07 Auf nach Norden I

Die Küstenstrasse Santos-Rio de Janeiro gilt als eine der schönsten der Welt. Wir sitzen im unteren Drittel. Die alte Kaffee-Handelsstadt Santos, heute ein wichtiger Hafen und Endstation der Ölpipeline von Petrobras,  haben wir schon kennengelernt. In diesem Jahr muss was neues dazukommen – wie sich das für echte Forscher und Zigeuner gehört. Größere Unternehmungen gibt unser schmales Budget nicht her….aber wer emsig sucht, der findet eine Möglichkeit. Manchmal fällt sie einem auch in den Schoß.

Diesmal dürfen wir das Auto von Belen und Euro für ein paar Tage haben. Allerdings stellt sich plötzlich heraus, dass es nicht versichert ist – seit sechs Jahren. Zuerst hat das Geld immer gefehlt, dann das Daran-denken. Als sicherheitsbewußte Europäer erklären wir natürlich – neee, ohne Versicherung fahren wir nicht. Zumal hier Autos astronomisch teuer sind.

Wir erbieten uns, die erste Zahlung zu übernehmen. Ja, prima Anlass, das Projekt Versicherung endlich durchzuziehen. Alles kling ganz easy – die Bank macht das hier. Per Telefon werden die Daten aufgenommen – angelblich ist die Kiste nun versichert, sie muss nur innerhalb von 72 Stunden noch an einem Ort unserer Wahl von einem Versicherungsheini in Augenschein genommen werden. Haha. Wäre wohl zuschön gewesen, wenn mal irgendwas einfach so funlktionieren würde. Wir fahren los, unsere Freundin Corrin kommt 3 Tage mit und übernimmt die ewigen Telefonate – immer in Kontakt mit der Bank. Gar nicht so einfach, wenn es oft keine Handyverbindungen gibt, im nächsten Bundesstaat manche Handy-Karten nicht funktionieren, die Bank-Tante ihr Handy einfach zeitweilig ausschaltet….Ständig wird der Treffpunkt für die Besichtigung verschoben – entsprechend der geplanten Route nach Norden. Immer wieder fehlt angeblich eine andere Angabe, dreimal in zweieinhalb Tagen geben wir alle Daten von Neuem durch. Vergeblich, angeblich ist immer wieder etwas falsch, das Auto ist in keinem Meldesystem zu finden….blablabla. Schließlich sollen wir alles scannen und mailen – mach mal, wenn´s in vielen Orten nicht mal einen Kopierer gibt, geschweige denn Scanner! Nach fast 3 Tagen sind wir auf brasilianischem Niveau: Scheiss drauf, wer braucht schon eine Versicherung?!

Einen halben Tag noch verursacht das Gefühl, in einem potientiellen 40.000 Real-schluckenden schwarzen Loch zu sitzen (wenn´s dumm kommt), ein mulmiges Gefühl, dann macht sich entspannter Fatalismus breit, gepaart mit einem zweckoptimistischen „wir fahren ja vorsichtig“.

Irgendwie schwant mir wiedermal, warum hier alle so drauf sind. Hatten wir doch noch ein Europa-Kabel zu kappen vergessen bei der Ankunft? Ok, ist hiermit auch geschehen!

Auf geht´s, lasst uns eine Reise machen!

Davon im nächsten Kapitel mehr.

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06 Sintflut II

Und noch mehr breaking news: Wir sitzen immer noch in Sao Sebastiao fest. Nachdem die Straße nach Camburi gestern wieder einspurig geöffnet war, ist nun eine zweite Stelle abgerutscht und es wieder alles gesperrt. Darüberhinaus haben wir erfahren, dass die Überschwemmungen viel schlimmer waren, als wir anfangs gehört haben: Fast 2000 Menschen sind ganz oder zeitweise obdachlos, natürlich vorallem die Habenichtse in den miesen Vierteln, die besonders tief liegende und schlecht gebaute Häuser haben bzw hatten. Ob es Tote gibt, ist unklar. Es war wohl bis heute der Ausnahmezustand verhängt. Jetzt ist das Wasser einigermaßen weg, aber der Schlamm und die abgebrochenen Äste und Bäume, sowie Schutt und Müll liegen noch weitgehend herum. Unsere Freundin sagt, immer noch gibt es zeitweise Unterbrechungen der Strom- und Wasserversorgung, obwohl sich die Situation schon weitgehend entspannt hat.

Etwas nördlicher, im Staat Rio des Janeiro, war alles noch schlimmer, da sind 17 Menschen gestorben.

Die Regierung des Staates Sao Paulo hat 1,5 Millionen Real Soforthilfe bewilligt, was hier als Witz empfunden wird, weil das vielleicht 150-200 Euro für die Betroffenen bedeutet. Und das bei den Preisen hier!

Um die Sache noch absurder zu machen, macht der Regen jetzt auch noch Politik. Wieder ein Kapitel aus der Geschichte der Korruption hier: Der Prefekt/Bürgermeister von Sao Sebastiao (das ist nicht nur die Stadt selbst, sondern der ganze Verwaltungsbezirk mit vielen Orten) musste vor 3 Tagen zurücktreten, weil er der Korruption angeklagt wurde. Grund war, dass er sich für seine Wiederwahl die nötigen Wählerstimmen erkauft hat, indem er einer Gemeinde neues Land zur Urbanisierung versprochen hat – wenn er wieder gewählt wird. Er hat gegen 3 Gegenkandidaten mit 39 % der Stimmen gewonnen. Nun wurde er abgesetzt – vor drei Tagen. Gestern nun kam die Nachricht, dass der Richter über´s Wochenende seine Meinung geändert hat: in Anbetracht der Situation mit dem Regen und blablabla, sowie der ausstehenden höheren Instanzen in Sao Paulo und der Landeshauptstadt Brasilia, die der Mann für eine Revision der Entscheidung anrufen kann, befindet der Richter nunmehr, dass es der Region vielleicht mehr schaden als nutzen würde….und hat ihn wieder ins Amt gehoben. Ganz böse Zungen munkeln, dass der Richter jetzt etwas reicher ist. Er nimmt also seine eigene Entscheidung zurück. Der nachrückende Kandidat Nr 2 der Wahl hatte schon seinen Amtsantritt mit Feuerwerk gefeiert…Alles total gaga.

Hier in Sao Sebasiao ist alles ruhig, es nieselt, aber es gibt keine Probleme, außer dass das Supermarktangebot an Obst und Gemüse immer mieser wird, die Lieferungen bleiben aus. All unseren Freunden in Camburi und Boicucanga geht es gut. Allerdings ist der schöne, neuangelegte Garten von Corrin vollkommen platt – begraben unter Schlamm und einem großen umgestürzten Baum. Ihr Haus hat nichts abbekommen, wie auch die Behausungen aller anderen Bekannten nicht oder zumindest vergleichsweise nur wenig. Belen und Euro freien sich, dass wir noch länger bleiben. Aber wir würden uns wohl auch nicht wohl fühlen, jetzt in Camburi fröhliches Strandleben zu feiern…Also bleiben wir noch ein bisschen und warten ab.

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05 Verspätet: An die Küste

Uups, da ist wohl was durcheinandergegangen. Der böse Computer hat nicht gmacht, was die zugegebenermaßen etwas chaotische Autorin wollte…So habe ich gerade diesen Artikel entdeckt, der nur als Entwurf gespeichert war, aber irgendwie nicht veröffentlicht wurde, Dabei sollte er doch schon nach dem Kapitel Sao Paulo zu lesen sein! Sorry, nehmt´s mir  und dem Computer nicht übel. Also, einfach weiter im Text…Ao litoral do Sao Paulo! Auf ans Meer, an die Küste des Staates Sao Paulo! Ein komfortabler Überlandbus – das verbreitetste Verkehrsmittel innerhalb von Brasilien, oft sogar mit 1. und 2. Klasse – bringt einen vom Busbahnhof Tietê, der so groß ist wie ein ganzes Stadtviertel und mit Restaurants, Läden und den Schaltern der verschiedenen Busunternehmen ausgestattet ist, in alle Teile des Landes.

Das Kaufen eines Bustickets ist übrigens ein langwieriger, sehr bürokratischer Vorgang. Entsprechend lange steht man an den Kassen an. Fragt mich nicht, was da alles in die Computer eingegeben werden muß und warum jedes Ticket in dreifacher Ausführung ausgestellt und abgestempelt werden oder wieso vor dem Einsteigen Name und Ausweisnummer eingetragen werden muss, bevor der Fahrer alles gewissenhaft kontrolliert, ehe man einsteigen und den gebuchten Sessel in Beschlag nehmen darf. Wenn auch sonst alles chaotisch ist, das Busfahren ist in diesem Land eine höchst durchorganisierte, ernste Sache. Ganz zu schweigen von der Tatsache, dass die Busfahrer picobello-schnieke Uniformen tragen, Kellner vornehmer Restaurants dagegen durchaus in bunten Shorts und Badelatschen antreten…

Noch ein Tipp: wer in der üblichen sommerlichen Bekleidung einen Bus besteigt, sollte mindestens ein langärmliges Shirt greifbar haben, denn oft verwandeln die Klimanalagen den Bus in eine fahrende Kühltruhe, und wenn die nicht angestellt ist, werden die Fenster aufgerissen und man sitzt stundenlang im Zug. Aber darüber hinaus ist eine Fahrt im Überlandbus hier äußerst bequem und darüber hinaus lassen einen die Fahrer, wenn man schweres Gepäck hat, auch an einem x-beliebigen Punkt aussteigen und bestehen nicht auf offizielle Haltestellen. Zwischendurch gibt´s übrigens regelmäßige Kaffee- und Snackpausen an entsprechenden Restaurants.

Um der Chronistenpflicht aber Rechnung zu tragen sei gesagt, dass wir dieses Mal von einem Freund abgeholt wurden, was wir sehr zu schätzen wissen, denn wir sind nach 16 Reisestunden erst am Abend angekommen und hätten Probleme gehabt, noch einen Bus zu erreichen. Außerdem war die Aussicht auf 3 Stunden Fahrt in Romarios Klapperkiste bei halsbrecherischem Tempo und netten Gesprächen wesentlich angenehmer als die teure Busfahrt vom Flughafen nach Tietê, das Anstehen an der Kasse, Warten auf den nächsten Bus und anschließende 4,5 Fahrstunden.

Kurz vor Mitternacht erreichen wir Camburi, hier ist sowas wie unser Hauptquartier, auch wenn wir dieses Mal im Nachbardorf bei unsrer Freundin Corrin wohnen. Sie hat ihr Rrestaurant Cantinetta an der Strandstrasse von Camburizinho, dem teuersten Ortsteil dieses zum gefragten Badeort aufgestiegenen Dorfes.

In Camburi gibt es zwei Strände: eine kleinere, sehr pitoreske Bucht, Camburiszinho und durch eine Flußmündung und eine kleine, palmenbewachsene Felsinsel davon abgetrennt, der ca einen Kilometer langen Strand von Camburi. Den Strand von Camburizinho begrenzen ausschließlich superteure, gutbewachte Residenzen der Superreichen, Multimillionäre eingeschlossen. Einige haben auch Häuser oder Conduminums-Appartments in Camburi, aber die meisten eben in Camburizinho.

Da flitzen auf Handzeichen der Herrschaften schon mal die Angestellten mit den gekühlten Getränken oder kleinen Erfrischungen über den Strand, um die Herrschaften in ihrem Sonnenzelt am Strand zu bedienen. Weißgekleidete Nannis betreuen die kleinen Erben derweil 24 Stunden am Tag, damit Mutti und Vati nicht gestört werden. Gelegentlich darf man zusehen, wie mit einem kleinen Traktor mal eben ein Wassermotorrad im Wert eines Mittelklassewagens für eine kleine Runde um die Bucht angekarrt wird…Nicht selten werden die Herrschaften auch per Hubschrauber aus Sao Paulo ein- und ausgeflogen. Reich sein in Brasilien bedeutet meistens superreich, Geld spielt überhaupt keine Rolle mehr.

Nichtsdestotrotz sind die Strände hier aber auch für arme Schlucker oder schmalbudgetierte reisende Europäer offen und einfach traumhaft: weißer Sand, ein meist recht bewegtes Meer (die Wellen können an manchen Tagen schon mal bis zu 3m hoch werden), das je nach Tageszeit mal dunkelblau, mal helltürkis strahlt. Den Strand säumen tropische Bäume und Sträucher mit herrlichen Blüten. Rollende Imbisskarren, Barracas genannt, versorgen die Strandbesucher mit kostenlosen Stühlen und Sonnenschirmen im Gegenzug für mindestens eine Bestellung: frische Fruchtsäfte, Bier, Caipirinha, grüne Kokosnüsse und Snacks. Wir haben seit Jahren unseren persönlichen „Saftfranz“, der uns notfalls auch Kredit gibt oder und gelegentlich einen Schlag aus seinem Leben erzählt. Allerdings sind die Preise in den vergangenen 10 Jahren explodiert, wie überall in Brasilien: kostete anfangs ein frischer Saft noch 2 Real, so muss man heute dafür 7 Real hinlegen.

Circa drei Kilometer vom Strand entfernt erheben sich majestätische Berge mit dem atlantischen Regenwald, die mata atlântica. In den Sommermonaten ist es meistens tagsüber heiß und sonnig, am Nachmittag schieben sie dann regelmäßig mal weiße, mal bedrohlich dunkle Wolkenberge über die Bergkuppen. Manchmal bleiben sie dort hängen und verpassen den Bergen flauschige Zipfelmützen. Oft aber kriechen sie die Berghänge hinab und bescheren der Küste heftige Regenschauer, die sich schnell zu Überschwemmungen auswachsen können, das ist hier Alltag und interessiert erst ab sintflutartigen Zuständen. (Siehe Sintflut; die Ereignisse haben sich überstürz, bevor ich dieses Kapitel veröffentlichen konnte). Unsereins flüchtet sich meist rechtzeitig ins nahe Cantinetta zum nachmittäglichen Cappuccino, der sich schon mal zur abendlichen Caipiroska ausweiten kann….

Die geneigte Leserschaft möge mir diese vorgezogenen Einlassungen zum Strandleben von Camburi verzeihen, aber da wir schon oft hier waren und einige meiner Leser manches bereits aus nichtöffentlichen Reisemails der letzten Jahre kennen, wollte ich die Gelegenheit nutzen, hier glech noch einmal Wesentliches zu unserem Zielort und „Hauptquartier“ zu erzählen für all die, die neu dazugekommen sind. Dafür werde ich dieses Mal nicht jeden hier verbrachten Tag kolportieren.

Dieses Mal jedenfalls wohnen wir im Nachbarort Boicucanga, 3 km und einen Berg      rücken dazwischen entfernt. Corrin hat hier ein Häuschen in einem Condominium gemietet. Das sind geschlossene, oft bewachte Wohnanlagen, wie sie inzwischen auch in Südeuropa verbreitet sind. Das, in dem Corrin wohnt, ist allerdings eher eine eingezäunt Nachbarschaft ohne Wache mit ewig kaputtem Tor. Trotzdem achtet man etwas aufeinander und es gibt einen Hausmeister, der sich um das Anwesen kümmern soll.

Hier stehen noch einige alte kleine Holzbungalows und immer mehr neue kleine zweistöckige Steinhäuser um einen parkähnlichen Innenraum verteilt. Insgesamt etwa 20 Häuschen, in denen ganz normale Leute wohnen. Gemütlich, nett. Und mit vielen herrlichen Obstbäumen von denen man sich bedienen kann wie z.b. bei den Limonen, Bananen und Carambolas. Da lacht das Herz des wintergebeutelten europäischen Flüchtling, der sich sonst auf wenig aromatische Supermarktfrüchte beschränken muss.

Das Häuschen und die Umgebung in all ihrer Schönheit können wir allerdings erst am nächsten Morgen in Augenschein nehmen, denn bei unserer Ankunft ist das ganze Viertel stockfinster: Stromausfall für mehrere Stunden. Kofferausladen bei Kerzenschein. Mal was anderes als die kniehohen Überschwemmungen in den vergangenen zwei Jahren…Willkommen in Brasilien!

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04 Klimaschock

Nach den breaking news von der Wetterfront werde ich nun wieder etwas weitererzählen wie geplant.

Bereits der erste Morgen umhüllt uns mit drückender Hitze – und das im März! Eigentlich beginnt jetzt der Herbst. Was nicht heißt, das es kalt, nass und grau wie in good old Germany ist, sondern nur angenehm warm zwischen 20 und 25 Grad, auch mal heiss, aber immer auch mal ein Regentag. Aber in diesem Jahr, so klagen unsere Freunde hier, hat es im Hochsommer, also im Januar, extrem viel geregnet. Und die Temperatur-Rekorde der ersten Tage  – so sei vorausgeschickt – sind erst der Beginn eines ganz ungewöhnlich heissen März (wie ich jetzt nach fast drei Wochen weiss). Jeden Tag scheint es noch ein bisschen heisser zu werden, die Luftfeuchtigkeit ist hier an der Regenwaldküste immer extrem hoch, oft um die 90 Prozent. Nicht, dass ich mich ungebührlich beklagen würde angesichts der Neuschnee-Berichte aus Berlin, aber es ist schon…verdammt heiss. Zu heiss jedenfalls, um sich viel oder schnell zu bewegen oder irgendwas auf die Reihe zu kriegen.

Die Temperaturen schaffen es an einigen Tagen auf 40 Grad, das Hirn kocht, man schafft´s gerade noch vom Frühstückstisch in die Hängematte, später auf die Couch, gegen Abend dann vielleicht zum Strand…

Die wenigen Aktivitäten, die darüber hinausgehen, sind an den Fingern einer Hand abzuzählen. Nicht mal zum Schreiben meiner Blogtexte reicht mein träger Wille. Faul sein, quatschen, Saft trinken, träge durch Gegend schlurfen…gerade mal das Zubereiten eines guten Frühstücks, das ich Corrin für die Zeit unseres Aufenthaltes versprochen habe, kriege ich noch geregelt. Lustig ist die fast stereotype Eröffnung aller Gespräche, egal ob unter Freunden, im Geschäft, mit dem Vordermann an der Supermarktkasse oder wo auch immer:
„Nossa, que calor hoje, né?“ -„Mein Gott, was für eine Hitze heute, nicht wahr?“ Und schon schwitzt man nicht mehr allein , alle tun das und schon geht´s einem besser.

Man kann gar nicht so oft duschen, wie man schwitzt. Schlafen ohne Ventilator geht nicht – und das obwohl ich Zugluft wie die Pest hasse. Im Getränkeladen sind die 10l-Wasser-Behälter alle, die hier jeder kauft, weil man das Wasser aus der Leitung auf keinen Fall konsumieren kann. Aber Caipirinha aus frischen Früchten am Abend schmeckt immer und braucht nur gaaaanz wenig Wasser…Aber dafür wachsen uns die Früchte rund ums Haus in den Mund, alles blüht, das Meer ist traumhaft und das Leben – schön!

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03 Sintflut I

An dieser Stelle unterbreche ich meine geordneten Berichte für eine Extrameldung in Sachen Wetter, auf dass Ihr nicht glaubt, dass Schnee im März die Krönung aller Wetter-Kapriolen ist.

Eigentlich waren wir vorgestern auf dem Weg „nach Hause“ nach Boicucanga/Camburi, auf dem Rückweg von einer kleinen Reise nordwärts, über die ich noch erzählen werde. Da wir uns das Auto von unseren Freunden Belen und Euro geliehen hatten, die rund 40 km entfernt in der Stadt Sao Sebastiao leben, wollten wir eine Nacht bei Ihnen verbringen und am nächsten Abend per Bus zu unserer Basis zurückkehren. Doch dann kam alles anders…

In der Nacht hat es zu regnen begonnen, besser gesagt aus Eimern zu schütten, was es hier meistens tut. Es hat 24 Stunden nicht mehr aufgehört. Und nun sitzen wir hier fest, denn die allesverbindende Küstenstrasse, die von Rio de Janeiro bis Santos geht, ist blockiert: Die aus den Bergen herabstürzenden Wassermassen haben die Randbefestigung an einer Stelle vor Boicucanga einfach weggespült und nun geht nichts mehr. Dasselbe ist jenseits von Camburi passiert und nun sind die beiden Ortschaften abgeschnitten – und unter Wasser.

600 Menschen haben ihr Heim verloren, der Rest ist ziemliches Chaos, obwohl man hier an Überschwemmungen durchaus gewöhnt ist, wenn auch nicht in diesem Maße. Unsere Freundin Corrin hat nur geschrieben: Bleibt, wo Ihr seid, hier steht alles unter Wasser, was für ein verdammter Alptraum! Dabei sollte man meinen, dass eine Region, in der derartige Regenfälle keine Seltenheit sind, besser darauf vorbereitet ist – nix da. Geld für bessere Strassenbesfestigungen verschwindet, die Korruption blüht und die Menschen bauen ihre Häuser nach wie vor flach, statt erhöht, ist ja billiger…Lernfähigkeit gehört so gar nicht zu den Stärken der Menschen hier, leider.

So leben wir nun weiterhin bei Euro und Belen, helfen im Restaurant, essen phantastisch, und warten, wann die Strasse wieder befahrbar ist. Und laut Nachrichten ist das vielleicht ab Mittwoch Nachmittag. Rein theoretisch…

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02 Ankunft in Sao Paulo

Wer Brasilien liebt, hat Mut zum Chaos. Aber es lohnt sich, gibt es doch nicht nur ein aufregendes Land, so groß wie ein Kontinent, mit unendlich vielen verschiedenen Facetten zu entdecken, sondern auch eine Lebensart, die einen die eigene zumindest überdenken läßt. Die Regel Nummer 1 sollte für jeden Brasilienreisenden sein: spätestens beim Verlassen des Flugzeugs alle Kabel ziehen, alle europäischen Maßstäbe vergessen, und gaaanz locker bleiben!

Die erste Übung muss der geneigte Fremde bereits am Flughafen Guarulhos bestehen: Diesmal war es die vermasselte Freude auf´s Aussteigen nach dem langen Eingequetschtsein im Flieger. Denn nach der Landung hieß es Warten auf einen Parkplatz auf dem überfüllten Flughafen, sprich: Eine weitere halbe Stunde mit Gurt im Sitz. Dann endlose Wege, drei riesige Terminals. Wenn mehrere Flugzeuge gleichzeitig ankommen, kann man schon mal anderthalb Stunden in der Schlange zur Passkontrolle stehen. Was nicht heißt, dass nicht trotzdem an einigen Schaltern in aller Gemütsruhe Anfänger eingearbeitet werden, die dreimal so lange brauchen wie die geduldig und gelangweilt danebensitzenden erfahrenen Kollegen, die keinerlei Veranlassung zum Eingreifen sehen. In der Vorhalle empfängt einen dann ein riesiges Gewimmel von Ankommenden, Abreisenden, Abholern, Kofferträgern und allen möglichen anderen Wimmel-Gestalten. Wer ein Taxi will, ist erstaunlich gut dran, denn es gibt zwei Schalter, die die Gebühren im Voraus nach Liste berechnen, man ist also geschützt vor Betrug, nicht aber davor, dass der Taxifahrer die Gegend nicht kennt, wo man hin will, sich hoffnungslos im Moloch Sao Paulo verfährt und mühsam durchfragen muss. Und das kann bei dem verrückten Einbahnstrassensystem der Stadt ein böses Verhängnis sein. Ein sehr zeitaufwändiges… Und nichts schützt einen vor dem täglichen Verkehrskollaps, in dem gar nichts mehr geht. Verläßt man die klimatisierten Hallen, schlägt einem eine Welle aus Hitze und Abgasen entgegen und man sollte aufpassen, nicht von einheimischen Reisenden mit hochbeladenen Gepäckkarren brutal angefahren zu werden. Und natürlich niemals das Gepäck auch nur eine Minute aus den Augen lassen! Umgeben sind die Flughafen-Gebäude von mehreren gigantischen Parkplätzen, die nicht zu unterscheiden sind. Ich erinnere mich, dass uns einmal ein Freund abgeholt hat, wir aber gemeinsam samt Gepäck-Karren eine dreiviertel Stunde auf den verschiedenen Parkplätzen herumgeirrt sind, auf der Suche nach dem Auto.

In vielem ist Brasilien das Land der Extreme, nicht nur wegen seiner Größe und der damit verbundenen Entfernungen. Hier ist es so gar nichts besonderes, wenn ein Student täglich 3 Stunden mit dem Bus über Land zur Uni fährt und dann auch wieder zurück, das ist fast noch „dichte bei“. Bereits der Landeanflug über Sao Paulo, läßt mich jedes Mal wieder in Ungläubigkeit staunen: Die Super-Metropole, deren Einwohnerzahl nicht mehr wirklich zu zählen ist, die aber wohl tatsächlich um die 20 Millionen liegen dürfte, scheint bei Überflug einfach kein Ende zu nehmen. Aus der Luft erkennt man noch die ursprüngliche Regenwald-Landschaft mit Bergen und Flußtälern, doch nur hier und da hat es die Natur geschafft, der menschlichen Siedlungswut zu widerstehen und ragt trotzig in Form von Felsen oder grünen Bergkuppen aus dem Steinkoloss Sao Paulo auf. Vor allem im Sommer rächt sich Mutter Natur auf ihre Weise an dieser Vergewaltigung: Nachdem tagsüber sengende Hitze in den Straßen herrscht, brauen sich fast täglich am Nachmittag gigantische Wolkenberge zusammen und laden ihre Fracht in sturzflugartigen Regengüssen über der Stadt ab, die es versäumt hat entsprechende Abflussmöglichkeiten für die Wassermassen zu schaffen und Beton saugt bekanntlich schlecht auf…So sind Überschwemmungen an der Tagesordnung, die in Europa Schlagzeilen machen würden. Ich habe schon tonnenschwere Schleusendeckel auf Wasserfontänen hochsteigen sehen.

Darüberhinaus aber ist Sao Paulo eine faszinierende Stadt. Nicht im Sinne von schön, aber aufregend. Nirgends auf der Welt habe ich soviele Wolkenkratzer gesehen wie hier. Gigantische Bauwerke, deren Architekten sich in Sachen Phantasie mehr ausgetobt haben, als alle europäischen Architekturstudenten sich zu träumen trauen (einheitliche Stadtplanung – was ist das? ), will sagen, ist längst nicht alles schön, aber spannend und phantasievoll. Hier ein Hhochhaus im Barockstil, da futuristische Gebilde in Stahl uns Glas, dort ein zweites Haus auf dem Hochhaus mit Palmendach und immer so weiter. Aber anders als in good old Europe oder Nordamerika gibt es eben keine reinen Hochhausviertel, überall stehen dazwischen kleine Häuser bis hin zum kuscheligen Einfamilienhaus oder einer halbverschimmelten Kate. Verrückte Anblicke!

Zu den schönsten Überraschungen des Molochs gehören die wunderbaren Parks, die nicht nur erstaunlich gepflegt sind (was angesichts des teilweise fast verfallenen, rotten Zustandes der Straßen und Häuser einigermaßen irritierend ist), sondern sie sind einmalig, weil sie oft ein Stück echter Dschungel sind : wunderschöne, kühle Oasen inmitten dieser Superzivilisation. Mitten im Häusermeer steht man plötzlich in einem völlig entrückten Stück Natur unter mehrere hundert Jahre alten Bäumen mit Lianen, tropischen Blüten und Früchten und Vogelgesang!

Doch der eigentliche Wahnsinn sind die Menschen, die krassen Unterschiede, der gelebte Wahnsinn: unvorstellbare Armut neben unvorstellbarem Reichtum. Die Oberschicht, die aus Angst vor Überfällen und Entführungen vom Dach ihres Hochhauses mit dem Helikopter zum Shoppen oder Arbeiten fliegt und die Menschen, die seit Generationen in den endlosen Favelas oder unter den Autobahnbrücken leben, wo sie sich teilweise sogar richtige Zimmer aus Sperrmüll eingerichtethaben, und die inzwischen in einer solchen Agonie leben, das die einfachsten Dinge nicht mehr möglich sind – dazu gehört auch ein normaler Tagesablauf oder etwa regelmäßige, sinnvolle Tätigkeit. Menschen, die sich und ihre Wäsche nach den Regengüssen neben dem fließenden Verkehr im Rinnstein waschen. Es wäre ein extra Kapitel nötig, wollte ich das hier weiterausführen. Nicht dass es in Europa nicht auch traurige Zustände und Obdachlose gibt, aber gegen das Ausmaß der Armut hier, ist das nichts.

Wer das Gewimmel in den Strassen mit europäischen Augen sieht, wird fast schwindlig: Tausende irgedwohineilender Menschen, Strassenhändler, Musiker, Künstler, Bettler, immer wieder Polizei, spielende Kinder und eben die Obdachlosen. Dagegen sind Berlin, London, Rom gemütliche Orte. Aber dennoch ist es so spannend all das zu beobachten, dass ich Tage damit verbringen könnte, einfach nur zu schauen, ohne irgend etwas anderes zu tun. Man setze sich zum Beispiel auf die wunderschöne alte Praza da Sé (den historischen, palmenbestandenen, mosaikgepflasterten Platz mit der St. Peterskatedrale), den wuseligen Platz República oder den zentralen Platz im japanisch dominierten Viertel Liberdade, bestelle sich einen der phantastischen frischen Fruchtsäfte aus Maracujá, Ananas, Mango oder anderen Früchten, die man bis dahin nicht mal dem Namen nach kannte, (man vergesse bei der Bestellung nicht, ausdrücklich wenig Zucker zu bestellen, alles andere ähnelt Sirup), futtere dazu eine Coxinha (frittierter Kartoffelteig mit Huhn gefüllt), ein Pao de Qeixo (ein Käsegebäck) oder ein Pastel (eine knusprige gefüllte, frittierte Teigtasche) und halte einfach nur die Augen offen.

Nach Einbruch der Dunkelheit sollte man allerdings besser im Restaurant, Hotel oder anderswo abtauchen und sich bei Entfernungen über mehr als 500 Meter nur noch im Taxi durch die Stadt bewegen, denn ja, Sao Paulo ist eine sehr gefährliche Stadt. Teile davon, in erster Linie die riesigen Favelas, die Armenviertel, sind für Fremde absolute No-Go-Areas. Daran sollte man sich halten. Aber andereseits haben wir die Erfahrung gemacht, dass „unauffällig angepasst“ am besten fährt, will sagen, wenn man sich schlicht kleidet, sich selbstverständlich, ohne Fotos zu machen oder staunend um sich zu blicken durch die Stadt bewegt, ist man relativ sicher und kann vieles machen. Je selbstsicherer, desto besser. Des öfteren allerdings sieht man Touristen, die sich ebenso gut gleich ein Schild mit der Aufschrift „Bitte Ausrauben!“ umhängen könnten: im schicken „Wir fahren in die Tropen“ -Marken-Outfit, mit der Kamera um den Hals, dicken Armbanduhren usw. Sie blicken mit Zooblick auf alles, weichen ängstlich jedem ärmeren Einheimischen aus, schüttelnd entsetzt oder gutmenschenhaft ob der Umstände den Kopf. Das mag nicht nett formuliert sein, trifft aber leider auf einen Teil der Touristen hier zu.

Ein unbedingtes Muss für Entdecker dieser Stadt, nicht aber für Ängstliche, ist die berühmteste Einkaufsstrasse von Sao Paulo, die „25 do Marzo“ – sprich: „Vientschi-sinco“. Hier kaufen vorallem kleine Gewerbetreibende aber auch Privatleute ein, hier werden in den oberen Stockwerken der 2- bis zehnstöckigen Häuser auch größere diskrete Geschäfte abgewickelt. Hier gibts alles vom Stoffen, Kleidung, Elektronikartikeln bis zu Küchenutensilien, Schmuck oder feiner Unterwäsche – nicht zu vergessen: ganze Passagen, die ausschliesslich gefälschte Markenartikel anbieten, das ist hier offenbar salonfähig. Vor einigen Jahren war diese circa einen Kilometer lange Strasse noch irrsinniger, als auf der Strasse selbst, zwischen den tausenden sich hin- und herschiebenden Käufern noch hunderte fliegender Händler ungestört ihre Waren verkauft haben. Die Zustände waren allerdings nicht mehr haltbar und in Sachen Kriminalität extrem gefährlich, so dass diese Händler jetzt verboten sind und an jeder Strassenecke feste Polizeiposten gebaut wurden. Trotzdem geht der Handel –etwas eingeschränkt- weiter, allerdings gibt es ungefähr alle Stunde Razzien: rennende Schwarzhändler und in Garnisonsstärke auflaufende schwerbewaffnete Polizisten in kugelsicheren Westen. Kaum sind die 50m weg, sind die ersten Händler wieder da. Das gelebte Chaos.

Nicht versäumen sollte man einen Besuch der alten Markthalle in einer der Nebenstraßen. Hierher kommen vorallem Besucher der Stadt, aber es lohnt sich: Der Mercado Municipal Paulista ist traditionell ein Zentrum für Gourmets: Stände mit farbenfrohen Pyramiden der unglaublichsten Früchte aus ganz Brasilien. Fleisch und Wurstwaren, Käse, Gewürze. Und Ess-Stände mit leckeren Spezialitäten. Einfach ein Fest für die Augen und den Magen.

Geschichten und Eindrücke aus Sao Paulo könnten ein ganzes Buch füllen, dies sind nur Kostproben. Es gibt unglaublich viel zu entdecken von Kunst bis Sport und Kommerz; wir waren schon einige Male dort und haben nur an der Oberfläche gekratzt. Eeune Stadt, die einen auf den ersten Blick erschlägt, die mir Angst gemacht hat, und von der ich inzwischen nicht lassen kann. Allerdings ist diese Stadt so anstrengend, dass sich nach einigen Tagen doch eine Art Fluchteffekt einstellt. Die Sehnsucht nach Ruhe und Durchatmen – zwei Dinge, die es hier nicht gibt.

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01 Kurze Vorbermerkung zu Brasilien 2013

Liebe Leser! Das Thema Brasilien stellt sich etwas anders dar als das vorangegangene – für mich und meine Leser. Ich war schon recht oft hier und die Leser meiner früheren Reisebriefe haben schon einiges über bestimmte Orte erfahren, die ich auch auf dieser Reise besucht habe. Deshalb werde ich diesmal nicht – wie gehabt – jeden Tag der Reise beschreiben, sondern die einige Dinge oder Orte eher blockweise zusammenfassen, so dass es für meine Stammleser nicht langweilig wird und für meine neuen Leser trotzdem interessant und informativ ist. Ich hoffe, es gelingt mir, weiter Euer Interesse  zu wecken und würde mich freuen, wenn Ihr mir weiter auf meinen Reisen folgt.

Übrigens – einige haben geklagt, sie wüssten nie, wann es etwas Neues gäbe – es gibt den Button „Follow“, der eine Benachrichtigungsfunktion aktiviert – per @-mail. Viel Spaß, bleibt mir treu!

16 Bye Bye Hollywood – Endstation Miami

Die Zeit wird knapp, viel bleibt uns nicht mehr. Aber auch, wenn wir die letzten drei Tage eher dem Müßiggang gefrönt haben und einfach nur den Luxus des Sommers im November genossen, gab es die eine oder andere kleinere Entdeckungsreise. Ob im Laufschritt (siehe runners special 3) oder per Fahrrad oder Auto. Nach dem unabdingbaren täglichen Strandbesuch am frühen Nachmittag haben wir uns im Hotel Fahrräder geschnappt und sind damit in den Ort Hollywood landeinwärts gefahren. Dahin, wo die Menschen leben und nicht nur urlauben wie hier am Strand.

War sehr lustig: es sind solche kleinen, stabilen Klapperkisten mit großen, nach hinten gebogenen Lenkern, wie man sie aus amerikanischen Filmen kennt, wenn die wilden Boys damit `rumkurven. Irgendwie komme ich mir so vor, als ob ich jetzt auch mitspielen darf. Und gleich ein bisschen einheimischer. Mal ohne Auto. Und wie sich zeigt, ist Hollywood, zumindest der Teil, durch den wir düsen, auch ein angenehmer Ort. Und er hat sogar eine erkennbare Stadtstruktur! Hübsche, palmenbestandene Wohnviertel mit Einfamilienhäusern, die sogar eine richtige Nachbarschaft bilden. Die meisten haben Gärten, Bänke vor der Tür oder auf der Terasse. Und man sieht sogar ein paar Menschen, die mit dem Hund spazieren gehen, laufen oder die riesigen trockenen Palmwedel der Königspalmen wegschleifen, die abgefallen sind. Und siehe da, man winkt uns sogar hin und wieder freundlich zu! Im Zentrum gibt´s einen großen runden Platz mit ein paar hohen Appartmenthäusern drumherum und dahinter ein kleines Straßenkarree mit vielen Restaurants und kleinen Läden. Endlich kommt mal wieder das Gefühl auf, in einem richtigen Ort zu sein. Vom warmen Sommerabendwind umweht, radeln wir, nach einem Stopp im örtlichen Supermarkt, dem Sonnenuntergang entgegen. Unterwegs staunen wir noch ein paar Mal, wie sich einige Vorgärten bei schwindendem Tageslicht plötzlich mit Hilfe unzähliger Lichterketten und leuchtender Fabelwesen in glitzernde Weihnachtsinseln verwandeln. Die Fahne fehlt selten in mitten des Festtagsschmuckes.

Bei der Überlegung wie wir unsere letzte Nacht einläuten, sind wir uns sehr schnell einig: ein Ausflug nach Miami muss dann doch noch sein. Aber wir wären nicht wir, wenn der nicht ganz anders aussehen würde als man erwarten sollte. Nein, nicht der glitzernde, bekannte Teil der südlichsten Metropole der USA ist unser Ziel, sondern eine Ecke, wo es erstens nichts wirklich zu sehen gibt und sich außerdem die meisten Fremden gar nicht hintrauen, weil der Gegend der Ruf der Gefahr vorauseilt: Little Havanna, das kubanische Viertel. Nach einem Blick auf den verwirrenden Stadtplan setzen wir uns ins Auto und düsen mal eben 23 Meilen quer durch den Großraum Miami zum Abendessen. Den größten Teil der Strecke fahren wir einen 14spurigen Highway Richtung Süden. Als wir in Höhe downtown Miami sind, ist der Eindruck wirklich überwältigend: eine bunt strahlende, weiltäufige und beeindruckende Skyline mit den verrücktesten Formen von Horizont zu Horizont. Eine, zumindest aus dieser nächtlichen, etwas abgehobenen Perspektive, glitzernde und faszinierende Metropole. Aber rechts des Highways breitet sich eine andere Welt aus: Little Havanna, die Welt der Exilkubaner und anderer Latinos: ein- bis zweistöckige Häuser, auch nicht mehr beleuchtet als Tempelhof bei Nacht.

Wir waren das letzte Mal vor 13 Jahren hier, aber am Ende drehen wir in Little Havanna doch noch einige Ehrenrunden durch das Einbahnstraßenlabyrinth des weitläufigen Viertels, auf der Suche nach der Calle Ocho, bzw dem Teil der Zentralstraße des Viertels, in dem sich die Restaurants befinden. Auf langen Abschnitten der Straße reihen sich Geschäfte und Banken aneinander, die abends geschlossen sind, so dass es dort jetzt dunkel und ausgestorben ist. Und andere Teile sind ziemlich heruntergekommen und gelegentlich von etwas gruseligen Gestalten bevölkert. Das Restaurant, das wir damals entdeckt hatten, scheint es nicht mehr zu geben. Wir fürchten schon, dass unsere Tour de Force quer durch die Stadt von Misserfolg gekrönt ist, als wir am anderen Ende der meilenlangen Calle Ocho doch noch zwei Restaurants entdecken, die für uns betretbar sind. Das erste groß, hell und chic, das andere wirkt von weitem eher etwas – einfacher. Wir entscheiden uns dafür. Eine gute Entscheidung, wie sich zeigt, denn es ist vollgestopft mit Kubanern und augenscheinlich das Authentische von Beiden. Relativ gemütlich, ein bisschen in die Jahre gekommen. Die Tagesempfehlungen sind leider bereits restlos ausverkauft. Aber wir bekommen wunderbares Ceviche (roher in Zitronen-Koriander-Marinade eingelegter Fisch) und Avocado-Salat als Vorspeise, danach ein leckeres Hühnchengericht und frittiertes Schweinefleisch mit Kochbananen und gelbem Reis. Mehr paßt nicht rein, außer den Mojitos… Die Leute sind sehr angenehm, genau wie die ganze Atmosphäre. Wir sind eben doch eher latinofixiert! Ich bin glücklich mit all dem Spanisch um mich herum und fühl mich gleich ein bisschen mehr zu Hause. Keine Frage, Mentalität und Kultur liegen mir eindeutig mehr als das Amerikanische (New Orleans immer noch ausgenommen). Dennoch habe ich sonst generell meine Probleme mit den Exilkubanern hier. Sie sind die erzkonservative, prokapitalistische Fraktion, die Kuba verlassen hat, um sich dem amerikanischen System anzubiedern, das Kuba seit vielen Jahren mit seinem Embargo bluten läßt. Aber das lasse ich heute Abend mal beiseite. Wir fühlen uns prima. Und vor der Abfahrt kaufen wir uns an der Verkaufsluke hinter dem Haus noch zwei Café cubano zum mitnehmen. Wir haben ja eine Mikrowelle…und morgen früh ordentlichen Kaffee vor dem Laufen…

Für die Rückfahrt wählt Miki den Umweg durch die Stadt, am Hafen vorbei, dem bekannten Biscayne Boulevard entlang zum historischen Art deco- Viertel, wo das Nachtleben tobt. Grell, bunt, laut, die durch unzählige Fotos und Bildbände bekannten Hotels und Restaurants erstrahlen in allen nur denkbaren Neonfarben. Es ist toll anzusehen, aber wohnen möchte ich hier in der Nähe wirklich nicht. So erweisen wir am letzten Abend doch noch Miami unseren Gruß bevor wir totmüde in unser schönes, ruhiges Hotelbett fallen.

Tja, inzwischen sitzen wir 11 km Höhe über dem Atlantik im Flugzeug, das uns dem Alltag und dem deutschen Winter entgegenbringt. Rund 2500 Meilen USA liegen hinter uns, viele Eindrücke, Erlebnisse und Erinnerungen. Hier, im Niemandsland über den Wolken, geht mir vieles durch den Kopf. Und eins ist schon jetzt ganz klar als Fazit dieser drei Wochen on the road: Die USA sind für mich immer mal wieder ein spannendes Reiseziel. Vor allem die unglaublichen Landschaften, die dieses Riesenland zu bieten hat, die großartige, fremde Natur, die es so in Europa nicht gibt, dieses Gefühl von Weite, die werden immer wieder eine Faszination für mich haben. Und einige wenige Städte auch, aber nicht allzu viele. Ein Teil meiner Seele wohnt immer noch in New Orleans. Aber ansonsten gibt es hier sehr, sehr vieles, was mich irritiert und sogar abstößt. Der american way of life ist mir fremd und wird es mir immer bleiben. Jedesmal fühle ich mich hier mehr als Europäer. Und ich hoffe inständig, dass sich Europa und unsere Gesellschaft in Deutschland nicht immer mehr dem Modell Amerika angleicht. Es ist schade, dass unsere spannende Reise zu Ende ist, aber ich freue mich auf Europa. Wäre nur für Berlin nicht Schneeregen angekündigt und ich könnte ein bisschen Florida-Sonne mitnehmen. Und eine Palme vielleicht ….

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15 Hollywood Beach – up and down

Und noch mal die Bettdecke weg und ab in die Laufschuhe! Diesmal gleich als Happy Hour sozusagen, denn hier gibt´s für Euch gleich zwei Läufe in einem: Hollywood Beach up and down.

1 Gestern hat es uns zuerst nach Norden gezogen. Unser Ziel war Dania Beach, der nächste Ort, den man am Horizont als zwei große Hochhäuser erkennt. Wir sind kurz nach acht auf der Strandpromenade –allzuviel Betrieb ist noch nicht, aber die, die da sind, sind die Aktiven: Viele ältere Paare gehen spazieren, es gibt etliche Walker, Radfahrer und natürlich auch ein paar Läufer. Und endlich hat man mal wieder ein Bild um sich wie in Europa: alles Menschen mit Normalfiguren von sehnig und schlank bis pummelig und kompakt. Aber eben gesund aussehende Menschen, die sich noch ganz normal bewegen. Ist schon komisch, dass einem das auffällt …

Der Morgendunst löst sich gerade auf, die Sonne bescheint freundlich unseren Weg auf der breiten Uferpromenade. Der gelegentliche Schatten der Kokospalmen, die am Strandrand wachsen, ist schon jetzt ganz angenehm, verspricht es doch ein heißer Tag zu werden. Das Meer ist etwas aufgewühlt, denn der Wind weht in heftigen Böen. Es gibt einiges zu schauen: Läden, Restaurants, von denen die ersten gerade die ersten Eier mit Speck oder die hier so beliebten Pfannkuchen servieren, ein leeres Openair-Strandtheater und immer wieder kleine Hotels. Aber es ist alles nicht so dicht und mit wenigen Ausnahmen auch nicht so hochbebaut, dass man sich eingemauert fühlen würde. Die meisten Gebäude sind ein- bis dreistöckig, nur hin und wieder drängelt sich mal ein höheres Hotel dazwischen, aber auch das eher in dezenter Größe.

Über uns segeln kreischende Möwen. Plötzlich zieht ein riesiger Schwarm Pelikane vorbei, perfekt ausgerichtet in doppelter Keilform. Sehr beeindruckend, wie die Jungs das hinkriegen. Die Möwen ziehen sich auf einmal zurück, so nach dem Motto: Wenn die Jungs aus der Oberliga kommen, dann lieber in die zweite Reihe. Der Himmel ist strahlend blau, der Wind schiebt ein paar weiße Wolken. Wir laufen so sicher zwei Kilometer direkt am Strand entlang, dann macht der Weg einen kleinen Knick, bevor er wieder parallel zum Wasser verläuft. Allerdings kann man das jetzt meist nur noch hören, denn links und rechts der Strecke erhebt sich jetzt ein Mangroven-Wäldchen. Nur die Strandzugänge geben hin und wieder den Blick auf Strand und das türkise Meer frei. Angenehm, dass es ab und an Schatten gibt!

Schließlich tauchen wir in eine kleine Wohnsiedlung ein, weiße Strandhäuschen, Blumenrabatte, alles bunt und schön anzusehen, aber auch nicht zu steril, wie das leider so oft hier ist – richtig gemütlich. Gerade saust die Mittfünfzigerausgabe von Magnum auf einem dieser Liegefahrräder an mir vorbei und winkt lässig. Ach hätte er doch lieber eins seiner Hawaihemden an, als diesen dicken Bauch auf sich draufliegen …

Langsam wird mir ziemlich warm. Neben mir liegt ein Kokospalmenhain, die Früchte lachen mich von oben an und ich wünsche mir, eine würde runterfallen, am besten gleich mit einem Strohhalm drin! Durst! Wird ganz schön lang, die Strecke bis Dania – aber nicht langweilig, weil schön. Immer wieder kommen gut gelaunte Menschen vorbei, viele nicken oder grüßen. Dann endlich, nachdem wie ein Hotelgrundstück hinter uns gelassen haben, tut sich Parkplatz und Picknick Area von Dania Beach auf – puh! Noch 250 Meter, dann sind wir am Pier! Der führt sicher gut 100 Meter hinaus ins Meer, so wie die Seebrücken an der Ostsee. Wir wollen natürlich vor dem Umkehren da raus! Aber daraus wird nichts, denn nach ein paar Metern versperrt uns eine Schranke den Weg: Die wollen hier doch echt Eintritt für die Brücke. Nö, wir aber nicht. Also überlassen wir die zahlreichen, schwer beschäftigten Angler ihrem stummen Geschäft und machen kehrt. Auf dem Rückweg haben wir noch eine lustige Begegnung: Auf einer der kleinen Stichstraßen, die zur parallel verlaufenden Interstate-Straße führen, ist große Katzenversammlung – mit Stargast: Ein Waschbär hat sich unter die Kleintiger gemischt! Uns mag er wohl nicht so, denn als er uns entdeckt, verkrümelt er sich in den Schutz der Büsche.

Auf der Promenade ist inzwischen mehr Betrieb. Etliche Skater sausen vorbei. Am Strand macht ein hühnenhafter Schwarzer seltsame Leibesübungen, keine Ahnung, ob das ein ritueller Tanz oder ein unbekannter Sport ist. Der Strand ist aber sonst noch ziemlich leer. Bis auf eine schwarze Großfamilie mit ihren Kindern. Es sieht total klasse aus, die kleinen schwarzen Köpfe in den hellblauen Fluten mit den kleinen weißen Schaumkrönchen!

Schließlich schließt sich unsere Runde. Jetzt will ich aber meine Belohnung! Quer über den breiten Sandstreifen, T-Shirt, Laufhose und Schuhe aus – den Bikini habe ich natürlich drunter, denn ich will ja nicht verhaftet werden, was mir als altem Ossi im Kronland der Prüderie hier immer schwerfällt! Und dann rein in die Fluten! Jaaaaaa! So soll ein Morgenlauf sein.

2  Heute zum Abschluss wollen wir nun Hollywood Beach gen Süden erkunden, bis Hallendale Beach, das ist der Ort, der zwischen Hollywood und Miami liegt. Heute sind komischerweise schon viel mehr Leute unterwegs. Aber das Bild ist auf dem ersten Kilometer ganz ähnlich dem gestrigen. Dann werden die Häuser plötzlich größer. Die kleinen gemütlichen Gebäude weichen großen Hochhäusern. Nach einer Wegbiegung müssen wir in die zweite Reihe hinter dem Strand ausweichen, weil es hier keine direkte Strandpromenade mehr gibt – man müßte durch den Sand laufen. Und dann ist auch hier plötzlich Schluss: Ein richtig fettes Hochhaus versperrt uns den Weg. Wir müssen auf die Interstate ausweichen, die hier sechsspurig die Küste entlang nach Norden Richtung Palm Beach führt. Aber es ist immer noch ganz schön, obwohl sich nun Hochhaus an Hochhaus reiht (und ich spreche hier nicht etwa von niedlichen 12-Geschossern, eher 25 – 35 Stockwerke). Aber es sind sehr gepflegte, weiße Häuser mit ebenso gepflegten Grünanlagen, Palmenhainen und Blumenbeeten dazwischen.

Kein Zweifel, wir nähern uns Hallendale. Denn das ist so eine richtige Skyscraper-Stadt. Nicht ganz so verwegen wie Miami, aber auch so gar nicht mehr wie das gemütliche, eher flachgebaute Hollywood. Ein Weilchen flitzen wir noch auf dem Bürgersteig weiter, dann hat Miki genug. Da sich meine Hoffnung nicht erfüllt, eine Brücke zu finden, um dann auf der Landseite des intercoastal waterways zurückzulaufen – wo es nicht ganz so großstädtisch aussieht – wechseln wir am mondänen Diplomat Ressort (mit seinem futuristischen Hochhaus inklusive künstlichem Wasserfall und Yachthafen für ganz Reiche) die Straßenseite. Am Wasser darf man eigentlich nicht lang, es gibt einen fetten Zaun. Aber der geht nicht über die Kaimauer. Frech, wie Laufpiraten nun mal sind, klettern wir einfach dahinter durch und laufen quer durch das Edelressort. Ganz wohl ist mir nicht, irgendwie rechne ich damit, dass wir gleich verhaftet werden oder etwas in der Art. Aber die paar Leute (totschick im Business-Outfit), die uns sehen, glauben wohl nicht, dass jemand so frech ist, hier unbefugt durchzurennen. Mit einem Victoryzeichen klettere ich zufrieden am anderen Ende des Geländes wieder um den Zaun. Ätsch, doch ein Stück am Wasser entlanggelaufen! Den Rest des Weges ergibt sich keine entsprechende Gelegenheit mehr und so sind wir froh, als wir wieder auf unsere Strandpromenade für´s Volk einbiegen können um unserem ersehnten Bad in den Wellen des Atlantik entgegenstreben.

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14 Welcome to Hollywood Beach

Jaaa! Und zum Schluss nun doch nochmal Urlaub im Paradies! Seit vorgestern sind all unsere Engel wieder bei uns. Aber der Reihe nach…

Mit zwei Strandstunden in Vanderbuilt Beach nördlich von Naples haben wir uns gebührend vom Golf verabschiedet, der war unbestritten das Beste auf diesem (Mittel-)Teil der Reise. Dann sind wir noch mal durch den super cleanen, totlangweiligen Ort Vanderbuild und das ebenso künstlich wirkende Naples gefahren. In den letzten Tagen waren wir ungewöhnlich auf uns allein konzentriert, denn die Menschen hier – wenn man sie überhaupt trifft, sind alle ganz anders gewesen als die in den klassischen Südstaaten Texas und Louisiana, wo mir wirklich die warme, ehrliche Freundlichkeit und Offenheit das Herz gewärmt hat. Da hat man leicht Kontakt gefunden und sich oft unterhalten. Hier in Nord-/Mittel-/Westflorida, wo die Menschen übrigens Wert darauf legen, keine Südstaatler zu sein, war das menschliche Klima anders. Wenn freundlich, dann eher so dieses typisch amerikanische geschäftsmäßige Grinsen, das nicht in den Augen ankommt. Und neugierige Offenheit ist uns auch nirgends groß begegnet. Im Nachhinein denke ich fast, wir hätten zwei Tage mit steifem Bein nach Südflorida durchfahren sollen. Andererseits war es aber auch doch interessant und schön, auch wenn es mir oft klargemacht hat, was ich alle an Amerika nicht mag.

Am Nachmittag sind wir über den Tamiami Trail von der Westküste durch die nördlichen Everglades und Indianergebiet an die Ostküste gefahren. Es war eine sehr schöne Fahrt im gelben, schrägen Nachmittagslicht durch das von kleinen Wäldern durchbrochene weite Marschland. Wir haben viele tolle Vögel gesehen, vorallem Reiher aber auch einiges Federvieh, das ich nicht benennen kann. Am frühen Abend haben wir Miami erreicht: ein glitzerndes Lichtermeer, die Autokarawanen auf der teilweise 10spurigen Autobahn mit ihren Scheinwerfern, ließen einen ein bisschen an das Szenenbild in einem dieser Future-Filme denken.

Wir hatten uns vorgenommen, nördlich von Miami Beach, in Hollywood Beach, nach einer Unterkunft zu suchen und notfalls noch weiter nördlich in Dania ins Motel 6 zu gehen. Denn erstens ist Miami teuer, zweitens aoft schmuddelig und laut. Miami Beach selbst ist toll für einen Spaziergang, um sich die hübschen Artdekohäuser an der Starndpromenade und all das verrückte rummelige Treiben anzusehen. Oder abends im kubanischen Viertel an der Calle Ocho Essen zu gehen. Aber es ist auch nicht gerade ungefährlich dort und alles in allem, verhieß uns Miami selbst zu viel Halli Galli. Wir hatten uns im Internet ein paar Adressen herausgesucht, aber nichts gebucht, weil wir lieber erst mit eigenen Augen schauen wollten wo wir unsere letzten Tage verbringen– aus Schaden wird man klug und wir sind schon mal übel `reingefallen. Ehrlich gesagt, haben wir mit einer längeren, nervigen Suche gerechnet. Aber nein- wir haben gleich eine der Adressen gefunden, direkt am Strand und – es ist super! Ein Hotel + Hostel. In mehren kleinen Gebäuden, die durch hübsch bepflanzte, offene Gänge mit Bänken und Tischen verbunden sind. Unser Zimmer ist toll! In blassgelb und-blau, mit witzigen originellen 50ies Surferpostern und einer hübschen Metallkunstkollage an den Wänden, hellen Steinfliesen statt ekligem Teppichboden, zwei gemütlichen Couchen. Und das alles für unter 50 Euro. Man kann eine voll ausgerüstete Gemeinschaftsküche benutzen, umsonst Strandstühle, Handtücher, Strandtenniszeugs ua.und sogar ein paar olle, aber funktionierende Fahrräder benutzen. Eine wirklcih nette Athmosphäre. Und das beste: bis zum Strand sind es 50 Meter!

Der Strand ist breit (rund 50-100m) und viele Kilometer lang, er geht in Miami Beach über, begrenzt wird er von hohen Palmen. Die breite Strandpromenade mit Rad- und Skaterspur führt an unzähligen Restaurants und Hotels vorüber, es ist alles sehr hübsch anzusehen. Klar, ein reines Strandparadies, nicht das echte Leben, aber es ist ein nettes Fleckchen und noch dazu nicht so überlaufen und überdreht wie Miami. Genauer werde ich das alles im anstehenden nächsten „runners special“ erzählen, denn diese specials sind nicht nur für Läufer interessant, sondern es sind all die Dinge darin beschrieben, die wir im Laufschritt entdecken und erleben.

Und dann kam für uns hier noch ein echter Hit dazu: keinen Kilometer entfernt, also in Laufnähe (und das in Amerika!) liegt unser Lieblingsrestaurant aus alten Tagen, Le Tub! Es sieht aus wie vor 13 Jahren, nichts hat sich verändert. Es liegt nicht am Strand, sondern Bayside. Das heißt, parallel zum Meer fließt hier 150-250m landeinwärts ein Fluß, der sich zu zwei Seen verbreitert, bevor er später, weiter nördlich, ins Meer fließt. Und an seinem Ufer liegt das Restaurant, etwas versteckt mit einem schönen schmalen Holz-Dock. Man sitzt dort unter tropischen Bäumen am Wasser. Am tag kann man die Eidechsen, Camäleons und Vögel an den Bäumen und Sträuchern beobachten. Abends ist das Wasser von Unterwasserscheinwerfern stellenweise beleuchtet, so dass man jede Menge Fische sieht. Gleich am ersten Abend sehen wir richtig beeindruckende Burschen und einige ganz besonders schöne, ungewöhnliche Fische. Sie sind ca.20 bis 30cm lang, ganz dünn, haben lange Mäuler wie Nadeln, sie sind durchsichtig und haben Leuchtstreifen. Wow, das kommt gut! Romantisch und spannend. Und – es gibt sehr leckeres Essen!

Da mußte ich mir gleich mal einen kleinen Margarita-Schwips andröseln vor Begeisterung. Übrigens ist die Bevölkerung hier wieder ganz anders: hier leben unheimlich viele Kubaner und Latinos (es wird fast mehr spanisch als englisch gesprochen, und es gibt ganz viele spanischsprachige Sender mit guter Musik!) und sehr viele Afroamerikaner. Gute Mischung, zumindest, was so die vorherrschende Mentalität betrifft, die ist nämlich sehr fröhlich und offen. Ansonsten ist das aber auch nicht immer so ganz unproblematisch.

Am ersten Morgen dann machen wir noch eine gute Entdeckung. Man kann zwar überall an der Strandpromenade frühstücken, aber oft relativ teuer und nicht immer gut. So haben wir uns für Bayside entschieden. Rund 300m vom Hotel gibt es es italienisches Café. Auch hier sitzt man am Wasser. Und es gibt, endlich, nach etlichen Entzugs-Tagen, richtig guten Espresso. Als das gutaussehende Sonnenscheinchen, das unser Kellner ist, dann das Frühstück bringt, flippe ich fast aus: richtiges Baguette, echter Käse, nicht diese gelbe, geschmacklose Masse, frisches Gemüse, guter Schinken! „Richtiges Essen!“ Ich habe nämlich langsam, aber sicher das ewige Matsch-Brot und die pampigen Sandwiches satt, und immer nur Eier und Kartoffeln essen kann ich auch nicht. Also – tutto bene, molto bene, Beate ist glücklich.

Also, Verpflegung gesichert, erholsame Stunden am Strand auch. Er ist zwar einigermaßen gut besucht, aber nicht allzu voll, denn jetzt zwischen Thanksgiving und Weihnachten machen nicht so viele Leute Urlaub. Und der Atlantik strahlt nicht nur wunderschön hellblau, sondern ist auch noch angenehm warm! Seltsamerweise viel wärmer als der Golf von Mexiko. Ach ja, überhaupt herrschen hier nun endlich auch richtig hochsommerliche Temperaturen, sogar spätabends kann man in Sommersachen draussen sitzen. Das hatten wir in diesem Urlaub nur die ersten drei Tage, aber auch da nicht so warm wie hier. Ach, kann November schön sein!

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