Kategorie: Asien
21 Vietnam: Da, wo der Pfeffer wächst 2
Der Tag beginnt mit Fremdschämen für die eigenen Landsleute. Unser frühmorgendliches Bad machen wir ein Viertelstündchen später als gestern – ein fataler Fehler. Im feineren Resort 500 Meter nördlich, wo das Wasser sauberer ist, herrscht nicht mehr Ruhe, sondern wie auf Kommendo kommen schlaftrunkene Menschen deutscher Herkunft aus allen Ecken im Dauerlauf, sich gegenseitig überholend, Richtung Strand gerannt, bewaffnet mit Handtüchern, Autobild und Superillu, um Liegen zu blockieren und dann wieder ins Hotel zu taumeln. Oh, Gott, niemand tut das außer den Deutschen! Wir sind völlig geplättet von dem peinlichen Schauspiel und hoffen, dass uns niemand diesen Menschen zuordnet.
Heute schwingen wir uns auf den Roller und düsen Richtung Süden. Einen ersten Stopp legen wir bei einem Park außerhalb der Stadt ein, wo – in der Regenzeit – ein Wasserfall zelebriert wird. Schön angelegt, mit seltsamen, aber ziemlich skurrilen Betonskulpturen und Wegen zum flanieren. Zur Zeit allerdings ist alles ausgestorben, da der Fluss trocken ist.
Die Fahrt geht weiter über die große Nord-Süd-Straße, die ein Erlebnis für sich ist. Oder besser ein absurdes Geheimnis, das sich uns nicht erschließen will: Ein paar Kilometer (oder auch nur einige hundert Meter) präsentiert sich diese Hauptverkehrsader als vierspurige Autobahn mit breiten Standstreifen, dann plötzlich wieder ist sie nur Sandpiste, dann mal Riesenbaustelle ohne Arbeiter, dann Kiesaufschüttung, schmaler Weg – das alles immer im Wechsel, so dass kein einziger längerer Abschnitt durchgehend befahrbar ist. Man kann es sich nicht vorstellen, wenn man es nicht gesehen hat. Ist aber typisch für Vietnam, nur in dieser Konsequenz Spitze.
Auf unserer Touristenkarte ist etwas abseits der Hauptstraße ein weiterer großer Tempel eingezeichnet. Da es sonst nicht eben viele Sehenswürdigkeiten gibt, wagen wir uns dafür auf eine weitere Buckelpiste. Wir passieren eine wunderschöne kleine Strandbucht, deren Sand allerdings unter all dem Plastikmüll an keiner Stelle zu sehen ist. Es folgen etliche Kilometer Schotterpiste durch rotstaubigen Urwald.
Dann plötzlich gut 500 Meter frisch aufgeschütteter Kies, auf dem dekorativ, aber untätig eine museumsreife, verrostete Dampfwalze seht. Wieder so ein Straßenbau, bei dem keine Arbeiter zu sehen sind, der irgendwo in der Mitte einer Straße beginnt und willkürlich irgendwo endet. Aufgeben? Wir doch nicht. Mein Kamikazepilot kämpft den Roller und mich auf dem Rücksitz mit ganzem Körpereinsatz und mehrfach ausbrechendem Hinterrad auf die andere Seite. Schließlich landen wir auf einem Berg über der Küste vor einem Riesentempel, dessen Außenanlagen allerdings zum Teil noch im Bau und somit betongrau sind.
Ein Cao Dai Tempel, der ganz ungeniert mit seinen Spendern wie der Fluggesellschaft Vietjet, Banken usw. wirbt – seltsam. Die Nonnen und Mönche sehen hier ganz anders aus als in Tay Ninh: kahle Köpfe, einheitliches braun. Wir gehen zum Haupttempel, der bereits fertig ist. Kaum haben wir diesen betreten, erleben wir eine völlig absurde Vorstellung.
Ein lächelnder Mönch eilt uns entgegen, winkt uns hinein, nimmt uns die Kamera aus der Hand. Nun folgt ein schweigender, aber resoluter Marathon durch Haupt- und Nebentempel sowie den Hof. Wir werden von dem eifrigen Diener Gottes über 20(!) mal in fast dergleichen Pose vor so ziemlich jedem Buddha, Altar, schließlich sogar der linken und rechten Tee-Ecke (ohne Tee!) etc. aufgebaut und abgelichtet. Hintereinander weg, unterbrochen nur von einer unmissverständlichen Aufforderung zu Spenden an verschiedenen Stellen, bei denen der eifrige Fundraiser einfach in unser Portemonaie greift und sich herausnimmt, was ihm angemessen erscheint. Dann geht es immer weiter mit der absurden Fotosession, die darin gipfelt, dass wir vor einem heiligen Stein einen umgekippten alten Baum, auf dem mit Draht gelbe Plastikblüten befestigt sind, für´s Foto festhalten müssen um ihn verzückt anzuschauen. Nach dem Foto fällt das Ding zurück in den Dreck. Die Krönung: Der Mann ist offensichtlich schwul und fingert ständig an Miki herum, tätschelt seinen Arm und himmelt ihn an. Als wir zehn Minuten später wieder allein vor der Tür stehen, können wir gar nicht glauben, was wir gerade erlebt haben. Wir verbuchen die nicht eben freiwilligen Spenden als Vergnügungssteuer für das schräge Entertainmentprogramm an diesem Ort fernab im Nirgendwo.
Wir kämpfen uns wieder zurück auf die Hauptstraße und fahren weiter Richtung Südküste. Ich bin mittlerweile sicher: Bei unserer Abreise von Whale Island hatten wir das Zertifikat „Open Diver“ in der Tasche. Bei der Abreise hier steht uns nach gut 200 Kilometern Inselpisten auf dem Scooter das Zertifikat „Iron Ass“ zu …
An Thoi heißt das Städtchen am Südzipfel der Insel. Quirlig, staubig, ohne nennenswerte Sehenswürdigkeiten bis auf zwei Häfen: einen für Fischerboote und den für die Fähre auf´s Festland. Wir sind halbverhungert und suchen etwas zu essen, die Auswahl ist mäßig außerhalb der Hauptessenzeit. Ohne ins Detail zu gehen: Selbst der große Hunger bewirkt nicht, dass wir mehr als ein paar Nudeln aus der servierten Suppe fischen, die noch das ungefährlichste Gericht der Karte war. Der Rest in der Brühe besteht aus zerknackten Schweineknochen, harten Fleisch- und Fettstücken samt Schwarte mit Borsten. So nimmt man wenigstens nicht zu.
Doch das wirkliche Highlight des Tages kommt, nachdem wir schon aufgeben wollen. Die Zufahrt zu einem der beiden ausgewiesenen Strände auf dem Rückweg wird uns von einem Kalaschnikoff bewaffneten, freundlich grinsenden Soldaten eindringlich verwehrt – Sperrgebiet. Sag dass doch mal einer den Tourismuswerbern der Insel. Doch mit grimmiger Entschlossenheit versucht es Miki wenig später beim letzten, vor Duong Dong noch verbleibenden Strand wieder, obwohl ich und mein Hintern längst keine Lust mehr auf noch mehr staubige Kilometer zu einer weiteren möglichen Müllkippe haben.
Viktoria! Da ist er, der Traumstrand! Sao Beach ist einer der schönsten Strände, den wir je gesehen haben: Weißer Sand, Palmen, Hügel und ein helltürkises kristallklares Meer, auf dessen Grund sich die Sonnenkringel spiegeln. So schön! Und als Sahnehäubchen dürfen wir hier auch noch mal fliegende Fische bei ihrer silbernen Regenbogendarstellung beobachten. Der Tag ist gerettet. Wir verbringen hier drei entspannte, man möchte fast sagen entrückte Stunden und sind mit der Welt und Phu Quoc wieder im Reinen.
Vorbei am Museum des berüchtigten Coconut Prison der Amerikaner, wo wieder im Stile von Madame Tussaud das Leiden der Inhaftierten dargestellt wird, begeben wir uns auf den Rückweg Richtung Hotel, die Sonne geht bald unter.
Noch eine kleine Abenteuereinlage: Auf den letzten Wegkilometern, von denen wir sicher wissen, dass der Asphalt durchgängig ist, setzt sich Motorbiene persönlich hinter den Lenker und Miki todesmutig aus den Rücksitz. Ziemlich genau 40 Jahre, nachdem ich auf einem niedlichen DDR-Moped meine Fahrprüfung gemacht habe, steure ich hochkonzentriert dieses Teil, das im Vergleich dazu eine schwere Maschine ist, ohne jede Fahrpraxis Richtung Hotel. Ich, der Roller und der Beifahrer haben es überlebt. Ist halt Abenteuerurlaub!
Aber ein Drink am Strand beruhigt die Nerven und das anschließende Barbecue daselbst verleihen uns die nötige Bettschwere.
Eines habe ich übrigens noch nicht erzählt: Angefixt von unserer neuen Passion und dem nagelneuen Zertifikat haben wir bei der örtlichen Rainbow Divers Filiale noch zwei Tauchgänge für morgen gebucht! Aufregend, das erste Mal ganz ohne Tauchmama Vivis schützende Eskorte. Wie war das alles nochmal? Ausrüstung zusammenbauen, Buddycheck, s.o.r.t.e.d … oh Mann! Mal sehen, ob wir die Realität bestehen. Mit einem Kribbeln im Bauch kriechen wir unter unser Moskitonetz.
Der nächste Morgen beginnt früh: Um sieben werden wir von einem Kleinbus eingesammelt, in dem schon andere verschlafene Diver und Divemaster sitzen. Über die hoppeligen Straßen geht es zum Südhafen und von dort per Schiff zum Archipel aus Inseln und Riffen südlich von Phu Quoc.
Yemanja hat für einen strahlenden Tag und ein ruhiges Meer gesorgt. Nur die riesigen Exemplare der blauen Quallen neben unserem Schiff versetzen mich in Panik. Aber die freundlichen Divemaster beruhigen mich: Die sind nur oben … Hoffentlich wissen die Quallen das auch. Trotzdem weicht meine leichte Nervosität fröhlicher Vorfreude, Miki geht es genauso.
Wir werden einem lustigen vietnamesischen Divemaster zugeteilt, der Huang heißt, aber Cooler genannt wird. Er ist ein alter Hase und erklärt uns, dass wir alles ganz easy nehmen sollen, er wäre ein lazy & slow swimmer, wie es sich für coole Taucher gehört. Die anderen Divemaster und Instruktoren sind übrigens ein wild und multinational zusammengewürfeltes Völkchen: USA, Russland, Frankreich, alles vertreten.
45 Minuten später wird es ernst. Nix mit Ausrüstung zusammenbauen – alles vorbereitet, full service, boah! Und nicht mal den Buddy Check müssen wir allein machen, Cooler macht das. Miki ist jetzt echt enttäuscht, er wollte mich damit überraschen, dass er sich inzwischen alles gemerkt hat. Vier Tauchergruppen à zwei bis vier Taucher und zwei „Lehrlinge in Ausbildung“ gehen an den Start. Erster Stopp: „Maritim Protected Area“, hier soll es auf 18 Meter gehen. Die Wassertemperatur beträgt 29 Grad.
Noch ein kurzes Flattermännchen an der Bootskante, Brille, Maske und Gewichtsgürtel festhalten und dann rein ins tiefe Blau. Ja, es funktioniert! Alles ganz locker, auch der Abstieg und alles weitere ist pures Vergnügen. Die Korallen präsentieren sich in voller Pracht, Fischschwärme lassen uns mitschwimmen, andere Flossengenossen starren uns misstrauisch an. Die Quallen halten sich an die Regeln … Wir bewegen uns ganz ohne Anfängerprobleme, keine Zappeleien wegen ungewollten Auf- oder Abstiegs – einfach nur genießen.
Dasselbe gilt auch für unserem zweiten Tauchgang an einem alten Riff, zwei Stunden später, nachdem wir zwischendurch noch eine Runde geschnorchelt haben. Diesmal begegnen wir in 15 Meter Tiefe unter anderem einem dicken Pufferfisch, der uns verdrossen aus seinem Versteck in einer alten Koralle anglotzt. Zum Abschied spielen wir noch mit ein paar lustigen Clownsfischen (Nemo) und verlassen die so lieb gewonnene Unterwasserwelt – bis zum nächsten Mal. Wir nehmen das tolle Gefühl mit, jetzt wirklich Taucher zu sein (bzw. immer mehr zu werden), nicht nur Tauch-Oldies, die irgendwie ihre Prüfung bestanden haben.
Nun gibt es den von der vietnamesischen Männer-Crew liebevoll in stundenlanger Arbeit zubereiteten Lunch. Zuvor haben die Jungs unterwegs bei einem schwimmenden Fischladen eingekauft, sehr kurios. Ihr ganzer Stolz (und Extraverdienst): frische Seeigel. Gekocht mit Erdnüssen und Kräutern oder roh mit Wasabi. Sie haben stundenlang an dem Viehzeug geputzt und wir fühlen uns verpflichtet, nun auch davon zu kosten. Mir graust es – aber es schmeckt gar nicht schlecht. Zumindest mal nicht zäh, wie sonst fast alles Fleisch in Vietnam. Keine Ahnung, warum man das hier nie weichkocht.
Bei Gesprächen mit Cooler über Vietnam und Europa bekommen wir übrigens noch mal ganz klar gesagt, was wir auch so schon begriffen haben: Kein (oder sagen wir: kaum ein) Vietnamese will sein Land verlassen. Und wenn, dann nur, um Geld zu verdienen, was hier nun mal wirklich sehr schwer ist. „Die Menschen da in Europa und Amerika – die verstehen uns sowieso nicht. Sie begreifen nicht, wie wir sind – innendrin.“
Was für ein schöner Abschluss unseres Inselaufenthaltes ist dieser Tag an und unter Bord vor der Küste von Phu Quoc im Golf von Thailand. Nun bleibt noch ein Ausflug zum Nachtmarkt von Duong Dong mit maritimem Nachtmahl, ein letzter Drink am Strand. Dann trennen uns uns nur noch acht Nachtstunden vom Inselabschied. Phu Quoc – die Insel wo der Pfeffer wächst – kein wirkliches Paradies, unberührt schon gar nicht, aber spannend allemal.
20 Vietnam: Da, wo der Pfeffer wächst 1
Nach einer letzten Bicycle-Abschiedsrunde durch die nächtliche Altstadt, einem Abschiedsessen bei den Schwestern und einer sehr kurzen Nacht bringt uns ein Taxi um Viertel vor Sechs nach Da Nang. Irre, so früh am Morgen , aber hier tobt seit Sonnenaufgang offensichtlich der Bär, vorallem in Strandnähe: Die Straßen und der Strand sind bevölkert von Vietnamesen, die alle irgendeiner sportlichen Betätigung nachgehen – von Tai Chi bis Laufen. Alte, Junge – viele sind offenbar schon plaudernd auf dem Heimweg.
Die Vietnamesen sind wie die Lerchen: Wenn die Sonne untergeht, dauert es nicht mehr lange bis sie ganz still werden und sich zur Ruhe begeben (einfache Restaurants außerhalb der Superstädte Saigon und Hanoi schließen oft um Neun, um Zehn sind die Bürgersteige hochgezogen), aber sobald sich die Nacht auch nur in ein lichteres Grau verwandelt, sind sie auf den Beinen.
Am Flughafen geht diesmal alles gut. Da Nang ist eben doch deutlich internationaler und man ist ausländische Pässe gewöhnt. Bei der Ankunft in Saigon, wo wir einen Umsteige-Stopp haben, trifft uns die Hitze wie ein Keulenschlag, und das, obwohl wir aus dem sommerlichen Hoi An kommen – 37°C. Mit etwas Verspätung geht es dann weiter nach Phu Quoc, 365 km südlich: Die Insel, wo der Pfeffer wächst. Von Hanoi trennen uns schon jetzt fast 1900 Kilometer.
Heiß! Staubig! Das sind die ersten Eindrücke. Hier geht gerade die Trockenzeit dem Ende entgegen. Die Insel ist 28 Kilometer breit und 48 Kilometer lang und hat 70.000 Einwohner. Hier wird angeblich die beste Fischsoße Vietnams hergestellt und wie gesagt Pfeffer angebaut. Aber es gab auch ein düsteres Kapitel in der Geschichte der Insel: Phu Quoc war in der Zeit des Vietnamkriegs Gefängnis-Insel, wie auch schon zu Zeiten der französischen Kolonialverwaltung. Jetzt beschreiben sie Reiseführer als paradiesisch, was ich doch für etwas übertrieben halte. Dennoch ist es eine schöne Insel, mit langen Stränden und mäßig hohen, bewaldeten Bergen im Nordosten.
Wir haben nichts vorgebucht. Wie sich herausstellt hatten wir in diesem Falle kein rechtes Vertrauen zu Reiseführer und Internet, die die abgelegenen Strände im Norwesten und Südosten preisen. Irgendwie zu weit weg, um dann auf ein oder zwei Ressorts angewiesen zu sein. Wir haben uns entschieden, doch lieber in der Hauptstadt Duong Dong zu bleiben und uns per Scooter an einsamere Orte zu bewegen. Wir lassen uns am abgelegenen Flughafen auf einen Hotelschlepper ein, der sich später als Besitzer entpuppt. Er bietet uns einen freien Transfer nach Duong Dong an, ohne Verpflichtung bei Nichtgefallen bleiben zu müssen.
Ich will die Sache nicht ausdehnen. Das mit dem kostenlosen Zubringer war ok, die Verhandlungen über einen Aufenthalt letztlich eher ärgerlich. Viele der schöneren am nördlichen Ende der endlosen Long Beach gelegenen Ressorts kommen für unser Budget nicht in Frage. Wir wandern eine Weile am Strand entlang zum volkstümlicheren Ende, dann entschließen wir uns zu einer sehr pragmatischen Lösung: billig und passabel. Wir mieten einen Bungalow in einem einfachen Familien geführten Strandressort für 12 Euro: klein, ein sauberes Bett, Moskitonetz, Tisch, Stuhl, alter kleiner Kühlschrank, Ventilator, Dusch-Klo mit Kaltwasser und sauberem Fliesenboden (Blick an Wände und Decke vermeiden), Miniterrasse. Die Kategorie schön kommt nicht vor, aber zweckmäßig. Es gibt ein eigenes nettes Restaurant am Strand sowie hübsche Bäume, flitzende Geckos, zwitschernde Vögel und nächtliche Fledermäuse zwischen den Bungalows. Hoang, die stattliche Stubenschabe im Bungalow, möchte anonym bleiben.
Die Bungalow-Anlage Lien Hiep Than ist eine von vielen hier am Strand, im „mittleren Westen“ der Insel, aber wir haben uns entschlossen, kein Risiko einzugehen und uns per Taxi an einen der einsameren Strände bringen zu lassen, denn wenn die Anlage da schlecht ist, dann ist man weit weg von allen Alternativen. Und das, was die Internetportale als Beschreibung und Fotos bieten, ist in 80 Prozent der Fälle Phantasie plus viel Photoshop hier in Vietnam.
Drei Kilometer von hier ist das das Zentrum der Inselhauptstadt Duong Dong. Die City sozusagen, auch wenn das stark übertrieben ist. Allerdings ist die kleine Stadt wieder viel geschäftiger und quirliger als manche zehnmal so große deutsche Stadt. Die Attraktionen sind ein großer Cai Dai Tempel, ein paar kleine buddistische Tempel, ein Tagesmarkt und – der Nachtmarkt. Eine in Vietnam sehr beliebte Einrichtung: Shoppen und Essen als Volksvergnügen auf der Straße am Abend (Nacht ist hier ein relativer Begriff, siehe oben).
Am Ankunftsabend sind wir faul nach all dem Stress, lassen uns mit einer Massage zwei Meter neben den Wellen im Sonnenuntergang verwöhnen und nehmen anschließend einen Platz am noch mal fünf Meter entfernten Restauranttisch unsreres Hotels ein. Es gibt hier jeden Abend Barbecue am Strand: ein Fleischmenue oder ein Fischmenue. Wir entscheiden uns für je eins: ein kleiner Schweinefleischspieß mit Zwiebeln und Chilischoten und ein Hühnchenspieß mit Ananas, dazu gegrillte Auberginen, Okra und Kartoffeln plus Knoblauchbrot, das andere Menue unterscheidet sich durch in Folie gegrillten Barracuda. Lecker! Und die ganze Zeit das Meer daneben – das ist Luxus!
Kurz nach Sonnenaufgang nehme ich mein Bad im Meer, allerdings laufe ich dazu ein ganzes Stück den Strand entlang, aus gutem Grund: Ich habe Rohre entdeckt, die hier bei einigen Ressorts ins Meer gehen: Beharrliches Nachfragen ergibt, dass da das vorgereinigte Abwasser ins Meer geht. Uups … remember: You are in Vietnam! Zwar kann es nicht wirklich übel sein, denn dann wären hier alle Touristen krank, aber ich finde es trotzdem eklig und wandere lieber ein bisschen.
Frühstück am Strand und dann auf zur Entdeckertour. Gleich nebenan mieten wir für drei Tage einen Automatik-Motorroller für ingesamt 13 Euro und machen uns auf, den Norden Phu Quocs zu entdecken. Nachdem wir uns erstmal in den Nebenstraßen am nördlichen Stadtrand von Duong Dong verfranst haben und uns ein paar clevere Rotzlöffel für strikt eingefordertes Honorar auf den rechten Weg gebracht haben, passieren wir zunächst eine stadtteilgroße, planierte Baustellen-Mondlandschaft, wo offenbar ein ganzes neues Viertel?/Ressort? entstehen soll. Das prachtvolle Eingangstor steht schon – als Einziges. Danach folgt die vor sich hin qualmende städtische Müllkippe (die 15 Sekunden Fotostopp füllen unsere Lungen mit reichlich Dioxin).
Aber dann kommt immerhin Landschaft. Bald endet die asphaltierte Straße, weiter gehts über rotstaubige Schotterpisten. Links immer wieder das strahlend türkisblaue Meer, sonst staubiger undurchdringlicher Wald, im nächsten Monat beginnt endlich die Regenzeit. Wie bereits erwähnt gibt es in Südvietnam nur zwei Jahreszeiten: die trockene und die nasse.
Die wenigen menschlichen Ansiedlungen sind ziemlich ärmlich. Vorwiegend Blechhütten, manche der Bewohner sitzen vor den Häusern, dösen in Hängematten, spielen Brettspiele. Oft sitzen die Frauen auf der Erde und hacken mit Messern irgendwelche Lebensmittel auf alten Blechen oder Brettern. Gelegentlich habe ich beobachtet, wie sich jemand wäscht, indem er sich samt Kleidung vor eine Wassertonne hockt, sich mit einem Kochtopf Wasser überschüttet, die Bluse oder Hose ein wenig lüpft, mit der Hand darunterfährt und rubbelt – fertig. Ein Bad ist ein ungekannter Luxus.
Man wird angeschaut, aber nie unfreundlich, manchmal winken Frauen und Kinder sogar. So richtig wohl fühle ich mich dabei aber nicht, zumal man meistens in die ärmlichen Behausungen direkt hineinschaut. Und immer wieder überall diese Unmengen von Müll.
Dann ein paar versprengte Ressorts, allerdings ziemlich gammelig, ebenso wie der zwar schöne , aber ungesäuberte Strand. Uns ist rätselhaft, wie Reiseführer das alles loben können. Gut, das wir hier keine Unterkunft gebucht haben. Wir treffen ein paar Schweizer, die ähnlich reisen wie wir. Sie kennen noch mehr von Asien und Vietnam. Angenehm sauber und müllfrei hätten sie es nur in den Bergen abseits der Touristenrouten erlebt, erzählen sie. Schade, die Bergregionen haben wir dieses Mal nicht geschafft, wir mussten uns entscheiden, wie haben so schon über 4000 km zurückgelegt.
Ganz im fast unbewohnten Norden der Insel passieren wir eine gigantische Baustelle, hier entsteht ein Las Vegas ebenbürtiges Riesenressort. Gerade ist Schichtwechsel und es marschieren ganze Heerscharen junger Menschen zur Arbeit: Wir tippen auf staatlich verordneten Arbeitseinsatz der Studenten. Wie sie untergabracht sind, sehen wir wenig später: Offene Holzhütten mit Hängematten und einem abgehangenen Kabuff – vermutlich zum Umziehen. Erinnert irgendwie an China.
Das Rollerfahren wird langsam zur Super-BMX-Rallye, nur Sand, Kies und Schotter. Dann kommen noch ein paar schöne Blicke aufs Meer, aber die Strände sind ziemlich gammelig und weitgehend verlassen. Schließlich fahren wir noch zu einem Nobelressort, Peppercorn Beach. So nobel, dass wir nicht in Sicht der zahlenden Gäste baden dürfen! Aber das Wasser ist toll hier, eigentlich schon zu warm und ganz klar! Und man kann Kambodscha sehen! Übrigens, nobel heißt hier: Am Strand vor den Bungalows und dem Restaurant tritt man auch schon mal in Hundescheisse oder Glas – und das für deutlich mehr als hundert Dollar …
Unser weiteter Weg führt uns noch zu einem etwas langweiligen Urwaldtrail und irrtümlich in das elendste Dorf, was wir überhaupt gesehen haben. Man kann gar nicht glauben, unter welchen Umständen Menschen leben können. Und dazu der ganze Abfall, sie leben darin, ohne sich daran zu stören. Es ist wirklich erschreckend, wie wenig Sinn für Schönes und Kultur dem Menschen wirklich eigen ist, wenn er nicht so sozialisiert wird. Es ist einfach kein Bedürfnis nach einer anderen Umgebung da, wenn man immer so gelebt hat. Denn sicher, diese Menschen sind superarm, aber so müssten sie nicht leben. Sie tun nichts dagagen. Sie spannen ihre Hängematte über dem Müll, die Babys spielen daneben und das war´s. Ich urteile hier nicht darüber, ich konstatiere nur die totale Agonie und Abwesenheit jeglichen Bedürfnisses nach Veränderung. Es ist schrecklich anzusehen.
Nach gefühlten 500 Kilometern über Schotterpisten (tatsächlich vielleicht 50) erreichen wir dann wieder die „Zivilisation“ der Insel in Form einer leeren, völlig überdimensionalen vierspurigen Autobahn. Es gibt drei Nutzergruppen: ein paar Zweiräder, ein paar weniger LKW und Taxis und – Kühe, die hier allein herumspazieren.
Wir fahren jetzt vorallem an Pefferfarmen vorbei, denn schließlich ist Phu Quoc die vielzitierte Insel, wo der Pfeffer wächst. Er wächst auf großen Rankenpflanzen. Die Bauern trocknen ihn meist auf Folien auf der ebenfalls überdimensionierten Kriechspur der Autobahn – die braucht hier sowieso keiner. Es sieht sehr lustig aus.
Schließlich erreichen wir wieder Duong Dong und der Kreis schließt sich nach einer aberwitzigen Kamikaze-Fahrt durch die Straßengroßbaustelle ín der Stadtmitte, durch die sich Motorräder, Fußgänger mehr oder weniger mittendurch oder an den Bauzäunen entlangdrängeln – alle gleichzeitig.
Eine Massage am Strand und ein Bad belohnen unsere Hoppelpisten gestressten Wirbelsäulen und Weichteile. Es war eine spannende Entdeckungsfahrt, aber keine, die nur Schönes und Erbauliches gezeigt hat. Keine Ahnung, welcher Marketing-Selbstläufer alle Reiseführer zu der Behauptung verleitet, Phu Quoc sei ein fast noch unberührtes Paradies. Ein paar sehr schöne Strände allein reichen dafür doch nicht so ganz.
19 Vietnam: Entspannter Zwischenstopp
Was haben wir doch für ein Glück! Hätte nie gedacht, dass ich das mal sage, weil ich im Ausland mit Landsleuten ein Abteil teilen darf. Aber angesichts des Schocks, dass in den Nachtzügen hier in den teuersten Vierer-Schlafwagenabteilen auch oft mal eben fünfköpfigen Familien zwei der vier Betten belegen und man dann die Nacht unter unerträglichen Umständen verbringen darf, empfinden wir es als Geschenk, ein junges Paar aus Brandenburg in unserem Abteil zu treffen. Leicht panisch verriegeln wir schnell das Abteil, weil der Schaffner auf der Suche nach weiteren Plätzen ist.
Das Soft-sleeper-Bett erweist sich als knochenhart, aber immerhin gibt es sauber bezogenes Bettzeug – so weit alles gut. Bestens gelaunt durch unser Reiseglück zu viert tauschen eine Weile unsere Vietnam-Erlebnisse aus und fallen dann gegen Mitternacht in einen von lautem Ruckeln begleiteten Fakir-Schlaf, bis um kurz vor sechs über Bordfunk dröhnende Revolutionslieder und eine vermutlich flammende Rede alle möglicherweise noch Dösenden senkrecht stehen lassen.
Kurz darauf kommen ein paar Frauen mit Frühstücksangeboten suboptimaler Güte auf schmuddeligen alten Karren durch die Gänge. Zuerst beschränken wir uns auf Tee und Vietnam-Kaffee, aber dann macht mich der Hunger mutig und ich traue mich an einen mittelmäßig schmeckenden, mit Fleisch gefüllten Hefekloß, den ich auch überlebe.
Um kurz nach zehn hält der Zug in der alten Kaiserstadt Hue. Wir hatten uns entschlossen, sie auslassen Unsere netten Reisegenossen steigen aus. Draußen sieht es immer noch trübe aus, aber die Wetterscheide, der Wolkenpass, kommt erst noch. Im Gang toben inzwischen brüllende Kinder, niemand scheint hier was zu sagen. Gut, dass wir die nicht im Abteil haben. Inzwischen sitzen wir seit 15 Stunden im Zug. Miki findet solche Zugfahrten sehr spannend … mir tun langsam die Knochen weh. Aber die letzten zwei Stunden sollen landschaftlich sehr schön sein. Bisher gab´s vor allem Reisfelder, in denen eingestreut immer wieder gemauerte Grabstellen zu sehen sind, die manchmal wie Mini-Tempel geschmückt sind. Was es damit auf sich hat, konnte ich noch nicht in Erfahrung bringen.
Ja, der letzte Streckenabschnitt ist wirklich schön. Rechts grüne Berge, links Dschungel und immer wieder tief unter uns das blaue Meer. Kleine und große Buchten, mal schroff und felsig, mal lange Sandstrände, verträumt und menschenleer, weil kaum erreichbar. Zwischendurch düsen wir durch Tunnel, wenn die Berge zu hoch werden. Im Wald über uns tauchen immer mal wieder Ruinen von Bunkern und Schießscharten auf. Der Reiseführer schreibt, große Gebiete dürfen immer noch nicht nicht betreten werden, weil hier immer noch alles voller Blindgänger-Bomben ist – fast 40 Jahre nach Kriegsende!
Endlich: Da Nang! Beim Aussteigen schlägt uns schwüle Wärme entgegen, das tut gut nach so viel Kühle und Regen!
Wir teilen uns mit einem australischen Paar ein Taxi nach Hoi An, das eine halbe Stunde entfernt ist. Da Nang selbst bietet im Vorbeifahren wieder ein ganz anderes Vietnambild: ganz modern, eine neue Stadt mit Skyscrapern in teilsweise futuristischer Architektur und einer schönen drachenförmigen Brücke. Boomtown – die Stadtränder fransen überall aus und bestehen nur aus Baustellen und Industrieansiedlungen. Auf der Strandseite die ersten nagelneuen Riesen-Ferienressorts, die überall auf der Welt stehen könnten, völlig gesichtslos. Scheusslich. Tschüss Vietnam, die Globalisierung ist angekommen.
Gut 30 Kilometer entfernt unser Ziel: Hoi An gilt als eine der schönsten Städte des Landes: eine gemütliche Küstenstadt mit einer malerischen, gepflegten (fast müllfreien!) Altstadt, die abends von hunderten Lampions erleuchtet wird. Es ist wirklich sehr hübsch und angenehm beschaulich nach all dem Hanoi-Stress. Allerdings ist die Altstadt selbst schon ein echtes Touristenmekka für In-und Ausländer, wobei aus dem Inland sichtlich nur Neureiche kommen – die ersten übergewichtigen Vietnamesen übrigens, die ich auf dieser Reise sehe. Doch obwohl sehr touristisch, sind die Straßen der Altstadt immer noch ursprünglich, mit alten Häuschen, die alle mit bunten Laternen geschmückt sind. Alle beherbergen inzwischen Geschäfte, Galerien und Restaurants. Sehenswürdigkeiten sind einige Versammlungshäuser und Tempel, sowie eine sehr hübsche japanische-chinesische Brücke.
Heute ist ein besonderer Tag: Vollmond. An diesem Tagen wird immer eine Art Lichterfest gefeiert, bei dem die Menschen schwimmende Lampions mit kleinen Kerzen darin auf den Fluss gleiten lassen, der die Stadt teilt. Sie schwimmen dann flackernd auf dem nächtlichen Wasser, zusätzlich zu all den anderen Lichtlein, die die Häuser und Straßen rundum beleuchten. Wir schlendern gemütlich ein bisschen herum – überall werden Glücks-und Geschicklichkeitsspiele gespielt, die Vietnamesen sind ganz aus dem Häuschen, wie kleine Kinder. Das ist überhaupt sehr süß: Die Menschen in Vietnam lachen allgemein unheimlich gern, überall wird geneckt und gekichert, selbst Kellner jagen sich schon mal durch die Tischreihen oder zwicken sich. Fröhliche Menschen, die einen Sinn für´s Kindliche erhalten haben.
Wir schaffen es, abseits der vielen, zum Teil schon etwas überkanditelten Restaurants einen billigen einfachen Foodcourt zu finden, wo winzige Restaurantzwerge nebeneinander aufgereiht sind, alle haben nur einen langen Tisch. Billig, authentisch, gut! Wir landen bei zwei Schwestern, die sehr charming sind und uns auch an den folgenden Abenden wieder strahlend mit sanfter Gewalt in ihre Tischreihe bugsieren, zum Ärger der Nachbarwirte. Aber es ist lecker, auch wenn man gelegentlich etwas anderes bekommt als bestellt. Das mit dem Englisch ist hier so eine Sache und viele Vietnamesen sagen immer yes, auch wenn sie partout nichts verstanden haben. So sitze ich an einem Abend vor mehreren frischen Säften, obwohl ich einen Ananassaft und einen Mangosalat bestellt habe. Bekommen habe ich Melonensaft und Mangosaft. Als die beiden das kapieren, lachen sie sich halb tot und klopfen mir immer wieder kräftig auf die Schulter vor Vergnügen.
Am nächsten Morgen leihen wir uns für zwei Tage jeder ein Fahrrad (80 Cent pro Tag ) und los geht´s, quer durch die alte und „normale“ Stadt Richtung Strand, der etwas drei Kilometer entfernt ist. Das sehr gemäßigte Motorradaufkommen ist hier für uns nach fast drei Wochen Übung gut händelbar. Alles ist hier für vietnamesische Verhältnisse sehr licht und übersichtlich, mit erstaunlich breiten Straßen. Zumindest erscheinen sie uns nach der klaustrophobischen Enge von Hanoi so.
Der Tourismus explodiert hier gerade, überall außerhalb der Stadt sind schon die neuen Baugelände abgesteckt. Alte Fischerhütten werden plattgemacht, man kann nur hoffen, dass nicht nur gesichtslose Hotelklötze gebaut werden. Aber sicher ist: In fünf Jahren wird es hier zwischen der Stadt und dem kilometerlangen Strand kein unbebautes Land mehr geben. Die Frage ist nur: Ballermann oder Biarritz?!
Aber bei allem westlichen Bedauern über den Verlust der Unschuld muss man einfach sagen: Den Menschen hier in Hoi An tut es sichtlich gut. Es ist die erste Stadt in Vietnam, wo die Menschen überwiegend in vernünftigen Häusern unter meist einfachen, aber menschenwürdigen Bedingungen leben. Und: Es ist die bisher sauberste Stadt. Kaum noch Müll auf den Straßen und in den Gärten. Das alles natürlich in einem anderen Bezugsrahmen als dem europäischen, aber sehr auffällig für vietnamesische Verhältnisse. Alle arbeiten hart, jeder versucht auf seine Weise ein Stück vom Kuchen abzubekommen, als Verkäufer, Restaurantbesitzer oder Anbieter irgendwelcher Dienstleistungen.
Wir verbringen mal wieder zwei ruhige und beschauliche Tage in dieser heimeligen Stadt mit Strand. Neben leckerem vietnamesischen Essen endlich auch mal wieder echter Cappuccino und Baguette. Als Highlight gibt es eine blind body massage. Blinde, professionell ausgebildete Masseure bearbeiten uns eine Stunde lang für fünf US-Dollar nach allen Regeln der Kunst. Nichts für Weicheier oder Liebhaber westlicher Wellness-ChiChi! Die packen richtig zu und turnen sitzend und stehend auf den alten Liegen über und auf einem herum. Sie kneten, strecken und dehnen einen, dass die Schwarte knarrt und kracht. Herrlich, aber sehr anstrengend. Miki hat am Folgetag einen schrecklichen Muskelkater, mir tut endlich mal nichts weh!
Wir sind wirklich froh, dass wir dem Rat gefolgt sind, Hoi An in unseren Tourplan aufnehmen. Eine schöne und entspannte Erfahrung – sehr zu empfehlen.
Und morgen geht es dann weiter mit dem Flugzeug in den tiefen Süden, auf die Insel Phu Quoc!
18 Vietnam: Zurück in Hanoi
Nett, mal so in einer Schiffskabine aufzuwachen, noch dazu mit Blick auf die Ha Long Bay! Da kann man das Getucker des Generators nebenan und die Tatsache, dass das Duschwasser beinahe in die Kabine läuft, weil das Schiff leider so liegt, dass das Wasser nicht in Richtung Ausfluss sondern Richtung Türschwelle läuft, durchaus verkraften. Aber mit fortwährenden Wischbewegungen der Beine ist das Schlimmste zu verhindern und Frühsport ist auch gleich erledigt.
Nach dem recht vietnamesischen Frühstück (Reis, Eier, Obst, etwas Weißbrot) werden wir noch mal ausgebootet, um eine Perlenfarm zu besichtigen. Ganz interessant, wie die verschiedenen Austern mit mehrjähriger Pflege und viel Handarbeit gezüchtet werden, bis man dann endlich das begehrte Schmuckstück bewundern kann. Nur 30 Prozent bilden eine Perle, nur zehn Prozent eine perfekte, die zu edlem Schmuck verarbeitet wird. Aus den restlichen 2o Prozent wird Modeschmuck, Kosmetik und Medizin. War durchaus eine Versuchung, ein dezentes, aber elegantes Schmuckstückchen zu kaufen – so eine kleine schwarze Perle etwa?!
Nach dem Abschiedslunch auf dem Schiff (die Frühlingsrollen haben wir unter Anleitung selbst gebastelt!), geht´s gemächlich wieder zurück zwischen den grünen Bergen Richtung Hafen. Das Wetter ist heute schlechter, die Sicht nimmt von Minute zu Minute ab. Wir hatten also noch Glück mit unserer Tour.
Auf den langen viereinhalb Stunden Heimfahrt durch endlose Reisfelder und triste Ortschaften habe ich das Glück neben unserer kleinen Orchidee (Lan) zu sitzen. Sie ist sehr neugierig und will viel über Europa und Deutschland wissen, was mir umgekehrt Gelegenheit gibt, endlich mal alles über Vietnam zu fragen, was in keinem Reiseführer steht.
Sehr spannend und erschreckend! Warum sich das Ganze hier „sozialistisch geprägte Marktwirtschaft“ nennt, bleibt mir ein absolutes Rätsel. Die hängen sich nicht mal mehr ein soziales Feigenblättchen um, geschweige denn irgendwas Sozialistisches – außer vielleicht die allmorgendliche und allabendliche Beschallung der öffentlichen Straßen und Plätze mit Revolutionsliedern und flammenden Appellen. Das hat sich nicht mal die DDR in wildesten Zeiten getraut.
Nicht mal mehr Bildung oder Gesundheitsversorgung ist hier umsonst – und das in diesem armen Land! Das heißt nichts anderes, als dass es Heerscharen von Analphabeten und ahnungslosem menschlichen Arbeitsmaterial gibt. Die Superreichen (und die sind wirklich SUPERreich) zahlen selten Steuern, und wenn dann fünf Prozent. Überall im Land hängen noch die Parolen und Revolutionshelden-Poster á la Arbeiter- und Bauernstaat 1960. Die Partei ist mächtig und allgegenwärtig und tut offensichtlich nicht mehr, als alle zu überwachen, sich selbst an der Macht zu halten und die Abzocker und ausländischen Investoren zu hofieren. Die jährliche Inflationsrate beträgt über 22 Prozent.
Ein Auto muss importiert werden und kostet zusätzlich 200 Prozent Importsteuer. Wohnen ist so teuer, dass sich Lan mit zwei Feundinnen ein Durchgangszimmer teilt. Kochen können die meisten so gar nicht zu Hause, was erklärt, warum alle auf den Straßen essen. Wer ein Visum nach Europa will, muss ein Deposit von 5000 US-Dollar, einen gut bezahlten Job, Ehegatten und Familie nachweisen. Bei den Einkommen hier fast ein Schönefeld-Projekt (zeit- und finanztechnisch gesehen). Gesetzlichen Urlaubsanspruch gibt es neben den gesetzlichen Feiertagen keinen.
Die Gesellschaft selbst ist immer noch extrem hierarchisch und patriachalisch. Männer tun außer zu arbeiten absolut nichts innerhalb der Familie und des Hauses, die Eltern bestimmen im Allgemeinen, was die Kinder zu studieren haben (wenn sie es sich denn leisten können), wen sie lieben dürfen usw. Lan kriegt ganz große, glänzende Augen und kichert ungläubig, als sie hört, dass Männer in Deutschland auch kochen, einkaufen, putzen und Kinder aus dem Kindergarten abholen. Gar nicht so einfach hier, schon gar nicht für die jungen Leute, die durch Touristen und Internet sehr wohl informiert sind, wie die Welt „da draußen“ aussieht.
Am Abend hat uns der Moloch Hanoi wieder und dreht uns durch die Lärm-Abgas-Überbevölkerungsmühle. Nicht, dass es nicht interessant wäre, aber es ist wirklich knallhart und extrem anstrengend.
Am folgenden und letzten Tag versuchen wir uns trotz tiefgrauem Dauernieselregen und Dreck noch mal in Sightseeing. Ins Oberheiligste, das Ho-Chi-Minh-Mausoleum lässt man uns morges um halb elf nicht mehr rein. Direkt gegenüber vom Taxi abgesetzt, werden wir erst rund ums Viertel geleitet, um dann 100 Meter vom Ausganspunkt entfernt durch die Eingangskontrolle gehen zu dürfen. Leider fünf Minuten zu spät, um uns in die lange Schlange aus Touristen, Veteranen und auch jungen Vietnamesen aus dem ganzen Land einreihen und den ausgestopften Helden bewundern zu dürfen. Der wollte das übrigens nicht. Sein letzter Wille war, einfach nur als Urne traditionell begraben zu werden. Heerscharen von Wachsoldaten geleiten uns immer wieder im Kreis, kein Schritt links oder rechts auf dem Bah-Dinh-Platz, auf dem Onkel Ho 1945 die Unabhängigkeit ausgerufen hat, rund ums Revolutionsmuseum und dem ganzen anderen Krams im Umkreis. Meine Laune wird von Minute zu Minute schlechter, eine Weile versuche ich es noch mit dummen Witzen und Zynismus, dann bin ich nur noch stinkig.
Als sich dann auch noch der benachbarte Botanische Garten als eingezäunte, langweilige Grünanlage entpuppt – das alles immer noch im Nieselregen mit nassen, völlig verdreckten Füssen – reicht´s. Ich bestehe auf Taxi und Altstadt.
Dort angekommen rettet mich die Entdeckung eines winzigen Cafés mit echtem Espresso und netten jungen Besitzern. Meine Laune steigt mit dem Koffein-Spiegel. Wir nehmen uns eine Rikscha und lassen uns für 100.000 Dong (gut drei Euro) eine Stunde durch das alte französiche Viertel – vorbei an der Oper und dem Hoan-Kiem-See – kutschen und genießen das träge Vorbeifließen der Stadt.
Schließlich besuchen wir noch den Wahnsinn des städtischen Marktes, wo die Hanoier Handeltreibenden selbst einkaufen. Völlig erschlagen davon treiben wir noch eine Weile durch die Gassen, die früher von den einzelnen Handwerks-Gilden bevölkert wurden. Ein bisschen ist es auch heute noch so. In einer Straße gibt es alles aus Seide, in den nächsten werden Schlosser-, Tischler-, Leder- oder Bambusarbeiten angeboten. Und natürlich bergeweise lächerlich billige Markengarderobe, die überwiegend sogar echt ist, da sie hier hergestellt wird und Überproduktion oder Mängelprodukte hier verkauft werden dürfen.
Aber am Ende des Tages sind wir völlig geschafft von all dem und froh, als wir ins Taxi steigen dürfen zum Nachtzug, der uns in 18 Stunden nach Na Trang an die Küste bringen soll – jenseits der Wetterscheide zurück in den Sommer.
17 Vietnam: Naturerbe Ha Long Bay
Zu unserem Erstaunen bietet das kleine Frühstücksbuffet im Hotel Brot, Butter (!) und Marmelade, neben Obst, Pfannkuchen, Bacon, gebratenem Reis und Eiern nach Wunsch. Ist ja schon fast wie zu Hause.
Um Punkt acht Uhr hetzt der Hotelboy an unseren Tisch und zerrt uns hektisch zur Tür: Der Tourbus wartet und der darf hier offiziell nirgends anhalten. Schwupp-di-wupp ist unser ganzes Gepäck verstaut und wir werden in einen kleinen Bus verfrachtet. Hier empfängt uns eine ebenso hübsche wie charmante Reiseleiterin, sie heißt Lan, was Orchidee bedeutet.
Der Bus dreht noch eine halbe Stunde Runden durch das Gewirr der großen Altstadt und sammelt unsere Mitreisenden für Ha Long in den verschiedenen Hotels ein, immer auf der Flucht vor der gefürchteten Polizei. Eine echt sportliche Übung: Lan springt schon jeweils eine Ecke vorher aus dem Bus. Während der sich noch durch das Chaos drängelt sprintet sie zum Hotel, flitzt mit den Touristen im Schlepptau und deren Gepäck Richtung Bus, damit der möglichst nur ein paar Sekunden halten muss. Wenn die Polizei sie erwischt, muss der Busfahrer sie aus eigener Tasche schmieren, um üblere Strafmaßnahmen abzuwenden. Ein täglich tausendfach gespieltes Spielchen hier. So bekommen wir quasi noch eine gratis Stadtrundfahrt.
Wir sind 20 Leute aus sechs Ländern, alle Altersklassen, aber irgendwie eine passende Zusammenstellung: keine party people, keine Schnösel, keine unerzogenen Kinder, nur ein süßes adopotiertes vietnamesisches Mädchen. Das ist ja schon mal was.
Auf der viereinhalbstündigen Fahrt gibt es eine Pause. Wir haben an einer schicken neuen Halle auf einem großen Gelände gehalten, vor der kunstvolle Steinstatuen stehen. Innen gibt es Kunst, Kunsthandwerk, Schmuck und handgenähte Kleidung von bester Qualität und mit viel Stil. Es sind wunderschöne Dinge dabei. Hergestellt wird alles vor Ort zum Zuschauen – von körperbehinderten jungen Menschen. Und jetzt kommt der gruselige Teil: Sie alle sind in dritten Generation Opfer von Agent Orange, mit dem die Amerikaner im Krieg die Wälder entlaubt haben, um die Vietnamesen besser aus der Luft orten und bombardieren zu können. Das Zeug hat das Erbgut geschädigt.
Endlich sind wir an der Ha Long Bay. Allzuviel sieht man vom Hafen noch nicht, es ist zu neblig für eine weite Sicht, aber wenigstens fällt kein Regen und es ist auch nicht tiefgrau. Immerhin können wir schon etwas weiter draußen einige der Karstberge sehen, die so ungewöhnlich aus dem Meer aufsteigen. Wir sind sehr gespannt, die Ha Long Bay war für uns einer der Orte, die wir unbedingt sehen wollten. Eine klapperige Barkasse bringt uns schließlich zu unserem Schiff: Alle aus unserer Gruppe gucken zunächst ziemlich entgeistert auf das scheußliche alte Schiff mit der blätternden Farbe, das sich unter den Dutzenden als unseres herausstellt. Mit dem strahlenden weißen Schiff aus dem Prospekt hat dieser alte Kahn überhaupt nichts zu tun. Aber es gibt noch üblere Kähne, auch wenn das nur ein kleiner Trost ist.
Unser Schock neutralisiert sich aber etwas als wir das Innere sehen, das sieht noch ganz passabel aus. Die junge Schiffscrew gibt sich wirklich alle Mühe, die Schiffsmängel durch Service, gutes Essen und Freundlichkeit wettzumachen. Unsere Kabine ist ganz kuschelig, abgesehen vom Geräusch des Schiffsgenerators, aber das ist auszuhalten.
Je tiefer wir in das Archipel der hohen grünen Felsinseln von Ha Long fahren, desto schöner wird es. Die Formen der so unvermittelt hoch aus dem Meer aufsteigenden Berge sind so ungewöhnlich, dass man sich nicht satt sehen kann. Zwischen den Inseln und auf ihren dicht bewaldeten Wipfeln wabern Nebelschwaden – wie eine japanische Tuschzeichnung.
Wir sind längst versöhnt mit der Tatsache, dass wir keinen strahlenden Sonnenschein und kein türkises Meer sehen werden. Das hier ist genauso schön, anders schön. Mysteriös und geheimnisvoll. Keine Frage, warum die Ha Long Bucht zum Weltnaturerbe gehört, sie ist wirklich einmalig. Viele der Berge sind haben große Höhlen, in denen teilweise Fischer gelebt haben – und es in einigen Fällen vielleicht noch tun.
Der Name der Bucht bedeutet auf vietnamesisch „Der landende Drache“. Der Legende nach wollten die Chinesen, die Vietnam ohnehin über 1000 Jahre lang beherrscht haben, wieder einmal die Küste überfallen. Der Drache, der hier lebte, war darüber sehr böse und ließ über tausend Juwelen vom Himmel ins Meer fallen, die sich unten in diese Inseln verwandelt haben. Mit diesem Schutzwall konnten sich die Vietnamesen dann besser gegen Angriffe verteidigen. Die geologische Erklärung vom Auf und Ab der Erdteile ist mir zu prosaisch, als dass ich sie hier weiter ausführe.
Nach einem Lunch an Bord fahren wir noch etwas tiefer in die Bucht, dann bringt uns die mitgeschleppte Barkasse ans Ufer einer der Inseln. Von unten sehen wir durch einige freie Stellen im dichten Grün am Berg, dass ein Weg bzw. Treppe nach oben führt. Er endet am Eingang zur Höhle „Amazing Cave“, denn auch dieser Berg ist hohl. Sie ist riesig und erinnert an eine Tropfsteinhöhle, obwohl sie damit nichts zu tun hat. Das Wasser hat diese Formen in die Kreidefelsen gespült. Eine bizarre Schönheit! Früher haben die Fischer auch hier gelebt. Dann wurden diese Höhlen für die Öffentlichkeit freigegeben und seither leben sie in ziemlich ärmlichen schwimmenden Häusern in der Bucht zwischen den Inseln.
Nach dem Höhlenbesuch können die, die wollen mit Kayaks die Stunde bis zur anbrechenden Dunkelheit zwischen den Inseln herumpaddeln. Ein feuchtes Vergnügen, vor allem angesichts des wenig sommerlichen Wetters. Aber die meisten nutzen die Chance – wie wir auch.
Die Barkasse bringt und an Bord unserer Imperial Junk zurück, die inzwischen mitten in einer der „Schlafbuchten“ geankert hat, wo wir, wie Dutzende anderer Schiffe, übernachten werden. Wir hatten uns das einigermaßen schrecklich vorgestellt, wegen der vielen Schiffe und des Massenbetriebs. Aber es gibt viel Platz und so ist es doch sehr friedlich und in der Dunkelheit sogar richtig idyllisch und richtig stimmungsvoll mit all den erleuchteten Schiffen zwischen den nächtlichen Inseln. Ganz ohne Motorradgeknatter! Ein sehr leckeres, mehrgängiges Dinner und nette Gespräche auf und unter Deck beschließen unseren Tag an Bord. Von unserem Bett in der Kabine am Oberdeck können wir auf Ha Long Bay blicken, bevor uns die Augen zufallen.
16 Vietnam: Noch mehr Fotos
15 Vietnam: Moloch Hanoi
Adieu Whale Island! Alle Pläne geändert, statt häppchenweise nach Norden, fliegen wir direkt nach Hanoi. Das erscheint schlau und einfach, zumal Flüge hier sehr billig sind. Truong, der smarte Junge an der Rezeption, hat es hinbekommen, dass wir kurzfristig einen Flug von Tuy Hoa, einer kleinen Stadt eine Stunde entfernt, bekommen haben. Alles bestens organisiert: Das Boot wartet um 7.30 Uhr auf uns, auf dem Festland ein Taxi mit instruiertem Taxifahrer. Wir erreichen überpünktlich den ziemlich neu wirkenden Flughafen und checken ein, das Gepäck und uns. Dann die Sicherheitkontrolle – und dann ist Schluss mit lustig. Ich werde aufgehalten, der junge Typ liest zum x-ten Mal mit zusammengekniffenen Augen Ticket und Pass und winkt den Vorgesetzten herbei, selbes Spiel. Es stellt sich schließlich heraus, dass sie über meinen Namen stolpern, weil zwar ganz korrekt Name, Geburtsname und Vorname im Ticket eingetragen sind, aber der Zusatz „geb.“ fehlt. Naja, kein Problem, denke ich und versuche zu erklären.
Das Problem ist nur, niemand versteht mich und alle zeigen alle immer wieder auf die Abkürzung und erklären: no full name ticket!!! Der Vorgesetzte gackert mich immer fröhlich an, wie ein Haifisch die Flunder, das soll wohl freundlich und beruhigend wirken. Jedenfalls kommen alle möglichen Menschen und mein Pass wandert von einem zum andern, immer wieder erkläre ich: vergebens. Gacker, gacker, grins, grins. Ich versuche mich auf jede erdenkliche Weise bis hin zur Pantomine zu erklären: former name, daddy´s name, now married – alles zwecklos. Langsam fange ich an zu schwitzen. Nun wird ein uniformierter Vorgesetzter mit vielen Sternen auf der Schulter gerufen, der guckt ganz streng in den Pass und mustert mich immer wieder wie etwas, was man unter seiner Stuhlkante kleben hat.
Endlich hält man mir Rechnung hin: Ich soll für über 3,4 Millionen Dong ein anderes Ticket kaufen: „Full Name“. Jetzt ist bei mir Ende mit der Gelassenheit, ich springe im Kreis. Kein Schwein spricht auf diesem Flughafen Englisch. Man bedeutet mir (grins grins) ich solle mich beruhigen, man wolle das Hotel anrufen. Wieder passiert ewig nix, mein Pass verschwindet, Grinsbacke kichert mich wieder an, ich gifte zurück. Der Uniformierte spricht angeregt über Funk, sein Atlatus telefoniert mehrfach. Langsam nähert sich die boarding time. Eine Stunde geht das Spielchen jetzt. Als wir schon langsam die Nerven verlieren, entschließt man sich dann wohl, doch lieber keine internationalen Probleme heraufzubeschwören, lichtet meinen Pass ab und winkt mich durch. Mit der strengen Ermahnung: „Next time nickname too!“. Neiiin! Das ist kein nickname!!!! (Kosename) Gacker gacker, „Yes yes, Nickname too!“ Nass geschwitzt und entnervt besteigen wir die kleine Propellermaschine nach Hanoi.
In Hanoi der Klimaschock. Nach 30 Grad und Sonnenschein nun 13°C, dunkelgrau, regennasse Straßen. Schon im Taxi sind meine nackten Füße Eis. Wir erreichen die klaustrophobisch enge, verwinkelte und nasse, schmutzstarrende Altstadt und das in der Nacht noch gebuchte Hotel – hier sitzen alle in Daunenanoracks im Haus! Ich fühle mich krank, mein Magen revoltiert wieder, es ist kalt, draußen regnet es und der Duschvorhang in unserem Zimmer sieht aus wie eine Pilz-Zuchtanlage. Ich habe mein ganz persönliches Reisetief. Ich will nur noch im – zum Glück sauberen – Bett liegen und schlafen, um mich hier wegzuträumen.
Später, die Klimaanlage ist auf 30 Grad gestellt, fange ich mich wieder ein bisschen und wir gehen auf einen ersten Spaziergang, um eine Apotheke und ein passables Abendessen zu suchen.
Unser Hotel ist eins von den hier ganz typischen Tunnel-Häusern: zimmerbreit, aber circa 80 Meter tief. Da reihen sich an die Rezeption hintereinander noch ein Reisebüro, ein Friseur, ein Brückchen mit Miniwasserfall, ein Treppenhaus, ein leeres Restaurant, ein Fahrstuhlflur, der Frühstücksraum und die Küche. Alles ziemlich alt und ziemlich abgeranzt. Aber die Hotelcrew ist super freundlich, das Zimmer relativ groß und das Bett sauber bezogen.
Mit allen vorhanden dicken Sachen eingemummelt machen wir uns auf in den Wahnsinn der Hanoier Altstadt. Es fällt mir schwer, den zu beschreiben! Ein Gewirr von engen Straßen, ehemals schöne, nun meist schimmelschwarze, alte Häuser drängeln sich neben halben Ruinen und dazwischengebauten schmalen Hotels aller Preislagen. Manche Häuser haben nur ein Stockwerk, andere bis zu zehn oder sogar mehr. Das ganze ist überspannt von einem Wust an Elektrokabeln, dass man sich wundert, dass hier noch nicht alles abgebrannt ist. In jedem Haus sind Läden, vollgestopft bis in den letzten Winkel, Werkstätten, Restaurants, Garküchen, Reiseagenturen. So viel, dass man kaum noch etwas einzeln wahrnimmt – es ist einfach zu viel, es gibt alles!
Auf den Straßen herrscht der totale Wahnsinn. Noch mehr Motorräder und –roller als in Saigon, Taxis, ein paar Privatautos, Radfahrer, Rikschas, Fußgänger und Straßenverkäufer. Die meist handtuchbreiten Straßen sind überwiegend in miserablem Zustand, bei dem Wetter dreckverschmiert, die Bürgersteige unbenutzbar, da völlig zugeparkt oder mit Waren zugestellt, wenn nicht gerade Menschen auf winzigen Stühlchen dort um eine Garküche sitzen und essen. Das Essen wird teilweise auf Tabletts auf dem Boden zubereitet, nur Millimeter vom Straßendreck entfernt. Als Fußgänger schlängelt man sich mitten durch den Verkehr auf der Fahrbahn. Es wird ununterbrochen gehupt, die Luft ist Abgas pur, das Geräusch der Motorräder bildet den permanenten Grundton unter allem anderen. Nach einer Weile hat einen der normale Wahnsinn absorbiert und man schwimmt fast unbewusst zwischen all den Motorrädern, Taxen und Menschenmassen herum – oder wird einfach geschoben.
Läden, Läden, Läden – ohne Ende! Hier und da am Straßenrand, in jedem Hotel und Geschäft, manchmal sogar auf den knorrigen Straßenbäumen mit bunten Lämpchen beleuchtete Buddha-Schreine mit Räucherstäbchen, frischem Obst, Blumen, Schokoladenkeksen, Coca Cola und Geldscheinen. Und dazwischen: Abfälle, günstigstenfalls in Plastiktüten verpackt.
Es gelingt uns nach einigen vergeblichen Versuchen eine Apothekerin zu finden, die versteht, was ich will. Wir besuchen verschiedene kleine Reisebüros, weil wir morgen in berühmte Ha Long Bucht fahren möchten und Preise vergleichen wollen. Die Angebote unterscheiden sich minimal, wir buchen schließlich einen Zweitagesausflug. Da das Wetter so mies ist, wollen wir lieber doch nicht drei Tage riskieren, wie zuerst geplant. Wir entscheiden uns für ein mittelgroßes, sehr geplegt aussehendes Schiff, auf dem wir schließlich ja auch schlafen müssen. Die Fotos sehen toll aus, die Kabine super, genau wie das Restaurant, in dem alle Mahlzeiten serviert werden. Wir handeln noch 30 Dollar Preisrabatt aus und sehen der Reise gespannt entgegen. Wir haben schon begeisterte Menschen getroffen wie auch alptraumhafte Geschichten gehört …
Dann die Suche nach einem passablen Restaurant, das ich meinem armen Bauch zumutem kann. Das von der Reiseagentin empfohlene Suppenrestaurant sieht suboptimal, aber passabel aus. Ich warte, Miki geht eine Etage höher auf die Toilette. Drei Minuten später zerrt er mich aus dem Restaurant. Direkt neben dem Klo lagen die Lebensmittel offen auf dem schmutzigen Fußboden im Dreck, Miki ist darin ausgerutscht …
Aber zum Glück herrscht ja hier kein Mangel an Restaurants. Keine Ahnung, ob ihre Zahl in die Hunderte oder Tausende geht. Wir finden eine Ecke weiter ein etwas Vertrauen erweckenderes, leicht europäisch anmutendes. Nach einer leckeren Hühnersuppe mit Reisnudeln geht es mir besser. Wir Kaufen noch ein paar Mangos und finden nach einigem Suchen sogar zurück ins Hotel Indochina Queen II und lassen uns erschöpft in die Kissen sinken. New York ist ein ruhiges Plätzchen und Berlin ein Öko-Dorf.
14 Vietnam: Zwangspause im Paradies
Ja, es gibt ein Leben nach dem Tauchen! Schließlich sind wir immer noch auf Entdeckerreise in Vietnam!
Aber falls ich nun gedacht haben sollte, jetzt kann ich erstmal ordentlich feiern und dann wieder den Rucksack aufschnallen und weiterziehen: Daraus wird nichts. Am Nachmittag nach dem großen Sieg fühle ich mich plötzlich nicht mehr recht wohl und am Abend geht´s mir so schlecht, dass ich glaube, mein letztes Stündlein hat geschlagen: Magen und sonstige Innereien im Krieg! Ich habe mich ernsthaft schon in einem vietnamesischen Krankenhaus gesehen. Nur die Inselnacht und Abgeschiedenheit hat auch Miki erstmal von derartigen Schritten abgehalten. Nach der ersten Nacht geht es mir zwar wieder besser, aber reisefähig bin ich die nächsten zweieinhalb Tage noch nicht, schon gar nicht für zehn Stunden Nachtbus. Aber wir machen das Beste daraus und bleiben einfach länger auf dieser Paradiesinsel, wo ich mich im Schatten langsam wieder erhole. Es gibt wirklich viele schlechtere Orte, an denen man auf Genesung wartet. Ich kann mir zuerst überhaupt nicht erklären, was passiert ist, denn das Essen ist hier so gut und gepflegt, wie sonst kaum in Vietnam.
Erst Tage später bringt mich eine Frau auf den vermutlichen Grund: Sie hat einen Freund, der auf Bali getaucht ist und dabei viel Wasser geschluckt hat, in dem Bakterien waren, von denen er eine schlimme Vergiftung bekommen hat. Klar – die Schnorchelübungen und das viele Salzwasser … und hier in der Nähe sind Hummer- und Fischfarmen und die kippen jede Menge Medikamente etc. ins Wasser!
Wir lassen also unser Busticket sausen (was zum Glück hier nicht viel kostet) und machen es uns nett. Ganz nebenbei gibt es noch einen kleinen Workshop über Seepferdchen! Eine chinesische Wissenschaftlerin aus Boston ist mit Kollegen aus Haiphong dafür in der Welt unterwegs, weil sie an einem weltweiten Info-Netz über die putzigen Tierchen arbeiten, für das Mitbeobachter gesucht werden. Ich glaube zwar nicht wirklich, dass ich in Spree und Schlachtensee allzu viele entdecken werde, aber spannend war´s trotzdem. Und außerdem – wenn es schon mal Kerle sind, die die Babys austragen und gebären müssen, ist es die Aufmerksamkeit doch wohl wert!
Ich weine fast, als in dem Zusammenhang noch zwei Tauchgänge für fast kein Geld angeboten werden, ich aber als verantwortungsvolle Jungtaucherin aus gesundheitlichen Gründen abwinken muss. Ich glaube, mich hat wahrhaftig eine neue Liebe gepackt.
Immerhin geht es mir am letzten Nachmittag wieder gut genug für einen ausgedehnten Schnorchelausflug entlang der Küste. Wunderschön! So viele Korallen und Fischchen! Habe ich übrigens schon erzählt, dass man hier fliegende Fische sehen kann? Unglaublich! Man schaut auf das Wasser und plötzlich erhebt sich kurz eine silberne Welle aus hunderten kleiner Fische daraus, die in perfekter Choreografie wie ein glitzernder Regenbogen über der Wasseroberfläche auf- und wieder abtauchen.
Eine unschöne Fußnote muss ich allerdings doch noch anhängen, trotz all der Schönheit hier auf dieser Insel, das Müllproblem. Hier im Ressort wird peinlich auf vorbildliche Entsorgung geachtet. Aber mehrmals täglich muss ein Angestellter das komplette Ufer abgehen, um angeschwemmte Plastiktüten, Medikamentenverpackungen und anderen angeschwemmten Mist herauszufischen, den die Fischer und die Touristenschiffe hineinwerfen. Und leider findet sich der Dreck auch immer wieder auf dem Meeresboden. Ganz zu schweigen von der Rückseite der Insel, die unbewohnt und unbewirtschaftet ist, und wo niemand aufpasst. Es ist so traurig, das man abwechselnd weinen möchte oder einen die Wut packt. Vietnam ist eins der schönsten Länder, das ich gesehen habe, aber das ganze Land erstickt im Müll. Es ist einfach überhaupt kein Empfinden dafür da – null.
13 Vietnam: Abgetaucht 4
Heute ist es also so weit! Wir werden ja sehen, wer hier Hasenherz oder die Inkarnation des tropischen Korallenfischchens ist. Mein Magen grummelt etwas nervös, aber sonst freue ich mich auf das Abenteuer. Allzu konkrete Phantasien vermeide ich mit Plaudereien an Bord unserer „Rainbow Divers“ Barkasse und der Konzentration auf Abläufe und Technik. Der starke Mann an meiner Seite ist irgendwie ein bisschen mehr nervös. Er hat sich in der vergangenen Nacht alles ein bisschen zu genau überlegt. Naja, zugegeben, ich habe es einfach vermieden, mir vorzustellen, dass ich mit diesen ganzen Gewichten behangen (sprich:Tank + Ausrüstung + Bleigürtel) einfach in die Tiefe springen soll. Frauen sind eben doch mutiger!
Vivi wird natürlich mit uns in die Tiefe gehen, Dive Master an Bord ist ein lustiger Vietnamese der Nghi heißt. Außerdem gibt´s noch den Bootsfüher, der gemütlich in einer Hängematte am Steuer sitzt. Noch ein paar Trockenübungen mit dem Kompass und die Ansage, welche letzten Aufgaben wir tief unten noch absolvieren müssen, dann ist es soweit: Wir sind in Tron Bay angekommen, der Countdown läuft.
Ausrüstung zusammenbauen, anlegen (inzwischen ganz profimäßig natürlich), Buddy Check (B.W.R.A.F) und schon stehen wir zentnerschwer am Bootsende, einen Meter über dem tiefen Blau. Maske, Mundstück und Bleigürtel festhalten und einfach einen großen Schritt ins Nichts. Jetzt nur nicht mehr nachdenken! Ich hab´s nicht anders gewollt! Also nicht beschweren. Noch einmal einen Blick in die freundliche sonnige Welt und PLATSCH!
Die ersten sechs Meter sind seltsamerweise tatsächlich die schwierigsten, der Widerstand ist am größten. Bei jedem Meter muss man für das equalizing sorgen, den Druckausgleich (mit Hilfe der eigenen Nase), sonst platzt das Trommelfell. Aber das haben wir inzwischen drauf. Alles easy. Gemächlich geht´s in die Tiefe, in diese wunderbare neue Welt, die so unwirklich erscheint, dass man aus dem Staunen nicht herauskommt und die Zeit wie im Fluge vergeht. Fische in allen Farben und Größen, große und kleine Korallen in allen möglichen Formen, monsterartig wirkende Sehgurken, bunte bizarre Schwämme, verschiedene Meeresschnecken – einfach großartig. Inzwischen habe ich richtig gut gelernt, über dem Meeresboden nur mit Hilfe der Atmung auf und ab zu navigieren, es ist wie Schweben. Antrieb kommt nur von gemächlichen Flossenbewegungen, die Hände werden verschränkt, wenn man nicht gerade mit den Gerätschaften zu tun hat. Auch mein Buddy ist richtig gut drauf jetzt.
Zwar müssen wir noch mal ein paar doofe kleine Übungen machen, wie Brille abnehmen und wieder aufsetzen, Atemregulator raus und weiter ausatmen, bis er wieder korrekt angelegt ist, Kompassschwimmen und 45 Sekunden bewegungslos schweben, aber darüber können wir inzwischen fast lachen. Alles Pipi-Kram, angesichts des Privilegs, das hier erleben zu dürfen! All der Stress verschwindet aus dem Kopf, man wird ganz gelassen und fühlt sich als Teil vom großen Ganzen. Spät drauf gekommen – kurz vorm Altersheim, aber was sagt das schon. Es ist passiert und es ist einfach toll!!!!!!
Spaß beiseite: Tauchen zu lernen ist in jeder Hinsicht eine großartige Erfahrung. Man lernt nochmal völlig andere Dinge über sich und seinen Körper: andere Bewegungsformen und Gesetze als die auf Land. Da werden einem Kapazitäten des eigenen Körpers klar, von denen man gar nicht geahnt hat, das es sie gibt. Ich wäre jedenfalls nicht auf die Idee gekommen, dass ich mich allein per Atmung auf und abbewegen kann, ohne einen einzigen Finger zu bewegen. Und schließlich darf man dann als Krönung nach soviel Selbsterkenntnis praktischer Art diese andere, blaue, faszinierende Unterwasserwelt erleben. Einfach perfekt. Danke, Yemanja, Göttin des Meeres, dass du uns dabei beschützt hast!
We are OPEN DIVERS now!!!





























































