekommen sind.

Am liebsten wäre ich gleich wieder umgekehrt, und das geht den meisten so. Es war ein großartiges Erlebnis. Was im übrigen in Europa oder Nordamerika wohl niemals möglich wäre, das wäre sicherheits- und versicherungstechnisch garantiert längst verboten worden. Gut für uns, dass das hier nicht so war…

Nach einem Zwischenstopp zum Baden und Obstessen im schwimmenden Restaurant geht es zurück zu dem Ufer, an dem der Shuttle wartet. Über 165 Quadratkilometer ist der Chiaw Laan groß und vierzig bis neunzig Meter tief. Er wirkt wie wegen des weißen Kalksteins an seinem Grund wirklich wie ein gigantischer flüssiger Türki. Die grün-weißen Karstberge, die unsere Route wie Schluchten aussehen lassen,winken mit ihren Palmen und Baumkronen zu uns herüber. Und die vor über dreissig Jahren im Wasser gestorbenen Riesenbäume scheinen nicht aufzugeben, ihre kahlen Äste ragen noch immer etwas gespenstisch aus dem Wasser.

Ungeachtet des herrlichen Anblicks rast unser Boot in wilder und wegen aufkommenden Windes sehr bewegter und nasser Fahrt eine Stunde lang zurück. Am Himmel hängen plötzlich dunkle Wolken. Es ist inzwischen ziemlich kalt von der unaufhörlich peitschenden Gischt und dem Wind, aber niemand beschwert sich, alle sind noch immer vom Anblick der ungewöhnlichen Landschaft gefangen genommen. Dumm nur, dass nun die zweite, zum Wechseln nach der Höhle mitgebrachte Garnitur Kleider auch klatschnass ist. Wenigstens jetzt hat die Hitze mal wirklich eine angenehme Seite.

Und in meinem Urwald-Domizil wartet nun noch ein leckeres Abendessen bei Mr. Bao auf mich, wo ich den vielen Eindrücken des Tages noch in der restauranteigenen Hängematte nachhänge, bevor ich in meinem Baumhaus unter das Moskito-Netz klettere.

 

Thailand 11: Affenparty in Khao Sok

Die Feuchtigkeit der Nacht tropft von den Bäumen, alles dampft. Was für ein Unterschied zum trockenen Norden. Heute will ich zu Fuß in den Park und ein bisschen die Umgebung erkunden, denn außer meinem persönlichen Dschungelcamp habe ich ja noch gar nichts mitbekommen. Der Ort ist gut anderthalb Kilometer lang, die Häuser sind überwiegend an der Straße verteilt, es gibt fast mehr Ressorts, Guesthouses und Restaurants als Wohnhäuser. Aber insgesamt sind es wohl nicht viel mehr als ein gutes Dutzend. Ich bin trotzdem froh, dass ich etwas abgelegener im Wald wohne.

Es ist zwar nicht so heiss wie im Norden, es sind nur 30 Grad, aber durch die hohe Luftfeuchtigkeit fühlt es sich unglaublich heiß an. Ich bin schon wie geduscht, als ich am Nationalpark ankomme. 300 Baht Eintritt für Ausländer (9 Euro), das ist offenbar Standart in Thailand. Wenn ich ganz nach oben zum Ende dieser Route wandern will, müsste ich einen Guide nehmen, aber ich will ihn mir sparen, da ich morgen eine Tour plane, die ein bisschen teurer ist. Also nehme ich die gut drei Kilometer in Angriff, die für Individualisten freigegeben sind. Es geht bergauf, der Weg ist breit und komfortabel im Vergleich mit meiner Trekkingtour. Die Vegetation ist üppig grün, hoher Bambus, hohe Bäume und hin und wieder ein phantastischer Ausblick auf entferntere, bizarr und schroff geformte Kalksteinberge. Die Zirkaden veranstalten teilweise ohrenbetäubenden Lärm.

Hier im Khao Sok Park leben tatsächlich noch sehr viele wilde Tiere bis hin zu Elefanten und Tigern. Aber die lassen sich in der Trockenzeit und am Tage in diesem Teil des Parks wohl eher selten sehen. Obwohl ich nach einer Weile an einer Stelle vorbeikomme, wo die steilansteigende Böschung von schweren, großen Füßen zertreten ist und überall abgerissenes Grünzeug herumliegt. Da dürfte wohl letzte Nacht mindestens ein Dickhäuter durchmarschiert sein. Auf den Hinweisen beim Visitors Center heißt es nur lapidar, wenn man Elefanten begegnet, soll man nicht so nah `rangehen, dass sie sich gestört fühlen…hatte ich nicht unbedingt vor.

Von Zeit zu Zeit gibt es Pfade, die durch das grüne Dickicht zum Fluss oder zu Wasserfällen führen, die jetzt in der Trockenzeit allerdings aber eher Stromschnellen sind. Trotzdem sind sie schön anzusehen und angesichts der Hitze kann ich auch nicht widerstehen, auf den Felsbrocken herumzuklettern und mich vom kalten Bergwasser überspülen zu lassen. Obwohl das vielleicht nicht so ganz vernünftig ist, allein. Als ich gerade auf einem großen Stein ausruhe, starrt mich vom Nachbarstein ein großer Gekko misstrauisch an. Wir spielen das Spiel, wer zuerst wegschaut. Ich gewinne.

An einer Stelle hat der Fluß einen natürlichen Pool gebildet. Wunderbar zum Baden. Und nicht mal kalt. Ich habe mich wieder auf einen Felsbrocken gesetzt und sehe einem deutschen Paar beim Baden zu. Plötzlich fangen die beiden an wie von der Tarantel gestochen herumzuspringen und zu schreien. Ich bekomme mit, dass es um Fische geht. Da ich weiter oben im Fluß wieder meine kleinen geflossten Knabberfreunde ´getroffen habe, gehe ich davon aus, dass sie auch hier sind. Ich versuche das Paar zu beruhigen. Aber dann zeigen sie mir kleine blutende Bisswunden. Auf meinem Rückweg durchs Wasser ans Ufer kommt dann tatsächlich auch so ein bissiges kleines Biest zu mir. Aber ich bin gewarnt und lasse es nicht zum Zug…oder besser: Biss kommen.

Auf dem Rückweg explodiert plötzlich der Wald über mir: die Affen feiern Party in den Baumkronen. Einer kommt auch mal eben auf den Weg gesprungen und schaut, ob ich als Mitspieler tauge. Aber ich gestehe, anders als die Äffchen in Brasilien,sehen die hier gar nicht so freundlich aus, die haben ziemlich große Zähne und gucken giftig. Aber sie wollen nichts von mir. Nach vier Stunden bin ich wieder am Ausgangspunkt und werde wieder ausgetragen. Alle Besucher werden an verschiedenen Kontrollpunkten namentlich mit Uhrzeit registriert. Besser so, falls doch mal was passiert, dann wissen sie, wo sie suchen müssen.

Ich will den Abend bei einem Bier auf der Dschungelterrasse verbringen, lasse mich dann aber gern von einer Gruppe junger Leute aus Deutschland, Syrien und der Slowakei überreden, mit ihnen im Dorf zu essen. Es ist schon spannend, wieviel Menschen man kennenlernt, wenn man allein reist. Und das Gute ist, man muss nicht, man kann Gesellschaft haben. Gefällt mir. Ich habe mich noch nie einsam gefühlt auf dieser Reise, aber trotzdem auch viel Zeit allein verbracht. Tut wirklich gut, kann ich weiterempfehlen. Rendezvous mit dir selbst…

Und morgen ist ein neuer spannender Tag mit Ganztagestour zum gigantischen Chiao-Lan-Stausee an einem anderen Ende des Nationalpark und mit einer Höhlentour, die durch´s Wasser geht. Schon wieder Abenteuer!

Thailand 10: Reise ins Dunkle

Wieder ist es ein Tuktuk, das mich zum Flughafen bringt. Ich hatte am frühen Sonnatgmorgen vor meiner Abfahrt noch einige Probleme, der Aufforderung von airasia Folge zu leisten und mein elektronisches Ticket auszudrucken. Man könne sich der Scanner am Airport nicht sicher sein und womöglich entstünden mir ohne Papierticket Zusatzkosten. Gar nicht so leicht am Sonntag einen Laden zu finden, der e-mails ausdruckt. Ein schweisstreibendes Herumgerenne, aber zumindest mit Erfolg gekrönt. Bei Check In büße ich dann noch mein gutes Reisebesteck ein, es hatte sich unten im Handgepäck versteckt, leider nicht vor dem Röntgengerät.

Um 14.20 Uhr Landung in Surat Thani, zehn Minuten später fährt in der vierzig Fahrminuten entfernten Innenstadt der letzte offizielle Bus nach Khao Sok ab… Das ist doch die klassische Marktlücke für die Minibusse, denke ich und richtig: es gibt eine Agentur, die sich gleich am Ankunftspunkt des Flughafenbusses installiert hat. Und es gibt auch einen letzten Minibus um halb fünf. Die herrische, aber offensichtlich geschäftstüchtige Agentur-Dame fragt mich sogleich nach meinen weiteren Reiseplänen nach meinem Aufenthalt im Nationalpark. Kho Tao – ja, sie verkaufen auch die Schiffstickets, ich soll gleich buchen, damit ich einen Platz bekomme. Und da das letzte Schiff nach Koh Taoum halb acht morgens führe, müsse ich auch am Vorabend nach Surat Thani zurückkommen und hier ein Hotel buchen. Ich unterdrücke schlau eine Panikaktion und winke cool ab. Die Frau versichert mir bösen Blicks, ich werde schon sehen, was ich davon habe.

Es bleibt gerade noch Zeit, auf dem Busbahnhof nach etwas Essbarem zu fahnden, ich bin schließlich seit früh unterwegs. Kein Mensch hier versteht mich aber. Und das gebratene Fleisch, auf das ich einfach zeigen könnte, sieht so gar nicht vertrauenerweckend aus. Alles andere erkenne ich nicht, Fragen bleiben erfolglos. Eine Frau nimmt mich an die Hand, palavert vor einem Verkaufswagen mit großen Kesseln und einem misstraisch blickenden Opa. Die Zeit rennt mir davon, ich habe Hunger. Die Frau sagt „Piek – Piek- Good“, was ich so deute, dass es hier womöglich irgendwas mit Schwein gibt. Ich nicke ergeben und Opa macht den dampfenden Kessel auf, schippt irgendwelche kleinen heißen Teile in eine Plastiktüte, schüttet drei Soßen hinterher und ein paar Krümel oben drauf, drückt mir eine Plastikgabel in die Hand und für 20 Baht (70 Cent) gehört der Schlamassel mir. Einen Moment zögere ich, dann verbiete ich mir das und koste. Lecker! Scheint so eine Art Mini-Dimsum mit Schweinefleisch und Kräutern zu sein. Und natürlich süss-scharfer Sosse.

Ich schaffe es gerade noch, das heiße Essen kleckernd in mich ´reinzustopfen, und schon brüllt mich die Agentur-Schnepfe an. Sie zeigt auf die andere Straßenseite, wo ein Minibus mit laufendem Motor wartet. Ich zerre meine schwereTasche mühsam über hohe Bordsteine, durch Löcher im Asphalt und Müll über die befahrene Straße, während auf der anderen Seite ein äußerst bullbeissiger und sichtlich übelgelaunter Kerl mit in die Hüfte gestützten Armen dem Manöver zusieht: der Fahrer. Ich erkenne das mittlerweile am Typ und der schlechten Laune. Das scheint hier das Persönlichkeitsprofil der Minibuskutscher zu sein.

Er flucht und reißt mir die Tasche weg, drückt sie mir aller Gewalt platt und quetscht sie von hinten unter die engen Sitze, die ich ja schon kenne und liebe. Ich setze mich mit meinem HandgepäckRucksack in den Bus, da kriegt er auch schon den nächsten Anfall und reißt ihn mir auch noch weg, um ihn noch hinten reinzustopfen. Den Gang braucht er nämlich, um ihn mit aufgelegten Brettern in noch mehr Sitzplätze zu verwandeln. Er gondelt noch eine ganze Weile durch die Stadt Surat Thani und sammelt Leute ein, bis der Bus aus allen Nähten platzt.

Alles was ich von der Umgebung zu sehen bekomme, zeigt mir eine relativ uninteressante Großstadt. Die Menschen hier sehen anders aus als in Nordthailand, dunkler, breitere Gesichter, mehr indischer Einschlag. Aber was mir auch sofort zu meiner Begeisterung auffällt, ist die Vegetation: viel grüner, tropischer und üppiger. Dann kann ich gar nichts mehr durch die ohnehin kleinen Fenster sehen, weil ich in der Mitte sitze und die jungen Leute rechts und links die Gardinen zumachen, um besser auf ihren Smartphonen spielen zu können…Ich bin übrigens die einzige Farang (Fremde) im Bus. Aber im Gegensatz zum Fahrer, der mich immer wieder mit bösen Blicken im Rückspiegel anfunkelt, sind die Mitfahrer alle nett und lächeln wenigstens, wenn ich sie anschaue.

Ich habe keine blasse Ahnung, wo wir jeweils sind, lesen kann ich nichts und es wird nur Thai gesprochen. Wir fahren schon eine gefühlte (und unbequeme) Ewigkeit, durch einen Gradinenspalt sehe ich in der untergehenden Sonne ein Gebirge am Horizont auftauchen, schöne, ungewöhnliche Berge. Inzwischen sind wir über zwei Stunden unterwegs, der Bus lehrt sich. Es ist stockdunkel und draußen fängt es an zu schütten. Schließlich ist dies das Gebiet mit der größten Niederschlagsmenge in Thailand, deshalb gibt es hier den letzten intakten Regenwald, der vor einigen Jahren zum Nationalpark erklärt wurde. Deshalb bin ich hier. Ich liebe den Regenwald, bisher kenne ich nur den in Brasilien.

Nach reichlich zweieinhalb Stunden hält der Bus plötzlich – ich bin der letzte Fahrgast. Ohne mich anzuschauen, meckert der Fahrer wiedermal etwas vor sich hin, ich schließe daraus, dass wir am Ziel sind. Er springt aus dem Bus, reisst die Heckklappe auf, und schmeißt mein Gepäck in knöcheltiefes Wasser. Ich kann nur noch hinterher springen und zerre meinen Kram so schnell wie möglich unter ein kleines Dach, das wohl die Bushaltestelle ist. Das ist dann wohl der Moment, in dem ich meinen geliebten E-Reader verliere….

Ich stehe einigermaßen desorientiert herum und überlege, wo ich denn wohl hinmuss. Keine Ahnung, ob ich überhaupt im richtigen Ort bin oder nur in der Nähe. Dunkel, Regen, Wald, ein paar Dörfler, die uns erschreckt anstarren. Es gibt noch zwei Backpacker, die auch Schutz vor dem Regen gesucht haben, sie erwecken mich aus meiner Schreck-Paralyse und fragen, warum ich nicht einfach die Nummer vom Hotel aus dem Internet suche und anrufe. Es klappt sogar und eine fröhliche Stimme verspricht mir : „No problem, don´t worry,wait for me, I´ll pick you up!“ Puh… Nach dem stressigen Tag und der wenig angenehmen Ankunft hätte ich beinahe mein erstes Reise-Tief bekommen – wäre da nicht Mr.Bao. Der fröhliche Besitzer des Valley Lodge lädt mich gutgelaunt in sein Auto, verfrachtet mein Gepäck auf dem Rücken in meine neue Bleibe und vermittelte mir ein richtig gutes Gefühl.

Ich wohne mitten im Dschungel – so der erste Eindruck, ein schmaler Pfad führt durch hohe Bäume, wie ein feiner Vorhang hängen dünne Lianen und Luftwurzeln im Weg, regennasse Blumen sind im Licht der wenigen Lampen, die in den Bäumen aufgehängt sind, zu erkennen. Grillen zirpen, Vögel zwitschern trotz der Nacht. Ich wohne in einer Art Baumhaus, ein Holzbungalow auf hohen Stelzen zwischen den Bäumen. Es gibt nur fünf davon, die anderen kann ich in der Dunkelheit gar nicht sehen.

Mein Hexenhaus ist sehr rustikal: Ein hartes, aber breites Bett mit Moskitonetz,ein schmales Bord und drei Nägel sind die einzigen Möbel. Immerhin gibt es im Klo mit thailändischer Spülung (ein Eimer Wasser mit einem Schöpftopf) auch eine Dusche, aus der ein zum Waschen geeignetes Rinnsal kommt. Und eine funzelige Glühbirne vervollkommnet die Einrichtung. Ich finde es klasse. Wenn ich die Holzläden aufmache (Fenster gibt es nicht), bin ich mitten in den Baumkronen.

Ich tapse zurück zum Restaurant, das auf einer offenen, überdachten Terrasse gleichzeitig Rezeption ist und bestelle mir ein Grünes Curry mit Cashewnüssen. Und ein großen Bier! Ein Affe kommt aus dem Wald und räumt die süßen Opfergaben vom Buddha-Altar neben mir ab, er trinkt sogar die süße Limonade darauf aus dem Strohhalm. Vielleicht ist er ja eine andere Inkarnation Buddhas? Mir geht es jetzt jedenfalls wieder gut. Khao Sok war doch ein guter Einfall.

Thailand 9: Relax & fest zugepackt

Der nächste Morgen fühlt sich ein bisschen nach Katerstimmung an, auch ohne Restalkohol. Nach all diesen Erlebnissen soll nun plötzlch nichts kommen? Ich bin kurz davor, ein Busticket nach Pai zu kaufen, einem Nest weit oben in den Bergen – Thermalquellen, ein alter Hippie-Ort mit Wellnessflair. Was mich noch zurückhält, ist die Überlegung, dass das wieder stundenlange Minibusfahrten mit Gepäck bedeuten würde, hin und zurück, bevor ich mich dann ab Chiang Mai auf den Weg Richtung Süden machen wil, wohin, weiss ich noch nicht. Zwei meiner neuen Trekkingfreunde sind unterwegs nach Pai. Ich ringe einen guten halben Tag mit mir, dann fällt mir auf, dass ich in eine Art Dauerbrennermodus verfalle. Die Einsicht erleichtert meine Entscheidung, zu verzichten und einfach einen Gang zurückzuschalten.

Ich miete mir wieder ein Fahrrad, suche mir ein nettes Guesthouse in einer kleinen Nebenstraße und lasse mich treiben. Ich fahre einfach planlos herum, umrunde die Altstadt, durchkreuze sie, trinke hier einen Kaffee, dort einen Saft und beobachte. Ich schaue einfach nur. Ich sehe den Touristen genauso zu, wie ein paar Straßen weiter denen, die immer hier leben. Und stelle fest, dass die Menschen hier in Chiang Mai trotz asiatischer Geschäftigkeit ungeheuer entspannt sind. Hier verfestigt sich mein erster Eindruck von der symphatischen Stadt.Ich streichle eine gefühlte Million Katzen, die Lieblinge der Chiang Maier und lerne mich ständig vor anderen Menschen zu verbeugen, so wie sie sich vor mir. Respekt vor dem Anderen, nicht die schlechteste Art des Umgangs.

Mein Guesthouse Rama fällt etwas aus dem Rahmen. Nicht wegen der annehmbaren, aber doch ziemlich abgewohnten Zimmer, sondern wegen des phantastischen Gartens, der mit Liegen und Stühlen zum Relaxen einlädt. Es gibt herrliche Orchideen an den Bäumen, blühende Sträucher, einen kleinen Brunnen, ein Kaninchen, zwei Katzen mit Hippie-Halsbändern, einen kleinen Hund und eine etwas abgedrehte, entweder telefonierende oder auf einer Garten- Liege schlafende Rezeptionsdame, die alle „my friend“ nennt. Besitzer des Ganzen ist ein dürrer, ganzkörpertätowierter Neuseeländer mit einem langen grauen Pferdeschwanz und einer Harley Davidson in der Einfahrt. Ein netter Typ, der sich zwar offensichtlich nicht weiter um den Zustand seiner Zimmer kümmert, dafür aber mit Inbrunst täglich um seine Pflanzen. Irgendwie ein netter Ort.

Zwar finde ich das Straßengewirr noch immer verwirrend, aber so langsam bekomme ich ein Gefühl für die Stadt und fange an, mich fast ein wenig heimisch zu fühlen. Mein Viertel, meine Straße, mein Lieblingsfrühstückslokal….A propos Frühstück: an dieser Stelle nun eine kleine Anekdote, die ein wenig das einfängt, was ich hier so angenehm finde. Ich gehe das erste Mal in diesem netten kleinen Lokal frühstücken, aber als ich bezahlen will, fällt mir ein, ich habe kein Geld abgehoben. Ich befürchte schon Übles und lege mit hochrotem Kopf meine letzten 30 baht auf den Tresen und erkläre, dass ich nicht bezahlen kann. Ein Lächeln, „don´t worry, come later“ und das Geld zurückgeschoben, damit ich wenigstens etwas in der Tasche habe. Das ist doch mal Vertrauen!

Zu meinen spannendsten Forschungen hier gehört das Massage-Angebot. Sicher kann man die überall in Thailand bekommen, mal professioneller, mal eher ambitionierte Hausfrau. Aber hier in Chiang Mai ist eine Hochburg dieser alten Heiltherapie, hier gibt es auch viele Schulen. Man kann übrigens auch selbst Kurse unterschiedlicher Länge bis hin zu Monaten belegen. Bei den Ex-Sträflingsfrauen war ich ja schon. Nun zu den blinden Masseuren, die dafür bekannt sind, ein ganz besonderes Feeling zu haben. In Vietnam war die entsprechende Erfahrung eine ganz großartige, wenn auch handfeste. Ich suche und finde die Chiang Mai Massage Association. Ein eher sehr bescheidenenes Haus, alles etwas abgeschrappt und wenig repräsentativ, anders als bei den Ex-Prisoners, die es dem Besucher richtig schön machen.

Ich bekomme einen sehr kräftigen korpulenten Masseur zugeteilt. Nach den ersten drei Minuten bin ich nicht mehr sicher, ob ich das ohne Abbruch schaffe. Ich habe das Gefühl, der Mann versucht mich zu zerquetschen, durchzubrechen oder seine Finger zwischen meinen Rippen auf die andere Seite durchzubohren. Jedesmal, wenn´s besonders schlimm wird, sagt er in einem zuckersüssen Singsang “Solly, lady, I´m vely solly!“ Ich lerne diese Worte zu fürchten. Dennoch bleibe ich tapfer, auch wenn ich manchmal aufquieke. Irgendwie bin ich sicher, der Mann weiss, was er tut. Er hat ganz verrückte Griffe und Stellen, wo er plötzlich drückt und zieht. Und immer, wenn auch es auch nur eine Minute sanfter zugeht, bin ich fast eingeschlafen. Ich, die ich so schlecht einschlafen kann! Am Ende der Stunde sagt er dann auch noch“ You will sleep vely good tonight!“ Und er soll recht behalten, ich werde die folgende Nacht wie ein Stein schlafen. Also, wer immer hierher kommt: der Leidenswille lohnt sich, ich habe mich danach bestens gefühlt, für fünf Euro die Stunde! Und übrigens – ich habe nicht einen einzigen blauen Fleck!

Ich bin sehr zufrieden mit meiner Entscheidung, noch zwei ruhige Tage in dieser schönen Stadt zu verbringen. Ich fühle, wie ich langsam beginne, tatsächlich zu entspannen. Oder zu entschleunigen, wie das wohl im Zeitgeist heisst…

Inzwischen habe ich mich auch entschieden, wo es als nächstes hingeht. Go south, ist die Parole. Ich habe einen Direktflug nach Surat Thani im Süden gebucht. Ich könnte vierzig Euro sparen, wenn ich mit dem Nachtbus nach Bangkok führe und von da aus flöge, aber der Gedanke an die letzte Ochsentour mit Gepäck in Bangkok schreckt mich ab. Gibt´s eben ein paar Eis-Capuccino weniger…

Am letzten Abend bin ich fast ein wenig wehmütig. Sollte ich wieder nach Thailand kommen, liegt Chiang Mai sicher auf meiner Route.

Thailand 8: Nichts für Weicheier

Ziemlich pünktlich hält ein kleiner Pickup vor dem Hotel und ein junger Thai hält Ausschau nach…dem potentiellen Trekking-Buddy ….naja, zuerst mal nicht nach mir. Ich will jetzt keine Überlegungen darüber anstellen, wieso er erstmal verwundert ist, als ich ihn anspreche….

Nach über einer Stunde Herumgekurve kreuz und quer durch Chiang Mai haben wir endlich alle Teilnehmer beisammen und mir fällt ein Stein vorm Herzen: Es sieht nach einer wirklich netten Truppe aus: vier Franzosen, zwei Spanier, eine Schwedin, ein Engländer und ein Slowene. Wir sitzen auf den Minibänken des Pickups, ein bisschen hat das was von Transport zur Sträflingsarbeit. Wir sind bei dem endlos erscheinenden Trip stadtauswärts, vorbei an unzähligen Baustellen schön in einer Art Dämmerzustand, es sind schon 35 Grad.

Stopp in einer Provinzstadt, deren Namen niemand lesen kann, auf einem Markt, letzte Einkäufe: Wasser, Obst,ein letzter Cappuccino, ein paar Socken für meine Trekkingschuhe. Nach zwei Stunden haben wir unser erstes Ziel erreicht. In einem Dörfchen in den Bergen gibt es einen leckeren einfachen Lunch. Wir sitzen unter einem Holzdach auf dem Boden eines Podestes, wo wir nach dem Leeren der Teller auch gleich nach hinten umkippen und ein Nickerchen halten können oder die kleinen Katzen des Hauses krabbeln. Katzen lieben die Thais übrigens, denen geht es hier gut.

Bee heißt unser Guide und er ruft zum Aufbruch. Drei Stunden Marsch kündigt er an, wie sich herausstellt ist das eindeutig psychologisch modifiziert: es sind gut vier Stunden. Und was für welche. Nach einem harmlosen ersten Kilometer geht´s hoch in den Berg. Wir passieren noch ein paar Lichi- und Rambutan-Plantagen mit Bananenstauden als Unkraut und dann beginnt der Wald und damit der wirklich harte Teil. Es ist Trockenzeit und anders als im Regenwald heißt das hier wirklich trocken. Der Boden ist hart und staubig, voller trockener Blätter der Laubbäume und des Bambus. Die Bäume sind allesamt sehr hoch und oben noch grün. Für mich einen ganz neue Art von Urwald. Anders als in Südamerika strotzt das hier nicht von Üppigkeit und Farben, es ist eine ganz andere Kategorie von Wildnis. Der Weg wird immer steiler, wir stapfen tapfer unserem hüpfenden voranhüpfenden Bee hinterher, der immer noch Zeit findet, nebenbei Fächer aus alten Blättern und Zweigen zu bauen.

Bei unseren regelmäßigen Verschnaufpausen trinken wir wie die Rindviecher und Bee eilt von einem zum anderen, um uns Luft zuzufächeln, damit unsere Körpertemperatur und Atmung wieder unter dem roten Bereich sinkt. Er ist sehr besorgt, denn wie wir später erfahren, ist er ganz allein verantwortlich und musste schon manchen zusammengebrochenen Koloss hier auf dem Rücken hochschleppen. Leider verschweigen die Booking-Agenturen, wie hart die Anforderungen sind. Unverantwortlich, finden wir alle. Unvorstellbar, hier noch jemanden tragen zu müssen, wir kommen gerade so allein hier hoch und wir haben alle eine sehr gute Kondition. Oft müssen wir über Felsbrocken, Wurzeln und Baumstämme klettern und uns hochziehen.Das Wasser läuft an uns herunter und tropft beim Laufen, das Wischen haben wir längst aufgegeben.Ich habe wohl in meinem ganzen Leben noch nicht so geschwitzt!

Aber die großartigen Aussichten entschädigen uns für vieles. Und auch irgendwie die Befriedigung, seinen Körper an die Grenze zu treiben, sich ganz auf sich selbst zu konzentrieren und bei jedem Stopp mit sich zufrieden sein zu können. Die Laune ist prächtig, Bees Späße bringen alle zum Lachen, oft baut er etwas aus Blättern, Hüte und Kronen zum Beispiel. Aber er erzählt auch viel über die Natur und beantwortet alle Fragen.

Immer wieder kommen wir durch verbrannte Gebiete, zumindest was den Boden und das Unterholz betrifft. Schließlich müssen wir sogar an Flammen vorbeihechten. Bee versucht immer wieder mit Ästen zu löschen. Viele dieser Brände sind gelegt, um die bei Einsetzen des Regens wachsenden Pilze besser zu sehen, die man gut verkaufen kann – und dabei nicht von versteckten Schlangen gebissen zu werden. Die Menschen die das tun zählen darauf, dass das Feuer hier meist am Boden bleibt.

Plötzlich stehen wir vor einer Höhle. Wie die Kinder rennen wir alle hinein, lassen die verdreckten, schweissnassen Rucksäcke draußen fallen und freuen uns über 10 Grad weniger. Es ist eine Fledermaushöhle.

Noch zwanzig Minuten Aufstieg. Zum Schluss bin ich am Ende und beginne zu stolpern und kann mich kaum noch hochziehen, den meisten geht es genauso. Oben!!!! 1000 Meter Höhe und Ausblick auf die anderen Berggipfel. Dann noch zwei Kilometer freundliches Spazieren und wir stehen vor einem Black-Karen-Dorf. Eines der vielen Bergvölker hier. Zwei Dutzend Häuser in zwei Gruppen: die Buddhisten und die Christen, getrennt, aber in Freundschaft miteinander lebend. Rund herum Felder mit Kohl und Gemüse, bewässert mit Wasser aus den Flüssen hier oben. Gerade eben erschallt das Singsang der buddhistischen Messe über den Bergrücken. Irgendwie völlig entrückt, das Ganze. Es gibt einen Steintisch, eine Art Kiosk, kaltes Bier, Wasser und süßen, eisgekühlten Espresso in Dosen. Herrlich!

Ein weiterer Spaziergang bringt uns bis zu unserem Nacht-Camp ganz oben auf der Bergkuppe. Die Aussicht ist mindestens sechs Sterne wert, die Bambusbarracke mit den Schlafkabinen und alten Matratzen am Boden sehr „basic“. Die drei schmuddeligen, Klo-Kabinen, mit einem einfachen Wasserrohr statt Dusche an der Wand, erscheinen uns jetzt als Luxus. Ich bin aber nicht so sicher, ob alle anderen Touristen auch so reagieren. Man muss das alles schon wollen…

Den Rest des Abends entspannen wir uns einfach mit nichts tun, der Sonne beim Untergehen zuschauen, die Aussicht bewundern und plaudern. Bee hat unterwegs Feuerholz gesammelt und macht Feuer, um in einem großen alten Wok unser Essen zu kochen. Die Dorfbewohner verdienen an den Fremden, indem sie für Getränke und die Zutaten zum Essen sorgen. Es ist verrückt, aber binnen kürzester Zeit ist man völlig entspannt und zufrieden. Hühner, Katzen und Hunde laufen hier herum, letztere sehr zutraulich, aber leider höllisch verlaust.

Nachdem wir mit dem Essen fertig sind, kommt eine Großsippe und nutzt die Feuerstelle, um ihr eigenes Essen zuzubereiten, vorher werden noch zwei Hühnern kurz die Hälse umgedreht. Das neuste Baby der Gemeinschaft wird uns stolz vorgeführt, die Kinder wuseln um uns herum. Die Männer trinken Thai-Whiskey. Alkohol ist in Thailand sehr teuer, außer eben der aus Reis gebrannt Thai-Whiskey. Die Männer sollen kosten, wir Frauen wollen zum Vergnügen der Dörfler auch kosten. Schmeckt gar nicht schlecht. Flugs ist ein Junge per Moped ins Dorf geschickt worden und nun steht eine große Flasche auf dem Tisch…Gespräche, Zaubertricks, Rätsel , Feuer und die lauten Rufe der Nachttiere.

In der Nacht wache ich oft auf, weil wieder Vogel laut und manchmal fremd und unheimlich ruft oder ein Riesengecko direkt auf dem offenen Dach über mir lautstark mit entfernten Artgenossen telefoniert. Es klingt irgendwie so, wie ich mit die Urzeit vorstelle. Um drei beginnen die Hähne zu krähen. Auch die Anderen haben unruhig geschlafen angesichts von soviel Natur auf Tuchfühlung , trotzdem sind alle erstaunlich entspannt und ausgeruht. Das Feuer brennt schon wieder, es gibt Rührei mit Gemüse und Chilisoße. Dazu über dem Feuer getoastetes Brot und Orangenmarmelade.

Der nächste Treck steht an. Heute nicht so viel….Nur gut zwei Stunden, angeblich. Ziel ist ein kleiner Wasserfall. Allerdings ist der Weg an sich noch anstrengender als gestern. Klettern, rutschen, versuchen, nicht zu fallen. Aber wieder schön. Bee turnt gelegentlich wie ein Äffchen in den Lianen herum und sorgt für gute Laune. Gestern Nacht hat er uns nach einigen Schlückchen, ganz entgegen asiatischer Zurückhaltung , erklärt, wie toll er unsre Gruppe findet: alle laufen super, meckern und beklagen sich nicht ständig, sind guter Laune und packen alles. Er war geradezu euphorisch. Das lässt so einige Rückschlüsse auf andere Erfahrungen zu.

Nach einem halsbrecherischen Abstieg, bei dem Lianen und Wurzeln die einzige Chance sind nicht abzurutschen, erreichen wir den kleinen Wasserfall. Wir stürzen uns ins eisige Wasser – endlich Abkühlung. Das Thermometer zeigt wieder 36 Grad. Schön blau und klar sieht das Wasser hier allerdings nicht aus. Es reißt dunkelbraune Erde aus dem Berg mit sich und sieht eher aus wie ein etwas dünnes Schokoladen- Fondue. Egal, es ist kalt und nass. Allerdings ist es ziemlich traurig, dass das Ufer von Plastikmüll – Hinterlassenschaften andere Gruppen übersät ist und sich offensichtlich auch niemand bemüßigt fühlt, hier irgendwas aufzusammeln. Es ist wirklich eine Schande.

Für mich und die beiden Spanier heißt es nun Abschied nehmen, die anderen haben drei Tage gebucht, ich ärgere mich, dass ich schon gehen muss. Nach einem kleinen Aufstieg erreichen wir eine Art Strasse, wo ein Jeep auf uns wartet. Ein bisschen traurig verabschieden wir uns.

Was folgt ist nach einer blaue Flecken verursachenden Fahrt ins Tal, eine Fahrt auf einem Bambus-Floß. Ganz nett und entspannt, wenn da nicht diese ununterbrochen laut plappernde dänische Familie mit dem dozierenden Papi gewesen wäre. Das schönste an dieser Fahrt ist, dass wir an badenden Elefanten aus einem der zahlreichen Elephant Camps in dieser Gegend vorbeifahren. Die haben echt Spaß und wir bekommen auch noch eine ordentliche Rüsseldusche ab.

Die Diskussion um den Elephanten-Tourismus in Thailand hält wohl an, entnehme ich meinen schlauen lonely planet. Ich kann mich aber ganz gut der Meinung anschließen, dass das in einem gewissen Maß, bei guter Behandlung der Tiere nicht unbedingt schlecht ist. Die Dickhäuter sind ja hier immer noch Transport-Tiere, aber viel weniger als noch vor einigen Jahren, und so stehen die Mahouts vor einem echten Einkommensproblem, denn die Haltung der Tiere ist wohl durchaus nicht so billig. Der Tourismus bietet ihnen eine Chance. Ich habe gelernt, dass man darauf achten soll, ob es im Camp Jungtiere gibt, da sich Elefanten nur vermehren, wenn es ihnen gut geht.

So bin ich auch einigermaßen beruhigt, als wir für den Ausritt in ein Camp mit zwei Jungtieren gebracht werden, aber so richtig gut gefällt es mir hier trotzdem nicht, da ich finde, dass die Tiere an zu kurzen Ketten auf der Koppel stehen. Angeblich, weil sie aus Eifersucht sonst aufeinander losgehen. Keine Ahnung, aber meine Begeisterung für diesem Programmpunkt in diesem speziellen Camp hält sich in Grenzen. Wenngleich ich zugeben muss, dass es ganz spannend ist, auf so einem Riesen zu sitzen und zu sehen, wie geschickt der sogar steile Böschungen bezwingt und dabei noch mit dem Rüssel Grün von den Zweigen zupft, für später.

Anderthalb Stunden später sind wir wieder in Chiang Mai. Adiós, companeros, die beiden Spanier fliegen noch am Abend nach Bangkok. Ich bin wirklich ein bisschen traurig, das die beiden Tage schon vorbei sind und mit ihnen nette Begegnungen mit neuen Bekannten, die auf diese spezielle Art sehr schnell auch sehr intensiv waren. Als Trost bleibt mir ein Bad im kleinen Hotelpool. Ich habe für diese eine Nacht in einem der ganz wenigen bezahlbaren Häuser in der Altstadt mit Pool ergattert. Das Awana Guest House steht leider im lonely planet an erster Stelle. Man kann einen nicht abreißenden Treck vergeblich nach Zimmern fragender Menschen beobachten, wenn man hier am Pool sitzt. Immer ausgebucht. So ist das halt mit den tollen Tipps, leider wissen dann alle davon.

Noch ein scharfes Curry für einen Euro auf dem Nachtmarkt und ein Chang in der Bar an der Straßenecke und dann muss ich meine Nacht im Awana auskosten, der Pool wartet ab sieben Uhr morgen früh…