6 Tana Toraja – gelebte Tradition

Wir haben viel vor in den kommenden Tagen. Ganz im Mittelpunkt natürlich: eine Begräbnis-Zeremonie. Und die gibt es hier so regelmäßig, dass man fast immer das Glück hat, eine mitzuerleben – beziehungsweise einen Tag davon.

Denn tatsächlich dauert jedes Begräbnisfest 4 oder 5 Tage. Wie groß, lang und prachtvoll es ausfällt, hängt davon ab, wie reich die Familie ist. Aber auch die kleinen Leute versuchen, ihren Toten auf diese Weise die letzte Ehre zu geben, nur wer es sich gar nicht leisten kann und auch niemanden hat, der Geld leiht, begräbt seine Toten einfach. Rambu Solo heißen diese Feste, mit denen der Verstorbene ins Jenseits, das Puya, geleitet wird.

Doch auf dem Weg zur Zeremonie machen wir zuerst noch einen Abstecher nach Kete Kesu. Hier erklärt uns unser Führer mit dem christlichen Namen Johannes erstmal ein bisschen Wesentliches aus Tana Toraja: Leben und Sterben. Der Ort hier steht unter Denkmalschutz, trotzdem dürfen die Familien, denen die Gebäude hier gehören, sie weiter benutzen.

Ich habe bisher eine Besonderheit dieser Region unterschlagen – unverzeihlich, macht sie doch das Gesicht von Tana Toraja aus: die ganz spezielle Bauweise der Häuser mit beidseitig spitz weit nach oben hochgezogeneen Giebeln, bunt, mit Schnitzereien und meist Büffelhörnern geschmückt und auf Stelzen gebaut. Was es damit auf sich hat, haben wir in Kete Kesu gelernt.

Es gibt zwei verschiedene Hausarten, die aber beide bis heute bei allen Familien, die es sich irgendwie leisten können, zusammengehören. Zunächst die etwas kleineren, als Reisspeicher genutzen Häuser. Reis ist kostbar, ernährt hier jede Familie und muss gut gelagert werden. Fast alle Familien haben hier noch Reisfelder, die einen Großteil der Ernährung über das Jahr ausmachen. Diese besonderen Speicher werden gebraucht, nachdem der Reis geerntet und getrocknet wurde. In dem Raum auf Stelzen wird er hier gelagert. Es ist recht mühsam, ihn auf der schmalen Leiter in die kleine Tür zu schieben, aber oben ist er sicher vor Mäusen und anderen Schädlingen. Diese wunderschön aussehenden, aufwändig verzierten Speicher heißen Alan.

Das eigentliche traditionelle Wohnhaus , das Tongkonan, ist größer, da es ja der Lebensraum für die ganze Familie samt Eltern der Frau war bzw. ist. Die ungewöhliche Form kommt daher, dass das indigene Volk in Toraja ursprünglich mit Schiffen angelandet war und am Meer gelebt hat, bevor es hier in die Berge kam, um zu siedeln. Ihre Sehnsucht nach dem Meer haben sie in der Form der Häuser ausgedrückt; daher die wie bei einem Schiff hochgezogenen Giebel. Die hölzernen Fassaden sind geschnitzt und in vier Farben bemalt: orange, gelb, weiß und schwarz.

Wir konnten hier ein solches – nicht mehr als Wohnhaus genutztes – Tongkonan besichtigen. Es ist mühsam, über eine schmale, steile Leiter und eine ebenso kleine Öffnung in das Haus zu gelangen, was wohl auch der Grund dafür ist, das viele Familien heute entweder in einem einfachen Haus dahinter wohnen oder – neuerdings – eine Außentreppe angebaut wird. Es gibt drei Räume: Wohn- und Schlafraum der Famile, gegenüber das Zimmer für die Eltern der Frau. Und in der Mitte, etwas tiefer, liegt die Kochstelle im Esszimmer. Alle nichts für große Menschen… Übrigens: Wenn ein Familienmitglied stirbt, gilt es bis nach der Begräbniszeremonie als schlafend und bleibt im Schlafzimmer. Ein bisschen befremdlich …

Außen am Haus werden an einem senkrechten hohen Balken die Büffelhörner aller Begräbniszeremonien der Familie angebracht – Zeichen des Wohlstands. Aber dazu komme ich später.

In Kete Kesu erfahren wir auch, wo die Toten nach der Beerdigung hinkommen: Sie bekommen ein eignes Totenhaus. Früher aus Holz, aufwändig geschnitzt und verziert, mit einem Bild oder einer Skulptur der/des Toten. Heute können sich das viele nicht mehr leisten. Da die Toten aber in der Nähe der Familie bleiben sollen, werden neben den Wohnhäusern einfach Häuser aus Beton für die Verstorbenen gebaut und mit einem Bild von ihnen versehen. In einem Totenhaus können auch mehrere Verstorbene „wohnen“, Hauptsache, sie sind in der Nähe der Familie.

Kete Kesu hat noch mehr zu bieten. Es geht noch exotischer. Hinter dem Dorf mit den Totenhäusern führen in den Fels gehaune Stufen einen steilen Berghang hoch. An den senkrechten Felswänden hängen kleine Särge, schön verziert. Auch sie haben Deckel mit der Form eines Schiffs, sie sind inzwischen leicht verrottet, manchmal sogar zerfallen. Auf Holzbalken darunter oder Felsvorsprüngen sind die alten Knochen und Schädel gestapelt. Ein bisschen gruselig, ja, aber irgendwie nicht so, wie sich das hier anhört. Irgendwie passt das alles zusammen.

Es ist heiß, der Kopf ist voll von all den neuen Informationen und Eindrücken. Dennoch bleibt nur Zeit für ein Eis und schon geht es weiter mit dem Auto zum großen Ereignis: der Begräbniszeremonie, die in einem Dorf in den Bergen stattfindet. Doch das ist Stoff für das nächste Kapitel.

5 – Auf nach Tana Toraja

Bye bye Makassar, auf zu neuen Ufern! Pünktlich steht unser Fahrer vor der Tür. Beim Schwatz vor der Fahrt bietet er an, die ganze Zeit, bis wir auf die Togian Inseln fahren, unseren Transport mit allen Pausen, Ausflügen und Sonderwünschen zu übernehmen. Für einen Pauschalpreis will er auch alle Eintrittsgebühren, Mautgebühren und ähnliches übernehmen. Außerdem würde er uns in Tana Toraja einen Guide organisieren, den er auch bezahlt.

Wir überlegen ein bisschen, kommen aber schnell zu der Überzeugung, dass sein Angebot gut ist und uns viel Nervereien erspart. Dazu sollte vielleicht noch einiges zum Thema Reisen innerhalb von Indonesien – und besonders auch auf Sulawesi – gesagt werden. Die Insel ist riesig und wir haben eigentlich vor, bis in den äußersten Norden auf die Bunaken-Inseln zu fahren. Ob und wie wir das schaffen, ist noch unklar, auch wieviele sehenswerte Orte wir sehen können.

An dieser Stelle sollte ich noch ein paar Worte über die Art in Indonesien zu reisen sagen. Es lohnt sich fast immer, einen Fahrer zu nehmen, da die öffentlichen Busse wirklich nicht zu empfehlen sind uns normalerweise ewig brauchen. Und unser nächstes Ziel ist rund 350km entfernt. Dazu kommt, dass es hier keinerlei Eisenbahlinien gibt, bis auf ein winziges Pilotprojekt an der Ostküste und öffentliche Busse in Indonesien ein zweifelhaftes Vergnügen sind – sehr langsam und alt. Meine Freundin und Indonesien-Kennerin sagt immer: Egal wohin du fährtst, egal wie weit es ist: Es dauert einen Tag.

Also küren wir Anton zum Fahrer für die nächste Woche. Nachdem wir uns endlich aus der nicht enden wollenden Stadt gequält haben, hat es zu regnen begonnen. Im Laufe der kommenden Stunden sollte sich das noch steigern. Aber zunächst mal scheint es schnell wieder aufzuhören. Rund anderthalb Stunden nördlich von Makassar wollen wir einen Abstecher nach Rammang Rammang machen, ein Dorf in einem spektakulären Karstgebiet – so unsere Info. Dort wollen wir Boot fahren.

Zu Rammang Rammang gehört ein kleines Dorf, ein Fluss und eben die Karstfelsen mit einigen Höhlen. Als wir ankommen, scheint die Sonne so heiß, dass ich mir erstmal einen Strohhut mit breiter Krempe kaufe – eine weise Entscheidung! Anton mietet ein Longboot mit Fahrer, derweil strahlen uns einige Menschen freundlich an und wir müssen unbedingt mit auf´s Familienfoto.

Die Fahrt ist ein echter Traum! Der relativ schmale Fluss schlängelt sich durch hohen einen dichten Wald aus Mangroven, Bambus und Bananenstauden. Gelegentlich ragen – schön, aber gefährlich – spitze Felsen aus dem Wasser, doch unser junger Bootsführer steuert haarscharf und sehr flott, aber sicher daran vorbei. Wir gleiten durch eine spektakuläre Karstlandschaft: Rundherum ragen hohe, steile Berge auf, die so ganz anders aussehen als die Gebirge in unseren Breiten. Tiefgrün bewachsen von riesigen Laubbäumen, bei denen man sich gar nicht vorstellen kann, wie sie an den steilen Felsbergen überhaupt wachsen können. Die Gipfel schmücken sich mit sich ständig verändernden Wolkenmützen, sonst ist der Himmel strahlend blau.

Rammang Rammang ist das drittgrößte Karstgebiet der Welt mit 45.000 ha Ausdehnung. Das Gebiet ist ungefähr 30.000 Jahre alt. In den Höhlen wurden 53.500 Jahre alte Felsmalereien und Handabdrücke entdeckt, die als die ältesten der Welt gelten. Was für eine verrückte Vorstellung! Leider ist diese Höhle sehr schwer zu erreichen und wir müssen uns mit der Information und der Vorstellung begnügen, durch ein solch historisches Gebiet zu fahren.

Die Fahrt endet in einem kleinen, friedlich in die Landschaft am Fuße der Berge gestreuten Dorf: Kampung Parua. In einer grünen Ebene inmitten der Karstberge gelegen, von Reisfeldern umgeben. Wir laufen über schmale, erhöhte Stege durch die Felder. Allerdings fehlt manchmal ein Stück der ziemlich maroden Holzbohlen und man muss vorsichtig sein, wenn man nicht in die unter Wasser stehenden Reisfelder fallen oder an einer fiesen, rostigen Eisenhalterung hängen bleiben will. Es ist heiß, aber die Blicke über diese tolle Landschaft entschädigen vollends.

Unterwegs klettern wir zu kleineren Höhlen ein Stück die Berge hoch. Die sind sehr schön anzusehen mit ihren Felsen, in die man alles Mögliche hinein interpretieren kann, aber sie sind nicht spektakulär. Vor der letzten Höhle gibt es ein kleines Restaurant, bestehend aus zwei Betonsockeln und einem Blechdach und ein paar Plastikmöbeln. Wir machen Rast und kühlen uns vor dem Ventilator mit einer frischen Kokosnuss ab. Weitere Gäste gibt es nicht, wir haben bisher auch noch keine getroffen. Es ist keine Saison.

Warum, das wird uns auch schon im nächsten Augenblick erinnerlich: Es ist Regenzeit und es geht ein Schauer nieder. Aber damit ist es auch schon ausgestanden. Dachten wir. Wir machen uns auf den Rückweg auf der anderen Seite des Tals. Schon nach ein paar Minuten regnet es wieder und diesmal crescendo, will sagen: Es steigert sich heftig.

Zum Glück kennt Anton sich hier aus und treibt uns ein kleines Stück weiter, wo wir Unterschlupf finden. Die einfachen Häuser des Dorfes stehen alle auf hohen Stelzen, unter der Wohnetage ist jeweils ein Holzplateau eingezogen, das als Sitzfläche, Abstellfläche, manchmal auch Küche dient. Für die Bewohner ist es selbstverständlich, dass man anderen bei Regen Unterschlupf gewährt. So sitzen wir dort über eine halbe Stunde schweigend bei einer Familie, starren in den Regen und hoffen auf ein Nachlassen des Wolkenbruchs, die der Wind vor sich hertreibt.

Schließlich versuchen wir, uns auf den Rückweg zu machen, aber die nächste Sintflut treibt uns in den nächsten Unterschlupf, der schon ziemlich überfüllt ist. Die Hausherrin verkauft uns ein paar einfache Regencapes und beim nächsten Nachlassen des Regens laufen wir so schnell hier möglich Richtung Hafen.

Da klar ist, dass der Regen so schnell nicht mehr aufhören wird – ein Blick nach oben zeigt dramatisch um die Berggipfel ziehende Gewitter-und Regenwolken – klettern wir schirm-und capebewährt ins Boot und lassen uns zurückfahren. Klatschnass klettern wir an Land, rennen zum Auto und versuchen, uns unter der Kofferraumklappe etwas halbwegs Trockenes anzuziehen, denn wir haben noch eine ziemliche Strecke vor uns.

Ausgehend davon, dass es noch gute 300 km nach Rantepao, unserem Ziel in den Bergen, sind und wir schon anderthalb Stunden gefahren sind, habe ich damit gerechnet, dass uns vielleicht noch drei Stunden bis zum Ziel fehlen. Das sollte sich allerdings als großer Irrtum erweisen – aus zwei Gründen.

Der Regen draußen wechselt beständig zwischen Starkregen und Wolkenbruch, der Verkehr ist trotzdem genauso dicht und chaotisch wie immer, nur etwas weniger Motorräder sind unterwegs. Einige Bäume waren dem Sturm zum Opfer gefallen, zum Glück neben der Fahrbahn.

An dieser Stelle fiel mir wieder die Faustregel ein: Wohin du auch willst – es dauert einen Tag. Und das sollte sich wieder einmal bestätigen. Mit einer Essenspause in einem Sturm- und Regen-umtosten Restaurant am Meer, bevor es in die Berge geht, kamen wir nach acht Uhr abends an … nach einem Tag!

Rantepao ist die bekannteste Stadt der Provinz Tana Toraja. Die Stadt liegt strategisch perfekt für viele Ausflüge und Aktivitäten, auf einer Hochebene, an einem Fluß , umgeben von hohen Bergen. Aber das, was sie so besonders macht, ist, dass man hier fast immer an ganz besonderen Beerdigungszeremonien teilnehmen kann. Dazu später. Nur soviel: Die uralte Tradition des indigenen Volkes der Toraja ist bis heute ein fester Bestandteil des Lebens der Menschen hier. Besonders an Rantepao und Tana Toraja ist auch, dass hier vor allem Christen leben, im Gegensatz zum fast ausschließlich muslimischen Süden.

Aber dazu später, hier wollte ich nur erklären, was uns hergeführt hat. Anton fährt uns noch in unser Quartier, ein Bungalow beim Homestay Bait Lino, das rund zweieinhalb Kilometer außerhalb der quirligen Stadt, eingebettet in Reisfelder, an einem Fluß liegt. Ein einfacher Bungalow mit Blick auf endlose grüne Reisfelder und dahinter hohe grüne Berge. Noch ein Bier auf dem Balkon und dann totmüde ins Bett.

4 – Noch mehr Makassar

TAg 2. Das Aufwachen ist vorfristig und gar nicht gut – irgendetwas war in der Luft – vielleicht vom Nebenraum, der renoviert wird. Jedenfalls bin ich von Kofschmerzen undd brennenden Schleimhäuten aufgewacht. Und schon steht der Entschluss – nur noch eine Nacht, dann reisen wir weiter Richtung Norden.

Der Guesthouse-Besitzer hat, wie das hier immer ist, sofort einen Kontakt von einem Fahrer, der uns mit seinem Auto bis Rantepao in Tana Toraja bringen wird, unserem nächsten Ziel. Das Reisen hier ist ein bisschen speziell: Es gibt keine Eisenbahnverbindungen und die öffentlichen Busse sind so gar keine Alternative. Zwar soll es einen neuen Luxus-Nachtbus geben, aber ob der besser ist, wissen wir nicht.

Der Plan steht, aber noch haben wir einen Tag, um mehr von Makassar zu sehen. Zuerst steht der Hafen Pelabuhan Paotere auf dem Programm, der in vielen Reiseführern als must see gilt.

Wir rufen uns über die hier fast unverzichtbare Grab-App ein Taxi und erleben wieder das Abenteuer „Die Straßen von Makassar“. Stoßstange an Stoßstange, eingequetscht zwischen viel zu vielen anderen Fahrzeugen, für die nicht annähernd genug Spuren da sind, auch gern mal auf der Gegenfahrbahn, bewegen wir uns Richtung Hafen. Als wir uns dem Ziel nähern, werden die Straßen des alten Hafenviertels immer schmaler, der Verkehr aber nicht weniger. Zwischen den Autos rumpeln Fahrrad- und Motorrad-Rikschas kreuz und quer, von den Fußgängern ganz zu schweigen. Chaos pur, Luft und Hitze tun ein übriges … Aber irgendwann ist es vollbracht und wir sind am Ziel.

Wir zahlen ein paar Rupien Eintritt und erleben das nächste gelebte Chaos: Am Kai liegen in mehreren Reihen Fischkutter, kleine und mittelere Fährschiffe, Transportschiffe aller Art. Das Ufer ist vor allem um die zentrale Landungsbrücke voller Menschen, die irgendwohin wollen, irgend etwas verkaufen wollen, auf was auch immer warten. Die Sonne brennt, es ist brutheiß, der Schatten der wenigen Bäume am Pier ist überbesetzt von Frauen mit Kindern, Körben, Säcken und Taschen, die darauf warten, irgendwohin fahren zu können.

Alles sieht ziemlich schäbig aus, inklusive einiger Schiffe. Der Asphalt der Uferstraße ist kaputt und wird zur Stolperfalle, wenn man nicht aufpasst. Dahinter liegen alle möglichen Lagerhallen, Werkstätten und – erst beim zweiten Hinsehen zu erkennen – tatsächlich einige kleine Restaurants. Davor rennen Hühner und Hunde herum, lagert Müll und wer weiß was sonst noch. Ich bin ja Abenteurer, aber hier würde ich nichts essen …

Wir wandern noch ein bisschen durch die Hitze und schauen Boote an. Zwischen den Lagerhallen und Werkstätten ist tatsächlich auch noch eine Moschee auf dem Hafengelände. Es war ein interessater Ausflug, aber angesichts der Hitze und der Tatsache, dass wir genug Atmosphäre geschnuppert haben, beenden wir an diser Stelle unser Hafenerlebnis. Ohne die im Reiseführer angepriesenen großen Segelschiffe gesehen zu haben – zu heiß!

Draußen vor der Hafeneinfahrt tobt der Wahnsinn, die Zufahrtsstraße ist völlig verstopft von Fußgängern, Autos, Motorrädern, Rikschas und Fahrrädern. Die Luft steht. Die Rikscha-Fahrer stürzen sich auf uns, aber die Preise sind absurd. Erst ein Stück weg vom Hafenzugang finden wir eine bezahlbare Motorrad-Rikscha. Fast gemütlich mit bester Sicht aus dem engen, nach vorn offenen Sitz geht es zurück ins Stadtzentrum.

Unser nächstes Ziel ist das Fort Rotterdam – Ausflug in die Kolonialgeschichte. Ursprünglich war hier das Fort Benteng Ujung Padang aus dem 16. Jahrhundert, aber nach der Eroberung durch die Niederländer wurde es 1667 in Fort Rotterdam umbenannt und im Kolonialstil umgebaut.

Etwas Besonderes ist es nicht nur durch die weißen, relativ schlichten Gebäude mit schattigen Kolonaden, sondern auch durch die großen Freiflächen mit grünem Rasen zwischen den Gebäuden – im Gegensatz zu dem super eng bebauten, grauen, durch den schwarzen Schimmel überall eher etwas düster wirkenden Umfeld der umgebenden Stadt. Aber sonst bin ich eher ein bisschen enttäuscht, ich finde es etwas langweilig.

Wir sehen uns noch das zum Fort gehörende Museum zur Geschichte Indonesiens an, die eigentlich extrem interessant und bewegt ist, aber die Sammlung ist nicht besonders liebevoll präsentiert und man müsste fast immer per Barcode alle Erklärungen auf dem Handy lesen. War trotzdem ganz spannend, aber zugleich auch etwas unbefriedigend. Genug gebildet, raus ins Gewühl.

Wir finden schließlich eine Fahrrad-Rikscha, die uns zurück in unser Viertel bringt. Nächstes Ziel: die 99 Kuppeln-Moschee. Wir lassen uns an der Strandpromenade von Losari absetzen, überqueren todesmutig die Kreuzung und laufen über eine große Brücke auf die neu aufgeschüttete Insel und stehen auch schon kurz darauf vor, bzw. neben der beeindruckenden riesigen Moschee mit den 99 Kuppeln in Rosa, Orange und Weiß – und natürlich dem passenden Minarett daneben.

Wow! Man kann nicht anders als beeindruckt zu sein. Das Gebet ist gerade vorbei als wir uns zum Haupteingang vorgearbeitet haben, die Moschee-Besucher verlassen gemächlich das Gotteshaus, viele setzen sich auf die Stufen der geräumigen Freitreppe mit Blick auf die Stadt am anderen Ufer und plaudern.

Bei den Frauen fallen mir die krassen Unterschiede auf. Natürlich tragen alle Kopftücher, aber während die einen richtig schick mit hellen, perlenbesetzten, eng anliegenden, rüschenbesetzten Oberteilen und modischen Sonnenbrillen herausgeputzt sind, sitzt die Freundin im bodenlangen, schwarzen Kleid mit ebensolchem Tschador daneben …

Wir schauen uns die riesige Mochee nun auch von innen an, ich habe extra ein großes weißes Tuch bei mir, das ich mit locker umbinde. Dafür ernte ich auch gleich einen hochgestreckten Daumen bei einem der Wächter. Er erbietet sich sofort, ein Foto von uns zu machen.

Eine Moschee außerhalb des Gebetes ist ja gefühlt sehr leer, da es keine Bänke, Beichtstühle oder ähnliches gibt. Aber die Größe ist beeindruckend. Vorn gibt es eine riesige digitale Anzeigetafel, die die Gebetszeiten im Maghreb rund um die Welt anzeigt. Maghreb ist nicht nur eine Region in Nordafrika , damit wird auch die Gebetsstunde zum Sonnenuntergang bezeichnet – habe ich nun gelernt. Mit hohen Sichtschutzwänden abgezäunt ist im hinteren Bereich der Gebetsraum für die Frauen.

Es ist Sammstagabend und im Umkreis der Moschee warten viele Restaurants, hier Warung genannt, auf Gäste. Es ist fast so etwas wie ein bisschen Volksfeststimmung. Für die Kinder sind alle möglichen Vergnügungen aufgebaut: von den beliebten Phantasieautos, die elektrisch fahren, bis zu liebevoll vorbereeiteten Malstationen mit kleinen Staffeleien.

Wir machen uns aber auf den Rückweg zur anderen Uferseite. Kaum drüben, werden wir vom Regen überrascht. Wir retten uns unter die Plane eines der Restaurant am Anfang von Losari, der Regen ist eher ein Wolkenbruch. Die eher abenteuerlich installierte Beleuchtung fällt teilweise aus, was nach einem Blick auf die frei an einen Baum gebundenen Steckdosen auch nicht verwunderlich ist. Aber nicht genug damit – wir dürfen auch noch mit einem gewissen Nervenkitzel mitverfolgen, wie Vater und Sohn bei strömendem Wasser von oben mit ungeschützem Schraubenzieher an Kabel und Steckdose werkeln. Allah oder welcher Gott auch immer hat schützend seine Hand über die beiden Verrückten gehalten, es ist nichts passiert.

Für das Abendessen haben wir ein japanisches Reestaurant angepeilt, klassisch indonesisch werden wir wohl in der kommenden Zeit noch reichlich essen. Um dahin zu kommen müssen wir nochmal einen dieser waghalsigen Spaziergänge durch unser Viertel -fast immer ohne Bürgersteig – überleben. Aber: Es hat sich wahrlich gelohnt! Das Restaurant ist nicht nur hell, groß, sauber und chic, sondern vor allem ist das Essen lecker!

Und morgen früh um acht steht unser Auto mit Fahrer ins rund 320 km entfernte Rantepao in Tana Toraja vor der Tür.

3 – Selamat Datang, Sulawesi! Guten Tag!

Auf nach Sulawesi! Da die Flüge aus Europa nicht auf dieser Insel landen, muss man per Inlandsflug oder Schiff anreisen. Wir haben uns für den Flug entschieden – nach Makassar, der großen Stadt an der Südost-Küste der riesigen Insel zwischen Borneo und Papua-Neuguinea. Die größte Stadt der Insel mit rund 3,3 Miliionen Einwohnern im Ballungsraum. So genau weiß wohl eher niemand, wieviele es in der Stadt selbst sind.

Wir haben lange überlegt, ob wir unsere sulawesische Entdeckungsreise im Norden oder Süden beginnen sollen, uns aber letztendlich für den Süden entschieden, weil der äußerte Norden mit den Bunaken-Inseln wohl eher die nötige Entspannung nach unserer Expedition zu bieten verspricht. Und dass diese Reise nicht nur spannend, sondern auch anstrengend wird, ist uns klar. Allein die Entfernungen und der eher mühsame Transport sprechen dafür.

Wir haben ein Zimmer in einem Guesthouse gebucht, ein Grab-Taxi bringt uns durch den Verkehrswahnsinn dahin. Auch wenn wir indonesische Straßenverhältnisse inzwischen kennen, ist das hier kaum zu fassen. Eigentlich müsste es ununterbrochen Unfälle geben bei all dem Irrsinn und den Löchern in den Straßen – aber erstaunlicherweise sollen wir in den kommenden zwei Tagen nicht einen einzigen Unfall sehen.

Keine Ahnung, wie der Fahrer sich ohne Navi durch das Gewirr von Straßen und Gassen findet, aber wir landen schnell und wohlbehalten in Lauwrens-Guesthouse im Viertel Losari. Alles pieksauber und modern, was man in dieser Gasse, in der es auch recht baufällige Gebäude und viele Löcher auf dem schmalen Asphaltband gibt, nicht unbedingt erwartet hätte. Dennoch bad news : kein Fenster! Im Inserat stand Balkonblick – aber damit ist der Dachbalkon des Hauses gemeint … Nicht gerade mein Traum, aber egal. Das Haus gehört einem Chinesen, denn wie überall ist auch hier die Bevölkerung wild durchmischt.

Ein Schritt aus der Tür und schon schallt einem der Gesang des Muezzin der nächsten Moschee ins Ohr – laut, sehr laut. Der Süden Sulawesis ist muslimisch, im Gegensatz zum christlichen Norden. Ursprünglich war Sulawesi buddhistisch und hinduistisch, bevor im 17. Jahrhundert die Islamisierung begann. Im Norden der Insel leben überwiegend Christen.

Unser Viertel besteht aus einem quadratischen Netz von schnurgeraden kleinen Längs- und Querstraßen, die so schmal sind, dass parkende Autos schon fast an den Hauswänden kleben und es für das Vorbeifahren eines zweiten Autos schon einiger unerschrockener Routine bedarf, um durchzukommen – Bürgersteige Fehlanzeige. Die Häuser sind zwei- bis dreistöckig und eher schmal, von verfallen bis relativ neu und gepflegt wie das unsere. Und da ist sogar noch hier und da ein schöner blühender Baum neben die Straße gequetscht.

Unser Block liegt an der Meeresseite der Stadt, umgeben von großen Hauptstraßen, auf denen Tag und Nacht ein irrsinniger Verkehr brummt und knattert – das schon bekannte Gemisch aus PKW, LKW und hunderten Motorrädern. Hier kommen noch ein paar klapprige Fahrrad-Rikschas dazu, die sich unerschrocken durch das Chaos schlängeln.

Am Straßenrand haben inzwischen ein paar abenteuerlich klapprige Stände aufgebaut, die irgendwas vom Grill und vorbereitete Essensportionen anbieten. Immer wieder grüßen fremde Menschen mit einem freundlichen Lächeln, nicht nur Händler, auch Passanten. Bürgersteige sind hier übrigens – wenn überhaupt vorhanden – entweder voller Müll, Schrott, Betongeröll oder dienen als Lagerplatz. Und wenn sie mal frei sind, muss man höllisch aufpassen, dass man nicht plötzlih ganz oder Teilen in einem zwei Meter tiefen Loch steckt. Soviel, so … schlecht.

Aber die gute Nachricht ist: bei all dem Verkehrschaos und den völlig überfüllten Straßen sind Fußgänger offensichtlich eine schützenswerte Spezies! Selbst wenn man eine sechspurige Straße im rauschenden Chaos überqueren will, bremsen alle und lassen den armen Fußgänger passieren – verrückt, aber wahr.

Nur knappe fünf Minuten von unserem Guesthouse entfernt liegt der Strand Losari, nach dem auch unser Viertel benannt ist, wobei das kein Badestrand, sondern die städtische Strandpromenade ist, zu der die Einheimischen jeden Abend strömen. Und das gleich aus mehreren Gründen. 

Einer der Gründe ist, dass hier – ins Meer gebaut – gleich zwei der berühmtesten Moscheen der Stadt liegen: die ältere ist die beliebte  Amirul Mukminin, die schwimmende Moschee, die ins Meer gebaut wurde mit ihren zwei blauen Kuppeln. Fünf mal am Tag erschallt hier, weithin unüberhörbar der Sprechgesang des sehr stimmgewaltigen Muezzin. 

Die Strandpromenade ist bei Einheimischen und den nicht sonderlich zahlreichen Touristen sehr beliebt für einen Abendspaziergang. Auf Kinder warten elektrische, in allen Farben blinkende Autos und sonstige Gefährte, es gibt viele Stände mit T-Shirts, Tüchern, Modeschmuck und Naschereien, die auf Käufer hoffen. Da wird einem auch schon mal ein lebender Waran oder eine Schlange als Foto-Utensil entgegengestreckt. 

Zum Meer hin verkünden riesige Buchstaben, dass dies die City of Makassar ist. Am Kai schaukeln fotogen ein paar schöne alte Schiffe.  Und das Wichtigste: Fast auf der gesamten Länge entsteht schon während des Abendgebetes eine endlose Fressmeile mit kleinen Restaurants, die grell beleuchtet auf Kundschaft warten – und die gibt es reichlich. Es scheint angesagt zu sein, sich hier zum Essen zu treffen. Übrigens auch viele Musliminnen mit dem traditionellen Hidjab, die hier in munterer Frauenrunde schnatternd und essend den Abend genießen.

Die wohl berühmteste Sehenswürdigkeit habe ich bisher ausgelassen: Auf einer künstlich in der Bucht aufgeschütteten Insel, großspurig „Landgewinnungsgebiet Centerpoint of Indonesia“ genannt, wurde ein neues Wahrzeichen der Stadt gebaut: die 99-Kuppeln-Moschee, die Masjid 99 Kubah. So benannt wegen der 99 Namen für den Propheten. Ein beeindruckendes Bauwerk in Weiß und Orange, das übrigens erst seit 2021 fertig ist. Besonders schön sehen die vielen Kuppeln bei Sonnenuntergang aus.

Nachdem wir die Strandpromenade zu Ende spaziert sind, wollen wir nach China Town, so zumindest steht es im Stadtplan, um zu Abend zu essen. Doch anders als man es kennt, sieht schon das sonst bunte, immer in gold, gelb und rot strahlende Tor zu diesem Stadtteil hier eher traurig aus – gänzlich unbeleuchtet mit abgeblätterter Farbe. Hatten wir dahinter, wie gewohnt, das quirlige Leben des chinesischen Viertels erwartet, umfing uns hier eher gespenstische Ruhe. Nur wenige kleine Läden, kaum Menschen auf der Straße und schon gar kein Restaurant. Aber schließlich finden wir ein kleines, völlig schmuckloses, aber volles Lokal mit einem sehr netten Besitzer, der uns die ungewohnte Speisekarte erklärt. Es sind Gerichte, die ein bisschen chinesisch sind, aber auch wieder nicht wirklich – Makassar-China-Style, wie der Wirt es grinsend nennt.

Es schmeckt ganz gut, wenn auch wenig chinesisch (mit italienischen Spaghettis), aber es ist viel und sättigend. Wir wollten gern ein Bier zum Essen, einer der Gründe, warum wir uns für chinesisch entschieden hatten, statt halal zu essen, aber es gibt auch hier nichts Alkoholisches. Die Lizenzen sind zu teuer, sagt der Wirt, verrät uns aber einen kleinen Laden schräg gegenüber, wo wir uns vielleicht später ein Fläschchen holen können … Übrigens dürfen auch die Supermärkte keinen Alkohol verkaufen.

Totmüde landen wir schließlich in unserem fensterfreien Zimmer und sinken wenig später ins Bett …

2 – Abschied von Bali

Der Tag beginnt erst Mittags, die innere Uhr ist immer noch auf mitteleuropäischer Zeit … Noch einmal faul sein und genießen – also Strand, Massage und Essen. Einziger Unterschied: Wir mieten zwei Fahrräder und fahren am Meer entlang, der Strand von Sanur ist mehrere Kilometer lang.

Schöne blühende Bäume und Palmen spenden Schatten, Blumen in allen Farben säumen den Weg. Das Meer präsentiert sich heute eher etwas lehmfarben, also aufgewühlt, das Wasser zwischen den künstlichen Molen ist bis weit hinaus eher flach – die offene See  beginnt somit weit draußen.

Der Strand ist zwar wirklich rein touristisch, aber alles in einem erträglichen Rahmen. Zum Glück ist hier der Balanceakt gelungen, um Mallorca-Verhältnisse zu verhindern. Es gibt zwar viele Restaurants, Cafés und kleine Marktgassen, aber alles mit Stil, kein Eimersaufen, keine Ballermann-Beschallung und kaum Hotelklötze, sondern eher geschmackvolle Anlagen.

Was mein Vergnügen an der kleinen Radtour ernsthaft beeinträchtigt, sind die nervigen Fahrrad-Bumper und die vielen Fußgänger und Radfahrer im Verdrängungswettbewerb. Von den Spaziergängern fühlen sich die Hälfte dem ortsüblichen Linksverkehr verpflichtet, die Touristen flanieren, europäisch erzogen, rechts und dazwischen schlendern größere  Gruppen, die den kompletten Weg blockieren. Ach ja, und dann kommen da auch noch die Läufer hechelnd dazu. Wo also fährt der rückichtsvolle Radfahrer? So schön der Weg hier am Meer entlang ist, irgendwann habe ich keine Lust mehr auf das Spiel und setze mich einfach auf einen Stein am Strand und schaue träge auf Sand und Meer. Eine kleine Eidechse leistet mir Gesellschaft.

 Später verlege ich mich auf Studien, in deren Ergebnis ich die ursprünglich hellhäutigen Gruppen sortiere: 40 Prozent puterrot verbrannte Menschen, bei denen sich schon vom Hingucken die Haut ablöst, 40 Prozent weiß bis hellrosa Gefärbte mit langer Bekleidung, großen Sonnenbhüten Tüchern und viel SunProtection, die jeden Sonnenstrahl fürchten. Die verbleibenden 20 Prozent haben offensichtlich tatsächlich einen Mittelweg zwischen Panik und Wahnsinn gefunden. Verrückt …

Schon herbeigesehnt: Eine letzte Strandmassage bei Lola und Sweetie – so nennen sich die beiden Damen vom Vortag. Was für europäische Ohren eher nach Rotlicht-Pseudonymen klingt, ist hier einfach nur das Bemühen, den Kunden einen erinnerbaren Namen zu liefern, denn die indonesischen bleiben nicht in den Köpfen der Touristen.

Und dass sich die Kunden erinnern, ist in diesem Jahr besonders wichtig, denn – wie uns die beiden Damen erzählen – so wenig Touristen wie in diesem Jahr hatten sie seit Jahren nicht um diese Zeit. Einerseits liegt das sicherlich an der ökonomischen und weltpolitischen Situation in Europa und den USA. Außerdem aber arbeitet Indonesien – vor allem auch Bali – daran, nicht mehr soviel Billigtouristen einreisen zu lassen, die monatelang bleiben ohne Geeld auszugeben, womöglich gar schwarz hier arbeiten oder schnorren. Das Image als Billigland für solche Klientel bekämpft man offensichtlich gerade sehr aktiv. Auch wir mussten diesmal Kontoauszüge einer gewissen Höhe vorlegen, um ein Visum zu bekommen.

Was bleibt vom Tage ist, eine letzte Massage, ein letztes Bad nach Sonnenuntergang und ein leckeres Abendessen im netten Strandlokal gleich daneben. Morgen geht es weiter ins Unbekannte: nach Sulawesi….!

1 – Back to Indonesia – Kembali ke Indonesia!

Das fängt gut an … mein erster Text für diesen Post des neuen Blogs ist gerade dem instabilen Internet zum Opfer gefallen … er ließ sich nicht speichern und verschwand. Umso entschlossener mache ich mich nun zum 2. Mal ans Werk …

Rund 18 Stunden liegen zwischen uns uns dem garstigen Berliner Winter, eine lange Nacht eingequetscht in Reihe 14 des Turkish Airline Fluges nach Denpasar, der Hauptstadt von Bali. Die Sonne ist bereits untergegangen. Aber ein riesiger farbenprächtiger, mit Gold geschmückter Drache schlängelt sich den Gang vom Flugzeug zur Passkontrolle den Neuankömmlingen entgegen und nun weiß ich: Ich bin bin wieder da, auf Bali, der Insel der Götter!

Aber nichts ohne Arbeit. Nachdem wir bereits in Berlin eine kleine Odyssee auf der Indonesischen Botschaft für ein Visum hinter uns gebracht haben, müssen wir nun noch übernächtigt an Selbstbedienungs-Computern eine Welcome-Card beantragen. Aber alles geht vorbei und irgendwann sind wir dann draußen in der nächtlichen Schwüle, die einen gleichermaßen erschlägt wie glücklich macht …

Noch eine kleine Verhandlung mit dem Taxisdisponenten und schon schieben wir uns durch den nie abreißenden Verkehr nach Sanur, einem Strandort gleich westlich an die Hauptstadt Denpasar anschließend. Zwei wunderbare beleuchtete Hindu-Statuen begrüßen uns an der Einfahrt zum Guesthouse Cove Jivva Nattaya. Das freundliche Lächeln Asiens am Empfang und der erste Blick in den Garten, in dem die Unterkünfte verteilt sind, ist wie ein Traum: dezent beleuchtete blühende Bäume, riesige rosa Blüten von großen, knorrigen Frangipani-Bäumen auf dem Weg, Bambus, Gras und ein türkis strahlender Pool. Dazu das heisere Quaken der Baumfrösche. Alles, wovon man nach dieser Reise träumt. Für alles andere sind wir zu müde … das wunderbar breite Bett ist unser Willkommensgeschenk.

Geweckt werde ich um 6 Uhr morgens vom Rauschen eines Wolkenbruchs – es ist Regenzeit. Aber als wir endlich bereit sind, das Bett zu verlassen, hängt nur noch die Schwüle in den Bäumen und die Sonne scheint. Wir mieten einen großen, kräftigen Honda Motorroller, der aber schon über 20.000 km auf den rumpeligen Straßen Balis hinter sich hat. Die Helme passen nicht wirklich, aber immerhin haben wir welche. Los geht´s im täglichen Verkehrswahnsinn. Unser erster Weg ist eher prosaischer Natur, wir wollen ein paar Kleinigkeiten besorgen und fragen, ob mein altes Handy hier für einen fairen Preis repariert werden kann – die ICON Mall ist unser Ziel. Und die liegt praktischerweise fast auf dem Strand.

Wofür hier auf allen Straßen Spuren markiert werden, ist völlig unklar, sie interessieren keinen. Wild rasen Motorräder, PKW und Lastwagen durcheinander, ein ewiges hin und her, kreuz und quer. Es ist der Wahnsinn – aber: Ich habe noch nicht viele Unfälle hier oder in anderen Ecken Asiens gesehen. An den Kreuzungen stehen oft Statuen: mal Kriegshelden, mal wunderschöne Hindugötter. Vielleicht halten sie ja die schützende Hand über all den wahsinnigen in ihren Gefährten …

Gleich hinter der Mall liegt der Strand und die Promenade von Sanur. Kilometerlang ziehen sich Fuß- und Fahrradwege am Meer entlang. Der Strand ist relativ schmal, aber durch die Schatten spendenden blühenden Bäume sehr einladend. Überall liegen auch die typisch buntgestrichenen balinesischen Boote vertäut, die mit ihren seltsamen Auslegern wie Spinnen aussehen, die auf dem Wasser hocken. Und vor allem – das endlose blaue Meer. Weit draußen schwingen sich Surfer auf die Wellenkämme.

Aber die Idylle scheint nicht ganz selbstverständlich zu sein, denn der endlose Strand wird immer wieder durch weit ins Meer gebaute halbrunde Mohlen in einzelne Gebiete geteilt, damit die Wellen nicht ungehindert in die Bucht rollen und den Strand abtragen. Wer genau hinschaut, kann an einigen Stellen sehen, dass unter dem Sand bereits Sandsäcke versteckt sind, die offensichtlich verhindern sollen, dass der gefräßige Ozean den neuen schönen Strand nicht wieder mit sich nimmt.

Natürlich gibt es auch Restaurants, kleine Marktreihen und Fahrradverleihe. Doch uns genügt heute ein kleiner Bummel, eine frische Kokosnuss und eine Massage. Verrückterweise geraten wir an einen Massagepunkt, an dem sich eine der Frauen an Miki erinnert, der vor zwei Jahren schon mal hier war!

Am Nachmittag düsen wir Richtung Denpasar. Der Pasar Badung, der Große Markt besteht aus einem riesigen dreistöckigen Gebäude und dem Gebiet drumherum, neben dem Fluß. Tagsüber werden an den Ständen in der sengenden Sonne Obst, Gemüse, Gewürze, Fisch und Fleisch und auch Bekleidung verkauft, abends verwandeln sich die Stände in einen der beliebten Nachtmärkte, auf denen man phantastisch und spottbillig essen kann – allerdings sehr unbequem.

Das Gedränge ist unglaublich: Käufer, Verkäufer, Frauen mit risigen Warenkörben auf dem Kopf, Motorroller, Fahrräder – alle durcheinander, oft auf kaum mehr als anderthalb Meter breiten Gängen. Erstaunlicherweise gibt es kaum Unfälle und alle ertragen den Wahnsinn – ganz ohne Geschrei und Gezeter. Der Fisch und die Meeresfrüchte sehen phantastisch aus, allerdings kann ich die Frage nicht verdrängen, wie die die Sonne hier überstehen … Gleich am Stand werden die Hühner ausgenommen und die wunderbaren Gabenkörbchen für die Götter mit Reis, Kräutern und Blüten bestückt – alles auf einmal, alles in chaotischer Ordnung, die wir wohl nie verstehen werden.

Wir bummeln noch eine kleine Straße entlang, in der es nur Seiden- und Stoffgeschäfte gibt, versuchen, uns nicht die Beine zu brechen in den Löchern auf dem schmalen Steinstreifen, der als Bürgersteig dient. Genug, zurück in unsere Idylle in Sanur, ein bisschen Ausruhen und den Abend in einem kleinen japanischen Restaurant beschließen. Vor dem Zimmer noch ein bisschen den Baumfröschen und Nachtvögeln zuhören und totmüde ins Bett fallen.

23 – Kuala Lumpur: Tempel und Hochhäuser zum Abschied

Nach einem Tag auf kleiner Flamme, Faulsein, mal nichts tun und einem abendlichen Spaziergang ein paar Straßen weiter in die Jalan Bukit Bintang, dahin, wo die großen Malls enden und die Häuser wieder Normalgröße annehmen. Dort verwandelt sie sich allabendlich in eine Ausgeh-Ecke.

Allabendlich putzt sie sich auf für das Nachtleben heraus, den Restaurantbesuch, Massagen, Karaoke. Plötzlich stehen da unzählige Straßenstände, eine Band spielt an einer Ecke, an der nächsten wirbt lautstark eine riesige Karaokebar um Kundschaft. Die Werber vor den Restaurants versuchen mit wedelnden Speisekarten und Häppchen, dem Nachbarladen die Kunden abspenstig zu machen. Und es sind nicht etwa nur Touristen die sich hier amüsieren und sich die Bäuche vollschlagen, nein, offensichtlich gehen die Einheimischen auch gern aus. Und hier endet unser Tag bei einem indische Essen und einem Spaziergang durch „unser Viertel“.

Nach dem faulen Tag bleibt uns nur noch der dritte und letzte, denn unser Flugzeug startet erst um Miternacht. Auf dem Programm steht heute ein besonderer Ort: die Batu Caves, 15 Kilometer nördlich der Stadt.

Ein Grab bringt uns in die Sub Urbs vor den Höhlen. Schon auf der Fahrt dorthin wird augenscheinlich, dass die Bevölkerung hier vorallem aus tamilischen Familien besteht. Man sieht es an Geschäften, Restaurants, Aufschriften wie die an einer tamilischen Schule. Und an den vielen bunten Saris, statt der eher dunklen oder gedeckten langen Kleider und Schleier der Musliminen.

Die Nähe zu den Batu Caves hat einen logischen Grund: in den Höhlen sind Hindu-Tempel. Nach den Andenkenverkäufern am Eingang empfangen einen viele kleinere freche Java-Affen, die – oft gefüttert – ziemlich aufdringlich werden können. Aber lustig sind sie allemal und jetzt scheint es besonders viel Affen-Babies zu geben. Süß!

Schon stehen wir vor einem ersten knallbunten Schrein mit den Götzen, Göttern und Figuren, die mir vor allem aus Bali im vergangenen Jahr noch so gut erinnerlich sind. Aber die Hauptattraktion kommt erst 200 Meter weiter. Hinter einem belebten Platz voller Tauben, Touristen und bunter Götterskulpturen erhebt sich ein steiles, tiefgrün bewachsenes Bergmassiv, das einige große Kalksteinhöhlen birgt. Die größte ist 115 Meter hoch, wie ein nach oben offener Dom. Lichtdurchströmt und mystisch. In diese Höhlen wurden mehrere Hindu-Schreine gebaut, die einen verrückten Kontrast zu dieser rauhen steinernen Umgebung abgeben.

175 bunt bemalte, bei dieser Schwüle sehr mühselige Stufen führen zum Eingang. Den Weg nach oben kann man sich mit einem Blick zurück auf die Stadt Kuala Lumpur und der Sicht auf eine riesige goldene Statue des Gottes Murugan auf dem Vorplatz versüßen.

Und die Quälerei lohnt! Es ist ein großartiger Anblick, all diese bunten, kunstvollen, manchmal kitschigen Schreine in den aufeinander folgenden Kalksteinhöhlen mit riesigen Stalaktiten! Und das von oben einfallende Licht lässt alles noch mystischer erscheinen. Die Schreine erzählen vom Sieg des Gottes Murugan über den Dämon, habe ich gelernt. Aber auch ohne allzuviel Hintergrundwissen ist es ein Vergnügen diese ungewöhnlichen Höhlen mit den Tempeln und dem Sonneneinfall von oben anzuschauen.

Das war schon mal ein gelungener Ausflug, ein würdiger, für den letzten Tag einer tollen Reise! Auf dem Rückweg beschließen wir, uns ein Ticket für eine der beiden Routen der HopOn-HopOff-Busse zu besorgen, denn so können wir wenigstens noch ein bisschen mehr von der Stadt und ihren Sehenswürdigkeiten sehen, als wenn wir noch einen einzelnen Punkt ansteuern.

An der Bukit Bintag Plaza steigen wir also in einen der Doppelstockbusse. Auf dem Oberdeck ist es zwar heiß, aber der Fahrtwind macht es erträglich und es ist wirklich spannend, diese Innenstadt-Route zu fahren. Sie führt mittendurch all die Straßen mit den Gebäuden, die wir schon von Weitem als Skyline gesehen haben: Hotels, Firmensitze, Banken, Mosheen, sogar ein Kulturzentrum (das allerdings ist etwas reparaturbedürftig – für die Kultur sitzt wohl auch hier das Geld nicht so locker…) Es scheint ein aberwitziger Wettstreit darum im Gange zu sein, wer das größte verrückteste Gebäude baut. Vollkommen abgedreht.

Die bekannten Gebaude, das Wahrzeichen der Stadt, sind die Petronas Zwilligstürme, mit 452 Metern Höhe, die 1,6 Milliarden Dollar gekostet haben. Petronas ist die Mineralölgesellschaft. Es gibt kaum ein Kulala Lumpur-T-Shirt ohne diese Türme.

Aber mir gefällt besonders ein anderes Gebäude: der super elegante geschwungene Turm mit dem Namen Merdeka 118, mit 678,9 Metern das zweithöchste Gebäude der Welt. Und nachts übertrumpfen sich all diese Giganten noch mit ihren raffinierten Lichtkonzepten. Einfach irre. Egal, wie man zum Thema Stadtplanung, Wirtschaft und Energie steht – es ist zunächst erstmal faszinierend.

Ein Dutzend verrückter Scy Scraper weiter geht dann gar nichts mehr, der Bus steht nach der guten Hälfte der Strecke aussichtslos im Stau. Und da um 18 Uhr Schluss mit den Stadtrundfahrtenist, haben wir nur gut die Hälfte der Strecke sehen können. Aber das macht nichts. Wir haben soviele Eindrücke zu verarbeiten und der Tag neigt sich dem Ende.

Wir gönnen und auf dem Weg ins Axon noch eine letzte, herrlich entspannende Fussmassage und dann heißt es auch schon Abschied nehmen. Was für eine spannende Zeit! Wieviele Eindrücke, die sicher noch lange im Kopf weiterarbeiten und die das Leben spannend bleiben lassen….

22 -Die große Stadt: Kuala Lumpur

„Die schlammige Flußmündung“ – der Name klingt nicht besonders poetisch. Und trotzdem ist der Stadt mit diesem Namen eine gigantische Entwicklung widerfahren. Die Flüsse Klang und Gombak fließen hier zusammen und Zinn war der erste begehrte Schatz der Gegend. Inzwischen ist Kuala Lumpur eine brodelnde Metropole mit rund 2 Millionen Einwohnern im Stadtgebiet und vielen Millionen in der Peripherie. Auch hier waren die Briten die Kolonialherren bis zur Unabhängigkeitserklärung 1957. Inzwischen gehört die Stadt zu den großen Playern international: Wirtschaft, Universitäten, Banken.

Das alles ist nachzulesen und man erwartet eine asiatische Super-City…. Aber den Eindruck, den diese Stadt dann „in echt“ auf mich gemacht hat, der hat mich einfach erstmal umgehaun… Ich habe mich gefühlt wie das kleine Mädchen vom Land, das das erste Mal in eine Metropole kommt!

Ein Taxi hat uns in der Nacht nach einer Fahrt durch eine imposante Hochhauskulisse vor einem fast schon einschüchternden 37 stöckigen Hochhauskomplex abgesetzt, dem Axon Residenz. Unser Apartment liegt im 20. Stock. Die riesige Lobby mit viel glänzendem Marmor und tollem Lichtdesign, uniformiertem Empfangspersonal und Wachleuten an der Tür. Und dabei haben wir, wie immer, eigentlich nichts Edles gebucht…

Ein junger Mann holt uns in der Lobby ab, geleitet uns nach oben und erklärt , wie alles funktioniert. Ist nämlich gar nicht so einfach. Alles safe, alles elektronisch und digital. Man braucht für jede blöde Tür – zum Fahrstuhl, zum Flur, zum Zimmer die elektronische Key Card, ohne die kann man nicht mal seine Etage im Lift anwählen. Um die Tür zum Apartment zu öffnen, muss man noch dazu einen 9 stelligen Code eingeben…

So weit so gut. Das Apartment ist modern und schön, der Ausblick – unglaublich! Dagegen ist New York altbacken. Ein Wald von Hochhäusern in den verrücktesten Formen blinkt, strahlt, funkelt und flasht. Unglaublich. Ich will lieber nicht über die Energieverschwendung moralisieren, das Thema gibt´s hier offensichtlich nicht. ….aber toll sieht´s aus!

Am nächsten Morgen spaziere ich los, um eine Apotheke zu suchen. Ich komme mir zum zweiten Mal vor wie Gretel im Wunderland. Neben unserem Hotel führt eine eher schmale, schäbige Straße mit kleinen Läden und einfachen Restaurants entlang. Wellblech, Holz- und alte Backsteinwände, wackelige Konstruktionen, um Waren darauf auszubreiten, zu kochen oder als Kunde zu essen. 10 Meter über die Straße entfernt von unserem gigantischen Apartmentblock…Ein kleines, wirklich schmuddeliges Viertel. Man springt über Pfützen unterschiedlichster Ursache, muss auf die Füße achten, um nicht zu fallen. Überall schwarzer Schimmel, bröckelnder Putz, wirre Kabel.

Ich überquere eine größere Straße, passiere ein gigantisches rundes Parkhaus und bin in einer anderen Welt. Riesige Gebäudekomplexe, fast alle für Läden, Superstores, Malls. Alles ist voller Menschen, die in alle Richtungen strömen. Auf der breiten Straße Bukit Bintang, die dem Viertel seinen Namen gegeben hat, strömt der Verkehr, aufgeregte Verkehrspolizisten pfeifen gegen die Ampel an, weil irgendein wichtiger Konvoi Vorfahrt hat.

Bukit Bintang ist DAS Geschäftsviertel Kuala Lumpurs. Hier regieren die Superlative, klein und bescheiden ist das einzige, was es hier nicht gibt. Alles ist so riesig, gigantische LED-Wände blinken, blitzen, flimmern. Auf den Bürgersteigen hat sich noch eine Zeile kleinerer Restaurants dazwischen gequetscht. Im Gegensatz zu den kleinen, bescheidenen neben unserem Apartment sind die aber neu und chic.

Dass hier in der Stadt viele Reiche und Megareiche residieren, ist nicht zu übersehen: Feine Apartmentblocks mit viel Security, dicke Autos, Edel-Brands wie Louis Vuitton haben hier Stores, die das KeDeWe klein aussehen lassen. Doch zwischen den tollen, schicken Prestige-Bauten der Stadt liegen vor aller Augen, aber trotzdem unsichtbar, die Schmuddelecken der alten Stadt. Die kleinen oft eher etwas armseligen Behausungen derer, die den anderen das Leben schön machen: kochen, putzen, reparieren, liefern. Sie leben in Straßenzügen, die aus verfallenen, hässlichen und kleinen Häusern bestehen, im wahrsten Sinne des Wortes im Schatten der Giganten nebenan. Obdachlose schlafen auf dem Boden, streunende Tiere suchen Fressen. Alltag in KL.

Aber ich schweife ab und greife vor. Erstmal weiter mit meinem ersten Ausflug. Auf der Hauptstraße angekommen, habe ich erstmal nur dagestanden und gestaunt. Klingt albern, war aber so. Eine Mall nach der anderen, davor glitzernde Springbrunnen, leuchtende goldene und silberne Eingangstore wie aus 1001 Nacht, der brodelnde Verkehr auf der Straße mittendurch.

Die nächste geöffnete Apotheke wird mir in der Bukit Bintang Plaza Mall angezeigt. Um das Ganze jetzt nicht noch mehr auszuwalzen: Ich habe trotz freundlicher Hilfe des zahlreichen Wachpersonals 15 Minuten gebraucht, um diese Apotheke zu finden. Hier sind auf 48 Stockwerken (drei unterirdisch) mehr als 1000 Geschäfte und Restaurants untergebracht. Der Grundriss entspricht der eines kleinen Viertels. Mittendrin ein mit tausenden Lichtern beleuchtetes goldglänzendes Wunderland als Atrium, kitschig wie aus 1001 Nacht. Und die meisten Läden in dieser Mall sind von der gehobenen Art, viele gehören zum obersten Preissegment. Wer kauft das alles??

Und natürlich gibt es auch außerhalb dieses gigantischen Komplexes weitere große Einzelstores der beḱannten Labels, eher selten auch mal eine Zeile Stände und Läden mit einheimischem Billigkram . Vieles hier grenzt an Gigantomie. Und das beschränkt sich nicht auf unser Viertel Bukit Bintang, wie ein Blick aus unserem Fenster im 20 Stock zeigt. Auch in der restlichen Innenstadt wird repräsentiert, geprotzt und gewetteifert.

Schon ein Blick aus unserem Fenster im 20. Stock gibt des Blick auf viele andere riesige Gebäude frei. Jedes anders, fast jedes unverwechselbar.

A propos Blick. Ein Grund, warum wir uns für das Axon Residence entschieden haben, waren die Fotos von einem Infinity Pool im 37. Stock. Das sollte unser kleines Extra für die letzten Tage sein, in dieser heißen Stadt. So abends, nach dem Sightseeing. Dachten wir. Falsch gedacht! Ramadan! Das Ding wird knallhart geschlossen, obwohl ein Großteil der meisten Gäste und Mieter hier gar keine Muslime sind und man damit wirbt! Das empfinde ich als Ignoranz allen Nichtmuslimen gegenüber, deren Geld man gern nimmt. Meine Verärgreung wird mit einem Schulterzucken abgetan. Später treffe ich noch etliche verärgerte Gäste…

Die Sache mit dem Ramadan ist ohnehin ein wenig seltsam. Ich weiß natürlich, welcher Gedanke hinter dem Fastenmonat steckt. Aber ich verstehe nicht, wieso dann nach Sonnenuntergang nicht nur alle Sinnesfreuden wieder erlaubt sind, sondern geradezu zelebriert werden. Nehmen wir nur das Essen: Tagsüber weder Essen noch Wasser und kaum geht die Sonne unter, wird gegessen, was nur geht. Alle halal Restaurants hier werben mit ihren Angeboten zu riesigen Ramadan-Büffets am Abend. Und sobald es dunkel ist, ist es überall brechend voll und es wird genussvoll und überreichlich geschlemmt.

Wir erobern die Stadt ersteinmal schrittweise, zu Fuss. Tapfer und neugierig spazieren wir – schweisstriefend – durch Gassen und große Straßen. Vorbei an der modernen Hochbahn, die die Stadt auf hohen Betonträgern durchschneidet. Mehrere Autobahnen durchpflügen KL, wie es die Einheimischen wohl nennen. Die großen Magistralen sind breit, oft sechs- oder achtspurig, der Verkehr ist einfach irre. Ununterbrochen. Aber immerhin gibt es noch Bürgersteige. Und viel Polizei.

Wir sind haben uns Chinatown als Ziel ausgesucht mit dem berühmten Straßenmarkt in der Petalin Street. Keine besonders aufregende Strecke, aber das Laufen durch eine fremde Stadt gibt einem doch immer so ein bisschen Gefühl für den Ort. Die Mischung der Kulturen, Volksgruppen und Religionen prägt das Stadtbild. Namen, Bezeichnungen, Schriften: Arabisch, Chinesisch, Malay, Hindi. Vom Tschador bis zum Minirock, vom Sari bis zum chinesischen Seidenkleid, Fez, Kippa, Basecap oder rosa Punkfrisur – hier geht alles.

Endlich haben wir Chinatown erreicht und auch schnell die Petalin-Street gefunden. Ein typischer Straßenmarkt, über dem die üblichen fröhlichen roten und gelben chinesischen Laternchen schaukeln. In Kreuzform kuschelt er sich in die Gassen des Viertels. Hier gibt´s sehr viele leckere Dinge zu essen, von Nudeln über Fleisch, Fisch , Obst, Süsses bis der Zahnarzt kommt. Und leckere Säfte: frisch gepresstes Zuckerrohr mit Zitrone, Mango-Shakes, Eis-Cappucino – außer Wein und Schnaps eigentlich alles.

Dutzende Stände mit immer denselben T-Shirts, Caps, Taschen und Hosen, Fake-Marken-Uhren, Technikfirlefanz und auch mal Nützliches…. jeder kennt das aus irgendeinem Urlaub. Aber die Leckereien sind was besonderes! Und wir entdecken ein Massagestudio „Thai/Bali Style“. Genau! Das hat uns gefehlt.

Das Abendessen versinkt im Regen, der hier wohl an den meisten schwülheißen Tagen irgendwann alles dampfen lässt und die Bürgersteige und Fahrbahnen in glitschige Stolperstrecken verwandelt. Wir sind geschafft vom vielen Pflasterlatschen und so vielen neuen Eindrücken! Infinity-Pool ist nicht….also bleibt ein Abendessen im Viertel und vielleicht ein kaltes Bier? Gibt´s ja nicht überall. Aber unter einer Plane vor dem Regen versteckt, klappt das dann doch noch mit dem vollem Magen und dem Feierabend-Bier.