1. Hallo Afrika! Welcome to Capetown!

Unterwegs nach AFRIKA! Wie aufregend! Aber erstmal ist der Preis zu entrichten, den der reiselustige Abenteurer zu zahlen hat: ein langer, enger Flug in der Economy-Class … Immerhin dürfen wir Turkish Airlines fliegen, es könnte wahrhaft schlechter kommen. Als wir in Istanbul aus dem Flieger steigen, wünscht die Crew „Happy New Year!“ Ach ja: die Zeitverschiebung! In Deutschland trinken sich alle noch dem Jahreswechsel entgegen, hier ist es schon längst soweit. Wir trödeln durch das nächtliche Gewimmel des Atatürk-Flughafens, Menschenmassen aus aller Welt warten hier auf ihre Nachtflüge, modisch besonders ansprechend fallen uns einige Orientalen auf, deren Frauen tiefschwarz ganzkörperbedeckt sind, während die Männer in weiße Frotteebadetücher gehüllt, barfuß in weissen Badelatschen flanieren – perfekt gestylt für einen Saunagang. Irgendwann ist genug Zeit vertrödelt und wir holen unsere Piccolos pünktlich zu deutscher Mitternacht heraus und stoßen auf ein gutes neues Jahr an, nicht ahnend, dass gerade ein Irrer ein paar Kilometer entfernt in einem Nachtclub um sich schießt und dabei 39 Menschen tötet und über 50 verletzt! Was für ein Irrsinn!

Nach elf langen Stunden auf gefühlten 50 qcm  ist es dann soweit: Geräuschvoll und kräftig setzt der Flieger auf der Rollbahn in Kapstadt auf: Hallo Mama Afrika, da sind wir!

Um den Flughafen: weite graugrüne Flächen und am Horizont hohe Berge, ein strahlend blauer Himmel mit weißen Wölkchen und extrem helles Licht.

Wir werden abgeholt von Nathalie, einer guten Freundin, die für ein Jahr hier als Freiwillige mit Kindern in einer Township arbeitet. Sie hat uns zu dieser Reise überredet, wenn man davon überhaupt reden kann, so neugierig wie wir auf dieses Abenteuer sind.

Wir haben ein Zimmer im Stadtteil Woodstock gemietet – nicht schön und wohlsituiert, aber wohl lebendig, spannend und ziemlich angesagt – oder aufstrebend, wie es der lonely planet nennt: Stufe Eins der Gentrifizierung. Eine Mischung aus alten kleinen Kolonialhäusern, die überwiegend, aber nicht ausschließlich, Weißen gehören, und ein bis zweistöckigen Geschäftshäusern mit schmucklosen Kolonaden. Immer wieder aber auch rotte Abriss-Grundstücke und Baulücken, auf denen in Schrottautos und winzigen Hütten aus Brettern, Blech und Lumpen, die hier Shacks heißen, Schwarze hausen. Schon ein einigermaßen verstörender Anblick, auch für uns, die wir einigermaßen weit in der Welt herumgekommen sind.

Auf den Straßen spielen kleine schwarze Kinder mit selbstgebauten Spielzeugen oder irgendwelchen Fundstücken. Fast so wie wie früher, als auch deutsche Kinder noch keine Computer und Spielkonsolen hatten … Die winzigen Gärtchen sind dichtbeflanzt, meist von Mauern und Eisenzäunen umgeben. Inzwischen leben hier auch viele Studenten, Künstler und Alternative. Angesagter Hip-Treffpunkt ist das Woodstock Exchange – ein großes altes Gebäude mit Shops, Ateliers und Streetart. Samstags soll es einen sehr spannenden Markt hier geben – leider sind wir da schon nicht mehr in town …

Das Leben in Woodstock fühlt sich trotz der wilden Mischung ziemlich relaxt an , man wird gelegentlich freundlich gegrüßt. Neben kleinen, billigen Lebensmittelläden und schäbigen Internetcafés gibt es inzwischen auch ein paar angesagte Cafés und Restaurants. Allerdings sehen wir die an den ersten beiden Tagen nur von außen , denn es sind Feiertage und da ist fast alles geschlossen. Der benachbarte 6th District war wohl der einzige, der noch zu Apartheitzeiten von Schwarzen und Weißen gleichermaßen bewohnt und deshalb ziemlich zerstört wurde.

Unser Zimmer in einem von einer WG bewohnten kleinen Kolonialhaus in der Beyer Street ist schlicht, geräumig und angenehm. Von unseren Mitbewohner sehen wir nicht viel, sie sind meist unterwegs.

Immerhin bekommen wir von Mitbewohner Jon noch ein paar Infos: Das Viertel ist tagsüber sicher und ruhig, wogegen es keine gute Idee sei, nachts zu Fuß durch die Straßen zu laufen.

Und aufgepasst: Energie muss hier jeder Haushalt im Supermarkt kaufen – prepaid, so wie bei uns Handyguthaben. Der Pin wird in den häuslichen Zähler eingegeben und schon kann man kochen und heiß duschen. Auch eine Variante, unbezahlte Stromrechnungen zu verhindern.

Wir sind ziemlich geschafft von der Reise und planen nur noch einen Ausflug zum Strand, nach Clifton Beach. Wir fahren durch das schicke, touristische und eher langweilige Hafenviertel Waterfront mit all seinen Malls und Shops und schlängeln uns durch einige Wohnviertel , mal eher ärmlich und öde, mal kuschelig grün, mit sich endlos am Berg entlangschlängelnden Straßen, weißen Mauern, Stacheldraht und schönen Häusern.

Das Schönste und Beeindruckendste an Kapstadt aber sind zweifellos die gigantisch aufragenden Tafelberge, die Table Mountains. Kahle graugrüne Granit- und Sandstein-Felsen, die zum Teil über 1000 Meter aufragen. Ein 220 Quadratkilometer großer Nationalpark. Meist schlängeln sich weiße Wolkenbänder wie wabernde Schals um die Bergkuppen. Dahinter meist strahlend blauer Himmel . Was für ein Anblick! Und irgendwie scheint man ständig darauf zu oder daran entlang zu fahren. Die Tafelberge auf der einen Seite und das glitzernde Meer aus der anderen – kein Wunder, dass diese Stadt eine der Perlen der Welt ist, was sie als Stadt an sich niemals schaffen würde.

Clifton Beach, unser Ziel an diesem ersten Tag, liegt an einer Bucht im Südwesten der Stadt. Von riesigen Granitblöcken, die in einen steilen Berg übergehen, werden vier Strände geteilt. Sie sind besonders beliebt, weil hier der ewig frische, manchmal richtig heftige Kapstädter Wind nicht so kalt und stark bläst.

Dieser Teil der Stadt ist schick, ziemlich neu und weiss. Teure Appartmenthäuser, die Walhalla oder La Corniche heißen, sind an den Berg gebaut und machen es einem nicht leicht, einen der wenigen schmalen und steilen Durchgänge zum Strand zu finden.

Der Strand ist weiß, schön, aber wegen des Feiertages rammelvoll mit gemischtem Publikum aller Hautfarben. Wir freuen uns auf ein erfrischendes Bad nach verschwitzter Flugnacht und ersten Autofahrten quer durch Kapstadt. Kalt? Pah, kein Problem, wie baden immer im kalten Meer von Galizien … denkste! Wir stehen das Bad im Atlantik hier keine einzige Minuten durch, das eisige Wasser schneidet in Arme und Beine und nimmt einem die Luft! Und das soll nun Afrika sein! Jetzt müssen Kalorien her!

Inzwischen sind wir so übermüdet, dass wir keinerlei Müdigkeit mehr spüren. Nathalie, unsere Freundin, lotst uns zu einem typisch südafrikanischen Braai (Grill) in Woodstock, von dem sie Gutes gehört hat. Das Amadoda liegt an der etwas finsteren Strandstreet versteckt. Orangegelb leuchtet die ausgebaute Garage am Ende einer dunklen Straße. Als wir aus dem Auto steigen, dröhnt uns laute afrikanische Musik entgegen und wie sehen Billiard spielende und tanzende Männer. Alle schwarz.

Sieht genauso aus wie ein Laden, der uns gefallen wird. Keine Touristenfalle.

Wir spazieren hinein, werden diskret beäugt und freundlich gegrüßt. Die einzigen Bleichgesichter. Die Betonwände leuchten orange und sind zum Teil mit Straßenszenen bemalt. Die Musik aus einer riesigen Lautsprecheranlage ist eigentlich viel zu laut, aber mitreißend. Ein paar Leute springen immer wieder auf und tanzen am Tisch oder um den Billiardtisch, alles swingt und strahlt gute Laune aus.

Die freundliche Wirtin gibt uns ihre gezapften Biere zum kosten, wir wählen verschiedene Grillplatten mit Brot und Pap aus, ein weißer, zäher Maisbrei, der mit den Fingern gegessen wird, nachdem man ihn in eine würzige Soße getunkt hat. Alles wird frisch zubereitet, in aller Ruhe – will sagen, es dauert. Aber das macht nichts, das Programm um uns herum lässt keine Langeweile aufkommen.

Beim Gang zum Tresen greift ein junger Schwarzer nach meinen Händen und fängt an, mit mir zu tanzen. Er will mir ein paar Moves beibringen, bis ihn ein anderer vorsichtshalber freundlich wegzieht. Vielleicht besser so, der Bursche hat schon einiges getrunken. War aber lustig.

Die Grillplatten sind riesig und lecker, es ist wirklich nicht zu schaffen. Das Bier schmeckt prima dazu. Die Laune ist prächtig – aber wir müssen dringend ins Bett, es geht auf Mitternacht zu.

Schwitzen im Pantanal

4:00 Uhr morgens. Der Wecker klingelt. Und das im Urlaub …

Um fünf werden wir abgeholt, diesmal mit einem Sammel-Van. Wir haben einen Trip ins Pantanal vor. Dahin ist die Anfahrt etwas länger. Es ist noch dunkel und wir fahren der Sonne entgegen.

Nach endloser, schnurgerader Straße rumpeln wir schließlich durch das Gatter der Fazenda San Francisco (kein Fehler, der Name scheint hier beliebt zu sein). Auch hier ist im Empfangsbereich alles perfekt organisiert. Es gibt noch eine andere Gruppe, die kurz nach uns eintrifft. Es ist heiß, über 30 Grad! Die Luft ist schwer und feucht, die Luftfeuchtigkeit beträgt fast 90 Prozent. Man kann sich kaum entscheiden, womit man sich zuerst einschmieren soll: fetter Sonnenschutz oder Moskito-Spray.

Auf einem riesigen Wasserbüffelhorn bläst einer der Fazenda-Guides dann zum Aufbruch. Zwei offene Safari-Mobile, jeweils mit rund fünfundzwanzig ansteigenden Plätzen unter einer Plane, die aber nur unvollständig gegen die sengende Sonne schützt. Wir rumpeln eine kurze Distanz zu einem Bootsanleger an einer Flusskreuzung. Auf einem zweistöckigen, offenen Pontonboot geht’s dann durch die nasse, grüne Wunderwelt.

Die Ufer sind von dichter Wildnis bewachsen, überall Teppiche von Wasserlilien und Wasserrosen, die allerdings um diese Jahreszeit leider nicht mehr blühen. Immer wieder gabeln sich neue Wasserarme. Viele Raubvögel sind unterwegs, Reiher und ein paar kleinere Papageien. Es ist brütend heiß und die vielen anderen Tiere, die hier leben, angeführt von den Jaguaren bis zu Tapiren, Wölfe, Ameisenbären und anderen Wildkatzen, haben sich irgendwo im Schatten versteckt. Dabei ist es erst halb neun!

Irgendwann gehen wir dann vor Anker und jeder, der möchte, bekommt eine einfache Bambus-Angel in die Hand. Fleischstückchen als Köder: Piranha-Angeln. Es gibt hier so viele davon, dass das keinerlei Frevel darstellt. Es gibt auch viele andere Fische, deren Namen ich nicht übersetzen kann. Schweigend stehen wir mit tapfer ausgeworfener Angel am erlahmenden Arm schweißtriefend an Bord. Und tatsächlich: die Biester beißen! Einigen gelingt es, einen der Flossenträger mit dem unfreundlichen Gebiss an Bord zu holen. Mir fast. Das Vieh sagt mir Guten Tag, klappert mit dem Gebiss und dann macht es einen eleganten Satz und ist wieder in seinen Jagdgründen. Auch gut.

Schließlich geht die Fahrt weiter, eine eher kontemplantive Reise durch die Wasserwelt des Pantanal. Wir legen an einem fast überwucherten Steg an, der zu einem Holzpfad führt, hinein ins Dickicht zu einer 200 Jahre alten Feige. Für mich sieht das gewaltige Teil mit den verzweigten, aus dem Wasser hochaufragenden Wurzeln wie aus einem russischen Märchenfilm aus. Ich hätte es zwar eher für eine Mangrove gehalten, aber es heißt Feige.

Beim Wiedereinstieg ins Boot taucht neben uns plötzlich der Kopf eines Jacaré aus dem Wasser: ein Kayman. Der Führer scheucht alle hinter eine Absperrleine auf dem Boot und wird richtig sauer, als einige vorher noch Fotos machen, denn das Biest springt wohl bis zu zwei Meter hoch. Er bindet einen der Piranhas fest an eine Angel und lockt das putzige Tierchen, dem man lieber nicht allein begegnen möchte, auf den Steg vor dem Boot. Das rund zwei Meter große Tier schiebt sich nach Echsenart theatralisch aus dem Wasser, die Stufen zum Steg hoch und versucht, den Piranha zu erwischen. Dabei knallen laut die Zähne aufeinander. Und es scheut auch keine Sprünge bei dem Versuch einen leckeren Lunch zu ergattern. Laut schmatzend verdrückt die Echse schließlich sein Mahl und wir fahren zurück.

Um halb zwölf sind wir wieder zurück und wundern uns kurz über die Ankündigung einer dreistündigen Mittagspause. Schnell wird aber klar, dass hier in der Mittagshitze gar nichts geht. Hitze, Mosquitos, Hitze. Es gibt einen Pool, viele schattige Plätzchen, Hängematten – und das übliche Mittagsbuffet, das den Bauch voll und die Menschen noch schläfriger macht.

Um halb drei holt uns das Horn wieder aus dem Mittagskoma. Abfahrt zur Safari. Es ist so heiß auf dem Wagen, dass ich mich zusätzlich unter meinem Regenschirm verstecke, in der Hoffnung noch ein paar Sonnenstrahlen weniger abzubekommen. Zweieinhalb Stunden lang fahren wir durch die nichtendenwollende Fazenda. 45 Prozent der 185.000 Hektar großen Fläche sind Schutzgebiet, der Rest wird landwirtschaftlich genutzt. Auch hier ist man stolz auf die Natur-und Artenschutzerfolge.

Einerseits – muss man dazu sagen. Andererseits nämlich erstrecken sich neben riesigen Weidegebieten und Reisfeldern auch hier – Soja und Eukalyptus auf gigantischen Flächen. Nicht zu fassen. Gerade ist die Regenzeit zuende und alle Flüsse haben Hochwasser, aber auf diesen Flächen ist der Boden bereits jetzt staubtrocken. Was für ein Wahnsinn. Jeder Eukalyptusbaum holt sich seinen riesigen täglichen Wasserbedarf aus bis zu dreißig Meter tief aus dem Boden. Da wächst nichts mehr. Wüste. Und der hochtechnologisiert angebaute Soja geht vor allem nach Europa und Japan für Öl und Tofu.

Aber immerhin lassen sich viele Vögel nicht vertreiben, ausgenommen die, die Früchte fressen, denen fehlen die wilden Obstbäume. Wir sehen sogar einen Tiururu, den größten Vogel Brasiliens. Er sieht eigenartig aus: ein bisschen wie ein Riesenstorch, hinten weißes Gefieder, aber mit einem dicken roten Hals und einem schwarzen Kopf mit einem relativ breiten Schnabel.
Das lustigste Geflügel aber sind einige kleine, am Boden lebende Eulen, Coruxas. Sie halten sich im Schatten eines Mauerüberrestes auf und gucken uns misstrauisch an. Sie sind wirklich lustig anzusehen.

Meine Favoriten aber sind Vierbeiner, die hier zu tausenden leben: die Capivari. Wasserschweine. Das knuffige Borstenvieh badet überall an den Kanälen und Flüssen entlang unserer Route und sonnt sich genüsslich auf dem Sandweg, wo es nur widerwillig das Feld für das Auto räumt. Einmal lagert eine komplette Familie mit winzigen Jungschweinchen auf der Straße. Zu süß!

Aber felltragende Räuber mit scharfen Zähnen wie Wölfe oder Jaguare halten sich bis zum Abend versteckt, nur ein Gürteltier huscht geschwind ins Dickicht.

Einmal noch halten wir an einem Naturpfad an, der allerdings an einer Seite von einem großen umgestürzten Baum versperrt wird. Wir schleichen noch ein bisschen durchs üppige Grün, aber ehrlich gesagt, bin ich wirklich kurz vor dem Hitzeschock und bekomme nur noch die Hälfte mit.

Auf dem Rückweg kommen wir noch an ein paar kleinen Häusern vorbei: Hier wohnen die Farmarbeiterfamilien und die der Guides, viele schon in der drittem Generation. Die nächste Stadt ist weit weg. Eine geschlossene Welt für sich.

Zurück auf der Fazenda warten als Abschiedssnack noch hausgebackener Kuchen, selbstangebauter Matetee und frischer, eisgekühlter Cajú-Saft (Cashew) – und Piranha-Suppe. Ich habe erst so gar keine Lust auf heiße Suppe. Aber die Guides sind so stolz auf die Kochkünste ihrer Frauen und Mütter, dass wir doch kosten: lecker! Richtig gut und gar nicht fischig.

Es war ein interessanter Ausflug, und eine erste Ahnung vom Pantanal, das weiter drinnen sicher noch viel spannender ist. Aber irgendwie fühle ich mich nach der vielen körperlichen Betätigung in der Zeit davor heute völlig unterfordert vom vielen Sitzen auf Booten und Autos. Mein Körper macht dringenden Bewegungsdrang geltend. Und wir stellen einmal mehr fest, dass Gruppen eben doch nichts für uns sind.

Auf der langen Fahrt in den Sonnenuntergang fallen alle in Tiefschlaf, Tribut an einen heißen Tag. Noch eine Nacht in Bonito und ein Vormittag am Pool bleibt uns. Zeit, alles noch einmal Revue passieren zu lassen, und dann geht es zurück in unser bekanntes, verrücktes, chaotisches Brasilien, so, wie wir es bisher kannten, an der Küste von Sao Paulo. Da wo es noch den letzten faszinierenden Atlantischen Regenwald gibt. Und das Meer!

Chao Mato Grosso, chao Mato Grosso do Sul, es war eine aufregende Reise!

Wilder Westen mal anders

Der Tag ist nach dem Abenteuer doch noch nicht vorbei. Zurück im Hotel schallt ein gebrüllartiger, unidentifizierbarer Lärm auf unseren Hügel am Ende des Ortes. Der smarte Boy an der Rezeption bekommt glänzende Augen als wir danach fragen. Das sei doch der große jährliche Lassowerfer-Wettbewerb! Drei Tage dauert das Fest immer und es ist hier mindestens so wichtig wie Fußball! Das will was heißen. Lassowerfer? Vaqueiros? (Cowboys) Also doch Texas!

Wir schleppen uns durch die glühende Nachmittagssonne zum Festgelände an der Ausfallstraße. Hinter einer wenig einladenden Mauer verbirgt sich eine riesige, staubige Arena, ein mit Planen überdachter Zuschauerbereich und ein großer überdachter Tanzboden mit Bühne. Außerdem ein abgesperrter Bereich voller Pferde und Cowboys, die auf ihren großen Moment warten. Unglaublich!

Wie sind umgeben von Menschen im Festmodus. Die Atmosphäre macht klar: Hier muss man sein, das ist ganz eigene Welt der Menschen hier. Die Männer tragen Jeans und Hemden mit dem Logo ihrer Fazenda, für die sie ins Rennen gehen, dazu oft riesige silberne Gürtelschnallen und natürlich den unverzichtbaren Stetson auf dem Kopf (keine Ahnung wie der hier heißt). Einige tragen Wildleder-Überhosen und Sporen. Echte Kerle halt! Die oft ziemlich üppigen Frauen und Mädchen haben sich schwer herausgeputzt, mit knallengen Jeans, Fransenhemden, Rüschenblusen oder wurstpellenähnlichen Kleidern und Cowboystiefeln. Dazwischen wimmeln unendliche viele Kinder herum.

In der Arena tobt der sehr ernst genommmene mehrtägige Kampf der Männer auf den Pferden, die vor den Argusaugen der gestrengen Jury eine Kuh durch die Arena treiben, bevor sie sie mit einem möglichst eleganten Lasso-Wurf im rechten Moment einzufangen versuchen. Dazu brüllt ein völlig irrer Kommentator einen rasend schnell abgespulten Ereignisbericht samt Ansporn und erster Einschätzung über die Lautsprecheranlage – es ist nicht zu fassen, dass der Mann das über Stunden ohne Unterlass tut und dabei noch Atem und Stimme hat. Man muss es einfach gehört haben, um es zu glauben.

Derweil spielt nebenan auf der Bühne eine Live-Band (im passenden Outfit natürlich). Die Musik erinnert mich sofort an die USA, Twostep, Texas Walse. Hier heißt das allerdings Chamamé und Vanerao. Super! Der Rhythmus geht in die Beine und es sieht auch lustig aus, wie dazu getanzt wird. Würde ich glatt versuchen. Wenn mich einer fragen würde…

Wir sind die einzigen Gringos weit und breit. Hierher verirrt sich kein Tourist, auch kein brasilianischer. Das ist Fazendeiro – Kultur, und mit der working class hier macht sich kein wohlhabender Reisender hier gemein. Wir werden erstaunt beäugt, da wir aber sichtlich Spaß haben, werden wir freundlich akzeptiert. Einfach großartig, dass wir das miterleben dürfen. Drei besonders schicke Vaqueiros posieren sogar für ein Foto, nachdem ich ihnen gesagt habe, dass ich ihre Gürtel und Hüte so toll finde.

Irgendwann trollen wir uns dann verschwitzt und staubig vom Gelände in Richtung Stadt und kühlen uns im Schatten bei Bier und Abendessen. Hier treffen wir auch Matias, unseren jungen Freund von der Agentur Bonito Way, und Jackson, einen unserer netten Kletterguides wieder und lassen es uns zusammen gut gehen, bis wir totmüde in unser Hotel wanken.

Am Abgrund

Acht Meter. Nur acht Meter. Endlose acht Meter. Das liegt ganz im Auge des Betrachters. Und in meinem Falle sind acht senkrechte Meter unendlich hoch, denn ich habe Höhenangst! Trotzdem will ich mich an einer riesigen Herausforderung versuchen: Zu den größten und spannendsten Attraktionen für Adrenalin-Junkies in Bonito gehört Abismo Anhumas ( Abgrund Anhumas).

Ungefähr anderthalb Autostunden entfernt in den Bergen ist 1972 durch einen Zufall auf der Kuppe eines Berges ein tiefes Loch entdeckt worden. Ein sehr tiefes, denn tatsächlich ist der Berg hohl und in seinem Inneren verbirgt sich eine Höhle, die an ihrer tiefsten Stelle über hundert Meter misst. Der untere Teil ist mit Wasser gefüllt. Diesen besonderen Abgrund können sportliche und mutige Menschen erobern.

Dafür muss man sich allerdings 72 Meter freischwebend abseilen – und natürlich später wieder am Seil hochziehen. Als Krönung darf unten im See geschnorchelt oder sogar getaucht werden, so man eine Tauchlizenz vorweisen kann. Mit dieser Aussicht kann man sogar mich dazu bringen, über eine Kampfansage an die Höhenangst ernsthaft nachzudenken. Denn ich bin ein echter Tauchjunkie.

Die andere Hälfte unseres kleinen Globetrotterteams ist vorallem scharf auf das Kletterabenteuer. Tauchen eher nicht – zu wenig Erfahrung, dann lieber Schnorcheln. So hat denn jeder seine eigene Motivation. Allerdings in meinem Falle stehen noch dicke Fragezeichen vor dem Abenteuer.

Alle Teilnehmer des Kletterabentuers müssen vorab ein Klettertraining absolvieren, wo sie nicht nur die Technik des Hochziehens und Abseilens lernen, sondern sich auch erweisen soll, ob sie das freie Schweben in der Höhe überhaupt ertragen und körperlich fit genug sind. Dafür gibt es eine Trainingsstätte, die besagte acht Meter hoch ist. Als ich die Halle sehe – unten Steinboden, oben Metallhaken, denke ich schlicht: Nö.

Aber wenn ich den Traum von diesem großen Abenteuer und dem Tauchen in der Höhle drangeben muss, dann wenigstens nicht kampflos. Also, schlotternd zum Test. Jeder bekommt einen Klettergurt mit allen möglichen Haken und Seilzügen umgeschnallt – und ich muss sagen: bequem ist anders. Angesichts der gequälten Minen der meisten Männer, wenn der Schritt dermaßen verschnürt ist, kann ich mir ein Grinsen allerdings nicht verkneifen. Sie haben also nicht nur mehr Muskeln, sondern auch verletzliche Weichteile…

Miki absolviert das Klettern nach ein paar anfänglichen Korrekturen locker. Ich klettere schweissgebadet wild entschlossen los: den Blick immer nach oben oder maximal geradeaus, niemals nach unten. Auf halber Strecke kann ich vor Stress kaum atmen, aber ich gebe nicht auf. Portugiesisch kann ich plötzlich auch nicht mehr, englisch stottern geht noch… Ich bekomme ein paar mal Anweisungen, wie ich effektiver klettern soll, aber was ist schon perfekte Körperhaltung, wenn man ums Überleben kämpft (zumindest fühlte es sich für mich so an) Egal – ich schaffe es, zweimal. Bis oben. Stolz!!!

Dann holt mich die schnöde Objektivität ein: Mein Trainer nimmt mich beiseite und sagt: Tja, das Abseilen war ok. Aber ehrlich: „You were not very good climbing up“. Pfff, der hat einfach keine Ahnung, was gut in meinem Falle heißt! Naja, aber vielleicht hat er ja recht damit, dass 72 Meter verdammt hoch sind, wenn man keine effektive Technik und noch dazu nicht gerade einen ausgeprägten Muskeltonus im Oberarm hat …. Ich habe jetzt schon Muskelkater.

Aber immerhin war ich gut genug, dass er befindet, man wolle mir aber trotzdem die Möglichkeit geben, mitzukommen. Das Angebot: alleine abseilen, hoch werde ich gezogen. Super! Das klingt gut in meinen Ohren! Denn ich habe keine Ahnung wie viel Panikattacken mich auf halber Höhe lähmen würden. Und das klingt nach einer echten Chance. Also unterschreiben wir den Vertrag – jetzt ist das Geld weg, wenn ich einen Rückzieher mache…

Danach werden wir zum Tauchcenter Bonito Scuba gebracht, um unsere Tauchanzüge anzuprobieren, die auch für die Schnorchler Pflicht sind, abgesehen von den Flossen. Wir wundern uns über die auffallend dicken Neoprenanzüge, aber nur bis wir erfahren, dass das Wasser da unten nur 18 Grad hat. Das ist kalt! Nach einem Abendessen ohne Caipi und Bier, da Alkohol ausdrücklich verboten ist am Abend vor der Tour, legen wir uns pünktlich auf´s Ohr.

Dumm nur, dass meine neue Entschlossenheit bei Nacht ganz anders aussieht. Stunde um Stunde wälze ich mich und wandere umher. Wie sieht das aus, wenn man in einen 72 Meter-Abgrung schaut und auch noch am Seil darüber hängt? Warum tue ich mir das an? Vielleicht sollte ich doch lieber absagen?! Irgendwann schlafe ich dann doch noch ein bisschen.

Aber als die Sonne aufgeht, bin ich wild entschlossen, nicht kampflos aufzugeben. Unsere taffe Fahrerin erzählt mir, sie habe sich das nicht getraut…Um kurz nach sieben kommen wir auf der bewaldeten Bergspitze an. Von einem Steg aus kann man aus ein paar Metern Entfernung schräg in das Lochs schauen. Ein enger Einstieg, danach knappe zehn Meter durch eine ziemlich enge Felsspalte mit unfreundlichen Kanten und Überhängen, dann ist nur noch weite Dunkelheit zu erkennen.

Wir werden wieder in alle Seile, Schnallen, Karabiner und Gurte verpackt, Handschuh, Helme und los geht’s. Abgeseilt wird immer zu zweit. Nach der engen Stelle sollen wir uns zueinander drehen und die Knie ineinander verschränken und uns möglichst parallel abseilen, damit wir uns gegenseitig stabilisieren und nicht ins Trudeln kommen.

Miki ist bester Laune und voller Unternehmungsgeist. Meine Panik, kurz vor dem Herzinfarkt zu stehen, wenn ich über das Loch geschoben werde, trifft erstaunlicher Weise nicht ein! Ich schaffe es sogar, für das Foto zu grinsen, das einer der Jungs mit unserem Handy macht. Nach den ersten schwierigen Metern mit Kopfeinziehen und vom Fels abstützen, schaffen wir es problemlos, in die richtige Position zu kommen und nun wage ich gar einen Blick in die Tiefe. Dunkelheit und irgendwo ganz unten türkises Glitzern! Es ist so surreal, dass ich es gar nicht wirklich realisiere. Ich finde es sogar toll! Ich sehe auch große Erleichterung im Gesicht meines freundlichen Abseilpartners aufblitzen, der wohl zurecht Angst vor einer hysterischen, heulenden Kletterpartnerin hatte. Und schon geht’s ab in die Tiefe! Zip!

Unten werden wir von starken Armen auf das kleine Deck gezogen, denn Baden sollen wir erst später… Erst als alle zehn Teilnehmer unten sind, geht’s weiter über einen Holzsteg auf´s zweite Deck. Es ist in bisschen wie die Kulisse in einem Abenteuerfilm: Trotz der Dunkelheit fast unnatürlich blau leuchtendes Wasser (dafür sorgt ein bestimmter Kalkstein), die hohe weite , fast runde Höhle, an deren Rand sich Felsen, Stalagmiten und Stalaktiten wie eine Heerschar von Fabelwesen drängeln. Und ganz weit oben ein kleines Loch, durch das gleißendes Tageslicht fällt.

Gar nicht so einfach, sich in dieser Enge und Dunkelheit die Kleider aus- und die Neoprenanzüge richtig anzuziehen! Dann geht’s für die Schnorchler los. Sieht von oben lustig aus, wie dieser Pulk zweibeiniger schwarzer Riesenfische mit Schnorcheln da im dunklen Wasser rumpaddelt!

Die Taucher – zunächst ganze zwei an der Zahl, bekommen ein kurzes und für meinen Geschmack zu knappes Briefing. Immerhin erfahre ich, dass die Tauchtiefe achtzehn Meter betragen wird, und die Attraktion die subaquatischen Sandsteinkegel sind, die es nur in drei Höhlen der Welt gibt. Der größte Kegel ist 29 Meter hoch. Wenn wir sicher genug schwimmen, dürfen wir sie umkreisen, aber auf keinen Fall berühren, da sie ganz weich sind und zerstört würden.

Ich habe schon etwas Erfahrung, auch im Nachttauchen, aber die andere junge Frau wirkt eher unsicher. Der Dive Guide nimmt´s locker. Er hat sie ausgebildet und will dicht bei ihr bleiben. Ausrüstung anlegen. Gut, dass ich darin ein gutes Training im letzten Jahr hatte, denn der vorgeschriebene Bodycheck ist auch wieder etwas schlampig.

Dann ist es endlich soweit: Abtauchen. Großartig, ich bin sofort in meinem Element als wäre ich gestern das letzte Mal unten gewesen. Aber was ist das – ich muss den Abstieg in die geheimnisvolle dunkle Welt stoppen, denn irgendwas stimmt bei der anderen Taucherin nicht. Der Guide ist bei ihr, sie tauchen wieder auf, wieder ein Tauchversuch, wieder hoch…nach drei Minuten bricht sie ab.

Wie ich später erfahre, hat sie den Druckausgleich nicht geschafft. Was??? Eine Open Water Diver-Lizenz und schafft keinen Druckausgleich?! Um Gottes Willen, was ist das für eine Tauchschule! Dafür ist dieser Sport wirklich zu gefährlich.

Aber immerhin habe ich jetzt den Guide für mich ganz allein und darf eine gute halbe Stunde in der Unterwasser-Wunderwelt der Höhle verbringen. Im Lichtkegel unserer Lampen wirken die Kegel wie ein Szenenbild aus einem Science Fiction Film. Großartig! Auch die Wände der Höhle sind schön anzusehen. Ich tauche das erste Mal mit einem so dicken Anzug mit Haube und finde das anfangs unangenehm, aber das ist alles sofort vergessen. Ich glaube „Fisch“ ist zurecht mein Sternbild. Glücklich klettere ich nach einer guten halben Stunde wieder aus dem Wasser.
Diesmal ist das Umziehen noch schwieriger, die nassen Anzüge kleben förmlich am Körper. Und in Brasilien darf man sich auch unter diesen Umständen auf keinen Fall einfach nackig machen- auch hier im Dunklen nicht. Also müssen wir auch noch nacheinander in eine mit Leder abgehängte winzige Ecke des Decks kriechen. Und das alle im Dustern!

Aber schließlich sind alle in trockenen Sachen zum Klettern. Zum ersten Mal wird mir jetzt klar, dass ich ja noch mal über meine große Angstschwelle muss, denn selbst wenn sie mich hochziehen – die Höhe und das freie Schweben am Seil bleibt. Doch bis dahin vergeht noch einige Zeit, denn wir sind fast als letzte an der Reihe. Und die meisten Paare brauchen eine ganze Weile für den Aufstieg. Ich soll allein ans Seil, Miki mit den letzten Guide zusammen.

Die anfänglich etwas muffeligen Jungs, die unsere Kletterguides sind, sind inzwischen aufgetaut und fragen uns nach Deutschland aus. Wir machen sogar noch eine Schlauchboot-Rundfahrt durch die Höhle mit fachkundigen Erklärungen, die ich allerdings nicht bis ins Letzte verstehe, so perfekt ist mein Portugiesisch denn doch noch nicht. Jedenfalls ist das alles bestens dazu angetan, dass meine Abseil-Tauch-Euphorie nicht nachlässt durch allzu viele Gedanken an den Freiflug nach oben.

Als wir an der Reihe sind, ist mir nur noch ein kleines bisschen mulmig. Schwupp, geht’s aufwärts, ich muss bloß das Seil richtig durch meine Füße laufen lassen und die Hände an den richtigen Stellen halten. Oben muss ich mich dann noch ohne größere Aufschläge durch die Felsende manövrieren – und Yeah! Ich habe es geschafft! Ich bin ein Sieger – zwar nur über mich selbst, aber manchmal ist das ja am schwierigsten.

Miki und sein Kletterpartner schaffen den Aufstieg als ältester Exkursionsteilnehmer in sensationellen neunzehn Minuten und nun ist auch er sein eigener Held. Es geht doch nichts über eine gelegentliche Überdosis an Selbstbewusstsein! Noch ein großartiger Tag in Mato Grosso do Sul geht zu Ende – mit viel Grund zum Feiern. Diesmal mit Caipirinha!

Der silberne Fluss und die Teletubbies

Mein Tag beginnt mit einem einsamen morgendlichen Bad im Pool um halb sieben. Beobachtet werde ich dabei von drei Hühnern und zwei Tukanen oben in einer Palme. Nach dem Frühstück steht wieder ein Auto samt Chauffeurin für uns vor der Tür: Schnorcheln im Rio Prata, beziehungsweise einem Nebenarm, da der Fluss zur Zeit starkes Hochwasser führt.

Diesmal dauert die Anfahrt etwas länger: gute 50 Kilometer über Lehmpisten. Die Fazenda San Francisco schmückt sich mit reichlich Auszeichnungen in Sachen Naturschutz und Aufforstung von abgeholzten Uferwäldern. Ein Teil des Landes ist Schutzgebiet, Recanto Ecologico de Rio Prata. Das Toilettenwasser wir recycelt, der Müll getrennt, es gibt kein Plastikgeschirr. Und man darf auch gesponserte Bäume pflanzen…

Auf der Nutzfläche wird ökologische Tierhaltung betrieben, wir sind gerade durch die ausgedehnten Weiden gefahren. Aber für die Landwirtschaft braucht man nur sechs Angestellte, für die verschiedenen Touristen-Touren per Pferd oder zum Fluß und See arbeiten 40 Menschen. Die Gewinne dienen in die Ökowirtschaft und Naturschutzmaßnahmen. Nicht, dass ich der Illusion erläge, dass die Besitzer der Fazenda nichts von all dem hätten – aber immerhin ist hier einiges ernstgemeint.

Leider hat sich heute unsere Kamera verabschiedet und wir haben nur noch die Handys, die mit dem Klima hier auch nur schlecht zurechtkommen und nicht eben zuverlässig sind. Und zur Tour können wir ohnehin nichts außer trockene Sachen mitnehmen.

So kann ich bedauerlicherweise nicht bildlich belegen, wie sich eine Touristengruppe mit einigen sehr beleibten Teilnehmern flugs in Teletubbies verwandelt – dank der kleidsamen Tauchanzüge, für die drei Kilometer Schnorcheltour . Bei zweieinhalb Stunden Aufenthalt im Wasser könnte es sonst doch etwas kühl werden. Außerdem sollen die langärmligen und kurzbeinigen Neoprenkondome gegen die Sonne schützen, die so gar nicht kooperativ mit dem Sonnenschutzmittel-Verbot umgeht und einfach gnadenlos auf die driftenden Körper herunterknallt. Unsere kuriose kleine Truppe könnte wirklich viel Freude auf Youtube oder in einem der alten Louis de Funes-Filme auslösen, so wie wir daherwatscheln. Und das lustigste ist, wir müssen, so angetan, erstmal drei Kilometer durch den Wald zum Fluss wandern.

Immerhin haben wenigstens die gefräßigen Moskitos nicht sehr viel Angriffsfläche auf die ungeschützte Haut. Aber der Herr mit dem wirklich gigantischen Bauch hinter mir erträgt das Prsswurstgefühl nicht und macht seinen Reißverschluss auf, so dass nun aus dem offenen Spalt das volle Leben heraushängt. Die Mosquitos haben ein All-You-Can-Eat Buffet. So ist also die Freude der Teilnehmer an der prallen tropischen Natur um uns herum sehr ungleich verteilt.

Am Fluss angekommen gibt’s erstmal in einem kleinen See, der sich hier gebildet hat, Schnorcheltraining für Anfänger. Einige sind recht verzweifelt angesichts der Aufgabe, unter der Taucherbrille nicht mit der Nase zu atmen, da sonst das Wasser eindringt. Andere paddeln hektisch und aufgeregt, als ob sie ertrinken müssten, obwohl es schon im Taucheranzug ohne Schwimmweste (die einige zusätzlich tragen) nicht möglich ist, auch nur einen halben Meter unterzutauchen. Aber irgendwann packen es dann alle halbwegs und es kann losgehen.

Auch hier wieder herrlich klares Wasser, neugierige Fische, wehende Wasserpflanzen und eine sanfte Strömung, bei der man eigentlich fast nichts tun muss, außer die Richtung etwas zu kontrollieren – sofern man/frau es eben schafft, dem Wasser zu vertrauen.

Aber es gibt sogar drei junge Menschen, denen es nicht in den Sinn kommt, dass man sich nicht in Trööt-Brrr-UUUUmpf-Dröhn-Sprache durch die Schnorchel unterhalten muss, sondern einfach den Kopf heben und das Ding aus dem Mund nehmen kann, wenn man etwas zu sagen hat. Tja, wir Menschlein sind schon manchmal komische Tierchen….

Aber all dieser Getratsche möge der Unterhaltung dienen. Fakt ist: diese Tour ist ein wunderbares Erlebnis und es bleibt viel Zeit, um sich einfach verträumt der vorbei schwebenden Unterwasserwelt hinzugeben.

Der Mann von der Reiseagentur hatte uns fröhlich viel Spaß mit der Anaconda gewünscht. Haha, du kleiner Scherzkeks…dachte ich. Allerdings wird mir im Nachhinein ganz anders als er uns am Abend nach dem Ausflug bei einem zufälligen Treffen seine Fotos von seiner tatsächlichen Begegnung mit einem 8 Meter-Exemplar (!) auf dieser Tour zeigt. Die Riesenschlangen belieben wohl mit ihren Beutetieren in den Fluss abzutauchen, damit sie schneller sterben. Und die Versicherung, dass die überhaupt nicht angreifen hätte mich im Ernstfalle kein bisschen beruhigt, ich hätte wahrscheinlich eine Panikattacke erlitten. Aber wie gesagt, das alles wusste ich während der Tour noch nicht und fand alles super entspannt.

Nach einem weiteren Spaziergang durch den Wald stoßen wir dann wieder auf den Jeep mit unsren Sachen. Umziehen – und ganz, ganz schnell das nun endlich erlaubte Mosquitospray auftragen! Aber die hungrigen Vampire sind schneller und jeder nimmt juckende Erinnerungen mit nach Hause. Zum Glück scheint keiner unter Zika-Panik zu leiden. Diese Region hat nämlich einige Fälle zu verzeichnen, aber wohl nur in den Städten.

Auf der Station erwartet uns ein weiteres ebenso reichliches wie gutes Mittagessen. An dieser Stelle ist es mir ein Bedürfnis, dies noch einmal zu sagen: brasilianisches Essen ist wirklich lecker. Und ich glaube fast, ich habe mich inzwischen so an die täglichen Feijao (Bohnen) als unverzichtbarer Beilage gewöhnt, dass ich sie in Deutschland vermissen werde. Danach ein Nickerchen in der Hängematte – herrlich.

Theoretisch könnte man jetzt noch hoch zu Pferd eine Tour machen – nicht aber wir: wir sind im Stress, denn auf uns wartet noch ein wichtiger Termin in Bonito: Klettertraining.

Doch was es damit auf sich hat – das verrate ich im nächsten Blog. Cliffhanger nennt man das…..

Bonito-selbsternannte Hauptstadt des Ökotourismus

Ein mit fünfzehn Personen recht voll besetzter Van der Gesellschaft Vanzella bringt uns die 300 Kilometer nach Bonito. Nach brasilianischen Maßstäben also fast um die Ecke. Etwas teurer als der selten verkehrende öffentliche Bus, aber immerhin mit Klimaanlage und in vier statt sechs Stunden.

Endlose Weite, kaum Orte. Nur einmal auf einigen Kilometern, direkt zwischen Fahrbahn und Viehweide, die winzigen, windschiefen Hütten der Landlosen, noch schlimmer als die armseligen Häuser in den Favelas. Diese Menschen lebe auf ungenutztem Land in Verschlägen aus Pappe, Brettern und Plastikfolien, denn ihr Bleiben ist illegal und meistens werden sie irgendwann wieder vertrieben. Oft sind sie Wanderarbeiter, weil sie nirgends eine feste Bleibe haben. Das Problem ist so groß, dass daraus eine ganze politische Bewegung entstanden ist.

Allerdings beginnt nach einer halben Stunde ein Warnsignal bösartig zu piepen. Wir sitzen direkt neben dem Fahrer, der genervt versucht, die Sache in den Griff zu bekommen. Klappt nicht. Aber was soll´s: steifes Bein, nicht zu den Fahrgästen schauen und drei Stunden durchheizen bis zum Zwischenstopp in Maracajú. Viele andere Möglichkeiten gibt es auch nicht, die Alternative wäre auf der einspurigen Straße ein Notstopp. Aber was dann? Das Piepen ist extrem durchdringend, bald gesellt sich ein zweiter Warnton dazu. Ohren zuhalten und hoffen, dass der Alarm sich nicht auf den Kühler bezieht und die Kiste durchhält…. Tut sie.

Während unseres Stopps für den Lunch arbeiten der Fahrer und ein Kollege an der Sache: Mit einem Besenstiel fuhrwerken sie unter Einsatz aller Körperkräfte brachial im Motor herum – ein etwas beunruhigender Anblick. Aber der Erfolg entscheidet – wir setzten die Reise ohne Piepton oder Zwischenfälle fort.

In Bonito landen wir schließlich halb unfreiwillig am Busstopp in der Reise-Agentur Bonito Way, weil der Busfahrer nicht weiß, wo er uns absetzen soll, haben wir doch keine Adresse, wo er uns hinbringen kann. Eigentlich wollten wir uns zu Fuß umsehen und persönlich eine Unterkunft aussuchen, nach einer groben Vorauswahl im Internet. Schließlich aber scheint es doch eine bessere Lösung zu sein, mit dem freundlichen Burschen von der Agentur zu reden. Denn der weiß auf Anhieb, dass einige der auf den Fotos so nett aussehenden Pousadas und Hotels in der Realität keine sehr schönen Orte auf dieser Welt sind… Diese Erfahrung haben wir übrigens in Brasilien öfter als anderswo gemacht, dass Offerte und Realität weit auseinanderliegen.

In der kommenden halben Stunde wandelt sich unser Verhältnis von dem zwischen anstrengenden Kunden (da wählerisch in Preis und Leistung) und leicht gestresstem Angestellten in ein fast freundschaftliches. Außer einem gewissen gegenseitigen Symphatiefaktor liegt das aber an einer speziellen Gepflogenheit des Landes. Die Brasilianer lieben keine schnellen direkten Gespräche, auch nicht in geschäftlichen Angelegenheiten. Erst ein bisschen höfliches Geplauder, möglichst zwischendurch auch – und schon geht alles viel netter. Kurz und sachlich ist eher unhöflich und ….deutsch. So erfahren wir schnell die Familiengeschichten von unserem Berater.

Matias ist in Argentinien geboren , er hat einen deutschen Vater und eine kroatische Mutter. Er möchte gern mal nach Deutschland kommen und die Sprache lernen. Ein paar nützliche Tipps dazu und die Information, dass ich Deutsch unterrichte, sind der Beginn einer wunderbaren Freundschaft. Und schon hat er auch nebenbei ein Hotel herausgesucht, dass wirklich schön sein soll und einen ordentlichen Discount ausgehandelt. Dann erzählt er uns gleich noch, welche Touren wir hier unbedingt machen sollten und welche eher nicht. Zu guter Letzt bekommen wir noch eine kleine handgeschriebene Liste seiner persönlichen Lieblingsrestaurants. Der Mann wäre eine prima Quelle für die Lonely Planet Autoren!

Das Hotel Tapera liegt supernett auf einer Anhöhe mit Ausblick, Garten und Pool, selbstverständlich werden wir gratis hergefahren. Service ist in Bonito oberstes Gesetz. Und , genau wie der Lonely Planet verspricht, dies ist ein perfekter Ausgangsort für die verschiedenen Touren, wo es Besuchern leicht gemacht wird, alles Gewünschte zu organisieren.

In den folgenden Tagen verfestigt sich unser Eindruck, dass das hier eher der Großraum Wilder Westen/Texas/USA ist. Alles amerikanisch perfekt organisiert, zuverlässig, professionell und effektiv. Gelegentlich sieht man auch Cowboyhüte im Straßenbild.

Aus Gesprächen erfahre ich, dass unser Eindruck tatsächlich in mehr als äußerlicher Hinsicht stimmt: auch die Mentalität der Menschen hier entspricht eher der Cowboys, Pioniere und Goldsucher aus dem Wilden Westen: Die riesigen Fanzendas hat niemand erworben, hier wurden einfach die gewünschten Gebiete abgesteckt, zum Eigentum erklärt und mit Waffengewalt verteidigt. Und bis heute gibt es hier große Probleme mitKriminaltität besonderer Art. Dabei sind hier Touristen wesentlich sicherer als in anderen Bundestaaten. Gemeint sind Morde, Auftragsmorde, Famlienfehden, die tödlich enden. Eneso, wie man das aus den guten alten Western kennt.

Wie schon in Campo Grande ist darüber hinaus auch hier der unverkennbare Fingerabdruck einer florierenden Wirtschaft zu erkennen. Die Straßen sind überwiegend asphaltiert, schlaglochfrei, die Orte sind in ausgesprochen gutem Zustand. Sogar die übliche Favela fehlt.. Ein deutlicher Unterschied zu Mato Grosso, wo es deutlich ärmer aussieht und auch asphaltierte, schlaglochfreie Straßen kaum zu finden waren.

Überraschenderweise gibt es in diesem Bundesstaat, der sich 1962 von Mato Grosso abgespalten hat, und dessen Hauptwirtschaftszweig die Landwirtschaft, sogar genug Geld für kostenlose staatliche Bildungsangebote in ausreichender Menge: Berufsausbildung, Sprachschulen, Musikschulen und anderes. Obwohl hier angeblich das absurde Problem besteht, dass nur zu wenige Menschen diese Angebote nutzen. Lernen ist anstrengend. Verrückte Welt!

Am ersten Abend essen wir in einem Restaurant, dass für seine Fischgerichte bekannt ist. Groß, chick mit integriertem historischen Holzhaus und Souvenirshop. Die Kellner flitzen mit Headsets durch die Gegend, alles läuft wie am Schnürchen. Schon wieder ein Deja-Vu … Florida, Californien, Texas….Ist ja ganz nett – aber irgendwie so, als wachte man im falschen Traum auf. Es verwirrt mich in meinem Brasilienbild.

Noch am selben Abend buchen wir einige Touren, denn auch hier, wie schon in Mato Grosso, heißt die Überschrift Ökotourismus und das bedeutet fast immer: nichts geht ohne Guide, auf dass nur wenige kontrollierte Teile der Schutzgebiete von Besuchern heimgesucht und auf keinen Fall vermüllt werden. Die Besucherzahlen und -zeiten an den interessanten Naturattraktionen werden streng begrenzt. Ich bin beeindruckt, dass diese beiden Bundesstaaten die Idee des Ökotourismus so konsequent durchsetzen, in einem Land, dass sonst so chaotisch und anarchistisch ist.

Verhindern ließe sich Tourismus mit dieser hochspannenden Natur hier ohnehin nicht und es wäre auch sehr traurig. Aber auf diese Weise werden die Auswirkungen in Grenzen gehalten. Und es werden jede Menge Arbeitsplätze geschaffen, die sich durch die Eintrittsgelder und Umsätze selbst tragen.

Tag eins ist ganz entspannt. Wir besuchen die Grotte Gruta Lagoa Azul, die circa 40 Autominuten entfernt liegt. Wir werden zu unserem Erstaunen nicht nur im Hotel abgeholt, sondern das auch noch mit einem PKW, nicht etwa einem Bus. Es ist keine Hochsaison, da werden kaum Busse oder Vans gebraucht. Der Fahrer steht uns allein zur Verfügung. Nobel, nobel. Eben Bonito.

Die Landschaft erscheint so endlos, dass sie einen fast verschluckt, überwiegend flaches Land, die Wolken sind hier und da an den blauen Himmel getackert. Viele Wiesen, ein paar Bäume und kleinere Wälder, ansonsten Äcker und Weiden für Kühe und Pferdekoppeln. Aber auch hier wieder: Soja und Monokultur. Und natürlich viele Flüsse, denn dies ist schließlich das Vorland zum Patanal, dem größten Feuchtgebiet Brasiliens.

Ein paar lustige große Laufvögel mit auffallendem Irokesenhaarschnitt, die aussehen wie der Roadrunner, stehen immer wieder im Weg herum oder flitzen aufgeregt vor dem Auto her. Auch Rehe und Hirsche sind öfter zu sehen. Und natürlich Schwärme von kreischenden kleinen Papageien. Bremsen müssen wir aber auch für Kühe und Schafe, die sich nur zögerlich genötigt fühlen, beiseite zu gehen.

Die Grotte liegt auf einer privaten Fazenda. Hier haben wir allerdings nicht mehr den Luxus einer Privatführung, denn in Bonito gibt es viel mehr Tourismus als in den Orten zuvor. Und auch wenn gerade keine Saison ist, sind vergleichsweise viele Touristen hier, allerdings fast alle aus Brasilien. Die Führungen finden ausschließlich in Portugiesisch statt.

Wir gehören zu einer Gruppe mit fünfzehn weiteren Menschen. Mit den vorgeschriebenen Hygienehaarnetzen und Bauarbeiterhelmen sehen wir alle etwas dämlich aus. Aber Sicherheit wird hier überall groß geschrieben, schlechte Presse über verletzte Touristen will hier keiner. Irgendwie kommen wir uns heute aber ein bisschen vor wie in einer Rehagruppe, denn nicht nur die beleibten Rentner sind in mieser körperlicher Verfassung, auch jüngere Exemplare sind schwer gefordert von den 500 Metern Waldpfad und dem anschließenden Absteig. Nur klagend und stöhnend ertragen sie die körperliche Herausforderung und klettern dierund 280 Stufen 150 Meter in die Tiefe. Und Angst haben auch noch einige. Wovor eigentlich? Ich bewundere die stoische Freundlichkeit des Führers angesichts des Gejammers.

Am Ende des Abstiegs tut sich eine schöne, mit Stalaktiten und Stalakniten verzierte Grotte mit einem leuchtenden blauen See auf. Sie führt noch 150 Meter tief in den Berg, aber man kann sie leider nur von draußen bewundern, denn sie steht zu tief unter Wasser.

Den Rest des Nachmittags vertrödeln wir am Pool und mit einem Bummel durch den beschaulichen Ort Bonito auf der Suche nach einer Portion Acai, diesem unwiderstehlichen Palmfrucht-Pürees, und einem netten Lokal für den Tagesabschluss. Eins von den Tipps auf der Liste. Diesmal japanisch. Sushi und Miso-Suop – mal eine kleine Abwechslung nach der leckeren, aber immer sehr gehaltvollen regionalen Pantaneiro-Küche, die sich langsam aber sicher um meine Hüften schmiegt.

Ciao Mato Grosso – Hallo Mato Grosso do Sul

Bevor ich mich von dem zuerst so unwirtlich erschienenen Vila da Rota da Agua und Bom Jardin verabschiede, soll noch eine kleine Charme-Episode nachgetragen werden.

Am Abend unseres letzten Ausfluges waren wir noch keine halbe Stunde in unserer Pousada, als die Sekretärin mit einer Frau aus dem Dorf vor unserer Tür stand. Man wollte uns nur aufklären, dass Anna manchmal verschiedene Grillspieße und Beilagen vorbereite – für alle, die Lust darauf hätten. Wir könnten auch gern bei ihr, gleich in der Nachbarschaft, zu Abend essen, wenn wir denn Appetit hätten. Anna, die Freizeitwirtin, nahm dann auch gleich unsere Wünsche auf.

Eine halbe Stunde später saßen wir an einem wackeligen Plastiktisch vor der Schlosserei nebenan und tafelten vorzüglich unter den glücklichen Blicken der kompletten Großfamilie samt Anhang. Drei verschiedene Grillspieße, Maniok, Kartoffeln, Reis, Farofa und Vinagrete – besser sieht´s in keinem guten Restaurant aus! Zwischendurch hielt immer wieder mal ein Motorrad neben dem Grill, um etwas zum Mitnehmen zu ordern, so eine Art innerdörflicher Drive Thru.

Wir wurden neugierig ausgefragt, woher wir denn kämen. Anna strahlte: Dann könne sie ja jetzt sagen, sie habe sogar Gringos unter ihren Gästen bewirtet! Eigentlich ist Anna Friseurin, aber der Laden wirft wohl in diesem Dreiseelen-Dorf nicht so viel ab. So verdienst sie sich eben am Grill was dazu. Lizenz? Restaurant? Wen interessiert das hier. Das Leben kann so einfach funktionieren. Als wir ihren Mann fragen, was er arbeitet, antwortet er: Eu não! Ela fez. – Ich nicht. Sie macht. So oder so ähnlich habe ich das hier schon öfter erlebt. Die Männer leben vom ihren Frauen, die alle sehr erfinderisch und fleißig sind. Immerhin ist er unser Bier holen gegangen. Auch Arbeit. Wir posieren noch für´s Gringo -Foto und gehen mit vollem Bauch und einer schönen Erinnerung mehr ins Bett. Ciao, du Nest am Ende der Welt, es war schön.

In der Nach hat es zu schütten begonnen und wir haben schon ernste Bedenken, ob wir bei so viel Wasser noch aus dem Dorf kommen mit unserem Auto, das keinen Vierradantrieb hat. Wir fahren drei Stunden eher los als geplant, schließlich müssen wir in Cuiabá das Flugzeug erreichen. Es ist eine echte Zitterpartie durch tiefen Schlamm und kleine Seen, aber wir schaffen die elf Kilometer bis zur Asphaltstraße.

In Cuiabá bleibt uns noch Zeit für einen Abstecher in die quirlige Stadt. Wir waten im Regen durch knöcheltiefes Wasser. Dafür ist es nicht so heiß, wie wohl sonst meist hier – Cuiabá gilt als Grill von Mato Grosso. Im alten Teil des Zentrums essen wir noch etwas und dann wird es auch schon Zeit, von Mato Grosso Abschied zu nehmen – Mato Grosso do Sul wartet.

In Campo Grande erwarten uns Ceila und Cezár am Flughafen, unsere Gastgeber des AirBnB- Zimmer für diese Nacht. Ein betuchtes Lehrerpaar, das nur vermietet, um Leute kennenzulernen und etwas Unterhaltung in den wohl recht eintönigen Alltag zu bringen. Wohlsituiert, großes Haus, zwei weitere vermietete Häuser, Tochter als Anwältin in Europa verheiratet. Sie sind sehr kommunikativ und schon fast ein bisschen zu fürsorglich, aber für einen Abend ist das sehr nett.

Bei der abendlichen Stadtrundfahrt sind wir einigermaßen verblüfft: Campo Grande wirkt wie eine mittlere Stadt in den USA.

Breiter zentraler Highway, relativ große gepflegte Gebäude mit Läden und Restaurants. Alles pieksauber und ordentlich. Giga-Supermärkte und Shopping Malls. Dagegen wirkt São Paulo wie ein chaotischer, schmuddeliger Moloch. Ist das hier wirklich Brasilien?!

Im Überschwang ihrer Begeisterung beschließen unsere Gastgeber noch für ein spätes Churrasco zu Hause einzukaufen. Ich werde Guacamole beisteuern, das kennen sie nicht. Flugs werden noch Freunde eingeladen und um kurz vor Mitternacht wird im Garten gegrillt. Die Damen werfen sich dafür zu meiner Irritation noch in Schale. Gastgeber und Freunde sind standesbewußte, gehobene Mittelklasse, also lieber keine tiefgründigeren Gespräche, das wird schnell klar – spätestens nach ein paar entsprechenden Bemerkungen über faule Baianos und Einwanderer. Freund für´s Leben werden das sicher nicht, aber es war dennoch ein netter Abend. Und morgen früh geht’s weiter nach Bonito.