12 Vietnam: Abgetaucht 3

6.15 Uhr – mein einsames Verwöhnbad in „unserer“ Bucht. Diesmal ist sogar meine alte Schnarchbacke dabei, obwohl der nichts vom allmorgendlichen Defilee der Tuckerbote mitbekommt – heute hat es um 4:45 Uhr begonnen. Miki ist so in Trance, dass er gleich wieder Kontakt zu seinen Freunden, den Seeigeln aufnimmt – langsam sieht er selbst wie ein Igel aus, denn die Stacheln gehen erst nach Tagen gutwillig wieder aus dem Körper.

Hopp hopp zum Frühstück. Miki hat langsam seinen Sättigungsgrad an Instant-Nudelsuppe mit wechselnden Frischfleischeinlagen erreicht. Aber da er Eier in keiner Form essen mag, mangelt es an Alternativen. Immerhin gibt es aber immer frischen Kuchen und ein Schälchen Obst. Und Kalorien müssen ´rein, bei drei Stunden Wasser am Stück.

Vivi wartet schon, wieder vollziehen wir unser Ritual und verwandeln uns in die Teletubbies in Neopren. Dann das ganze Procedere von vorn: Ausrüstung zusammenbauen, Merksätze und Abläufe wiederholen. Miki wird noch Alpträume davon bekommen, die Tauchlehrerin aber auch. Ich bin zwar schneller, aber dafür manchmal chaotischer. Nun noch ein paar neue Erklärungen, damit das Lernen nicht zu langweilig wird und die tägliche Vergatterung, bei der wir erfahren, welche Heldentaten wir heute schaffen müssen: z.B. Druck und Tiefenkontrolle auf Aufforderung, „Ansagen“ der Füllstände, Safety-Stopp auf der angezeigten Meter-Zahl und lauter lustige Sachen, die eigentlich nicht schwierig sind, wäre da nur nicht die Masse an Zeichen, Ge- und Verboten. Bevor das nicht sitzt, geht´s nicht auf das Boot bzw. dann von da runter. Was für ein Glück haben wir doch mit unserem Exclusiv-Unterricht, der mal locker einen Tag verlängert wurde! Tja, der Altersbonus hat eben auch mal sein Gutes, Vivi bewundert unsere Courage, genau wie der Ressort-Manager, der sich täglich nach unseren Fortschritten erkundigt. Wir sind jetzt halt Inselprominenz!

Übrigens ist das Tauchenlernen zwar als großartiges Abenteuer und ganz neue Selbsterfahrung ausgesprochen geeignet, reziprok dazu verhält es sich allerdings mit dem gegenseitigen Attraktivitäts-Faktor. Denn merke: Unter Wasser sieht alles VIEL größer aus. Hat eigentlich irgendjemand da draußen eine Ahnung, welchen Schock der lupenartig vergrößerte Anblick der geliebten Runzeln und Tränensäcke in dem durch die Taucherbrille verzerrten und vom riesigen Mundstück entstellten Gesicht des langjährigen Liebsten verursacht? Kein Wunder, dass sich kein Fisch traut, uns anzugreifen – ich hätte auch Angst vor diesen Monstern.

Unser Tauchvormittag endet wieder mit einer kleinen Spaßrunde auf zwölf Metern zum Fische-Erschrecken. Danach ist mein Ego endlich mal im Aufwind. Als wir aus dem Wasser steigen, meint Vivi (erleichtert)  zu mir: „Ok, I can see, that it made click in your had. Now I think, you will do it.“ Mit Miki soll ich noch atmen üben, er hat ewig Probleme mit Wasser in der Brille, weil er nicht zwischen Mund- und Nasenatmung switchen kann. Und das wiederum ist ganz schlecht für die buoyancy-control (wir haben auch eine Weile gebraucht, um herauszubekommen, dass das die Auftriebskontrolle ist … so ganz nebenbei). Deshalb schwebt er immer mal wieder als putziger See-Elefant über unseren Köpfen herum, statt Seite an Seite mit uns Nixen auf Groundcontrol zu gehen.

Aber dann plötzlich, als er grad so schön am Meeresboden Inventur macht, zweifle ich an meinem Verstand. Ich müßte mal ein bisschen Luft ablassen, nur leider ist plötzlich mein deflator verschwunden, der aber gar nicht weg sein kann, weil er gleich doppelt mit dem Tank verkoppelt ist und außerdem an der Schulter mit meiner Weste verclipt ist. Immer schön ruhig bleiben, das ist lächerlich. Ich drehe und wende mich und mache einen auf Ringelwurm, um meine Schulter und Seite abzusuchen – das Ding bleibt verschwunden. Quatsch, gibt´s doch gar nicht. Aber plötzlich fällt mir ein – ohne das Ding darf ich nicht nach oben, das wäre sehr wenig gesund … Uahh! Ich werde nun doch etwas hektisch, die beiden sind vor mir und haben noch nichts von meinem Ballett bemerkt. Ich hechte hinter meinem Buddy her, wie sich das PADI bei Problemen so vorstellt und erwische ihn an der Flosse. Und es klappt, er versteht sogar, was mein Problem ist. Und wie steht´s in den Regeln: Der Buddy, der kein Problem hat, beruhigt den anderen und agiert ganz überlegt und ruhig. Klar, genauso machte er es: Er lässt sich überhaupt nicht von meinem hektischen Gewedel anstecken! Nur warum reißt er mir fast die Maske vom Kopfe als er das gesuchte Teil hinter meinem Ohr ortet, wo es sich im Schnorchel verfangen hat? Natürlich nur aus Liebe und Sorge! PADI ist doof und Miki liebt mich! Dafür hätte ich locker auf´s Atmen verzichtet! Und Vivi sieht, wie sehr uns alles schon in Fleisch und Blut übergegangen ist …

Nach dem Mittagessen müssen wir ein paar Schwimmtests ohne große Ausrüstung absolvieren (= skin swimming). Alles erst ganz einfach für einigermaßen gute Schwimmer. Und zehn Minuten bewegungslos auf dem Wasser liegen ist ja mein liebstes Steckenpferd. Aber es kommt natürlich sogar hier wieder ein Pferdefuß am Schluss: Tauchübungen mit Schnorchel! Die treiben mich noch an den Rand der Verzweiflung. Dive-Duck-Abtauchen bis zum Grund, auftauchen und Weiterschwimmen ohne den Kopf aus dem Wasser zu nehmen, sprich den vollgelaufenen Schnorchel per Atemstoß leeren. Wieder zwei Liter Salzwasser geschluckt, bevor meine Leistung akzeptiert wird. Und das mit dem Entendingsda soll ich weiter üben. Klar, alle Badegäste lachen gern! Miki hat den besseren Entenarsch. Er packts ohne Probleme.

Dann raus aus dem Wasser, wir haben noch zwei weitere Kapitel Theorie zu absolvieren. Den Stoff für die erste Zwölf-Meter-Tauchlizenz haben wir schon inhaliert, aber nun werden wir den Teufel tun und uns mit dem Grundkurs zufrieden geben – nach all der Schinderei: Wir wollen Open Divers werden, die dürfen auf auf 18 Meter tauchen. Und dazu muss man eben noch mehr Theoriekram lernen.

Mein Waterloo naht: der „Recreational Diving Planner“! Hätte ich gewusst, was ich da alles für gruselige, schwer nach Statistik und Mathematik aussehende Tabellen lesen und danach Berechnungen anstellen muss, wäre ich womöglich schreiend davongerannt, anstatt immer nur zu glauben, 18 Meter Wasser über mir seien die Mutprobe … Jetzt hat Miki seinen großen Auftritt! Und zugegeben, darin ist er wirklich besser als ich. Er blüht förmlich auf! Angeber! Pah, ich hab dafür sonst mehr Fragen in der Abschlussprüfung richtig …

Mit mehr Glück als … haben wir es gepackt und das 50 Aufgaben umfassende Final Exam geschafft! Neptun, wir kommen! Stell schon mal den Schampus kalt! Morgen sind die beiden großen Boat-Dives angesagt. Da kann man sich heute nicht mal ordentlich ein Gläschen auf die bestandene Theorie genehmigen. Wir müssen früh raus und sehr fit sein!

11 Vietnam: Abgetaucht 2

Ich beginne den Tag um kurz nach sechs mit einem meditativen Bad im ersten Sonnenlicht am menschenleeren Strand. Ich konnte ab fünf Uhrnicht mehr schlafen, wegen des unaufhörlichen Getuckers der gefühlten 10.000 Fischerboote, die von nächtlichen Fang auf dem Weg nach Hause sind. Ich bin sicher, die fahren ALLE an dieser Insel vorbei! Aber so kann ich mich immerhin nochmal im kristallklaren Wasser schwebend auf einen neuen Tauch-Tag vorbereiten – mit dem Kopf über dem Wasser.

Nach dem Frühstück dann antreten zum Tauchtraining. Zum Glück brauchen wir unsere Übungen hier nicht in einem Pool mit Chlorwasser zu machen, wie sonst üblich, sondern dürfen gleich ins Meer. Frischen Mutes und bestens gelaunt erscheinen die Tauchlehrlinge an der Rainbow-Basis. Die Taucheranzüge schaukeln schon erwartungsvoll auf ihren Bügeln vor dem Haus …

Und schon geht´s wieder von vorn los. Ganz einfach, wir sollen nur alles genauso machen wie gelernt und dazwischen noch Fragen beantworten. Klingt super. Aber wie war das alles noch mal: Zuerst diesen Hahn und dann jene Schnalle oder doch erst jenen Schnappverschluss am Schlauch? Wann darf ich noch mal den Sauerstofftank öffnen, ohne dass uns alles um die Ohren fliegt? Heute gibt´s keine Hilfestellungen mehr, nur noch Argusaugen und ein gelegentlich eingeworfenes „Are you really sure, that you wanna do THIS?!“

Die nächsten Merksätze sind ebenso einfach wie alles andere: Ohne S.O.R.T.E.D. darf man nicht abtauchen. Ah ja … Müssen wir uns nur noch schnell alles merken, samt der Handzeichen dazu: Signal-Orientate-Regulator-Time-Elevate-Deflate&Descent. Alles klar. Vor allem die Pantomime dazu liegt Miki besonders! Dann noch mal schnell die anderen Zeichen abfragen – fällt mir nicht schwer.

Aber der Pferdefuß folgt sogleich: Wir üben mit dem Kopf unter Wasser schwimmend ständig zwischen Schnorchel und Regulator zu wechseln ohne Aufzutauchen. Ich HASSE Schnorchel! Wie soll ich denn mit meiner armen schwachen Lunge beim Schwimmen noch ständig so da reinblasen, dass das verdammte Wasser raus und Luft reinkommt?! Ich saufe mindstens einen Liter Salzwasser, aber Vivi kennt da nix: Da muss ich durch. Da tauche ich lieber ganz unter und nehme den Regulator aus dem Mund und kriege ihn fehlerfrei wieder ´rein – ohne Wasser.

Ach ja, hatte ich Regel Nr. 1 eigentlich schon gesagt? Man darf niemals aufhören zu atmen, auch nicht ganz kurz, das ist lebensgefährlich. Also auch nicht ohne Mundstück oder wenn man gerade konzentriert was macht  – oder die Oberfläche schon über sich sieht und den Regulator aus dem Mund nehmen muss. Gar nicht so einfach, daran zu denken, denn wie oft hält man mal kurz die Luft an! Es ist sozusagen ein Fehler mit Todesstrafe, weil gerade beim Aufsteigen oder in großer Tiefe sonst der Druck im Körper bzw. der Lunge zu groß wird.

Lustig wurde es, als wir unsere Schwebfähigkeit (heißt das so auf Deutsch?) am Grund trainieren mussten. Man muss es erstmal als Angfängertrottel schaffen sich gemütlich kurz über dem Grund  auf den Bauch zu legen und dann nur per Atmung auf und ab zu bewegen. Statt gemütlich und Algengleich da zu schwingen wie Vivi purzeln wir mal runter, mal mit den Beinen nach oben, schießen plötzlich nach oben, kommen nicht wieder runter, drehen uns unkontrolliert wie ein Rollmops um die eigene Achse und andere lustige Veitstänze. Man hat seinen verdammt Erdgravitations-gewohnten Körper einfach nicht unter Kontrolle. Jetzt weiß ich ungefähr wie es für Kinder sein muss, laufen zu lernen. Man stellt sich sooooo doof an. Aber es ist lustig!

Eine Übung heute soll neben unerwähnten hier noch gewürdigt werden: Auf dem Grund vierzig Sekunden ohne Regulator ununterbrochen ausatmen, dann das gleiche, wenn man dabei noch neun Meter horizontal und sechs Meter vertikal schwimmen muss. Verrückterweise war es viel schlimmer nach oben zu schwimmen, weil es anstrengender ist und man andererseits trotz Luftnot nicht schneller als 18m/min sein darf, wegen des Druckausgleichs. Ihr findet das alles langweilig? Für uns war´s eine echte Herausforderung. Ebenso wie der Notfallaufstieg allein oder zu zweit wegen out of air. Da wird einem bei allem Spaß klar, dass man gerade einen ziemlich gefährlichen Sport lernt!

Aber zum Schluß gibt´s dann noch ein Leckerli, was alles vergoldet! Wir tauchen auf neun Meter und dürfen einfach nur Korallen und Fischchen anschauen. Willkommen in Neptuns Welt!

Miki hat sich so darin verliebt, dass er gleich mit den hier sehr großen Seeigeln knutscht und einige Stacheln unter die Haut bekommt. Tja – true love hurts!.

Nach dem Nachmittagtraining dürfen wir dann die Zwischenprüfungen eins bis drei schreiben.

Und wieder ist ein langer Tauchtag zu Ende. Eigentlich sollte der erste Kurs (Tauchen bis zwöf Meter) heute zu Ende sein, wir genießen das Privileg, einen Tag geschenkt zu bekommen. Aufregend war´s und soo schön! Danke Vivi, für deine Geduld mit uns. Uns tröstet in unserer Scham nur die Tatsache, dass es wohl nur sehr selten Menschen unseres Alters gibt, die sich noch an diesen Sport wagen. Das stellt das Ego der Bummel-Letzten wieder her, oder?

Heute schmeckt das leckere Abendessen gleich nochmal so gut und dann winkt auchschon wieder der Bettzipfel im Bambushüttchen, begleitet vom exotischen Nachtgesang nie gehörter Vögel.

10 Vietnam: Abgetaucht 1

Diesmal erzähle ich weniger über Land und Leute, sondern ganz uneitel mehr über uns. Und das auch noch mit einiger Verspätung, weil wir so beschäftigt waren, dass ich gerade mal noch abends die noch offenen Kapitel zu Ende schreiben konnte. Aber diese Erinnerungen müssen konserviert werden und außerdem sitzen die werten Sponsoren vor den Computern und erwarten aus verständlichen Gründen genaue Berichterstattung. Also – in medias res!

Am ersten Morgen versetzt uns der Anblick der von der Morgensonne beschienenen Buch in Hochstimmung. Denn schließlich soll es nun losgehen mit dem Projekt „Wir erobern die Unterwasserwelt“. Unsere nette französische Tauchlehrerin erwartet uns schon. Und schon das allein ist ein Privileg: Kein weiter Weg, keine abfahrenden Busse, keine große Gruppe – nur wir zwei, ganz exclusiv. Unterricht 50 Meter neben unserem Bungalow. Diese glückliche Situation haben wir dem Zufall zu verdanken, dass sich keine anderen Anwärter gemeldet haben, was u.a. daran liegt, dass man hier auf der Insel eben etwas teurer wohnen muss als in Nha Trang für sieben bis zehn Dollar pro Doppelzimmer. Gerade für viele junge Menschen ein echtes Argument.

Der Unterreicht findet in Englisch statt, die deutschsprechende Trainerin ist gerade weitergezogen nach Honduras. Obwohl wir flüssig Englisch sprechen, stellt sich heraus, dass das ganz schön hart ist. All die Fachausdrücke und Erklärungen. Und statt Konzentration auf die völlig neue Materie das ewige Übersetzen im Kopf.

Nachden wir uns in die äußerst kleidsamen Neoprenanzüge gequetscht haben, lernen wir, die Ausrüstung in einer ganz bestimmten Reihenfolge zusammenzubauen. Denn erstens ist das wegen der Sauerstofftanks nicht ganz ungefährlich und zweitens kann jeder Fehler schlimmstenfalls lebensgefährlich sein. Ich habe mich selten so konzentriert … Soviel Handgriffe, soviele Begriffe! Dann gibt´s eine erste Unterweisung in Zeichensprache unter Wasser. Noch eine geballte Ladung Infos. Und außerdem jede Menge Erklärungen über Druck, Sauerstoff, Unterwasserphysik, gesundheitliche Risiken, wenn man dies, das und jenes nicht beachtet usw.

Gar nicht so einfach, sich die ganze sperrige Rüstung im Wasser schwimmend anzulegen. Man stakst mit der Last des Gewichtsgürtels, ich habe 7 kg verpasst bekommen, ins Wasser, zerrt die Ausrüstung hinter sich her und soll das dann auch noch auf dem Rücken schwimmend richtig fest angelegen. Und immer sind da die ganzen Schläuche,  die Maske und der Schnorchel im Wege! Das Schwimmen selbst ist zwar kein Akt, da die Weste schon aufgepumpt ist, aber dafür ist sie jetzt super sperrig und geht kaum zu. Auch hier müssen wieder alle möglichen Regeln beachtet werden. Wir bewegen uns grazil wie Seepferdchen, vorallem wenn wir mit den Bleigürteln behangen, rückwärts mit den riesigen Flossen ins Wasser tapsend den ganzen Ballast hinter uns herschleifen. Ich versuche, die  belustigten Blicke zu ignorieren als ein Boot neben uns anlegt und wir Zuschauer haben.

Die Padi-Tauch-Philosophie, ergo auch alle Regeln, gehen davon aus, dass man zu zweit taucht. Und so muss der Tauchpartner vor dem Tauchgang als letztes den anderen noch einmal kontrollieren – nach einer weiteren Checkliste, alles ganz einfach! Aber wie war nun wieder die Formel für den Ablauf um festzustellen, ob der andere auch alles richtig verclipt, verschraubt, angezogen, geprüft hat?? Nichts einfacher als das: Man braucht sich nur BWRAF merken. Dann ist doch alles ganz klar! Oder? Aber was versteckt sich noch mal hinter all den Abkürzungen? Ach ja: BCD, Weight, Releases, Air, Final Check. Alles ganz easy, oder? Mir schwirrt nur so der Kopf und Miki wirkt mittlerweile leicht desorientiert. Ob der wohl schon vor dem Tauchen ein bisschen zu viel Kohlenmonoxyd abbekommen hat? Soll ja Verwirrung hervorrufen …

Gott sei Dank sind wir allein und Vivi, die Tauchlehrerin, ist ist fröhlich und geduldig. So bleibt trotzdem alles locker und wir haben Spaß dabei.

Ich will die Nachwelt nicht weiter mit diesen simplen Schritten langweilen, nur so viel sei gesagt: Der aufregendste Moment war der, als wir dann tatsächlich zum ersten Mal mit dem Kopf unter Wasser abgetaucht sind. Eigentlich kein großes Ding – ich habe schließlich meine Atemmaske gecheckt, alles super! Aber ob die Maske das auch weiß? Oder das Wasser sich nicht doch in meine Lungen ergießt? So richtig traue ich dem Braten nicht und kriege einen Moment Herzrasen und Fluchtreflexe, als die Luft aus meiner Weste entweicht und mich all das Gewicht unter Wasser zieht. Will ich das wirklich??? Ja, ja, ja. Also Luft ´rein, Luft ´raus, immer schön ruhig. Es funktioniert! Call me fishy!! Noch ein paar erste Übungen im flachen Wasser, dann ist die erste Runde schon vorbei.

Bereits zum Mittagessen sind wir fast im gedächtnistechnischen OVERLOAD- Zustand. Mittagspause? Pustekuchen. Oma und Opa haben ihr Programm nicht geschafft, irgendwie waren wir wohl nicht die allerschnellsten … Aber es hilft nix, wir müssen im Wasser nachsitzen und Abläufe üben. Lauter so lustige Sachen unter Wasser wie: Ich verliere meine Maske (Brille) und muss sie nun unter wiederfinden und auch noch das Wasser per Atemluft wieder rauskriegen, oder die Tauchlehrerein dreht mal eben die Luftzufuhr ab, damit man weiß, wie es sich anfühlt. Oder ich erzähle meinem Partner unter Wasser, dass ich keine Luft mehr habe und bitte ihn, mich an seiner Reservestrippe nuckeln zu lassen. Einer rettet den anderen usw. usw.

Feierabend? Denkste. Theorieunterricht. Wir werden vor einen Monitor verfrachtet und kriegen ein drei Stunden Video verpasst sowie endlose Formulare, wo man alles Gelernte dann sofort abfragen und die Fragen richtig beantworten soll. Nichts leichter als dass, wenn man fitter in Englisch wäre und die nicht dauernd in Abkürzungen reden würden. Aber selbst Vivi sieht ein, dass das zu viel ist. Also erst gucken, dann noch mal alles mit ihr ein zweites Mal durchgehen und zum Schluss die Aufgabenbögen ausfüllen. Gerade so schaffen wir es noch, das Abendessen nicht zu verpassen.

Wir liegen um zehn im Bett und fallen ins Koma. Morgen müssen wir wieder früh ´raus …

09 Vietnam: Ruhe vor dem Sturm

Schöne Ausblicke! Rechts immer wieder hellblaue Buchten, dann wieder Reisfelder so weit man schauen kann, grasende Kühe und Büffel, manchmal Hügel. Links Felder und im Hintergrund Berge. Richtig hohe, grüne Berge mit schroffen steinernen Gipfeln. Gelegentlich bremst der Fahrer und sagt gebieterisch „Foto“! Die Dörfer gleichen sich, besonders gefallen mir die einfachen Restaurants mit Blechdächern, ein paar Tischen und vielen Hängematten. Oft sind die Orte an sich eher trist, aber die Mittelstreifen – eine kunstvolle Pracht. Eben das Aushängeschild.

Nicht nur die völlig absurd in die Landschaft gebauten Plakatwände mit siegesfrohen Arbeitern und Bauern lassen Erinnnerungen an das andere Deutschland aufkommen, sondern ganz konkret auch die immer noch herumfahrenden DDR-LKW-Marke W50. Es hat so was von Zeitensprung.

Wir hängen in den großen Kunstledersitzen des Taxis und immer wieder kippt einer von uns zur Seite: akuter Schlafmangel. Eine Nacht á vier Stunden wegen des Dünenausflugs, die nächste Nacht sechs Stunden Busfahrt, jetzt ist es fast schon wieder Abend.

Endlich biegt das Auto in eine kurze, kleine Straße ab, Palmen und Müll – und der Hafen, der eigentlich nur ein Steg ist. Ein hölzernes Schiff, die „La Baleine 01“ wartet schon auf uns. Dienstbare Geister verladen unser Gepäck ohne uns überhaupt wahrzunehmen, wir sind die einzigen Passagiere. Die tuckernde Fahrt führt über ein ruhiges Meer zu einem Archipel, das aus verschiedenen winzigen bis großen Inseln besteht, die meisten sehen völlig unbewohnt aus. Schließlich nähern wir uns einer kleineren grünen, leicht hügeligen Insel mit einem ca. 300 m langen Sandstrand und einigen Bambushütten. Am Ende der Bucht sieht man einige etwas größere Hütten: Restaurant, Rezeption und Bar. Mit den letzten Sonnenstrahlen gehen wir an Land.

Wir bekommen eine Hütte auf Stelzen, bis auf eine Steinwand besteht sie nur aus Holz und Bambus, das Dach ist mit getrockneten Palmwedeln gedeckt. Es gibt eine kleine Terrasse und eine Art Minigarten. Die Hütten stehen alle unter Palmen, irgendwelchen anderen Bäumen und blühenden Bougainvillea und Hibiskus. Zwei Liegestühle. Als Fenster dient eine Klappe, die man hochbindet. Irgendwie ist es ein bisschen wie im Freien schlafen, weder Tür noch Fenster oder Wände machen den Versuch, dicht zu sein. Eher so eine Art Sicht-, Sonnen- und Regenschutz. Sehr romantisch. Allerdings alles andere als schallisoliert. Ein gemütliches Bett unter einem Moskitonetz, ein Ventilator, ein kleines Bad mit Natursteinboden und einer Dusche an der Wand. Ein Bambustischen, ein ebensolches Regal, fertig ist der Salat. Uns gefällt´s sehr.

Draußen geht gerade über der Bucht und den Bergen der anderen Inseln eine orangerote Sonne unter. Wir schlendern die 300 Meter zum anderen Ende der Bucht, wo das Restaurant und die Bar im selben Stil sind. Es gibt drei Essen täglich, man muss sie nicht nehmen, aber sonst gibt es nichts auf der Insel, nicht mal einen Laden. Keine Autos, keine Mopeds, nicht mal Fahrräder. Die anderen Gäste sind allesamt auf Ruhe aus, es ist völlig entspannt hier, man hört vorwiegend englisch, französisch und ein oder zweimal deutsch.

Dann die nächste angenehme Überraschung: das Essen (für alle gleich) ist wirklich sensationell! Es werden mehrere Gänge gleichzeitig auf den Tisch gestellt wie das hier immer üblich ist, immer mit Suppe, Reis und Nachtisch. Und alles sehr lecker, liebevoll angerichtet. Kleine Kunstwerke. Vietnamesische Haute Cuisine. Später erfahren wir, dass die Besitzer ein gemischtes vietnamesisch-französisches Paar sind und der Manager Franzose – das erklärt einiges.

Glücklich und satt sinken wir in unser Bambusbett: Morgen früh beginnt unser großes Abenteuer „Tauchen“. Schnell die Augen zu und schlafen!

08 Vietnam: Sprung ins kalte Wasser

Nachdem uns der Nachtbus, den man wie jeden Überlandbus 24 Stunden vorher in der jeweiligen Agentur reservieren muss, direkt am Hotel abgeholt hat, richten wir uns auf den letzten freien Plätzen ein. Ich habe meinen Computer, meinen e-reader und benötigten Kleinkram in einer Tüte direkt an/unter meinem Körper, der kleine Rucksack hängt neben mir, der große ist unten im Gepäckraum. Eng, aber immerhin kann man liegen. Ich bin todmüde,  denn es ist fast zwei Uhr nachts und so schlafe ich erstaunlich bald ein. Trotz des Geruckels und des ewigen Gehupes wegen der Motorräder, die der Busfahrer irgendwie an den Straßenrand „bittet“, um zu überholen. Autos sind hier eben eine (noch) untergeordnete Spezies.

Vor dem Einschlafen gehen mir allerdings noch einige Gedanken durch den Kopf, wie es hier wohl weitergeht mit dem Touristenboom, der für Vietnam so wichtig ist. Wir haben im Hotel eine nette Frau aus Finnland getroffen, die hier auch herumreist. Sie hat erzählt, dass sie das letzte Mal vor fünf Jahren in Mui Ne war und es damals zehn Hotels gab, mehr nicht. Jetzt sind es bestimmt hundert oder mehr. Obwohl der Strand nur sehr klein ist. Man kompensiert das mit Pools und schönen Hotelgärten, aber das hat seine Grenzen. Es gibt Massen von Restaurants unterschiedlichster Qualität und viele Läden. Aus einem Küstendorf ist eine kleine Stadt geworden. In fünf Jahren ….

Miki weckt mich als wir in Nha Trang ankommen. Wir fahren durch eine moderne quirlige Großstadt mit Strandflair in Küstennähe. Und wieder – alles auf russisch. Diesmal sogar offensichtlich mit russisch geführten Unternehmen: Swetlanas Nagel- und Kosmetikstudio, Sergejs Juwelenshop etc. … sehr sehr seltsam. Irgendwie wie die Deutschen auf Mallorca. Das Unangenehme ist, dass die Klientel, die hierherkommt eine Mischung aus Ballermannmentalität und Kolonialistengebahren an den Tag legt.

Als wir aussteigen, bricht Miki kurz in Panik aus, sein Rucksack ist offen. Aber er packt alles aus, das Geld war ganz unten – nichts fehlt. Paranoia? Wohl nicht, denn Minuten später bekommen wir im Busbüro mit, wie eine alleinreisende Frau versucht, Anzeige zu erstatten. Ihr sind im Bus in der Nacht, Geld, Kreditkarte und Pass aus dem Rucksack unter ihrem Sitz gestohlen worden. Polizei? Nicht zuständig, ist ja im Bus passiert. Die Busgesellschaft ist zuständig. Aber der Angestellte wirkt auch eher hilflos. So ist das eben mit zunehmendem Tourismus, da gibt es auch mehr Kriminalität in diesem bisher noch sehr sicheren Land.

Es ist halb sieben am Morgen, wir frühstücken eine Kleinigkeit und marschieren samt Gepäck 500 Meter weiter. Da ist ein Café in dem eine Tauchschule ihr Quartier hat. Eigentlich wollen wir erstmal nur Informationen. Dazu muss man wissen, dass mir unsere Kinder samt ihren fast zur Familie gehörenden Freunden zum Geburtstag einen Tauchkurs geschenkt haben!!! Ich, tauchen? Miki will ein Upgrade zur Open-Water-Diver-Lizenz drauflegen, falls ich mich überhaupt unter Wasser traue und dann auch noch tiefer als 12 Meter. Bisher sind mein Sohn und seine Freundin die einzigen ausgebildeten Taucher in der Familie, aber die Faszination ist so groß, dass Mama nun auch daran teilhaben soll. Und in Vietnam kann man das eben noch bezahlen, in den meisten Teilen der Welt ist es eher Luxus. Sehr, sehr süß, dieses Geschenk. Aber auch eine echte Herausforderung. Noch dazu in unserem fortgeschrittenen Jugendalter. Wahrscheinlich werden wir von einer Tauchschule als Referenzprojekt für Härtefälle eingestuft …

Keine Stunde später hat uns der enthusiastische junge Engländer endgültig überzeugt und wir unterschreiben den Vertrag bei Rainbow Divers, einer Schule, die nach dem international anerkannten PADI-System unterrichtet und die entsprechende Lizenz vergeben kann. Miki natürlich auch, im Vorgriff auf seinen Geburtstag. Und der Kerl ist ein Überredungskünstler wie Kah die Schlange und so haben wir gleich einen Open Diver Vertrag unterschrieben mit der Option, nach der ersten Stufe (12 Meter) aufzuhören, wenn´s zu heftig wird oder ich/wir dass gar nicht erst packen. Aber als Miki plötzlich zu dem jungen, smarten Kerlchen sagt, dass er mir die 18 Meter Tiefe eigentlich nicht unbedingt zutraut, ist mein Stolz verletzt und ich gehe auf´s Ganze. Wir werden ja mal sehen, wer hier was packt! Hören solche Kraftmeiereien eigentlich nie auf? Wie war das mit „alt, weise und gelassen“?

Wir haben uns für einen Kurs auf Whale Island entschlossen, zwei Stunden nördlich von Nha Trang. Man kann zwar wohl auch in Nha Trang gut tauchen, aber da es für uns gleichzeitig ein paar schöne Strandtage sein sollen, wollen wir nicht in der Großstadt bleiben. Obwohl die Hotels in der Stadt auch am Strand verführerisch billig sind im Gegensatz zu einem eher exklusiven Inselaufenthalt im einzigen Öko-Ressort, das dort als Übernachtung möglich ist. Aber im Vergleich ist alles immer noch sehr gut bezahlbar.

Vier Stunden müssen wir warten, dann schickt uns das Hotel ein Shuttle-Taxi, das uns zum Hafen bringt, von wo uns dann nur noch eine 15 minütige Überfahrt von der erhofften Paradiesinsel trennt. Der vietnamesische Fahrer hält uns ein laminiertes Foto von der Insel unter die Nase, das uns Willkommen heißt und uns verkündet, wenn wir Fragen haben, sollen wir das signalisieren, wir werden dann telefonisch mit dem Hotel verbunden, wo man Englisch spricht … charming. Also auf nach Whale Island!

07 Vietnam: Auf nach Norden

Auf zu neuen Ufern! Weiter geht´s, auch wenn wir sicher noch einige Zeit mehr in Saigon gefüllt hätten, ohne uns im Mindesten zu langweilen. Wir haben uns entschlossen, an die Küste zu fahren und uns so langsam nach Norden vorzuarbeiten. Diesmal per Bus.

In einem Reisebüro haben wir ein sogenanntes Open Ticket gebucht. Das ist eine sehr praktische Einrichtung für Menschen wie uns, die sich aufmachen, ohne feste Pläne ein Land zu entdecken. Man bezahlt eine Busfahrt bis zu einem gewissen Ort über eine bestimmte Route, innerhalb der man die Fahrt beliebig oft und lange unterbrechen kann. Man braucht nur jeweils am Tag vor der Weiterfahrt bei der Busgesellschaft einen Platz für die nächste Etappe zu reservieren. Und obendrein wird man noch vom Hotel abgeholt, notfalls per Taxi. Das ist doch mal Service! Man muss nicht immer mit dem Gepäck durch die Gegend laufen, ganz ohne Aufpreis. Die Konkurrenz ist groß und Vietnam ein echtes Serviceland.

Noch ein letztes Hotelfrühstück, das auf meine Bitte am Vortag hin diesmal nicht aus Instant- Nudelsuppe besteht (zur Wahl stehen noch Eier mit einem trockenen Brötchen), sondern aus echt leckerer frischer Hühner-Nudelsuppe. Typisches vietnamesisches Frühstück also! Das Taxi kommt, quält sich durch den Berufsverkehr und kippt uns an einem Stadtpark ab, wo schon reihenweise Busse verschiedener Gesellschaften parken. Puh, ist das schon heiß am frühen Morgen. Der Park ist bevölkert von Sport treibenden Vietnamesen: Laufen, Tai Chi, Tennis (6:30Uhr!), an öffentlichen Fitnessgeräten strampeln usw.  – das ist Disziplin!

Aber jetzt soll erstmal der Fernbus á la Vietnam Würdigung erfahren, das ist nämlich etwas sehr Spezielles. Diese Busse sind mit nichts in Europa zu vergleichen. Sie haben pro Reihe drei Plätze, die jeweils durch einen schmalen Gang getrennt sind und – sie haben zwei Ebenen wie ein Doppelstockbett. Es sind alles Liegeplätze, bei denen man das Kopfteil aufstellen kann, um aufrecht zu sitzen – wenn es denn funktioniert … das tut es leider nicht immer, was ziemlich unangenehm sein kann, wenn man am Tag fährt. Die Schuhe müssen vor dem Einsteigen ausgezogen und in eine Tüte gepackt werden. Die Füße lagern dann in einer Art Kasten, warum sei der Phantasie jedes Einzelnen überlassen. Es gibt eine unablässig pustende Klimaanlage, die zum Glück nicht so eisig eingestellt ist wie in anderen Ländern, dafür aber auch nicht abzuschalten geht. Jeder hat eine Decke auf seinem Plastiksitz, die fährt allerdings offenbar immer längere Zeit überland bevor sie mal gewechselt wird … Es gibt einen Bordfernseher mit vietnamesischen Kung-Fu-Filmen, die Jackie Chan alt aussehen lassen, Musiksendungen und W-Lan.

Hatte ich eigentlich schon erwähnt, dass die Vietnamesen absolut Handy- und Internetsüchtig sind? Dagegen ist Europa gar nichts. Wenn man nichts hat – ein Leben ohne Handy geht hier gar nicht. Selbst der ärmste Schuhputzer zückt ständig sein Handy, um zu spielen oder zu surfen. Allerdings sind Facebook, BBC etc. pp von offizieller Seite geblockt, was hier aber alle mit ausländischen IP-Adressen umgehen. Was für ein Schwachsinn!

Eine halbe Stunde nach Abfahrt sind wir wieder mal total geschockt: Am Rande von Saigon ist Müllland: Abfall so weit man sieht und keine Einfriedungen oder irgendwelche erkennbaren Aktivitäten, die auf eine reguläre Müllkippe hinweisen würden.

Die weitere Fahrt führt uns fünf Stunden lang durch eine endlose Aneinanderreihung von Feldern (vorwiegend Reis) und langgezogene Straßendörfer mit der vietnamesischen Variante des amerikanischen Gunshot-Hauses: Die Front ganz schmal wie ein Zimmer, dahinter reihen sich alle Zimmer des Hauses aneinander, manchmal 20 und mehr Meter, je nachdem wie groß oder wohlhabend die Familien sind. Verrückterweise ist fast immer nur die Vorderseite gestrichen und verziert, davor ist alles sauber und gefegt. Ich hab mir sagen lassen, dass das typisches altes Denken hier ist: Die Gäste sehen ja nur die Fassade und die muss perfekt sein, was dahinter passiert, ist Privatsache. Es gibt alles von armseligen Stein und Blechhäusern bis zu schönen, klassisch vietnamesisch giebelgeschmückten, freundlich angestrichenen Häusern mit großen Fenstern und Gärten davor. Und wieder Müll am Straßenrand und zwischen den Häusern. Farbenfrohe Hingucker sind immer die katholischen Kirchen oder buddhistischen Tempel. Oft ziehen herrliche blühende Büsche und liebevoll gepflegt und bepflanzte Mittelstreifen in den Orten die Aufmerksamkeit auf sich.

Einmal macht der Bus Pause, denn eine Bordtoilette gibt es nicht und außerdem haben die meisten Hunger und Durst. Die eigens dafür eingerichteten offenen, aber überdachten Raststätten erinnern uns sehr an Brasilien, wo ja Überlandbusse auch das Haupttransportmittel sind.

Schließlich ein hellblaues Strahlen zwischen den Bäumen: das südchinesische Meer! Es funkelt und glitzert von türkis bis blassgrün, dass man gleich aussteigen möchte. Plötzlich werden die Orte sauberer, schicker, mondäner. Einer besonders: Er sieht aus wie ein schicker Urlauberort in Südeuropa, wären da nicht die vietnamesischen Schilder. Aber nein – was ist das??? Alles auf Russisch?! Wir trauen unseren Augen nicht. In Saigon kaum ein fremdes Wort und hier alles auf Russisch! (Und darunter manchmal vietnamesisch.)

Wir haben keine Zeit uns von dem Schock zu erholen, denn irgendwie kriegen wir trotz der vietnamesisch geblafften Ansagen des Busfahrers von einem Mitreisenden mit, dass wir in Mui Ne, unserem Ziel, angekommen sind.

Wir haben am Morgen noch per Internet ein Zimmer in einem ruhigen Guesthouse am Strand gebucht – glücklicher Weise fast am Ortsende, also weg von den laut und vergnügungssüchtig urlaubenden Russen. Und wie wir hören, ist die nächstgrößere Küstenstadt Nha Trang, fünf Stunden entfernt, wie eine Hauptstadt der russischen „Neueroberer“.

Aber unser Zimmer ist sehr nett, schlicht und sauber, zum sehr schmalen Strand sind es 20 Meter. Wir genießen den Blick aufs Meer, Miki badet, ich lieber nicht – am Strand liegen ziemlich große, weiße, halbtote Quallen, und mit den Viechern in hellblau hatte ich schon mal eine sehr schmerzhafte Begegnung.

Am nächsten Morgen stehen wir um vier Uhr (!) auf. Wir haben einen Jeep bestellt, denn zu den Attraktionen der Gegend gehören ein paar riesige Dünen, 30 km entfernt. Und die Sonnenauf- und -untergänge sollen besonders schön sein. Wir setzen darauf, dass die versammelte Spaßgesellschaft lieber abends fährt, wenn überhaupt.

Uns holt ein mürrischer, wild aussehender Typ mit einem Uraltjeep ab, der kein Wort mit uns redet. Die Fahrt führt durch die Nacht etwas bergauf und plötzlich sind wir in dichten Nebel gehüllt. Wir kommen irgendwo im Stockdunkeln an, ein Haus, eine Terrasse, Schrott und ein paar Quads sind zu erkennen, sonst nichts, es ist Stromausfall. Noch ein paar Jeeps kommen an, alles Vietnamesen, keine Russen.

Als es zu dämmern beginnt, stolpern wir los – man glaubt, in der Wüste zu sein. Berge, Sand, ein paar trockene Ranken im Sand. Die Vietnamesen sind ganz aufgeregt mit ihren Kameras und Handys. Jeder sucht sich den vermeintlichen besten Hügel aus, in Erwartung der Sonne. Aber erstmal ist es verdammt nasskalt so in Sommersachen, zum Glück habe ich eine Jacke mit.

Wir haben schon Angst, dass wir vor lauter Nebel nichts sehen, als plötzlich Wind aufkommt und die Wolkenwand am Horizont aufbricht. Da ist sie, die große orange Sonne! Plötzlich hüllt sich die Wüstenlandschaft in wunderbares goldgelb. Es ist wirklich wunderschön!

Zwei junge Frauen sind in ihren traditionellen Kleidern gekommen – ein fast überirdischer Anblick in dieser Umgebung und Beleuchtung. Aber dann nerven plötzlich ein paar Jugendliche, die auf laut röhrenden Quads hier herumdüsen müssen. Noch ein paar Fotos und dann Rückzug.

Unser muffeliger und – wie wir jetzt sehen – extrem schmutziger Fahrer redet kein Wort mit uns, fast fürchten wir, dass er einfach zurückfährt, obwohl wir viereinhalb Stunden Zeit haben. Aber schließlich hält er noch bei einer anderen Riesendüne in einem Ort direkt an der Küste: offensichtlich beliebtes Ausflugsziel am Sonnabend für vietnamesische Familien. Es ist total nett anzusehen, wie die hier alle auf Decken lagern, dazwischen laufen Frauen mit diesen doppelten Tragekörben herum und machen Essen. Um sechs Uhr morgens! Ein Geschnatter und Lachen überall!

Der nächste Zwischenstopp ist eine wirklich malerische Fischerbucht. Sie sieht aus wie auf einer Kitschpostkarte, ist aber echt und in Betrieb. Gerade sind die unzähligen bunten Holzboote hereingekommen, die in der Nacht zum Fischen auf dem Meer sind, und am Strand werden die Fische verkauft, Austern geputzt und es wird eifrig gehandelt. Vor allem Krabben gibt es in jeder Form. Nachts herrscht auf dem Meer Hochbetrieb: überall Scheinwerfer. Das sind die Krabbenfischer in ihren kleinen Booten. Oft gibt es nur ein Boot mit Motor, daran sind mit Tauen lauter kleine runde Schüsseln angekoppelt. In jeder sitzt ein Fischerlein. Sehr effektiv.

Auf die letzte „Attraktion“ verzichten wir nach kurzem Halt. Es ist ein Fluss, der in einem gelben Lehmbett durch eine Art kleinen Canyon fließt, in dem man langlaufen kann. Ganz Rinderherden werden hier langgetrieben. Aber zu erst muss man wieder mal über einen abfallverseuchten Pfad dorthin. Es gibt jede Menge Moskitos und das hier ist Malaria- und Dengue-Gebiet. Nein, das muss nicht sein.

Am Ende sehen wir das erste Mal verblüfft, dass der Jeep-Kerl auch lächeln kann, aber es ist so eindeutig das Haifischgrinsen eines Trinkgeldjägers, dass er als erster in diesem Urlaub nichts bekommt.

Wir verbringen noch einen faulen Tag im Schatten des Sonnenschirms am Meer, denn in der Nacht geht unser Bus nach Nha Trang – weiter nordwärts.

06 Vietnam: Von Tunneln und Tempeln 2

Weiter geht´s. Cu Chi liegt hinter uns, in der Mittagshitze kriechen wir weiter in unserem klimatisierten Auto durch Kautschukplantagen und Reisfelder. Unser Fahrer macht Halt in einem der unzähligen einfachen Familienlokale in einem Dorf am Straßenrand. Wir schauen uns in der Vitrine die vorbereiteten Speisen an – ich erkenne nur Hühnerbeine, Schweinefleisch, Nudelsuppe, Bohnen und Fische. Und darüber hinaus vermute ich bei allem anderen manches, was ich lieber nicht zu Ende denke. All die kleinen komischen Knochen … bei einem Topf macht unser Fahrer „hopp hopp“ und freut sich. Aber unser Essen ist lecker und reichlich, inklusive eines erfrischenden grünen Gemüsesaftes – woraus auch immer er ist. Neben uns ist ein kleiner Affe als Haustier angekettet, immerhin nicht als Vorspeise.

Gestärkt und dickbäuchig hieven wir uns wieder ins Auto und erreichen nach einer weiteren halben Stunde die 200.000 Seelenstadt Tay Ninh und das riesige Tempelareal. Es ist wegen seiner prunkvollen, farbenprächtigen Tore und Pagoden nicht zu übersehen.

Hier also hat der Cao Daismus seinen Ausgang genommen. Einer der drei Gründer dieser Mischreligion aus Buddhismus, Konfuziuanischer Lehren Katholizismus ist übrigens der Schriftsteller Victor Hugo. Erklärtes Ziel: Liebe und Gerechtigkeit. Zwei Millionen Anhänger gibt es heute weiltweit, ob Sekte oder Religionsgemeinschaft ist strittig. Auf alle Fälle sind die Anhänger freundliche, unaggressive Menschen, die sich das Missionieren nicht unbedingt auf die Fahne geschrieben haben.

Die Kirche – oder der Tempel? – ist ein imposantes Bauwerk, das so knallbunt und mit Säulen, Drachenköpfen, Blüten, Sternenhimmeln überladen ist, dass sich Stilpuristen sicher unter Grausen abwenden. Aber es ist trotzdem schön anzusehen und hat so gar nichts von der Düsterkeit und Leidensgeschichte Christi wie wir es kennen. In bestimmte Bereiche dürfen wir als Nichtgläubige nicht betreten, begleitet von aufmerksamen stummen Tempelwächtern können wir aber alles ausgiebig bestaunen und fotografieren.

Auch die zahlreichen anderen Gebäude auf dem weitläufigen Gelände, deren Funktion sich uns nicht erschließt, sind in demselben farbenfrohen Kitsch- und Prachtstil errichtet, inklusive bunter Zäune, Mauern und einer Schar von grinsenden Keramikwachhunden, Schlangen, Drachen und allem möglichen anderen Getier. Wirklich wunderschön aber sind die verschiedenen Gärten!

Da uns bis zur nächsten der alle 6 Stunden stattfindenden Zeremonie noch Zeit bleibt, kutschiert uns unser netter Fahrer, der leider auch wieder fast überhaupt nichts versteht, zum heiligen Berg, der sich wie hingepflanzt aus der flachen Landschaft erhebt. Am Fuße ist eine Art Veregnügungspark entstanden, ein Ausflug hierher ist für viele Familien oofenbar ein echtes Spaßereignis. Seltsam, dieses Nebeneinander von wenig sozialistischer Religion, Kult, Rummel und – einem Heldendenkmal für mit Maschinengewehren bewaffnete heldenhafte Vietkong-Kämpfer!

Pünktlich sind wir zurück am Tempel und lösen erstmal Verwirrung aus, weil offenbar nur die Mittagszeremonie von Touristen beobachtet werden darf. Aber schließlich scheint man sich geeinigt zu haben, dass wiwr bleiben dürfen und geleitet uns zur geöffneten Tür zum Innenraum, von wo aus wir zuschauen dürfen. Pünktlich und in strenger Reihenfolge und Choreografie betreten einige hundert Priester und Nonnen in weißen, blauen, roten und gelben Gewändern den Tempel. Eine Stunde lang wird, begleitet von fremdartigen Instrumenten, gesungen, getrommelt, geklingelt und verbeugt. Es hat tatsächlich eine seltsam beruhigende, meditative Wirkung, ohne dass wir ein einziges Wort von dem Endlosgesang verstehen. Keine Predigt, nix. Aber ein spannendes Erlebnis.

Für die 150 km Rückfahrt im Slalom um die Motos auf den miesen Straßen brauchen wir drei Stunden. Gegen 10 Uhr abends erreichen wir müde und zufrieden unser freundliches Hotel.

Fast schon „wie zu Hause“ flitze ich durch den nächtlichen Trubel des nächtlichen Viertels und organisiere hier und da die einzelnen Gänge für ein Abendessen zum Mitnehmen. Ich fühle mich absolut sicher allein in dieser verrückten Stadt – ein verblüffendes Gefühl für jemanden mit USA- und Brasilienerfahrung. Sehr angenehm!

05 Vietnam: Von Tunneln und Tempeln 1

Ein neuer Tag für Entdeckungen. Der Plan: ein Tagesausflug, der zwei Extreme kombiniert: die Tunnel von Cu Chi und den Cao Dai-Tempel in Tay Ninh. Ersteres gehe ich mit extrem gemischten Gefühlen an ( im Gegensatz zu Miki, der es unbedingt will), letzteres mit viel Neugier, dazu später.

Wir haben uns entschlossen, uns nicht einer geballten Busladung Touristen anzuschließen, angesichts des Programms, das wir planen, haben wir beide kein Bedürfnis, dies mit Menschenmassen zu tun. Also haben wir einen Privatwagen samt Fahrer gebucht (Mietautos darf man hier nicht allein fahren, nur mit Chauffeur). Brav stehen wir um halb sieben auf. Aber leider ist was schiefgelaufen und wir warten zwei Stunden umsonst. Das Positive daran ist die erzwungene Planänderung: erst ins 60km entfernte Cu Chi und dann erst am Abend Es war im Nachhinein sehr zur Cao-Dai Zeremonie (noch 80km weiter). Auch gut. Oder besser!

Saigon scheint kein Ende zu nehmen – doch es ist spannend, auf diese Weise alle äußeren Stadtviertel zu sehen. Die Straßen sind teilweise viel zu schmal für den wahsinnigen Verkehr und schlecht dazu, der Motorradstrom ungebrochen – es dauert ewig.

Die Gegend außerhalb der Stadt ist extrem zersiedelt, nur Zuckerrohr-, Reis- und Maniokfelder bieten grüne Enklaven, später Kautschukplantagen. Aber hier wird bereits eines der größten Probleme Vietnams sichtbar: Müll, Müll, Müll überall! Einfach in die Landschaft oder hinter die Häuser geworfen, niemanden schert das. Da dürfte sich ein riesiges Problem für die Zukunft aufbauen!

Endlich erreichen wir Cu Chi. Wir haben keinen Führer gebucht, also verkoppelt man uns einfach mit zwei Engländern und einem älteren Führer in Vietkong-Uniform. Gott sei Dank nicht mit einer großen Gruppe, angesichts der Kriecherei durch die superengen, niedrigen Tunnel!

Als Kind des alten Ostens gehört der Vietnam-Krieg zu meinen eindrücklichsten Erinnerungen in puncto Weltgeschichte. Ich sehe noch an all die schrecklichen Bilder und Nachrichten der Massaker von Son My und My Lai und höre noch die „breaking news“ am 1. Mai 1975: Saigon ist gefallen, die Amerikaner besiegt. Insofern finde ich diesen Ort Cu Chi mit dem legendären Tunnelsystem der Vietkong wirklich interessant und beeindruckend. Trotz Dauerbombardements und Entlaubung der Wälder mit Agent Orange ist es hier den Amerikanern nicht gelungen, die eher schlecht ausgerüsteten Vietkong zu finden und zu besiegen. Die Vietnamesen sind noch heute stolz auf den Sieg – klar. Noch immer begegnen einem auf Schritt und Tritt die verkrüppelten Kriegsinvaliden. Die Tunnel von Cuchi sind eine Art nationaler Gedenkstätte.

Mein Problem ist es, dass das Gelände heute zu einer Touristenattraktion mit Tunnelbegehung, uniformierten Schaufensterpuppen, original Bombenresten, Waffen und einführendem Heldenfilm geworden sind – für einen Aufpreis kann sogar mit den alten MPs geballert werden. Ein bisschen wie Disneyland – nur, dass ich dabei die Gänsehaut und den Kloß im Hals nicht loswerde. Zuerst versuche ich mich noch zu entziehen, wenn unser stolzer Führer nach unserem Fotoapparat greift, um tolle Erinnerungsfotos davon zu machen, wie wir uns in das unterirdische Bunkersystem mit eingebauten Schlaf- Versammlungs, Sanitäts und Küchenräumen zwängen (20 km, bis zu 8 m tief!), aber dann gebe ich auf, er würde es nicht verstehen. Stolz zeigt er uns die Tigerfallen und andere gruselige Erfindungen, mit denen die Feinde getötet wurden. So ist das eben im Krieg, das ist mir klar, aber es macht die Vorstellung nicht ertäglicher. Wie geht man angemessen mit einer solchen Geschichte um? Keine Ahnung. Wir Deutschen sind ja da nicht gerade die Erfinder des Patents.

Denkpause.

04 Vietnam: Auf dem Moped zu den Göttern

Es ist eben doch zu viel! Ich habe gestern doch glatt etwas vergessen – vor dem leckeren Abendessen lag noch ein anderes Abenteuer. Dies sei nun also hier nachgeliefert:

Am Abend haben wir wieder einen flotten Dreier per Motorroller gemacht und uns ins Chinesenviertel Cho Long bringen lassen. Was für ein Schock! Auch wenn man ehrlicherweise konstatieren muss, dass wir erst nach Geschäftsende dort eingetroffen sind und alle Geschäfte dunkel und verrammelt waren. Keine Schaufenster, nur Metalljalousien und Holzbretter. Häßliche dunkle Straßen und – eine einzige Müllhalde! Alles gar nicht nett. Und die Menschen sind auch ganz anders. Gar nicht so freundlich und relaxt wie die Vietnamesen, die wir bisher getroffen haben. Wir sind eine Weile zunehmend frustriert durch das scheußliche Viertel gestampft, auf der Suche nach einem appetittlichen Essen, aber dann erschien uns ein Taxi wie eine Offenbarung: Bring uns bitte zurück nach Saigon. Ich glaube, es war irgendein Schriftsteller vor meiner Zeit, der Saigon und Cho Lon als „die Schöne und das Biest“ beschrieben hat. Jetzt weiß ich, dass die Zeit nicht alles ändert. Wir genießen unser Abendessen unter freundlichen, sanften Vietnamesen auf belebten Straßen.

Nun aber weiter in der Chronologie! Ein weiterer spannender Tag. So viel zu sehen … los geht´s! Bei brütenden 35°C, die glücklicherweise durch ein Windchen etwas gekühlt werden machen wir uns auf –  zu Fuß. Eigentlich brauchen wir erstmal keine Sehenswürdigkeiten, es gibt auf allen Straßen so viel zu sehen! Das Leben spielt sich hier zum großen Teil auf der Straße ab. Neben den Verkaufsständen oder Werkstätten bezieht ein Teil der Familie Stellung, die Kinder spielen in all dem Chaos als säßen sie auf der grünen Wiese, Oma wird mal eben vor dem Laden auf´s Campingbett verfrachtet, während man bis nach Mitternacht den Laden für die Kundschaft aufhält, der Mittagsschlaf wird natürlich auf dem liebsten Platz aller Vietnamesen gehalten: dem Motorrad. Trotz des surrenden Lebens ringsherum in dieser Stadt, die gerademal zwischen zwei und vier Uhr nachts eine kleine Verschnaufpause macht, ist laissez faire das Mantra der Stadt. Und das, obwohl für viele der tägliche knallharte Überlebenskampf nie endet.

Erstes Ziel diesmal: die Kathedrale Notre Dame – nicht die in Paris, sondern die, die mit Backsteinen aus Marseille hier gebaut wurde. Auf dem Weg dorthin gleich ein ganz wichtiger Ort für das neue Vietnam: der Wiedervereinigungspalast, auf dem die Vietkong am 30. April 1975 die Rote Fahne gehisst haben: das Ende des Vietnamkriegs. Nur ein paar hundert Meter weiter, auf der anderen Seite des beliebten Stadtparks thront, gut bewacht von grünberockten vietnamesischen Polizisten, hinter hohen Mauern die riesige neuerbaute US-Botschaft, gleich neben der französischen. Es ist ein seltsamer Gedanke: die Todfeinde von einst werden jetzt bestens bewacht, auf dass es ihnen hier gut gehe … McDonalds und Starbucks gehören auch längst zum Stadtbild.

Doch immer der Reihe nach. Ich wollte ja schließlich erstmal von der Kathedrale erzählen und die liegt direkt am Park, noch vor der Botschaft. Sie ist ganz offensichtlich ein besonders beliebter Heiratsort der katholischen Vietnamesen  und vorallem auch der gefragteste Hintergrund für unglaublich kitschige Hochzeitsfotos. Gleich mehrere Paare posieren mit wehendem Schleier und schmachtenden Posen vor dem neugotischen Bauwerk á la Paris. Die Kathedrale selbst ist sonst eigentlich nicht wirklich so schrecklich aufregend für uns Europäer, innen eher schlicht.

Gleich neben dem Gotteshaus aber ein weiteres must see: das berühmte alte Postamt, das übrigens immer noch betrieben wird. Allerdings kann man an den Schaltern alles mögliche erledigen von Visaangelegenheiten (für Vietnamesen) bis Flugticket-Kauf. Die Hälfte der schönen hölzernen Telefonzellen beherbergt jetzt allerdings Bankautomaten. Der Mittelraum dient als Buchladen und in den Gängen gibt´s Kunsthandwerk für die Touristen. Und über allem wacht mit mildem Blick natürlich Ho-Chi-Minh.

Inzwischen sind meine Winterfüße von den ungewohnten Sommersandalen ziemlich maltraitiert und ich quengle so lange bis wir endlich zünftig ein Motorradtaxi nehmen: drei Mann auf einem Pferd – hier geht alles, drei ohne großes Gepäck ist gar nichts. Sonst klemmen ganze Familien samt Haustier, Einkäufen und allem, was irgendwie transportabel ist auf so einem Ding. Also kuschele ich mich an den völlig unbekannten Opa, Miki klebt hinten samt Rucksack und versucht, nicht herunterzufallen. Yippieh, los geht´s!

Wer´s nicht erlebt hat, kann sich das hier einfach nicht vorstellen. Wie an anderer Stelle schon erwähnt ist das motorisierte Zweirad DAS nationale Fortbewegungsmittel. Tag und Nacht durchzieht ein unendlicher Strom dieser Gefährte alle Straßen der Stadt. Das Geräusch erinnert ein bisschen an die Vuvuzelas der Fußball-WM in Südafrika. Der Smog ist grauenhaft, viele Vietnamesen tragen ständig Mundschutz – überall zu haben in jedem erdenklichen Design, genau wie die Nussschalen von Motorradhelmen, die übrigens Pflicht sind. Auch wir kriegen so ein Teil aufgesetzt.

Schon der Versuch die Masse dieser Motorräder und –roller zu benennen scheitert – irgendwie wird man den Gedanken nicht los, dass Millionen von Vietnamesen den ganzen Tag immer im Kreis durch die Stadt fahren. Und was für ein Chaos!!!! An jeder Ampel stapeln sich mindestens  Dutzende (bei kleinen, ruhigen Straßen) und hunderte bei größeren. Und dabei gibt es nur ganz wenige Ampeln. Aber der Umstand, der in Europa den Verkehr zum erliegen bringen würde, bewirkt hier genau das Gegenteil: alles fließt. Die fahren nicht nur in eine Richtung alle nebeneinander, durcheinander in Schlangenlinien, sondern – und das ist das Faszinierendste: Sie fahren gleichzeitig über die Kreuzungen durcheinander ohne das großartig angehalten wird. Und es funktioniert!!! Unglaublich!

Als Fußgänger muss man einfach irgendwann losgehen, eine Mutprobe für Anfänger! Aber auch das funktioniert. Sie fahren einfach um einen herum. Der größte Fehler wäre stehenzubleiben. Die paar Autos habens nicht leicht gegen die Könige der Straße zu bestehen. Übrigens fährt hier niemand schnell – die Strafen müssen drakonisch sein, wie wir hörten. In drei Tagen Saigon haben wir einen einzigen kleinen, harmlosen Zusammenstoß gesehen. Einen!

Jedenfalls überwinde ich schnell meine Angst um meine Knie, die immer nur Zentimeter entfernt von anderen Brummern entlangschrappen und wir erreichen den Tempel des Jadekaisers unbeschadet. Alt, schon etwas mitgenommen, aber dennoch imposant und wie alle Tempel hier farbenprächtig. Wir tauchen ein in die Welt der Götter, Kaiser, Krieger, Höllenfürsten und all der anderen Bewohner dieses Reiches. In Schwaden von Räucherstäbchen sehen wir uns die Götter, Kaiser und Krieger an, die ihr Reich im Innern des Tempels haben. Sie sind immer bestens versorgt mit frischen Opfergaben: Früchte, Süßigkeiten, Kuchen, Zigaretten, Getränke, Blumen – es fehlt ihnen an nichts. Übrigens hat hier fast jedes Mauseloch seinen Buddha-Altar, der täglich versorgt wird. Überall mischen sich betende Buddhisten mit den schnatternden und fotografierenden Touristen.

Vor dem Tor können die Gutmenschen aus Europa von geschäftstüchtigen Händlern arme kleine Vögelchen und Schildkröten aus überfüllten Käfigen kaufen, um ihnen auf dem Tempelgelände die Freiheit zu schenken. Die armen Kreaturen sind allerdings so erschöpft, dass sie nicht weit kommen. Wenn sie nicht wegen eines Herzinfarktes nach ein paar Flügelschlägen tot vom Himmel fallen werden sie schon bald wieder eingesammelt, wie die Schildkröten, die einfach wieder umgesetzt werden  – auf ein Neues.

Und nochmal Tempel: diesmal das prachtvollste buddhistische Heiligtum Saigons, der Chua Ngoc Hoang Tempel mit seinem siebenstöckigen Pagodenturm. Hier werden viele buddhistische Priester und Nonnen ausgebildet. Es ist ein riesiger neuer Betonbau, der aber trotzdem sehr eindrucksvoll ist. Mit unserem geduldig wartenden Töfftöff geht´s dann schließlich durch den Wahnsinn des Berufsverkehrs ins Hotel, wo wir erstmal erschöpft unser Haupt niederlegen.

Später spazieren wir noch durch das benachbarte Touristenviertel und einen weiteren großen Stadtpark, der den Einheimischen frühmorgens und spätabends als Freizeitort für jede Art von Aktivitäten dient. Der Tag endet später mit einem fantastischen Mahl vor einem kleinen Restaurant auf dem Bürgersteig: großer Salat aus gehackten Bananenblüten mit Kräutern und Hühnchen und Lotossprossensalat mit Shrimp und Schweinefleisch. Samt zwei frischen Säften und zwei Bier für weniger als zehn Euro.