3 – Nur der Himmel und das Meer

Ich bin sofort hell wach an diesem sonnigen Morgen: Dive-Safari! Punkt elf rollt der nagelneue schwarze Kleinbus mit dem charmanten Besitzer der Tauchbasis, einem 1,90 m großen, eleganten Ladyboy auf den Hof und holt mich ab. Das ist doch mal Service. Er bringt mich zum Shop, denn ich muss schließlich noch Formulare ausfüllen, die Ausrüstung probieren und zusammenstellen.
Die Neoprenanzüge sind … gebraucht, aber egal, ist ja keine Modenschau. Aber das restliche Equipment ist in gutem Zustand, nur das zählt. Schweissgebadet absolviere ich bei 32 Grad die An- und Ausziehtortur. Danach ist Stadtgang, denn bis zur Abfahrt bleiben noch drei Stunden.
Ich spaziere die endlose Hauptstraße entlang, auf der Suche nach dem local market, denn da hoffe ich als verspätetes Frühstück sticky rice with Mango, süßen Klebreis mit Kokossoße und Mango, zu finden. Doch meine Hoffnungen werden böse enttäuscht, der Markt ist vergleichsweise klein und sticky rice gibt es erst auf dem Nachtmarkt. Also bestelle ich mir eine Hühnersuppe mit Gemüse und Reis, auf dem wackeligen Tisch vor mir stehen noch eine ganze Reihe Schalen mit Kräutern und Gemüsen, die man sich nach Bedarf noch in die Suppe machen kann. Lecker. Nur den beliebten Blutpudding schiebe ich dezent beiseite, was die Köchin gar nicht verstehen kann…
Noch ein paar Kleinigkeiten besorgen und geeisten Cappuccino schlürfen, dann ist es auch schon soweit. Ich lerne die ersten der dreizehn Mitfahrer kennen, ein französisches Paar, ein forscher Bub aus „Konschtanz“ und zwei weitere junge Deutsche. Meine Reisetasche muss mit an Bord, habe ich doch durch die schnelle Entscheidung keine Bleibe mehr und beschlossen, auf der Rückfahrt auf der Insel Koh Phayam auszusteigen.
Endlich sind wir dran und werden zum Pier gekarrt, eine weitere halbe Stunde durch diese endlose „kleine“ Stadt. Der Pier ist eine hässliche Betonfläche, es stinkt durchdringend nach Fisch. Als einziges Boot schaukelt die „Seaworld 1“ am Kai, unser Zuhause für die nächsten vier Tage.
Schuhe abgeben, ein gewagter Schritt auf das schwankende Boot, das ziemlich weit weg scheint – tschüss, Festland ! Der Chef-Guide stellt sich und die Crew vor. Billy aus Florida hat den Hut für alle Taucher auf, zweiter Guide ist ein rundlicher und lustiger Thai namens Naan, dritter ein völlig entrückt grinsender Resthippie aus Österreich, Oliver. Zur Bootscrew gehören sechs fleissige Geister, die zum Teil aus Myanmar stammen („Birma-People“) – ich will lieber nicht wissen, unter welchen Bedingungen sie arbeiten. Außerdem gibt’s noch eine Köchin und – das Bootsmascottchen Teddy, ein riesiger kuschliger Teddybär. Und um es mal vorwegzunehmen: Man sollte nicht glauben, dass lauter Erwachsene an Bord waren. Teddy wurde stets heftig bekuschelt.
Während wir frische Kokosnüsse, die mit Orchideen geschmückt sind ausschlürfen und leckere, in Teig gebackene Bananen verdrücken, werden Regeln und Pläne für die Reise erklärt. Erstmal haben wir sechs Stunden Fahrt vor der Nachtruhe vor uns, um in die Nähe unseres ersten Tauchspots zu kommen – daraus sollen tatsächlich allerdings dann neun werden, wegen der etwas unruhigen See.
Ich teile mir eine winzige Kabine längsseits auf dem Hauptdeck mit Simone aus Darmstadt, eine Schauspielerin. Wir sind uns sofort einig: Egal was kommt, die Tür bleibt nachts weit offen, sonst bekommen wir Platzangst und Schweissausbrüche.
Das Abendessen ist eine sehr angenehme Überraschung: vier verschiedene Gerichte, alles extrem lecker. Obst und Getränke stehen immer zur Verfügung, sogar ein schier unerschöpflicher Vorrat an Eiscreme. Die Stimmung ist bestens. Man isst und lernt sich kennen. Es gibt außer den schon erwähnten Passagieren, noch zwei Vater- Tochter-Paare, eins aus Berlin, eins aus den USA, einen Deutsch-Indonesier aus Schanghai und zwei junge Notärzte aus Philadelphia. Alles in allem eine ziemlich nette Truppe.
Die erste Seekranke liegt bereits bleich auf der Bank an Deck – aber nach einer Nacht hat sie sich an das Geschaukel gewöhnt. Neben dem Kühlschrank mit den Getränken steht ein ganzes Glas voll Pillen gegen Seekrankheit….
Unzählige Inseln ziehen an uns vorbei, dann nur noch blaues Meer bis zum Horizont. Wenig später ist alles um uns herum nur noch tiefschwarz. Aber am Horizont strahlen rund herum gleißende Lichter – wie Geisteraugen. Schließlich kommt eines dieser Geisteraugen auf uns zu, ein wirklich gespenstischer Anblick! Schließlich ist eine seltsame Scheinwerferkonstruktion zu erkennen. Es sind Krabbenfischer, die mit dem Licht ihre arglose Beute anlocken. Angesichts der vielen Geisteraugen ist es kaum zu glauben, dass überhaupt noch eine Krabbe und ein Tintenfisch in diesem Meer schwimmt. Europa und Amerika sind gierig!
Der Abend scheint hier an Bord irgendwie länger als an Land, schließlich kann man nicht viel machen, außer rumsitzen und reden. Schließlich gehen zehn auch die letzten ins Bett, eigentlich sollten wir schon am Ankerplatz sein.
Unsere Betten sind längs der Fahrtrichtung , das Geschaukel fühlt sich seltsam an….Aber es soll noch drei Stunden dauern, bis der Käptn endlich die Anker werfen läßt, nahe einer Insel. Nur, die Hoffnung auf ruhigere Zeiten soll sich nicht erfüllen, es schaukelt jetzt nur anders. Mir ist nicht schlecht, schlafen kann ich aber trotzdem nicht. Irgendwann ziehe ich mit Decke und Kissen auf das offene Deck. Wenigstens Frischluft. Irgendwann döse ich dann doch ein.
Um sechs Uhr dreißig läuft Billy mit einem Glöckchen durchs Schiff: Aufstehen, Briefing für den ersten Tauchgang. Kurz nach sieben geht’s los: Fertigmachen zum tauchen. Am ersten Tag gibtś noch etwas Verwirrung – welcher Anzug war nochmal meiner? Aber die Crew wuselt um alle herum und ist mehr als hilfreich. Sie helfen beim nervigen Anziehen der Neoprenanzüge, Anlegen der Tauchausrüstung und quetschen viele Füße in ihre Flossen. Was für ein Support!
Wir tauchen in drei Gruppen. Eine davon sind Anfänger, die auf dieser Tour ihren ersten Tauchschein machen. Ich werde Naan zugeteilt. Auf gehtś: Maske und Gewichte festhalten und rein! Beim ersten Abtauchen geschieht, was mir jedes Mal nach einer längeren Pause passiert: Ich denke, die Luft da durch den Regulator ist vielleicht doch zu dick… Drei Minuten Antipanik-Meditation und dann löst sich langsam alles in Wohlgefallen auf. Kommt dann auch nie wieder vor.
Was für eine Welt: Schon das gemeinsame Abtauchen mit den rundum aufsteigenden Blasen ist eine Show. Unten angekommen müssen wir allerdings feststellen, dass die Sicht doch nicht ganz so gut ist wie sonst – Nachwehen des Sturms.
Aber dennoch sieht man genug, um wieder zu wissen, warum man das macht! Fische in allen Farben und Größen! Papageienfische, Clownfische, gelbe Straßenkehrer, Stachelrochen, Snapper, Kofferfische, Drückerfische, Seesterne in mehreren Farben, silbrige Barracudas, lange schillernde Trompetenfische und noch viele, viele mehr. Doch mit zu den schönsten gehören ein paar ziemlich giftige Kerle: Die Feuerfische, die aussehen als hätten sie seltsame, filigrane Flügel und flatterten über dem Meeresboden! Und zu den skurrilsten Wesen gehören die ebenso giftigen Skorpionfische, sie sehen aus wie ein Stück Felsen mit Glubschaugen. Phantastisch, was sich Mutter Natur so alles einfallen lässt. Da müssen Designer lange nachdenken, um das auch nur ansatzweise zu erdenken.
Nun will ich aber meine geneigte Lesergemeinde nicht zu lange mit ewigen Taucherlebnissen in allen Einzelheiten langweilen – ich fasse es mal so zusammen: Es waren 10 Tauchgänge in zweieinhalb Tauchtagen. Eine ganz schöne Herausforderung. Zumal wir mehrfach mit Strömung zu kämpfen hatten, das stresst schon ein bisschen. Aber ich fand es einfach großartig und habe es genossen – fast bis zum Schluss. Denn den letzten Tauchgang musste ich schweren Herzens ausfallen lassen, da es mir nach der letzten Nacht plötzlich nicht mehr gut ging. Keine Ahnung, warum, aber ich habe mich in ein ziemliches Häuflein Elend verwandelt und mich nur noch in ein Bett gewünscht, das still steht .
Zum Leben an Bord muss ich aber noch drei Dinge erzählen. Das Catering an Bord mit dreieinhalb Mahlzeiten pro Tag war das Beste, was man sich vorstellen kann, einfach nur lecker und immer wieder voller Überraschungen. Am letzten Abend gab es neben gedünsteten Riesensnappern sogar für jeden einen riesigen Hummer, der im Munde zerging! Ich bin mehrmals unten in die Klaustrophobie erzeugende Küche geklettert, um die Köchin hochleben zu lassen, die man nie gesehen hat und die den ganzen Tag da unten geschuftet hat. Ich weiß nun auch wie auf Thai „sehr lecker“ heißt: Sabai mak mak!
Mein ganz besonderer Liebling war Tam, die Bordkatze, die auf der Kapitänsbrücke residiert hat, und die nach dem Abendessen eine huldvolle Runde durchs das Schiff drehte – ohne durch die Rehling zu fallen.
Eine weitere besondere Erwähnung gehört unbedingt noch dem Oberdeck, auf dem man sich zwischen und nach den Tauchgängen entspannen konnte. Am allerschönsten allerdings war es nachts! Nur der funkelnde südliche Sternenhimmel und das Rauschen des Meeres … Ich bin immer mit Simone spät hochgegangen, um das zu genießen. Solche Momente vergisst man nicht. Manchmal kam auch George aus Sarasota oder Alex aus Berlin hoch, es waren wirklich nette Mondscheingespräche.
So schipperten wir übers Meer, haben vor den Inseln Ko Tai Chai, Surin, Haddat, einer weiteren, deren Namen ich vergessen habe, und dem berühmten Richelieux Rock in der Andamansee getaucht. Letzterer gehört zu den zehn besten Tauchspots der Welt, ich glaube Platz sechs. Und zurecht! Allein der Fels hat phantastische Formen, die über und über von unzähligen, farbigen Pflanzen, Farnen und Korallen bewachsen sind, es gibt Höhlen, Steilhänge, Plateaus. Und es ist kaum zu glauben, wie viele tausend Fische und Fischschwärme da umeinander herum schwimmen. Einfach toll!
An dieser Stelle sei noch erwähnt, dass es an vielen Stellen hier ein trauriger Anblick ist, wenn man über endlose Korallenfriedhöfe schwimmt. Aber an diesem Korallensterben vor einigen Jahren ist ausnahmsweise mal nicht der Mensch schuld gewesen, sondern El Nino. Aber die gute Nachricht ist: An vielen Stellen sieht man schon wieder, dass sich neue Korallen bilden.
Meine sehr spontane Entscheidung für diesen Trip habe ich keinen einzigen Moment bereut, es war einfach ein großartiges Erlebnis! Und die Tauchbasis „A One Diving“ in Ranong kann ich reinen Herzens weiterempfehlen. Danke für die schöne Zeit live aboard!

2 – First Stop: Ranong

Der Morgen beginnt mit meinem ersten Besuch in einem der üblichen thailändischen Duschklos, eine thailändische Spezialität, die den Mitteleuropäerzunächst irritiert, da die Dusche über oder neben dem Klo hängt. Mir kommt das aber nun angenehm vertraut vor. Schnell die Sachen zusammengerafft und dann klopft auch schon die freundliche Wirtin: Das Taxi ist da. Und – es wartet mit eingeschaltetem Taxameter! Ich bin schon am frühen Morgen glücklich. Es gibt sie also, die ehrlichen Bangkoker Taxifahrer!
Am Flughafen versuche ich etwas über die Wetterlage herauszufinden. Dass das Schlimmste des Tropensturms Pamuk vorbei ist, weiß ich, aber nicht, wie die Situation momentan aussieht. Die Thais lächeln und zucken nur die Schultern: No problem… Also dann: Auf nach Ranong an der Westküste, ca 700 km südlich von Bangkok. Das Flugzeug ruckelt sich durch dicke Wolken und Regen dem Ziel entgegen, nichts für Angsthasen.
Der Flughafen Ranong ist klein und mehr als übersichtlich, hier landen nur ein paar Maschinen am Tag. Ich rupfe mein Gepäck vom Band und stehe auch schon vor dem Flughafen, gefühlt mitten in der Pampa. Hier stehen 3 Minibusse und ein schönes altes SongTaew, ein typisches thailändisches Sammeltaxi: Ein alter Pick-Up mit zwei längs angeordneten Bänken auf der Pritsche, einem bunten Geländer und einem Planendach. Ja! Das nehme ich. Ist zwar etwas unbequem und tuckelt langsam durch die Gegend, aber es fühlt sich echt an und ich muss nicht Minibus fahren. 50 Baht – das sind knapp 1,50 Euro. Ranong ist etwa 30 km entfernt.
Links und rechts nur grün und sonst nicht viel, bevor eine halbe Stunde später die ersten Häuser auftauchen. Inzwischen mussten wir halten und die seitlichen Planen herunterlassen, denn es regnet wieder und wir sind bereits richtig schön nass. Das Song Taew zuckelt ewig durch die kleine, aber ausgedehnte Stadt, denn es bringt alle zur gewünschten Adresse und natürlich ist meine die letzte… In einer kleinen Nebenstraße patsche ich die letzten Meter durch die tiefen Pfützen des Lehmweges zu meinem Guesthouse. Das bunte Schild ist schon das Sehenswerteste, der Rest ist sauber, aber sehr einfach, um es neutral zu sagen. Zumindest sind die Leute nett.
Das Zimmer ist so öde, dass ich keine Lust habe, lange hier zu bleiben. Der Regen hört auf und ich bitte um ein Motorrad-Taxi, ich habe gelesen, hier gibt es heiße Quellen. Perfekt für einen grauen Ankunftstag, den man nicht im noch graueren Zimmer verbringen möchte.
Die Hot Springs liegen etwas außerhalb der Stadt, die Straße führt von hier in die Berge. Ich steige vor einem eher bescheidenen Tempel aus und entdecke als erstes einen Fluss, der viel schlammiges Wasser aus den Bergen über viele große Steine ins Tal rauschen lässt. Ich beobachte das Ganze von einer wackeligen Hängebrücke aus, es hat etwas Hypnotisierendes. Links und rechts erheben sich hohe, tiefgrüne Berge.
Und da sind sie auch schon, die Hot Springs von Ranong: Sie blasen trotzig ihren heißen Dampf in den nebligen Tag . Aus Brunnen und kleinen flachen Bassins steigen Schwaden auf. Ein paar Thais hocken auf dem Rand und nehmen Fußbäder.
Ein paar Meter weiter ist eine Schranke mit einem Kassenhäuschen. Dahinter sind, direkt über dem Flussufer, vier gemauerte kleine Becken und ein paar Umkleidekabinen und Duschen. Alles ziemlich einfach und so gar nicht chic, wie man es in anderen Touristengegenden erwarten würde. Eine Handvoll Leute hocken hier in Wassser und nicken freundlich. Ich bin zuerst etwas erschrocken, wie heiß das Wasser ist: zwischen 42 und 45 Grad. Das halte ich nicht lange aus – denke ich und schon fängt es wieder an zu regnen. Und wie! Es gießt, und das anderthalb Stunden lang.
Einfach perfekt: Man setzt sich ins flache Wasser und von oben kommt die Kühlung! Es prickelt und dampft…fast ein bisschen surreal. Unsere kleine Gemeinde, bestehend aus zwei Belgiern, zwei Deutschen und vier Thais, lernt sich so schnell kennen. Schließlich sitzt auch noch die gesamte Besatzung des Bades mit im Wasser, nass sind sie sowieso und die Thais baden ohnehin meistens in voller Bekleidung. Lustige Gesellschaft.
Als der Regen nachlässt, hat sich auch die Frage, wie ich wieder in die Stadt komme , erledigt, denn inzwischen kenne ich ja alle und zwei nette junge Thais mit einem Ranchrover chauffieren mich gutgelaunt in die Hauptstraße zum Abendessen. Denn in der Gegend um mein Montra Guesthouse ist absolut tote Hose.

Gelegenheit, die Stadt genauer anzuschauen. Der Regen ist verschwunden, der Himmel hellt sich zusehens auf. Geschäftig, ziemlich abgeranzt, klein und groß zugleich. Schön ist anders, aber trotzdem nicht wirklich unangenehm. Die eher kleinen Gebäude drängeln sich neben Gewerbebauten, bunt, etwas verkommen, fast alle Wände sind von schwarzem Schimmel angefressen. Ranong ist eine Industriestadt, die von der Fischverarbeitung lebt. Myanmar ist nur einen Katzensprung entfernt, so ist Ranong zudem auch noch Grenzstadt mit entsprechenden Zoll- und Visa-Büros. Es wuseln unglaublich viele Menschen herum, alles ist voller Geschäfte, so dass man sich fragt, wer denn hier so viel einkauft. Denn eine Touristenstadt ist das nun wirklich nicht.
Aber in der Hauptstraße haben sich einige ganz nette Restaurants angesiedelt, von Sushi über Burger bis Thaifood. In einer besonders häßlichen Industrieruine scheinen tausende von Vögeln eingezogen zu sein, das Konzert ist geradezu ohrenbetäubend. Plötzlich stehe ich vor einem Dive-Shop, „A One Diving“. Angesichts des Wetters hatte ich den Gedanken ans Tauchen erstmal weggeschoben.
Aber: Der Laden hat auf. Und schlimmer noch: Es wird wieder getaucht…. Die Gegend hier mit ihren tausend Inselchen und die südlich gelegene Andamansee ist bekannt für Tauch-Safaries. Und ebenso eine fällt mir jetzt vor die Füße. Aber – es geht schon am nächsten Tag los… Die Geschäftsführerin offeriert mir eine last minute – Nachmeldung. Ziel sind die Surin Islands und der berühmte Richelieux Rock im Süden. Das ist etwas zuviel für mich. Ich muss über das Angebot nachdenken, auch über den Preis, obwohl er tatsächlich der beste ist, den ich bis dato gehört habe. Ich bitte mir eine Stunde Bedenkzeit aus.
Was soll ich sagen, nach einer Dreiviertel Stunde auf und ab laufen denke ich: das ist Schicksal. Jetzt oder nie, die nächste Möglichkeit hier ist in zwei Wochen, bei zwei anderen etwas eher, dafür viel teurer. Also kurzentschlossen zurück, die Chefin hatte sich inzwischen überlegt, dass sie mir als letztem Platz auf dem Boot noch einen Rabatt anbietet, wie kann man da nein sagen.
Eine ordentlich Portion Sushi später liege ich in meinem kargen Kämmerlein und kann´s nicht fassen : Ich gehe auf eine echte viertägige Tauchsafari! Ich finde es einfach….großartig! Abenteuer, ich komme!

1 – Nach Thailand geht’s über Moskau!

Und ewig grüßt das thailändische Murmeltier! Es lockt mich immer wieder, so freundlich, entspannt, chaotisch und…wunderschön wie dieses Land ist. Und noch gibt es einiges hier für mich zu entdecken.
Eine Vorbemerkung: Diejenigen, denen an echten Thailand-Reiseberichten gelegen ist, mögen sich bis zum nächsten post gedulden, dies ist eher eine Wegschilderung für all die, die mich kennen und neugieriger auf Persönliches sind….
Das Entdecken beginnt mit der Reise: das erste Mal über Moskau mit Rossiya, der Billigtochter der altehrwürdigen Aeroflot. Das Wichtigste zeigt sich gleich: moderne, gutgepflegte Maschinen. Einmal Airbus, einmal Boing. An Bord herrscht striktes Alkoholverbot, wie gleich viermal über den Bordfunk tönt. Wohl die Flucht nach vorn, angesichts der trink-und-lass-die Sau-raus vieler (männlicher) Landsleute.
Unterstellung? Neben mir, über vier Reihen verteilt, fünf russische Muskelpakete. Jeder mit einer demonstrativ mitgebrachten Literflasche Cola. Kaum ist der Start vorbei, wird ein halber Liter inhaliert und unter dem Sitz gekramt. Schon sind die Flaschen wieder voll und ich sitze im Vodka-Nebel…..
Mit einer halben Stunde Verspätung landen wir morgens um vier in Moskau: russischer Winter, die Landschaft unter uns leuchtet selbst im Dunkeln auf eine diffuse Art. Nach dem Aufsetzen rollen wir eine halbe Ewigkeit über Roll- und Parkfelder, unterqueren eine Schnellstraße, weißes Nichts, bis endlich das Flughafengebäude Moskau Scheremetjevo auftaucht. Noch klarer werden die Dimensionen, als uns der Bus vom Flieger zu terminal fährt. Ich dachte schon, ich hätte unwissentlich noch eine Bustour dazugebucht. Alles riesig…
Auch im Flughafen ist alles verwirrend und groß, die russischen Beschriftungen machen es nicht leichter. Am Gate angekommen bleibt mir noch viel Zeit, also beschließe ich, Kaffeetrinken zu gehen. An zwei von gefühlten 500 Restaurants werde ich nur angeraunzt: Nur Rubel, keine Euro. Aber im dritten Café hat man Mitleid und verrät mir schließlich, dass ich immerhin mit Kreditkarte zahlen kann. Später entdecke ich noch einen Automaten, an dem es Spacefood gibt: Kein Witz! Echtes Spacefood: vom Kuchen bis zu Lamm auf Reis alles aus der Tube! Echt kurios. Aber um fünf Uhr morgens dreht sich mir der Magen um bei dem Gedanken.
Endlich beginnt das Bording. Endlose Menschenschlangen – es ist eine Boing 777 und da gehen verdammt viele Leute rein. 90 Prozent Einheimische Fluggäste. An Bord gibt es für mich einiges Hin-und her- ich werde dreimal umgesetzt, aber zuletzt lande ich ganz zufrieden doch noch wieder auf einem Fensterplatz, neben mir frei, daneben ein gemütlicher russischer Opa. Und dann geht es endlich los….
Oder doch eher nicht, denn die ganze Maschine ist von einer soliden Eisschicht überzogen und kann nicht starten. In der Dunkelheit rücken zwei gespenstische Riesenameisen an: Spezialfahrzeuge zum enteisen. Ein Sattelschlepper mit einem Spezialkran, auf dem mit einem Riesenarm mit einem Scheinwerfer an der Spitze und verschiedenen Spezialdüsen für eine Enteiserflüssigkeit Stück für Stück enteist wird. Ich fühle mich wie im outer Space. Es sieht total verrückt aus durch das Bordfenster in die Nacht, den Schnee und das Space-Vehikel, das alle einsprüht und -nebelt. Über eine Stunde geht das so. Dann endlich darf die Maschine an den Start.
Der weitere Flug ist nicht weiter berichtenswert – eben öde wie alle Langstreckenflüge. Mit etwas Verspätung landen wir in Bangkok Suvurnabhumi – den Tag haben wir verpasst, auch hier ist es längst wieder dunkel. Ich habe noch einiges zu absolvieren von Inmigrationcontrol bis Telefonkarte, ehe ich weiter zum Zielort starte: einem kleinen Guesthouse am über 40 Kilometer entfernten zweiten Flughafen Don Muaeng, denn morgen früh will ich von dort Richtung Süden, nach Ranong fliegen. Und dort kann ich nur bis Mitternacht einchecken, dann ist da keiner mehr!
Immerhin finde ich nach einiger Forschungsarbeit mit viel landesüblichem Lächeln, verbeugen und mannigfaltigem Kopkun-kah heraus, dass ein teures Taxi nicht die einzige Möglichkeit ist, es gibt sogar inzwischen einen kostenlosen Shuttlebus, wenn man ein Ticket für Don Muaeng hat. Aber erst mal finden, von wo der fährt… geschafft, Gate 2 war des Rätsels Lösung – Tipp für alle, die das mal brauchen.
Erschöpft sinke ich neben eine russische Mutti, das quietschende, pfeifende Busmodell mit vieeel Klimanalage heizt los. Endlos geht es über die Highways und durch Bangkok , ich schreibe eine Mail and Guesthouse, in der Hoffnung, nicht vor verschlossenen Türen zu stehen.
Endlich…vom Airport trennen, ich nur noch wenige Kilometer vom Bett. Aber leider hat gerade keiner dieser Ganoven mit Taxi-Lizenz Lust, mich dahin zu fahren, sie warten auf Lukrativeres. Letztendlich fährt mich so ein Halunke – für den dreifachen Preis…. Auch schon egal, ich will nur noch ankommen. Die freundliche Guesthouse-Besitzerin wartet schon auf der Straße mit dem Schlüssel…Ende gut, alles gut. Good Night, Bansgkok! Hallo Thailand!

16. Bangkok – last call

Frühstück thailändisch: Gebratener Reis mit Gemüse und Cashew – und Chilli. Der Vormittag ist dem Kulturprogramm gewidmet: Tempelbesuch. Diesmal Wat Pho, eine der beiden größten Tempelanlagen der Stadt, berühmt durch den riesigen liegenden Buddha.

Zu erreichen ist mein Ziel am schnellsten mit dem Expressboot auf dem Chao Phraya, dem großen Fluß, der gleich neben dem Viertel von Nord nach Süd durch die Stadt fließt. Ahnungslose Neulinge lassen sich ein Ticket für das Touristenboot aufschwatzen, das 200 Baht pro Tag kostet. Wer schlauer ist, nimmt einfach die öffentliche Orange Flag Line, die vielen Einheimischen als normales, schnelles und staufreies Verkehrsmittel dient. Eine Fahrt kostet 15 Baht, ca 35 Cent.

Die Fahrt ist angenehm, selbst wenn man gelegentlich stehen muss, denn oft ist das lange Boot voll. Wenn der Fluss bei Wind unruhig ist, kann die Gischt auch schon mal für eine ordentliche Dusche sorgen. Das Boot legt mit heftigem vor-und zurückrangieren (und schwarzen Rauchwolken) jeweils an den schwimmenden Metallpiers an. Der Kapitän sitzt vorn, eingewiesen wird er per Pfiffen und Handzeichen des Bootsmanns hinten. Ein Schauspiel. Beim Ein-und Aussteigen muss man gut aufpassen, ganz schön wackelig so von einem schaukelnden auf den anders schaukelnden Untergrund!

Spontan entscheide ich, auf der anderen Flussseite zuerst den Wat Arun Tempel anzuschauen, ein rund 80 Meter hohes Bauwerk, dass über und über mit Mosaiken asiatischen Porzellans verziert ist. Die vier steilen Treppenaufgänge zum Turm sind jeweils von riesigen steinernen Wächterfiguren chinesischer Krieger bewacht, verschiedene Fabelwesen gesellen sich dazu. Beeindruckend.

Danach lasse ich mich auf die andere Seite übersetzen zu Wat Pho. Hier gibt es Schlangen an der Kasse, und wer ahnungslos mit kurzen Hosen, Röcken und ärmellosen T-Shirts gekommen ist, muss sich erstmal ordentlich verschwitzte lange Hemden oder Hosen ausleihen, um die Anlage überhaupt betreten zu dürfen. Passiert einem nur einmal, danach hat man seine Tempelkleidung garantiert immer bei sich! So wie ich…

Die Anlage ist riesig, unzählige Pagoden, kleinere und größere Tempel, Wandelgänge und Gebäude, ua. mit der ersten „offenen, demokratischen Universität“ und der ältesten Massageschule. Hauptattraktion ist natürlich der 45 m lange goldene Liegende Buddha, etwas zu groß für den Vorgarten. Untergebracht in einer Halle, deren Wände über und über  kunstvoll mit Szenen aus dem Tempellleben bemalt sind.

Auch die größte Sammlung von Buddhafiguren gibt es hier zu bewundern, mehr als 1000 Buddhas haben hier ihr Zuhause. A propos Buddha: Überall in der Stadt und an den Tempeln bitten Plakatwände und Schilder darum, Buddha nicht als Tatoo-Motiv zu benutzen. Er sei keine Dekoration und es verletze die religiösen Gefühle der Gläubigen.

Die Anlage mit ihren weißen, roten, goldenen, silbernen und bunt glitzernden Bauwerken ist wirklich wunderschön. Allerdings wimmelt es natürlich von fotografierenden Touristengruppen, Selfie-Machern und leider auch nervigen Schreihälsen darunter. Abseits der repräsentativen Hallen und Tempel werden hier und da Gebete von den Mönchen abgehalten, auch öffentlich, für jeden, der teilnehmen möchte.

33 Grad, pralle Sonne, lange Kleidung. Ich löse mich förmlich auf. Nach einer guten Stunde kann ich nichts mehr aufnehmen, ich habe einfach zu viele schöne Dinge gesehen. Ich verbringe noch eine meditative Viertelstunde in einem ventilatorengekühlten Tempel mit einer besonders schönen weiblichen Buddhafigur, der ich auch ein paar Lotosblüten und Räucherstäbchen zu Füßen lege. Dann verlasse ich die heiligen Hallen.

Es folgt der sehr weltliche Teil des Tages: Geschenke Einkaufen im allseits bekannten Shoppingcenter MBK. Ich entscheide mich wieder für ein Tuktuk. Bloß gut, dass die Dinger nicht so schnell umkippen können: Die Fahrer rasen damit wie die Verrückten durch den dichten Stadtverkehr. Wofür es Fahrtrichtungspfeile gibt, ist mir schleierhaft, niemand richtet sich auch nur annähernd danach. Und wenn irgendwo das Abbiegen verboten ist oder der Stau zu dick wird, dann saust man eben mal schnell über eine Hotelzufahrt und über einen Liefereingang verbotener Weise durch Gebäude und Grundstücke – Hauptsache schnell.

Die Schilderung der folgenden zwei Stunden Konsumwahnsinn wäre zu öde, ich kaufe kaum etwas, der Overkill an Angebot lähmt mich. Aber ein Tipp: die Foodcourts im 6. und 7. Stock des Gebäudes sind – der Hammer! Küche aus aller Welt, edel präsentiert, in offenen Küchenblöcken zubereitet und trotzdem nicht besonders teuer.

Für den Rückweg entscheide ich mich für das diesmal noch fehlende Verkehrsmittel: das Motorradtaxi. Sicherlich das riskanteste Verkehrsmittel, denn das sind die echten Großstadt-Desperados unter den Fahrern. Sie preschen gnadenlos zwischen den Bussen, Autos und Tuktuks durch, gern auch mal auf der Gegenfahrbahn durch den ohnehin aberwitzigen Verkehr. Aber einmal muss ich auf jeden Fall. Diesmal mit einer ungewöhnlichen Variante: einer Frau! Und die überzeugt. Auch sie gehört zu den Verrückten, aber ich kneife nicht einmal die Augen zu, wie so oft bei den männlichen Kollegen. Und sie fährt eine richtig schöne Sightseeing Route zurück. Eine halbe Stunde mit vielen Sehenswürdigkeiten: Parks, Tempel, das Nationalmuseum, das Nationaltheater. Klasse!

Nach einem Bad im Hotelpool mache ich mich für meine Abendrunde zurecht. Eine Schleife über die Rambuttri und immer wieder Fassungslosigkeit, wie sehr man sich zum Affen machen kann. Und, sorry, liebe Landsleute, die deutschen Männer können das am besten. Besonders peinliche Exemplare sind die zu Hause garantiert oberbiederen 40+Modelle, die hier auf einmal total cool mit blondiertem Iro oder Rastazöpfen und Dutts in geschmacklosen bunten Wallehosen und Tanktops herumlaufen und irre gut drauf sind. Boah, eh!

Schnell verschwinde ich um die Ecke in die echte Stadt und mache mich auf über die Klong Banglamphu Bridge in den mir bis dahin unbekannten Nachbarbezirk Phra Sakhon. Verrückt. Schon wieder ein ganz anderes Straßenbild. Alles eine Nummer kleiner und gemütlicher, aber durchaus großstädtisch. Auch hier gibt es etliche Unterkünfte für die Touristen, aber hier leben auch viele Thais und alles wirkt entspannt. Auch an den Suppenküchen essen hier viele Einheimische.

Nach einem kleinen Spaziergang suche ich mir einen kleinen Massagesalon. Noch einmal genüsslich-leidvoll entspannen… Nach dem anschließenden Essen ist es bereits gegen elf und eigentlich bin ich müde. Aber da war doch noch die Sache mit dem Blues-Club…

Und tatsächlich, da ist er, gleich in der Nähe der Brücke, in der Rama VIII Rd . Davor sitzen einige Leute draußen, denn der winzige, schlauchartige und urgemütliche Laden ist rammelvoll.  Sieht tatsächlich aus wie eben so ein Musikclub aussehen muss. America in Bangkok. Ich finde noch ein Stühlchen, bestelle mir ein Chang und schon beginnt ein neues Set der jungen Bangkoker Band „The Heritagers“.

Super! Ich kann´s nicht fassen, die sind einfach toll. They got the blues! Mit einem älteren amerikanischen Banjospieler als Gast spielen sie viele Klassiker, aber das richtig gut! New Orleans ist überall! Der Laden tobt, ich kann mich nicht losreißen und halte bis zum bitteren Ende durch. Halb zwei mache ich mich glücklich auf den Heimweg. So ein schöner letzter Abend! Denn morgen heißt es Abschied nehmen, für dieses Mal.

Eine tolle Zeit geht zu Ende. Sawaddee káh, Thailand! Bis zum nächsten Mal.

 

15. First Night in Bangkok

Gut, dass es noch so früh ist, als ich in Bangkok lande: Die Hitze ist schon um halb acht kaum auszuhalten. Ich gebe den Bangkoker Taxifahrern noch eine Chance und – erwische einen netten und ehrlichen Kerl, der schon nach der ersten sanften Nachfrage sein Taxameter einschaltet.

Ich habe ein Guesthouse in Banglamphu gebucht, am Rande des Backpacker- und Halligalliviertels um die Khaosan- und Rambuttri Road. Wohlgemerkt am Rande, das hat sich bewährt. Denn Banglamphu ist ein Zwitter: hier gibt es besagte Ausgehviertel, wo es rund um die Uhr brummt und man alles findet, was das Touristenherz begehrt. Aber geht man auch nur eine Straße weiter,  findet man da das alte Bangkok: unspektakulär, gar nicht chic, aber echt. Es ist wirklich verrückt: An einer Ecke tobt der Bär, zwei Ecken weiter ist davon gar nichts mehr zu spüren. Und mein Hotel Wild Orchid Villa lam Anfang der Rambuttri Rd. liegt genau an der Grenze. Es hat sogar einen kleinen Pool, was angesichts der Bangkoker Temperaturen toll ist.

Meinen ersten Tag beginne ich, leicht hitzeparalysiert im Hirn und motorisch verlangsamt, mit einem Mittagsschläfchen, nachdem ich mein Hotelzimmer (mit Fenster!) beziehen darf. Da Sonntag ist – der erste, den ich je in Bangkok erlebe – will ich unbedingt den berühmten Wochenendmarkt Chatuchak im Bezirk Phahonyothin,  einem der 50 Bezirke von Bangkok, sehen. Er gilt als der größte Markt Thailands. Und ich will auch endlich wiedermal Tuktuk fahren. Ich liebe diese aberwitzigen, knallbunten Gefährte, in denen einem der Fahrtwind um die Ohren pfeifft, und sei es auch nur die abgasgesättigte Bangkoker Luft.

Nach erfolgreicher Preisfeilscherei geht’s dann eine halbe Stunde durch die Stadt in nördlicher Richtung. Ein großer Teil des Weges führt durch ein ausgedehntes Viertel, in dem lauter Militäreinrichtungen von Forschungsinstituten bis zu Verwaltungs-und Bildungseinrichtungen ihre ausgedehnten Sitze haben. Das heißt, es geht vorbei an endlosen weißen Mauern, Hecken, vielen Fahnen und jeder Menge Konterfeis des Regenten in majestätischen Posen.

Als Kontrastprogramm folgt dann eine ziemlich marode Straße an einem Klong (Kanal) entlang, vorbei an einem Slum. Endlich verkündet mein Fahrer, dass wir da seien. Ich stehe vor einer endlosen Umzäunung, die einige kleine Eingänge hat, an denen Straßenhändler Obst und Getränke verkaufen. Auf geht’s.

Schon nach wenigen Minuten ist mir klar, dass das höchstens eine Stippvisite werden kann, auch wenn ich mir noch so viel Zeit lasse. Endlose, wellblechüberdachte schmale Gänge, in denen sich ein Stand an den anderen reiht, ein Ende ist nirgends zu sehen, höchstens neue Abzweigungen. Menschenmassen, In-und Ausländer, schieben sich durch die Enge, Kaufrausch total. Über 5000 Stände. Im Angebot: eigentlich alles, außer Trödel und Ersatzteile.

Schon nach 15 Minuten bin ich kurz vor einem Koller als ich endlich um eine Ecke biege, die auf einen etwas breiteren, nicht überdachten Umgang führt. Endlich Luft zum ATMEN und ein kleines bisschen mehr Platz! Viele Suppenküchen und Grillstände, selbstgemachtes Kokoseis, Obst, Getränke. Kleine Stände und richtige Restaurants. Sogar eine Cocktailbar mit einem total aufgedrehten DJ liegt an meinem Weg. Zwei ältere thailändische Soulman machen richtig gute Musik, kaum beachtet von den Massen. Seifenblasen, ein Chor der Heilsarmee (?), Sammlungen für ein soziales Kinderprojekt . Nur – wie überall auf thailändischen Märkten: Fast keine Abfallbehälter. Wer etwas zu sich nimmt, wird den Müll nicht los, irgendwann stellt man ihn dann genervt an den Boden.

In einer Halle dreht sich alles um Kunst, die Bangkoker Künstlerszene präsentiert hier seine Werke oder arbeitet vor Ort – von richtig künstlerisch wertvoll bis zum spontanen  Aquarellportrait des kleinen Kläffers der Kundschaft. Oder man chillt einfach schlafend  vor seiner Kunst. Musiker sorgen für den handgemachten Soundtrack.

Über 5000 Stände sollen es sein – wenn mal nicht noch mehr. Nach zweieinhalb Stunden bis ich fertig. Ich pflüge noch weitere zehn Minuten durch die Massen, auf der Suche nach einem Ausgang. Ein pink-grün-metallicfarbenes Tuktuk bringt mich zurück, mit Blick auf die gruselig schöne untergehende Sonne, die hier dank Smog immer von einer knallorangen diffusen Wolke umgeben ist.

Zum Essen streife ich erst durch das Ausgehviertel, ist mir aber irgendwie alles zu rummelig. Ich biege ab in die eher glanzlosen Nebenstraßen, esse eine köstliche Entensuppe für 90 Baht, und ein paar chinesische Dimsum und mache mich auf den Heimweg.

Unterwegs auf der Pra Arthid komme ich an einem besonders schönen, blumenüberhäuften Altar vorbei. Als ich ein Foto mache, spricht mich ein englisch sprechender Farang (Ausländer) an, der mit seiner französischen Frau gerade am Straßenstand nebenan zu Abend isst. Er erklärt mir, das sei besonderer Ort, hier habe der berühmte alte Baum von Banglamphu als Wahrzeichen gestanden, bevor er eines Nachts aus Alterschwäche umgefallen sei. Nun steht hier der Altar, mit einer Spendenbox für Futter für die Straßenkatzen von Bangkok daneben, von denen es tausende gibt. Zwei Katzenbabies mit Stummelschwänzen und Mama tummeln sich wie bestellt davor.

Der Mann lädt mich ein, mich zu ihnen zu setzen. Irgendwie finde ich die beiden ganz interessant, was sich sogleich bestätigen soll. Sie haben 14 Jahre in Thailand gelebt, jetzt kommen sie regelmäßig zu Besuch. Er ist gebürtiger Texaner, sie Südfranzösin. Der Mann fasziniert mich vom ersten Moment an, weil er mit ausgeprägtem Südstaatenslang und tiefer Krächzstimme spricht, so wie mein liebster Musiker-Freund Freund aus New Orleans, der inzwischen leider nicht mehr lebt.

Ich setze mich und erfahre viele Geschichten aus Thailand und ihrem Leben. Er heißt Bill Bloomer und ist tatsächlich professioneller Musiker, eine Weile hat er in New Orleans gelebt. Zum Abschied geben mir die beiden den Tipp, einen kleinen Bluesclub im angrenzenden Bezirk Phra Nakhon zu besuchen. Ein Geheimtipp. Aber für heute bin ich restlos erledigt und falle nur noch ins Bett.

14. Bye bye Pai, hallo Chiang Mai

Ich bin super pünktlich am Busbahnhof, weil ich noch frühstücken will, wenn das Gepäck verstaut ist. Und endlich weiß ich wieder, warum ich Minibusfahrer nicht ausstehen kann (der von der Herfahrt war allerdings so nett, dass es mich ganz verwirrt hat, auch das soll gesagt werden): Kaum sieht der Mann meine Tasche, zieht er ein Gesicht, stellt sich auf  das Dach und erwartet, dass ich 19 Kilo über den Kopf stemme….seine Kollegen von den anderen Bussen stehen mit verschränkten Armen neben mir und starren mich an. Danke, Mr. Backpacker, der du mich gerettet hast!

Die vier Busse sind krachend voll. Und noch einmal heißt es Karrusselfahren ohne Ende, ab ins Tal. Am Weg passieren wir etliche größere Altäre und verschiedene goldene Gottheiten. Plötzlich lässt der Fahrer das Lenkrad los, faltet die Hände vor dem Gesicht und verbeugt sich! Also, mir ist Buddha ja durchaus sympathisch, aber ob er auch Busse lenkt?? So viel Gottvertrauen habe ich dann doch nicht und muss mich erstmal von dem Schreck erholen, als der Fahrer gerade noch die nächste Kurve kriegt.

Gute drei Stunden später sind wir in Chiang Mai. Ein Linien-Taxi, ein Song Taew, setzt mich vor meinem schönen Guesthouse Awana ab, das ich mir nach dem Reinfall auf der Herfahrt gegönnt habe. Kannte ich noch vom letzten Mal. Diesmal habe ich ein Upgrade bekommen und darf in ein richtig tolles Zimmer mit alter Fußbodenmalerei und viel Licht einziehen.

Ich vertrödele aber keine Zeit, schließlich habe ich nur einen halben Tag, bevor ich morgen in aller Herrgottsfrühe nach Bangkok fliege. Im benachbarten Hotel miete ich mir ein Fahrrad und los geht es. Ich staune, wie gut ich mich noch zurechtfinde in den vielen, verwirrenden kleinen Straßen der Altstadt. Als wäre es erst gestern gewesen: Hier habe ich Kaffee getrunken, hier gefühstückt, dort gesessen und Blog geschrieben… Alles wie gestern. Nur mein Lieblingsfrühstückscafé ist abgerissen. Anything goes.

Um sich überhaupt zu orientieren, muss man erstmal das thailändische Straßenbennungssystem verstehen: Der Name stammt immer von einer großen Straße, nach ihr heißen dann aber abgehenden Nebenstraßen, immer mit einem kleinen Zusatz: Soi1, Soi2… Bevor ich das herausgefunden hatte, habe ich überhaupt nichts gefunden, weil ich das Gefühl hatte, dass alles gleich heißt.

Die Altstadt von Chiang Mai liegt in einem von vier Kanälen umflossenen Quadrat, an jeder Seite gibt es noch die Ruinen eines historischen Stadttores, mal mehr erhalten, mal sehr wenig. Der Verkehr umfließt die Altstadt innerhalb der Mauer nur in einer Richtung, will man sich in die andere bewegen, muss man den Kanal kreuzen. Und das ist bei dem Verkehr ganz schön schwierig!

Die Stadt ist extrem quirlig, geschäftig und trotzdem gelassen und charmant. Die Menschen sind überwiegend sehr freundlich und hilfsbereit. Mein erster Weg führt mich zum Massage-Studio der weiblichen Ex-Häftlinge, eine Einrichtung, die ich schon beim letzten Mal entdeckt habe. Die Frauen erhalten im Gefängnis die Möglichkeit, eine Ausbildung zu machen und arbeiten dann unterschiedlich lange in diesem Zentrum. Sie erhalten dafür oft eine Haftverkürzung, und die Arbeit hier funktioniert gut als Resozialisierungsmaßnahme, denn so haben sie gleich einen ordentlichen Job. Ich finde das erstens eine sehr gute Idee und zweitens habe ich die Massagekünste der Damen das letzte Mal schätzen gelernt. Also mache ich einen Termin für den Abend vor dem Essen.

Dann gondle ich den Rest des Nachmittags mit weniger PS als bisher, dafür aber gelassen, kreuz und quer durch die Straßen. Ich schlendere über einen kleinen Markt, auf dem alles von Fisch über Obst und Tee bis zum Maßanzug verkauft wird. Die Schneiderin sitzt mitten an ihrem Stand an einer alten Nähmaschine. Mein Weg führt vorbei an den schier unzähligen goldenen Tempeln von Chiang Mai, immer wieder schön anzusehen. Wollte ich in jeden hineingehen, wäre ich tagelang beschäftigt.

Die Zeit vergeht wie im Flug, schon ist es Zeit für meine Massage. Die traditionelle Thaimassage ist ja bekanntlich nichts für Weicheier, aber sie tut so gut! Anschließend wurstele ich mich mit einigem Herumgefahre durch das abendliche Verkehrschaos zur richtige Seite der Altstadt durch, wo ich auf dem abendlichen Food Mart essen will.

Das Chaos ist unglaublich. Unzählige Stände wurden auf beiden Seiten der Straße aufgebaut, zum Teil noch mit Tischen und Stühlen, und mittendurch führt die immer verstopfte Straße um die Altstadt. Teilweise können die Kunden gar nicht anders, als vor einem Stand auf der Straße zu stehen, da wird man schon mal angehupt, wenn die Verkehrslawine direkt am Allerwertesten vorbeigeht. Aber gemessen an dem Chaos wird nur sehr wenig gehupt, Gelassenheit und gegenseitiges Aufpassen ist der Tenor. Autos, Tuktuks, Motorräder und Fahrräder drängeln sich irgendwie durch die Menge. Hier und da steht ein Polizist in dem Gewirr und pfeifft wild, aber niemand kümmert sich darum. Und das jeden Abend.

Der Markt befindet sich an einem gut erhaltenen Stadttor, wo sogar noch ein ganzes Stück der Stadtmauer erhalten ist, dem Tha Phae Gate. Direkt daneben ist die Markthalle der Altstadt, die ist aber am Abend geschlossen, wenn das große Fressen beginnt. Es gibt wieder einfach alles und man kann sich kaum entscheiden. Die Einwohner von Chiang Mai sind besonders stolz auf ihre vielen Wurstsorten, die mir aber irgendwie zu fettig aussehen. Und kunstvoll aufgefädelte gegrillte Därme oder Hühnerköpfe möchte ich auch nicht.

Ich gönne mir einen kompletten Snapper. gedünstet mit Gemüse und Reis. Ganz schön schwierig, einen Platz zum Essen zu finden, denn ich will das Essen weder Mitnehmen, wie viele Einheimische, noch kann man einen Fisch im Stehen essen, noch dazu mit Stäbchen. Die Standbesitzer finden einen kleinen wackligen Campingtisch für mich, der steht allerdings genau neben einem Müllhaufen. Ist halt so, da stört sich hier keiner dran. Es schmeckt großartig und ich habe den Tisch einfach so verschoben, dass ich den tobenden Wahnsinn beobachten kann, statt des Müllhaufens.

Danach bin ich ziemlich geschafft und will auch schnell das Fahrrad abgeben, denn ich habe keine Ahnung, wie lange die Rezeption besetzt ist (einige schließen um neun oder zehn) und in Thailand muss man bei allen Ausleihen seinen Pass hinterlegen. Wäre ungünstig, wenn ich den heute abend nicht wiederbekommmen würde, denn morgen früh um 5 muss ich zum Flughafen.

Ausgerechnet jetzt verlässt mich mein Orientierungssinn, dank Dunkelheit, Lichtern und Gewusel habe ich keine Ahnung, wohin ich muss. Aber ein paar nette Thais, die gerade vor dem Haus sitzen und essen, können mir weiterhelfen, danach finde ich nach ein paar kleinen Extraschleifen durch die Gassen auch zurück. Schade, dass die Zeit hier so kurz war! Aber es ist fast Mitternacht und ich muss um 4:30 Uhr aufstehen…Gute Nacht, quirliges, symphatisches Chiang Mai!