Traurige Wasser, lustige Viecher

Es ist doch nur Dienstag – wieso gibt es plötzlich sogar ein paar Scheiben Kochschinken zum Frühstück? Ganz einfach, der Chef war in der 60 Kilometer entfernten Stadt und da kann man solche Leckerbissen einkaufen….

Wenigstens etwas Trost für mich, nachdem ich um vier mein Bett geräumt und mich vor das Haus gesetzt habe. Ich habe den seit dem Abend durchbrüllenden Fernseher unseres Zimmernachbarn nicht mehr ertragen. Als er um halb acht mit schlechter Laune aus seinem Zimmer geschlurft kommt, durchbohre ich ihn mit bösen Hexenblicken – wenigstens das erlaube ich mir. Und – es wirkt! Als er eine halbe Stunde später abreisen will, ist sein Auto kaputt. Hallelujah!

Gabriel, auch heute wieder unser Führer, sitzt schon seit sieben mit einem Kaffee auf der Terrasse, denn wir wollen pünktlich aufbrechen. Noch einmal steht ein Wasserfall auf unserem Programm, später Schnorcheln im Rio Triste und zum Sonnenuntergang der Lagoa das Araras, an dem sich Abends Papageien zum Schlafen treffen.

Übrigens bin ich diesmal etwas verwirrt über die Informationen, die ich meinen Allzweckratgeber Lonely Planet zum Thema Bom Jardin entnehme. Diesmal sind die Angaben reichlich verwirrend und nicht wirklich geeignet, um sich einen Plan zu machen, weil sie wild durcheinandergewürfelt sind. Bin ich bisher nicht gewohnt von meinem schlauen Reisebegleiter.

Heute gilt es, 45 km als erste Etappe zum Wasserfall Chachoeira de Serra Azul zurückzulegen, davon ganze vier auf asphaltierter Straße…. Man muss sich die Schönheiten dieser Landschaft wirklich schwer verdienen. Die Fahrt ist der reine Horror, zumal es in der Nacht geregnet hat und der wellige und löchrige Lehmboden nun auch noch wie Schmierseife ist. Die riesigen Pfützen, die tiefen Löcher und die quer verlaufenden Spurrillen verlangen eine fahrerische Meisterleitung und viel Glück. Leichtes Schädel-Hirn-Trauma und gestauchte Wirbelsäule sind Kolateralschäden.

Kaum zu glauben, dass hier die Riesentrucks durchmüssen, die den Soja abtransportieren. Zumal die Brücken über die Flüsse nur aus morschen Brettern bestehen und erschreckend schmal sind.

Auf einem besonders üblen Straßenabschnitt sehen wir dann auch gleich einen solchen Riesenbrummer schräg abgesackt stehen, der Hänger ist seitlich weggerutscht und die Vorderräder haben sich hoffnungslos festgefahren. Schicksalsergeben hockt der Fahrer im Schatten des Trucks und hofft, dass irgendwann in den nächsten Stunden ein Traktor zum Anschleppen kommt. Wir sollen den armen Mann auf unserem Rückweg in ein paar Stunden noch genauso wiedersehen…

Dann endlich passieren wir die Einfahrt zur riesigen staatseigenen Fazenda, auf der Kühe und Pferde gezüchtet werden, auf der sich aber auch ein ziemlich spektakulärer Wasserfall befindet. An dieser Stelle sei angemerkt, dass die Rinderzucht hier in Mato Grosso eher ökologischer Schwachsinn ist: riesige Flächen wurden dafür gerodet, auf denen aber nur auffallend kleine Herden grasen, weil das Gras nichts taugt. Dünne Kühe, endlose Flächen.

Aber zurück zum Wasserfall. Das Auto bleibt bei der Basisstation, wo wir wieder mit Tauchermasken, Schnorcheln und Gummischuhen ausgerüstet werden, bevor ein schweißtreibender Anstieg durch den Wald beginnt. Daran ändert auch die Tatsache nichts, dass auf dem steilsten Abschnitt 250 Holzstufen zur Bequemlichkeit der Besucher an den Hang getackert wurden. Von oben könnte man auch nach besonderer Voranmeldung 1200 Meter mit dem Gleitroller ins Tal rasen.

Wir sind mittlerweile echte Wasserfall-Routiniers und somit nur gedämpft aufgeregt. Aber Mutter Natur schafft es dennoch immer wieder uns zu überraschen, auch diesmal hat sich die Strapaze der Anfahrt gelohnt. Das Wasser stürzt von der Bergspitze vierzig Meter in die Tiefe in einen hellblauen See, der sich dann über Stromschnellen und kleine Wasserfälle ins Tal ergießt. Oben auf der Bergkuppe bewegt sich in den Baumwipfeln kein Blatt, es herrscht absolute Windstille. Aber unten am Ufer des Sees ist es von den herabstürzenden Wassermassen regelrecht stürmisch und die Gischt liegt wie dichter Nebel über dem See.

Gar nicht so einfach, bei der starken Strömung zu schnorcheln und überhaupt zu schwimmen. Und direkt unter dem Wasserfall würde man vom Wasser erschlagen. Keine Ahnung, wie die Fische es schaffen, sich hier von A nach B zu bewegen. Irgendwann ist man geschafft und müde, aber ein Nickerchen auf einem trockenen Felsen inmitten der Stromschnellen entspannt ungemein. Außer uns sind noch zwei Leute da. Wir haben wirklich die beste Reisezeit erwischt: noch vor dem offiziellen Ende der Regenzeit, außerhalb aller Ferien, am Beginn des Herbstes. Ich werde mich im November in Deutschland wehmütig an diese Herbstvariante erinnern…

Mittagszeit. Wieder ist ein Mittagessen in nächstgelegenen Restaurant eingeplant. Dummerweise heißt das heute: Dreißig Kilometer Buckelpiste zurück, um dann anderthalb Stunden später wiederum zehn Kilometer auf der selben Strecke zurückzufahren, um zur nächsten, weiterführenden Straß derselben Qualität zu gelangen. Was für ein Irrsinn. Aber in diesem Land sind die Begriffe Entfernung und Straßenqualität nun mal in einem anderen Koordinatensystem verankert.

Als wir mit vollen Bäuchen vom leckeren Mittagsbuffet, von dem man hier prinzipiell zu viel isst, zu unserem Auto wanken – erwartet uns eine affige Vorstellung. Eine Bande Kapuziner-Affen tobt sich in den Baumkronen über unseren Autos aus. Und es lohnt sich für die Trapezkünstler: flugs werden Bananen aus den Rucksäcken geholt und Louis&Co machen sogar Männchen dafür und hopsen auf unserem Autodach herum und futtern sie filmreif. Danach hängen sie mit faulen Bäuchen auf den Ästen und wir sind entlassen.

Eine Stunde später liegen wir auf türkisen Felsplatten (!) am Ufer des Rio Triste (Trauriger Fluss) und halten nun unsererseits eine kleine Mittagsruhe unter den Uferbäumen.

Daniel erzählt uns eine traurige Liebesgeschichte mit doppeltem Selbstmord, die dem Fluss den Namen gegeben haben soll. Und dann stürzen wir uns noch mal kopfunter für 1200 Meter in den Fluss. Auf die Gefahr hin, inzwischen in meiner Begeisterung unglaubhaft zu werden – ich muss es trotzdem sagen: diese Schnorcheltour hat dem bisher erlebten noch mal eine Krone aufgesetzt, was selbst wir nicht erwartet hatten. Weißer Sand, türkise Felsen, hellgrüne Wasserpflanzenbüschel, fast schwarze alte Baumstämme und silber-orange Fische – beleuchtet von glitzernden Sonnenkringeln. Eine Farborgie!

Ich schwebe gerade so vor mich hin und betrachte eine verrückte Wurzel, die vom Grund nach oben wächst, als plötzlich Daniel neben mir ausflippt und an mir herumzerrt. Komisch, der war doch bisher so ruhig und diskret….Aber in dem Moment fällt mein Blick auf meine Füße, die knappe dreißig Zentimeter über einem Stachelrochen schweben. Vor Schreck hätte ich fast versucht, mich am Boden abzustoßen…. Gerade noch mal gut gegangen. Der giftige Schwanz hat mich nicht erwischt.

Auf dem Weg zum Auto knabbern wir noch an Pequi-Früchten von einer Palme herum – ein ganz eigener Geschmack. Wird auch gern mit Reis gekocht. Hat kaum Fleisch, aber einen sehr würzigen Geschmack.

Eigentlich bin ich erschlagen von so viel Schnorcheln und so vielen Eindrücken. Aber an ein Schläfchen auf dem langen Rückweg ist natürlich bei dem Geruckel nicht zu denken.

Rechtzeitig eine knappe Stunde vor Sonnenuntergang kommen wir beim Lagoa das Araras an.

Vor uns breitet sich ein Sumpfsee aus,wie ich ihn noch nie gesehen habe: Im Wasser stehen überall lebende und abgestorbene Palmen. Ein verrückter Anblick, zumal sich die Palmen im schrägen letzten, goldenen Sonnenlicht des Tages perfekt auf dem stillen Wasser spiegeln. Man muss am Ufer bleiben, erstens weil dies wieder ein geschütztes Gebiet ist und außerdem wegen der Wasserbewohner: Krokodile.

Es gibt zwei Holzstege, wo man sich aufhalten kann. Und da fängt das Gekreische auch schon an: Alle möglichen Papageien kommen hier her, um sich einen Schlafplatz zu suchen. Aber so schön sie auch anzusehen sind: sie sind nur zweite Garde. Die Könige des Sumpfes sind die riesigen blau-gelben Aras. Paarweise überfliegen sie ihr Königreich und lassen sich laut lärmend auf ihren Schlafbäumen nieder, zibbeln sich gegenseitig am Gefieder und machen überhaupt viel Aufhebens. Irgendwie erscheint mir das Alles fast wie eine dieser famosen Naturdokus, wären da nicht die Mosquitos, die für die Echtheit der Szene sorgen. Sendeschluss mit Sonnenuntergang.

Wie ein Fisch im Wasser

Neuer Tag, neues Glück? Das Frühstück ist nicht nur brasilianisch bescheiden, eher noch ein bisschen magerer: Brot, Minas-Käse, Melone, Papaya. Was, wie sich später herausstellen soll, daran liegt, dass es hier fast nichts zu kaufen gibt, nicht einmal den ewigen Kochschinken oder vernünftiges Obst. Was soll´s…

Die einzige Angestellte des Hotels, Sekretärin und Buchhalterin, setzt sich zu uns, und präsentiert uns einen kompletten Fahrplan für die nächsten beiden Tage, Preise und Rechnung schon inklusive – bis hin zum Mittagessen auf den Ausflügen und Vouchern für die Eintritte. Zuerst fühlen wir uns etwas überrumpelt, bei näherem Hinsehen und Reden aber wird uns klar, dass man den Plan gar nicht besser machen kann. Und ein individueller Führer für ein winziges Entgelt gehört dazu.

Und außerdem steht bereits Daniel, ein smarter junger Guide, schüchtern lächelnd neben uns. Denn wenn wir die Vorschläge annehmen, ist es schlau, möglichst früh aufzubrechen, bevor die Tourbusse aus Cuiabá am Mittag eintreffen. Na, wenn man so charmant angetrieben wird…

Mit ihm als Motorrad-Eskorte machen wir uns mit unserem leise weinenden Mitwagen wieder auf die Schotterpiste – andere Straßen gibt’s hier nicht.

Ein kleines Schütteltrauma später biegen wir in die Fazenda zum „Aquario Encantado“ ein, eingepflegtes Gelände mit offenem Restaurant, Ruheplätzen und dem Lager für die Ausrüstung, die wir gleich erhalten: Schwimmweste (obligatorisch), Taucherbrille, Schnorchel und Gummischuhe. Alles andere bleibt zurück. Ein Traktor mit Hänger bringt uns drei zu einem Pfad, der in einen kleinen Regenwald führt. Es folgt ein knapper Kilometer Fußweg auf Holzplanken – hier soll nichts zertrampelt werden, in Mato Grosso nimmt man es sehr ernst mit dem Ökotourismus; auch hier wieder strenges Verbot für Sonnencreme und Mückenspray.

Warum unser erster Stopp „Aquario“ heißt, wird sofort klar, als wir ankommen. Mitten im saftigen Grün tut sich ein kleiner, strahlend hellblauer See auf, in dem man schon von Weitem Scharen von Fischen sehen kann. Ein fast künstlich und kitschig wirkendes Szenario – aber alles Natur. Das Wasser strömt aus einer tiefen Grotte in den See, der nach zwei Seiten als kleiner Fluss weiterläuft.

Wir dürfen uns schnorchelnd unter die Fische begeben, aber den See nicht verlassen und uns nirgends im See auf den Grund stellen. Toll!

Plötzlich bekomme ich eine Sekunde Panik, als die relativ großen Fische um mich herum ausflippen und mir auf den Rücken und den Kopf springen. Ich schieße mit dem Kopf aus dem Wasser, nur um einen lachenden Daniel zu sehen, der sich diebisch freut, weil ich nicht bemerkt habe, dass er Futter in meine Richtung geworfen hat, um das sich die Flossenträger dann auf mir gestritten haben. Kleiner Schelm!

Auch hier gibt es wieder die kleinen Knabberfische, die für Mani-und Pediküre sorgen, als wir uns auf einen Baumstamm im See setzen, um uns den Fischreigen noch mal von außen anzuschauen.

Als wir genug haben, machen wir uns noch mal auf den Weg etwas weiter durch´s Grün. An einer kleinen Flussbiegung angelangt, machen wir uns wieder schnorchelfertig und dürfen uns nun einen Kilometer weit den Fluß Rio Salobra hinuntertreiben lassen.

Die beiden ca. 30-40 Zentimeter großen Fischsorten, von denen die eine gestreift, die andere gepunktet und gut bezahnt ist, und den vielen Mini-Fischchen gibt es hier noch einige Exemplare von einer streng unter Schutz stehenden Douraden-Art zu bewundern. Besonders schön sieht diese Wasserwelt durch das einfallende Sonnenlicht und die Schatten der Baumkronen aus.

Eine nette Anwechslung ist es auch, sich auf den Rücken zu drehen, dann gleitet man unter den Wipfeln der Palmen und Laubbäume vor dem knallblauen Himmel dahin.

Ein Kilometer kann so kurz sein!

Zurück in der Basisstation erwartet uns ein leckeres Mittagsbuffet. Und das schmeckt noch dreimal besser, als nun zwei Riesenbusse aus Cuiabá eintreffen, einer voll mit aufgeregten , der andere mit brasilianischem Mix, der nun laut schnatternd und Selfies schießend in die Schwimmwesten klettert und grüppchenweise abgekarrt wird, da immer nur eine streng begrenzte Zahl von Menschen zum Fluß darf. Was hatten wir für eine luxuriöse Einsamkeit um uns!! Wir haben nur einmal zwei sich eilig trollende schwarze Affen getroffen. Echte, oben im Baum.

Nach einer ausgedehnten Siesta erklärt uns die Sekretärin, dass wir auf der Estancia da Mata, der Fazenda und dem Wohnsitz unsres Pousada-Besitzers erwartet werden. Das sei übrigens gratis.

Fünf Kilometer Hoppelweg weiter in die andere Richtung finden wir die idyllische Estancia da Mata – wie der Name schon sagt, mitten im Wald. Ein ausgedehntes Anwesen mit organisch angebautem Obst und Gemüse von Maniok, Okra, Avocados bis Papaya und allen möglichen Bananen. Außerdem eine überdachte Terrasse, die offensichtlich für Besucher gedacht ist.

Was ich nicht verstanden hatte, war dass auch hier noch eine Aktivität auf uns wartete: eine Runde Tubing in alten Autoreifen auf dem nahegelegenen Fluß, begleitet vom 18 jährigen Sohn der Familie, Evander.

Nette Überraschung! Das hatte was von Abenteuer für große Kinder, wenn man sich aber nur still auf den Reifen gelegt hat, dann war´s eher eine kontemplative Reise. Nach einem Schwätzchen und einem Bauch voll kleiner reifer Bananen wurden wir zurück begleitet, denn völlig unsichtbar im grünen Dickicht am Wegesrand versteckte sich noch eine kleine Attraktion: eine Grotte.

Keine erschlossene für Touristen, einfach eine Grotte, wo man sich auf eigene Gefahr beim Klettern den Kopf anschlagen konnte (selbst ausprobiert), und seine Kletterkünste auf eigene Gefahr testen konnte. Eine spannende Höhle, auch wenn wir nicht allzu weit hinein konnten: Stalaktiten, Skulpturen, Ausblicke auf die Landschaft.

Ein Abendspaziergang durch das Dorf, dass noch so aussieht, wie es, abgesehen von den Satellitenantennen auf den schäbigen Häusern, sicher schon vor dreißig Jahren ausgesehen hat, beschließt diesen Tag. Nix los, verstreute Häuser, Schuppen und chaotische Motorradwerstätten, auf der breiten Dorfstraße schlafen die Hunde, vor den Häusern sitzen die Bewohner auf alten Sofas oder alten Plastikstühlen und registrieren dankbar jedes noch so kleine Ereignis. Ab und zu jagen ein paar Jungspunds aus Motorrädern durchs Dorf und damit hat sich´s dann auch.

Ein erstauntes altes Ehepaar, das einen Plastiktisch und eine Eismaschine draußen stehen hat, bietet auf einer Tafel Tapioka an – herzhaft oder süß gefüllte Tapiokamehlfladen. Immmerhin eine Alternative zur Lanchonete von gestern. Sie sind ganz aufgeregt, Gäste zu haben, noch dazu welche von irgendwo der Welt da draußen, weit weg. Ihr Angebot im Laden ist schwer einzuordnen: Sie Eine leere Thekenvitrine, eine fast leere Gefriertruhe mit ein paar Getränkedosen, scharfes selbstgemachtes Öl, selbst eingelegte Chillischoten mit Knoblauch, selbstgehäkelte Serviettenhalter und 10 Paar Flipflops in verschiedenen Größen. Der Rest ist leer und Gerümpel. Mit vier Tapiokas, vier Dosen Bier und einmal Mini- Gummilatschen für unsre Enkelin haben sie wohl mit uns das Geschäft des Monats gemacht. Sie sind glücklich, wir auch.

Nett hier. Der Ort wir immer netter, und wir stellen fest – irgendwie passt er zu uns. Besser als ein schicker Touristenort.

Not amused…

170 Kilometer Nord-Nordwest liegt unser nächstes Ziel: Bom Jardin. Zum Glück ist die Überlandstraße seit zwei oder drei Jahren asphaltiert, sonst wäre dies ein sehr anstrengender Trip geworden. Wir fahren am Spätnachmittag los, in der Hoffnung, am frühen Abend anzukommen. Aber 15 km weiter bemerke ich, dass mein Handy noch an der Rezeption liegt und wir dafür den Zimmerschlüssel noch haben. Also im Sturzflug all die Serpentinen zurück und dann das Ganze auf Anfang. Aber als wir endlich in Bom Jardin sind, ist es bereits stockfinster. Keine Ahnung, wo die Pousada liegt, die wir reserviert haben.

Die Militärpolizei, die in Brasilien auch für den Verkehr zuständig ist, erklärt uns, dass wir gar nicht hier wohnen, sondern ein Dorf weiter, so circa 8 km entfernt. Klingt ja harmlos…ist es aber nicht, denn nach etwas fünf Kilometern hört die asphaltierte Strecke auf und es geht über eine unbeleuchtete Buckel-Lehm-Schotterpiste irgendwo ins Dunkle. Und das ohne Ende. Das Auto war fast neu. Das dürfte sich nun dank Steinschlag und ewig aufschlagendem Unterboden erledigt haben. Als wir nach einer gefühlten Ewigkeit schon nicht mehr daran glauben, dass dieser Weg irgendwohin führt, tauchen ein paar fahle Lichtlein auf.

Ein Dorf, ein Dorf! Naja, so was ähnliches jedenfalls. Immerhin ein paar bewohnte eher schäbige, kleine Häuser und ein Ortsschild mit dem blumigen Namen: Vila da Rota da Agua – Dorf an der Route des Wassers. Der Beschreibung nach sollten wir jetzt eine idyllisch gelegene, kuschelige Pousada finden. Als das Funzeln einer der wenigen Straßenlaternen auf ein kleines Gebäude mit dem Namen „Estancia da Mata“ ( Waldfarm) auf einem total chaotischen, nach Großbaustelle aussehenden Grundstück fällt, sind wir erstmal stumm und geschockt. Nach DER Fahrt DAS…

Von Idylle keine Spur. Wie kommen bloß die guten Bewertungen ins Internet?! Aber immerhin kommt sofort ein strahlender Mann nebst lächelndem Teenager heraus und freut sich, dass wir nicht verloren gegangen sind. Herzliches Händeschütteln, trotz unserer immer noch finsteren Minen. Das Zimmer ist pieksauber – Bett, Minitisch, Fernseher an der Decke und Dusche.

Aber draußen halt eine Baustelle. Der Regen, der viele Regen sei Schuld, dass die Neugestaltung des Grundstücks nicht fertig sei, die Baumaschinen kommen nicht durch. Tröstet uns immer noch nicht.

Der Sohn des Hauses erbietet sich sofort, uns per Motorrad Wasser und eine Kleinigkeit zu essen zu holen. Nett, aber bessert die Laune auch nicht so recht, lässt es doch auf die Abwesenheit von Restaurants schließen. Danke nein, wir gehen ein bisschen spazieren. Skeptische Blicke. Der Chef erscheint und kündigt an, uns zu begleiten, weil es so dunkel ist. Er hat eine Taschenlampe.

Was soll´s – wir lassen wir uns darauf ein, vom ihm nebst Tochter durch diesen Vorposten der Zivilisation zur einzigen Lanchonete des Dorfes gebracht zu werden, die noch etwas zu essen hat. Lanchonete – das ist mehr als ein Imbiss und weniger als ein Restaurant. Wir entscheiden uns für Pastel, mit Fleisch, Huhn, Käse oder Gemüse gefüllte, frittierte Teigtaschen. Und Bier.

Der Mann, der sich als Senhor Anselmo entpuppt, ist ein so symphatischer Mensch, dass sich unser Schock langsam etwas abkühlt. Er hat auch schon gleich ein paar Ideen für Unternehmungen, die sich in etwa mit dem decken, was uns der Lonely Planet empfiehlt. Und er hat auch gleich Führer an der Hand, ohne die nichts geht hier, das haben wir schon gelesen. Vielleicht ist es hier ja doch nicht so schrecklich…

Kultstätten und Klapperschlangen

Ein Tag noch bleibt uns in der Chapada de Guimarães. Also auf zur letzten Erkundungstour. Diesmal, begleitet uns Elenice, eine symphatische junge Frau, die ihren Guide Job offenbar sehr ernst nimmt, will sagen, sie hat sich über das übliche Maß schlau gemacht. Schon auf den 42 Kilometern Fahrt zu den Grotten östlich von Chapada (Caverna Aroe-Jari e Gruta da Lagoa Azul ) erfahren wir viel Spannendes über die Geschichte der Stadt und der Indigenes, der Indios vom Stamm der Bororo, die hier ursprünglich lebten. Es gibt sie immer noch, aber meist vermischt mit den schwarzen Sklaven der englischen Kolonialherrn, die des Goldes wegen gekommen waren. Elenice selbst ist eine solche Mischung.

Die Straße führt durch endlose Sojafelder, alles hochindustrialisiert. Grüne Öde bis zum Horizont, zwischendurch immer wieder riesige Sprühfahrzeuge, die Wolken von Insektiziden hinter sich herziehen. Da wo vorher Serra und Wald war herrscht nun Monokultur für Öl und Tofu… Immerhin gibt es hier wenigstens ein paar Minimalregeln: Waldstücke um die Flüsse dürfen nicht gerodet werden.

Nach 30 km verlassen wir die Asphaltstraße und holpern über 12 Kilometer Lehm, Schotter und Steine unsrem Ziel entgegen. Von einer Art Station aus geht’s dann in Richtung Höhlen über die Höhen des Plateaus. Doch vorher gibt’s für alle eine Art gefütterte Ledergamaschen als Schutz vor den Giftschlangen, die hier leben: Klapperschlangen und Jararacas. Es ist zwar noch keiner gebissen worden, aber das Problem wäre die Zeit bis zum Gegengift: Cuiabá ist über 100 km entfernt – zu lange…. Die Gamaschen mögen sinnvoll sein und lassen uns ein bisschen wie Trapper aussehen, aber bei den Temperaturen sind sie wie kratzende Heizdecken.

Für den Hinweg nehmen wir einen Traktoranhänger, denn es ist verdammt heiß und der Rückweg inklusive des Waldweges zu den Höhlen ist schon rund neun Kilometer lang, und das sollte bei der Hitze genügen. Es gibt noch andere Grüppchen, aber die gehen separat und wir lassen ihnen mit viel Abstand den Vortritt, um Natur und Höhlen allein in Stille und Vogelgezwitscher genießen zu können. Und außerdem fahren die sowieso fast alle mit dem Traktor zurück, denn die meisten Brasilianer laufen nicht gern viel.

Zum Glück führt ein großer Teil des Weges durch schattigen Urwald mit vielen kleinen klaren Quellen, an denen man sich erfrischen und trinken kann.Die Tiere halten sich in den Tagstunden auch hier fern im Unterholz versteckt, so dass nur wenige zu sehen sind. Dabei reicht der Artenreichtum hier für einen Zoo: Raubtiere wie Jaguare, Pumas, Wildkatzen, Wölfe, außerdem jede Menge Wild, Nagetiere, Echsen, Tapire, Ameisenbären, Gürteltiere, Salamander – und natürlich alle möglichen Arten von Papageien. Die Papageien sind in dieser Region wie die Spatzen in Berlin.

Die Höhlen, unser Ziel, liegen mitten im Urwald. Ein typisches Merkmal der Landschaft dieser Hochebene hier ist es, dass plötzlich immer, wie aus dem Boden geschossen, riesige Felsbrocken vor einem auftauchen. Oft überragen diese aus vielen dünnen Schichten bestehenden Felsen sogar auf aberwitzige Weise den Weg, oder ein solcher Koloss steht gar auf dünnen Säulen, dass man sich fragt, wie das weiche Gestein so lange bestehen kann, ohne in sich zusammenzubrechen.

Zwei der Höhlen, die wir erreichen, darf man nicht betreten. Aber schon einfach nur hineinzuschauen, lohnt den Weg, Sie stehen unter Wasser und das erstrahlt in leuchtendem Türkis und blassgrün. Braunes und kupferfarbenes Gestein, tiefe Dunkelheit und trotzdem diese leuchtenden Farben! Wunderschön! Früher war das Baden noch erlaubt, aber Sonnenschutzmittel haben das Wasser vergiftet und die Algen sterben lassen, deshalb ist das jetzt verboten.

Allerdings an der zweiten Höhle treten Elenice und ich in eine Armeisenstraße und die Mistviecher klettern in unsere Cowboygamaschen und pieken genüsslich. So was fieses! Ehe man die Dinger abgeschnallt hat, fühlen sich die Beine wie nach einem Brennesselsturz an. Zum Glück gibt’s gerade einen Bach, indem wir die Stiche etwas kühlen können.

Die letzte Höhle ist die Größte, aber auch kann man nur einen Teil besichtigen, eine zweite anschließende Höhle,, die Goldene, steht leider im Moment zu hoch unter Wasser. Und ganz tief in den Berg dürfen nur Höhlenforscher. Trotzdem beeindruckend. Man kommt durch einen kleinen Eingang in eine bestimmt 800 Quadratmeter große Grotte, die wie eine Kathedrale wirkt. In der Mitte schießt Wasser aus der Decke. Wir haben Taschenlampen, denn es ist stockfinster.

Die Höhle heißt Kyogo Brado, was in der Sprache der Bororo soviel wie Ruheplatz der Seele bedeutet. Es war ein heiliger Kultort, wo zum Teil mehrmonatige Rituale beim Tod eines Häuptlings abgehalten wurden. Außerhalb der Höhle wachsen Pflanzen mit knallblauen Beeren, aus denen starke Halluzinogene für die Zeremonien gewonnen wurden. Die Schamanen der Bororo veranstalten bis heute bestimmte Zeremonien – unter Ausschluss Stammesfremder. Auf dem sechs Kilometer langen Rückweg knallt die Sonne unbarmherzig, aber nur ein Teil müssen wir durch die brütende Serra. Aber immerhin weiß ich jetzt, nach welchen Bäumen ich Ausschau halten muss, wenn ich am verdursten bin (Buriti), welche Stengel mich von Nieren- und Gallensteinen befreien, welche Früchte ich wild essen kann und dass der Samen des Sucupira Baums einen Tropfen Antibiotikum enthält, wenn´s mal nötig ist. Was gelernt!

Ein bisschen Nervosität kommt noch mal kurz auf, als ein entgegenkommendes Wandertrio vor einer Klapperschlange auf dem Weg warnt. Aber die ist längst wieder auf und davon und so kommen wir ungebissen zurück. Als Belohnung für den herausfordernden Marsch gibt’s noch das hier schon fast zur Gewohnheit gewordene Bad im nahegelegenen Wasserfall, dieser hier heißt Cachoeira do Relogio, – und schon geht der letzte Tag in der Chapada de Guimarães zu Ende.

Nächstes Ziel: Bom Jardin.

Stress im Paradies

Auch das Leben in einer so beschaulichen und ausgesprochen entspannten Kleinstadt wie Chapada kann anstrengend werden. In den drei Tagen hier habe ich zumindest zwei Gründe dafür ausgemacht. Zumindest gelten sie für Nicht-Brasilianer.

Der erste Grund ist ein rein bürokratischer. Die brasilianischen Banken haben im vergangenen Jahr offensichtlich beschlossen, es Touristen möglichst schwer zu machen, ihr Geld auszugeben. Schon im reichen Staate Sao Paulo gab es dieses Mal ungekannte Probleme mit dem Geldabheben bei einigen Bankautomaten.

Aber hier in Mato Grosso erreicht das Problem existenzielle Ausmaße, wenn man ohne allzu viel Bargeld, mit ausländischen Kreditkarten ausgerüstet anreist: Viele Kartenleser akzeptieren die Karten nicht und sogar die zwei ortsansässigen großen Banken Bradesco und Banco do Brasil rücken nicht einen Real für notleidende Touristen heraus. Nix. Null. Nada.

Da ist Einfallsreichtum und Vertrauen der Menschen aus spätere Überweisungen gefragt. Eine unserer Führerinnen hat und im tiefen Vertrauen auf unsere Ehrlichkeit auf Vorkasse gearbeitet und uns die nicht eben geringen Eintrittsgelder in die oft auf Privatland liegenden Naturattraktionen bezahlt. Ein anderer erfolgreicher Coup ist beim Tanken gelungen. Die Tankstelle, die erstaunlicherweise noch ein Ausländer nicht ablehnendes Kartenlesegerät hatte, hat uns für die Tankfüllung fast den doppelten Preis abgebucht und den Rest in echten Real ausgezahlt. Juhu! Wirklich lästig, das Problem. Und der viel bejammerten brasilianischen Krise dürfte es auch nicht eben zuträglich sein, wenn die Touristen daran gehindert werden, Geld auszugeben.

Der zweite Stressfaktor ist eher ein Mentalitätsproblem: schön Feiern ist hier gaaanz laut Feiern. So wurde mein Blogschreiben am Samstagabend zur Nervenprobe. Da unser Zimmer wenig anheimelnd und mehr oder weniger möbelfrei ist, haben wir uns in ein Restaurant am Platz vertagt. Sah alles ganz nett aus: Caiprinha, warme Nacht, flanierende Menschen. Es war aber Samstagabend…. Das heißt hier: Ausgehzeit für alle, das große Aufrüsten setzte just eine halbe Stunde nach unserer Ankunft ein.

Überall wurden plötzlich Mikrofone und Lautsprecher aufgebaut. Dazu muss man wissen: am Platz sind viele Restaurants direkt nebeneinander. Aber jedes einzelne hat seine eigene Live-Musik, natürlich draußen. Und die ist nur dann gut, wenn sie laut ist. Die Kakophonie von allen Seite ist wirklich beeindruckend. Aber – die Leute hier finden das total in Ordnung.

Ich doofes Weichei dagegen habe die letzten Zeilen mit dröhnendem Schädel geschrieben. Hätte gern noch was getrunken und einfach dagesessen, aber die Kopfschmerzen hatte ich schon ohne Alkohol. Also Flucht in unsere außerhalb der Stadt in der Pampa liegende Pousada.

Endlich Ruhe, bitte! Ich war kurz davor Amok zu laufen, als wir dort ankamen und auf dem einzig bebauten Nachbargelände, was es dort in hundert Meter Entfernung von unserem Bungalow gibt, eine Hochzeit gefeiert wurde! Mit Live-Band! Und einer riesigen Soundanlage! Die Bässe allein haben unser Bett in Schwingungen versetzt. Sogar die Hunde hatten sich verkrochen.

Aber erstens kann man sich bei so einem großen Fest nun wirklich schlecht beschweren und zweitens ist das mit dem Beschweren in Brasilien auch noch so ein Problem, dass ich schwer erklären kann. Erstens kommt Beschweren gleich nach Beleidigen und man tut es fast nie und zweitens kann es bei den falschen Leuten mit entsprechend hitziger Mentalität auch sehr handgreiflich ausgehen. Irgendwann bin ich dann ins Lärmkoma gefallen.

Aber mit aufgehender Sonne und Papageiengeschnatter hatte ich Brasilien dann auch wieder lieb…Und nächstes Mal gibt es auch wieder schöne Geschichten.

Und wenn dann auch noch das Internet mal nicht auf Sparflamme läuft, sogar Fotos….

Weiße Gischt vor Dunkelgrün

Der Wetterbericht hat Übles angekündigt….umso größer die Freude beim Öffnen unseres Metallfensters (!!) als nur leichter Morgennebel wabert und dahinter blauer Himmel lauert. Wir haben einen Guide für heute engagiert ( wie ist eigentlich die weibliche Form? GuidIN?) . Das Programm ist offengelassen, wegen des Wetters entscheiden wir uns für die Wasserfalltour und verschieben die Höhlen auf morgen. Frühstück gibt’s ab sieben (theoretisch), wir wollen allerspätesstens halb acht los (theoretisch). Aideé, unser Guide wollte vorher anrufen, für welches Ziel wir uns entschieden haben (theoretisch). Halb acht im Frühstücksraum schaut mich die nette Köchin erschrocken an – sie ist gerade mit den Einkäufen eingetroffen…ok, tudo bom – alles gut, ich warte halt draußen auf den Anruf, der nicht kommt, trage Sonnencreme und Mückenprotektion auf (ätsch, Zika) und warte weiter. Schließlich gibt’s Frühstück, die Köchin ruft derweil um acht endlich die Guide an, die plötzlich feststellt, dass sie ja noch bei der Nationalparksverwaltung unsere Voucher kaufen muss. Pässe holen, Daten schicken, warten. Ein Stündchen. Hallo Brasil! Ich bin viertel nach sechs aufgestanden, damit um neun endlich was passiert. Immer noch zu deutsch. Aber immerhin – es regt mich in keiner Weise mehr auf und wundert mich auch nicht wirklich. Verabredungen sind lose Vorplanungen…

Aidée ist eine ziemlich schräge, drahtige 61jährige mit Panamahut und einem dreifachen Chaos- Gen, aber nett. Mit einem brasilianischen Paar brechen wir schließlich zu unserem Wasserfall-Abenteuer auf.

Im wieder geöffneten Nationalpark erfahren wir nun auch, warum gestern geschlossen war: die brasilianische Regierung kann die Angestellten nicht mehr bezahlen und wollte den Park schließen. 33.000 Hektar – einfach sperren. Doch die Guides der Gegend sind Amok gelaufen und dürfen sich nun um alles kümmern – ohne Geld, aber immerhin verlieren sie nicht ihre Touren und damit ihre Existenz. Hallo Angie – das sind doch mal Ideen, oder? Einfach keine Gehälter mehr zahlen, dann wird sich schon wer finden, der´s umsonst macht…!

Gleich als erstes bewundern wir von oben den berühmtesten Wasserfall der Chapada, Veu de Noiva, das circa 90 Meter hohe Postkartenmotiv, das schon fast ein Synonym für den Nationalpark geworden ist. Er krönt das Ende eine gigantischen Tals, das sich 35 Kilometer nach Westen erstreckt, fast bis Cuiabá. Seinetwegen muss man 70 km fahren, weil dieser tiefgrüne Super-Canyon unüberwindlich ist. Was für Dimensionen! Man fühlt sich ziemlich winzig dagegen. Verrückte Vorstellung, dass Tal und 100 Meter hohe Felsen mal der Meeresboden gewesen sein sollen.

Danach geht’s auf schmalen Pfaden weiter durch die Serra, die Wildnis hier oben auf dem Dach der Chapada (Hochebene). Für diese Art von Vegetation gibt es im Deutschen keine Bezeichnung, weil es diese Form so nicht gibt. Kein Wald, keine Heide, kein Urwald… eben Serra.

Eine offene Wildnis mit viel Grün, aber nur relativ wenigen Laubbäumen. Dichtes Gestrüpp, unendlich viele Pflanzen, deren Namen ich nicht mal ahne, Orchideen, Obstbäume, wilde Ananas, der komplette Heilpflanzengarten der Schamanen der Indios. Steiniger Boden, aber trotzdem fruchtbar. Hier sollen unglaublich viele Tierarten leben, von Schlangen bis zu Affen und sogar Jaguaren. Außer den Papageien und den Eidechsen halten die sich aber während der sieben Stunden Öffnungszeit des Parks von den trails fern. Und überhaupt gibt’s hier nur Ökotourismus, nur auf wenigen Wegen, nur in kleinen Gruppen, nur mit Guide. Das ist auch gut so, sonst wäre das bald ein Riesenmüllkippe.

Begeistert essen wir von den wilden Früchten, die uns Aideé offeriert: Mangaba und große, klebrige, aber extrem leckere Fruta do Conde. Die beiden jungen Brasilianer rühren nichts an – kommt ja nicht aus dem Supermarkt. Wie drei Altsemester stapfen munter durch Hitze und Geröll bergauf und -ab, das junge Paar jammert: heiß, weit, wann sind wir denn da….

Aber es lohnt die Mühen: Auf den sechs Kilometern gibt es insgesamt sechs Wasserfälle. Ganz kleine, ein paar mittlere, und einen großen – aber jeder auf seine Weise schön. Genüsslich baden wir in vier dieser paradiesischen kleinen Seen unter dem rauschenden Wasser. Einer der Wasserfälle hat sogar einen natürlichen kleinen Whirlpool. Verrückt. Alles inmitten von überhängenden Bäumen, Blumen und Felsen.

Wir haben Glück mit unserer Tour, wir erwischen fast alle Wasserfälle ganz allein und verschwinden, wenn andere, meist auch etwas größere und lautere Gruppen auftauchen. Am schönsten ist der letzte Wasserfall, Andorinha. Fünfzig Meter hoch. Man muss einen beschwerlichen Abstieg auf sich nehmen (mittlerweile ist es Mittag und die Hitze fühlt sich nach Backofen an), mit Aussicht, danach alles wieder hoch auf´s Plateau klettern zu müssen. Aber wir bedauern es keinen Moment: es ist einfach wunderschön. Wir toben ein bisschen im Wasserbecken unter der Wasserfall herum, faulenzen auf Steinen und Sandbänken und genießen den schönen Tag. Einfach ein MUSS für jeden, der in die Chapada de Guimarães kommt.

Hungrig, müde und medium gegrillt beschließen wir die Tour. Aidée lotst uns ein paar Kilometer weiter in ein Fischrestaurant mit See, das nur am Sonnabend geöffnet hat, das „Pesque&Pague“. Wir teilen uns ein Gericht – zum Glück, wie schaffen nicht mal zu zweit alles. Ein berühmter Fischteller der Region „Peixada cuiabana“. Zwei Sorten Fisch, gegrillt und gekocht mit Yucca, Reis, Tomaten-Vinagrete (Salat), eine Art Fisch-Soßen-Puree (Pirao) und Farofa com Banana – das ist gebratenes Maniokmehl mit Bacon und Kochbananenstückchen – eine Delikatesse! Puh – und das alles nach der anstrengenden Wanderung. Ich hätte mich am liebsten gleich unter dem Tisch schlafen gelegt! Aber: einfach großartig.

Als Zugabe bringt uns Aideé noch gratis zu einem berühmten Aussichtspunkt, der auf Privatgelände liegt, Morro dos Ventos. Noch einmal ein beeindruckender Ausblick über das grüne Tiefland und die Bergrücken auf dem Weg dorthin. An unserer Felswand stürzt ein Wasserfall bestimmt hundert Meter in die Tiefe. Durch das Fernglas kann man am Horizont sogar die Skyline von Cuiabá erkennen.

Nun reicht´s aber mit Eindrücken für heute – Speicher voll. Ich will nur noch Kaffee an der Praca von Chapada, statt Abendessen später eine Portion Acai und mit einem Bier ins Bett.

Chapada dos Guimarães – Felswände und viel Wasser

Die Fluginformation hat es verraten: unter uns liegt nun Mato Grosso. Schier endloses Grün und viele (wirklich viele) Flüsse, die sich wie Schlangen durch das Land ringeln. Manche mit Flussarmen, die sich in filigrane Muster aufsplitten, andere ockergelb und breit. Überall kleine Seen. Es ist nicht zu übersehen, dass das Wasser hier das Land im Griff hat. Oft als Sumpfland: das Pantanal.

Wir haben einen kleinen Umweg genommen, wohl wegen der Gewitter, die vorausgesagt waren. Schließlich landen wir auf dem Flughafen Cuiabá. Alles recht übersichtlich, die Ankommenden und Abfliegenden rennen relativ unkontrolliert am Rande der Landebahn durcheinander, aber irgendwie kommt jeder dahin, wo er will. Genau genommen gehört der Flughafen nicht zu Cuiabá, sondern er liegt in Varzea Grande, einer kleineren Stadt neben Cuiabá – so wie Potsdam neben Berlin.

Schon leicht erledigt von einem relativ anstrengenden Reisetag schwingen wir uns ins Mietauto und hoffen auch ohne vernünftige Karte (die nicht aufzutreiben war) den Weg an Cuiabá vorbei zur Chapada de Guimarães zu finden. Dass Cuiabá eine Großstadt ist, war mir wohl bewußt, aber wieder zeigt sich, dass dieses Land andere Dimensionen hat: es ist eine riesige Stadt, deren Skyline sich vor uns ausbreitet: riesige Hochhäuser ohne Ende. Ünd offensichtlich boomt die Stadt, denn überall schießen neue Riesen aus dem Boden.

Irgendwie finden wir den Weg aus der Stadt zur Chapada dos Guimarães, einer gigantischen Hochebene, die zum größten Teil Nationalpark ist, bekannt für seine Canyons, Felsformationen, Wasserfälle und Höhlen. Das Land auf den Weg dahin ist endlos weit und leicht hügelig. Die Vegetation besteht überwiegend aus mittelgroßen, aber oft ausladenden Laubbäumen und allen Arten von Buschwerk.

Bei einbrechender Dunkelheit erreichen wir die Chapada, die sich plötzlich aus der Erde zu erheben scheint. Ein toller Anblick, auch wenn nicht mehr allzu viel zu sehen ist.

Wir haben ein Zimmer in einer Pousada etwas außerhalb der Stadt Chapada: eine weitäufiges Gelände mit ein paar einfachen Bungalows, noch einfacheren Zimmern (…) und zwei lustigen jungen Hunden.

Nach kurzer Suche, finden wir in der etwas verschlafenen, aber ganz relaxten Stadt Chapada, die gut 18.000 Einwohner hat (also für brasilianische Verhältnisse fast ein Dorf) ein einfaches, aber beliebtes Restaurant mit dem landesweit beliebten Buffet. Nach einem leckeren und sehr reichhaltigen Abendessen mit Fleisch, Fisch, Reis, Gemüse und Feijão tropeiro, einem typischen Essen, das aus schwarzen Bohnen mit Speck und Maniokmehl besteht, trollen wir uns müde in unser Bett.

In der Nacht schüttet es – am Morgen regnet es noch immer und alles ist in Nebel gehüllt. Aber während des Frühstücks hört der Regen auf. Aus den wagen Plänen, die wir für heute hatten, wird nichts – aus unerfindlichen Gründen hat plötzlich der Nationalpark geschlossen. Keiner weiß, warum. Die meisten Attraktionen liegen dort. Aber immerhin gibt es zwei kleinere Wasserfälle auf Privatland und einen berühmten Aussichtspunkt.

Unser Weg dahin führt aus der Stadt, vorbei an einer Favela. Ich kann immer nur schwer begreifen, warum die Bewohner so gar nichts tun, um ihr kleines Ziegelhaus nicht wenigstens verputzen, anstreichen oder den Müll vom Grundstück räumen. Ich weiß, dass es so ist, dass da jeder Antrieb und jedes Interesse fehlt (Hauptsache ein großer Fernseher auf dem nackten Boden), aber trotzdem fällt es mir immer wieder schwer nachzuvollziehen, wieso das so ist. Arroganz der ersten Welt – sicher. Aber Ignoranz hier – sicher auch.

Unser Weg führt über eine rote Lehmstraße, die viele Gelegenheiten zum Achsbruch bietet. Die Farben dieser Landschaft sind Grün, Ocker und Rot.

Für ein paar Real Eintritt dürfen wir dann einen knappen Kilometer zur Cachoeira de Geladeira ( dem Eisschrank – Wasserfall) wandern, durch grüne Wildnis, immer steil nach unten. Es ist drückend heiß und außer den kreischenden Papageien und dem Gezwitscher andere Vögel so still, dass alles ein bisschen wie eine Filmkulisse wirkt. Hin und wieder liegen große weiße Blüten auf dem Weg – irgendwo hoch oben im Gipfel der Bäume abgefallen.

Die Cachoeira de Geladeira dürfte ihren Namen wohl vom kalten Wasser haben. Ungefähr achtzehn bis zwanzig Meter stürzt das Wasser in einen natürlichen Pool mitten im Wald. Schön! Der einzige grelle Farbtupfer mitten im Grün und Eisenrot der Felsen ist ein riesiger blauer Schmetterling.

Der zweite an diesem Tag zugängliche Wasserfall ist die Cachoeira de Marimbondo. 28 Meter hoch, aber ähnlich dem ersten Wasserfall. Inzwischen sind wir etwas geschafft von den schweißtreibenden Ab- und Aufstiegen und gönnen und einen Zwischenstopp am riesigen grünen Hauptplatz der Stadt. Ein große Portion Acai com Banana hebt die Unternehmungslust wieder erheblich. Acai ist eine Palmfrucht, aus der ein unglaublich leckeres und gesundes Püree gemacht wird, dass mir Guaraná-Sirup gesüßt und mit Bananenscheibchen serviert wird . Eine echte Vitamin C – Dröhnung und dazu noch nahrhaft. Sucht pur!

Nächster Stopp: Der Mirante Centro Geodésico, ein spektakulärer Aussichtspunkt, sieben Kilometer außerhalb der Stadt. Aber den muss man erst mal finden….kein Schild, nix. Wir schießen erstmal 12 Kilometer vorbei. Auf der kahlen Bergkuppe pfeift der Wind, aber man kann schon ahnen, welcher Blick sich dann bietet: Ein wirklich atemberaubendes Panorama auf das weite Land. Mindestens 70 km oder weiter reicht die Sicht im 180 Grad Rundumblick. Unter uns eine Welt in allen Abstufungen von Grün. Land, wie ein in Falten gelegtes Tuch mit kleinen silbergrauen Tupfern: Seen. Aber dann wieder schroff aufsteigende Felswände mit Streifen und Steintürmchen am Rand der abfallenden Landschaft auf deren höchstem Punkt man steht. Auf steilen Pfaden, die das Geröll noch gefährlicher macht, kann man hinunter klettern, die Perspektive ändert sich – neue Ausblicke tun sich auf. Aber es ist anstrengend, heiß und die Gefahr auszurutschen steigt. Laut meinem schlauen Lonely Planet wird von diesem Punkt behauptet, es sei der geologische Mittelpunkt Südamerikas. Nicht jeder Bauchnabel ist so spektakulär!

Wir krönen den Tag noch mit einigen phantastischen Aussichten auf die Chapada, ca zwanzig Kilometer westlich der Stadt, dort, wo es gestern schon dunkel war. Verrückt: die Chapada dos Guimaraes erhebt sich über das Land, also ob Riesen einfach ein Stück Erdkruste herausgebrochen und ein paar hundert Meter angehoben hätten. Schroff, hübsch bunt mit all den verschiedenen horizontalen Gesteinsschichten. Ein paar Krümel sind abgefallen und gaben sich als bizarre Gesteinstürmchen in der Landschaft verteilt. Gigantisch! Man kann sich nicht sattsehen. Der Kamera-Akku gibt den Geist auf von zu vielen Fotos, die doch niemals das wiedergeben werden, was sich hier dem Blick bietet. Majestätisch ist hier tatsächlich das passende Wort.

Ermattet uns verschwitzt finden wir dann tatsächlich noch eine trotz geschlossenem Park zugängliche Badestelle in einem natürliche Fluss-Pool in der Estancia de Fenix. Herrlich ! Einfach im kühlen Wasser liegen. Ich nehme noch eine Fisch-Fußpflege gratis von Mutter Natur an: Kleine Fische mit scharfen Zähnchen knabbern Hornhaut und alte Hautreste von den Füßen; in Berlin kostet Fisch-Spa für 30 Minuten sechzig Euro.

Ein leckeres Essen und Blogschreiben in einem von dröhnender Live-Musik beschalltem Laden an der Placa Dom Wunibaldo beschliessen Tag 1 in Mato Grosso.