08 – Abschied von Thailand … Die letzten Tage in Bangkok

Fünfeinhalb Stunden eingequetscht im Bus…mimimi… Dann der Superschock, vom gekühlten Bus in die stinkende Mittagshitze von Bangkok! Als die Türen am Busbahnhof Ekkamai im Stadtteil Sai Tai Mai aufgehen, fühlt es sich an wie ein Schlag. Dazu das Geschrei und Gepfeife der Ordnungskräfte (Pfeifen sind hier sehr beliebt!), der Verkehrslärm, die oft wild herumirrenden Reisenden mit ihrem Gepäck, dazwischen Taxis, Motorradtaxis und alles, was sonst noch die Lust verpestet und Lärm macht… inklusive der beiden Typen, die noch halb besoffen aus dem Bus von der Partyinsel Koh Chang steigen und erstmal auf den Bürgersteig kotzen… es ist die Hölle.

Zweimal wird meine Taxibestellung per App nach 10 Minuten gecancelt, da die Fahrer rettungslos im Stau stecken und nicht innerhalb der nächsten halben Stunde da sein können. Schließlich klappt’s doch noch, wieder eine lady driver. Wir schleichen durch die verstopfte Innenstadt, aber nach einer Stunde haben wir es geschafft.

Diesmal musste ich ein Hotel nehmen, das weder unbedingt meiner Art zu reisen noch meinem Portemonnaie entspricht – es ist Hochsaison und alles ausgebucht. Aber ich wollte unbedingt in Phra Nakhon wohnen, da fühle ich mich wohl, es ist ruhig, aber quirlig, echtes altes Bangkok. Und doch nah an Banglamphur – Viertel mit all seinen Restaurants etc. Dass Orchidhouse ist ein Hotel mit alten Teakböden und -möbeln, aber ohne Fenster in vielen Zimmern, was hier in Asien nicht unüblich ist. Das Hotel macht auf chic, aber der Service ist eher… Durchschnitt.

Ich lasse es ruhig angehen, habe nicht viele Pläne. Einmal muss ich in Bangkoks Super-Shopping-Center MBK, ich brauche eine gute Powerbank und ähnlichen Kram. Eine ganze riesige Etage bietet nur Elektronik an, die anderen fünf vor allem Klamotten, Schmuck und eigentlich – fast alles. Das MBK nimmt fast ein ganzes Viertel ein. Es gibt tatsächlich Irre, die nach Bangkok fliegen, sich ein teures Hotelzimmer in den oberen Etagen des gigantischen Baus nehmen und nichts tun als einkaufen. Jeden Tag!

In meinen letzten Tagen besteht mein größtes Vergnügen darin, eigentlich fast keine Pläne zu haben, sondern einfach herumzuschlendern, Boot zu fahren, einen Ausflug nach Chinatown zu machen und abends in den Straßenrestaurants lecker zu essen. Die tägliche Thai-Massage nicht zu vergessen, hier kostet eine Stunde rund 7 Euro…

Aber schließlich packt mich doch noch mal die Lust auf Neues und ich buche für meinen letzten Tag in Thailand eine 3-stündige Fahrradtour durch die kleinen Straßen und Gassen von Chinatown und ThonburiCo van Kessel Tours, im Lonely Planet gelobt, ist ein holländisches Unternehmen, das ausschließlich mit Locals als Mitarbeiter beschäftigt.

Ich muss schon halb acht in Chinatown sein, die 3 stündige Tour geht früh los. Das beschert mir eine Kamikaze-Fahrt mit einem Motorrad-taxi durch den Berufsverkehr, die meinen Blutdrück auf gefährliche Höhe treibt – über vier Spuren und Bürgersteige schlängelt sich das Bike durch den Berufsverkehr, ein normales Taxi hat keine Chance. Wir sind pünktlich am Treffpunkt Riverside.

Es sind rund 22 Leute in der Gruppe für die Tour. Voran fährt unser weiblicher Guide, hinten ein zweiter „Lumpensammler“, dessen Aufgabe es außerdem ist, notfalls durch heftiges Schwenken seiner gelben Kappe die Autos anzuhalten, damit unsere geräderte Karawane eine Chance hat, mal eine Straße zu queren. Und das klappt sogar! Hätte ich nie gedacht, bei den irren Fahrern hier.

Diese Tour verdient es, hier in ein paar Absätzen beschrieben zu werden, denn sie hat sich wirklich gelohnt. Wir sind durch Straßen, Gassen und maximal 2 Meter breite … Durchlässe zwischen Häusern gefahren, in Ecken, in die man sonst nie vordringen würde. Was im Kopf bleibt, sind Bilder vom Leben in Bangkok, die ich so noch nie gesehen hatte. Ich hätte auch nie wieder allein da herausgefunden!

Das war noch ein ganz neues Bild vom Alltag der Riesenstadt. Gelebt, gekocht, gearbeitet und gehandelt wird hier meist alles in Einem: Auf der Straße steht die Wäsche auf dem Ständer zum Trocknen, im Eingang zur Schrottwerkstatt neben dem kleinen Obststand. Und gegenüber drängeln sich zwei winzige Wagen: Auf einem wird gegrillt, auf dem anderen Obst zum Verkauf mundgerecht gemacht. In dem danebenliegenden, als Garage fungierenden, offenen schwarzschimmeligen Untergeschoss hat ein Künstler seine Bilder aufgehängt, daneben steht ein Friseurstuhl. Zwischendurch wuselt alles von Kind bis Teenager und Oma, meist auf Fahrrädern oder Bikes. So verrückt wie es hier zugeht, habe ich die backstreets von Bangkok noch nie gesehen.

Und durch all diese geschäftige Enge fahren nun 20 neugierige Fremde auf gelben Fahrrädern. Unsere thailändische Guide hat vor dem Start die nordeuropäisch durchmischte, ernstblickende Gruppe bei der Einweisung daran erinnert, das Lächeln und Grüßen nicht zu vergessen. Ich nutze das freundliche Strahlen allerdings schon lange als Superwaffe und hier in Asien doppelt.

Es war verrückt zu sehen, wie krass das funktioniert. Nicht selten waren die Menschen echt genervt, dass nun auch noch Touristen hier durchradeln und ihnen fast über die Füße fahren. Aber man hätte einen wunderbaren Film „Schuss-Gegenschuss“ machen können: genervtes Gesicht A , Lächeln und Grüßen Gesicht B, entspanntes Zurücklächeln Gesicht A! War wirklich beeindruckend!

Wir sind durch winzig kleine Gassen gefahren, an Tempeln vorbei, manchmal sogar durch das Tempel-Gelände, über Fabrikhöfe, Schulhöfe, Brachen. Und schlotternd wegen des Verkehrs auch mal eine Strecke über belebte Hauptstraßen, Brücken, Märkte. In einem Viertel gab es nur Schuhläden: hunderte mit Millionen Schuhe. In einem anderen nur Schrotthändler und Auto-Ausschlachter…

Ein Extrastopp ohne Fahrräder war dem gigantischen Blumengroßmarkt von Chinatown, Pak Khlong Talat, gewidmet. Unvorstellbar, wie viele Blumen hier zu den traditionellen Ketten, Gestecken und Sträußen verarbeitet werden – und mit welcher präzisen Kunstfertigkeit! Wirklich ein Eindruck, der bleibt. Auch in den sich anschließenden Obst- und Gemüsegroßmarkt gab es einen Abstecher. Was für Gerüche und Farben!

Eine Deutsche, die erst am Tag zuvor angekommen war, ist in der Hitze bei all den Eindrücken und Gerüchen ohnmächtig geworden und musste zurückgebracht werden. Too much, too hot, too everything!

Nach Chinatown ging es, heftig strampelnd, über den Chaopraya -Fluss nach Thonburi. Heute verwaltungstechnisch zu Bangkok gehörig, aber eigentlich die „Urstadt“, die lange vor Bangkok da war. Nach dem Fall der alten Kaiserstadt Ayutaya in den 70er Jahren des 18.Jh, deren Tempel und Ruinen immer noch eindrucksvoll in der Nähe von Bangkok zu sehen sind, erklärte ein General Taksim Thonburi zur neuen Hauptstadt des Königreiches SiamBangkok am anderen Flussufer war nur ein Dorf am Chaopraya-Fluss, was durch Handel- und Zoll für aus Ayuthaya kommende Waren wichtig wurde. Erst 1971 wurde Thonburi eingemeindet.

Jetzt ist es ein schönes, relativ ruhiges Wohnviertel, mit vielen Holzhäusern und schönen schmalen Uferwegen Es gibt sogar eine katholische Kirche zum Heiligen Kreuz. Viel berühmter aber ist der Wat Arun Tempel, der -ganz ungewöhnlich- nicht in Gold , Rot oder Gelb erstrahlt, sondern in reinstem Weiß. Er ist der Tempel der Königlichen Familie.

Hier gab´s eine kleine Besichtigung und anschließend eine Erholungspause im Klostergarten: Ein Gelände, das mit einem künstlichen Felsen, Götterskulpturen, einem kleinen See – und vielen Schildkröten darin, für Besucher zugänglich ist. Sie werden sogar auf Wunsch mit Schildkrötenfutter ausgestattet. Die hungrigen Panzerträger kennen nichts im Kampf um die Häppchen. Es sieht aus, als ob das Wasser lebt!

Nach einigen Geschichten zur Geschichte und dem Buddhismus ging es dann langsam zurück. Nochmal ein paar enge, aber sehr ruhige, beschauliche Wohnstraßen – so ganz anders als Chinatown. Noch ein rot-gold glitzernder Tempel, ein paar Kanalbrücken, neben denen sich beeindruckend große Warane sonnen, ein Wochen-Markt und dann – per Fähre – wieder zurück nach Chinatown.

Eine wirklich spannende Tour, an der ich nur zu bemängeln habe, dass es immer sehr schnell weiterging und man kaum Zeit hatte, mal etwas länger zu schauen und auch zu fotografieren. Jeder hat es natürlich irgendwie doch getan. Und bei mir endete dieser tolle Vormittag dadurch damit, dass beim letzten Streckenabschnitt nach einem Kurz-Foto-Stopp mein Mobilphone aus dem Fahrradkorb gesprungen sein muss. So eine …! Das nur zur Erklärung, warum es keine Photos von der Tour gibt. Leider…

Am nächsten Morgen hat sich der Kreis geschlossen: Um sieben Uhr bin ich noch einmal in dem kleinen Restaurant von meinem ersten Bangkok-Tag eine Frühstückssuppe essen gegangen, bevor mich ein Sammel-Taxi zum Flughafen Don Mueang gebracht hat: Auf zu neuen Ufern: Bali wartet!

07 – Out of town

Tag 2 in Chanthaburi. Diesmal zieht es mich in die von dichtem Dschungel bewachsenen Berge im Umland der Stadt. In die eine Richtung geht´s nach rund 20 km zu den 2 Stränden von Chanthaburi , in die andere Richtung in die Berge und den Urwald. Gleich drei Nationalparks hat die Provinz zu bieten, ich habe mich für Nam Tok Phlio entschieden. Das Hotel hat mir einen sehr teuren Taxitransfer angeboten, meine Mobilitäts-App machts zu einem Drittel.

Der Motorradfahrer setzt mich vor dem Eingang ab. Hier buhlen viele kleine Stände und die Gunst der Besucher: Essen, T-Shirts und der übliche Plunder.  Der Park ist groß, aber ich habe es vor allem auf die Wasserfälle abgesehen. Inzwischen ist mir klar, dass die drei verschiedenen Wasserfälle hier nicht von einem einzigen Eingang erreichbar sind. Egal. Ich fange mit dem namengebenden Nam Tok Phlio an, was soviel wie „geschmeidige Wasser“ bedeutet. Außer mir sind nur Thais unterwegs, die meisten lassen sich von einem Golfmobil soweit wie möglich fahren, dabei ist es ein netter 25minütiger Spaziergang durch den Urwald. Von den vielen wilden Tieren, die hier laut Info-Faltblatt leben – von Bären, über Affen, Tiger, Schlangen und Mungos – ist erstmal nichts zu sehen, dazu müsste man wohl weiter in den tiefgrünen Dschungel mit den riesigen Bäumen reinwandern. Aber es ist zu heiss und schwül, eine Wanderung keine verlockende Vorstellung.

Unterwegs zum Wasserfall komme ich an einem Chedi und einem Stupa vorbei. Das sind klassische buddhistische Bauwerke, die Buddha selbst und seine Lehre, den Dharma, darstellen und die meist Teile eines Tempelanlage sind. Errichten ließ den Chedi hier einst König Rama IV. Ein Stupa beherbergt dazu meist die Asche eines Verstorbenen, in diesem Falle einer Königin, die sich im 19. Jahrhundert bei einem Besuch in diese Gegend verliebt haben soll. So hat sie hier ihre letzte Ruhe gefunden. Für die Thais eine Muss-Fotomotiv, die stehen Schlange, um einen Schnappschuss zu machen.

Der Pfad führt am Fluss entlang bergauf, in den kleinen, natürlichen Becken sitzen überall Menschen und versuchen, so der Hitze eine Weile zu entgehen, sicher aber nicht den Moskitos….

Dann endlich der Nam Tok Phlio! Der Wasserfall ist wirklich wunderschön! In zwei Abschnitten stürzt er aus den hohen grünen Bergen in die Tiefe, es glitzert und sprudelt, das Sonnenlicht spiegelt sich in der Gischt. Es könnte nur etwas einsamer sein… Vor dem günstigsten Aussichtspunkt auf einem Felsen steht die Schlange der social media – Fraktion, um jeweils das gleiche Poser-Foto mit wechselnder Besetzung zu machen….

Der Wasserfall mündet in einem kleinen Plateau in einem Becken voll kristallklarem Wasser und vielen Fischen. Es sind Riesenexemplare der Saugbarben, die als Minis in Deutschlands Kosmetikstudios für gut Geld zur Fischpediküre eingesetzt werden. Sie knabbern sanft abgestorbene Hautzellen ab. Ein komisches Gefühl, wenn man es noch nicht kennt. Ob man hier baden darf, weiß ich nicht genau, aber es sind sowieso zu viele Menschen hier.

Da der Weg hier nicht weitergeht, entscheide ich mich, angesichts der extremen Schwüle, keinen anderen Wanderrundweg zu nehmen, sondern stattdessen zu versuchen, zu einem der anderen Parkzugänge und von dort zu einem der großen Wasserfälle zu kommen. Ein Ranger hat mir den Nam Tok Trok Nong im Südosten des Parks empfohlen, erreichbar über einen der anderen beiden Zugänge zum Park. Mir war allerdings nicht klar, wie weit es bis dahin ist, auf dem Info-Folder wirkte es überschaubar…

Es ist ein weiter Weg dorthin und wie sich herausstellt, gibt es keinen shuttle, und ich finde hier kein Taxi – weder über App noch live. Auch nicht zurück in die Stadt. Die Thais sind offensichtlich alle mit dem eigenen Auto oder einem Mietroller gekommen. Ich habe das total falsch eingeschätzt.

Nach einer halben Stunde sinnloser Versuche hat der Ranger ein Erbarmen und telefoniert herum. Es gibt ein Angebot zu einer astronomischen Summe, ich lehne ab. 20 Minuten – und tausend erfolglose Versuche, ein Taxi zu bekommen, später – 2. harte Verhandlungsrunde: Es gelingt mir den Preis um einiges zu schrumpfen, aber es ist immer noch relativ teuer. Aber dafür wird der Fahrer dann auch dort auf mich warten und mich wieder ins 40 km entfernte Chanthaburi zurückfahren. Um herzukommen, hat er erstmal eine lange Anfahrt.

Endlich sitze ich im kühlen Auto, schweissgebadet. Das kalte Wasser, dass mir der Fahrer schnell an einem Stand kauft, ist eine nette Geste. Er redet viel auf der Fahrt in einer anstrengenden Englisch-Thai-Mischung. Aber als er anfängt, mir allzu nette Komplimente zu machen, wird es komisch. Erst recht, als er an einem Restaurant anhält, um mich einzuladen. Irgendwie biege ich es ab und er fährt weiter, aber ganz wohl ist mir nicht, hier im Dschungel. Nur – aussteigen ist auch keine Variante.

Endlich erreichen wir den Eingang zum Park. Ich wandere los. Im Gegensatz zum anderen Eingang herrscht hier gähnende Leere, aber die Ranger kontrollieren nickend mein Ticket, alles ganz normal. Ich begegne seltsamerweise nur einer einzigen Familie, die hier Picknick macht. Nach einer guten halben Stunde einsamer Wanderung durch den Urwald höre ich es zwar laut rauschen, aber der Weg ist gesperrt, weil er wegen umgestürzter Bäume völlig unpassierbar ist. Und das offenbar nicht erst seit kurzem. Die Ranger hätten mich ruhig darüber informieren können… Nun ist auch klar, wieso ich hier so einsam bin…

Immerhin finde ich eine Möglichkeit, zum rauschenden Fluss hinunterzuklettern. Super. Nun kann ich wenigstens ein kleines Stück Wasserfall erspähen und stehe auf Felsen  mitten im Fluss vor einem tiefen, klaren Becken mit hunderten Fischen. Yes! Scheint fast wie eine Fata Morgana angesichts der Hitze und des Frustes. Ich gönne mir ein ausgiebiges Bad mit den Fischen und noch etwas Träumen auf den Felsen mitten im rauschenden Wasser mit Blick in die Baumkronen. Es ist so schön und friedlich, dass mein Frust schnell in den Stromschnellen wegschwimmt. Das Taxi hat brav gewartet und die Rückfahrt mit dem spürbar angesäuerten Driver durch´s grüne Nirgendwo verläuft still, aber ohne weitere Peinlichkeiten. Trotzdem atme ich auf, als wir die Stadt erreichen und ich aussteigen kann.

Den Rest des Nachmittags spaziere ich noch ein bisschen durch die Straßen, gönne mir eine wunderbare Massage und ein leckeres, superbilliges Essen in einer der Garküchen, die abends plötzlich am Straßenrand aus dem Boden zu schießen scheinen. Das war´s dann auch schon mit der Stadt der Hasen, Edelsteine und dem großen grünen Dschungel rundherum – morgen früh geht´s wieder nach Bangkok für drei weitere Tage, bevor ich meinen Solopart dieser Reise beende und nach Indonesien weiterfliege.

06 – Die Stadt mit dem Hasen im Wappen

Chanthaburi – die „Mondstadt“ – eine Mondsichel mit einem Hasen ist das Wappen. Der Hase hat es dahin geschafft, weil seine dunklen Meere die Form von Hasen annehmen (angeblich). Also klar – jemand mit meinem Namen und Familienwappentier muss da hin. Jetzt weiß ich endlich, warum ich mich spontan für einen Zwischenstopp ausgerechnet hier entschieden habe, zurück auf dem Weg nach Bangkok .

Am Busbahnhof abgeworfen, habe ich etwas Mühe, ein Taxi zu finden, da die alten Herren, die hier offenbar das Geschäft schmeißen, zwar schon genau wissen, wie teuer es wird, nicht aber, wo das Hotel überhaupt ist…. hmmm. Ich lasse sie genervt stehen, bis ein abseitsstehender Songthaew-Fahrer seine Chance gegen die Limousinen-Taxifahrer sieht und meinen großzügig gerechneten, aber halbwegs passablen Preis akzeptiert. Allerdings kutscht er eine ganze Weile irrend durch die Gegend, bevor er sich durchgefragt hat – Karte lesen geht nicht.

Ein Songtaew -sprich songteeooo – ist das traditionelle Sammeltaxi, in Thailand, Vietnam und auch anderen asiatischen Ländern. Ein Pickup, der hinten eine Art Passagierkabine aufgesetzt hat, offen, aber mit Dach. Songtaews sammeln unterwegs oft noch weitere winkende Kunden auf. Meist sind diese Vehikel ziemlich bunt – und knattern oft laut, die Abgase sind entsprechend schwarz. Als wir endlich ankommen bin ich halb taub, hitzeverdörrt und CO- vergiftet.

Diesmal wohne ich in einem kleinen Hotel, neu, steril, könnte überall auf der Welt sein…. Ich will meine Hütte zurück! Es ist Nachmittag und ich mache mich auf, die alte Provinzhauptstadt zu erkunden. Es ist trocken und heiß – mir fehlt schon jetzt das Meer. Aber ich wollte mal was Neues kennenlernen. Auf geht´s – es wird nicht gejammert.

Chanthaburi ist die Stadt der Edelsteine. Eine ganze lange Straße zieht sich der gem market hin, der Edelsteinmarkt. Hier glitzert und glänzt es, wohin man auch schaut. Schicke Läden, die sowohl geschliffene Steine in allen Farben wie auch Schmuck verkaufen, Edelsteinschleifereien, Edelsteinbörsen und Marktstände, die die nicht ganz so edlen Edelsteine per Gramm oder Kilo verkaufen. Ich frage mich, wer all die Kunden sind, die das Gestein kiloweise kaufen. Es gibt sogar ein hochseriöses nuclear gem lab, das Echtheit und Qualität prüft. In den Bergen der Provinz werden Rubine und Saphire abgebaut. Aber es gibt auch sonst alles, was das Elsternherz begehrt.

Auf meiner Wanderung die Straße entlang wird es auf einmal rot um mich! Alles hängt voller rot-goldener Lampions und Girlanden und Spruchbänder – über die Straße, an den Laternenmasten, an den Fassaden! Alles klar: Ich bin in Chinatown. Und es ist chinesisches Neujahr: Am 10. Februar beginnt das Jahr des Drachen! Es ist alles schön anzusehen, aber irgendwie auch too much, vorallem, wenn man sieht, wieviel …. unnötigen superkitschigen Plunder die Läden dazu anbieten, von rotgoldenen Brokatkleidern und Anzügen bis hin zu mit rotgoldenen Drachen verzierten Geldbündeln der Haven Bank (!), die Wohlstand bringen sollen. Naja, wenn ´s hilft!

Am anderen Ende der endlosen Juwelenstraße wird es ruhiger, und plötzlich stehe ich in einer sympathischen kleinen Gasse, die parallel zum Ufer eines der beiden große Flüsse, die durch die Stadt fließen, entlangführt.  Durch durch kleine Fluchten in der Hausreihe auf der rechten Seite der Straße kann man nur hin und wieder hin und wieder den Fluss sehen. Riversite. Kleine Häuser, noch kleinere, mal mehr, mal weniger chaotische  Läden, ein paar Hostels… Sogar 3 kleine Cafés, die es hier in Thailand nur da gibt, wo auch Fremde sind oder die junge Szene hinkommt. Sehr nett hier.

Auf dem Rückweg will ich noch die Kathedrale der unbefleckten Empfängnis sehen. Ja tatsächlich, eine christliche Kathedrale! Ein Andenken an die Anwesenheit der Franzosen hier.

Leider hat die Kirche zu und ich kann sie nur von außen sehen. Also beschließe ich, einen anderen Weg Richtung Hotel zu nehmen, um noch etwas mehr von der Stadt anzuschauen. Die Richtung kenne ich. Glaube ich. Tatsächlich schlängeln sich die Straßen ganz anders als gedacht…

Eine reichliche Stunde später habe ich es fast geschafft. Schweißgebadet. Immerhin habe ich noch ein nettes, fast beschauliches Wohnviertel neben einem großen Tempel durchwandert. Eine junge Frau, die auf dem Bürgersteig vor dem Haus hockend ihre Töpfe abgewaschen hat, hat mir noch ein bisschen beim Orientieren geholfen. Zum Schluss die traditionelle Verbeugung und „Thank you, for coming to Thailand“….

Mein Abendessen habe ich mir auf dem Wochenend-Nachtmarkt geholt, wo es immer eine unüberschaubare Menge an tollen Kleinigkeiten oder auch kompletten Gerichten gibt. Schade nur, dass man die Hälfte so gar nicht identifizieren kann und erklären kann sie auch keiner, kaum jemand spricht ein Wort englisch. Also entweder beim Bekannten bleiben oder mutig probiert.

Ich mach beides. Lecker! Keine Ahnung, was genau ich alles gegessen habe. Unangenehm ist nur, dass man nirgends richtig sitzen kann. Ich klemme mich auf den Stuhl einer Standbesitzerin vom benachbarten Textil-Markt. Alle Thais lieben ihre Nightmarkets. Es ist immer voll! Und hier hat man die Chance, ganz viel zu kosten ohne gleich eine Riesenportion kaufen zu müssen.

Auf dem Rückweg durch ein dunkles Viertel – vor dem man sich hier in Thailand übrigens nicht zu ängstigen braucht- höre ich plötzlich lautes, hektisches Lautsprechergebrüll. Ich denke schon an einen Polizeieinsatz oder ähnliches. Aber nee, es ist nur eine Take Away Pizzeria, die mit einer Endlosschleife eine ätzende Werbung per Lautsprecher am laufenden Band wiederholt. Beim sehr eigenwilligen Klang der Sprache mit den endlosen Vokalen klingt das wirklich extrem…. auf der menschenleeren Straße, nachts halb elf.                                                                                       

Zum Schluss arbeite ich noch an meinem Karma und verfüttere mein mitgenommenes Essen an ein paar Katzen – in Sichtweite von Buddha, der alles von einem der blumengeschmückten Straßenaltäre mitansieht. Kann ja nicht schaden… von wegen Karma.

05 – Wer braucht schon Südsee…it´s Koh Kood!

Ganze 23 km ist sie lang, meine kleine Lieblingsinsel, kurz vor der kambodschanischen Grenze. Es gibt nicht allzu viel zu sehen, im Sinne von Erlebnisurlaub und Sightseeing … und genau das macht dieses kleine Eiland so schön für mich. Besiedelt ist eigentlich vor allem die Westküste und der Süden, der Rest ist Urwald und Strand.

Wenn ich es mal leid bin, nur von der Hängematte vor meinem Bungalow in die Kokospalmen zu blinzeln und die vielen Hunde und Katzen von Eve´s gestreichelt habe, dann schwinge ich mich schon mal auf mein Motorrad. Früher gab´s hier noch Roller, jetzt ist nichts mehr unter einer 125er Honda zu kriegen. Ich habe es einmal ohne versucht – 3 Tage habe ich es nur ausgehalten, denn man kommt wirklich nirgends hin. Aber zumindest die ersten drei Tage bin ich nicht wirklich locker mit so einem Feuerstuhl unter dem Hintern. Ich trage prinzipiell einen dieser hässlichen Eierschalen-Helme (sehr unvorteilhaft!), und ernte viele süffisante Blicke. Aber das ist mir egal, ich hatte hier schon mal einen Unfall….                                                                                                                                             

Die einspurigen Straßen haben so manches Loch und führen in wildem, und teilweise steilem, Auf und Ab kurvenreich über die Insel. Gleich am zweiten Tag wechsle ich das Motorrad, bei meinem ersten Model sind die Bremsen ziemlich zweifelhaft. Mit dem neuen Bike lege ich erstmal eine ruhige Übungsfahrt Richtung Süden ein, da wird die Strecke besonders heftig mit den Bergen und Kurven. Was ich sagen will – ich gehöre nicht zu den Adrenalinjunkies, die in rasendem Tempo hier die steilen Abfahrten runterdonnern   

Nach der Trainings-und Eingewöhnungsphase, genieße ich die Möglichkeiten des Mobilseins. Öfter fahre ich zum Sonnenuntergang an einen der Strände der Westküste. Zu meinen Lieblingsorten gehört der Neverland-Beach im Südwesten. Leider sind da inzwischen einige hässliche Betonbungalows hingebaut worden, zwischen die Palmen. Aber die muss ich ja nicht sehen, beim Blick aufs Meer. Mein Lieblingsplatz ist ein umgestürzter Baum auf dem ich sitzen kann, die Wellen reichen bis zu meinen Füssen und ich schwelge im kitschigsten Sonnenuntergangsszenarium, das man sich vorstellen kann. Immer wieder so schön… was bin ich doch für ein Seelchen…

Toll ist auch das schwimmende Fischerdorf Baan Ao Yai im Südosten. Alles ist auf Pfählen ins Meer gebaut, die Einwohner leben und arbeiten in halboffenen Holzhäusern auf Stelzen. Sie fischen, stellen die verschiedensten Dinge aus Fisch und Früchten her, ein bisschen Touristenkitsch ist auch dabei. Auf großen Planen trocknen Krabben und kleine Fische. Die Männer flicken Netze (nicht zur Touristenbelustigung) und die Kinder toben auf den Stegen rum.

Die meisten Besucher bleiben gleich im ersten Restaurant hängen, das auch in jedem Reiseführer steht, ich aber spaziere gewöhnlich in aller Ruhe bis ans Ende des Dorfes. Ziel ist das zweite, weniger besuchte Restaurant. Hier ist es viel ruhiger und man kann auf einer Holzterrasse auf dem Wasser die leckersten Fisch-, Krabben- und Softshell-Gerichte essen, die man sich vorstellen kann. Riesige Portionen, meist mit Orchideenblüten verziert, zu einem wirklich fairen Preis. Den Blick auf Bucht, Boote und die gegenüberliegende Seite der Bucht inklusive…

Aber ich bin in diesem Jahr wirklich faul, nicht mal meinen Standard-Ausflug zu einem der beiden Wasserfälle mitten im Dschungel, Klong Chao und Klong Yai Yee, schaffe ich. Lieber steige ich ein paar Minuten vor Eve´s am Million Beach ab, da liegt ein schmaler, aber schöner, ruhiger und von Palmen begrenzter Strand. Für den Durst zum Meerblick gibt es ein Restaurant und eine kleine Strandbude für ein Chang Beer oder was auch immer man gern hätte, damit der Sonnenuntergang nicht so trocken ist…

Einen richtigen Ort im klassischen Sinne gibt es auf der Insel kaum, hier leben gerade mal 20.000 Einwohner (das sind 18 pro Quadratkilometer). Meist sind es nur Ansammlungen von mehreren Häusern, viele davon Ressorts für Touristen oder locker an der Straße in die grüne Gegend gewürfelte flache Häuser aus Holz – unten gemauert, oben meist aus Blech, fast alle haben zur Straße hin eine überdachte Terrasse. Meist mit einem „business“, einem kleinen Laden, einem Bike-Verleih, einer Werkstatt, einem Tisch mit frischen Früchten oder einem Mini-Supermarkt mit vollgestopften Holzregalen. Und viele Restaurants. Klein und chaotisch, selten auch mal etwas schicker – aber eigentlich immer lecker. Ich habe es noch nicht geschafft, hier schlecht zu essen. Höchstens mal – sogar für mich – zu scharf.

Meistens aber esse ich brav „zu Hause“, Oo kocht großartig! Und hier kann ich auch mal 2 Bier trinken ohne noch fahren zu müssen und mit der Mitbewohner-Gemeinde plaudern. Wo kommst du her, warst du schon da oder dort, weißt du, wo…. Und manchmal igle ich mich auch an einem Tisch ein und schreibe an meinem blog.

Immer leistet eins der Haustiere Gesellschaft. Und oben, am Gebälk in der Mitte des Gastraums, wohnt seit Jahren ein größerer Gecko, der jeden Abend Posten an einem Balken bezieht und die Sache mit nach unten hängendem Kopf im Blick behält.l

Den Gecko fand ich immer sehr süss… bis vor ein paar Tagen sein Cousin des Abends in meine Hütte tobte… Ist nicht so schwer, denn zwischen Dach und Wänden sind 10 cm frei. Ich lag zwar unter meinem Moskitonetz, aber als das proppere 30 cm- Kerlchen da oben anfing Trapez-Artistik aufzuführen, begleitet von Kriegsgeschrei, habe ich dann doch die Coolness verloren. Ich bin aus dem Bett gesprungen und leicht bekleidet über das Grundstück nach vor gestürzt – aber da war schon alles leer und geschlossen!

Zum Glück saßen noch ein paar trinkfreudige Franzosen in einer Ecke, die mir die Panik wohl angesehen haben. Ein Ritter auf dem weißen Pferde ist dann mitgekommen und hat Gecko mit dem Besen durch die Hütte gescheucht, bis der sich…erstma-… davongemacht hat. Puh…

Übrigens habe ich zumindest am nächsten Tag erfahren, dass sowas regelmäßig passiert und die Viecher nur kommen, wenn das Karma stimmt 😉 und sie nur beißen, wenn man ihnen zu nahe kommt. Dann allerdings lassen sie nicht mehr los….

Am letzten Abend hätte ich mich nie gewagt, auswärts zu essen, wieso auch. Oo zaubert gebackene Scampi auf Ingwer-Bacon-Knoblauch-Glasnudeln. So was von lecker! Aber scharf… zwei große Chang neutralisieren und lindern den Anschiedsschmerz.

Rat, die Matriarchin, schreibt derweil meine Abschluss-Rechnung. Sie hat die ganze Zeit über alle Posten mit sauberer Schrift und Bleistift auf einem Block notiert. Und das von allen Gästen, die nicht gleich zahlen, das müssen nur externe Gäste. Man sagt nicht mal an, wenn man sich ein Getränk aus dem Kühlschrank nimmt – sie weiß alles, sie sieht alles. Von allen Gästen! Und die Rechnung stimmt immer! Ein Phänomen. Ich wünschte, ich hätte nur 10 Prozent dieser Fähigkeiten….

Um 8 Uhr am nächsten Morgen sammelt mich der Pick Up ein, ich konnte sogar noch frühstücken. Einen sticky rice mit Mango (Kokos-Klebreis) gibt´s noch für die Fahrt. Wir kleckern ein paar andere Ressorts ab um Mitreisende einzusammeln, bevor die wilde Fahrt, Schulter an Schulter mit Gepäck überall, noch einmal auf und ab über meine geliebte kleine Insel zum Hafen geht. Der Goldene Buddha über dem Hafen hat alles im Blick. Danke, kleine Insel! Kop khun kah!

Ich mache mich auf, etwas Neues zu entdecken. 2 Tage Chanthaburi, eine alte Stadt Richtung Nordwesten, bevor ich in 3 Tagen wieder nach Bangkok fahre, von wo aus mein Abenteuer dann nach Indonesien weitergehen soll.

04 – Abgetaucht

Eine gute Woche bleibt mir auf der Insel. Mein Versuch, noch 2 Tage zu verlängern, scheitert – es gibt keinen Platz mehr für mich im Guesthouse. Also genießen, soviel es geht! Mein erster Ausflug führt folgerichtig in „mein“ Dive Center, die Paradise Divers. Solange ich auf diese Insel komme, gehe ich hier tauchen, hier habe ich auch meinen dritten Tauchschein, den Advanced Open Water Diver, gemacht. Und da ich ein von Natur aus treuer Mensch bin und Tauchen zudem viel mit Vertrauen zu tun hat, komme ich immer wieder.

Mike, der Chef, ist Deutscher, lebt aber schon viele Jahre auf der Insel und ist inzwischen mit seiner charmanten Frau Peppermint, kurz Mint genannt, verheiratet. Die Tauchbasis hat das Virus überlebt, aber in abgespeckter Form. Es gibt kein großes Schiff mehr, nur noch drei kleinere Boote und deutlich weniger Tauch Guides, da ja keine großen Gruppen mehr zu gleicher Zeit rausfahren können. Aber zwei meiner alten Diveguide-Freunde, eine Österreicherin und ein Kambodschaner, sind noch da. Und wie es der liebe Teufel so will, sagen am ersten Tauchtag die anderen Teilnehmer ab und ich habe meine Privattour mit meinen beiden alten Spezis. Wie schön!

Wer nicht taucht, dem kann man nur schwer vermitteln, weshalb tauchen süchtig macht. Ja, die Fische, ja, die Korallen – aber nein, das ist es nicht allein. Es ist für mich – das Versinken in einer anderen Welt. Und eine andere Dimension, sich zu fortzubewegen.

Ein ganz anderes Körpergefühl. Nicht der aufrechte Gang zählt, nicht das kraftvolle Ausschreiten… hier gelten andere Fähigkeiten, die man erst neu entdecken muss. Atmen, gleiten, navigieren mit dem Körper…. einfach ein bisschen Fisch werden. Mein Sternzeichen… Ruhe, Konzentration auf sich selbst – wo benutzen wir das schon im Alltag. Es hat mich Mühe gekostet und leichte Angstanfälle, bis ich es begriffen hatte. Unter Wasser rückt alles andere ganz weit weg. Ich denke an nichts, ich schaue, atme, schwimme. Meine Art von Meditation total. Oder auch die Entdeckung der Langsamkeit – only lazy divers are good divers

Ja, und dann das Erlebnis Unterwasserwelt! Das Interessanteste, das Deep Blue. Die Farben, die Formen, immer wieder Neues, Anderes… Ich bin in diesen Tagen in vielen Korallenriffen getaucht. Ich habe keine Ahnung, wieviel verschiedene Arten es dort gibt – ich weiß nur eins: Um sie zu beschreiben, ist unsere oberirdische Begrifflichkeit ungeeignet. Wie soll ich all die verschieden Formen, Oberflächen und Muster beschreiben? Ich kann´s einfach nicht, mir fehlen schlicht die Worte dafür. Ich weiß nur, dass ich mich manchmal an 3D-Welten aus der Phantasie verschiedener Filmemacher erinnert fühle, wenn ich da unten „schwebe“. Die Filmwelt von Avatar ist ein bisschen ähnlich, nur nicht so phantasievoll, das hier ist vielfältiger und farbenfroher.

Wenn ich jetzt auch noch anfange, all die Fische, Muscheln, Schnecken, Kopffüßer, Krabben, Schwärme, Fischkindergärten, Anemonen und all die bizarren Lebensgemeinschaften unter Wasser zu beschreiben, wird keiner mehr weiterlesen. Aber soviel musste sein.

Umso trauriger und wütender macht es mich, den ganzen Plastik-Müll zu sehen, der jeden Tag mit der Flut an den Strand geschwemmt wird. Vor fünf Tagen haben wir wieder ein altes Netz mit darin verfangenem Plastikmüll entdeckt, in dem eine Schildkröte gefangen war, die elend verreckt wäre, wenn sie nicht gefunden worden wäre. Oft genug findet man Plastiktüten und -säcke auch am Meeresboden. Taucher nehmen sie natürlich mit.

Von all den Tauchgängen will ich nur einen einzigen hier erwähnen: Eine zweieinhalbstündige Fahrt mit dem Motorboot von Koh Kood entfernt, liegt ein riesiges Schiffswrack: die HTMS Chang. Einst von den Japanern als Kriegsschiff gebaut, wurde es später Thailand als Frachtschiff überlassen. Vor rund 20 Jahren hat man es dann bewusst gesunken, um Korallen darauf anzusiedeln und Fische anzulocken.

Es ist unglaublich: Das riesige Schiff steht aufrecht auf Grund, die Brücke nach oben ausgerichtet und der Fahnenmast trägt die thailändische Fahne – unter Wasser! Ein echtes Geisterschiff. Ein time warp. Wenn ich durch die verschiedenen Decks schwimme, an der Reling entlang, durch den Laderaum – dann fühle ich mich auf einer Zeitreise. Ich sehe im Geiste die Matrosen und den Kapitän herumlaufen und arbeiten. Es ist surreal! Das Schiff liegt in ca. 30 Meter Tiefe, ist also in ganzer Dimension nur für erfahrenere Taucher erlebbar.

Aber das ist kein Problem: Auch für Anfänger, die nicht tief gehen können, oder bei guter Sicht sogar Schnorchler, ist es ein Erlebnis: Hier sind tausende Fische unterwegs: Ein riesiger Fischschwarm schwimmt neben, über oder durch den nächsten. Wie eine gigantische Choreographie! Es sind tausende glänzender Fische in allen Farben: silber, gold, blau, weiß, gelb und alle Varianten von Streifen und Punkten. Und mittendrin immer mal ein paar verrückte Einzelgänger, die aus der Reihe tanzen: Fledermausfische, die zu dritt oder viert ihr aufrechtes Synchronschwimmen veranstalten, riesige Snapper und Zackenbarsche schwimmen stur ihren eigenen Weg, einzelne Flötenfische oder Seepferdchen, kringeln sich auf den rostigen, von Algen und Muscheln bewachsenen Decks

Zum Wrack sind es von Koh Kood gut 2 Stunden im Speedboat, das ist weit und der Tauchgang daher auch etwas teurer, aber ich muss es mir einfach immer mal wieder gönnen – wenn das Meer mitspielt und ruhig genug ist für die Bootsfahrt.

So vergehen viele meiner Tage zur guten Hälfte mit Tauchen, nachmittags bin ich faul, auch wenn ich es erst nach fast einer Woche schaffe, das zu genießen. Mein mitgebrachter Stresspegel war diesmal wohl sehr hoch. Ich war zwar schon oft hier, aber eine kurze Würdigung soll das Inselchen selbst doch noch erfahren…. im nächsten Blog.

02 – Tschüss Bangkok, hallo Insel

Insel-Days are lazy days. Aber nicht nur deshalb oute ich mich als träge und säumig in ungewohnter Weise, sondern auch im Interesse meiner Leser, die ich nicht mit allzu vielen Wiederholungen und Ausschmückungen dieser Tage langweilen will. Erstens ist dies nicht mein erster Koh Kood Blog (siehe vor 2020) und außerdem habe ich diese 10 Tage überwiegend meiner Leidenschaft, dem Tauchen, und dem Müßiggang gewidmet. Daher also nur ein Unterwegs-, einen Insel- und einen Tauchblog. Ab 3.2. wird es wieder mehr zu erzählen geben, dann ziehe ich weiter.

Der tägliche Bus der Bonsiri Gesellschaft, die auch die Fähre zu den Inseln Koh Kood und Koh Chang betreibt, hat mich am Freitag morgen um halb acht aus der Hauptstadt auf die Insel gebracht. Doch zuvor bin ich zu Fuß von meiner Bleibe Baan U Sabai in Riverside einen knappen Kilometer durch die erwachende Stadt gezogen. Das ist mir noch einen Absatz wert.

6:30 Uhr. Die Hitze hält sich in Grenzen, es ist noch nicht richtig hell. Der Lärm scheint mit der Sonne aufzustehen, noch ist es ungewohnt ruhig in den Straßen. Aber die Stadt bereitet sich auf einen weiteren busy day vor. Das kleine Restaurant gegenüber wird seit sechs geputzt und vorbereitet auf die Frühstückshungrigen, gleich wird es öffnen. Eben läuft eine der Frauen noch zu einer Händlerin auf einem Roller, die die traditionellen Blumenketten verkauft, mit denen die kleinen Altäre, Buddha-Figuren, Auto-Spiegel und Marktstände geschmückt werden.

Die phuang malai, diese wunderbaren Kunstwerke aus Blüten – die Farben weiss, gelb, orange, lila und manchmal rot – ernähren ganze Familien, präsentieren sie doch ein altes Gewerbe. Diese duftenden Ketten beschützen und bringen Glück. Deshalb sieht man sie überall: an Altären, in Geschäften, Foyers und auch oft an Auto-oder Motorradspiegeln. Sie werden täglich erneuert, die alten meist wieder zurückgegeben. Deshalb gehörn  die Händler zu den Ersten auf der Straße am Morgen.

Am Ende einer Gasse steht eine sehr alte Frau mit einem ebenso alten Grill auf Rädern und brutzelt Hähnchenspieße zum Frühstück für die immer hungrigen Bangkoker auf dem Weg zur Arbeit oder frühe Reisende wie mich.

Auf der großen Straße jenseits des kleinen Kanals, haben die ersten Bürgersteig-Restaurants ihre vier bis sechs wackeligen Tischchen schon gedeckt und frischen Chili in Essig bereitgestellt, ohne den kein Thai isst. Die Grills sind angeworfen und es duftet. Die größeren Restaurants schlafen noch.

Zwischen den ersten Verkaufsständen mit tausenden T-Shirts, Hosen, Tüchern und ähnlichem hocken die Verkäufer und löffeln ihre Frühstückssuppe oder gebratenen Reis. Dazwischen schläft der eine oder andere Obdachlose lang ausgestreckt auf dem Bürgersteig. Einem von ihnen stecke ich ein paar Baht für ein Frühstück in die Hemdtasche. Eine alte Frau putzt einen kleinen Buddha-Schrein, wechselt die Blumenketten und stellt die Box für die Spenden für Straßenkatzen auf. Man nimmt das mit dem Karma durchaus ernst – wer weiß schon, als was er wiedergeboren wird…

Ich kaufe noch etwas geschnittenes Obst und schon bin ich in der Tani Road. Hier werden in einem kleinen Ladenlokal die Fahrgäste eingecheckt, sie werden mit hässlichen roten oder gelben Schildern je nach Destination dekoriert. Es fahren zwei große Busse gleichzeitig ab, das kann leicht verwechselt werden.

Ein fröhlich Popsongs singender junger Thai, der zum stinkstiefeligen Muffel wird, als er sich dem Bus nähert, entpuppt sich als der Fahrer. Der Bus ist ziemlich schmutzig und voll beladen. Pünktlich geht es los und in der nächste dreiviertel Stunde quält sich der Bus durch den Berufsverkehr der Innenstadt, bevor er losrast Richtung Küste.

Die Fahrt ist lang und langweilig. Draußen zieht, bis auf die letzte Stunden eine eher öde und oft verdorrte Landschaft vorbei. Zwischendurch immer wieder seltsame Ensemble von Häusern entlang der Straße, ohne jede erkennbare Struktur eines Ortes. Wer wohnt hier? Wer hat hier sein Business? Keine Ahnung. Es hat etwas Trostloses. Dann plötzlich ein rotgold strahlender Tempel im Nichts – auch ohne Umfeld. Und Plantagen. Aber das wars dann auch schon. Der Fahrer hat ein paar Mal angehalten, offensichtlich für private Transportaufträge. Dafür bleibt diesmal keine Zeit für eine schöne Pause im Restaurant, wie ich es sonst kenne – ein Klo mit Kiosk muss diesmal reichen…

Dann endlich wird es grüner und freundlicher – das Meer ist in der Nähe. Plötzlich schallt laute Thai-Pop-Musik durch den Bus – die persönliche Art des Fahrers, die dämmernden Fahrgäste zu wecken, weil das Ziel in Sicht ist. Endlich … 6 Stunden…

An der Endstation vor dem Ao Salad Pier der Küstenstadt Trat ist alles perfekt organisiert. Hier ist ein kleines Restaurant, viele Fahrgäste haben vorher bereits ein Essen bezahlt und das steht auch schon bereit. Noch einen Fruitshake oder einen Iced Cappucino, dann fühlen sich alle besser.

Die Fahrer zweier kleiner, offener Trucks mit zwei Hängern stapeln in Windeseile viele Reisende und ihr Gepäck auf sehr wenig Raum in die offenen Anhänger und rumpeln über den langen Pier zur Highspeed-Fähre. Hier geht alles ganz schnell. 20 Minuten später sind wir auf See. Die bleichen Touristen drängeln sich auf dem sonnengefluteten Oberdeck, Thais und Kenner halten sich eher eine oder zwei Etagen tiefer im Schatten.

01 – Thailand & Indonesien – der Doppelwhopper

4 Jahre ist es her… 4 Jahre, in denen sich die Welt verändert hat. Ein Virus hat uns das Fürchten gelehrt, unsere Selbstsicherheit fragil gemacht – und vielleicht auch ein bisschen dankbar, wenn wir es überstanden haben – ohne persönliche Verluste, ohne Spätfolgen. Vier Jahre, in denen sich aber auch Gräben aufgetan haben – in der Welt, der Gesellschaft und – in Familien.

Sorry, für den leicht moralin- schnüffelnden Exkurs am Anfang dieses neuen Blogs, aber es waren Gedanken wie diese, die mir auf dem endlosen Nachtflug von Deutschland über die Türkei nach Bangkok durch den Kopf gegangen sind. Und daneben: einfach nur eine riesige Freude, nun endlich wieder dahin zurückzukehren, wo ich schon so viele tolle Dinge erlebt, gesehen und gelernt habe.

Die Sonne ist noch nicht aufgegangen, als die Maschine in Bangkok aufsetzt, warme Luft weht durch die Gangway…Yes! Der Berliner Winter ist Geschichte. Nur eine endlose Stunde in der Schlange zur Immigration Control… Auf dem Flug habe ich eine Thaifrau kennengelernt, die in Berlin lebt und auf Familienbesuch ist. Sie hat gewartet und besteht darauf, als erstes um halb neun Uhr morgens im Food Court ordentlich thailändisch zu essen. Heiß, scharf und sättigend!

Ich bestelle mir ein Taxi mit lady driver, das finde ich ein gutes Angebot, angesichts der oft rüden Bangkoker Taxifahrer. Ein etwas in die Jahre gekommener Honda mit Spielzeug und Kinderklamotten auf dem Vordersitz und einer netten Frau bringt mich in die Stadt – allerdings eine endlose Fahrt im schlimmsten Berufsverkehr traffic jam, in dem sich noch hunderte lebensmüde Motorradfahrer in Schlangenlinien durch die Autos schieben.

Ja, endlich wieder diese verrückte Skyline mit einem Gemisch aus futuristisch, funktionell, langweilig modern, prunkvoll mit goldenen Aufbauten in schwindelerregender Höhe, andere Gebäude wirken völlig abgedreht, futuristisch – wie unter psychedelischen Drogen entworfen…. dazwischen die eher niedrigen Wohnviertel, glitzernde Tempel, Moscheen jeder Größe und Slums aus Pappkisten und Brettern, vor allem entlang der Eisenbahntrasse. 

Nicht zu vergessen: die kitschigen, goldenen übergroßen Portraits des Königs, mal mit Gattin, meist ohne. Und gelegentlich von einer Frau in Militäruniform… ich glaube, das ist seine offizielle Konkubine.

Ich habe mir ein kleines Guesthouse in Phra Nakhon gesucht, dem historischen Viertel von Bangkok, durch den breiten Chao Praya Fluss getrennt vom Touristen-Viertel Bang Lamphu mit der ebenso bekannten, wie für seine Ballermann- Atmosphäre berüchtigten Khao San Road. Ich lande in einer winzigen Straße ohne Bürgersteige, in der es nur ein paar chaotische einheimische Läden und ein ebensolches Restaurant gibt. Wunderbar – wie eine alte Kleinstadt mitten in Bangkok! Es gefällt mir sofort! Neugierige, freundlich grüßende Menschen, die auf die versteckte Tür des Guesthouses zeigen.

Mir kommt alles ein bisschen unwirklich vor, so übernächtigt und kulturgeschockt. Ich checke ein – ein schmuckloses, aber sauberes und ruhiges Zimmer – alles perfekt. Nur, dass die drei typisch thailändischen Duschklos so klein sind, dass ich die Tür kaum schließen kann. Möchte gern einen etwas kräftigeren Mann bei dem Versuch sehen….

Um meine Müdigkeit in den Griff zu bekommen – was gäbe es Besseres als eine Massage! Und wenn man nicht gerade im Umkreis der Khaosan Road sucht, findet man sehr gute und preiswerte kleine Salons. Natürlich hat die Guesthouse-Angestellte sofort eine Freundin – sie bringt mich sogar persönlich hin, aus Freundlichkeit – und Angst, dass ich womöglich woanders hingehen könnte. Es ist eine himmlische Stunde zwischen Schlaf und kräftiger Thaimassage – für 4, 50€.

Über eine kleine Brücke neben einem tempelähnlichen Denkmal für irgendeinen historischen Kampf, dessen Namen ich absolut vergessen habe, führt eine kleine Brücke über einen Kanal in mein Viertel. Ein paar Schritte an meiner Straße vorbei residiert, mit riesigem goldenen Kaiserpaar verziert, eine protzige weiß-goldene Jungensschule, die zum dahinter liegenden -ebenso weiß-goldenen- Tempel der Erweckung gehört. Keine Ahnung, ob das nur eine normale Jungen-Schule ist oder hier auch spätere Mönche zur Schule gehen. Sieht schon lustig aus, wenn sie sich im Sportunterricht um beste Leistung bemühen und ein Mönch dazu stoisch einen großen Gong schlägt.

In den verbleibenden anderthalb Tagen bin ich viel durch mein sympatisches Viertel spaziert, habe mir den einen oder anderen Iced Cappuccino im Kampf gegen die Hitze gegönnt – push für den Kreislauf. Flüssigkeit für den Körper….

Ich habe mir natürlich den Erweckungs-Tempel gleich um die Ecke angeschaut. Ich möchte gern wissen, wie viele Tempel es allein in Bangkok gibt – gefühlt an jeder Ecke. Und alle sind wunderschön anzusehen, gepflegt, viel genutzt von Gläubigen und natürlich Heimstatt der Mönche… Entlang der Mauern, außen an der Straße, dutzende winzige Garküchen, die den Hunger nach dem Gebet stillen wollen. Jede hat nur ein oder ein zwei Gerichte, aber die sind so billig, dass man es kaum glaubt. Ein bis drei Euro pro Essen. In der Luft liegt der Geruch von Basilikum, Koriander und Chili.

Nicht unerwähnt bleiben soll mein erstes Frühstück in dem winzigen Restaurant gleich gegenüber meiner Unterkunft. Es öffnet vor sieben Uhr. Vier Plastiktische und Stühle sind das Gäste–Mobiliar, der hintere Teil des Raums ist ein chaotisch verkramtes Lager, indem sowohl Zutaten wie auch jede Menge rätselhaftes Zeug liegt und wo natürlich gekocht und geschnippelt wird. Es gibt sogar eine alte Espressomaschine, mit der ich einen wohlschmeckenden Cappuccinos zubereitet bekomme. Gegessen wird natürlich zu jeder Tageszeit warm. Was sonst? Ich entscheide mich für eine spicey Suppe mit Gemüse, Ei und Hühnerfleisch. Auf die lauernde Frage, ob ich denn wirklich scharf esse, antworte ich mit Ja und werde freudestrahlend in den Kreis der Kunden aufgenommen. Lecker!

Ich will es damit bewenden lassen bei meinen müdigkeitsschweren beiden Tagen in Thailands Hauptstadt – aber einen Ausflug habe ich dennoch unternommen, um etwas neues zu sehen. Ich bin mit einem Tuktuk in Pink und einer netten Fahrerin ( die Männer wollten freche Preise) nach Lupini-Park gefahren. Gute acht Kilometer vom Zentrum entfernt wird er in Reiseführern als weitläufige Dschungel-Oase der Stadt gepriesen.

Es ist ein ziemlich großer, aber nicht besonders großer Park mit ein paar schönen Bäumen, zwei Seen und natürlich zwei eher bescheidenen Tempeln. Das Schönste ist das Panorama des Parks vor der Skyscraper-Kulisse rundherum. Das ist wirklich ein verückter Eindruck. Ansonsten ist es offensichtlich das Läufer-Paradies für Bangkoker aller Altersklassen – es gibt sogar eine Läuferstation, wo man seine Sachen deponieren kann. Aber man sieht auch, dass der Park seine besten Zeiten hinter sich hat: Viele vertrocknete Flächen, wenig einladenden Bänke und ein verfallener Riesenbau, der wohl mal das Parkcenter war. Und ein paar hässliche Buden, wo es Erfrischungen gibt.

Für den Rückweg entscheide ich mich für den Skytrain – die Bangkoker U-Bahnvariante, die auf hohem Viadukt durch die Stadt rast – und dann, an der Endstation, in das Schnellboot auf dem Chao Praya umzusteigen – ganz normaler Teil des öffentlichen Verkehrsnetzes. Schnell, luftig, manchmal feucht, aber garantiert ohne Warten im Stau.

Wieder einmal bin ich beeindruckt über die Disziplin: auf den Bahnsteigen des Skytrain ist die Bahnsteigkante von Glaswänden verschlossen, deren Türen sich direkt vor den Zugtüren öffnen. Neben den Türen warten, ohne jedes Gedränge, geduldig viele kleine Schlangen von Menschen, die in die immer vollen Züge einsteigen wollen. Kein Gedränge, kein Geschubse – einfach geduldiges Fügen in das unvermeidliche, tägliche Spiel. Im Zug ist es eisig, die Klimaanlage ist gnadenlos. Einige Fahrgäste tragen immer noch Masken, eine Erinnerung an das Virus. Draußen fliegt die Stadt vorbei – Speed-Sightseeing von oben. Die Fahrt kostet weniger als einen Euro, die Tickets darf man – um Gottes Willen – nicht verlieren oder auch nur verkramen, sonst kommt man durch die Schranken nicht wieder raus und wird sofort von den eher rüden Kontrolleuren angeblafft.

Am Sathorn Pier, der Umsteigestation vom Skytrain in die Schnellboote, herrscht Feierabendgewimmel, gemischt mit orientierungslosen Touristen, die verschiedene Boote gebucht haben. Eben das übliche Chaos. Ich frage eine Frau in Uniform nach dem richtigen Boot, sie reist mir das Geld aus der Hand, zerrt mich rennend hinter sich her, löst an der Kasse, an der Schlange der Wartenden vorbei, eine Karte für 1 Euro und zieht mich auf die Rampe, wo ich als letzte ins Boot springe, das im selben Moment ablegt.

Ich genieße die Fahrt im Sonnenuntergang den Fluss hinauf Richtung Norden, Eine Las Vegas würdige gigantische Designer Shopping Mall im Lichterglanz, mehrere Tempel, jeder anders, die Lichter von Chinatown, beleuchtete Restaurants und der Große Palast und ziehen vorbei. Beleuchtete Touristendampfer und bunte blumengeschmückte Longtailboats lassen den Fluss zu einem belebten Ort werden. Ich liebe diese Fahrt. Ich bewundere wieder einmal, wie es der Capt´n schafft, an allen Haltestellen exakt am Steg anzulegen, ohne Helfer, mit laufendem Motor. Und das Boot ist nicht klein! Endstation ist Phra Artit . Ich wohne ganz in der Nähe.

Last night in Bangkok – ein Essen am Straßenrand an einem wackeligen Tischen für 70 cent, einen Absacker in einer seltsamen Hippiekneipe 100 Meter von meinem Guesthouse…. morgen um viertel vor sechs ziehe ich durch die aufwachende Stadt zum Bus, der mich nach Trat bringt und von dort per High Speed Fähre auf meine geliebte kleine Insel Koh Kood.

1 . Wiedersehen 2023 – anders als erwartet

Brasilien! Endlich wieder. Nach dem unschön abgebrochenen Urlaub mit Lockdown und gestrichenen Flügen vor 3 Jahren ….den Koffer in Vorfreude auf viele Wiedersehen voller Geschenke gepackt und 6(!) Brote auf Bestellung…


Doch die Freude wird schnell gebremst, als mich mitten über dem Atlantik Nachrichten von Freunden erreichen, dass der Küstenabschnitt Litoral do Norte de Sao Paulo in Regen und Überschwemmungschaos versinkt. Überschwemmungen sind im Sommer an der Tagesordnung, aber das, was ich jetzt lese, scheint um einiges schlimmer und steigert sich mit jeder message. Da ist von kaputten Straßen und Bergrutschen die Rede. Es seien die schlimmsten Regenfälle seit über 50 Jahren.


Ich bin froh, dass wir für die Nacht eine Pousada in Flughafennähe in Guarulhos gebucht haben, um morgens weiterzufahren. Bis dahin wird hoffentlich einiges klarer. Die Ankunft verläuft reibungslos, sogar das Gepäck ist da. Ein Taxi bringt und zur Pousada Casa do Manguinho.


Die Straßen der Satellitenstadt neben Sao Paulo wirken ziemlich düster und strotzen nur so vor gefährlichen Löchern, die Häuser sind größtenteils mehr oder weniger heruntergekommen… herumlaufen möchte ich hier gerade nicht – mir sitzt wohl die Erinnerung an den Überfall vor 3 Jahren in Salvador tiefer als ich zugeben wollte. Aber ich bin seit 24 Stunden wach und etwas angeschlagen.


Die kleine Pousada ist einfach, sauber und der Empfang freundlich. Wie sich nach etlichen Telefonaten und Chats bestätigt, ist das Ausmaß der Katastrophe an der Küste noch nicht absehbar, schon ist von 40 Toten und vielen Vermissten die Rede. Wir müssen wohl oder übel erstmal in Sao Paulo bleiben, zum Glück ist schnell klar, dass uns eine Freundin Obdach gewähren wird.


Am ersten Morgen stolpern wir durch die arg kaputten Straßen des Viertels auf der Suche nach Frühstück, aber es ist Karneval und bis auf ein paar Ausnahmen ist alles eher ausgestorben und geschlossen, das Frühstück fällt karg aus. Schließlich entdecken wir noch, dass unsere Pousada, die in einem schmalen, aber genial genutzen 3 stöckigen Haus untergebracht ist, eine phantastische verg laste Dachterrasse hat, mit Blick auf die tieferlegende Stadt und Landschaft und die startenden Flugzeuge . Tolles Bild.


Mit dem Taxi geht’s dann endlich nach Sao Paulo, auf der Fahrt über die Stadtautobahn kommen erste Wiedersehensgefühle auf, ich sauge die Skyline, ein paar hässliche Denkmäler und den Blick auf den scheusslichen großen Wasserauffangkanal neben der Autobahn auf, der die 800 m hoch gelegene Stadt vor den schlimmsten Auswirkungen der regelmäßigen Wolkenbrüche retten soll. Alles nicht wirklich schön, aber es erzeugt eine kleine Wiedersehensfreude nach den Jahren der Pandemie.


Die Adresse der Freundin (unserer Freundin an der Küste) liegt an dem wunderbaren Parque da Luz im Stadtteil Bom Retiro. Der Empfang ist herzlich, obwohl wir uns nur einmal vor Jahren begegnet sind und wir haben ein nettes kleines Schlafzimmermit Blick auf den Park, der, wie ein paar andere in der Steinwüste Sao Paulo ein echtes Stück Urwaldoase mit wunderschönen Bäumen ist. Gruselig nur, dass an den Mauern rundherum überall die Obdachlosen hausen, die meisten von ihnen auf Crack und somit nicht eben harmlos. An den Ecken des Parks ist ständig ein schwerbewaffnetes Polizeiaufgebot, zusätzlich schnüren noch mehrmals täglich Kolonnen berittener Poizei durch die Straßen. Viel mehr als früher, aber die Verhältnisse sind noch härter geworden und außerdem wird die Stadt und der dazugehörige Staat von einem straffen Bolsonaro- Anhänger regiert, der Militär und Muskelnzeigen liebt.


Ich will an dieser Stelle meine Erzählung ausnahmsweise auf fast foreward umstellen, um die folgenden zweieinhalb Tage im Schnelldurchlauf zusammenzufassen. Denn irgendwie ist das alles… statt Urlaubsbeginn eher ein Warten mit Stadtspaziergängen an einer ungewohnt stillen Stadt – fast alles ist geschlossen am Karneval, am Aschermittwoch alles müde – sogar unser bahianisches Lieblingsrestaurant Rota Do Acarajè, in das wir Barbara und ihren Sohn Christian als Dankeschön ausführen wollten, hat Katerpause.


Die Nachrichten im Fernsehen von der Küste sind erschütternd, abgerutschte Berge, zerstörte Häuser und Straßen, umgestürzte Bäume und verwüstete Strände, es ist von über 40 Toten die Rede, über 80 Menschen werden noch vermisst. Unseren Freunden in Camburi uns Boicucanga geht es allesamt gut, ein Glück .

Am schlimmsten hat es natürlich die Armen erwischt, in ihren Pappschachtel Häusern, die auch noch oft auf gefährlichem Schwemmland illegal gebaut haben, weil sie sich kein Land leisten können. Die Orte zwischen Bertioga und Sao Sebastiao sind abgeschnitten, die Straßen unbefahrbar oder nicht mehr existent. Die Orte seiesn nur noch mit Hubschrauber zu erreichen, alle Karnevalsurlauber, die es sich leisten können, zahlen horrende Preise, um ausgeflogen zu werden. Sonst sind die Orte nur noch per Boot zu erreichen.


Präsident Lula kommt, man mag über solche Besuche denken , was man will, aber die Leute hier empfinden es wirklich als Sorge und Trost. Das Militär und die Polizei aus weit entfernten Gebieten rückt mit schweren Räumfahrzeugen, Hubschraubern und Suchmannschaften an. Wir sind in ständigem Kontakt mit unseren Freunden, die uns auf dem Laufenden halten.

Nur unseren Freund André, einen Deutschen, hat es in der Form getroffen, dass sein im Urwald auf über 2 Meter hohen Stelzen gebautes Haus, das erste Mal im unteren Geschoss geflutet war. Schlimmer ist aber, dass der riesige, lebensnotwendige Wasserturm neben dem Haus kaputt ist. Aber deprimiert sind natürlich alle. Die Dramen sind das alles bestimmende Moment.


Das alles wirkt auf uns irgendwie irreal, wir sind ein bisschen aus der Zeit gefallen, gestrandet, und stellen auf Improvisation um

5 – Alt und schön

Taormina. Das ist mein Plan für heute. Ich habe gehört, daß diese alte Stadt an der Ostküste besonders schön sein soll. Es bedeutet zwar rund zwei Stunden Fahrt, aber das nehme ich gern in Kauf. Das Wetter wird immer noch von dem an der Küste vorbeigezogenen Hurrican beeinflusst – viele Wolken, mal sehen, was der Tag bringt. Auf jeden Fall ist es schön warm.
Einmal unten auf der Autobahn Richtung Messina angekommen, geht die Rallye wieder los. Wozu hier überhaupt Geschwindigkeitsschilder stehen, weiß ich nicht. Ich habe mich schon ziemlich angepasst, trotzdem gehöre ich immer noch mit Abstand zu den Langsamsten…


Die Strecke bis Milazzo kenne ich ja schon, danach kommen nur noch ein paar Tunnel, zum Glück. Aber je näher Messina rückt, desto niedriger und weitläufiger werden die Berge, sie sind nicht mit so vielen Bäumen bewachsen, wie weiter westlich. Ein anderes Landschaftbild, sanfter. Mir gefallen allerdings die wilden Berge besser. Aber das Meer bleibt fast immer in Sichtweite.


Kurz vor Messina endet diese Autobahntrasse, man muss durch die Mautstelle. Hier gibt es immer Automaten, die man vom Auto aus ziemlich schlecht erreicht. Allerdings sitzt ganz still und möglichst unauffällig ein Kassierer hinter der Scheibe daneben. Theoretisch kann man dann auch bei ihm bezahlen. Aber man tut es besser nicht. Seltsamerweise sehen die dicken älteren Herrn alle gleich aus und sind auch alle gleich bärbeißig und genervt, wenn so ein Störenfried sie mit Arbeit nervt. Muss wohl so in der Arbeitsplatzbeschreibung stehen.
Von der Großstadt Messina auf dem Nordostzipfel von Sizilien gelegen, bekomme ich nicht viel zu sehen, äußert den südlichen Ausläufern. Aber der Autobahnwechsel zur Nord-Süd-Richtung ist ein Erlebnis. Das Kreuz mit mehreren Ab-und Auffahrten liegt in einer großen, breiten Schlucht. Besser gesagt, eher darüber. Es ist eine gigantische Viaduktspirale, die aussieht wie die XXL-Version einer Kugelbahn für Kinder. Wer hier nicht aufpasst beim ewigen im Kreisfahren, stürzt tief!


Nun also nach Süden, am Horizont werden hohe Bergzüge sichtbar und dann endlich auch, dunstumhüllt, der Ätna. Die Küste wird wieder deutlich schöner, es sind wieder Strände zu sehen. Eine Dreiviertelstunde später schraube ich mich endlose Schlangenlinien nach Taormina hoch. Das kleine Auto keucht schwer im ersten und zweiten Gang nach oben und nervt damit die PS-starken Kollegen hinter mir.


Irgendwann nach dem dritten Tunnelausgang bin ich am Rand der Altstadt ganz oben auf dem Berg angekommen. Mir bleibt nur ein sündhaft teures Parkhaus, es gibt keine anderen Parkmöglichkeiten, es sei denn, ich fahre wieder die ganze Strecke runter. Aber das ist schnell vergessen. Durch das alte Messina-Tor kommt man in die eigentliche Altstadt, auf den Corso Umberto. Eine wunderschöne alte Straße, die sich für die zahlreichen Touristen in eine hübsche Shoppingmeile mit vielen Möglichkeiten zum Essen und Kaffeetrinken verwandelt hat. Kein billiger Ramsch, eher hochwertiger und schicker. Aber auch für die, die das nicht interessiert, ist es schön, hier herumzuspazieren. Immer wieder zweigen winzige, enge Gassen und Treppen ab. Blickt man durch eine solche Gasse nach oben, erhebt sich dahinter eine beeindruckend hohe, felsige Bergkuppe mit einem Gipfelkreuz.


Durch eine weiteres Tor in einer alten Mauer gelangt man auf die Piazza IX. Aprile mit gleich zwei Barockkirchen und einem Uhrenturm in der Mitte. Das schönste an dem nur zu drei Seiten bebauten Platz ist die vierte Seite: Sie bietet ein Panorama über Berge und die Küstenlinie nach Süden. Da dies ein besonderer Anziehungspunkt für Touristen ist, ist es natürlich auch der beste Platz für Künstler und Straßenmusiker. Der Corso Umberto schlängelt sich noch eine Weile dahin, bis zum nächsten alten Stadttor und einem sehr schönen alten Palazzo, dem Palazzo Corvaja.


Nur fünf Minuten entfernt ist die wohl berühmteste Sehenswürdigkeit Taorminas: Das Teatro Greco, ganz oben auf dem Berg, zur einen Seite direkt über dem tief unten liegenden Meer. Der Eintritt ist nicht billig, aber das ist egal.
Das antike Amphitheater hat seinen Namen eigentlich von seinem zerstörten Vorgänger: Die alten Griechen hatten hier im 3. Jh v. Chr ein Theater gebaut. Ein Jahrhundert später haben dann die Römer an gleicher Stelle den jetzigen Bau errichtet. Für sein stolzes Alter ist noch ziemlich viel von dem alten Gemäuer erhalten: Die beeindruckend große Arena mit den Sitzreihen, das Orchester, die oberen Wandelgänge, eine Aussichtsplattform. Und das schönste sind die Mauerdurchbrüche auf der Rückseite der Bühne, durch die man auf die Stadt, die Küste und – den Ätna am Horizont schaut. Irgendwie seltsam sich vorzustellen, daß hier dereinst einige von den großen Feldherrn wie Octavian und Hadrian gesessen und sich divertiert haben…


Ich durchstreife noch ein bisschen die alten Gassen, aber dann bin ich geschafft und brauche eine Pause mit Limonengranito und Bruschetta. Ich konnte von hier oben schon einen ausgiebigen Blick auf die berühmte Isola Bella unten vor der Küste werfen – eigentlich wollte ich da noch hinfahren und auch an den Strand gehen. Aber nun scheint mir das doch zu stressig zu werden, immerhin muss ich noch zurück, und das würde ich gern vor der Dunkelheit schaffen.

Ich schlängele mich auf einem neuen Weg durch Taormina zurück zum Meer und zur Autobahn. Auch die nicht direkt zur Altstadt gehörenden Viertel sind heimelig und angenehm, aber es gibt unglaublich viele Hotels hier. Die Strände nach Süden sind zwar lang, aber nicht unbedingt zu Fuß zu erreichenAuf den Serpentinen nach unten jagen mich Motorroller- und Motorradfahrer mit röhrenden Motoren, sie kleben genervt an meiner Stoßstange, dabei kann ich angesichts der extremen Kurven nun wirklich nicht schneller als 50 kmh fahren.


Ich fahre auf einen Blick an der Isola Bella vorbei, bevor ich zurück auf die Autobahntrasse abbiege. Schnell bin ich wieder in Messina. Hier ist in Richtung Palermo aber die erste echte, kilometerlange Baustelle. Es gibt eine Umfahrung, auch Mr. Google weiß das. Die Route führt ein Stück durch Messina, so dass ich nun doch einen Eindruck bekomme. Dann geht es über die Dörfer in teilweise extrem engen Straßen – immer weiter nach oben. Irgendwann werde ich misstrauische, auch wenn das Navi stur bleibt. Inzwischen bin ich ganz oben in den Bergen über Messina. Und auch wenn das Folgende langsam inflationär wird: Wieder einmal bin ich begeistert von dem Blick, der diesmal gleich über mehrere hohe Bergzüge reicht. Manchmal stehen Kirchen, alte Festungsruinen ganz oben drauf. Der Himmel darüber schmückt sich mit Wolkengebirgen, die Sonne wirft ein paar Strahlen auf die Erde. Fast schon zu viel Postkarte.


Aber die Strecke hört nicht auf, sie wird immer länger und es ist nicht übertrieben, wenn ich sage, dass ich meine Hände am Lenkrad keine zehn Sekunden gerade halten kann, eine Kurve jagt die nächste. Da könnte eine Geschäftsidee drauss werden: Extremfahrtraining in echter Natur. Aber die absolute Krönung habe ich noch vor mir: Die alternativlose Strecke führt mich durch ein hochgelegenes Städtchen mit Straßen, in denen immer nur abwechselnd Autos aus einer Richtung passieren können. Und der Clou am Schluss: eine steile Gasse, die so schmal ist, dass ich mit dem Panda kaum durchkomme ohne die Mauer links und rechts zu touchieren.


Das Navi hat zwar wieder mal versagt bei diesem langen und anstrengenden Umweg, aber – es war ein aufregender und schöner Umweg. Nur gut, dass ich allein im Auto war (was ich übrigens hier schön öfter gedacht habe) – denn dem jeweiligen Beifahrer wäre garantiert schlecht. Endlich wieder unten auf der Küstenstraße, erreiche ich auch bald die Autobahn, die ich mir für den Rest des Weges verdient habe.


Die Sonne steht schon tiefer, aber hoch genug, dass ich mir noch meinen täglichen Ausflug ans Meer erlauben kann, bevor ich nach Santa Margherita hochfahre. Diesmal lande ich per Zufall an einem besonders schönen Strand in Mangiova, dem Grotte Strand. Ein ausgiebiges Bad unter einem kitschigen echten Regenbogen krönt meinen spannenden Tag. Als Ich auch noch ein kleines Restaurant entdecke, beschließe ich, hier im Sonnenuntergang zu essen.

Es war eine sehr schöne Zeit auf Sizilien mit vielen Entdeckungen, die Lust auf mehr gemacht haben. Und der morgige Tag wird für mich noch mal schön, für Leser aber uninteressant: Da ich mein Auto abgeben muss, haben mich ein paar sehr nette und lustige Leute aus dem Hotel eingeladen, mich mit an genau diesen Strand zu nehmen für einen letzten genussvoll faulen Tag. Sonne, Meer und süße Träume….

1 – Tief und Hoch

Sechs Uhr und ich schaue vor meinem Bungalow der im Nebel versteckten aufgehenden Sonne zu. Ich bin ein bisschen aufgeregt, denn ganz kurzfristig hat sich ein Abenteuer ergeben. Tauchen! Ich habe vor zwei Tagen eine Werbung an einer Hauswand gesehen und nur aus Neugier über die hiesigen Konditionen eine e-mail geschrieben. Irgendwie dachte ich, dass die Saison wahrscheinlich vorbei ist, denn es sind nicht mehr viele Touristen unterwegs. Während der Tour gestern habe ich aber eine prompte Antwort erhalten und das Angebot, heute früh zu tauchen. Da konnte ich nicht widerstehen…


Ich bin überpünktlich beim Dive Center „Aqua Element“ am Strand von San Giorgio. Die gute Nachricht: Die Tauchgruppe besteht aus dem Instructor Marco und Mario, einem älteren Taucher, der wohl ein Freund ist. Ich muss nun nur noch die passende Ausrüstung finden, also anprobieren. Zu meinem Missfallen besteht Marco auf einem langen Suit mit Jacke und Kapuze. Angeblich ist es sonst zu kalt, was mir bei einer Temperatur von 22 Grad auf dem Grund wenig einleuchtet.


Ich hasse dieses dicke Zeug, was man nur mit viel Aufwand und Kraft anziehen kann und in dem man sich dann kaum bewegen kann! Es verunsichert mich total, zumal die Hose zu lang ist. Aber da muss ich wohl durch. Wir fahren vom Strand mit einem Schlauchboot los, Ziel sind zwei verschiedene Felsen, die etwas östlich Richtung Patti aus dem Meer ragen. Ich fühle mich immer noch etwas unwohl mit dem dicken Zeug. Aber im Wasser wird es hoffentlich besser. Mit dem schweren Rest der Ausrüstung behangen, geht dann alles sehr schnell.


Die Sicht ist exzellent – das Wasser ruhig und klar, leider scheint oben keine Sonne, sonst wäre es sicher noch schöner. Lobster winken mit ihren fluoreszierenden Fühlern, verschiedene Fische schwimmen vorbei, auch am Grund ist einiges Meeresgetier unterwegs. Immer wieder großartig, wenn auch nicht zu vergleichen mit den tropischen Gewässern. Doch ich komme irgendwie nicht recht zur nötigen Ruhe, denn mein Tank sitzt nicht mittig und ich versuche ständig daran herumzuzerren, weil er mich beim Schwimmen stört. Und irgendwann passiert es, ich werde nervös, achte nicht auf die richtige Schwebebalance, versuche zu schnell zu tarieren – und steige unbemerkt nach oben. Das sollte so nicht sein, ist aber nun mal passiert, der Instruktor hat es nicht verhindert.


Einmal oben, ruhe ich mich erst mal eine Weile aus und schwimme zum Boot zurück. Die beiden lassen mich in der Obhut des kugelrunden Bootsmanns und gehen noch mal unter Wasser, denn der Tauchgang hat erst eine halbe Stunde gedauert. Alles kein Problem, aber ich habe leichte Kopfschmerzen und verzichte vernünftiger Weise auf einen weiteren Tauchgang. Ein bisschen traurig bin ich schon, aber es wäre keine gute Entscheidung. Ja, ich bekenne es: Ich bin zwar kein Warmduscher, aber eindeutig ein Warmwasser-Taucher! Das ist meine Welt.


Zurück in meinem kleinen Auto überlege ich, was ich mit dem Rest des Tages machen will, das Wetter sieht eher nach Regen aus. Der Bootsmanns hat mir „Santuario de Tindari“ gezeigt, eine Kathedrale, die östlich von Patti majestätisch auf einem besonders hohen Berg thront. Das ist die beste Idee. Nach rund 40 Minuten durch die üblichen engen Serpentinen bin ich endlich da, d.h. im Dorf Tindari. Unterwegs habe ich wunderbare Sicht auf das beeindruckende Bauwerk gehabt, aber leider kann man auf diesen Straßen nicht anhalten.


Vom Dorf aus muss man den Rest zu Fuß oder per Shuttle-Bus zurücklegen. Aber es ist Mittagzeit, und da ist sogar die Madonna beim Essen: Es ist erst um 15 Uhr wieder geöffnet. Ich kehre in einem kleinen Restaurant zum Mittagessen ein. Ich bin der einzige Gast, außer einer italienischen Drei-Generationen-Familie, die hier irgend etwas feiert. Oder doch eine Beerdigung? Fast alle tragen Schwarz, die Männer weiße Hemden, am Kopfende sitzt der Patrone. Es ist wirklich immer dasselbe: Schon wieder das perfekte Klischee. Zwar nicht der Pate, aber eine Bilderbuch-Familie mit allem, was dazugehört, inklusive Zigarre, die er abseits von seinen Söhne flankiert, raucht.


Ich werde von Kellner gebeten, mich umzudrehen und die Familie zu begrüßen, die hier die Goldene Hochzeit der Familienoberhäupter feiert. Ich gratuliere angemessen, mit vielen bewundernden und freundlichen Gesten, mangels der richtigen Worte. Der Patrone ist zufrieden und wünscht mir huldvoll „Gute Appetitte!“


Als ich schließlich auf dem Berg mit der Kathedrale ankomme, nieselt es, aber das tut dem Eindruck des Riesenbauwerkes keinen Abbruch. Es ist eine Wallfahrtskirche mit einer Schwarzen Madonna. Das interessante Bild mit der schwarzen Madonna über dem Altar soll der Überlieferung gemäß nach einem Bildersturm in Konstantinopel im 9. Jh unbeschadet in einer Kiste an der sizilianischen Küste angeschwemmt worden sein. Es trägt die Aufschrift „Ich bin schwarz, aber schön“. Reicht wohl doch schon länger zurück, die Black Lives Matter – Bewegung…

Die Kirche, die groß, aber nicht sonderlich hübsch ist, wurde aber erst in den 50er Jahren gebaut.
Aber das Schönste ist der Ausblick von der Piazza vor der Kirche: Ein beeindruckendes Panorama der 220 Meter tiefer gelegenen Küste mit einer ungewöhnlichen Sand-Landzunge in der Lagune von Oliveri. Auf der anderen Seite blickt man auf das Gebirge. Aber die Küste sieht besonders spannend aus.


Und genau da will ich als nächstes hin. Obwohl Laghetto di Marinello, wie der Strand heißt, direkt unterhalb der Kirche liegt, ist es eine gute halbe Stunde Fahrt durch die Berge, bevor man endlich unten ist. Aus meinem Plan, auf die Landzunge zu wandern und das angrenzende Naturschutzgebiet anzuschauen, wird aber nichts: Es regnet. Aber – ohne Bad im Meer geht nicht. Also hopse ich schnell rein. Ich kann nicht so schnell wieder weg, wie beabsichtigt, da ein alter Fischer in mir einen willkommene Gesprächspartner sieht. Irgendwie merkt er nicht, dass ich nur einen Bruchteil verstehe. Ich höre, was über zu wenig Fisch klagt, was an den Winden aus Afrika liegt. Ich muss wohl an den richtigen Stellen den Kopf geschüttelt oder erstaunt geschaut haben – er freut sich. Und nass bin ich sowieso. Aber schließlich trolle ich mich und mache mich auf den Rückweg.


Heute ist sizilianischer Abend. Der Chef versichert sich persönlich, ob ich auch komme. Angesichts von gutem Essen und Wein werde ich mir das nicht entgehen lassen. Das Restaurant ist voll – jedes Zimmer hat seinen Tisch. Was ich nicht wusste: es gibt natürlich auch sizilianische Musik. Drei Musiker aus dem Dorf ziehen mit Gitarre, Akkordeon, viel Stimmgewalt und massenhaft Herzschmerz durch das Restaurant. Sie sind zum Glück wirklich musikalisch und etwas abgedreht, und so kann ich das folkloristische Element des Abends mit einigem Humor ganz gut aushalten. Bald ist der Gitarrist so blau, dass er den Wein aus den Gläsern der überraschten Gäste trinkt. Die Italiener sind schlauer – die halten den Jungs gleich eigene Gläser hin.


Nach dem vierten Gang mit allein vier Sorten Fleisch und Wurst ist mir langsam schlecht – soviel kann ich einfach nicht essen. Ich darf gar nicht an den Nachtisch denken! Also lege ich ein Trinkgeld auf den Tisch und entschwinde durch die Hintertür. Ich sitze noch ein Weilchen am nächtlichen Pool und verdaue, dann kann ich mich ins Bett wagen.